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Goldköpfchens Schulzeit

Magda Trott: Goldköpfchens Schulzeit - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Schulzeit
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160729
modified20180123
projectid5bde9c02
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9. Kapitel.
... ist der Backfisch ausgekrochen

Wieder einmal stand Goldköpfchen vor den vielen Geschenken, die ihr die Eltern zu ihrem vierzehnten Geburtstage aufgebaut hatten. Mit strahlenden Augen schaute das Kind auf die Bücher und das reichliche Naschwerk, aber am hellsten war der Blick, wenn er auf die Mundharmonika fiel, die es sich endlich erbettelt hatte.

Die Eltern hatten zwar gemeint, daß sich für ein vierzehnjähriges Mädchen eine Mundharmonika und gar eine Trommel nicht schicke; aber schließlich hatte man dem leidenschaftlichen Wunsche doch nachgegeben, und nun lag das schlichte Instrument neben den anderen Geschenken.

Bärbel fühlte sich sehr stolz und froh. Wenn auch die goldene Lockenfülle zur Jungmädchenfrisur gebändigt worden war, wenn auch das Kind trotz seiner vierzehn Jahre noch gar nicht einer jungen Dame ähnelte, so war sie doch stolz auf diese vierzehn Jahre; aber das Schönste von allem war, daß sie bereits ihr Geheimnis hatte.

Von diesem Geheimnis wußten natürlich die Eltern. Sogar die Zwillinge hatten das Erlebnis erfahren, aber sie wagten nicht mehr, zur Schwester davon zu reden, weil sie dann jedesmal von Bärbel eine gehörige Tracht Prügel erhielten, die dabei zitierte: »Wo still ein Herz in Liebe glüht, o rühret, rühret nicht daran!«

Diesem Geheimnis hatte auch die gute Mutter am heutigen Geburtstage Rechnung getragen und Bärbel ein wunderschönes Tagebuch geschenkt. In Gedanken sah Goldköpfchen bereits die vollgeschriebenen Seiten, das Tagebuch sollte ihr zum Freund und Vertrauten werden, denn es drängte sie, über ihren Held Carlos zu schreiben und dem Buche das Herz auszuschütten.

Gegen Mittag wurde für Bärbel ein Rosenstrauß in der Apotheke abgegeben und dazu eine Karte, auf der zu lesen war:

»Gnädiges, liebes Fräulein Bärbel! Gestatten Sie Ihrem Freunde diese Spende zum Geburtstage, die mehr sagt als Worte. Ihr Carlos Schilling.«

»Mutti – Mutti!« Sie hielt Frau Wagner die Rosen entgegen.

»Von wem denn, Bärbel?«

»Ach – frage nicht, Mutti, das ist mein stilles Geheimnis.«

»War Herr Schilling persönlich hier?«

»Nein, – aber, liebe, liebe Mutti, du darfst doch davon nicht sprechen. Heute abend fange ich das Tagebuch mit dem Rosenstrauß an.«

»Gut, so sprechen wir nicht weiter von deinem Geheimnis, mein Kind.«

Frau Wagner mußte über ihre Vierzehnjährige lächeln. Der siebzehnjährige Eleve Karl Schilling, der auf dem nahen Gute Körthenau die Landwirtschaft erlernte, war vollkommen ungefährlich. Ein harmloser, unverdorbener Bursche, der, als er einmal nach der Apotheke gekommen war, Bärbel gesehen hatte. Daraus war bald eine Bekanntschaft erstanden, und seit jenem Tage schickte oder brachte Karl Schilling öfters einige Blumen. Sogar ein Stück Blutwurst war gekommen, weil er erfahren hatte, daß Bärbel Blutwurst für ihr Leben gern aß. Sie hatte widerstanden. Die Blutwurst wurde aufbewahrt, bis die Mutter durch den häßlichen Geruch aufmerksam wurde. Der Provisor hatte dann eine festschließende Blechdose gegeben, die nun in Bärbels Kommode stand und die Blutwurstreste enthielt.

Bärbel fühlte sich sehr stolz, in dem Gedanken, von einem jungen Herrn angeschwärmt zu werden. Karl Schilling wurde natürlich in Carlos umgetauft. Sie sah in ihm den Schillerschen Prinzen. Allerdings paßte seine unverwüstliche Fröhlichkeit nicht zu dem Bilde, das sie sich durchaus von ihm machen wollte, und oftmals hatte sie ihn gefragt, ob er denn gar nichts für Sentimentalität übrig habe.

