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Göthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt

Ferdinand Gregorovius: Göthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt - Kapitel 7
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authorFerdinand Gregorovius
titleGöthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt
publisherVerlag Wilhelm Bornträger
year1849
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created20130516
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IV. Die schöne Seele und die Selbstbefreiung.

Stolberg und seine gleichgesinnten Freunde veranstalteten einst ein Autodafée für den sanscülottischen Wilhelm Meister, der, wie die fromme Welt klagte, in so schlechter Societät sich herumtreibe und die Moral der Gesellschaft verderbe. Sie verbrannten das ganze Buch bis auf das sechste, die Bekenntnisse der schönen Seele, welches Stolberg rettete, besonders binden ließ und Arndt's Paradiesgärtlein beigesellte. Er hielt es für ein Enkomium auf die Herrnhuter.

Der halb novellistische Einschub der Bekenntnisse war der Lesewelt, welche sich die Fabel auf einmal verkümmert sah, schon damals nicht recht. Schiller selbst bemerkte, daß die Handlung dadurch stille stehe und Göthe bedeutete ihn: »durch dieses Buch bin ganz unvermutet in meiner Arbeit sehr gefördert, indem es vor und rückwärts weist und indem es begränzt zugleich leitet und führt.« Schiller war es um den ungehemmten epischen Fortgang zu thun, doch erkannte er die innere Bedeutsamkeit der Bekenntnisse sehr wol. In naivster Weise schreibt Zelter an Göthe: »Bei der ersten Ansicht des Buches hat mich dies lange Kapitel erschreckt und ich konnte mich nicht gleich hineinbringen, weil die Begierde gespannt war; nachdem ich es allein las, merkte ich wol und jetzt begreife ich, daß es in der Reihe der aufgeführten Weltdinge und Charakter ganz wol Platz hat und hingehört. Man muß kein Herrnhutischer Bruder werden wollen, wer es aber ist muß es sein, wie ein Baum ein Baum, ein Stein ein Stein ist«. Briefwechsel zwischen Göthe und Zelter l, 212..

Der organische Zusammenhang der Episode, die wie sie dasteht nur zufällig angeknüpft zu sein scheint, ergibt sich ohne Schwierigkeit. Nach außen hin, was die Handlung und die handelnden Personen des Romans betrifft, führen die Bekenntnisse Wilhelm aus der Bühnenwelt in den neuen Kreis Lothario's hinüber, mit dessen Familiengliedern sie uns vorweg bekannt machen, in dem sie zugleich rückwärts nach dem Schloße zurückdeuten, wo die schöne Gräfin und ihr Gemal ebenfalls jenem bedeutenden Familienzirkel angehören. Ueberhaupt geben sie einen trefflichen Untergrund für die Lothariologe ab, deren praktische Maximen auf die eigentümliche Lebensanschauung des originalen Oheim's sich hinführen lassen. Denn dieser wunderbare, lebensklare und thätige Mann ist in den Lehrjahren die organisirende Centralkraft eines Gesellschaftskreises, wie das in den Wanderjahren der Oheim Hersilien's und die Tante Makarie ist.

