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Göthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt

Ferdinand Gregorovius: Göthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt - Kapitel 3
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authorFerdinand Gregorovius
titleGöthe's Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt
publisherVerlag Wilhelm Bornträger
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Einleitung

Dichter wie Dante, Shakespeare und Göthe sind als Factoren der Weltbildung in ihrer Production unendlich. Dies beweist für Göthe die reiche Literatur, die sich um seine Dichtung angesetzt hat und mit jedem Jahre sich vermehrt, vor Allem aber das Zeugniß des Lebens, daß die sittlichen Probleme, welche Göthe in seinen Werken künstlerisch behandelt hat, ewige Probleme der Menschennatur sind, prometheische Bildungen, in alle Zeit hineingestellt, weil durch den absoluten Geist mit Notwendigkeit gefordert und aus dem Schoße des Weltbewußtseins göttlich herausgeboren. Freilich können im Wechsel der Culturerscheinungen einzelne Kunstwerke in die Schatten des Hintergrundes zurücktreten, andere aber werden von entsprechenden Lebensfragen hervorgefordert, um am Himmel der Cultur als weissagende Kometen, als leuchtende Phänomene wieder zu erscheinen, welche in die Bewegung der menschlichen Gesellschaft hereinstralen und plötzlich wieder das speculative Denken und das ästhetische Urteil auf sich ziehen.

Nun scheint unter allen räthselhaften Sphinxgestalten göthescher Poesie Wilhelm Meister diejenige zu sein, welche den Postulaten unserer Zeit, einer neuen Periode des Sturmes und Dranges, des politischen Zerfalls und der socialen Anarchie, am meisten entgegenkommt, weil sie mehr als jede andere göthesche Dichtung auf dem Raine zweier Weltalter gelagert ihr geheimnißvolles Antlitz einer Zukunft zuwendet, deren gesellschaftliche Organisation von dem lebenden Geschlechte schmerzlich eifrig angestrebt wird. Wenn man dies in die Ferne Deuten Wilhelm Meister's zugibt, dürfte man auch erkennen wollen, daß weder die späte Vollendung des Werkes noch die lehrhaft reflectirende und deshalb an das tiefere Denken apellirende Art der Wanderjahre in ihrer ungewöhnlichen und so wenig romanhaften Composition Schuld daran gewesen, daß Publikum und literarische Kritik diesem großartigen Werke bisher die sparsamste Gunst zugewandt haben.

Und so meine ich, daß die sociale Idee, welche im Wilhelm Meister, besonders in den Wanderjahren, ausgesprochen ist, erst die Gegenwart erwartete, um bei der allgemeinen Umgestaltung, in welcher Kirche, Staat und Gesellschaft begriffen sind, da das System der Aristokratie allerwegen in die demokratischen Elemente sich aufzulösen bestrebt, erst ganz gewürdigt und ergriffen zu werden. Denn der Mensch unseres Zeitalters ist hierin Wilhelm Meister nahe verwandt, daß er von den sonnigen Gipfeln des Bewußtseins, zu denen er sich allgemach emporgerungen, mit Erstaunen die Resultate seiner Irrtümer und Bildungsphasen übersieht und als Gewordener nun auch sein ferneres Werden und Sollen begreift. Es ist aber nichts, woran die Menschheit seit der Periode der Aufklärung und der Revolution, in deren Feuern die Welt seit mehr als zweien Menschenaltern fortdauernd sich reinigt, gelernt, gesammelt, sich herausgebildet und sich befreit hat, was nicht in Göthe's Wilhelm Meister reflectirte, um das Menschliche in ein Totalbild zu fassen, worin sich der Mensch humaner noch, als er schon geworden, wiedererkenne.