Auch Lore schwärmte diesen Eleven an. Sie pries Bärbel glücklich, daß sie so innig geliebt werde. Die beiden Mädchen steckten häufig die Köpfe zusammen und schwärmten von Carlos. Alles an ihm wurde ihnen zur Poesie.

»Ich weiß es,« sagte Bärbel, »er leidet namenlos, aber er verbirgt sein brechendes Herz unter der fröhlichen Maske.«

»Woran leidet er?«

»Er hat auch eine Stiefmutter, vielleicht hat er sie einmal geliebt, man kann nie wissen.«

»Ich denke, er liebt dich?«

»Rasend!«

Während des ganzen Nachmittags wurde dauernd an den Rosen gerochen. Maria und Hanna, die unter den Geburtstagsgästen waren, schüttelten die Köpfe. Besonders Maria fand es albern, sich so zu haben.

»Er kann dich ja doch noch nicht heiraten, er hat nichts.«

»Das verstehst du noch nicht, Maria. Wir können uns doch heimlich verloben.«

»Mit so einem dummen Jungen? Dann kannst du dich doch besser mit meinem Bruder verloben, der ist einen Monat älter.«

»Man verlobt sich doch mit dem, für den das Herz spricht,« gab Bärbel zurück. »Nun aber ärgere mich nicht länger, ich kann doch nicht dafür, daß mir diese Liebe in die Brust gelegt wurde. Ich werde nie von Carlos lassen, ich fühle es, er ist mein Schicksal.«

»Wenn du erst Tanzstunde haben wirst, hast du schnell einen anderen,« sagte die praktische Hanna. »Mir ist der Sohn vom Konditor viel lieber. Erst gestern hat er mir statt vier Stück Kuchen fünf gegeben, da konnte ich das eine unterwegs aufessen. – Wann kommt denn dein Bruder zu den Ferien, Bärbel?«

»In drei Wochen. Er bringt noch einen Freund, auch einen Studenten, mit.«

»Ist er nett?« fragte Lore.

»Den Freund kenne ich nicht, aber an meinen Bruder brauchst du dein Herz nicht zu verlieren. Er ist kein Kavalier wie mein Carlos. Außerdem ist er wenig begabt. Er hat erst mit zwanzig Jahren das Abiturium gemacht, und jetzt lernt er auch nicht gut.«

»Ich finde ihn aber doch nett,« sagte Lore.

»Ich warne dich ernstlich vor ihm, Lore, du wirst unglücklich, wenn dein Herz sich ihm zuneigt. – Hüte dich; schon Carlos sagt doch wahr und richtig: Hölle liegt in dem Gefühl, ihn zu besitzen. Das halte dir stets vor Augen. Du kennst doch das Lied, das die gesamte Studentenschaft als Motto über ihr Leben setzt: andre Städtchen, andre Mädchen!«

»Ich will dir ja das Herz nicht schwer machen, Bärbel, aber dein Carlos wird dir wahrscheinlich auch nicht treu bleiben.«

Bärbel legte die Hand aufs Herz und verdrehte die Augen. »Seit ich ihn gesehen, glaub' ich blind zu sein!«

»Kinder, redet doch endlich von was anderem,« mischte sich Maria ein, »das ist ja langweilig. Blas lieber was auf deiner Mundharmonika.«

Bärbel blies das Lied von der Mühle und dem zersprungenen Ringlein.

»Nun ist mir selber so traurig zumute geworden, daß ich mir ganz elend vorkomme. Ach, Lore, es ist ein seliges Gefühl, glücklich verliebt zu sein.« –

Der Juni ging seinem Ende entgegen, und mit ihm rückten die großen Ferien heran. Nur ein kleiner Schmerz stand Bärbel bevor. Das war der Abschied vom Onkel Provisor, der zum 1. Juli Dillstadt verließ, da er selbst eine eigene Apotheke übernehmen mußte. Senftleben wollte bald heiraten, da ihm die neue Apotheke eine gute und gesicherte Existenz bot. Auch ihm war es nicht ganz leicht, aus Dillstadt zu scheiden. Er war über zehn Jahre in der Wagnerschen Apotheke tätig gewesen und fühlte sich mit der Familie verwachsen. Aber nun mußte geschieden sein. Das eine stand für ihn fest, daß er in engster Fühlung mit seinem einstigen Prinzipal bleiben wollte.

