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Goldköpfchens Schulzeit

Magda Trott: Goldköpfchens Schulzeit - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Schulzeit
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
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7. Kapitel.
Rackerchen

Fräulein Gregers Schule hatte zu Ostern mancherlei Zuwachs erhalten. Auch in Bärbels Klasse war eine neue Schülerin eingetreten, an die sich Bärbel vom ersten Tage an herzlich anschloß. Lore Bruns war die Tochter einer Majorswitwe, die sich in Dillstadt angekauft hatte. Das fröhliche Mädchen, mit dem kecken Gesichtchen, war die rechte Ergänzung zu Bärbel. Jeder übermütige Streich wurde gemeinsam von beiden Kindern ausgeführt, denn Hanna und Maria waren viel zu zaghaft, um irgend etwas zu unternehmen, was sie in Konflikt mit Fräulein Greger brachte. Georg Schenk, der bei dem Pastor des Ortes Lateinunterricht gehabt hatte, war von den Eltern auf das Gymnasium der Kreisstadt geschickt worden, und so fehlte in der Klasse der Anstifter zu allen schlimmen Streichen.

Obwohl sich Bärbel häufig mit Georg gerauft hatte, bedauerte sie es doch sehr, daß der wilde Knabe die Schule verlassen hatte, und sie suchte nun Ersatz in Lore Bruns.

Aber noch eine neue Sensation war zu verzeichnen. Fräulein Greger hatte seit Ostern eine blutjunge Engländerin bei sich, die hier die deutsche Sprache erlernen sollte. Als Gegenleistung sollte Miß Mabel Irwing die englische Lektüre in den unteren Klassen überwachen, später vielleicht auch den leichteren englischen Unterricht erteilen. Die englische Miß war eine hagere, große Erscheinung mit einem schmalen Gesicht und breiten Vorderzähnen. Aber trotz ihrer Größe wirkte Miß Irwing nicht imponierend, zumal sich die junge Engländerin in der Schulstube bedrückt und unfrei fühlte. Sie hatte noch niemals unterrichtet, und da sie außerdem die deutsche Sprache nicht beherrschte, glaubte sie sich stets verspottet. Das verlegene Lächeln, das auf ihrem Gesicht lag, war für die Kinder eine unerschöpfliche Quelle des Humors. Miß Mabel kniff bei diesem Lachen die Augen zu, machte den Mund ein wenig auf und zog den Kopf zwischen die Schultern. Bereits am dritten Tage ahmten alle Klassen das Lächeln der Miß nach, und fortwährend erklang das langgezogene: »oah yes«, womit Miß Mabel jeden Satz begann.

In der vierten Klasse hatte man rasch erkannt, daß Miß Irwing als Lehrerin nicht die rechte Kraft sei. Vor allem versagte sie beim Übersetzen. Bärbel war die erste gewesen, die mit unschuldigem Gesichtsausdruck versucht hatte, einen Satz, dessen Vokabeln ihr nicht geläufig waren, nach Gutdünken zu übersetzen. Als Antwort hatte die englische Miß gelächelt und ihr »oah yes« gesagt.

Das wirkte natürlich wie ein Signal. Lore fing ebenfalls an, Sätze zu erfinden; und die ganze Klasse kicherte, wenn Miß Irwing zufrieden war und ihr »oah yes« sagte. Allmählich merkte die Unerfahrene aber doch, daß irgend etwas nicht richtig war, sie wurde noch unsicherer und fragte mitunter, wenn die anderen gar zu sehr schmunzelten:

»Ist das all right

»Oah yes!« rief Bärbel, und wieder erklang leises Lachen in der Klasse.

Während sonst die Schulstunden für Goldköpfchen nicht sehr interessant waren, bereitete ihm der englische Unterricht das größte Vergnügen. Die englische Miß ließ sich zu nett aufziehen. Eines Tages kam Lore auf den Gedanken, man wolle der Miß einmal etwas ganz Besonderes einbrocken.

»Ich habe feine Sachen zu Hause, die habe ich von der letzten Fastnacht. Die bringe ich mit.«

Es war an einem Montagmorgen, als Miß Irwing wieder die vierte Klasse betrat. Auf allen Gesichtern der Schülerinnen lag eine unerklärliche Spannung. Bärbels Augen strahlten, und Lore hielt sich die gespreizten Finger vor das Gesicht.

»Jetzt – jetzt!«

Miß Irwing betrat das Katheder, rückte das dünne Lederkissen zurecht und ließ sich darauf nieder.

»Uh–h–h–h–u–u–u!«

Die Miß sprang entsetzt auf, unter ihrem verlängerten Rücken war das eigentümliche Geräusch erklungen. Sie drehte sich um, betrachtete mit hochrotem Gesicht das Kissen, fand nichts und setzte sich erneut darauf nieder.

»Uh–h–h–h–u–u–u!«

»O, Miß, was ist das?« rief Bärbel, »das klingt ja ganz komisch!«

Lore war aufgesprungen, stand neben der fassungslosen Engländerin, griff blitzschnell unter das Kissen und zog einen kleinen Gegenstand hervor, den sie rasch verbarg. Es war eine Luftpfeife, die diesen verdächtigen Ton von sich gab.

»Kam das von Ihnen?« fragte Bärbel.

»Oah yes!«

Die Klasse schrie vor Lachen, und Miß Irwing wurde noch verlegener. Sie beugte sich nieder, nahm das Kissen fort, faßte mit beiden Händen nach dem verlängerten Rücken, drehte sich mehrmals um ihre eigene Achse, verließ das Katheder und sah es nur noch mit schreckhaften Blicken an.

»Es hat geblasen,« sagte Bärbel, »aber nun ist es wieder gut.«

Die einzige, die nur herablassend zu diesem Spaß lächelte, war Anita.

»Kindisch,« sagte sie wegwerfend, »wir haben ganz andere Dinge gemacht.«

»Na, dann mach' doch auch was,« meinte Bärbel.

