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Goldköpfchens Schulzeit

Magda Trott: Goldköpfchens Schulzeit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Schulzeit
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160729
modified20180123
projectid5bde9c02
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6. Kapitel.
Anita Schleifer

Im Wagnerschen Hause feierte man wieder einmal Geburtstag. Die Hausfrau stand vor dem gabenbesetzten Tische, umringt von den Kindern und freute sich der hübschen Handarbeit, die von Bärbels geschickten Händen gefertigt worden war.

Goldköpfchen war über das Lob sehr erfreut. Mit Eifer und Ausdauer war an der Decke gestichelt worden, das Werk also gut gelungen. Auch die Gedichte, die man aufsagte, klappten, weder Bärbel noch die Zwillinge blieben stecken.

Kuno, der jüngere Zwilling, umarmte die Mutter immer wieder.

»Ich habe dir auch was geschenkt,« flüsterte er, »komm mal mit!«

»Bring es doch her, Kuno.«

Der Knabe lachte. »Das geht nicht, Mutti, du mußt mitkommen!«

Er nahm sie an der Hand, zerrte sie aus dem Hause hinaus in den Garten. Dort war ein riesiges Loch gegraben, in dem der Knabe fast verschwand.

»Das habe ich dir gearbeitet,« sagte er strahlend.

»Du fleißiger, guter Junge,« lobte Frau Wagner und hatte Mühe, das Lachen zurückzuhalten. Seit Tagen hatte sie den Knaben emsig im Garten arbeiten sehen. War sie in die Nähe des Loches gekommen, hatte er ihr zugeschrien, sie dürfe nicht weitergehen, es würde eine Überraschung. Nun stand die Mutter vor dem geschenkten Erdloch und sprach herzliche Worte des Dankes.

»Ich hab' aber auch dabei gepustet,« sagte Kuno, »aber für dich habe ich gern geschuftet.«

»Und ich hab' dir auch was geschenkt,« erklang Martins Stimme, »aber ganz was anderes als der Kuno. Ich habe dir eine schöne Geschichte geschrieben.«

Man ging ins Haus zurück; und nun brachte Martin seine Geschichte herbei, die er auf einen großen weißen Bogen geschrieben hatte. Mit blauen und roten Strichen war der Bogen umrändert, und als Überschrift standen die Worte: ich schenke meiner Mutter die Geschichte von das Fert!

Frau Wagner nahm den Bogen zur Hand, und schon nach wenigen Augenblicken schüttelte sie sich vor Lachen.

»Ist es schön?« fragte Martin strahlend.

Über ihre Schulter schaute der Gatte, dann las er laut: »Das Fert heißt darum Fert, weil der Milchmann damit fert. Dem Milchmann sein Fert heißt Fritz, weil es so viel frißt. Das Fert hat vier Beine, an jeder Ecke eins, und an der anderen Ecke einen Schwanz. Das Fert hat eine Haut, auf die der Milchmann haut, darum heißt die Haut haut. Ein Fert möchte ich nicht sein, lieber ein Hund, weil der nicht so schwer zu arbeiten braucht. Die Frau Zöllner ist ein Fert, so hat der Vati gesagt, weil sie immerzu arbeitet. Manche Leute machen aus dem Fert gute Braten und Wurst. Die Äppel, die es im Bauche hat, mögen wir nicht. Das ist meine Geschichte für die gute Mutti.«

Bärbel tadelte die Fehler, aber Frau Wagner legte der Tochter die Hand auf den Mund. Ihr liefen die Tränen über die Wangen, so lachte sie über die köstliche Geschichte, die mit soviel Mühe und Liebe niedergeschrieben war. Der Stolz leuchtete aus ihren Augen über die Kinder, die sich immer wieder bemühten, den Eltern mit ihren schwachen Kräften Freude zu bereiten.

Die Geschenke, die die Mutter bekommen hatte, wurden von den Kindern bestaunt.

»Mutti,« sagte Bärbel, »so eine Perlenkette wünscht sich die Anita auch zum Geburtstage.«

»Anita?« fragte Herr Wagner, »ist das die neue Schülerin in deiner Klasse?«

»Jawohl, Anita Schleifer. Sie bauen sich hier ein schönes Haus auf, jetzt wohnen sie noch zur Miete. O, Vati, die Anita hat immer so schöne Kleider an. Seide und dazu Schuhe aus Lack.«

»Für die Schule ist das nicht gerade das Geeignete,« meinte die Mutter.