Da stand er nun auch vor Bärbel, denn schon die nächste Stunde führte ihn aus Dillstadt hinweg.

»Das kleine und jetzt so große Goldköpfchen wird von mir nicht vergessen werden. Wirst du noch manchmal an Onkel Senftleben denken?«

Bärbel legte in kindlichem Überschwang beide Arme um den Provisor. »Hätte ich meinen Carlos nicht, würdest du sicherlich meinem Herzen nahe stehen, Onkel Senftleben.«

»Nicht wahr, Bärbel, wir beide haben uns stets sehr gern gehabt?«

Sie nickte. »Ja, Onkel Senftleben, du warst mir immer ein treuer Freund, hast für mich manche Klippe umsegelt. Wie oft hast du mir schöne Schachteln und Dosen geschenkt. – Ja, du bist mein Freund!«

»Bleibe auch in Zukunft das liebe, gute Goldköpfchen, das jeder Mensch liebhaben muß, weil es aufrichtig und fröhlich ist. Denke immer daran, kleines, großes Bärbel – –«

»Jawohl, Onkel Senftleben, ich weiß schon, und darum gebe ich dir auf deinen Lebensweg den Spruch, der über meinem Bett hängt: vor allem eins, mein Kind, sei treu und wahr!«

»Hast recht, Goldköpfchen, daran wollen wir beide allezeit denken.«

»Und wenn die Versuchung zu dir kommt, dann ruft dir dein Gewissen zu: sei wach!«

»Du wirst mich doch endlich einmal besuchen kommen, Bärbel?«

»Freilich, Onkel Senftleben, wenn du erst verheiratet bist. Aber, lieber Onkel Senftleben, einen guten Rat gebe ich dir – Zwillinge sind zu viel, ich habe es erlebt und denke heute noch mit Schauer daran. Immer eins nach dem andern. Ich bin ja dann schon sehr alt und komme gern deine Kinder wickeln und trockenlegen. Schreibe mir nur, wenn du soweit bist.«

»Gutes Kind!«

»Ich will dir gern behilflich sein, denn ich weiß, man hat dann alle Hände voll zu tun. Vielleicht kann deine Frau dann auch die alte Brauer kommen lassen, denn Mutti hält große Stücke auf sie.«

»Darüber können wir später reden, Bärbel.«

»Deine Frau muß vor allem darauf achten, daß die Kinder immer schnell trockengelegt werden, du hast doch gehört von der Frau Kube. – Ich habe überhaupt irgendwo ein Buch gelesen, das müßte sich deine Frau anschaffen. Darin steht alles genau beschrieben, wie man den Säugling behandelt.«

Endlich war der Abschied beendet. Bärbel hatte Tränen in den Augen, als Onkel Senftleben ihr zum letzten Male abschiednehmend mit der Hand winkte. Dann schlich sie hinauf in ihr Stübchen, schlug seufzend das Tagebuch auf und begann zu schreiben:

»Ach, Scheiden ist ein Wort, so schwer, als wenn es nicht vom Himmel wär'! – Was ist doch das Herz für ein merkwürdiges Ding! Ich glaubte, es sei ausgefüllt von ihm, Carlos, und nun erzittert es bang, wenn die Trennungsstunde von Onkel Senftleben schlägt. Aber dennoch – ich denke an ihn, und die Tränen versiegen. Carlos, Carlos, sind auch deine Rosen verwelkt, unsere Liebe blüht!«

Damit fühlte sich Goldköpfchen wieder erleichtert, aber den ganzen Tag über konnte das Kind nicht recht froh werden, und sehr oft stand es an der Glastür, die zur Apotheke hineinführte, drückte die Nase fest an die Scheiben und sah auf den Platz, an dem sonst Onkel Senftleben gestanden hatte.

»Er ist weg,« sagte sie seufzend, »schade um ihn, er war ein ganzer Mann!«

Die Ferien wurden in diesem Jahre daheim verlebt. Herr Wagner konnte nicht fort, da er einen neuen Provisor hatte, außerdem war er der Ansicht, daß eine Sommerreise diesmal nicht notwendig sei. Man hatte einen großen Garten, gute Luft, die Kinder waren alle kräftig und gesund, was brauchten sie mehr!