»Ihr müßt ihr Stecknadeln ins Kissen stecken.«

»Au fein,« rief Lore; aber Bärbel schüttelte den Kopf.

»Das piekt sie zu sehr.«

Es dauerte längere Zeit, bis Miß Irwing die Fassung wiedergewonnen hatte, aber schon tuschelten Lore und Bärbel erneut; dann kramte Lore in der Schulmappe und versteckte wieder etwas unter der Bank.

Ein leises, schnurrendes Geräusch, dann schob sich unter der Bank ein graues Mäuschen hervor, geradeswegs in der Richtung auf Miß Irwing.

»A Mies.« Die junge Engländerin sprang auf das Katheder, ihre Augen waren starr vor Schreck. »A Mies!«

»Richtig, – e Maischen,« ahmte Bärbel nach, »Miß Irwing, das Maischen beißt!«

Lore stürzte vor, um angeblich Jagd auf das kleine Ungeheuer zu machen. »Jetzt ist sie bei Ihnen,« neckte Bärbel.

»Oah – oah!«

»An Ihrem Schuh frißt sie!«

Miß Irwing war viel zu erregt, um sich das Spielzeug genauer anzusehen. Sie sah nur das graue Etwas umherhuschen, und da ihr eine Maus etwas Entsetzliches war, verlor sie vollkommen die Fassung. Die hagere, lange Gestalt stieg auf den Stuhl, stand dort mit zusammengerafften Röcken und flehte:

»Fort mit Maischen, oah – oah!«

»Ich glaube, es ist eben auf den Stuhl gesprungen,« schrie Bärbel.

Die Miß sah sich hilfesuchend um.

»Steigen Sie doch auf den Tisch,« rief Lore, »dort kann es nicht hinauf.«

Das erschien der jungen Engländerin aber unmöglich, im Gegenteil, sie sprang rasch vom Stuhl herunter, öffnete weit die Zimmertür und ächzte:

»R–r–raus mit Maischen!«

Blitzschnell hatte Lore die Maus erfaßt; aber damit war das neckische Spiel noch nicht beendet. Die beiden Freundinnen machten sich ein Vergnügen daraus, durch das Zimmer zu rennen, bald in diese, bald in jene Ecke zu greifen.

»Beinahe hätte ich es gehabt!«

»Hier ist es!«

»Schlagt tot Maischen!«

»Wir haben nichts zum Totschlagen, geben Sie uns Ihren Schuh.«

»Oah no!«

Die junge Engländerin stand in der Nähe der Tür. Mit einem einzigen Blick verständigten sich Bärbel und Lore, dann stürzten sie auf Miß Irwing zu, fielen a tempo vor ihr auf dem Boden nieder und schrien:

»Da is Maischen!«

Ein Aufschrei, Miß Irwing machte einen Satz, der einem Akrobaten alle Ehre gemacht hätte, und eilte durch die offene Tür hinaus auf den Flur.

»Bleib' draußen, Maischen,« rief Bärbel übermütig und schlug die Klassentür zu. Dann saßen alle auf dem Kathederrand und lachten, daß sie sich schüttelten. Sogar Anita hatte ihren Spaß an dem albernen Spiel. Und erst als es draußen zaghaft an die Tür klopfte, verstummte das Gelächter.

»Um Himmels willen, Miß,« rief Bärbel, »bleiben Sie noch draußen, wir haben noch ein zweiten Maischen!«

»A second monstre

»Oah yes,« schrie die ganze Klasse.

Bärbel wußte sich vor Freude kaum noch zu lassen, sie sprang händeklatschend in der Klasse umher, stieß gegen die große Wandtafel; ein Krach, und unter der umgestürzten Tafel kroch das erschrockene Kind hervor.

Anita hatte die Situation sofort erfaßt, ging zur Tür und drehte den Schlüssel um.

»Jetzt sind wir den Drachen los,« sagte sie, »jetzt machen wir uns die Stunde angenehm.«

Draußen klopfte es an die Tür.

»Jetzt will sie wieder herein,« lachte Anita und rief laut: »Bleib nur ruhig noch draußen, Maischen!«

Alles lachte.

»Wir können dich hier nicht brauchen, Maischen!«

»Öffnet sofort!«

Bärbel schaute mit einem entsetzten Blick zu Lore hinüber. Anita war die einzige, die die Stimme der Schulvorsteherin nicht erkannte und keck erwiderte:

»Oah no, hier wird nicht aufgemacht!«

»Mach' auf,« stammelte Bärbel, »die Greger.«

Anita floh von der Tür fort, setzte sich mit gefalteten Händen in die Bank.

»Mach' rasch auf, du hast zugeschlossen,« schrie Bärbel.

»Werdet ihr sofort öffnen!«

Bärbel war die einzige, die den Mut fand, den Schlüssel umzudrehen. Sie war daher auch die erste, die vor der zürnenden Schulvorsteherin stand.

»Also du!«

Tiefste Stille. Niemand wagte einen Laut von sich zu geben. Die Tafel war auch noch nicht aufgerichtet, die Bänke verschoben, der Stuhl auf dem Katheder umgestürzt.

»Was bedeutet das?«

Hinter der zürnenden Schulvorsteherin erschien die Miß. Sie sah so jämmerlich aus, daß Bärbel, obwohl es ihr gar nicht spaßhaft zumute war, das Lachen nicht unterdrücken konnte. Sie konnte die Augen nicht von der Miß lösen, die im Augenblick gar keinen Hals zu haben schien, die den Kopf ruckweise nach allen vier Zimmerecken drehte.

»Was ist hier geschehen? Gib Antwort, Bärbel.«

Es war dem Kinde unmöglich, ernst zu bleiben. »A – Maischen,« stammelte das Kind, nach Fassung ringend, dann aber lachte es los.

