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Goldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20181112
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Das Lama in Angst und Not

Die Robinsoninsel wurde immer prächtiger ausgestattet. In dem gemauerten Becken des Springbrunnens stand eine große Kiste, daneben eine kleinere. Auf die große Kiste war eine zweite Kiste gestellt worden. Dort hinauf stiegen jeden Tag mehrmals Robinson oder Freitag, um nach den feindlichen Stämmen Ausschau zu halten. Aber auch die Wohnungen der drei Inselbewohner, eben diese drei Kisten, waren mit allerhand Dingen ausgestattet. Der Stall des Lamas, die untere kleine Kiste, hatte aus Heu und einer Decke ein weiches Lager bekommen, bei Robinson, der neben dem Lama in der großen Kiste wohnte, hingen an den Kistenwänden die unheimlichsten Gegenstände. Da sah man Streitäxte aus Pappe mit Silberpapier beklebt, ein ebensolches Messer, ein Kindergewehr, eine Pistole, die mit einem Korken schoß, einen alten Pelzkragen als Beute eines erlegten Tieres und zwei Hasenfelle. Diese Hasenfelle dienten zur Bekleidung des Robinson, der sie bei weiteren Ausgängen mit einem Bindfaden um die Hüften band. Vor der Kiste Robinsons stand ein Roller, das war das Boot, mit dem man hinaus ins Meer fuhr. Sein Diener Freitag, der in der oberen Kiste hauste, hatte allerlei verrostete Kochtöpfe zusammengetragen, weil er für das leibliche Wohl seines Herrn und des Lamas sorgen mußte. Ferner war von der oberen Kiste zur unteren eine Fernsprechleitung gelegt worden. Zwei Pappscheiben an jedem Ende dienten als Hörer. Freitag sorgte auch für die Unterhaltung seines Herrn. Er hatte eine Mundharmonika, auf der das Abendkonzert gemacht wurde.

In dem Becken war auch die Feuerstelle nicht vergessen worden, ein Gerüst aus drei oben zusammengebundenen Stäben. An Stricken hing ein alter Kessel, unter dem Holz aufgeschichtet lag, aber angezündet durfte es nicht werden, das hatte Herr Wagner streng verboten. Neben dieser Feuerstelle stand die Alarmtrommel. Ein umgestürzter Kücheneimer, zwei Kroketthämmer. Meldete Freitag oben von seinem Ausguck das Herannahen der wilden Stämme, so mußte Robinson sofort die Alarmtrommel schlagen, wobei das Lama half. Ein Eimer hatte schon beim ersten Alarm seinen ohnehin brüchigen Boden verloren. Daraufhin befahl Robinson nur halben Alarm.

Um das Becken war ein Graben ausgehoben und vor diesem Graben ein Bollwerk errichtet worden, das aus Stangen und Gestrüpp aller Art bestand. Anfangs hatten die Kinder einfach allen im Garten befindlichen Tomaten und Rosen die Stöcke fortgenommen und für dieses Bollwerk verwendet. Wagner und Frau verlangten jedoch noch am gleichen Tage, daß alles wieder an seinen alten Platz kam. So wurden Kapitän Korber und Baldrian bestürmt, neue Stöcke zu beschaffen. Als Baldrian mit einer hohen Wäschestütze ankam, entstand ein Freudengeheul. Robinson baute damit eine Antenne. Ein Bindfaden wurde von seiner Kiste hinauf zur Stange gezogen, und nun war er auf der Suche nach dem Radioapparat, der schließlich aus einer Blechkiste bestand, die Klein-Goldköpfchen von Onkel Kuno erbeten hatte.