»Sie haben eben zuviel Geld, sagt die Anita, sie kann sich das leisten. Ihr Vater verdient so viel, daß sie es gar nicht unterbringen können.«

»Deine kleine Mitschülerin scheint einen etwas großen Mund zu haben, liebes Goldköpfchen.«

»Sie hat mir schon gesagt, daß ich sie zu ihrem Geburtstage besuchen muß. Sie wohnen sehr schön, hat sie gesagt. Alles nur Samt und Seide, und goldene Stühle haben sie auch.«

»Dein Vati ist zufrieden mit dem, was er hat, und ich hoffe, daß du es auch bist, Kind.«

Diese neue Mitschülerin, die seit einigen Wochen in der Gregerschen Schule war und in Bärbels Klasse eingereiht wurde, war den Mitschülerinnen recht interessant. Man wußte, daß Anitas Vater einen Holzhandel hatte und aus einer größeren Stadt nach Dillstadt gekommen war, um sich hier eine Villa zu bauen. Da Dillstadt von ausgedehnten Waldungen umgeben war, blühte der Holzhandel, und Herr Schleifer versprach sich davon ein gutes Geschäft. Die Dillstädter erzählten freilich schon heute, daß Schleifer ein recht unangenehmer Herr sei, und daß auch Frau und Tochter die Nasen recht hoch trugen. Anita Schleifer war ein hübsches Mädchen mit dunklem Haar und blitzenden braunen Augen, gertenschlank und ein wenig geziert. Die Dreizehnjährige war von Fräulein Greger geprüft worden, und mit Bedauern hatte diese feststellen müssen, daß das Wissen Anitas sehr mäßig war. Nur mit Mühe konnte sie Anita in die fünfte Klasse einreihen. Fräulein Greger hatte Frau Schleifer geraten, sie möge der Tochter in einigen Fächern Nachhilfeunterricht erteilen lassen, damit die Dreizehnjährige von den Elfjährigen nicht gar zu sehr absteche und möglicherweise noch zurückbliebe. Frau Schleifer hatte darauf erwidert, daß ihre Tochter durch Tanz- und Sportstunden derart in Anspruch genommen sei, daß dieser Nachhilfeunterricht in Schulfächern ganz unmöglich wäre. Außerdem sei ihre Tochter ein hübsches Mädchen, das bald heiraten werde. Dazu brauche Anita nicht viel von der Schulweisheit.

So saß nun Anita Schleifer in der fünften Klasse mit Bärbel zusammen. Ihr prahlerisches Wesen und ihr elegantes Auftreten machte zunächst auf alle Mitschülerinnen einen gewaltigen Eindruck. Vor allem imponierte den Kindern das große Taschengeld, das Anita bekam, ferner die seidenen Kleider, die sie trug, und das sichere und selbstbewußte Auftreten. Gleich am ersten Tage hatten alle hoch aufgehorcht.

»Du bist Anna Schleifer,« hatte Fräulein Greger gefragt.

»Meine Eltern nennen mich Anita, mein Tanzstundenlehrer sagt ›Sie‹ zu mir. Ich bitte darum, daß ich auch hier so genannt werde.«

»Ich duze meine Schülerinnen alle, mein Kind, und besonders die, die in der fünften Klasse sitzen,« war Fräulein Gregers ruhige Antwort.

»Aber selbstverständlich, Fräulein, ich habe ja auch nichts dagegen, doch möchte ich um den Namen Anita bitten. Ich würde auf Anna nicht hören.«

Da die Schulvorsteherin wußte, daß sie bei Frau Schleifer keinen Rückhalt fand, erfüllte sie schweigend den Wunsch der neuen Schülerin.