»Du lachst auch noch?«

»Entschuldigen Sie,« stotterte Bärbel, »aber – –« und dann erklang wieder silberhelles Lachen aus dem Kindermunde.

»Du stellst dich sofort in die Ecke, und ihr – –«

Lore war ebenfalls noch nicht ernst geworden, und ehe sich Bärbel erhob, um die Ecke aufzusuchen, flüsterte sie ihr zu: »In die Ecke, zu das Maischen!«

Da lachten beide Kinder erneut auf, und Fräulein Greger bekam einen dunkelroten Kopf.

»So etwas habe ich noch nicht erlebt! – Nun berichten Sie, Miß Irwing, was vorgefallen ist.«

»Oah yes!«

Bärbel stand in der Ecke und drückte sich die Fäuste fest auf den Mund. Sie fühlte, daß Fräulein Greger ernstlich erzürnt war, wollte nicht lachen, aber das kostete furchtbare Anstrengung.

Schließlich wurde Hanna Hasselmann aufgerufen, und das verschüchterte Kind erzählte stockend, daß eine Maus im Zimmer gewesen wäre, die sie alle in Angst und Schrecken versetzt habe.

»Dazu muß die Klassentür abgeschlossen werden?«

Alle schwiegen.

»Ich gehe heute nachmittag zu deinen Eltern, Bärbel, denn in dir allein sehe ich die Anstifterin dieser Unarten.«

Bärbel drehte sich um, schaute Anita mit blitzenden Augen an, eine stumme Aufforderung, die Tat zu gestehen. Aber Anita hatte einen frommen Blick in den Augen und schaute unschuldig die zürnende Schulvorsteherin an. Schweigend ballte Bärbel die Hand zur Faust und schwur sich in diesem Augenblick, an Anita Rache zu nehmen.

»Ihr bleibt heute alle eine ganze Stunde nach,« sagte schließlich Fräulein Greger, »denn daß ihr alle an der Unart beteiligt gewesen seid, ist klar. Und jetzt verlange ich, daß ihr euch anständig betragt. Miß Irwing wird mir nachher Bericht geben.«

Die Schulvorsteherin entfernte sich wieder, aber eine rechte Ordnung wollte nicht eintreten, denn die Engländerin fürchtete noch immer das Erscheinen der Maus. Bärbel und Lore waren voller Zorn und überlegten, welchen Schabernack sie der falschen Mitschülerin spielen konnten. Hanna weinte, und Maria war ebenfalls sehr still und gedrückt. Sie schämte sich, daß sie heute schon wieder nachsitzen mußte.

»Eine Memme ist sie,« flüsterte Bärbel der Freundin zu, »oh, sie soll mich kennenlernen.«

»Oah yes,« erwiderte Lore, und wieder war es fast mit Bärbels Fassung vorbei.

Man atmete allerseits erleichtert auf, als die Stunde beendet war. Miß Irwing verließ geradezu fluchtartig die Klasse, in der sie heute einen solchen Schreck ausgestanden hatte.

»Pfui über dich!« mit diesen Worten ging Bärbel auf Anita zu.

»Ein elender Feigling bist du,« pflichtete ihr Lore bei.

»Ich würde mich schämen, eine so gemeine Kreatur zu sein,« fuhr Bärbel erregt fort. »Pfui, wie kann man lügen! Wenn ich jetzt daheim von den Eltern ausgescholten werde, – na, dann geht es dir schlecht!«

»Ihr habt angefangen, Lore hatte die Maus mitgebracht, und du hast die Tafel umgeworfen.«

»Du hast die Tür abgeschlossen,« ereiferte sich Bärbel, »und nun bist du so jämmerlich feige und hast es nicht gesagt. Die Augen kannst du verdrehen, aber die Wahrheit reden kannst du nicht.«

Anita wandte sich achselzuckend ab und achtete nicht weiter auf die erregten Schulgefährtinnen. Dagegen gesellten sich Maria und Hanna hinzu, die ebenfalls über Anitas Verhalten empört waren; und bald blitzten Bärbels Augen wieder triumphierend. Das Komplott war geschmiedet.

Aber an diesem Vormittage hatte Bärbel nochmals Unglück. Als die fünf Mädchen gegen ein Uhr sehr kleinlaut die Schule verließen, begegneten sie einem Eselfuhrwerk. Ein Zigeuner ging neben dem Tier her, hielt plötzlich an und rief mit lauter Stimme, ob jemand Lumpen oder Knochen zu verkaufen habe.

Der Esel war natürlich für die Mädchen sehr interessant. Lore hatte noch ein Stück Brot in der Mappe, das reichte sie dem Tier. Anita aber kniff Meister Langohr in den Schwanz, so daß das Tier mit dem Hinterbein ausschlug. In diesem Augenblick kam der Besitzer des Esels an den Wagen heran, glaubte, daß die danebenstehende Bärbel das Tier gequält habe, und versetzte Goldköpfchen eine schallende Ohrfeige.

Der Schlag war so heftig gewesen, daß Goldköpfchen zu weinen begann. Einmal war es die Empörung über die ungerechte Behandlung, dann aber auch der Schmerz. Laut schluchzend kam sie in der Apotheke an und traf dort den Vater.

»Jetzt kommst du erst heim? – Hast du wieder nachgesessen? – Was hast du getan?«

»Ich habe die englische Miß geärgert, aber dem Esel habe ich nichts getan!«

Herr Wagner war empört. Er dachte nichts anderes, als daß Goldköpfchen die Lehrerin mit diesem Schimpfworte belegte. Er holte aus und versetzte dem Kind eine Ohrfeige.

»Ich will dich lehren, deine Lehrerinnen mit solchen Namen zu bezeichnen.«

Nun heulte Bärbel noch lauter.

»Geh fort, ich will dich nicht mehr sehen.«

Das Kind stieg die Treppe empor und traf die Mutter. Auch sie machte ein strenges Gesicht.

»Warum weinst du?« fragte sie kurz.