Die wilden Stämme waren aber auch nicht untätig gewesen. Als erstes fingen sie an, sich in ein Gartenbeet einzugraben. Wäre Frau Wagner nicht rechtzeitig hinzugekommen, so würde ein Rübenbeet vernichtet worden sein. Auf dem Rasenplatz unter einer hohen Buche erstand ein Zelt aus alten Decken und Tüchern. Der gutmütige Adrian hatte den Knaben bei der Errichtung geholfen. Mit Hilfe von Stangen wurde das Zelt vergrößert. Die Hauptstütze war der Baumstamm. Die »wilden Stämme« hatten sich Pfeile und Bogen gemacht, doch mußte Herr Wagner erst dafür sorgen, daß die Pfeile ungefährlich waren, denn die »wilden Stämme« wollten schießen. Holzpfeile wurden nicht erlaubt, gefaltetes Papier, so meinte Herr Wagner, erfülle genau so seinen Zweck. Da aber die »wilden Stämme« von nichts restlos befriedigt waren, erklärte sich Herr Wagner schließlich bereit, den wilden Stämmen »Gift« zu geben. So standen im Zelt etwa zehn Flaschen mit blauen, roten und gelben Flüssigkeiten, alles harmloses gefärbtes Wasser. Der Zettel »Gift«, der auf jeder Flasche klebte, machte die Sache schaurig. Der Häuptling Moritz ließ übrigens nicht eher nach, als bis er noch andere Flaschen bekam, in denen sich Himbeerwasser, Kirschwasser und Zitronenwasser befand.

»Es könnte sein, daß man uns umzingelt«, sagte Häuptling Moritz, »wir müssen also Proviant haben. Vom Vater holen wir noch Schokolade und Keks, er hat genug im Laden.«

»Ich darf euch besuchen kommen«, sagte Klein-Goldköpfchen, »denn das Lama hat keinen feindlichen Sinn.«

»Nein, das geht nicht«, rief Robinson, »das Lama habe ich gefunden, das gehört zu meinem Hause. Du bist mein Haustier.«

Als man mit dem Angriff der »wilden Stämme« das Spiel beginnen wollte, als Freitag, der in seiner oberen Kiste saß, die Stämme meldete, unterbrach Robinson plötzlich den Angriff mit den Worten:

»Das ist ja alles Quatsch! Ich bin doch zuerst ganz allein auf meiner Insel. Ich finde das Lama, das ist bereits halb verhungert, und trag es in mein Haus. Dann finde ich den gefesselten Freitag an einem Freitag.«

»Also heute ist Freitag«, sagte Moritz, indem er sich seinen Kopfputz aufsetzte.

Klein-Goldköpfchen rannte wie irre in dem Becken umher und rief kläglich: »Pui – pui – pui – –«

Da kam Robinson, nahm das Lama in seinem braunen Kittel und führte es in die Kiste. »So, nun könnt ihr den Freitag binden.«

»Halt!« schrie Klein-Goldköpfchen, »ich bin ein verhungertes Lama, du mußt mir erst etwas zu essen geben.«

»Ich habe doch nichts!«

»Ihr habt doch drüben Schokolade«, rief das Lama den feindlichen Stämmen zu, »ich bin sehr verhungert!«

Max, der an Klein-Goldköpfchen großes Gefallen gefunden hatte, eilte sogleich nach seinem Zelt und holte Schokolade.

»Pui – pui – pui«, rief Klein-Goldköpfchen und verspeiste die Schokolade mit größtem Behagen.

Inzwischen hatte Max eine Leine bereitgelegt. »So, Freitag, nun kommst du erst in unser Zelt und bist frech.«

»Esel seid ihr, ihr feindlichen Stämme«, begann Freitag.

Wieder wurden sie von Robinson unterbrochen. »Ihr redet doch nicht deutsch, ihr müßt in der Sprache der feindlichen Stämme reden. Ich kann mich später doch nicht mit Freitag verständigen. So steht es in meinem Buche.«

Gleich darauf tönte aus dem Zelt ein lautes dreistimmiges Geschrei.