Friedrich Schlegel sagte schon von den Lehrjahren (Charakteristiken und Kritiken von A. W. Schlegel und Fr. Schlegel I.): »Man darf es (das Buch) nur auf die höchsten Begriffe beziehen, und es nicht bloß so nehmen, wie es gewöhnlich auf dem Standpunkt des gesellschaftlichen Lebens genommen wird, als einen Roman, wo Personen und Begebenheiten der letzte Endzweck sind. Denn dieses schlechthin neue und einzige Buch, welches man nur aus sich selbst verstehen lernen kann, nach einem aus Gewohnheit und Glauben, aus zufälligen Erfahrungen und willkürlichen Forderungen zusammengesetzten und entstandenen Gattungsbegriff beurtheilen; das ist, als wenn ein Kind Mond und Gestirne mit der Hand greifen und in sein Schächtelchen packen will.« Wenn nun die bisherige Kritik das wundersame Kunstwerk aus ästhetischen Gesichtspunkten vielfach und trefflich beleuchtet hat und kaum tiefsinnigere Deutungen gegeben werden können, als sie Friedrich Schlegel und Schiller über die Lehrjahre gaben, so fehlt noch diejenige Beziehung des Wilhelm Meister, zumal der stiefmütterlich behandelten Wanderjahre, auf die Lebensäußerungen der Gegenwart, welche sich dem Betrachter heute aufdrängen muß, wo manche sibyllinische und orphische Urworte Göthe's eigentlich erst beginnen von der Welt vernommen zu werden.

Göthe selbst sprach sich über sein eigenes Werk (Eckermann Gespräche &c. I. 194 und Tag- und Jahreshefte zum Jahre 1796) dahin aus: »Es gehört dieses Werk übrigens zu den incalculabelsten Productionen, wozu mir fast selbst der Schlüssel fehlt. Man sucht einen Mittelpunkt, und das ist schwer und nicht einmal gut« – dies Selbstzeugniß des Dichters ist ein Beweis sowol von der Divination des Werkes, als von seiner Universalität, daher es wie das Leben selbst allseitige Gesichtspunkte und Auffassungen darbietet; und so ist es gerade bei der breiten Objectivität und der epischen Stofflichkeit Wilhelm Meisters erklärlich, warum ein absolut treffendes Urteil darüber nicht möglich wurde, sondern ein jeder Kritiker seine Sympathie und Antipathie, sein Verständniß und seinen Standpunkt dazu mitbringt. Der Künstler, der Pädagog, der Religionsforscher, der Staatslehrer, der Handwerker werden jeder für sich die entsprechende Saite ihres Teillebens anklingen hören, und vielleicht wird nicht der unglücklichste Beurteiler der sein, welcher das Besondere in die Gattung zu erheben versteht und die einzelnen Gestalten und Gruppen zu einem großen Chore vereinigt, aus dem ihm die Offenbarung des menschlichen Wesens entgegentönt. Das ganze Werk aber, gegen dessen geheime Gewalt sich vergebens Göthe's Freunde, wie Jacobi, verteidigend zur Wehre setzten, will ebenso angeschaut und im Einzelnen ertragen werden, wie die Natur und die Geschichte, welche das Erhabne und das Gemeine, das Feste und das Zerfließende, das Schöne und das Häßliche mit gleichem Rechte der Existenz nebeneinanderstellen, und aus der Dissonanz ihrer Bildungen erst die wollautende Musik des Ganzen hervorströmen lassen. Und wie Natur und Geschichte endlich in ihren Schöpfungen darauf ausgehen, den Menschen zu finden, so geht auch alle echte Poesie am Ende nur auf die Entdeckung des Menschen aus. Auf diesem Wege liegt alle wahre Tragödie, alle Komödie und alles Epos. Göthe aber ist dieser Columbus, der in seinem Wilhelm Meister das Amerika des Humanismus für uns entdeckt hat, wofür er denn billig mit Ketten ist belohnt worden. Trotz seinem eigenen abmahnenden Worte nun scheint mir hier wo jener schwer zu findende Mittelpunkt zu liegen, auf den sich der Dichter selbst gestellt hat, um nicht wie Archimedes die Welt aus ihren Angeln zu heben, sondern sie zu ordnen und zu befestigen, auf daß der Mensch endlich, als die freie und schöne Individualität im Zusammenhange mit dem schönen Weltganzen sich darstelle. Denn das Unendliche an Genie Herz, Gemüt und feurig empörter Titanenkraft, welches in der faustischen Natur die sanften Bande der Menschenbrust zersprengend himmelanstürmte, soll in selbstbewußter Beschränkung auf sich zurückgewiesen, beruhigt und in die klaren Strömungen des Weltlebens wolthätig hinübergeleitet sein.