Die innere gedankliche Notwendigkeit der Bekenntnisse läßt sich ferner dann erst erweisen, wenn man in die Idee dieser meisterhaften Composition selber eindringt. Daß es Göthe nicht in den Sinn kommen konnte, hier wie später in den Wanderjahren die Herrnhuterei als ein kirchliches Moment für sich ernstlich abzuschildern, um den stolbergischen Gelüsten seiner Zeit Genüge zu thun oder nur Fräulein von Klettenberg ein Denkmal zu setzen, darf wol nicht weiter erinnert werden; daß aber der Herrnhutianismus in dem Fortgange des Romans seine berechtigte Stelle fand, ist wieder einer der bewundernswürdigen Kunstgriffe Göthe's. Denn halten wir den Grundgedanken der ganzen Dichtung fest, wonach doch der gesellschaftliche Mensch gefunden werden soll als die freie, harmonische Persönlichkeit, die sich mit Ihresgleichen zu einer schönen Gemeinschaft zusammenschließen soll, so haben wir die schon oben angedeutete Reihe von gesellschaftlichen Kreisen damit in Einklang zu bringen. Es sind dies aber immer solche Societäten, welche die Darstellung des Menschen zu ihrem innern Zweck haben. Das Theater und die Aristokratie lassen den Menschen künstlich scheinen, die Kirchengesellschaft aber sieht über den schönen Schein nach außen hinweg und will den religiösinnerlichen Menschen in seiner selischen Gottesbildlichkeit, in seiner geistlichen Plastik zur Erscheinung bringen. Hiefür aber eignet sich die herrnhutische Kirche vor allen andern; denn die Purifikation des Menschen beruht nach ihren hallischen Theorien auch auf einer gewissen stufenförmigen Kunst der Individualisirung, aber einer innerlich dramatischen Reinigung der Leidenschaften, einem wolgefälligen Aufputze der resignirten Seele vor dem Spiegel des Gottbewußtseins. Endlich, und was mir als das bei weitem Wichtigste erscheint, darf man nicht übersehen, daß der Herrnhutianismus eine Brüdergemeinde ist, der Begriff evangelischer Gemeinschaft in der Liebe und im Glauben, in der Unterschiedlosigkeit vor der Idee Gottes, sich hier zuerst auf dem praktisch socialen Gebiete des gemeinschaftlichen Lebensgenußes und der industriösen Arbeitsverbrüderung zu realisiren strebt.

Nach dieser Ansicht von dem Zusammenhange des Götheschen, auf die sociale Pädagogik des Menschen gerichteten Planes, könnte es scheinen, als müßte nun Wilhelm Meister im Fortgange seiner Entwicklung seinen Durchgang auch durch die Herrnhuterei nehmen, wie er ihn durch das Theater und das conventionelle Leben der Aristokratie nahm. Indem der Aeußerlichkeit des schönen Scheines die Vertiefung des inwendigen Gemütes in sich selbst als ein weiteres sittliches Moment gegenübergestellt wird, macht Wilhelm allerdings die Anerfahrung desselben, ohne Herrnhuter zu werden. Was den religiösen Geist der Brüdergemeinde mit dem sich frei herausarbeitenden Bewußtsein Wilhelm's verknüpft sind die pädagogischen Momente der Selbstbeschränkung und der Selbsterkenntniß, endlich der Selbstbefreiung zur Individualität, welche sich aus der Tiefe des Gemütes erfassen soll. Der Dichter mußte aber die Individualisirung der menschlichen Natur in den mannigfaltigsten Lebenserscheinungen zur Anschauung bringen, und auch in fehlerhaften und einseitigen Richtungen der Gesellschaft aufweisen, wenn er die wahrhafte sittliche Befreiung des ganzen Menschen schließlich vollenden wollte. Die Brüdergemeinde ist nur als ein im Pietismus stehen gebliebner Ansatz zur schöneren Menschlichkeit zu betrachten; sie liegt zu der Entwicklung Wilhelm's teils in Parallele, teils im Gegensatze. Denn die Entsagung, welche für Wilhelm wahrhafter Weise nur Mittel sein kann, wird dort verkehrter Weise ascetischer Zweck; was hier heilsame und besonnene Pädagogik ist, verirrt sich dort zu einer selbstgefälligen Vernichtung aller edleren Sinnlichkeit des Menschen. Wenn der Humanismus den Menschen zum Weltbürger befähigt, vergeistigt ihn der Pietismus zum Himmelsbürger, macht ihn endlich gar nur zum Symbol.