»Du hast aber Mut,« sagte Bärbel nach Schluß der Stunde, »vor Fräulein Greger haben wir alle großen Respekt.«

Anita zuckte die Schultern. »Warum soll ich denn vor einer Lehrerin Respekt haben? Diese Leute leben von unserem Gelde, wir bezahlen den Unterricht, infolgedessen müssen sie sich nach uns richten. Kämen wir nicht her, hätte Fräulein Greger nichts zu essen.«

Bärbel hörte diese neue Offenbarung mit Staunen an. Schließlich sagte sie schüchtern: »Aber man muß doch etwas lernen, und einer muß da sein, der uns alles sagt.«

»Sie guckt ja auch nur ins Buch. Die Lehrer haben alle Bücher, in denen Fragen und Antworten fertig gedruckt stehen; das ist keine Kunst. – Ich könnte auch Lehrerin sein.«

Georg Schenk lachte auf. »Du wärst aber eine furchtbar dämliche Lehrerin. Bist schon dreizehn Jahre alt und sitzt immer noch in der fünften Klasse. Die Lise Holler ist auch dreizehn, und sie ist in der dritten Klasse.«

»Ich wende meine Aufmerksamkeit mehr der Tanzstunde zu,« erwiderte Anita schnippisch. »Kannst du eigentlich tanzen?«

Die Kinder verneinten.

Anita lachte spöttisch. »Darum seid ihr auch so wenig graziös. Meine Mutter hat gesagt, daß ich nächstens noch rhythmischen Unterricht erhalte.«

»Du bist ja meschugge,« sagte Georg, drehte sich um und ließ Anita stehen.

Von nun an gab es jeden Tag in der Schule etwas Neues. Anita wußte stets etwas zu erzählen, was von ihren Mitschülerinnen mit Staunen entgegengenommen wurde. Die Kinder fühlten sich recht geschmeichelt, als die Holzhändlerstochter eines Tages die Einladungen zu ihrer Geburtstagsfeier überbrachte.

»Ich darf mir einladen, wen ich will. Es wird eine große Gesellschaft. Es gibt Bowle und Konfekt, soviel ihr essen wollt. Beim Konditor sind Torten bestellt. Ihr werdet über meinen Geburtstagstisch staunen. Ich bekomme ein rosa Kleid aus Seide, ein blaues aus Samt, und einen Mantel mit weißem Pelz besetzt. – Hast du auch ein rosa Seidenkleid, Bärbel?«

»Nein.«

»Was wirst du denn anziehen, wenn du zu meinem Geburtstag kommst?«

»Das wird mir die Mutti sagen.«

»Hübsch müßt ihr euch machen, denn es sind auch junge Herren da. Meine Wünsche wißt ihr ja. Ein paar Glacéhandschuhe, Parfüm, ein Manikurkasten, dann hätte ich gern noch altdeutschen Schmuck gehabt. Eine Perlenkette bekomme ich von Mama. Aber für das rosa Kleid würde vielleicht ein antiker Schmuck noch passender sein. – Nun, ihr könnt es euch überlegen.«

»Willst du keine Schokolade haben?« fragte Hanna schüchtern.

Anita lachte auf. »Willst du mir vielleicht eine Tafel Schokolade schenken, die ich mir täglich von meinem Taschengeld kaufen kann? Dann iß die Tafel nur selbst und komm' ohne etwas. Wenn du mir nicht etwas anderes bringst als Schokolade – – na – gelacht!«

Je näher der Geburtstag kam, um so erregter wurden die Kinder. Anita sprach von fabelhaften Überraschungen und von einer Feier, wie man sie hier in Dillstadt noch nicht erlebt habe.

»Was schenkst du denn?« fragte Bärbel ihre Mitschülerin Hanna.

»Meine Mutti hat gesagt, ich solle ein Buch mitnehmen.«

Bärbel berichtete den Eltern von den Wünschen der schönen Anita. »Du mußt mir eine Kette kaufen, Mutti, eine sehr schöne Kette, denn die Anita hat viel Geld und will nur schöne Sachen haben.«

»Nichts da, Goldköpfchen. Anita bekommt ein Kästchen mit Konfekt, weiter nichts.«

»Aber, Mutti,« rief Bärbel erschreckt, »sie sagt, Schokolade kann sie sich allein von ihrem Taschengelde kaufen.«

»Das ist einerlei, du nimmst einen Kasten Konfekt mit, und wenn es Anita nicht paßt, braucht sie dich nicht mehr einzuladen.«

Bärbel war recht niedergeschlagen. Sie fürchtete den Hohn der Schulkameradin, aber sie wußte doch keinen anderen Ausweg. In der Apotheke gab es so schöne Kästen mit Seife und Parfüm. Ob ihr der Onkel Provisor da nicht helfen konnte?