Göthe sucht den Menschen nicht auf als das politische Thier des Aristoteles, sondern er geht dem totalen Menschen nach. Indem er also den Politismus abfertigt, sucht er das Individuum, wie es innerhalb der freien Gesellschaft auf wahrhaft menschliche Weise zum Bewußtsein und zum Genusse seiner selbst komme. Der Mensch aber ist ihm nur dadurch real, daß er auch an dem, was außer ihm ist, wirklich geworden. Wenn er daher seine Titanen der Welt gegenüberstellt, das gewaltige Pathos der Gottmenschlichkeit zu erleiden, so geschieht es nur, um sie endlich in den Weltorganismus sich einfügen und Zeugniß ablegen zu lassen von dem wandellosen Triumphe, den die sittliche Nemesis in ihrer unnahbaren Herrlichkeit über das Leben feiert. Die substanziellen Mächte der Sittlichkeit sind allein absolut herrschend und unbedingt wie das All der Natur. In Makarien's Archive sagt daher Göthe in den Wanderjahren: »das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu wissen, über was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Götter geordnet. Was nun die Menschen gesetzt haben das will nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist am Platz recht oder unrecht.« Kein anderer Genius, es sei denn der hellenische, hat auf dem Altare der Kunst so viel schmerzliche Opfer himmelaufwärts der Heimarmene gespendet als Göthe, der den dämonisch ergriffnen Harfner jenes gewaltige Schicksalslied in die Welt hineinklagen läßt: denn jede Schuld rächt sich auf Erden. Dem Frevler an den Grundpfeilern aller Weltharmonie, der Ehe und der Familie, folgen die Erinnyen auf den Fersen, und die Nemesis ebnet seine That mit eherner Hand, gleichviel ob das sittliche Gleichgewicht durch die grausige Schuld eines unseligen Agostino, oder den leichtsinnigen Eigensinn eines Eduard gestört worden, gleichviel auch ob das zermalmende Schicksal in der engelhaft reinen, unbefleckten Seele einer Ottille oder einer Mignon zur Empfängniß kam. Denn die sittlichen Mächte herrschen absolut und unbedingt.

Auch Wilhelm Meister, so viele es gleich verneinen mögen, ist ein reicher Tribut an die objective Herrschaft der Sittlichkeit, welcher der Einzelne seine schroffe Idealität und seinen hartnäckigen Egoismus ergeben muß, wenn anders die vernünftige Weltordnung in ihrem ungestörten Sphäreneinklange bestehen soll. In ihren geweihten Bannkreis tritt aber der Einzelne überall da ein, wo es eine Gesellschaft gibt; und nur in ihr kann die Individualität sich frei und schön entfalten, weil sie sich sittlich bedingt. Dies zu entwickeln, den Menschen als das göttlich vollendete Subject zur Anschauung zu bringen, wie er über die selbstverschuldete Schicksalsnacht des Lebens in die sonnig heiteren Tage glücklichen Genügens hinausgehoben, seines eignen Dämon's Herrscher sei, das ist die Hauptaufgabe Wilhelm Meister's, zu welchem der Dichter als zu einem großartigen harmoniedurchklungenen Versöhnungsfeste alle Schmerzenskinder seiner Poesie geladen hat, Götz, Werther, Tasso, den Prometheus-Faust, Eduard und Ottilie, und nicht minder auch ihre Stammverwandten vom Carl Moor, bis zu Tiecks William Lovell und selbst den Hyperion Hölderlin, dessen dunkles Schicksalslied die verhängnißlosen Himmlischen neidend also klagt:

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruh'n,
Es schwinden, es fallen
Die leibenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahrlang in's Ungewisse hinab.