»Der Vati hat mich geschlagen, und dabei habe ich dem Esel doch nichts getan.«

»Bärbel!«

Aber Bärbel fühlte sich zu tief gekränkt, um eine nähere Erklärung zu geben. Sie setzte sich auf die Treppe und barg das Gesicht in den Händen.

Fassungslos schaute Frau Wagner auf ihre Tochter. Sie glaubte, nicht recht gehört zu haben. Es war doch unmöglich, daß ihr Goldköpfchen so respektlos vom Vater sprach. Wo war der schlechte Einfluß zu suchen?

Wortlos ging sie davon.

Kurz vor dem Essen erschien Ella, das Hausmädchen, und teilte Bärbel mit, daß sie heute nicht zu Tisch kommen dürfe, sie solle im Kinderzimmer bleiben.

Bärbel senkte das Köpfchen schuldbewußt. Einmal war es das Nachsitzen, dann aber vielleicht Fräulein Greger schon bei den Eltern gewesen und hatte alles erzählt. Nun würde sie wieder lange sehr brav sein müssen, um die Eltern zu versöhnen.

Währenddessen tauschte Wagner mit seiner Frau die Gedanken aus.

Man wollte es nicht glauben, daß sich die Tochter in ihrer Erregung soweit vergaß und den geliebten Vater mit so häßlichen Ausdrücken belegte.

»Ich werde nachher zu Bärbel gehen,« sagte Frau Wagner, »und ernstlich mit ihr reden.«

Das Mißverständnis klärte sich zwar rasch auf; als man aber erfuhr, wie sich Goldköpfchen heute in der Klasse betragen hatte, gab es Stubenarrest, obwohl Bärbel den Spaß mit der Maus äußerst vorsichtig erzählte.

Um fünf Uhr erschien Fräulein Greger. Bärbel hörte auf dem Flur die Stimme der Schulvorsteherin. Da kam ein banger Seufzer über ihre Lippen. Sie rief die Zwillinge.

»Ihr müßt mir jetzt einen großen Gefallen tun. Ich darf nicht raus aus dem Zimmer, aber ihr geht ins Wohnzimmer, legt euch an die Tür und paßt genau auf, was die Greger der Mutti erzählt. Ihr müßt aber sehr leise sein, damit sie nebenan nichts hört.«

»Komm doch mit!«

Bärbel überlegte. Die Mutter hatte zwar gesagt, daß sie Arrest habe, doch meinte sie damit sicher, daß sie heute das Haus nicht mehr verlassen dürfte. Um die Zeichenaufgabe zu machen, mußte sie ja doch in den Flur gehen, weil dort das Reißbrett stand.

Sie ließ sich von den Brüdern überreden, und nun lagen die drei Wagnerschen Kinder auf dem Boden. Sie lagen platt wie an die Diele angeklebt, damit man sie durch die in halber Höhe der Tür angebrachten Glasscheiben nicht sehen konnte. Auf dem Bauche hatte man sich an die Tür herangeschlängelt und horchte auf das Sündenregister, das Fräulein Greger aufzählen würde.

Sie sprach. Sie hielt es für ihre Pflicht, wieder einmal über Bärbel zu berichten, die im allgemeinen jetzt brav sei, aber in letzter Zeit durch die übermütige Lore Bruns wieder schlimme Streiche aushecke.

Atemlos lauschte Goldköpfchen. Dann folgte die Geschichte mit der verschlossenen Tür.

»Ich hätte Bärbel diese Unart nicht zugetraut,« sagte Fräulein Greger, »jedem anderen der Kinder, aber nicht Bärbel.«

»Ich war's ja auch gar nicht,« grollte das Kind leise; aber die Worte waren immerhin so laut gesprochen, daß Frau Wagner den Kopf nach der Tür wandte. Und während Fräulein Greger weitersprach, hörte sie von dort her allerlei leise Geräusche.

Da erhob sie sich, öffnete mit einem Ruck die Tür, und nun sah man die drei auf dem Bauche liegenden Kinder, die überrascht die Köpfe hoben und Mutter und die Schulvorsteherin anstarrten. Ebenso rasch, wie die Tür geöffnet wurde, war sie wieder geschlossen, denn obwohl Frau Wagner das Lauschen ihrer Kinder empörend fand, überkam sie doch ein so gewaltiger Lachkrampf, daß sie es für richtiger hielt, die Tür wieder zwischen sich und die Kinder zu legen.

Aber auch über Fräulein Gregers würdiges Gesicht glitt ein Lächeln. »Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand,« sagte sie laut. »Ich hatte nicht geglaubt, daß Bärbel horcht.«

Frau Wagner hatte die Lachlust niedergekämpft und rief nach der Tochter.

So stand die kleine Sünderin vor der Schulvorsteherin, aber der Kopf hing jetzt nicht herab, kampfbereit blitzten die Augen Fräulein Greger an.

»Ich habe heute früh die Anita nicht verklatschen wollen, aber sie hat die Tür verschlossen, und dann hat sie wie eine Heuchlerin dagesessen.«

Keinen Augenblick setzte man in Bärbels Worte Zweifel, nur Fräulein Greger sagte vorwurfsvoll: »Warum hast du das nicht gleich heute früh gesagt?«

»Sie hätte sich ja selber melden können. Aber ich werde mich an ihr rächen.«

»Und wer hat die Tafel umgeworfen?«

»Die ist halt so auf mich draufgefallen, mit Absicht habe ich sie nicht umgeworfen.«

Die Vorwürfe, die das Kind erhielt, waren keine zu großen, denn Frau Wagner war gar nicht in der Stimmung, jetzt ernstlich böse zu sein. Bärbel war nun einmal ein Unglückskind, das heute schon durch ein Mißverständnis unverdiente Schläge erhalten hatte. Da durfte sie nicht mehr zu streng ins Gericht gehen. Trotzdem gab es Ermahnungen, – und mit erleichtertem Herzen verließ Bärbel das Zimmer.

