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Goldköpfchens Schulzeit

Magda Trott: Goldköpfchens Schulzeit - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Schulzeit
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160729
modified20180123
projectid5bde9c02
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5. Kapitel.
Bärbel entwickelt allerlei Fähigkeiten

»...und weil Bärbel in den letzten drei Wochen keinen Anlaß zum Tadel gegeben hat, setze ich sie für diese Stunde als Aufsicht ein, weil ich nebenan in der dritten Klasse zu unterrichten habe. Ihr wißt ja alle, daß Fräulein Fiebiger leicht erkrankt ist, und ich hoffe, daß ihr mich durch Fleiß und Folgsamkeit unterstützen werdet.«

Es war Fräulein Greger, die diese Worte an die Klasse richtete. Die vier Schüler der sechsten Klasse sollten aus dem Gedächtnis eine Geschichte, die sie gelesen hatten, niederschreiben, während die Kleinsten der Schule, unter ihnen die Zwillinge, zeichneten.

Mit strahlenden Augen erhob sich Goldköpfchen vom Platze und war mit einem Sprung auf dem Katheder.

»Bleibe nur auf deinem Platze sitzen,« sagte Fräulein Greger freundlich, »hier oben kannst du doch nicht recht schreiben. – Ihr habt es alle gehört, ihr sollt Bärbel folgen und artig und fleißig sein. Bärbel wird mir am Schluß der Stunde berichten, wer unfolgsam war.«

Fräulein Greger begab sich ins Nebenzimmer, um den Geschichtsunterricht in der zweiten Klasse zu erteilen. Sie mußte sich allein behelfen, bis Fräulein Fiebiger widerhergestellt war. Schon lange hatte sich Fräulein Greger vorgenommen, Bärbel Wagner irgendwie zu belohnen, denn mit dem Kinde war seit Wochen eine ihr unerklärliche Veränderung vorgegangen. Goldköpfchen machte seine Schularbeiten ordentlich und gewissenhaft, gab sich die größte Mühe, während der Stunden aufzupassen, und unterließ auch die vorwitzigen Fragen. Fräulein Greger hatte sich bei Frau Wagner erkundigt, was der Grund dieser Veränderung wäre, und erfuhr bei diesem Besuch die Geschichte von dem Ausflug und den fünfzig Pfennigen.

Die Schulvorsteherin, die schon lange für Bärbel herzliche Liebe empfunden hatte, schloß das goldlockige Kind nur noch fester in ihr Herz. Sie wußte längst, daß in Bärbel ein wertvoller Kern steckte, daß aber die Schülerin gedankenlos und wild war und darum auch die Schule nicht schätzte. Fräulein Greger hatte die Erfahrung für sich, daß gerade diese trägen Kinder später die besten und wertvollsten Menschen wurden, und so drückte sie Bärbel gegenüber sehr oft ein Auge zu.

Seit drei Wochen war das nicht mehr nötig. Jene schreckliche Herzensnot wirkte noch heute in dem Kinde nach. Goldköpfchen hatte sich fest vorgenommen, den Eltern in Zukunft nur Freude zu machen. Daheim schlug sie zwar immer noch über die Stränge, nicht immer glückte es mit der Folgsamkeit und dem Bravsein; aber die Eltern sahen den guten Willen ihres Kindes und schwiegen sehr oft da, wo sie sonst gescholten hätten.

Durch die Auszeichnung, die Bärbel in diesem Augenblick zuteil wurde, fühlte sich das Kind gehoben. Die großen blauen Augen überflogen prüfend die beiden Klassen und blieben an Georg haften, der ihr die Zunge herausstreckte.

»Bald hast du einen Tadel weg,« sagte sie, indem sie sich bemühte, die Stimme Fräulein Fiebigers nachzuahmen.

»Schreib' lieber und glotz mich nicht an,« gab ihr Georg zur Antwort.