»Katschi – batschi hutsch – grrr.«

»Klinga bunga summebum – –«

»Beuske bullak kuganski.«

Das Geschrei wurde so laut, daß Frau Wagner das Küchenfenster öffnete, um zu erforschen, was im Garten los sei. Von der anderen Seite näherte sich Kapitän Korber der Hecke. Alle lauschten, erkannten aber bald, daß das Gebrüll zum Spiele der Kinder gehörte.

Plötzlich wurde Freitag vor das Zelt geschleppt und gebunden. Fürchterlich lärmten die wilden Stämme, verzerrten die Gesichter und tanzten um den Gebundenen.

»Macht das mal hier lockerer«, verlangte Freitag.

»Katsch – butschi matschi. – – Jetzt rollen wir dich zum Graben.«

»Da muß ich erst die Stöcke wegnehmen, sonst könnt ihr ihn nicht reinwerfen!«

»Halt – das ist doch unser Bollwerk. – Du bist ja verrückt!«

»Wie soll er denn ins Meer fallen? Komm, Robinson, wir befahren jetzt das Meer.«

Robinson stellte sich auf den Roller und sauste im Becken herum, das Lama lief hinterher. Der gebundene Freitag zeterte über die zu fest gebundenen Fesseln, die wilden Stämme tanzten.

»Nu' finde mich doch endlich, du Dussel«, rief Erik seinem Bruder zu, denn die Stricke schnürten ihm die Arme fest ein.

Freitag wurde in den Graben gerollt, Robinson und das Lama fanden den Ärmsten. Seine Fesseln wurden gelöst.

»Du mußt mir dankbar zu Füßen fallen, Freitag, so nenne ich dich, weil ich dich am Freitag fand.«

»Erst muß ich den Max verhauen. Sieh mal, wie fest er gebunden hat.«

»Nein, du bist jetzt mein Diener. Falle mir zu Füßen!«

»Quatsch!«

»Du armer Freitag«, sagte Klein-Goldköpfchen mitleidig, »ganz rot bist du. Na, ich will mal dem Moritz die Meinung sagen.«

Das Lama lief nach dem Zelt, Freitag folgte. Robinson schrie vergeblich nach den beiden. Die wilden Stämme lachten. Im nächsten Augenblick hatten sich alle in den Haaren, eine Balgerei entstand, in die auch das Lama verwickelt wurde. Als dann das Lama einmal schmerzlich aufschrie, eilte Robinson herbei. Das wilde Geschrei von vorhin wiederholte sich, nur in anderer Art. Jetzt wurde ein derbes Deutsch gesprochen.

Kapitän Korber erschien abermals an der Hecke, vom Garteneingang her kam Adrian gelaufen. Beide sahen, wie bald Beine, bald Arme aus einem auf der Erde liegenden Knäuel herausgestreckt wurden. Da hielt es Adrian für angebracht, dem Lama zu Hilfe zu kommen, das zuunterst lag.

»Jetzt kommt der oberste aller wilden Häuptlinge«, rief er, »der verlangt Ruhe, sonst holt er die Wasserspritze.«

Sofort sprangen die Kämpfer auseinander, sie reinigten sich die Gesichter von Sand und Erde, zankten noch ein Weilchen und erklärten dann: nun könne das Spiel wieder beginnen.

»Was haste denn?« fragte Freitag das Lama, als es zur Insel hinkte.

»Ihr habt mir mein Bein eingequetscht. Ich glaube, ich habe auch 'ne Beule an der Stirn.«

»Ich hab' Himbeerwasser«, sagte der feindliche Stamm. Dann war der Friede wieder geschlossen.

Am Nachmittag war das gemeinsame Spiel friedlich und sehr nett. Adrian wurde zwar beständig belästigt, bald mußte er Blechbüchsen, bald Flaschen oder Holzstücke heranschaffen, denn die Wohnungen Robinsons und der wilden Stämme mußten immer besser ausgebaut werden. Klein-Goldköpfchen durchstöberte oftmals die Flickenkisten der Oma und Tante Karlas, denn die Häuptlinge brauchten Festgewänder. Ein Katzenfell, das die Köchin gegen Rheumatismus brauchte, wurde leider nicht hergegeben, obgleich Erna der Köchin die verliebtesten Augen machte. Aber ein altes Fell, das auf dem Hausboden lag, schleppte Erna mit Freudengeschrei herbei. Es wurde als Sonnenlager für Robinson in das Bassin gelegt. Robinson behauptete, es sei seine Beute, das Fell eines Wolfes, den er auf seiner Insel erlegt habe.