Sie stellte ihm die Sache vor; aber Senftleben schüttelte den Kopf. »Konfekt ist immer etwas sehr Schönes, liebes Goldköpfchen, und wenn deine Mutti gesagt hat, daß Anita Konfekt bekommt, ist das ganz richtig.«

Der Geburtstag kam heran. Am Vormittag fehlte Anita in der Schule. Frau Schleifer hatte eine Entschuldigung geschickt, die Tochter bedürfe dringend der Ruhe, da sie heute nachmittag eine Festlichkeit vorhabe. Unter den Kindern herrschte begreifliche Erregung. Bärbel, die sich früher niemals um ihre Kleider gekümmert hatte, forschte ängstlich bei Hanna und Maria, was jene anzögen. Sie war mit ihrem weißen Sonntagskleide durchaus nicht einverstanden, obwohl sie es bisher sehr geliebt hatte.

Dann kam die Frage der Geschenke an die Reihe, und kleinlaut berichtete Bärbel, daß sie einen Kasten Konfekt bringe.

»Und ich eine Tafel Schokolade,« rief Georg. »Ich habe der Mutter gesagt, wir wollen Schokolade schenken. Die Anita hat ja gesagt, sie will sie nicht haben, da kriegt sie sie erst gar nicht.«

»Das ist doch Schwindel,« meinte Bärbel.

»Deinen Konfektkasten schmeißt sie dir auch vor die Füße, das alte Großmaul. Wollen mal sehen, ob es so fein ist wie beim Schuster Peters. Au – dort haben wir aber Ulk gemacht!«

Als sich Bärbel nachmittags für die Geburtstagsfeier ankleidete, hing die Unterlippe des Kindes weit herab.

»Was machst du denn für ein Gesicht, Bärbel?« rügte die Mutter.

»Das olle weiße Kleid, und der Kasten mit Schokolade.«

»Wenn du nur noch einen Ton sagst, ziehst du das dunkle Wollkleid an.«

Die Laune, mit der sich Goldköpfchen auf den Weg machte, war nicht gerade gut. Sie schlenkerte den Konfektkasten hin und her, daß sich der Bindfaden löste, in weitem Bogen flog der Kasten davon, hinein in die Gosse.

Voller Entsetzen betrachtete das Kind das beschmutzte Geschenk. Es nahm das Taschentuch, wischte den Kasten schnell ab; aber die Schmutzspuren ließen sich nicht mehr vertilgen.

»Jetzt wird sie mich furchtbar auslachen,« philosophierte sie vor sich hin, »jetzt denkt sie, ich habe einen alten, dreckigen Kasten genommen.« Mit gesenktem Köpfchen schritt sie weiter. Sollte sie umkehren und dem Vati ihr Unglück schildern, um vielleicht doch einen Kasten mit Seife zu bekommen?

Immer wieder betrachtete Bärbel den unsauberen Karton. Das war doch kein Geschenk für die reiche, schöne Anita. Aber der Vater würde ihr nun erst recht keine Seife geben, weil sie so unachtsam gewesen war.

Mißmutig wanderte das Kind weiter. Plötzlich erblickte es auf dem Straßenpflaster ein in weißes Seidenpapier eingewickeltes Päckchen. Neugierig, wie Bärbel war, hob es das Paketchen auf und wickelte es auf. Ein glänzender Pappkasten kam zum Vorschein, der, als ihn Bärbel öffnete, auf rosa Atlas eine Perlenkette zeigte.

Soviel war Goldköpfchen klar, daß hier irgend jemand dieses kostbare Stück verloren hatte. Eine Perlenkette! – Vielleicht war das ein geeignetes Geschenk für Anita.

Bärbels Herz wurde plötzlich froh und leicht. Den schmutzigen Konfektkasten brauchte sie nun nicht zu schenken, sie würde Anita die gefundene Kette überreichen und damit den Vogel abschießen. Wie würde man im Schleiferschen Hause staunen, wenn sie solch ein Geschenk präsentierte.

Für Augenblicke kamen Goldköpfchen allerdings Bedenken. Die Kette war gefunden, war also nicht ihr Eigentum. Die Mutter würde es niemals erlauben, daß sie die Kette weiterschenkte. Da Bärbel aber das Unglück mit dem Konfektkasten gehabt hatte, konnte man ihr Verhalten entschuldigen.

Sie wickelte den Schmuckkarton wieder sorgfältig ein, bohrte mit dem Finger ein Loch in den Konfektkasten und nahm ein Stück heraus. Jetzt brauchte sie den Karton nicht mehr, denn jetzt hatte sie ein viel schöneres Geschenk.