Aus diesem Grunde hatte man Joachim erlaubt, seinen Freund und Studiengenossen Harald Wendelin mitzubringen.

Der junge Student hatte auf den etwas leichtsinnigen Joachim den denkbar besten Einfluß. Es war eigentlich merkwürdig, daß sich zwei so verschiedene Charaktere in herzlicher Zuneigung fanden, denn Harald stand allein in der Welt, hatte schon vor Jahren beide Eltern verloren und wurde von entfernten Verwandten aufgezogen, die ihm nur mit Murren und sehr spärlich die Mittel zum Studium gaben. So hatte der junge Studiosus sein Schicksal kraftvoll in die eigenen Hände genommen, half sich durch Stundengeben und durch sein vorzügliches Klavierspielen mühsam durch.

Alles das hatte Herr Wagner erfahren und war gleich bereit gewesen, den jungen Studenten für sechs Wochen in seinem Hause aufzunehmen, damit er hier Ruhe und Erholung fände.

Für Bärbel vergingen die Tage wie im Fluge. Schmerzlich war ihr nur, daß sich ihr Carlos gar nicht mehr zeigte. Er schrieb ihr wohl, daß man in Körthenau mitten in der Arbeit stecke, aber die Briefe allein genügten Goldköpfchen nicht. Es trug sich immer wieder mit dem Gedanken, den Freund wiederzusehen.

»Mutti,« sagte Bärbel eines Morgens, »ich habe eine Bitte, kann dir aber nichts verraten. Ich möchte eine Radtour machen. Frage mich nicht, wohin, denn es handelt sich um mein Geheimnis. Ich darf dir nur sagen, daß ich eine rasende Sehnsucht im Herzen habe.«

»Ich würde die Radtour nicht nach Westen hin machen, mein liebes Goldköpfchen, man hat dort wirklich keine Zeit.«

»Ahnst du vielleicht etwas?« fragte Bärbel erstaunt.

»Nein, nein, mein Kind, aber ich denke mir, daß du nach Westen fahren willst. Bezähme deine Sehnsucht und sage dir, daß man stört, wenn man zur Arbeitszeit zu fleißig schaffenden Menschen kommt. Nimm dir dein Tagebuch vor, schreibe deine Sehnsucht hinein, und radle mit Lore woanders hin.«

»Nun gut, Mutti, ich werde meinen Mädchenstolz zu Hilfe rufen und mich noch einmal bezähmen.«

»So ist es recht, Bärbel. Damit ihr beide nun eine recht schöne Tour machen könnt, gebe ich dir auch eine Mark mit. Geh und besprich dich mit Lore, sucht euch keinen zu heißen Tag aus, und dann radelt los.«

An diesem Tage stand im Tagebuche Goldköpfchens zu lesen: »Wenn auch das Herz vor Sehnsucht bricht, mein süßer Freund, ich komme nicht – ich bin aus festem, starkem Holz, es sagte nein, mein Mädchenstolz!«

Als Lore eine Stunde später den Vers las, nickte sie. »Wenn man wüßte, Bärbel, was wir jungen Mädchen für große Opfer bringen, man würde uns mit mehr Ehrfurcht begegnen. Aber leider behandelt man uns immer noch wie dumme Gören.«

Am 16. Juli trafen Joachim und Harald ein.

»Er sagt mir nicht recht zu,« flüsterte Bärbel der Mutter ins Ohr, »er ist so mager, es fehlen ihm auch die Locken, die Carlos hat. Ich glaube, ich werde mit ihm nie warm werden können.«

»Herr Wendelin ist ein sehr fleißiger und kluger junger Mann, mein Kind, du wirst viel von ihm lernen können.«

»Kluge Männer schätze ich nicht, Mutti. Leute, die immerzu lernen, sind mir geradezu verhaßt. Auch unsere Dichter sagen: man muß das Leben genießen und sich nicht nur in der Arbeit versenken.«

Harald Wendelin eroberte sich sehr rasch die Herzen aller Hausbewohner, nur Goldköpfchen ging mißtrauisch um ihn herum.