Göthe hatte mit den Lehrjahren, aus deren Processen die innerlich harmonisch vollendete Individualität des Menschen gewonnen wird, den Roman des achtzehnten Jahrhunderts geschlossen. An der Grenzmarke dieses Jahrhunderts traf die politische Revolution mit der socialen zusammen. Die Rechte des Menschen, mit denen sich jene Revolution so eifrig beschäftigte, waren auf die Freiheit und Selbstbestimmung des Subjects zurückgeführt worden. Was Rousseau, Montesquieu und Mably, was d'Alembert und Marmontel, Raynal und Helvetius in Frankreich gelehrt hatten, war so wenig eine vereinzelte Erscheinung des Jahrhunderts, daß der menschliche Geist, dem allgemeinen Gesetze der Entwicklung folgend, ähnliche Richtungen überall einschlagen mußte, wo er des Inhalts seiner Zeit mächtig wurde. Wir haben daher im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts die philanthropisch-humanistischen Bestrebungen über die meisten Staaten Europa's sich ausbreiten und von den Tronen selbst ausgehen sehn. Die Regierungen wurden von der Philosophie ergriffen, welche mit Friedrich dem Großen, dem Anhänger der französischen Encyklopädie und ihres materialistischen Systems, selber auf den Tron gekommen zu sein schien. Selbst im barbarischen Rußland ward die Aufklärung repräsentirt durch Katharina, die Gönnerin Diderot's, und ihre geistvolle Freundin Daschkow; und so ist es eine und dieselbe Philosophie der Humanität, welche durch Struensee und Bernstorff, durch Pombal in Portugal, durch den Kaiser Joseph in Oestreich sich zu verwirklichen strebte, und auch im Papste Clemens XIV. Ganganelli ihren Ausdruck fand.

In Deutschland hatte sie die Literatur mit selbstständiger Kraft durchdrungen und in Lessing ihre reinste und edelste Gestalt gewonnen, in Kant und Fichte sich zur Philosophie des Selbstbewußtseins und der Identität entwickelt. Die philosophische Wissenschaft des achtzehnten Jahrhunderts ist aber wesentlich anthropologisch, insofern sie sich mit der Freiheit des Subjects, mit dem Wesen des Bewußtseins, mit der Kritik des Wissens und der Vernunft beschäftigt; in Allem ist es der Begriff des Menschen, welcher gefunden werden soll, und aus dessen Bewußtsein selbst die Idee Gottes, die Religion, zu entwickeln gesucht wird. Es ist dies eine staunenswerte Energie der Liebe zum Menschen, als dem Einzelnen, die sich der Welt bemächtigt hatte, und zu welchen Extremen des Egoismus und schwärmerischen Verirrungen sie auch verleitet haben mag, so wird man sie immerhin selbst in Holbach's System der Natur, in Helvetius Büchern vom Menschen und vom Geiste nicht weniger anerkennen, als im Socialen Vertrage und im Emil Rousseau's, oder in Herder's Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Die Anthropologie der Franzosen freilich ist wie ihre Philosophie des Materialismus nicht ein im Begriffe strenge construirtes System, sondern wahrhafter Weise eine encyclopädische Sammlung von Hypothesen und einzelnen Bestimmtheiten des erscheinenden Menschen. Helvetius fängt sein Buch de l'homme mit dem Geständniße an, daß das Wissen vom Menschen so unermeßlich sei, daß ein jeder Betrachter nur einige Züge von ihm erfaße und aus gewissen Gesichtspunkten ihn beurteile, wie Corneille, Racine und Voltaire, Moliere und Lafontaine gethan. »Das Studium, sagt er, welches die Philosophie aus den Menschen macht, hat zum Gegenstand ihr Glück. Dieses Glück ist abhängig von den Gesetzen, unter denen sie leben und von den Lehren, die sie erhalten. Die Vollkommenheit dieser Gesetze und dieser Unterweisungen setzt die Kenntniß des Herzens, des menschlichen Geistes, ihrer verschiedenen Functionen, endlich der Hindernisse voraus, welche sich dem Fortschritte der moralischen und politischen Wissenschaft und Erziehung entgegenstellen.« Dies ist denn bezeichnend genug für die materiell empirische Art jener practisch-socialen Philosophie und den Standpunkt, von welchem aus sie den Menschen vor weg nehmend sich nur mit seinen gesellschaftlichen Beziehungen zu thun macht. Wir sehen, daß auch der neueste französische Materialismus es zu keinem philosophischen Begriffe vom Menschen bringt, sondern ihn, wie Fourier, nur als ein von willkürlich bestimmten Leidenschaften und Trieben Zusammengesetztes begreift.