Zwei Tage später lag wieder einmal über der vierten Klasse diese verhaltene Spannung. Bärbel behandelte ihre Schulmappe mit größter Aufmerksamkeit und Vorsicht. Von Zeit zu Zeit warf Lore einen verständnisinnigen Blick darauf, dann tauchten die Augen der Freundinnen mit pfiffigem Ausdruck ineinander.

Die englische Stunde kam heran. Gelangweilt saß Anita in der Bank und machte sich an dem weißen Spitzenkragen zu schaffen, der das tiefdunkelblaue Seidenkleid zierte. Um den entblößten Hals trug sie eine dreireihige Perlenkette.

Auf diesem Halse ruhten schon längere Zeit Bärbels Blicke. Wenn sich Anita nach vorn neigte, entstand zwischen Kleid und Nacken eine Lücke. Wieder glitt ein verständnisvoller Blick zwischen Lore und Bärbel hin und her, dann raschelte es ein wenig, eine gut verschlossene Papiertüte kam hervor, die von Goldköpfchen behutsam geöffnet wurde. Ein rascher Griff in die Tüte – – eine hastige Handbewegung nach dem Ausschnitt hin – –

»Hilfe, hier krabbelt etwas!« Es war Anita.

»Oah – nicht so Geschrei!« tadelte die Miß.

Anita sprang auf. »In mir krabbelt etwas!«

»Ich werde Nachsehen,« sagte Bärbel und schob den Maikäfer, der Anstalten zum Fortfliegen machte, noch tiefer hinunter auf den Rücken der Mitschülerin. »Ich sehe nichts!«

Währenddessen hatte Lore mit spitzen Fingern in die Tüte gelangt und setzte Anita einen zweiten Maikäfer auf die Perlenkette.

Der Käfer am Rücken wurde unruhig. Anita tanzte wie eine Irre im Zimmer umher, schlug mit Armen und Beinen um sich, vergaß alle angelernte Grazie und schrie laut: »Hilfe, Hilfe, es krabbelt!«

Die Miß wurde unruhig. Ihre Gedanken gingen zu dem Mäuschen, sie hatte den Schreck noch immer nicht überwunden.

»Ach – ein großer Käfer kriecht an dir, – ein Maikäfer!«

»Hilfe, Hilfe!«

Hanna sorgte dafür, daß der am Rücken emporkrabbelnde Käfer immer wieder zurückgestoßen wurde. Sie hatte Mühe, die sich wie wahnsinnig gebärdende Anita festzuhalten.

Aber endlich gelang es den Käfern, davonzuschwirren; und nun war der Aufschrei an Miß Irwing.

Lore und Bärbel lachten. Was würde das erst für einen Spaß geben, wenn sie die Tüte mit den zehn Käfern öffnete.

Die Engländerin bemühte sich, die Maikäfer aus dem geöffneten Fenster zu jagen, Maria und Hanna halfen ihr dabei; und bald war die Ordnung wieder hergestellt. Aber als man dann beim Diktat saß, zog Bärbel die Tüte hervor und steckte sie der instruierten Lore hinten in den Halsausschnitt.

Srrrrrr – der eine Maikäfer flog im Zimmer umher.

»Widder so eine Tier!«

Srrrrrr – der zweite Käfer entfloh.

Die Jagd begann erneut; aber je länger Miß Irwing sich bemühte, um so mehr Käfer kamen angeflogen, und wieder schaute die arme Miß nach der Tür, überlegend, ob sie auch heute ausreißen sollte.

Lore und Bärbel kicherten ständig. Ein Maikäfer nach dem anderen war entflohen, die leere Tüte wurde rasch entfernt. Mit der englischen Stunde wurde es natürlich nichts, das Diktat war nicht geschrieben und die Maikäfer glücklich beseitigt.

Doch die Rache Bärbels war noch immer nicht gekühlt. Sie hoffte auf die Rechenstunde.

Und es gelang! Der Unterricht war vorüber, Maria hatte die Aufgabe, die Tafel von den Kreidezahlen zu reinigen. Die anderen packten ihre Mappen zusammen, Lore schlängelte sich heuchlerisch freundlich an Anita heran.

»Du hast aber feine Schuhe an.«

»Freilich, sie sind ganz neu.«

»Ist das echter Lack?«

»Natürlich, ich trage nur echten Lack.«

»Tipp mal mit dem Finger darauf, ob es einen Fleck gibt.«

Ahnungslos beugte sich Anita nach vorn, Lore stellte sich ungeschickt, band aus Versehen die seidenen Bänder auf, und so war Anita gezwungen, die Schleifen neu zu knüpfen. Diesen Augenblick benutzte nun Bärbel, um ihr Rachewerk auszuführen. Sie hielt schon lange die angespitzte Kreide in der Hand, und da sie vortrefflich zeichnen konnte, entstand auf Anitas verlängertem Rücken ein zweites Gesicht. Es sah wundervoll auf der dunklen Seide aus. Die schiefen Schlitzaugen, die lange Nase und der breite Mund würden unzweifelhaft das Gelächter aller Leute auf der Straße erregen.

Die Schuhe waren gebunden, Anita machte sich zum Heimgang fertig, Bärbel und Lore deckten beim Hinausgehen geschickt die Hinterseite der Schulgefährtin.

»Ob er heute wohl wieder da ist?« flüsterte Bärbel der Freundin zu. Seit einigen Tagen wurde Anita von dem jungen Dentisten aus der Schule abgeholt.

»Da steht er,« hauchte Lore, und dann stoben die beiden davon, blieben aber in Sehweite.

An der Seite des jungen Mannes schritt die lächelnde Anita dahin. Sie lächelte sogar noch, als einige Schüler der nahen Volksschule neben ihr herliefen.