»Ich werde ihn erst 'mal auf die Probe stellen,« sagte sie zu ihrer Freundin. »Läßt er sich zu Dummheiten heranziehen, will ich ihn in den Kreis meiner Freunde einreihen. Wenn er aber weiter so ernsthaft redet, hat er bei mir verspielt.«

»Dein Bruder hat auch schon bei mir verspielt,« sagte Lore ärgerlich. »Denkst du, er hat mir das Taschentuch aufgehoben, das ich heruntergeworfen habe? Er ist ruhig sitzengeblieben. Ich habe eine ganze Weile gewartet, dann habe ich ihm gesagt, daß er vielleicht schon gelernt hat, wie man eine Maschine ölt und einen elektrischen Kontakt in Ordnung bringt, aber von Höflichkeit gegen Damen wisse er gar nichts.«

»Das war fein,« sagte Bärbel strahlend. »Was hat er darauf gesagt?«

»Dummes Mädel! – Mit dem ist es aus!«

»Was machen wir mit dem anderen? Er muß erst erprobt werden.«

»Ob er für uns aus den Kirschbaum steigt?«

»Er soll zu uns kommen und mit der Stange den Pflaumenbaum schütteln. Weißt du noch, Bärbel?«

»Ach nein, Lore, wenn der große, dürre Mensch in den Graben fällt, brechen ihm alle Rippen entzwei.«

»Nun ja – aber was machen wir mit ihm?«

»Ich weiß! – Ich habe eine alte Handtasche, in die schneide ich ein Loch. Dort hinein legen wir Kirschen, und dann gehen wir vor ihm her, und ich lasse die Kirschen langsam herunterfallen. Wenn er sich bückt und die Kirschen aufhebt, ist er ein Kavalier.«

»Und wenn er sie selbst aufißt? – Er sieht so verhungert aus!«

»Dann ist er ein Schuft, und unser gutes Verhältnis ist gestört.«

Gesagt – getan! Als man eines Nachmittags wieder in den Garten ging, füllte Bärbel die zerschnittene Handtasche mit Kirschen und lief der Mutter, die mit Harald hinterher kam, voran.

Die erste Kirsche fiel – – die zweite folgte, die dritte – –da rief Frau Wagner: »Kind, du verlierst ja deine Kirschen.«

»Ach – wirklich?« klang es heuchlerisch zurück. Bärbel blieb stehen, um zu sehen, ob der Student die Kirschen aufheben werde.

»Aber, Bärbel, wie kannst du so liederlich sein und eine solche Handtasche benutzen. Schäme dich, Kind!«

Goldköpfchen wurde glühend rot. Es warf einen scheuen Blick auf den Studenten und sah, wie auch er die zerrissene Handtasche betrachtete. Da machte das Kind kehrt, lief wie gejagt ins Haus, schleuderte die Tasche in den Winkel und rief:

»Jetzt bin ich auch noch vor ihm blamiert, jetzt wird er mir seine Achtung versagen.«

Im Tagebuch wurde eine ganze Seite damit gefüllt, daß sie den neuen, dürren Studenten aus tiefster Seele hasse. Dann ging sie nach der Ecke, wo die Tasche lag, hob sie auf, nahm die Kirschen heraus und aß sie, eine nach der anderen, als Beruhigungsmittel auf.

Obwohl sich Harald Wendelin als ein sehr angenehmer Hausgast zeigte, vermochte Bärbel doch nicht, sich für ihn zu erwärmen. Er war ihr viel zu ernst, lachte wenig und arbeitete sogar in den Ferien. Das war etwas, was sie nicht begriff. Er gefiel ihr nur dann, wenn er sich ans Klavier setzte und spielte. Wie ganz anders klang das Instrument unter seinen Händen, als wenn sie selbst oder die jüngeren Brüder darauf spielten.

Eines Tages kam sie gerade dazu, als Wendelin am Piano saß und phantasierte.

Er hörte auf, als sie das Zimmer betrat.

»Ich habe eine Bitte an Sie,« begann Bärbel schüchtern.