In Deutschland hat deshalb die Encyklopädie kein Glück gemacht, weil sie den spekulativen Gedanken nicht herausforderte, und so ist es denn sehr interessant wie Göthe, der größeste deutsche Anthropolog, dessen Dichtungen eigentlich als ein System der Naturlehre des Menschen zu betrachten sind, die französische Philosophie schon in Straßburg überwunden hat. Rousseau war der Einzige, der ihm »wahrhaft zugesagt«, die Encyclopädie kam ihm wie ein Aug' und Sinn verwirrender Mechanismus vor, Holbach's Système de la nature dünkte ihn grau, cimmerisch, todtenhaft, »daß wir Mühe hatten, seine Gegenwart auszuhalten, daß wir davor wie vor einem Gespinste schauderten.« (Dichtung und Wahrheit II. XI.) In sein System der Natur, meinte Göthe, hat Holbach einige allgemeine Begriffe hineingepfahlt, und das Ganze von dem Principe der bewegten Materie abhängig gemacht, aus welchem er die Welt aufzubauen gleich wol nicht vermochte. Göthe zog es daher vor, sich vor diesem selenlosen Gotte der Materie in die ursprüngliche Natur zu retten, mit Rousseau in die Wälder zu flüchten, mit Werther unter dem Lindenbaum den Ossian und den Homer zu lesen, und nach dem Instincte zu leben wie der Autodidact Wilhelm Meister, wenn nicht gleich diesem auch ihn der neue Prometheus Shakespeare gerettet hätte, welcher ohne das große Wort des Aeschylus: »die dem Verhängniß ehrfurchtsvoll sich beugen, sind weise« zu mißachten, die Götter des Schicksals in den Busen des Menschen versenkte und als das Pathos der subjectiven Freiheit offenbar werden ließ.

Um deßwillen auch mußte Shakespeare in Wilhelm Meisters Lehrjahren, dem Romane der emancipirten Individualität, als das Genie derselben seine tiefgedachte Stelle finden.

Wenn mau also sagen darf, daß Göthe irgendwo seine Studien der Anthropologie gemacht habe, so war es Shakespeare und nicht die französische Philosophie, wo er diese machte. Gleichwol wäre es uneinsichtig und ungerecht, die Resultate zu leugnen, welche die Wissenschaft der Franzosen auch für den deutschen Geist abgesetzt hat, oder zu leugnen, daß in dem universalen Bewußtsein der Deutschen nicht auch alle Erscheinungen des menschlichen Bewußtseins mit aufgehoben seien. Weil nun die Franzosen vorzugsweise das Volk sind, welches im Systeme der Gesellschaft seine weltgeschichtliche Aufgabe hat, so werden sich entsprechende Anklänge an ihre sociale Wissenschaft immer da finden, wo das Problem der Gesellschaft überhaupt aufgeworfen wird, wie nun vor allen Dingen im Wilhelm Meister. Denn Wilhelm Meister hat es nicht mit diesem oder jenem socialen Gedanken, wie etwa ein Roman der George Sand, nicht mit einem bestimmten oder besonderen Verhältnisse des Menschen innerhalb der Gesellschaft zu thun, sondern mit dem ganzen Systeme derselben. Er ist die künstlerische Gestaltung der Gesellschaftsidee überhaupt. Es werden also alle einzelnen Erscheinungen derselben, als die Begriffe der Persönlichkeit, der Bildung, der Ehe, Familie, Erziehung, des Eigentums, der Arbeit, des socialen Vertrages u.s.w. künstlerisch zur Geltung kommen und als Glieder eines Organismus sich aufweisen. Wenn es endlich wahr ist, daß sich kein Genie dem Inhalte seiner Zeit auch in Beziehung auf die Wahl seines dichterischen Stoffes entziehen darf, so muß man sagen, daß Göthe's Wilhelm Meister diejenige Dichtung ist, worin sich der deutsche Geist der socialen Bewegung des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts durch das Medium der Kunst bemächtigt habe, und daß sie um dieser ihrer Universalität willen unter allen Literaturen einzig dastehe, und nur mit der Republik des Platon in würdige Parallele gebracht werden könne. Dies gilt ganz vorzüglich von den Wanderjahren.