»Wie sieht die denn aus? – Die hat ja hinten Augen!«

Aber das Gelächter wurde immer größer. Anita merkte schließlich, daß sie die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erregte, und wandte sich an ihren Begleiter.

»Warum lachen denn die Leute alle?«

Auch dem jungen Dentisten war es peinlich. Er betrachtete prüfend seine Begleiterin und sah die Fratze auf deren Hinterfront.

Er hatte nicht den Mut, auf offener Straße das Bild abzuwischen, das ging auch gar nicht, und so entfernte er sich mit einer schnell gestammelten Entschuldigung, daß er zu einem Kunden eilen müsse. In recht verletzender Art ließ er Anita stehen.

»Kieck doch von hinten!« rief ein Junge.

Anita drehte sich geziert um die eigene Achse, sie wurde verlegen, denn immer lauter johlten die Kinder der Straße.

»Steck doch das zweite Gesicht in die Hose!«

»Nee – wie die aussieht!«

Irgend etwas mußte an ihr in Unordnung geraten sein. Sie eilte in ein Haus hinein, entdeckte aber nichts an sich. Einige Knaben folgten ihr; der eine schlug sie mit der flachen Hand auf die Fratze.

»Ick will dir ja nur abkloppen!«

»Frecher Bengel!«

»Na, dann loof mal weiter mit det Gesicht!«

Wie ein paar Verbrecher huschten Bärbel und Lore hinter Anita her. Sie sahen schließlich, wie sich die Schulkameradin in Laufschritt setzte, die Mappe auf den Rücken hielt und dem elterlichen Hause zusteuerte.

»Sie wird nicht wieder zuschließen« frohlockte Bärbel, »morgen sage ich es ihr, daß ich ihr das eingebrockt habe. Die wird schon noch vor uns Dampf kriegen.«

Als Anita daheim die Zeichnung sah, stampfte sie mit dem Fuße auf. Sie ahnte, daß ihr Bärbel diesen Streich gespielt hatte. Am meisten aber schmerzte es sie, daß sie von dem netten Dentisten verlassen worden war. Aber an Bärbel wollte sie Rache nehmen.

Schon zwei Tage später führte Anita ihren Plan aus. Sie schlängelte sich an Bärbel heran und streute ihr ins Kleid unauffällig ein Pulver. Es dauerte gar nicht lange, da wurde das ahnungslose Goldköpfchen unruhig, rieb sich Rücken und Hals und bekam von Fräulein Fiebiger einen Verweis.

»Sitze ruhig, Bärbel!«

Anitas Augen glühten vor Freude, das Juckpulver würde sich immer mehr bemerkbar machen.

»Du sollst ruhig sitzen, Bärbel.«

»Ich muß in der Pause in einen Ameisenhaufen getreten sein,« erwiderte die Gescholtene, »es juckt überall!«

»Du bildest dir oftmals etwas ein.«

Aber Bärbel konnte nicht ruhig sitzen. Rücken, Schultern und Hals brannten, Goldköpfchen sprang auf und schüttelte den Körper hin und her.

»Fräulein, ich habe doch Ameisen oder Wanzen.«

»So geh hinaus.«

»Darf ich mitgehen, Fräulein, ich werde Bärbel helfen,« fragte Anita.

»Gut.«

Aber die heimtückische Anita verschlimmerte das Übel nur noch. Als sich Bärbel des Kleides entledigt hatte, gab sich Anita den Anschein, als suche sie nach Ameisen, währenddessen streute sie auch vorn in den Hals das abscheuliche Juckpulver. Auch die Strümpfe blieben nicht verschont.

»Ich habe dir drei Ameisen abgelesen,« sagte sie freundlich, »jetzt wirst du Ruhe haben.«

Bärbel ging mit Anita zurück ins Klassenzimmer. Aber kaum hatte sich der Körper wieder etwas erwärmt, als das Juckpulver erneut seine Wirkung tat.

»Ich halt's nicht mehr aus,« sagte Goldköpfchen weinerlich, »ich muß hundert Ameisen in mir haben.«

Fräulein Fiebiger wurde böse. »Wenn du nicht still sitzt, lasse ich dich nachsitzen.«

»Es geht aber wirklich nicht,« schluchzte Goldköpfchen auf.

»So geh nochmals hinaus und ziehe dir das Kleid ab.« –

Diesmal kam Anita nicht mit. Bärbel entledigte sich aller Kleidungsstücke und bemerkte nun das feine, weiße Pulver, das aus der Wäsche fiel, und die brennend roten Flecken am Körper. Von Juckpulver hatte sie durch den älteren Bruder schon mehrfach gehört, und sofort wußte sie, daß Anita die Anstifterin war. Darum also hatte sich die Schulkameradin an ihrem Halsausschnitt zu schaffen gemacht. Auch das kleine Tütchen hatte Bärbel bemerkt, das Anita in der Hand gehalten hatte, als sie ihr die Ameisen ablesen wollte.

Bärbel war empört. Sie schüttelte die einzelnen Stücke gut aus, wusch auch im Waschraum den Körper ab. Mitten in dieser Beschäftigung erschien Maria. Fräulein Fiebiger hatte das Kind hinausgeschickt, um Bärbel herein zu holen.

Goldköpfchen berichtete mit funkelnden Augen von der Niedertracht Anitas. »Sie soll an uns denken!«

Im Flüstertone wurde ein neues Komplott geschmiedet.

Währenddessen saß Fräulein Fiebiger unruhig auf dem Katheder. Vor zehn Minuten war Bärbel hinausgegangen und kam nicht wieder. Auch Maria war schon seit einer Weile verschwunden. Es war wohl das beste, sie ging selbst hinaus, um nachzusehen, was vorgefallen sei.

Die beiden Kinder hatten sich eingeschlossen, weil Bärbel noch immer ihre Sachen ausklopfte und ausschüttelte, Maria half dabei. Da hörten sie draußen den Schritt und eine Stimme:

»Kinder, seid ihr da?«

War es die Erregung oder die Überraschung, kurzum, Bärbel glaubte, in der Stimme Anita erkannt zu haben.