Strahlend vor Stolz erreichte sie das Haus, in dem Schleifers wohnten. Hinter der Haustür stand Georg Schenk. Er war dabei, eine ausgewickelte Tafel Schokolade zu verspeisen.

Bärbel lachte.

»Nachher kriegt sie die Pappe,« meinte der Knabe, »sie will ja keine Schokolade. – Was hast du denn da?«

»Was Feines,« erwiderte das Kind stolz und wickelte den Schmuckkarton aus.

Verächtlich schaute Georg auf die Kette. »So ein Quatsch! Mir wäre Schokolade lieber.«

Dann stiegen beide die Treppe empor. Schon im Korridor herrschte Stimmengewirr. Anita hatte etwa zwanzig Einladungen ergehen lassen. Die meisten der Geladenen waren bereits eingetroffen.

Plötzlich merkte Bärbel, daß Georg sich an ihrem Röckchen zu schaffen machte. »Was tust du denn da?«

Georg grinste, sagte aber nichts. Er wollte es nicht gestehen, daß er sein Taschentuch vergessen hatte und nun die Schokoladenfinger ganz heimlich in Bärbels Rock wischte. Er erschrak allerdings selbst, als er die vielen dunklen Flecken sah, die seine Unbedachtsamkeit hervorgerufen hatte.

Als Goldköpfchen im Flur Hut und Handschuhe ablegte, sah das bedienende Hausmädchen die Flecke.

»Aber, Kleine, was hast du denn gemacht, dein Kleid ist ja ganz schmutzig.« Sie nahm das erschreckte Kind in die Küche, und dort wurde mit Hilfe von Schwamm und Seife der Schaden leidlich wieder behoben.

»Warte noch einen Augenblick, Kleine, dann ist dein Röckchen wieder trocken. Stell dich hier ans Fenster.«

Bärbel fühlte sich recht bedrückt. Das war ein netter Anfang, nun mußte sie mit einem feuchten Kleid zu den anderen Gästen gehen.

Während sie noch wartend stand, erschien plötzlich ein zweites Mädchen mit verweintem Gesicht.

»Ich bin den ganzen Weg zurückgelaufen,« schluchzte jene, »aber ich habe das Paket nicht gefunden. Die gnädige Frau verlangt von mir Ersatz.«

»Wo können Sie es nur verloren haben, Bertha?«

»Ich hatte so vieles im Arm, da muß mir die Kette herausgerutscht sein. Nun wartet die gnädige Frau darauf.«

Bärbel horchte auf. »Haben Sie was verloren?« fragte sie scheu.

Das Hausmädchen begann erneut zu weinen. »Die gnädige Frau hat unserem Fräulein Anita eine Perlenkette beim Juwelier bestellt, die war erst heute mittag fertig. Ich sollte sie abholen, und nun ist die Kette verlorengegangen.«

»In einem Kasten mit rosa Seide?«

»Ja.«

Bärbel hatte das Gefühl, als stürze die Küche mit allem Geschirr über ihr zusammen. Das Kästchen, das sie in den nächsten Minuten Anita überreichen wollte, war ein Geschenk von Frau Schleifer an ihre Tochter. Natürlich würde man ahnen, daß Bärbel die Kette gefunden hatte, und dann lachte man sie noch aus.

Bärbels Hand umkrampfte den Karton. Was sollte sie tun? Sie sah plötzlich nicht mehr das Gesicht des weinenden Hausmädchens vor sich, sie sah Ella, von der man sagte, daß sie ein Fünfzigpfennigstück veruntreut habe. Bärbel sah sich selbst wieder in der Laube sitzen, vor sich das Buch mit dem Vers: »Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran, zuerst ein Zwerg, ein Riese hinternach.«

Noch war jene furchtbare Stunde unvergessen. Nein, Bärbel wollte nicht noch einmal all das Schreckliche durchleben. Sie war eben wieder im Begriff gewesen, etwas Häßliches zu tun, und hatte sich doch damals fest vorgenommen, treu und wahr zu sein. Sie sah die traurigen Augen der Mutter, und das gab dem Kinde die Entschlußkraft.

»Ich habe das hier gefunden.« Damit reichte Bärbel dem Hausmädchen den eingewickelten Schmuckkarton.