Dringt man in den Begriff der Wanderjahre ein, dann wird man es beinahe unerklärlich finden, über Göthe noch bis auf den heutigen Tag also aburteilen zu hören, als sei er der einzige große Poet, welcher seiner gewaltigen Zeit vornehm den Rücken gekehrt und das Interesse an den großen Problemen der Menschheit verleugnet habe, ohne welches die weltschöpfende Poesie doch nicht einmal möglich ist. Freilich studirte er mitten in der allgemeinen politischen Sündflut ruhig die Annalen von China, freilich schrieb er den Epilog zu Essex während die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde, und freilich hatte er dergleichen Bedenkliches wie den Großkophta, den Bürgergeneral gedichtet, von welchen Stücken schon Niebuhr klagte, daß der Göthesche Genius sich darin verhüllt habe. Hatte er seine Natur dort hinter eine steinerne Mauer verschanzt, um die massenhafte Bewegung der Menschen als ein » ungeheures Bedrohliches« von dem idealen Urbilde des Menschen abzuwehren, so tritt sein göttlicher Genius wieder desto glänzender hervor, wenn er den in beschaulicher Stille gesammelten Tribut an Zeit und Menschheit in goldenen Schalen darreicht. Und so dürften die ruhig großen Gesichtspunkte der Wanderjahre allein hinreichen, die halbe philosophisch sich spreizende Gegenwart unserer staatslustigen Dichter und Denker zu beschämen, so sehr überfliegen sie an klar geschauter Menschlichkeit, kühnem Ideale und prophetisch sicherem Blicke in eine erst heraufdämmernde Zukunft alle sogenannten Humanitätsbestrebungen unserer polypragmatischen Zeit. Erst aus dem vorurteilslosen Verständniße des ganzen Wilhelm Meister dürfte sich daher auch das vollendete Bild des ganzen Göthe enthüllen, und dürften die blödäugigen Ansichten überwunden werden, mit denen eine einseitige Kritik unseren größesten und menschlichsten Dichter dem Herzen der Nation zu entfremden beflissen ist.

Die literarische Kritik hat die Wanderjahre zumeist nur von Seiten der ästhetischen Form behandelt, den Gedankengehalt aber mit vornehmer Geringschätzung abgefertigt, oder sich nicht einmal die Mühe geben wollen, einen solchen überhaupt zu finden, weil sie nur die Erzählungen und Novellen in's Auge faßte. Denn als einen solchen Complex novellistischer Partikelchen, und als nichts weiter, glaubten sie die Wanderjahre ansehen zu müssen. Gervinus, der nur zu gern an Göthe zum Homeromastix wird, weil er es verschmäht, ein Lessing zu sein, geht in seiner Idiosynkrasie so weit, daß von den Wanderjahren wie vom zweiten Teile des Faust behauptet, man müsse sie den Grillen des Alters vergeben, ja teilweise rücksichtslos zum Schalen und Flachen werfen (V. 638). An einer anderen Stelle (V. 710) sagt er: »In den Wahlverwandtschaften (1809) und in den kleinen Erzählungen, die vereinzelt in dem Taschenbuch für Damen (seit 1809) erschienen, und durch einen romantischen Faden unter dem Titel der Wanderjahre Meisters zusammengeschlungen werden und ein wunderlich anziehendes Ganze bilden sollten, Siehe Tag- und Jahreshefte 1807. huldigte Göthe theils dem Mährchengeschmack des Tags, theils anticipirte er den Uebergang zu der eigentlichen Novelle.« Dies und ein paar andere dürftige Bemerkungen ähnlicher Art ist denn Alles, was ein großer Forscher wie Gervinus über die Wanderjahre zu sagen weiß, für deren Idee und Zusammenhang er sich hartnäckig den Blick verschloß. Wenn er von der einen Seite als ein gerechter und tiefeinsichtiger Richter sein Urteil fällt, ist er von der andern Seite uneinsichtig und ungerecht, dort, indem er die Schwäche der Wanderjahre in Beziehung auf ihr poetisches Gesammtleben und ihre Kunstform zu tadeln berechtigt ist, hier, indem er Plan und Gehalt nicht zu würdigen weiß. Aus der Zwiespältigkeit des Götheschen Spätlings erklärt sich übrigens die Erscheinung vollkommen, daß die Kritik, welche dem philosophischen Gedanken der Wanderjahre nachforscht, durch die Fülle und originale Bedeutsamkeit der Ideen gerne auch die ästhetische Form des Werkes zu Ehren dringen möchte, wie daß der Aesthetiker die Unbefriedigung der Form geneigt ist, auch auf den Inhalt zu übertragen. Hat hier der Tadler im Interesse der reinen und kunstgemäßen Form ein begründetes Recht, Tadler zu sein, so wird in Beziehung auf den eigentlichen Inhalt der Wanderjahre dem vorurteilslosen Beurteiler Gelegenheit genug, die Lebendigkeit und Tiefe der götheschen Dichtung zu bewundern.