»Sie schickt uns Anita nach,« flüsterte sie der Freundin zu.

»Na warte!«

Bärbel war nur mit dem Hemdchen bekleidet, sie tauchte rasch das Handtuch in die Waschschüssel, wand es leicht zusammen. »So, das ist meine Keule!«

Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgeriegelt, ein klatschender Schlag mit dem nassen Handtuch in Fräulein Fiebigers Gesicht; aber in demselben Augenblick hatte Bärbel auch ihren Irrtum erkannt. Das war nicht Anita, das war Fräulein Fiebiger in eigener Person.

Die Lehrerin war zurückgetaumelt, denn der Schlag war mit ziemlicher Wucht geführt. Goldköpfchen hatte vor Schreck alle Fassung verloren. Barfuß, nur im Hemd, stand sie vor der erstarrten Lehrerin.

»Was ich aber auch für Unglück hab',« stammelte sie, »ich wollte Sie nicht hauen, wirklich nicht, – ich wollte Anita verkeilen. Sie hat mir das Juckpulver hereingeschüttet.«

»Wir beide sprechen uns noch!« Fräulein Fiebiger ging hochaufgerichtet davon und wischte sich, als sie außer Sehweite war, das nasse Gesicht ab.

Da stand nun Goldköpfchen, zerknirscht, und sah wieder dunkle Wolken, die sich über seinem Haupt zusammenzogen.

»Ich hab' doch gedacht, es ist die Anita!«

»Zieh dich nur rasch an,« sagte Maria, »und komm mit. Wir müssen uns bei Fräulein Fiebiger entschuldigen.«

Bärbel war vollkommen verstört. Es zog sich an, aber in der Erregung vergaß es das Unterröckchen anzulegen. Auch die Schuhe wurden auf die falschen Füße gezogen.

Mit niedergeschlagenen Augen betraten die beiden Kinder das Klassenzimmer und näherten sich Fräulein Fiebiger.

»Setz dich hin,« klang es streng zurück, »wir werden nachher vor Fräulein Greger zusammen sprechen.«

Bärbel hörte Anitas Kichern. Da drehte sie sich um und schlug ihr mit dem Heft, das sie gerade in der Hand hielt, ins Gesicht.

»Du Biest!«

»Bärbel!«

»Wenn sie mir Juckpulver ins Kleid gestreut hat.«

»Ich?« rief Anita entrüstet, »ich habe nichts getan.«

»Lügen tut sie auch noch! Du hast die Tüte noch bei dir,« und ehe Bärbel die Erlaubnis der Lehrerin abwartete, hatte sie Anitas Mappe ergriffen, warf in leidenschaftlicher Erregung Bücher und Hefte heraus und holte triumphierend die kleine Tüte hervor.

»Die hat mir jemand in die Mappe gesteckt,« rief Anita.

Wie eine Katze war Bärbel neben der Mitschülerin, riß die Tüte auseinander und streute den Inhalt über Anita aus.

»Nun kannst du dir Ameisen ablesen!«

Fräulein Fiebiger war machtlos. Die Empörung Bärbels war ihr verständlich; aber sie konnte dem Kinde wiederum nicht verzeihen, daß sie von ihm tätlich angegriffen worden war. Anita weinte laut, so daß sich Fräulein Greger, die im Nebenzimmer Erdkunde gab, genötigt sah, persönlich einzugreifen.

»Was geht hier vor?«

Fräulein Fiebiger wollte antworten, aber Bärbel, Maria und Anita schrien gleichzeitig auf sie ein, so daß sie zunächst nichts weiter verstand als das immer wiederkehrende Wort Juckpulver.

Schließlich klärte sich die Sache auf. Anita wurde eine Stunde Nachsitzen zudiktiert, Bärbel kam nur mit einem sanften Verweise davon; doch sollte sie sich bei Fräulein Fiebiger entschuldigen.

Das geschah. Fräulein Fiebiger verzieh der kleinen Sünderin mit sauersüßem Gesicht, und Bärbel war vollauf befriedigt.

Der Schluß der Unterrichtsstunde bestand in Ermahnungen und einem Vortrag über Rache und Vergeltung. Fräulein Fiebiger erklärte ihren Schülerinnen mit Nachdruck, daß von jetzt an alle Rachegelüste zu unterbleiben hätten, und daß derjenige, der neu etwas anzettelt, von morgen ab viel strenger bestraft werde als bisher.

»Von morgen ab,« flüsterte Bärbel der Freundin Lore zu, »da wollen wir Anita schnell noch heute einen Schabernack spielen.«

»Ich hab' schon was mit,« sagte Lore.

Nun ging es ganz heimlich an die Vorbereitungen, Lore zog einen mäßig dicken Bindfaden aus der Tasche, der zu einer zusammenziehbaren Schlinge geknotet wurde.

»Ich sitze neben ihr,« sagte Lore, »ich werde es so einrichten, daß ich ihr die Schlinge um das eine Bein lege, ohne daß sie was merkt.«

»Und ich ziehe,« frohlockte Bärbel, »ich sitze ja vor ihr.«

Die Vorbereitungen waren bald beendet. Um den rechten Fuß der ahnungslosen Anita hatte sich die Schlinge gelegt, unter der Bank führte der Bindfaden nach vorn durch, zu Bärbels Hand. Nun lauerten die beiden Missetäter darauf, daß Anita zu einer Antwort aufgerufen wurde. Wenn sie sich dann erhob, zerrte Bärbel an dem Faden, und wenn alles klappte, rutschte Anita aus und fiel in die Bank zurück.

Der große Augenblick kam bald. Anita wurde gefragt, sie erhob sich, ein energischer Ruck folgte, mit Gepolter fiel Anita zurück, und schlug mit dem gezerrten Bein gegen die Bankkante.