Als am nächsten Tage Suse Arbert und Helga Petermann kamen, um Klein-Goldköpfchen zum Spielen abzuholen, erklärte das Lama, daß es seinen Herrn nicht verlassen dürfe, denn gerade heute erwarte man einen Angriff der wilden Stämme.

»Können wir nicht mitspielen?« fragte Suse.

»O ja, das könnt ihr«, entgegnen Erna.

»Ich brauche keinen mehr auf meiner Insel«, rief Robinson.

»Ihr könnt unsere Frauen sein«, riefen die wilden Stämme, »ihr könnt uns das Essen kochen! Wir müssen auch eine Feuerstelle haben, außerdem muß jemand im Zelte sein, wenn wir auf Kriegspfad sind und die Insel umschleichen.«

So vermehrte sich die Kinderschar um zwei Mädchen, die sehr bald mit Feuereifer beim Spiel waren.

»Mein Bruder hat ein richtiges Zelt«, sagte Helga, »das bauen wir auch noch auf. Das ist dann das Zimmer der Häuptlingsfrauen.«

Ein richtiges Zelt! Der Jubel war unbeschreiblich. Binnen kürzester Zeit stand unter einem anderen Baum im Garten Apotheker Wagners das Zelt der Häuptlingsfrauen. Sie wurden allerdings sehr bald in das selbstgefertigte Zelt gewiesen, während Max und Moritz das schöne Zelt bezogen. Ruhig ließen sie es sich gefallen.

Da war es am späten Nachmittag, daß Robinson mit seinem Lama auf Erkundungsfahrt ging. Klein-Goldköpfchen war um den Arm mit einem Strick festgebunden und ließ sich von Robinson führen. Sie trug das braune Lamagewand; Robinson hatte sich die beiden Hasenfelle um die Beine gebunden. In tiefgebeugter Haltung, wie es sich für Schleichende geziemt, überschritten beide den Graben, bahnten sich einen Weg durch das Gebüsch, gingen weiter durch den Garten, hin zum Hof und von dort nach vorn auf die Straße.

»Der Landbrotwagen«, flüsterte das Lama. »Sieh mal, hier hat der Bäcker hinten an seinem Auto einen großen Kasten auf Rädern, darin hat er die Brote.«

»Wir holen uns ein Brot«, meinte Robinson, »wir brauchen Nahrung. Die wilden Stämme wollen uns heute einschließen.«

Neugierig wurde der Deckel des Kastenwagens hochgehoben. Der Anhänger war bereits fast geleert, nur wenige Brote waren noch vorhanden, dazu ein Korb mit Semmeln. Während die beiden Kinder voller Neugier alles betrachteten, kam der Bäcker.

»Das riecht wohl gut in eure Nasen?«

»Ja, – ich möchte auch gerne mal wie die Brote im Kasten sitzen und herumfahren«, meinte Klein-Goldköpfchen.

»Das kannst du ja machen.«

»Fährst du mich ein Stückchen?«

»Wenn es deine Großeltern erlauben, tue ich es gem. Ich komme in einer Stunde nach Dillstadt zurück. Ich muß noch nach Kronsdorf hinüber und weiter nach Meilheim und Stuben, dann komme ich wieder hierher zurück.«

»Ach, bitte, nimm mich doch mit. Ich will so furchtbar gerne mal hinten im Kasten sitzen.«

Robinson machte sich an der Befestigung des Anhängers zu schaffen. »Wenn Sie kein Brot mehr haben, fahren Sie ohne den Kasten? Dann haben Sie nur ein Auto? Der Kasten ist ja nur angehängt.«