»Ich bin zum Aufpasser ernannt worden.«

»Fräulein,« neckte Hanna und hob den Finger. »Fräulein Bärbel, schreibt sich Fastnacht am Ende mit einem d oder einem t?«

»Fastnacht?« sagte Bärbel gedankenvoll, »das schreibt sich überhaupt ohne d und t.«

»Faßnach,« schrieb Hanna und hielt Bärbel das Heft hin. »Ist das so richtig?«

»Ja.«

»Fräulein,« brüllte Georg, »wie schreibt sich denn Hyazinthe?«

»Das mußt du allein wissen. Eure Lehrerin ist nicht dazu da, euch die einzelnen Worte zu buchstabieren. Ich bin der Aufpasser.«

Georg kicherte. »Weil sie es selber nicht weiß, darum sagt sie es nicht.«

»Bald hast du einen Tadel weg,« klang es wieder streng.

»Bärbel,« krähte Kuno, der eine der Zwillinge, »ich male jetzt einen Mond.«

»Gut.«

»Bärbel, was freßt denn der Mond, daß er alle Tage dicker wird?«

»Wolken!«

»Oh – warum fress' ich dann nicht auch Wolken?«

»Weil du nicht so hoch oben bist.«

»Bärbel – wohnen auch Menschen auf dem Monde?«

»Frag' nicht so viel, Kuno, sondern zeichne!«

Georg wandte sich um. »Natürlich wohnen Menschen auf dem Monde, hunderttausend.«

»Auf dem kleinen Teller?«

»Na,« lachte Georg, »du sollst mal sehen, Kuno, wenn der Mond nur noch 'ne Ritze ist, wie sich dort die Leute drängeln.«

»Ach – das möcht' ich mal sehen!«

»Haltet den Mund, Kinder!« klang es von Bärbels Lippen, »oder ihr habt alle einen Tadel weg.«

»Du kannst wohl nischt anderes sagen,« meinte Hanna.

Bärbel machte den Zeigefinger steif und klopfte damit auf den Tisch, wie sie es bei Fräulein Fiebiger gesehen hatte.

»Herein,« krähte Kuno.

»Ich muß mir jetzt Ruhe ausbitten. Wenn die Hinteren nicht ruhig sind, bringe ich sie nach vorn.«

Wieherndes Gelächter war die Antwort. Georg, Hanna und Maria schrien vor Vergnügen.

»Ich gebe euch einen Tadel,« erboste sich Bärbel und überschrie damit die jubelnde Klasse.

Da stand schon Fräulein Greger in der Tür, bei deren Anblick alle verstummten.

»Ich denke, Bärbel, du paßt auf?«

»Wenn ich mir keinen Respekt verschaffen kann! – Hätte ich nur einen Stock.«

Fräulein Greger wandte sich ermahnend an die anderen Kinder. »Ich denke, ihr tut mir die Liebe und seid schön still. Ihr schreibt weiter, und ihr Kleinen zeichnet fleißig. Ich lasse die Tür nach meiner Klasse auf und wünsche, daß ich nicht mehr gestört werde.«

Aber Fräulein Greger hatte nicht mit der Hellhörigkeit ihrer Schar gerechnet. Die Geschichtsstunde, die nebenan gegeben wurde, fesselte die sechste Klasse derart, daß überhaupt nichts mehr geschrieben wurde. Man saß und lauschte der interessanten Erzählung. Herkules mit seinen zwölf Arbeiten interessierte die Kinder unendlich.

»Ein Donnerwetterkerl,« sagte Georg bewundernd und lauschte aufmerksam.

Aber auch die Kleinsten hörten gespannt zu. Als man über die Reinigung des Augiasstalles staunte, lief plötzlich der eine der Zwillingsbrüder an die Tür, betrat das Nebenzimmer und sagte mit strahlendem Gesicht:

»Fräulein, ich hab' gestern auch den Dreck aus dem Hühnerstall 'rausgemacht.«

Fräulein Greger war wiederum genötigt, den lebhaften Knaben in die andere Klasse zurückzubringen. Sie sah ein, daß das Offenlassen der Tür ein Fehler gewesen war, denn die Erzählung, die man niederschreiben sollte, war über die ersten Zeilen nicht hinausgekommen.

Neue Ermahnungen folgten, dann wurde die Tür geschlossen. Aber nun lauschte man nebenan doppelt, und Georg unternahm es, die Tür leise wieder zu öffnen.