»Sehr gern, Fräulein Bärbel, was wünschen Sie?«

»Sie spielen sehr schön. Wollen Sie mir auch einmal ein Lied vorspielen?«

»Herzlich gern, – was wünschen Sie zu hören?«

Sie kramte in den Noten und legte ihm schüchtern das Lied von Grieg, »Ich liebe dich«, hin. »Es ist sehr schön, und wenn Sie es mit Gefühl spielen, ist es noch viel schöner. Ich kann es nicht.«

Unter seinen Händen sang das Klavier. In mächtigen Akkorden brauste das Lied über Goldköpfchen hinweg. Bärbel hatte sich still in die Zimmerecke gesetzt, ihre Lippen bewegten sich, sie sprach lautlos den Text dazu.

»Ich liebe dich in Zeit und Ewigkeit!«

Als er mit dem Spiel geendet hatte, rührte sie sich nicht. Es war so wunderschön gewesen. Schließlich eilte sie hinaus, ohne ein Wort des Dankes zu sagen. Sie nahm ihr Tagebuch hervor, griff zur Feder und ließ noch einmal die herrliche Melodie an ihrem Ohr vorüberziehen.

Plötzlich tropfte eine Träne aus ihrem Auge gerade auf die Mitte der Tagebuchseite.

Sie schrie vor Entzücken auf, dann raste die Feder über das Papier. »Ich habe um ihn geweint! – Zum ersten Male, – hier, diese Träne sagt es! Vom Herzen kommend ist sie ins Auge gestiegen und gefallen. Carlos, – ich habe um dich geweint! – O, wie mich das glücklich macht!«

Sie eilte zu Lore und berichtete ihr das Unfaßliche. »Heute habe ich um ihn geweint, Lore!«

Lore konnte diese Gefühlsregung nicht recht verstehen, nickte aber dazu. »Ja, Bärbel, es muß schön sein, wenn einen die Liebe weinen läßt.«

Neugierig schlängelte sie sich auch an Wendelin heran, bat ihn, er möge das Lied noch einmal spielen, was er gern tat.

»Eigentlich ist es keine schöne Melodie,« sagte sie später zu Bärbel, »mir gefallen andere Sachen viel besser. Aber ich bewundere dich doch, daß du um ihn geweint hast.«

Seit diesem Tage hatte Bärbel etwas mehr für den Studenten übrig. Sie kramte die Noten durch, und jedesmal, wenn sie irgendwo ein Liebeslied fand, ließ sie es sich von ihm vorspielen. Doch keines erpreßte ihr mehr Tränen, und sie hätte so gern noch weitere Tagebuchblätter durchnäßt.

Dann rückte der Schulanfang wieder in bedrohliche Nähe. Die beiden Studenten hatten noch drei volle Wochen Ferien, als Goldköpfchen zum ersten Male wieder mit ihrer Mappe unter dem Arm zu Fräulein Greger gehen mußte.

Als sie an einem Freitagmittag aus der Schule heimkehrte, sah sie in ihrem Zimmer einen Blumenstrauß stehen, ein Brief lag daneben.

»Von Carlos!« jauchzte sie auf. Aber der Brief war nicht von Carlos, sondern von Onkel Senftleben. Ein silbernes Kettchen, an dem ein kleiner silberner Fisch hing, kam zum Vorschein, dazu ein herzliches Schreiben, das damit begann: mit vierzehn Jahren und sieben Wochen ist der Backfisch ausgekrochen!

Bärbel schrie vor Freude laut auf. An diesen großen Tag ihres Lebens hatte sie noch gar nicht gedacht. Das war ja ein Ereignis, das in der Familie gefeiert werden mußte.

»Mutti, Mutti, ich bin ein Backfisch!«

»Ich weiß, mein liebes Goldköpfchen!«

»Feiern wir das?«

»Nun, ein Grund zum Feiern ist eigentlich nicht vorhanden, aber du darfst dir deine Freundinnen einladen.«

Beim Mittagessen winkte doch eine Überraschung. Um Goldköpfchens Teller lag ein grüner Kranz, und in diesem Kranze waren lauter kleine, silberne Pappfischchen. Der Vater nahm Bärbel in seine Arme.

