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Goldköpfchens Schulzeit

Magda Trott: Goldköpfchens Schulzeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Schulzeit
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160729
modified20180123
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3. Kapitel.
Sitzengeblieben

Wie schnell doch die Zeit verging! Frau Wagner saß am Fenster des Wohnzimmers und schaute dem Spiel der beiden Zwillingsknaben zu. Wie deutlich erinnerte sie sich noch an jene Zeit, in der die Kleinen zur Welt kamen. Das waren sechs Jahre her, und Martin und Kuno würden in wenigen Wochen zum ersten Male zur Schule gehen.

Andere Gedanken kamen und gingen. Goldköpfchens erster Schultag. Wie hatte die Kleine damals voller Angst diesem Ereignis entgegengesehen; Martin und Kuno hingegen freuten sich darauf, mit anderen Kindern lernen zu dürfen; Goldköpfchen war noch heute, obwohl es zehn Jahre zählte, kein Freund des Schulunterrichts und lernte nur mit innerem Widerstreben. Da Bärbel aber außerordentlich begabt war und dem Kinde alles zuflog, strengte es sich auch gar nicht an. Was in den Stunden durchgenommen wurde, behielt es, und die häuslichen Arbeiten wurden meist rasch und flüchtig erledigt.

Wie oft war Bärbel schon wegen Trägheit bestraft worden; Frau Wagner wußte, daß ihre Tochter etwas leisten konnte, wenn sie wollte; aber Bärbel wollte nun einmal nicht. So hoffte die Mutter auf die Zukunft, denn schließlich mußte das wilde Kind doch einmal einsehen, daß ohne Lernen und ohne Fleiß kein Mensch durchs Leben kam. Trotz allem hatte Fräulein Greger das süße Goldköpfchen über alle Maßen gern. Bärbel gab so logische Antworten, konnte so drollig sein, daß der Grimm der Schulvorsteherin sehr rasch wieder verflog. Mitunter wurde sie freilich bis zur Verzweiflung gebracht, wenn Bärbel vor sich hinträumte, bei einer Anfrage zusammenschreckte und dann eine vollkommen verkehrte Antwort gab.

Ganze Bücher hätte Frau Wagner über Bärbels Unaufmerksamkeiten schreiben können. Das ungereimteste Zeug schrieb das Kind zusammen, es überlegte nie; und so kam es auch, daß bei Diktaten Fehler auf Fehler zu finden waren, weil Bärbel nicht nachdachte. Frau Wagner hatte sich oftmals das Lachen verbeißen müssen, wenn sie die Hefte Goldköpfchens durchsah. Erst kürzlich hatte das Kind beim Diktat eines Gedichtes wieder den haarsträubendsten Unsinn niedergeschrieben. Noch jetzt ging ein Lächeln über Frau Wagners Gesicht, wenn sie daran dachte.

»Der König lag im Sterben,« hatte Fräulein Fiebiger diktiert, »da rief er seinen Sohn, er nahm ihn an den Händen und wies ihn auf den Thron.«

Was hatte Bärbel geschrieben? »Er nahm ihn bei dem Hemde und blies ihn auf den Thron.«

Die Aufsätze des Kindes waren höchst merkwürdig. Bärbel schrieb mitunter wahre Räubergeschichten nieder. Dann flocht das Kind aber auch geschickt irgendein Ereignis mit ein, das es gehört hatte. Augenblicklich war Goldköpfchen wiederum mit einem Aufsatz beschäftigt. Absichtlich half Frau Wagner nicht, denn dieser Aufsatz sollte ausschlaggebend sein für die Osterzensur und die Versetzung.

Dieser Versetzung schaute man im Wagnerschen Hause freilich mit Sorgen entgegen. Fräulein Greger hatte bereits angedeutet, daß es ihr kaum möglich sein werde, Bärbel in eine höhere Klasse zu schieben, weil das Kind zu träge und gar zu unaufmerksam sei.

Der Vater hatte seiner Tochter strenge Strafe angedroht, wenn sie mit einem schlechten Zeugnisse heimkäme. Bärbel war darauf zu dem Provisor Senftleben gegangen, dem guten, alten Freunde, der noch immer in Dillstadt in der Apotheke weilte.