Im Nebenzimmer wurden Fragen gestellt. Namen fielen, die die Kinder noch nicht gehört hatten. Aber nun kam etwas, das selbst Bärbel aufhorchen machte. Schon zum dritten Male fragte Fräulein Greger, ob nicht irgend jemand der Kinder zwei Männer nennen könne, die in enger Freundschaft verbunden waren. Bärbel hatte etwas von Kastor und Pollux gehört; auch andere Namen waren gefallen, aber noch immer gab sich Fräulein Greger nicht zufrieden.

»Nun, Kinder, wer weiß noch etwas?«

Da wurde die Tür leise aufgemacht, Bärbels Arm mit dem ausgestreckten Fingerchen zeigte sich. Fräulein Greger wurde erst durch das Lachen ihrer Schülerinnen auf das Kind aufmerksam.

»Was willst du, Bärbel?«

»Ich weiß noch zwei,« klang es bescheiden zurück. »Max und Moritz.«

»Geh nur wieder an deine Arbeit, Bärbel,« entgegnete freundlich Fräulein Greger, »du darfst doch deine Klasse nicht verlassen.«

Endlich war auch diese Stunde vorbei, es war nicht viel geleistet worden.

»Wenn du mich verklatschst,« hatte Georg noch kurz vor Schluß gesagt, »dann versohle ich dich in der Pause gehörig.«

Aber Bärbel fand gar nicht, daß Georg besonders unartig gewesen sei, und berichtete Fräulein Greger: »Ich bin mit den Schülern durchaus zufrieden.«

Sie bekam allerdings am nächsten Tage von Hanna Hasselmann heftige Vorwürfe, als ihr das Wort Faßnach als Fehler angestrichen war.

»Sie hat es mir gesagt,« rief Hanna, indem sie auf Bärbel wies, »wenn sie nichts weiß, soll sie nicht unterrichten.«

Aber Bärbel fühlte sich doch sehr gehoben, denn das Bewußtsein, auch einmal Lehrerin gewesen zu sein, stärkte ihr das Rückgrat.

Schon wenige Tage später trat eine neue Aufgabe an sie heran, die sie stolz zu übernehmen versprach.

Herr und Frau Wagner hatten sich entschlossen, eine Reise ins Gebirge zu unternehmen. Die Kinder wollte man nicht mitnehmen, sondern in der treuen Obhut der Großmama lassen, die sich bereit erklärt hatte, während der Abwesenheit in der Apotheke nach dem Rechten zu sehen.

»Von dir, Bärbel, hoffe ich, daß du den Brüderchen mit gutem Beispiel vorangehst. Du kümmerst dich auch ein wenig um die Schularbeiten und gibst acht, daß die Kleinen nicht zu wild sind.«

»Du kannst ruhig reisen, liebe Mutti, ich werde die Brüder erziehen.«

»Vor allem aber hast du der Großmama zu folgen, ihr die Arbeit zu erleichtern und recht artig zu sein.«

»Du wirst staunen, Mutti, wie artig ich sein kann!«

Zwei Tage vor der Abreise der Eltern traf Frau Lindberg in Dillstadt ein. Sie wurde jubelnd von den Kindern begrüßt, denn die Großmama kam nie mit leeren Händen. Auch heute brachte sie außer Süßigkeiten für jedes Kind noch ein schönes Geschenk mit. Kuno, der eine der Zwillinge, erklärte, es wäre am besten, wenn die Großmama morgen wieder abführe und übermorgen wiederkäme.

»Sei nicht so gierig,« verwies Bärbel den Bruder, »sei froh, daß die Großmama gekommen ist. Wenn sie nächstens stirbt, kann sie überhaupt nichts mehr bringen.«

»Warum soll ich denn sterben, Bärbel?«

»Nun, alte Leute müssen doch immer sterben,« gab das Kind altklug zurück, »aber vorläufig kannst du noch ein Weilchen leben.«

Beruhigt reisten Wagners ab, sie wußten die Kinder in treuer Hut. Bärbel gab sich die erdenklichste Mühe, den Wunsch der Mutter zu erfüllen und brav zu sein.