Es durfte aber in dem Systeme der humanen Bildung die Religion nicht ausgeschlossen bleiben, weil sie die tiefinnersten Saiten des Menschenlebens anschlägt und die Blüte des sittlichen Bewußtseins überhaupt ist. Wie der Mensch sich mit ihr abzufinden, wie er sich mit ihrem Geiste zu erfüllen habe, das zu zeigen durfte von einer Dichtung gefordert werden, welche das Menschliche in die klaren Regionen der höchsten Freiheit und eines ewigen Friedens mit sich und der Welt emporzuheben unternimmt; aber, wie sich erklären wird, ist der Ort, dies zu zeigen, nicht hier an dieser Stelle, sondern in den Wanderjahren. In den Bekenntnissen der schönen Seele ist die christliche Religion nur als das Element der bildnerischen Darstellung einer feinfasrigen und durchsichtigen Natur anzusehen, welche in ihm ihre selbstständige Persönlichkeit zur Geltung bringt; das Christentum in seinem Wesen, oder die Religion in ihrem Bezuge auf den ganzen Menschen überhaupt, darf hier noch nicht beansprucht werden. Schiller forderte daher von den Bekenntnissen mehr, als Göthe geben konnte. Er schreibt: »So scheint mir die Materie doch zu schnell abgethan. Denn mir däucht, daß über das Eigenthümliche christlicher Religion und christlicher Religionsschwärmerey noch zu wenig gesagt sei; daß dasjenige, was diese Religion einer schönen Seele sein kann, oder vielmehr was eine schöne Seele daraus machen kann, noch nicht genug angedeutet sei. Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß deßwegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentlichen Charakterzug des Christenthums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts anderem als in der Aufhebung des Gesetzes, des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das Christenthum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also, in seiner reinen Form, Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinne die einzige ästhetische Religion; daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück gemacht, und nur in Weibern noch in einer gewissen erträglichen Form angetroffen wird. Doch ich mag in einem Brief über diese kitzliche Materie nichts weiter vorbringen, und bemerke bloß noch, daß ich diese Seite hätte mögen ein wenig anklingen hören.« Man sieht, daß Schiller eine speciell an der schönen Seele vorzunehmende Entwicklung des christlichen Wesens verlangt, die er nicht würde vermißt haben, wenn er die Wanderjahre hätte lesen können. Göthe antwortete ihm übrigens folgender Maßen: »Da die Freundin des sechsten Buchs aus der Erscheinung des Oheims sich nur so viel zueignet, als in ihren Kram taugt, und ich die christliche Religion in ihrem reinsten Sinne erst im achten Buche in einer folgenden Generation erscheinen lasse, auch ganz mit dem, was Sie darüber schreiben, einverstanden bin, so werden Sie am Ende wohl nichts wesentliches vermissen., besonders wenn wir die Materie noch einmal durchsprechen«. Briefwechsel zwischen Göthe und Zelter l, 212.

Gehen wir nun in den Sinn der Bekenntnisse selbst ein, so ergibt sich als ihre innerste Idee die sittliche Freiwerdung des religiösen Subjects in dem Durchdrungensein des innersten Gemütes mit der Gottesempfindung, so daß jedes Verhältnis, welches der Mensch geistiger oder sinnlicher Weise eingehen kann, ausschließlich nur auf das Heilige bezogen, alles aber, was sich darin nicht aufzulösen scheint, mit freier Entschließung ausgeschieden wird. Es ist dieser Vorgang aber als die einseitige Moralität und abstracte Tugendhaftigkeit eines weiblichen Wesens geschildert, welches, obwol ursprüngliche Natur, dennoch eine gewiße künstelnde Bildung an sich selber ausübt und unbewußt theatralisch wird. Die nervöse Empfindelei und krankhafte Gefühlsseligkeit berührt den gesunden und lebhaften Sinn auf das Unangenehmste, und nur die individuelle Kraft der Natur und des ungebildeten Charakters, welche das Eigentümliche zu behaupten weiß, entschädigt für die unendliche Monotonie dieser Art von schwärmender Religiosität. Ueber der schönen Seele steht als die vollendete Sittlichkeit der schöne Mensch, weil dessen charakteristisches Wesen nicht allein ausschließend ist, sondern mit den allgemeinen ethischen Zwecken der Natur und des Lebens auf das Innigste sich verträgt. Von der schönen Seelenhaftigkeit müssen wir daher zu der heiteren Sphäre aufsteigen, wo uns das Weib in dem vollen Einklange der schönen Menschlichkeit entgegentritt, wo uns Natalie begegnet.