»Das stimmt, mein Junge.«

»Den Haken kriege ich sogar raus, wenn ich will.«

»Laß den Haken hübsch in Ruhe.«

»Lieber Herr Bäcker, warten Sie doch noch ein bißchen, ich lauf' ganz rasch und frage die Oma, ob ich ein Brot sein darf und mitfahren kann.«

»Meinetwegen.«

Klein-Goldköpfchen eilte zu den Großeltern. Sie schilderte ihnen die herrliche Fahrt hinten im Kasten mit den Broten. Gar zu gern wollte sie durch die verschiedenen Dörfer fahren, durch die das Brotauto fuhr.

»Nein, Klein-Goldköpfchen, ich – –«

Erna hielt dem Großvater den Mund zu. »Sag doch ja, du lieber guter Opa! Ich bin doch das Lama, – du hast mir schon solange keine große Freude mehr gemacht, lieber Opa. – Jetzt wäre es meine aller-allergrößte Freude, wenn ich im Kasten mit den Broten fahren könnte. – Mein lieber, guter Opa, sag doch: Ja, du darfst.«

»Wenn aber der liebe gute Opa es doch nicht erlaubt?«

Erna saß auf seinen Knien und drückte ihre Wange fest an das Gesicht des alten Herrn. »Ich hab' gar keinen anderen Wunsch mehr, lieber Opa, nur noch den einen! – Laß mich doch ein Brot sein.«

Herr Wagner stand auf, ging mit seinem Enkeltöchterchen hinaus und sprach mit dem Bäcker.

»Die Fahrt durch die Dörfer dauert höchstens drei Viertelstunden. Ich setze die Kleine neben mich ins Auto und lasse sie mitfahren. Ich bringe sie Ihnen gesund wieder zurück, Herr Wagner. Hab' ja selber daheim die Stube voll solcher kleiner Dinger.«

»Dann ziehe dich wenigstens um.«

»Nein, lieber Opa, ich bin doch das Lama, ich muß so bleiben.«

»Lassen Sie sie nur, Herr Wagner«, lachte der Bäcker, »sie sitzt neben mir im Wagen und darf nicht hinaus.«

»Darf ich auch ein Brot sein?« fragte Robinson, »ich möchte so furchtbar gern mitfahren. Schon hatte er sein »Lama« wieder am Strick. »Das Lama kann ohne mich nicht sein, sonst verläuft es sich.«

»Meinetwegen, komm mit«, lachte der Bäcker.

Als er dann die beiden Kinder ins Auto nehmen wollte, wehrten sie sich energisch.

»Wir wollen doch Brote sein und keine feinen Fahrgäste.«

»Im Auto bin ich schon oft gefahren«, sagte Robinson, »heute will ich im Kasten fahren.«

Der gutmütige Bäckermeister machte den Anhänger auf, entfernte die letzten Brote und nahm einige Bretter heraus, so daß eine bequeme Sitzgelegenheit entstand. Der Deckel des Anhängers wurde nicht fest geschlossen, ein Brett wurde dazwischengeschoben, damit die Kinder Luft hatten.

»So, ihr Brote, nun steigt ein.«

Robinson machte ein solch listiges Gesicht, daß Wagner, der noch vor der Haustür stand, ihm drohte. »Was hast du wieder vor, Lothar? Bringe mir das Lama gesund wieder zurück.«

»Mach' ich!« klang es zurück.

»Es wird euch nicht lange in dem Anhänger gefallen«, sagte der Bäcker, »bis Kronsdorf geht es glatt, aber wenn wir vor Meilheim sind, wird die Straße so schlecht, daß ihr beide euer Hinterteil schon spüren werdet.«

»Au fein, es muß tüchtig holpern!«

»Wartet es nur ab!«

Dann ging die Fahrt los. Bis Kronsdorf ging es wirklich wunderbar schön. Die beiden Kinder hatten ihren hellen Spaß und spielten Brote. Der Bäckermeister hatte im Dorf verschiedene Backwaren abgeliefert, dann stieg er wieder ein, und weiter ging die Fahrt.