»Was machen wir denn, wenn wir ein schlechtes Zeugnis mitbringen?«

»Du hast ja noch vierzehn Tage Zeit, Bärbel, setze dich auf die Hosen.«

»Das nützt nichts mehr, Onkel Senftleben, gibt es denn kein Mittel?«

»Nur fleißig lernen, Bärbel!«

»Das nützt auch nichts mehr, aber – – wenn ich ein schlechtes Zeugnis bringe, mußt du mir ein schmerzstillendes Mittel geben, Onkel Senftleben.«

»Ach so – du meinst wegen der Prügel, die es dann gibt? Gut, ich werde ein großes Pflaster bereit halten. Ich denke aber, du wirst vernünftig sein und in den beiden letzten Wochen noch recht gut aufpassen. Ich schenke dir eine Mark, wenn du versetzt wirst.«

Bärbel legte den Kopf mit den goldenen Locken auf die Seite. »Onkel Senftleben, das Geld können wir uns sparen, ich will dich nicht berauben.«

»Aha – du weißt also schon genau, daß du nicht versetzt wirst?«

»Ja,« nickte das Kind, indem es treuherzig zu dem Provisor aufschaute, »ich weiß es.«

»Ihr seid 'ne nette Schwefelbande, der Joachim schreibt auch, daß er sitzenbleiben wird. Warum macht ihr denn den Eltern keine Freude?«

»Wenn die Zwillinge jetzt zur Schule gehen werden, lernen sie für mich mit. Wenn ich zweie wäre, ginge es auch viel besser mit dem Lernen. Der eine weiß dann immer das, was der andere nicht weiß.«

»Du bist ein Faulpelz, Goldköpfchen, ich hoffe aber doch noch, daß du versetzt wirst.«

Bärbel schüttelte energisch den Kopf und eilte davon.

Für wenige Augenblicke nahm sich Goldköpfchen vor, in den letzten vierzehn Tagen etwas besser zu lernen.

Der Vater konnte sehr böse werden, wenn die Zensur zu schlecht ausfiel. So saß das Kind auch jetzt über dem Aufsatz und schrieb Seite um Seite. Das Thema, das die Lehrerin gegeben hatte, war recht interessant. Fräulein Greger hatte den Kindern die Sage von Elsa und Lohengrin erzählt, da gab es manches zu schreiben. Vom Grammophon her kannte Bärbel allerlei Teile, wußte genau, was Lohengrin gesagt hatte, und schrieb mit roten Bäckchen die Sage nieder, so, wie sie es für gut und richtig hielt.

»Nun atme mit mir die süßen Düfte, Elsa, bis ich mich berausche. Und dann feierten sie Hochzeit, worauf Elsa den Gemahl fragte: sage mir doch, welchen Geschlechts du bist. Aber er schwieg, er dachte an den Schwan, der ihn hergezogen hatte und der auch schweigen mußte. Denn wenn ein Schwan singt, muß er sterben. Außerdem hatte der König, der den Gral behütete, gesagt: wehe dir, wenn du unser Schloß verrätst! So schwieg Lohengrin, obgleich Elsa ihn immer mehr drängelte, denn sie wollte durchaus sein Geschlecht wissen. Während der ganzen Nacht ließ sie ihn nicht schlafen, forschte immer weiter, ob sie nicht doch was herauskriegen könnte. Da packte sie Lohengrin, trug sie vor den König und sang: im fernen Land, unnahbar euren Schritten, steht meine Burg. Die Burg hatte einen sehr merkwürdigen Namen, damit sie keiner fand. Und als man dann Lohengrin immer weiter drängelte, schrie er ganz laut: mein Vater Parsival trägt dort die Krone, und ich bin der Kronprinz Lohengrin. Dann sagte er zu Elsa: nun weißt du es, und nun fahre ich wieder ab. Damit war die glückliche Ehe geschieden, und Elsa fiel weinend um.«