»Was machst du schon wieder, Anita?« sagte Fräulein Fiebiger empört.

»Ich bin irgendwo hängengeblieben, Fräulein.«

Lore hatte sich schon gebückt, die Schlinge vom Fuße Anitas entfernt und den Bindfaden in der Tasche verborgen.

Aber als das Spiel wiederholt wurde, merkte Anita die Bosheit.

»Sie haben mich festgebunden, Fräulein, ich habe mich furchtbar geschlagen!«

Ehe es Lore gelang, die Schlinge wieder zu lösen, hatte Anita den Bindfaden ergriffen, hinkte damit zu Fräulein Fiebiger, um ihr alles zu zeigen.

»Einen blauen Fleck hab' ich mir geschlagen. Wenn ich dünne Seidenstrümpfe anhabe, ist das ganze Bein ruiniert.«

Fräulein Fiebiger brauchte nicht erst zu fragen, wer der Beteiligte war. Auf den Gesichtern der kleinen Missetäter stand die reinste Schadenfreude.

»Habe ich euch nicht eben einen Vortrag gehalten, wie häßlich es ist, anderen einen Schabernack zu spielen? Habe ich euch nicht mit strengster Strafe gedroht?«

Anita heulte immer lauter. »Sie hätten mir das Bein ausreißen können.«

»Ich sagte euch, daß ich derartige Ungezogenheiten streng bestrafen werde. Hast du das nicht gehört, Bärbel?«

»Sie sagten doch: von morgen ab. Und da haben wir es schnell noch heute gemacht!«

»Du bist ein ganz naseweises Ding, Bärbel. Du wirst mit Lore heute ebenfalls nachsitzen.«

»Da hätten wir die Sache auch morgen machen können,« flüsterte Bärbel der Freundin zu. »Morgen hätten wir einen dicken Strick gehabt, da wäre sie platt auf den Bauch gefallen, wenn wir mehr angezogen hätten. Schade!«

Nach Schulschluß saßen die drei Sünder nach. Fräulein Fiebiger wich nicht aus dem Zimmer, sie fürchtete, daß die feindlichen Parteien sich tätlich angriffen. Sie schickte auch die Nachsitzer in Abständen heim, um zu verhüten, daß vor der Schule eine Prügelei stattfand.

In der Apotheke wartete man auf Bärbel. Frau Wagner schaute sorgenvoll nach der Uhr. In der letzten Zeit hatte Bärbel den Eltern Freude gemacht, sie hatte fleißig gelernt, aber heute schien nun doch wieder einmal etwas vorgefallen zu sein, sonst wäre Goldköpfchen längst daheim.

Da erschien das Mädchen von Fräulein Greger und brachte ein Paketchen. Man habe den Inhalt gefunden, er gehöre wohl Bärbel. Ahnungslos wickelte Frau Wagner das Paket auf und sah auf den Unterrock.

»Gefunden, – wo hat man das hier gefunden?«

Die Botin konnte darüber keine Auskunft geben. In Frau Wagner stieg grenzenlose Angst auf. – Was war geschehen? Wie konnte jemand Bärbels Unterröckchen finden? War dem Kinde etwas zugestoßen?

Vielleicht hatte man Goldköpfchen entkleiden müssen, der Unterrock war liegengeblieben. Ein Unglücksfall geschieht so rasch. – Die gräßlichsten Bilder stiegen vor den Augen der besorgten Mutter auf. Sie holte Hut und Mantel, und ohne dem Gatten etwas zu sagen, eilte die geängstigte Mutter nach der Schule.

Gerade vor der Haustür des Schulhauses traf sie mit Bärbel zusammen, die die Augen zusammenkniff, als sie die Mutter erblickte.

»O–o–ch, du holst mich ab, – das ist fein!«

Frau Wagner sah nur das gesunde Kind vor sich stehen, sie breitete die Arme aus und zog Goldköpfchen an sich. Erst langsam wurde sie wieder ruhiger. Bärbel schaute unsicher nach der Mutter, sie konnte sich deren Verhalten nicht erklären. Sie mußte nachsitzen und wurde dafür von der Mutter umarmt. Aus der Unsicherheit heraus wagte sie auch keine Frage, sondern schritt artig neben der Mutti daher. Erst nach einer längeren Weile hatte Frau Wagner die Ruhe zurückgewonnen und forschte nun, warum das Kind heute so spät aus der Schule käme.

»Wenn ich dir jetzt sagte, daß ich nachgesessen habe, Mutti, würdest du einen ganz falschen Begriff bekommen. Ich habe zwar nachgesessen, aber nur, weil die Anita schuld daran war. – Ach, Mutti, das ist eine lange Geschichte.«

»Warum hast du denn kein Unterröckchen an?«

Bärbel schaute an sich nieder, hob das blaue Röckchen auf und blieb für Sekunden stehen. »Siehst du, Mutti,« sagte sie endlich, »daran ist auch die Anita schuld. Der Rock ist noch im Kloster.«

»Du scheinst ja wieder nette Sachen zu machen, Bärbel?«

Das Kind legte der Mutter die Hand auf den Arm: »Bitte, liebe Mutti, warte noch mit dem Schelten ein wenig, ich muß dir erst alles genau erzählen.« Nun wurde die ganze Geschichte von dem Juckpulver berichtet, und Goldköpfchen redete sich schließlich in solche Wut, daß es die Hände zu Fäusten ballte. »In der Schule darf ich mich nicht an ihr rächen, aber, nicht wahr, liebe Mutti, nächstens laden wir sie ein. – Aber dann geht es los!«

»Wir werden das unartige Mädchen überhaupt nicht mehr einladen, Kind; im übrigen wäre es besser, wenn du dich um Anita nicht mehr kümmertest.«

»Laß dir 'mal vom Onkel Provisor Juckpulver in den Hals streuen, dafür verhaust du ihn auch!«

Für diesmal verzieh man Bärbel das Nachbleiben.

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