Der Weg wurde schlechter und immer schlechter. Der Anhänger hopste und schleuderte. Die beiden Kinder jubelten, auch wenn sie mit den Köpfen hin und wieder gegen den Deckel des Anhängers stießen.

Nun kam ein ganz großes Holpern, und dann – stand der Wagen still.

»Es wird am Auto was kaputt gegangen sein«, meinte Klein-Goldköpfchen.

»Vielleicht ist der Anhänger aus dem Haken gesprungen. Ich hab' ihn nur ganz schlecht eingehängt und noch ein Steinchen dazwischengeklemmt.«

Der Anhänger stand.

»Wollen wir mal oben rausgucken?« fragte Erna.

Der Deckel wurde etwas mehr angehoben, zwei Kinderköpfe schauten heraus, – zwei Gesichter wurden lang und immer länger. – Wo war das graue Auto des Bäckers? Es war nicht mehr zu sehen. Verlassen stand der Anhänger auf dem schlechten Wege.

Robinson lachte laut auf. »Jetzt ist die Deichsel des Anhängers aus dem Haken gesprungen. Jetzt sitzen wir fest!«

»Er hat's nicht gemerkt, daß er uns verloren hat.«

»Er wird schon wiederkommen.«

»Wollen wir mal rauskriechen?«

»Ja. – Jetzt gehen wir bis zum nächsten Dorf, dann lachen wir den Meister aus.«

»Wo ist denn das nächste Dorf?«

»Nu, wir gehen auf der Straße weiter, da kommen wir schon hin.«

Gesagt – getan! Die Kinder verließen den Anhänger und wanderten weiter.

»Jetzt sind wir auf Fahrt«, rief Robinson. »Wie ein richtiger Robinson machen wir es. Wir schleichen nach Beute.«

»Pui – pui – pui –« strahlte das Lama.

Der Weg, der durch den Wald führte, machte eine große Kurve. Robinson schlug vor, den Weg abzukürzen und quer durch den Wald zu gehen.

»Ein richtiger Robinson geht durch die Urwälder, er geht nicht auf der Landstraße. Vielleicht finden wir auch Blaubeeren.«

»Pui – pui – pui«, tönte wieder das helle Jauchzen des Lamas.

Es gab auch wirklich reichlich Blaubeeren im Walde. Robinson und das Lama begannen eifrig zu essen und gerieten dabei immer tiefer in den Wald. Endlich erinnerte sich das Lama daran, daß man doch ins nächste Dorf gehen wollte, um den Bäcker wiederzufinden.

»Hast recht«, sagte Robinson, »wir wollen gehen.«

Wo aber war der Weg? Die Kinder fanden einen breiteren Waldweg, den gingen sie ein Weilchen entlang. Einmal hörten die Kinder in der Ferne ein Hupen.

»Das ist die Straße, dort müssen wir hin.«

Weiter ging es, quer durch den Wald, dem Lama wurde ein wenig ängstlich zumute.

»So ein großer Wald und zwei kleine Kinder«, sagte es. »Wenn wir uns verirren und gar nicht mehr rausfinden?«

»Unsinn – ich finde schon.«

So trabte das Lama hinter seinem Robinson her. Obgleich die schönsten Beeren im Walde standen, aß keines der Kinder mehr, denn auch dem Robinson war nicht mehr recht wohl zumute.

Wieder Räderrollen. Das kam ganz aus der Nähe.

»Ich hab's ja gewußt«, rief Robinson erleichtert, »ich bin auf richtiger Fährte!«

Weiter ging es, quer durch den Wald. Wirklich stießen die Kinder nach kurzer Zeit auf die Landstraße.