Zufrieden betrachtete Bärbel ihr Werk. Der Aufsatz war vierundeinehalbe Seite lang geworden, und Fräulein Greger würde gewiß zufrieden sein. Vielleicht wurde sie daraufhin doch noch versetzt. Vor der öffentlichen Schulprüfung, zu der auch Mutti kommen wollte, bangte Goldköpfchen allerdings. Das Kind konnte sich nun einmal nicht sammeln, es gab stets so viele Dinge, von denen sie abgelenkt wurde, die auch viel interessanter waren als die Fragen, die gestellt wurden. Das Schlimmste aber war, daß ein ganz fremder Herr in die Schule kam und selbst Fragen stellte. Fräulein Greger hatte davon gesprochen, daß es ein Schulrat sei, und daß man sich in seiner Gegenwart ganz besonders zusammennehmen müßte.

Bärbel seufzte tief auf. Maria Koch wußte immer eine Antwort zu geben. Selbst wenn sie nicht richtig war, wußte sie den Fehler zu beschönigen. Sie würde auch ganz bestimmt versetzt werden. Bärbel tröstete sich mit Georg Schenk, von dem sie ganz genau wußte, daß er sitzenblieb. Das war eigentlich recht nett, denn mit Georg trieb sie allerlei Tauschgeschäfte. Der brachte bunte Bilder, Buchumschläge, Pappen, Bindfaden, buntes Papier und dergleichen, und das alles wurde ganz heimlich unter der Schulbank angestaunt und vertauscht. Bärbel gab dafür Flaschenkorken, leere Schachteln, Etiketten, kleine Dosen und andere Dinge, die sie sich von Onkel Senftleben erbat. Mitunter gab es freilich auch Streit, denn Georg Schenk behauptete immer, daß er von Bärbel betrogen werde. Aber die Feindschaft dauerte niemals lange; schon nach Verlauf von wenigen Minuten war der Frieden meist wiederhergestellt.

Die letzten Tage vor der Prüfung waren emsiger Arbeit gewidmet, denn Fräulein Greger wollte durchaus, daß der Schulrat einen guten Eindruck von allen Klassen bekam. Die vier Schüler der sechsten Klasse machten ihr viel zu schaffen. Dort leistete eigentlich nur Maria Koch etwas, die aber auch häufig falsche Antworten erteilte. Georg Schenk war derjenige, der den Ton angab und dem sich die drei Mädchen willig fügten. So hatte Fräulein Greger ihren beiden Lehrerinnen diese Klasse ganz besonders ans Herz gelegt, denn sie fürchtete eine Blamage.

Fräulein Fiebiger gab sich die erdenklichste Mühe. Sie wußte freilich nicht, in welchen Fächern der Schulrat prüfen würde, sie hatte gehört, daß er mit seinen Fragen auf jedes Gebiet zu sprechen kam, und so bestand die Gefahr, daß die falschen Antworten nur so hagelten.

Besonders Bärbel und Georg wurden oft von ihr gefragt. Es war ganz sicher, daß dem Schulrat dieses süße Kind mit den goldig glänzenden Locken auffallen mußte, und daß er die herzige Kleine, die ein so freundliches Gesichtchen hatte, häufig aufrufen würde. Wenn Bärbel bei der Prüfung genau so wenig aufpaßte wie an anderen Schultagen, war das Schicksal der ganzen Klasse besiegelt.

Bärbel hatte sich allmählich an den Gedanken gewöhnt, daß sie bei dem Schulrat doch nichts wissen würde; und da nun Fräulein Fiebiger in ihrer Erregung den Schulrat als einen sehr gestrengen Herrn schilderte, lächelte Goldköpfchen überlegen.

»Er wird Ihnen schon nichts tun, Fräulein, wir sind ja auch noch da!«

»Ach, Bärbel, gerade du machst mir Sorgen, du kannst dir das Schulgeld wiedergeben lassen!«

»Geht das, Fräulein?«

»Ich meine damit, daß es schade ist, daß deine Eltern so viel Geld für dich ausgeben.«

»Sie geben es doch für Fräulein Greger, da geben es die Eltern gern.«

»Sie würden sich aber freuen, wenn die kleine Tochter fleißig wäre.«

»Sie müssen sich daran gewöhnen,« erwiderte das Kind treuherzig.