»Um die Zwillinge brauchst du dich nicht zu kümmern, Großmama. Du hast die Wirtschaft, und ich überwache die Erziehung.«

»Wirst du das können, Goldköpfchen?«

»Doch, doch, Großmama, ich bin schon einmal Lehrerin gewesen.«

»Das ist ja recht erfreulich, Kleines.«

»Ich hab' schon angefangen, den Kuno zu erziehen. Jetzt sitzt er im Garten und weint.«

»Was hast du denn mit dem armen Jungen gemacht?«

»Ich habe ihm eine Geschichte erzählt, von dem Teufel mit den grünen Augen, der ihn frißt, wenn er ins Haus kommt. Er muß ganz stille stehen. Den sind wir für die nächste Stunde los, Großmama, um den brauchen wir uns nicht zu kümmern.«

»Aber, Bärbel! Kuno wird sich furchtbar ängstigen.«

»Jawohl, Großmama, das tut er.«

»Das ist aber gar nicht recht.«

»Dann hält er wenigstens den Mund, Großmama, sonst quarrt er immerfort herum. – Ich habe ihm gesagt, wenn er laut weint, kommt noch ein Mann mit vier Hörnern, der stößt ihm die Hörner in den Bauch.«

Aus dem Garten erscholl jetzt fürchterliches Schreien. Frau Lindberg und Bärbel eilten gemeinsam die Treppe hinunter. Da stand neben dem leise weinenden Kuno dessen Zwillingsbruder Martin.

»Was ist denn los?« rief Frau Lindberg besorgt, denn Martin schrie, als ob er am Spieße stecke.

Das Schreien verstummte, Martin lief der Großmutter entgegen. »Ich bin schon ganz heiser, Großmama, ich schrei' schon immerzu. Die Bärbel hat gesagt, wenn man schreit, kommt ein Mann mit vier Hörnern. Ich schrei' und schrei' immerzu, aber der Mann kommt nicht, und ich möcht' ihn doch so gern sehen.«

Kuno hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, er fürchtete sich.

»Bärbel hat nur Spaß mit euch gemacht, es gibt gar keinen Mann mit vier Hörnern.«

Es dauerte längere Zeit, ehe Frau Lindberg den aufgeregten Kuno beschwichtigt hatte. Er drängte sich ängstlich an die Großmutter und schaute noch immer scheu nach rechts und links.

»Wenn ich ins Haus gehe, kommt auch wirklich nicht der Teufel mit den grünen Augen?«

»Nein, mein kleiner Junge.«

»Schade,« schrie Martin, »ich hätte gern den Teufel mit den grünen Augen gesehen.«

Die Großmutter verwies ihrer Enkelin, den kleinen Bruder derart in Angst und Schrecken zu versetzen.

»Es ist aber ein gutes Mittel, Großmama,« erklärte Goldköpfchen, »er war ganz still, und jetzt hat er schon wieder so ein großes Mundwerk.« – –

Herr und Frau Wagner waren kaum drei Tage fort, als Frau Lindberg von heftigem Fieber befallen wurde. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als das Bett aufzusuchen. Sie beriet sich mit dem Provisor Senftleben; und beide kamen dahin überein, an Wagners nicht zu schreiben, damit jene in ihren Reiseplänen nicht gestört würden.

»Der Arzt sagt selbst, daß es nur eine leichte Unpäßlichkeit ist. Die Mädchen sind gut, ich denke, es wird für die wenigen Tage auch so gehen.«

Bärbel stand am Bett der Großmutter und legte die Hand auf deren Kopf. »Hab' keine Sorge, Großmama, ich mach' dir einen Umschlag um den Hals, dann wirst du schnell wieder gesund.«

»Einen Umschlag brauche ich nicht, Bärbel, paß du nur gut auf die Brüderchen auf, und seid recht vorsichtig beim Spielen, daß euch nichts geschieht.«

Bärbel nahm darauf einen Stock, ging zu den Zwillingsbrüdern, schwang den Stock drohend und sagte: »Wenn ihr Krach macht oder wenn ihr unartig seid, hau' ich euch so lange, bis ihr kaputt seid.«

Scheu schauten die Kleinen die energische Schwester an. »Jetzt setzt euch hin und macht eure Schularbeiten.«

»Wir haben keine auf.«

»Das sagt jeder, der faul ist. Schularbeiten hat man immer zu machen. Rasch – jetzt wird geschrieben!«

»Wir haben heute keine Schularbeiten zu machen,« schrie Kuno erbost.