Es war die Kette. Das Mädchen war überglücklich und stürmte davon. Aber auch Bärbel hatte plötzlich ein Gefühl der Befriedigung, das allerdings zusammenbrach, als sie jetzt den beschmutzten und eingedrückten Karton vor sich sah. O, warum hatte sie genascht! Nun fehlte aus dem Kasten das beste Stück. Diesen Kasten konnte sie unmöglich schenken. Es war wohl das Richtigste, wenn sie rasch wieder heimging und auf das Freudenfest verzichtete.

Sie huschte hinaus in den Flur, lief aber dort Frau Schleifer in die Arme.

»Ah, da bist du ja auch, mein Kind, Anita wartet schon auf dich. O, wie hübsch du aussiehst!«

In Bärbels Brust hämmerte das Herz stürmisch. Sie hielt krampfhaft den zerbrochenen Karton in der Hand und ließ sich von Frau Schleifer in das große Erkerzimmer führen.

Anita war von Freundinnen und Freunden umringt. Sie kam Bärbel nicht entgegen, sondern winkte nur mit der Hand. Goldköpfchen hatte ein Gefühl, als hinge ihm Blei an den Füßen. Die vielen Menschen würden furchtbar lachen, wenn sie den unsauberen und bestohlenen Karton der Schulkameradin reichte.

»Ich gratuliere dir zum Geburtstage,« stammelte sie, »und wünsche dir alles Gute.« Die Hand mit dem Karton wanderte auf den Rücken. Dafür überzog sich Bärbels Gesicht blutrot.

»Du hast mir da wohl etwas mitgebracht?« fragte Anita.

Bärbel sagte nichts. Mit gesenktem Kopf stand sie vor Anita, regungslos.

»Du bist 'ne nette Freundin, – warum willst du mir das Geschenk nicht geben? Ich weiß schon, Parfüm aus der Apotheke.«

»Nein,« stieß Bärbel jämmerlich hervor.

»So zeig' doch!« Anita griff hastig zu und entriß Bärbel den Karton.

Enttäuscht schaute sie auf das Geschenk. »Der ist ja schon kaputt.«

»Er ist mir runtergefallen und dann – dann – –«

»Na ja,« meinte Anita, »ihr scheint nicht viel zu verdienen. Deine Eltern sind wohl nicht reich?« Damit stellte sie mit einem verächtlichen Lächeln den Karton auf den Gabentisch.

»Ha – nu nimmt sie ihn ja doch,« rief Georg, »ich denke, du willst keine Schokolade!« Das Weitere verging in dem Redeschwall der Anwesenden. Endlich rief man zu Tische. Anita nahm den Arm eines jungen Mannes und schritt voran ins Nebenzimmer, in dem die Kaffeetafel gedeckt war.

Es gab reichlich zu essen, aber trotzdem wollte eine echte Kinderfröhlichkeit nicht aufkommen. Anita führte das große Wort, sprach viel von der Tanzstunde und von dem Kleide, das sie zum Tanzstundenballe bekäme, und ließ die anderen kaum zu Worte kommen. Dann machte man Pfänderspiele, bei denen die Kleineren vollkommen ausgeschaltet wurden. Anita und die jungen Mädchen und Herren aus der Tanzstunde neckten sich untereinander, so daß sich Bärbel, Maria und Hanna vernachlässigt fühlten. Es langweilte sie, was die anderen spielten.

Nun mußte Anita als Pfand einen Tanz aufführen, zwei junge Mädchen mußten gemeinsam tanzen, und die anderen saßen interesselos daneben.

»So was Stumpfsinniges,« brummte Georg, »ich verderbe mir jetzt den Magen und geh dann nach Hause.«

Er sprach der herumgereichten Speise übermäßig zu und beteiligte sich nicht am Spiele der anderen. Auch Bärbel gähnte, und Maria weinte, weil man sich gar nicht um sie kümmerte.

Da wurde ein Tänzchen vorgeschlagen. Anita verschwand und kehrte bald darauf in einem Rokokokostüm zurück.

»Ich tanze euch jetzt etwas vor.«

Dann wurde allgemein getanzt, aber natürlich engagierten sich nur die untereinander, die bereits Tanzstunde hatten. Die anderen saßen gelangweilt umher, zumal sie die modernen Tänze nicht kannten. Als einige wagten, auf gut Glück loszutanzen, wurde Anita sehr grob und verwies ihnen dieses alberne Hopsen.