Rechnen und Naturgeschichte waren die beiden Fächer, vor denen Fräulein Fiebiger besonders bangte. Mitunter war da die sonst geistig so rege Bärbel wie auf den Kopf gefallen.

»Mit dir muß man exerzieren wie mit den Kleinsten, so pass' doch auf, Bärbel! Wenn ich einen Stab in drei Teile zerbreche, was habe ich dann?«

»Stücke.«

»Wir sind bei der Bruchrechnung, Bärbel.«

»Bruchstücke,« klang es sofort zurück.

»Hebe einmal drei Finger hoch. – So, – – wenn ich dir jetzt den Zeigefinger in drei Teile zerschneide – –«

Bärbel lachte hellauf. »Das dürfen Sie doch nicht Fräulein, dann kommen Sie ins Gefängnis!«

So ging es immer, wenn man Bärbel zur Aufmerksamkeit anregen wollte. Fräulein Fiebiger war mitunter der Verzweiflung nahe und fand sich schließlich mit dem Gedanken ab, daß sie bei der bevorstehenden Schulprüfung gerade durch dieses Kind schwer blamiert werden würde.

Der gefürchtete Tag kam heran. Frau Wagner wunderte sich im stillen, daß ihr Goldköpfchen gar nicht erregt war.

»Kannst du auch alles, mein liebes Kind?« fragte sie besorgt.

»Man muß abwarten, Mutti.«

Dann war es soweit. Der Schulrat war ein großer, breitschultriger Herr mit einem dunklen Bart, der aber oben am Kinn ziemlich weiß war. Ebenso war das dunkle Haupthaar von einigen schneeweißen Strähnen durchzogen.

Als die sechste Klasse zur Prüfung gerufen wurde, starrte Bärbel den sonderbaren Mann mit offenem Munde an.

»Der ist gescheckt wie das Pferd vor dem Milchwagen,« flüsterte sie Georg Schenk zu; und nun hingen die Augen beider Kinder unverwandt an dem merkwürdigen Bart. Bärbel versuchte zu ergründen, wo das Schwarz aufhörte und das Weiße anfing, ob das Haupthaar mehr schwarz oder weiß sei, und hatte für nichts anderes Interesse. Nur ganz flüchtig hörte sie hin, was der Schulrat sprach. Das reizende Gesichtchen verzog sich zu fröhlichem Lachen. Wie wackelten die Bartenden, wenn er sprach. Ob die Mutti das wohl auch bemerkte?

Fräulein Fiebiger stand neben dem Schulrat, sie hatte einen roten Kopf und strich nervös mit der einen Hand über den Handrücken der anderen Hand.

Der Schulrat sprach von Tugenden der Menschen, und Fräulein Fiebiger atmete auf. Von den Tugenden erzählte sie alljährlich den Kindern. Das würde also gehen.

»Nun, du Kleine, – warum muß man den Eltern gehorsam sein?«

O, wie die Bartspitzen zappelten.

»Ich meine dich, du Kleine, mit den blonden Haaren.«

»Bärbel,« rief Fräulein Fiebiger verhalten.

»Du scheinst nicht aufgepaßt zu haben, Kleine,« wiederholte der Schulrat. »Warum mußt du deinen Eltern gehorsam sein?«

»Weil ich sonst Prügel bekomme.«

»Nicht doch deswegen –«

Maria Koch gab eine befriedigende Antwort, und wieder wandte sich der Schulrat an Bärbel.

»Wie heißt die Tugend, die ich dir jetzt schildern werde. – Ich komme zu deinem Vater, er gibt mir ein Glas Wein, ich nehme den Wein, er gibt mir noch ein zweites Glas Wein, ich trinke noch einmal, er will nochmals eingießen, ich danke. – Was bin ich, Bärbel?«

»Betrunken,« klang es schüchtern zurück.

»Ich habe dir doch gesagt, ich danke für das dritte Glas. – Also, was bin ich?«

»Vielleicht haben Sie vorher schon anderswo getrunken, und nun sind Sie voll.«

»Kleine, du paßt nicht auf.«

Frau Wagner rückte auf dem Stuhle unruhig hin und her, und auch Fräulein Fiebiger trat von einem Fuß auf den anderen. Wie gut, daß endlich das Thema gewechselt wurde.