Bärbel nahm die Hefte und legte vor jeden Knaben eines hin. »Jetzt zeichnet ihr die kranke Großmama im Bett. – Fertig! – Und wenn ihr dabei nicht ganz stille sitzt, schicke ich euch die Giraffe aus dem Zoologischen Garten her, die frißt euch auf.«

»Du schwindelst ja wieder,« rief Martin.

Bärbel nahm den Stock und drohte dem Verwegenen. »Ruhe, – ihr zeichnet, ich muß inzwischen zur kranken Großmama gehen und ihr Medizin geben.«

Goldköpfchen eilte hinunter zum Onkel Provisor. »Die Großmama muß Medizin haben,« sagte sie wichtig. »Bitte, gib mir was.«

»Die Medizin hat die Großmama schon oben, Goldköpfchen.«

»Kannst du ihr nicht noch was geben, damit sie schneller gesund wird? Vielleicht Lebertran?«

»Wir dürfen ihr doch nur das geben, was der Arzt verordnet hat. Nun laß mich aber wieder in Ruhe, denn ich habe noch viel zu arbeiten.«

Das Kind lief hinauf ins Krankenzimmer. Frau Lindberg lächelte ihm entgegen. »Ich denke, wenn ich zwei Tage im Bett liege, ist alles wieder gut, Bärbel.«

»Nur nicht so rasch wieder aufstehen, Großmama. Bettruhe ist gut. Hab' nur keine Sorge, ich mache die Wirtschaft.«

»Du kannst mir nachher die Köchin heraufschicken.«

»Rege dich nur nicht auf, liebe Großmama, ich kann doch auch mit der Köchin reden.«

Frau Lindberg lachte belustigt. »Nun gut, mein kleines Mädchen, Wanda will wissen, was sie morgen kochen soll.«

Goldköpfchen machte ein altkluges Gesicht. »Schlagsahnenspeise wird für dich sehr gut sein, Großmama.«

»Wir müssen doch auch Fleisch essen.«

»Nun freilich, aber jetzt mußt du erst deine Medizin nehmen, Großmama; und einen Umschlag hast du auch nicht.«

Ehe Frau Lindberg etwas erwidern konnte, war das Kind davongeeilt, holte ein Handtuch aus dem Kinderzimmer, tauchte es in den Wasserkrug und kam mit dem tropfenden Umschlag zurück.

»So – nun halte schön still.«

»Aber, Bärbel, du machst ja das Bett naß! Geh fort!«

»Ich hab' auch immer einen Umschlag bekommen, als ich krank war,« sagte das Kind, »du mußt dich nicht weigern, Großmama, wenn du stirbst, gefällt es dir auch nicht.«

Um Bärbel zufrieden zu stellen, wurde das ausgewundene Handtuch schließlich der Großmutter auf den Kopf gelegt.

»Na, Großmama, ob es da oben was nützen wird, ist noch sehr die Frage. Da will ich mal mit dem Onkel Doktor telephonieren.«

»Es ist ja sehr lieb von dir, Bärbel, daß du dich so um deine Großmama kümmerst, aber ich bin doch viel älter als du und weiß selbst, was mir gut tut.«

Bärbel legte beide Hände auf den Rücken und schaute die Großmutter an. »Der Onkel Doktor sagt immer, wenn er kommt: wenn man krank ist, hat man gar nichts zu sagen, da muß man folgen. – Jetzt gebe ich dir Medizin.«

»Es wäre mir aber viel lieber, Goldköpfchen, wenn du nach den Zwillingen sehen würdest, die machen gewiß Dummheiten.«

»O nein, die sind versorgt.«

»Dann geh hinüber nach der Küche und schicke mir Wanda her.«

Das Kind kam sich in seiner neuen Würde unendlich wichtig vor. Ehe es das Krankenzimmer verließ, wandte es sich nochmals um: »Soll ich nicht die Schlüssel an mich nehmen?«

»Die laß nur hier, Bärbel.«

Auch in der Küche hielt es Bärbel für ihre Pflicht, nach dem Rechten zu sehen.