Wie das Weib durch sein eigenstes psychisches und physisches Leben der Natur unendlich näher steht als der Mann, so läßt es sich auch erklären, daß seine religiöse Anschauung eine viel mehr unmittelbar natürliche, originale und naive sein wird. Die Religion des Weibes ist wesentlich natürliche Religion, unbewußte Sittlichkeit, Empfindung, Ahnung des Göttlichen im gesammten Naturleben, in der innersten Offenbarung der eignen Natürlichkeit. Frauen verhalten sich daher gegen den positiven Kirchenglauben meist indifferent, weil sie der Liebe durch ihre Natur absolut gewiß sind, und zweifellos gegen das Dogma, weil die unendliche Einbildungskraft ihres Gemütes das Dogma bildlich und poetisch in Anschauung und Gefühl versinnlichen kann. Die schöne Seele geht deshalb echt weiblich von ihrer Natürlichkeit zur Religion aus; physische Leiden in der Kindheit und die Liebe bestimmen die Richtung ihres Gemütes auf das Inwendige. Bei einer sich steigernden Empfindsamkeit hat sie die Energie des weiblichen Gefühles für sich, welches sich nicht rectificiren läßt, sondern von dem Widerstande der aufgedrungenen Reflection gereizt, nur um so intensiver wird. Die Welt ist in ihr Inneres zurückgenommen, deshalb kann sie entsagen, ohne ihr Dasein bis in die tiefsten Wurzeln zu erschüttern und umzukehren, ohne die weibliche Harmonie aufzugeben. Die schöne Seele kann auch nicht scheinen, denn ihre Natur ist so sensibel, so sympathisch und empfänglich, daß sie von Allem, dem sie sich hingibt, gleich bis in das Innerste durchdrungen und afficirt wird. Was sie empfindet, muß sie auch sein, und wie sie ist, muß sie sich auch empfinden; geschieht es nun, daß irgend eine Handlung oder irgend eine Stimmung ihren inneren Frieden stört, so läßt ihre Natur nicht nach, bis das Störende ausgeschieden ist.

Nachdem sie selbst ihr bräutliches Verhältniß zu Narciß aufgelöst hat, ihrer eigenen narcißischen Selbstbespielung zu leben und ihre Grundsätze zu retten, wird sie durch des Oheims Einfluß Stiftsdame. Später ergibt sie sich auch dem Halleschen Bekehrungssysteme, und so tritt der Dogmatismus von außen au die Unmittelbarkeit ihres Seelenlebens heran, welches die ursprüngliche Naivetät vollends einzubüßen freilich schon nahe daran ist. Aber für die kategorischen Imperative, welche jenes System aufstellt, findet sie in ihrer natürlichen Gemütsart keine entsprechenden Anklänge. Was von ihrem Herzen gefordert wird, daß es seine Veränderung mit einem tiefen Schrecken über die Sünde beginne, die verschuldete Strafe erkenne und den Vorgeschmack der Hölle koste, um dann eine sehr merkliche Versicherung der Gnade zu fühlen, das Alles, sagt sie, traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Ihrem Naturell, welches die Kunst religiöser Gnadenaneignung schon aus sich selber gelernt und sich natürlich gemacht hat, widerspricht eine von außen zugebrachte Pathologie der Religion. Sie steht furchtlos vor Gott da, sie darf nicht lamentiren und seufzen, wie die Frömmler, deren thränodischen Herzensjammer sie nicht teilt. Aber die Einsamkeit erschreckt sie. Sie will sich an eine gleichgestimmte Seele anschließen und erwählt den Philo. Sittliche Verwicklungen indeß, welche diesen schwachen Charakter gefangen halten, machen ihr auf einmal die Möglichkeit der Sünde klar, und da sie deren geheime Quelle in der menschlichen Natur entdeckt hat, schaudert sie vor dem Abgrunde des Verderbens zurück und umklammert das Kreuz. Von diesem Momente an wirft sie sich aus der natürlichen Religion in das historische Christentum hinein; sie wird eifrige Kirchengängerin, sie adoptirt sogar die herrnhutische Mystik und Symbolik in den Bildchen und Verschen, welche außerordentliche Gefühle außerordentlich ausdrücken sollen. Nichtsdestoweniger hindert sie dies Alles nicht, ihre Eigentümlichkeit festzuhalten, und das auf eigene Hand zu sein, was die anderen Pietisten nur durch fremde Aneignung geworden sind.