Naturgeschichte. Fräulein Fiebiger wurde blaß.

»Nun sage mir, du Kleine, wie heißt das unscheinbare Tier, das die schöne Seide zu Kleidern liefert?«

Jetzt standen die Bartspitzen beinahe nach vorn. O, wie das lustig aussah!

»Nun, Bärbel, wie heißt das Tier, daß die Seide für Kleider liefert?«

»Der Vati,« klang es laut und deutlich zurück, denn gerade vor wenigen Tagen war Bärbel mit dem Vater bei Grape gewesen und hatte dort blauen Seidenstoff gekauft.

Der Schulrat schüttelte den Kopf. Sein langer Bart wackelte mehr und mehr. Bärbel konnte nur mit Mühe ein Jauchzen unterdrücken. Georg Schenk aber brach in schallendes Gelächter aus.

»Ach, Herr Lehrer, ist die dumm!«

»Nun, weißt du es besser?«

»Der Seidenspinner.«

Der Schulrat warf Fräulein Fiebiger einen vorwurfsvollen Blick zu. »Haben Sie das noch nicht durchgenommen?«

»O doch, aber die Kleinen sind heute sehr aufgeregt.«

Hanna Hasselmann hatte Tränen in den Augen, man befürchtete, sie werde jeden Augenblick losweinen, denn der fremde Schulrat bereitete ihr Unbehagen. Hoffentlich gelang es ihr, die Tränen zurückzuhalten.

Auch in der Grammatikstunde leistete Bärbel infolge ihrer großen Unachtsamkeit recht Ungenügendes. Als man sie nach einem Bindewort fragte, dachte die Kleine nur an den Bindfaden, den ihr Georg kurz vor der Prüfung versprochen hatte, und so kam prompt die Antwort:

»Bindfaden.«

Religion war gleichfalls ein Angstfach. Fräulein Fiebiger merkte wohl, daß der Schulrat absichtlich Bärbel und Georg oft herannahm. Ihr wurde es fast schwarz vor den Augen, denn die Prüfung der sechsten Klasse war eine große Blamage.

»Was verstehst du darunter, Bärbel, wenn man sagt: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen?«

»Man soll essen, bis man schwitzt.«

Fräulein Fiebiger hielt sich am Katheder fest, Frau Wagner hatte keine Farbe mehr im Gesicht.

Endlich schloß der Schulrat. Er wandte sich an die vier Kinder; der Ausdruck seines Gesichtes war nicht gerade freundlich.

»Ihr geht nun morgen in die Ferien, liebe Kinder, ich hoffe, daß ihr nach dieser Freizeit mit mehr Verstand hierher zurückkehrt.«

»Danke, gleichfalls,« klang es freundlich und unüberlegt zurück.

Die Falte auf der Stirn des Schulrates vertiefte sich, dann war die sechste Klasse entlassen.

Der Schulrat war gegangen, die sechste Klasse wurde gerufen, und nun stand das erzürnte Fräulein Greger vor den vier Kindern und ließ heftige Vorwürfe über die kleinen Sünder niedergehen. Selbst Georg Schenk, der selten die Augen niederschlug, zog den Kopf tief zwischen die Schultern und wagte nichts zu sagen.

»Ich lasse euch alle sitzen,« zürnte Fräulein Greger. »Könnt ihr denn gar nicht aufpassen? Ganz besonders du, Bärbel, darfst dich gründlich schämen. – Woran hast du denn gedacht?«

Das Kind schwieg.