Weder Herr noch Frau Schleifer ließen sich sehen, und so hatte Anita allein das große Wort. Sie betrachtete sich natürlich als Hauptperson und kümmerte sich nicht um ihre Schulkameradinnen.

»Jetzt kommt ein Kostümtanz meiner Wenigkeit mit Herrn Zimmermann. Wir kleiden uns dazu nur rasch um.«

Anitas Stimme klang schrill durch den Raum.

»Ich geh' nach Hause,« erklärte Georg, »kommst du mit? Wollen wir noch zum Schuster gehen?«

Bärbel war sehr verärgert. »Da hat sie nun gesagt, es wird sehr schön werden, und nun ist gar nischt.«

»Ich hab' nicht mal zum zweiten Male von der Speise gekriegt,« weinte Maria.

»Ich hab' viermal genommen,« frohlockte Georg.

»Jetzt gibt's ja doch nischt mehr,« meinte Hanna, die ebenfalls sehr beleidigt war, »ich geh' auch nach Hause.«

Georg war schon auf den Flur gelaufen, hatte sich seinen Hut vom Haken geangelt, machte rasch noch einmal die Zimmertür ein wenig auf und winkte den drei in der Zimmerecke sitzenden Schulgefährtinnen listig zu.

»Er geht,« sagte Bärbel bewundernd, »der ist schlau!«

»Ich geh' auch,« piepste Hanna.

Wenige Minuten später trotteten die drei Mädchen heimwärts.

»War das langweilig,« meinte Bärbel, »wenn die morgen fragt, wie es mir gefallen hat, sage ich ihr, ich komme nicht wieder.«

Im Wagnerschen Hause war man sehr erstaunt, daß Bärbel so zeitig zurückkehrte. Entrüstet berichtete das Kind von der schlechten Behandlung, die es dort erfahren hatte.

»Du wirst gut daran tun, Bärbel, wenn du dich nicht so fest an Anita anschließt. Sie ist ja auch viel älter als du und paßt nicht recht zu dir. Aber erzähle einmal, was hat Anita alles bekommen?«

»Das ist 'ne alte Putzdogge,« sagte Bärbel wegwerfend. »Zwei Kleider, ein Armband, einen Mantel, Strümpfe, Schuhe und – und –«

Frau Wagner sah die Röte, die in das Gesicht des Kindes stieg. »Nun?«

»Und eine Kette,« sagte Bärbel und wandte sich zur Seite.

Frau Wagner nahm den Kopf der Kleinen zwischen ihre beiden Hände. »Was ist es mit der Kette, Bärbel?«

Das Kind holte tief Atem. »Ich habe auf die Stimme des Gewissens gehört, Mutti, und da habe ich es nicht gemacht.«

»Was denn, mein Goldköpfchen?«

Das Kind schmiegte sich an die Mutter und erzählte alles.

Die Mutter drückte ihm einen Kuß auf die Stirn. »Das war sehr brav von dir, Bärbel, nur hättest du gar nicht erst daran denken dürfen, die Kette zu verschenken. Was wäre geschehen, wenn du im Schleiferschen Hause als Diebin dagestanden hättest?«

»Hast recht, Mutti, aber du hast damals so traurige Augen gehabt, da hätte ich es doch nicht gemacht. Ich hab' noch daran gedacht.«

In inniger Umarmung fanden sich Mutter und Kind.

Seit dieser Geburtstagsfeier hatte Anita in den Augen ihrer Mitschülerinnen sehr verloren. Sprach sie von daheim, erklärten ihr die Kinder einstimmig, daß es bei Schleifers viel zu langweilig wäre, und wenn Anita in die Schule kam und ein neues Kleid anhatte, keimte auch kein Neid mehr hoch.

»Wir spielen lieber, als daß wir uns immerzu anders anziehen,« meinte Bärbel.

Ebenso fand Anita kein Interesse mehr; wenn sie von der Tanzstunde berichtete. Dann stand vor den Kindern jener Nachmittag, an dem sie ganz vergessen im Nebenzimmer gehockt hatten.

»Wenn wir bei uns tanzen, ist es viel schöner,« meinte Bärbel.