»Kleiner Backfisch, nun geht es auf die junge Dame los! Bleib mein braves Bärbel, sei kein zu unartiger Backfisch, laß alle unschönen Backfischstreiche bleiben, lerne auch in Zukunft brav, damit du im Leben deinen Mann stehst.«

Die Mutter sprach herzliche Worte, dann kam der Bruder. »Na, allmählich fängst du nun an, Mensch zu werden. Und in zwei bis drei Jahren kann man dich dann für voll ansehen. – Vorläufig bist du noch nischt.«

»Meinst du, daß du schon was bist?« gab die Schwester zurück, »du bist noch viel nischter als nischt!«

»Lassen Sie mich Ihnen zum heutigen Tage auch gratulieren, Fräulein Bärbel, möge Ihnen eine recht glückliche Backfischzeit bevorstehen.«

»Hoffentlich, mit viel Freude und wenig Gelerne.«

»Dann will ich noch ergänzen, daß dem Fräulein Backfisch das Lernen in Zukunft Freude bereiten möge!«

»Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben, Herr Studio!«

Das Kettchen mit dem Fisch lag um Bärbels Hals, sie kam sich sehr stolz vor.

»Habt ihr eigentlich Carlos benachrichtigt, daß ich heute ein Backfisch werde?«

»Nein.«

»Das hätte er eigentlich nicht vergessen dürfen!«

»Vielleicht ist seine Liebe gestorben,« rief Kuno.

Bärbel schüttelte den Kopf. »Liebe ist ewig, aber das verstehst du noch nicht, kleiner Junge, – er wird noch kommen.«

Herr Wagner spendierte am heutigen Abend eine Bowle, um den Backfisch zu feiern. Man saß in der Laube im Garten, und auch Lore war dabei. Die beiden Mädchen hatten dauernd zu flüstern.

»Ich finde ihn eigentlich sehr nett,« sagte Lore und wies mit den Augen auf Wendelin.

»Das ist wirklich nichts für dich,« erwiderte Goldköpfchen, »schlage ihn dir aus dem Sinn. – Er ist freilich ganz nett, aber du wirst ja begreifen, wenn man einen anderen im Herzen trägt, hat man keine Blicke für solch einen mageren Jüngling.«

Hell klangen die Gläser aneinander. »Der Backfisch soll leben!«

Bärbel fühlte sich sehr stolz. »Ich danke euch allen,« sagte sie, »es wird eine bleibende Erinnerung für mich sein.«

»Und nun gibt jeder irgend etwas aus seinem Leben zum besten,« sagte Kuno.

»Natürlich,« meinte der Vater, »der Kleinste hat wieder einmal den größten Mund.«

»O doch, das wäre fein,« meinte Lore und schielte dabei auf Wendelin. »Jeder muß was erzählen, etwas Einschneidendes!«

»Wir beide wissen schon,« flüsterte Bärbel, »weißt du noch, als wir die Pflaumen haben wollten? Vierzehn Tage lang habe ich gehinkt!«

»Es ist vielleicht ganz gut,« begann die Mutter, »wenn man am heutigen Tage einige kleine Geschichten erzählt, Geschichten, die nicht so schnell vergessen werden können. Oder vielleicht denkt ein jeder nur zurück an eine Episode, die tiefen Eindruck auf ihn machte.«

Nach diesen Worten war es für Augenblicke still geworden, dann aber brach die alte Fröhlichkeit wieder durch; und gegen elf Uhr gebot Herr Wagner endlich Schluß.

Da lag nun das frischgebackene Backfischchen in seinem Bett und ließ sich von der Mutter, wie allabendlich, den Gutenachtkuß geben.

»Mutti,« flüsterte Bärbel und drückte den lockigen Kopf an deren Schulter. »Weißt du auch, woran ich heute gedacht habe, daß man im Leben Augenblicke hat, die einen tiefen Eindruck machten?«

»Sage es mir, mein geliebtes Goldköpfchen, woran hast du gedacht?«

»An die Zeit, in der ich gefallen bin.«

»Ach so – an deinen Abrutsch von der Gartenmauer.«

»Nein, Mutti, als ich moralisch eine Gefallene war. – Weißt du noch, als ich damals die fünfzig Pfennige nahm, weil ich nicht wollte, daß ihr erfuhrt, daß ich nachsitzen mußte?«

»Dann hat mein Bärbel auch an den Spruch gedacht, den sie einst lernte und der ihr den rechten Weg wies. Ja, Backfischchen, merk dir den Spruch auch fürs künftige Leben! Und nun schlafe, mein liebes Kind, der Himmel behüte dich!« –

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