»Ich verlange eine Antwort. Woran hast du während der Prüfung gedacht?«

»Er hatte einen so ulkigen Bart.«

»Du hast nicht auf den Bart zu sehen, sondern auf die Fragen des Herrn Schulrat zu hören.«

»Der Bart hat immer so komisch gewackelt.«

»Ihr werdet euch wundern, wenn ihr die Zensuren bekommt. So faule Kinder, wie ihr seid, habe ich in meiner ganzen Schule noch nicht gehabt. Nun könnt ihr heimgehen, aber ich bin euch sehr böse.«

Bedrückt gingen die vier Geprüften heim. Frau Wagner hatte auf ihre Tochter nicht gewartet, sie war über Bärbels Unaufmerksamkeit viel zu sehr entrüstet. Sie schämte sich vor den anderen Damen des Städtchens, die bei Bärbels Antworten oft gelächelt hatten. Die eine der Damen hatte sogar versucht, Frau Wagner zu trösten, und gemeint, daß Bärbel trotz der schlechten Antworten große Intelligenz verrate, und daß bestimmt aus dem Kinde noch etwas Rechtes werden würde. Aber Frau Wagner war viel zu betrübt, um sich durch solche Worte trösten zu lassen.

Der Apothekenbesitzer erkundigte sich natürlich bei seiner Gattin nach dem Ausfall der Prüfung.

Da kamen Frau Wagner die Tränen.

»Was soll aus Bärbel werden, wenn sie weiterhin so zerstreut und träge ist?«

Wagner schloß sein Weib in die Arme. »Ich habe keine Sorge wegen unserer Kleinen. Man hat schon oft die Erfahrung gemacht, daß Mädchen, die in den ersten Schuljahren wenig fleißig sind, später die besten Schülerinnen werden. Außerdem besitzt unser Goldköpfchen eine so rasche Auffassungsgabe und ist so intelligent, daß ich durchaus begreifen kann, daß ihr die Schule kein Interesse einflößt. Ich war nicht anders, liebe Erna, und aus mir ist doch schließlich auch ein ganz brauchbarer Mensch geworden.«

»Wir können doch unmöglich Bärbels Faulheit gutheißen.«

»Das fällt mir gar nicht ein. Bärbel soll Strafe bekommen. Mir macht Joachim viel mehr Sorgen. Der Bengel wird auch in diesem Jahre nicht versetzt, und wenn er heimkommt, werde ich ihn mir einmal gründlich vornehmen.«

Als Bärbel heimkam, wurde sie vom Vater gerufen. Es gab diesmal eine tüchtige Strafpredigt; mehrfach wollte sich das Kind entschuldigen, aber der Vater schnitt Bärbel streng das Wort ab.

»Weißt du auch, daß die Mutti über dich geweint hat?«

Da wurden die strahlenden Kinderaugen dunkel.

»Weil du gar so faul bist! Deswegen hat sie Tränen vergossen! Schämst du dich gar nicht?«

Der blonde Kopf sank tief herab.

»Überlege dir das alles einmal, Bärbel. Deine gute Mutter, die dich so herzlich lieb hat, weint über dich, weil du ihr großen Kummer machst.«

Aufschluchzend schlang das Kind beide Arme um den Hals des Vaters. »Die Mutti soll nicht weinen,« klang es tränenerstickt zurück, »ich habe sie doch so lieb.«

»Das alles sind leere Worte, Kind, – du sollst es beweisen und von nun an fleißig lernen.«

»Wo ist die Mutti?«

»Ich glaube, sie will dich nicht sehen.«

Da wurde Goldköpfchen blaß. Ohne ein Wort zu sagen, schlich es davon. Herr Wagner schaute seinem Kinde nach. Er sah, wie die Kleine in den Garten hinausging, wie sie sich an einen Baum stellte und wie der kleine Körper von bitterlichem Schluchzen geschüttelt wurde. Das tat ihm weh, aber er rief Bärbel nicht zurück. Er ging hinauf zu seiner Frau und zeigte ihr das verstörte Töchterchen.

»Sie hat ein goldenes Herz, Erna, schilt sie nicht weiter aus. Es hat ihr weh genug getan, daß du über sie geweint hast.«

Zum Mittagessen wurde Goldköpfchen gerufen. Weder der Vater noch die Mutter sprachen ein strenges Wort zu dem Kinde; aber es erhielt auch keine Aufmunterung von einer Seite. Nur die notwendigsten Worte wurden heute gewechselt, und Bärbel war sehr still, das Essen schmeckte nicht. Frau Wagner sah, wie sich die Kleine quälte, um Fleisch und Gemüse aufzuessen.