Verlangt man freilich von dem darstellenden Dichter, daß er, nur ein nach dem Vergangenen hingewendeter Seher sein soll, welcher den Herzschlägen der Menschheit in die Jahrhunderte hinein nachhorcht und den zur Erscheinung gekommenen Geist in ein schönes Denkmal bannt, vor dem die Geschlechter sinnend verweilen, so vergißt man eben, daß der Poet ein Janus mit doppeltem Antlitze sei, rückwärts schauend in die Vergangenheit, und prophetisch vorausblickend in die Zukunft. Man vergißt, was Schiller den Künstlern zuruft:

Erhebet euch mit kühnem Flügel
Hoch über einen Zeitenlauf!
Fern dämmre schon in eurem Spiegel
Da« kommende Jahrhundert auf.

So doppelt beantlitzt und auf der Grenze zweier Welten stehend, erscheint aber Göthe gerade in seinem Wilhelm Meister, dessen erste Hälfte, die Lehrjahre, nach dem achtzehnten Jahrhundert zurückgewendet sind, dessen zweite Hälfte aber, die Wanderjahre, weit hinaus in die Zukunft des neunzehnten Jahrhunderts hinschauen, so daß wenn drüben die im Sturm und Drang des sich befreienden Subjects kämpfende Welt der Feudalität endlich aufgelöst wird, hüben eine auf der individuellen Freiheit und Gleichheit basirte neue Ordnung der menschlichen Gesellschaft gesucht wird.

Ein solches Suchen nun und Bestreben aus dem quälenden Uebergange heraus zu kommen, schließt, da es nicht empirisch, sondern theoretisch ist, also der Geschichte vorgreift, ähnlicher Weise wie jede nur metaphysisch gefundene Gesetzgebung, auch den Irrtum der idealisirenden Phantasie mit ein, und erscheint nur in der Form einer Utopie, über welche der nüchterne Verstand lächelt, weil ihm die Idee überhaupt das Unwahre ist, und weil er nicht auf den ganzen ungeteilten Geist der Menschheit, sondern nur auf dessen Sonderheiten sich beziehen kann.

So oft die Menschheit in einer Uebergangsperiode der Cultur stand, sind Utopieen aufgestellt worden, wie das ihre lange Reihe von der Republik des Platon bis zu der im Jahre 1840 erschienenen Reise in Icarien des Franzosen Labet beweisen mag. Wir wollen dem Verstande das Recht nicht nehmen, sie allesammt lächerlich zu finden, wie wir ihm das Recht nicht bestreiten dürfen, auch die utopisch ideale Weltdichtung Christi als unrealisirbar zu verspotten. Für den ernsten und sinnvollen Forscher der Menschheit aber sind solche Culturphantasieen immer bedeutende Grenzpunkte innerhalb der allgemeinen Ordnung der Civilisation, von denen aus die Vernunftzwecke und Processe der Weltentwicklung oft ein eigentümlich helles Licht empfangen.