»Die Kranke braucht morgen eine Schokoladenspeise. Ich denke, wir werden ihr eine kochen, Wanda.«

Die beiden Mädchen lächelten über das Kind, das es mit seinen Pflichten so genau nahm.

Neben allen diesen Aufgaben mußten auch die Schulaufgaben noch erledigt werden, aber Bärbel empfand das alles nicht als Last, im Gegenteil, sie hatte ein Gefühl des Stolzes.

Ob die Zwillinge wohl noch zeichneten? Sie ging hinüber ins Kinderzimmer. Es war leer. Nicht einen einzigen Strich hatten die beiden Knaben gemacht.

»Wo die Rangen nur wieder sind?« sagte sie seufzend, »solche Zwillinge machen uns doch recht viel zu schaffen.«

Die Knaben machten sich sehr bald im Garten bemerkbar. Martin war dabei, Kuno einzugraben. Er stand bereits mit beiden Beinen in einem tiefen Loch, das von Martin zugeschippt wurde.

»Was machst du denn da?« fragte Bärbel streng.

»Ich habe den kleinen Jungen eingepflanzt, nun soll er wachsen.«

»O–o–ch!«

Bärbels Augen strahlten. Es sah doch zu schön aus, daß Kuno ohne Beine stand.

»Nun machen wir noch einen Haufen um ihn herum,« schrie Martin und schippte emsig Erde gegen das weißblau gestreifte Waschhöschen.

»Ich wachse, ich wachse,« kreischte Kuno vor Vergnügen, denn es machte ihm ungeheuren Spaß, in der Erde zu stecken.

»Wollen wir ihn bis zum Kopf eingraben?« fragte Bärbel.

»Au ja!«

Bärbel holte sich eine Schippe, und mit vereinten Kräften schaufelte man um Kuno einen so hohen Berg, daß nur noch der Kopf und die Schultern hervorschauten. »Jetzt stecke ich Blumen auf den Berg,« rief Bärbel, eilte davon, um von den blühenden Sträuchern das Gewünschte zu pflücken.

»Ich wachse – ich wachse,« frohlockte Kuno immer wieder.

»Ich werde dich begießen, damit du rascher wächst.«

Unglücklicherweise stand die Gießkanne gerade in der Nähe, und keuchend schleppte Martin die halbgefüllte Kanne herbei und durchfeuchtete gründlich den Erdhügel.

Als Bärbel mit den Blumen zurückkehrte, fand sie ein vollkommen durchweichtes Erdreich. Für einen Augenblick machte sie ein bedenkliches Gesicht.

»Er wird schön dreckig sein.«

»Er soll doch wachsen!«

Bärbel sah das ein. Die Kinder besteckten den Erdhaufen mit Blumen und grünen Zweigen, und schließlich brachen sie in lautes Entzücken aus, als das Werk beendet war.

Onkel Senftleben sollte gerufen werden, damit auch er die eigenartige Blume bestaune, die aus dem Erdhaufen gewachsen war.

»Ich will raus,« rief Kuno, dem es langsam in der feuchten Erde unbehaglich wurde.

»Du bleibst schön drin,« sagte Bärbel. »Du sollst wachsen. So einen kleinen Knirps, wie du jetzt bist, wollen wir nicht zum Bruder haben.«

Als man nach vorn lief, kam gerade ein Leierkastenmann die Straße entlang, dem Bärbel und Martin erfreut lauschten. Kuno war vergessen, dem es immer unbehaglicher in der feuchten Erde wurde.

Als die Geschwister nicht zurückkehrten, begann er zu weinen, und schließlich befreite er sich aus dem Erdhaufen.

Martin hatte recht reichlich gegossen. Das feuchte Erdreich klebte an den Beinkleidern, Strümpfen und Schuhen. Aber Kuno achtete nicht weiter darauf, er lief die Treppe empor und betrat das Zimmer der Großmutter, das neben dem Schlafgemach der Kinder lag.

Frau Lindberg war sprachlos, als sie den schmutzigen Jungen ankommen sah.

»Aber, Kuno, wie siehst du aus!«

»Sie wollen, ich soll wachsen,« heulte der Knabe los, dann schlang er beide Arme um die Großmutter, zog die feuchten Knie hoch, so daß das nasse Erdreich auf das weiße Bett fiel.