Diese nunmehr bis zum Aeußersten gesteigerte Verklärung und Vergeistigung der schönen Seele erhält einen wolthuenden Gegensatz an der plastischen Figur des Oheim's, in dessen heiter wohnlichem, schöngeordnetem Hause die Stiftsdame der Hochzeitsfeier ihrer Schwester beiwohnt. In demselben Verhältnisse nämlich, als die Veräußerung des sittlichen Wesens an den schönen Schein die Rückkehr aus demselben in die Gemütsinnerlichkeit forderte, producirt die extreme Seelenhaftigkeit ihren Gegensatz in der begeisteten, praktisch vernünftigen Sinnlichkeit. Repräsentant einer solchen Richtung kann hier nicht das immer auf sich gewiesene, vereinzelt dastehende Weib, sondern kann nur der Mann sein, welcher der Welt durch umgestaltende Thätigkeit, durch weit reichende Kräfte und Mittel Alles das abgewinnt, in dessen Genusse sich das Leben ersättigen mag. Mit der Welt, die sich der Oheim nach seinen gesunden Maximen geordnet hat, werden wir denn aus dem erstorbnen Schattenreiche der schönen Seele wieder in den sonnenhellen, farbigen Tag zurückgeführt. Wir kamen aus der seelenlosen Zerstreutheit und dem bunten Wechsel des Theaterlebens in die feierliche Stille der religiösen Empfindungswelt, wie man von der lärmenden Heerstraße auf einmal in den schweigenden Wald tritt, in dessen grüner Dämmerung die Kapelle begraben liegt und das Glöcklein läutet – indem wir nun vorwärts schreiten, eröffnet sich uns die herrlichste Aussicht in eine neue Region, die mit der hinter uns liegenden mysteriösen und frivolen Welt nichts mehr gemein hat. Es ist dies schon die Perspektive in die Wanderjahre, welche hier durch den Oheim aufgethan wird. Der Oheim ist schon der Charakter einer harmonischen Weltbildung, des schönen Maßes und entschieden thätigen, heiterbeschränkten Lebens, dessen schöner Schein die reellste Wirklichkeit des Wesens zum Grunde hat. Die Einrichtung seines Hauses, welche das Nützliche mit dem Idealen, das nächste Bedürfniß mit wissenschaftlicher Freiheit, den Werkeltag mit dem Feiertag, das Handwerk mit der Kunst in wolthuenden Einklang bringt, entspricht seiner eigenen sicher gebildeten Individualität, und ist ihre Bethätigung nach außen. Wenn sich im Reiche der schönen Seele der Mensch negativer Weise in sich sammelte, so hat er hier, umgeben von gefälliger Kunst, von heitrer Natur, von ernster Wissenschaft eine ganze Welt in concreter Sammlung vereinigt, von welcher er sich selbst die ordnende und schöpferische Idee weiß. »Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände so viel als möglich bestimmt und sich so wenig als möglich von ihnen bestimmen läßt. Das ganze Weltwesen liegt vor uns, wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Oekonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll und uns nicht ruhen und rasten läßt, bis wir es außer uns oder an uns auf eine oder die andere Weise dargestellt haben.« Also der Oheim.

Man merke schließlich, wie wir von der Darstellung der Persönlichkeit, die wir in der repräsentativen Welt des schönen Scheines gesehen haben, zur abstract sittlichen Individualität der schönen Seele, und von dieser schon zur Darstellung der geistigen und sinnlichen Harmonie in dem Oheime fortgeschritten sind. Hier muß natürlich das thätige Ergreifen, Gestalten und Ordnen der Welt und der praktische Bezug auf die Zwecke der Gesellschaft den Anfang nehmen. Entschiedenheit und Folge, sagt der Oheim, seien das Verehrungswürdigste am Menschen; Beschränkung des unbedingten Strebens, Hinlenkung der Thätigkeit auf das Homogene, Wesengemäße sind hier die delphischen Worte, die der Sinnspruch: Gedenke zu leben! uns zuruft. Es wird hier nicht mehr gefragt: was bist du? was hast du?, sondern: worin bist du regelmäßig thätig? Diese Gedankenreihen streben also vollends schon in den Organismus der Wanderjahre hinein.

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