Göthe's Wanderjahre darf man deshalb dreist an dergleichen philosophische oder poetische Ideale einer Organisation der Gesellschaft anreihen und sie neben Platon's Republik, das Utopien des Thomas Morus, die Eonnenstadt und das Messiasreich des Campanella, die neue Atlantis von Bacon und die Basiliade von Morelly stellen.

Der Erste, welcher das Verhältniß der Wanderjahre zu den großen gesellschaftlichen Aufgaben der Gegenwart beziehungsweise ins Auge gefaßt und ihre Verwandtschaft mit der Socialwissenschaft der Franzosen angedeutet hat, war Varnhagen von Ense in seinem kleinen Aufsatze: Im Sinne der Wanderer (im ersten Bande der Denkwürdigkeiten 1837). Was Varnhagen mit besonnener Klarheit dort von den Wanderjahren sagt, ist in Wahrheit weder sanguinisch überfliegend, noch durch das Prisma gesehen, und doch straft Gervinus seine Ansichten mit bittrer Rede als eine Verheißung des kommenden S. Simonianismus, welchen Varnhagen durch Göthe's Wanderjahre wolle geweissagt wissen. Denn jenen götheschen Satz: daß im Irdischen für jedes Mitglied der Gesellschaft ein richtiger Anteil am Besitze und Genusse der vorhandenen Güter gewährt werden müsse, verweist Gervinus zu den Chimären, um welche wir uns »verständig wie wir sind«, nicht in thörichter Voreiligkeit bemühen dürften; die zweite Forderung aber: im Gemütsleben, bei so vielem Unmöglichen, welches ewig versagt bleiben muß, das versagte Mögliche aus den zerbrechbaren Fesseln zu befreien, stellt er als ein ganz passives Wesen mit dem ersten zu einem doppelten Motto des Quletismus zusammen. (V. 638.)

Nächst Varnhagen hat Karl Rosenkranz in seiner Abhandlung: Ludwig Tieck und die romantische Schule aus dem Jahre 1838 (abgedruckt in dem ersten Teile seiner Studien 1839) Andeutungen gegeben, daß es sich in den Wanderjahren um eine ideale Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens handle, welche Laube, der über die Beurteilung des Romans als Roman nicht hinausgeht, in seiner Geschichte der deutschen Literatur (III. 416 ff.) abweisen zu müssen glaubte. Laube's Angriffe hat wiederum Rosenkranz (Göthe und seine Werke Königsb. 1847. S. 425 ff.) treffend zurückgewiesen und Mehreres über den Socialismus der Wanderjahre hinzugefügt, was bei der Compendiosität seines aus Vorlesungen entstandenen Werkes leider nicht weiter ausgeführt werden durfte. Schon vorher hatte Karl Grün im Jahre 1846 in seinem Buche: Ueber Göthe vom menschlichen Standpunkte mit der größesten Entschiedenheit die socialistischen Ideen Göthes in den Wanderjahren aufgefaßt. Erinnert man sich ferner, daß auch George Sand eine Schrift über den Socialismus der Wanderjahre in Aussicht gestellt und ihrer Seits Bettina von Arnim dazu aufgefordert hat, so gibt dies Beleg genug für die tiefen und weit hinreichenden Berührungen Wilhelm Meister's mit der Philosophie der Gesellschaft, wie sie das neunzehnte Jahrhundert erzeugt hat.

Indem ich nun zu dem Versuche übergehe, wesentlich die socialen Elemente, welche den ganzen Wilhelm Meister so tief durchdringen, daß er nicht anders als durch sie seine wahre charakteristische Lebensgestalt erhält, zu verfolgen, finde ich es unstatthaft, die Lehrjahre von der Betrachtung auszuschließen, haben sie gleich schon als Dichtung für sich eine fleißigere Behandlung erfahren. Denn machen auch die Lehrjahre allein und an sich den Roman der ganzen Dichtung aus, so stehen sie doch in Beziehung auf das sociale Problem in solchem Verhältnisse zu den Wanderjahren, daß in ihnen die innerliche humane Vollendung des Einzel-Menschen erreicht wird, wie er darnach tüchtig sei, in das System der Gesellschaft einzutreten, deren Idealgestalt die Wanderjahre entwerfen.

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