»Kuno!« Die Großmutter wehrte den Knaben entsetzt ab.

Der stand schmutztriefend am Bett. »Ich bin kalt und naß, Großmama, nimm mich doch in dein Bett.« Dabei schüttelte er sich heftig, wobei die feuchten Erdklöße auf Bett und Teppich flogen.

Frau Lindberg klingelte, Ella kam herein. Das Kindermädchen lachte laut auf, als es den unsauberen Knaben sah. Dann bekam Kuno aber doch Vorwürfe. Er wurde hinüber ins Schlafzimmer genommen, dort mußte er erst gründlich gewaschen werden, und schließlich legte das fürsorgliche Mädchen den fröstelnden Knaben ins Bett. Aber auch Frau Lindbergs Lager mußte gereinigt werden. Kaum war das geschehen, da sprang ein Hemdenmatz in das frischgemachte Bett, um bei der geliebten Großmama Trost und Schutz zu suchen.

Frau Lindberg merkte bald, daß Kuno das Wachsen nicht bekommen war, denn der Knabe hatte Schüttelfrost. Sie ließ das Bettchen des Kindes in ihr Schlafzimmer herüberbringen und brachte den Kleinen selbst zur Ruhe. Als Bärbel erschien, machte ihr die Großmama wegen des Eingrabens sanfte Vorwürfe.

»Ich fürchte, Kuno wird krank werden.«

»Er wird sich bei dir angesteckt haben, Großmama.«

»Nein, Goldköpfchen, er hat sich erkältet, und zwar durch deine Unvorsichtigkeit.«

»Dann will ich ihm gleich etwas eingeben und einen Umschlag machen.«

»Das laß nur bleiben, Kind. Ich habe Kuno hier in mein Zimmer genommen und werde auf ihn aufpassen. Achte du auf Martin, damit er nicht auch krank wird.«

»Das wird nicht viel nützen, Großmama, als ich damals die Masern hatte, haben die Jungens auch die Masern bekommen. Und wenn Kuno jetzt krank ist, wird der Martin auch krank.«

»Das wird er nicht, wenn du gut auf ihn aufpaßt.«

Die Kleine versprach, ihr Möglichstes zu tun. Am Abend brachte sie den kleinen Bruder sorgsam zu Bett.

»Die Sachen ordentlich hinlegen, du liederlicher Mensch!«

Martin folgte.

»Und hier hast du schon wieder ein Loch im Strumpf! Junge, Junge, kannst du denn gar nichts schonen!«

»Erzähle mir noch was, Bärbel.«

»Vom Rotkäppchen?«

Martin schüttelte den Kopf. »Nein – so was, was du dir selber ausdenkst, das ist immer viel schöner.«

»Das soll ich nicht, aber ich will dir etwas aus der Schule erzählen. Es ist gut, wenn du dabei was lernst. – Nun paß auf. – Es war einmal ein Mann, der hieß Wilhelm Tell, und es war ein anderer Mann, der quälte alle Leute.«

»Das wird der Schuster von gegenüber gewesen sein.«

»Sei still, jetzt erzähle ich.« Bärbel berichtete weiter von dem Schweizer. »Und dann versteckte er sich im Gebüsch. Dort kauerte er sich sehr zusammen und paßte auf, daß ihn keiner sähe, denn er wollte hier sein Geschäft abwickeln. Und dann sagte er: durch diese hohle Gasse muß er kommen! Er mühte sich furchtbar, damit es ganz stille blieb. Aber schließlich drückte er doch los, und da war es geschehen.«

»Das ist langweilig,« sagte Martin gähnend, »da will ich lieber schlafen.«

»Gut,« sagte Bärbel, »dann singe ich dich ein.«

Erst sang sie mit halblauter Stimme das Lied vom Tannenbaum und nach kurzem Überlegen:

»Die Männer sind alle Verbrecher, ihr Herz ist ein finsteres Loch, aber lieb, aber lieb sind sie doch!«

Sie überzeugte sich, ob der Bruder endlich schlief, dann kleidete sie sich leise aus, legte sich in die Kissen und war bald eingeschlafen.

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