»Jetzt komm im Galopp nach dem Dorfe, sonst ist der Bäcker weg.«

Robinson nahm sein Lama wieder am Strick und rannte los. Klein-Goldköpfchen konnte ihm so schnell nicht folgen und lag bald auf der Nase.

»Dummes Tier«, schalt Robinson, »wir müssen uns doch beeilen.«

»Ich beeil' mich schon so sehr wie ich kann, mehr kann ich nicht!«

Robinson hielt den Strick fest in der Hand und zerrte das arme kleine Mädchen hinter sich her, bis er selbst nicht mehr rennen konnte und stehenbleiben mußte. Da sahen sie auch schon die ersten Häuser des Dorfes.

»Siehst du nun, was ich für eine Spürnase habe? Ohne mich wärst du im Walde verhungert!«

Das Dorf war erreicht. Es gingen aber mehrere Straßen nach rechts und links ab. Wo sollte man den Wagen des Bäckers finden?

Die Kinder berieten.

»Ich gehe in dieses Haus«, sagte Robinson, »und frage.«

Dem Knaben wurde der Bescheid, daß der Bäcker längst durch sein müsse. Er käme schon gegen sechs Uhr, und jetzt sei es gleich sieben.

Sehr kleinlaut überbrachte Robinson dem Lama die Botschaft.

»Gleich sieben! Da essen die Großeltern Abendbrot. Oh, ich muß ganz fix nach Hause.«

»Was machen wir nur?«

»Hast du nicht einen Fernsprecher irgendwo in einem Hause? Mein Väti ruft immer mit dem Fernsprecher die Leute an, wenn er zu ihnen kommt.«

»Ich rede auch oft durch den Fernsprecher«, sagte Robinson erleichtert. »Will gleich mal fragen, wo das Postamt ist, das hat immer einen Automaten.«

Man wies die Kinder zurecht. Der Verwalter der Postagentur war stark beschäftigt und zeigte mit dem Finger hinüber zum Apparat. »Verstehst du damit umzugehen?« fragte er den Knaben.

»Selbstverständlich«, erwiderte Robinson stolz.

Als er dann vor dem Apparat stand, fehlte ihm das Geldstück, denn keines der Kinder hatte Geld bei sich.

»Haste nich 'nen Knopf?«

»Nein«, sagte Klein-Goldköpfchen und betrachtete ihr Lamakleid. Robinson suchte in seinen Hosentaschen. Da waren ein Hammer und Nägel, Bindfaden und auch etwas Draht, eine leere Garnrolle, drei Zigarettenschachteln und einige Bonbons. Aber weder einen Knopf noch ein Geldstück fand er. Kurz entschlossen drehte er von seiner Hose einen Knopf ab und versuchte, ihn in die Öffnung zu zwängen.

Inzwischen war der Verwalter der Agentur mit seiner Arbeit fertig geworden. Da er den eigenartig gekleideten Kindern nicht viel zutraute, wollte er selbst hilfreich zuspringen. Er sah gerade noch, wie Lothar sich bemühte, den Knopf in den Ritz zu stecken.

»Was fällt euch denn ein«, schalt er los, »kommt ihr her, um den Apparat zu beschädigen? Na wartet nur, das soll euch teuer zu stehen kommen. Hinaus aus der Telephonzelle!«

Im nächsten Augenblick rannten zwei Kinder wie wild an dem Beamten vorbei, gewannen die Tür, stürmten ins Freie und glaubten nichts anderes, als daß der Mann hinter ihnen herkäme, um sie zurückzuholen. Das Lama schrie mehrmals: »Du, er kommt – er kommt!« So jagten die Kinder die Landstraße entlang. Erst an einem Scheunentor machten sie halt.

»Wir verstecken uns hier hinter der Tür«, sagte Klein-Goldköpfchen.

In großer Angst standen die Kinder da.

Es dauerte nur wenige Minuten, da hörten sie auf der Straße erregte Stimmen.

»Wo sind die Rangen?«

»Sei still, sei ganz still«, flüsterte das Lama seinem Robinson zu.