Nach Tisch hielt es Bärbel nicht länger aus. Sie lief zur Mutter, und kläglich ertönte die Frage: »Weinst du nun nicht mehr, liebe, gute Mutti, weil ich faul bin?«

»Ich war heute sehr traurig über dich, Bärbel. Ich hoffe, daß du mir im nächsten Jahre bei der Prüfung mehr Freude machen wirst.«

»Ich will es versuchen, Mutti, – aber wenn doch der Bart so komisch gewackelt hat.«

Damit war der Frieden im Wagnerschen Hause wiederhergestellt. Bärbel mußte zwar am Nachmittage eine Stunde lang stricken; aber das Kind tat es, ohne zu murren. Wohl fielen hier und dort von einer der Nadeln die Maschen, aber Goldköpfchen strickte heute mit wahrem Feuereifer; und als die Mutter endlich kam, um die kleine Sünderin zu erlösen, hielt ihr Bärbel den Strumpf entgegen.

»Da staunst du, sieh mal, wie viel ich gestrickt habe!«

»Ach, Bärbel,« sagte Frau Wagner seufzend, »viel ist es wohl geworden, aber nicht sehr schön.«

»Laß nur, Mutti, wenn es nur viel ist!«

Am Abend kam Joachim heim. Bärbel freute sich auf den großen Bruder, der zwar schon seit längerer Zeit nicht mehr mit ihr spielte, der aber schon wie ein Herr aussah.

Joachim machte keinen fröhlichen Eindruck; und als der Vater das Zeugnis verlangte, gab es zunächst allerlei Ausreden.

»Bist du auch sitzengeblieben?« forschte Bärbel leise.

»Du auch?«

»Ja.«

»Du hättest dich etwas mehr anstrengen können,« sagte Joachim, »für Mädchen ist es eine Schande, wenn sie sitzenbleiben.«

»Für große Jungens auch,« erwiderte Bärbel. »Du müßtest auch schon lange, genau wie Onkel Senftleben, in der Apotheke sein.«

»Quatsch,« meinte der große Bruder, »ein Pillendreher werde ich überhaupt nicht.« Dann suchte er das Zeugnis hervor und trug es mit schwerem Herzen zum Vater hinüber.

Diesmal gab es zu Ostern nur eine ganz geringe Portion Eier. Herr Wagner erklärte, daß der Osterhase sich nicht veranlaßt gesehen hätte, sitzengebliebene Schüler reicher zu beschenken.

Joachim zuckte die Schultern. »Primaner machen sich nichts mehr aus Schokoladeneiern, mir ist 'ne Flasche Kölnisches Wasser lieber.«

»Du bist ein rechter Affe geworden,« meinte Goldköpfchen. »Hast du Emil Peiske schon gesehen?«

»Ich kümmere mich nicht um Emil Peiske.«

»Aber ich,« meinte Goldköpfchen, »der geht nicht mehr auf die Schule, der ist jetzt Geselle.«

»Wird ein netter Geselle sein,« meinte Joachim hochfahrend.

»Wenn du so hochmütig bist, kommst du zu Fall!«

»Was habe ich es nötig, mich mit kleinen Mädchen abzugeben,« meinte Joachim, zündete sich eine Zigarette an und ging davon.

Auch mit den Zwillingen gab er sich kaum ab. Er suchte dagegen die Bekanntschaft der jungen Mädchen in Dillstadt, und man sah ihn des öfteren mit diesem oder jenem Backfisch spazierengehen. Der Apotheker schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Zum Lernen hat der Bengel wenig Lust,« meinte er zu seiner Frau, »aber spazierengehen kann er wie ein Alter.«

Bärbel gab sich in den Ferien alle Mühe, die Eltern zufriedenzustellen. Sie setzte sich sogar zu den Zwillingen und begann die beiden zu unterrichten. Sie war aber keine geduldige Lehrerin und klopfte bald Kuno, bald Martin auf die Finger.

»Fräulein Fiebiger wird euch ordentlich anbellen, wenn ihr nicht besser schreibt. Wenn ihr so träge seid, betrübt ihr die Mutti. Lernt, ihr Kleinen!«

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