Auch Anitas sonstiges Verhalten wurde von den Mitschülerinnen sehr gerügt. Wenn man sie mit jungen Herren sah, wenn sie sich von der Schule abholen ließ, kicherten die drei Mädchen hinter ihr her, und Bärbel meinte:

»Sie sollte lieber Schularbeiten machen. Aber zum Lernen ist sie zu dumm, zum Spazierengehen langt es noch.«

Den größten Vorteil hatte Fräulein Greger. Nicht nur Bärbel, auch Maria und Hanna bemühten sich, Anita in den Stunden auszustechen. Man lernte daheim emsig, um ja keine Antwort schuldig zu bleiben. Man lauerte förmlich darauf, daß Anita eine falsche Antwort gäbe. Und wenn das geschah, frohlockte die Klasse. Die reinste Schadenfreude brach aus, wenn sich Anita blamierte; und das geschah in der Schulzeit recht oft. Die Holzhändlerstochter blieb allerdings den Mitschülerinnen gegenüber eine Antwort niemals schuldig.

»Ihr habt es ja nötig, zu lernen, denn eure Eltern sind arm, aber ich bin reich und heirate bald. Ich brauche mich nicht mit solch dummem Zeuge abzuquälen.«

»Wenn du so dumm bleibst, will dich kein Mann haben, ich nehme dich bestimmt nicht,« sagte Georg verächtlich.

»Ach Gott, – du!« entgegnete Anita, »dein Vater steht hinter dem Ladentisch. – Ich heirate einmal ganz was anderes.«

»Du dumme Gans wärest ja froh, wenn ich dir die Schulmappe heimtrüge, aber so ein Idiot bin ich nicht.«

»Von solch einem kleinen Jungen lasse ich mir meine Bücher nicht tragen.«

»Dann mußt du auch nicht mit so einem kleinen Jungen in derselben Klasse sitzen,« warf Bärbel ein.

Georg fühlte sich gar nicht verletzt. »Du suchst dir die großen Männer aus, und dann verdrehst du die Augen und machst so–o–o–o!« Georg stellte sich vor Anita hin, raffte mit gespreiztem Finger das eine Hosenbein, legte den Kopf auf die Seite, verdrehte die Augen und machte ein furchtbar dummes Gesicht.

»Du alberner Bengel, du hast hier überhaupt nicht mitzureden.« – –

So ging der Streit zwischen den Kindern hin und her. Vergeblich versuchte Anita, durch Erzählungen ihr Licht erneut aufleuchten zu lassen. Sie sprach von der Villa, die geradezu fürstlich eingerichtet würde, und wandte sich schließlich herablassend an Bärbel:

»Wenn wir eingezogen sind, darfst du zu uns kommen und dir alles ansehen.«

»Nein,« erwiderte Goldköpfchen energisch, »zu euch komme ich nicht mehr, bei euch ist es mir zu langweilig.«

»Meine Mama hat in den nächsten Tagen Geburtstag. Der Papa schenkt ihr einen echten Teppich für dreitausend Mark, und ich schenke der Mama ein kleines Harmonium.«

»Hast du denn soviel Geld?«

»Das gibt mir der Papa.«

»Dann ist es doch kein Geschenk von dir,« meinte Bärbel.

»Was verstehst du denn davon! Du stickst deiner Mama eine Decke für fünfzig Pfennige. Glaubst du denn, daß sie sich über solchen Plunder freut?«

»Ja, sie freut sich!«

»Sie tut wenigstens so,« lachte Anita spöttisch. »Über solchen Plunder freut sich keine Hausfrau.«

Versonnen ging Bärbel heim. Doch, die Mutter hatte sich über ihre Decke gefreut, ihre blauen Augen hatten gar so hell geleuchtet. Aber es ließ dem Kinde keine Ruhe.

»Mutti,« fragte sie beim Essen, »ich möchte furchtbar gern was wissen.«

Fragend schaute Frau Wagner auf die Tochter.

»Hast du dich über meine Decke zum Geburtstage gefreut, oder war das Plunder?«

»Nein, mein geliebtes Goldköpfchen, das war kein Plunder, das war ein sehr schönes Stück, das deine Mutti in hohen Ehren hält.«

»Hast du dich auch über mein Erdloch gefreut?« schrie Kuno.

Frau Wagner breitete beide Arme weit aus; die drei Kinder schmiegten sich wie schutzsuchende Vöglein hinein.

»Ich freue mich über euch alle, über all eure Geschenke. Ich freue mich auch darüber, daß ihr so lieb und wahr seid, und daß ihr euren Eltern gern eine Freude macht.«

Bärbel war es zufrieden, die Mutter log nicht. Die Decke war also doch kein Plunder!

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