Aber einer hatte die Kinderfüße hinter der Scheunentür gesehen, und schon standen zwei Männer vor den Kindern mit zornigen Gesichtern.

»Da seid ihr endlich! Was fällt euch nur ein, mir die Scheiben einzuwerfen! Könnt ihr nicht woanders Ball spielen? Wer seid ihr?«

»Ich bin das Lama«, flüsterte Klein-Goldköpfchen und machte sein freundlichstes Gesicht. Dem Kinde bebte die Stimme so sehr, daß selbst Robinson Mitleid mit seinem geliebten Tier hatte.

»Die Scheiben werdet ihr bezahlen«, sagte der Mann, »wie kommt ihr dazu, mir den Ball ins Fenster zu werfen?«

»Wir haben nicht geballt«, rief Robinson gekränkt.

»Willst du auch noch lügen«, rief der andere. »Wer seid ihr? Die Scheibe wird von euch bezahlt.«

»Ich bin der Robinson, mein Großvater ist ein berühmter Mann, er ist um die ganze Welt gefahren. Ich habe keinen Ball in Ihr Fenster geschmissen.«

»Ihr seid die Straße entlang gerannt und habt euch dann versteckt. Das macht das schlechte Gewissen.«

»Wir haben kein böses Gewissen«, sagte Klein-Goldköpfchen, »wir haben nicht Ball gespielt, – wir haben nur ein böses Gewissen, weil wir –« Jäh verstummte sie. Ein Puff in die Seite brachte sie zum Schweigen.

»Ihr habt mir die Fensterscheibe eingeworfen.«

Die Männer hatten die beiden Kinder auf die Straße gezogen. Andere Dorfbewohner kamen hinzu. Heftiges Schelten wurde laut.

»Solche Rangen, – wie sie schon aussehen! – Hasenfelle hat er sich umgebunden. – Was soll die Maskerade?«

»Ich bin der Robinson«, beharrte Lothar.

»Mit dem Bengel ist nichts anzufangen«, sagte einer der Umstehenden, »das kleine Mädchen wird uns bessere Auskunft geben. – Wer bist du?«

Erna lächelte die Umstehenden freundlich an. Jedem schenkte sie aus ihren blauen Augen einen süßen Blick. Dann legte sie das Blondköpfchen ein wenig auf die Seite und sagte weich und langsam:

»Ich habe die Fensterscheibe wirklich nicht eingeworfen, ich bin – – Der Bäcker! – – der Bäcker!«

In diesem Augenblick hatte sie das Auto des Bäckermeisters erspäht und jauchzte erleichtert auf: »Der Bäcker, – der Bäcker!«

Da wurde sie unsanft am Arm gefaßt. »Was bist du? – Ein Bäcker?!«

»Herr Bäcker – – Herr Bäcker, ach bitte, retten Sie uns!«

Der Bäcker, der wegen des Menschenhaufens seinen Wagen anhalten mußte, hatte die Kinder erblickt und atmete befreit auf. Als er bei der Einfahrt nach dem Dorfe Meilheim merkte, daß er seinen Anhänger nicht mehr hatte, kehrte er sofort um, fand auch den Anhänger, – von den Kindern aber war nichts zu sehen. Er rief nach ihnen, ging nach rechts und links in den Wald hinein, ließ laut seine Stimme erschallen, – keine Antwort erfolgte. Langsam fuhr er ein Stück des Weges zurück, bis fast nach Kronsdorf, in der Hoffnung, seine Fahrgäste irgendwo auf der Landstraße zu finden. Aber auch das war vergeblich. So war er mit sorgenvollem Herzen wieder nach Meilheim gefahren und erblickte nun die beiden lebenden Brote, die anscheinend in großer Bedrängnis waren.

»Retten Sie uns, lieber Bäcker!«

»Was ist denn los?« Er war ausgestiegen und wurde sofort von den erregten Dorfbewohnern umringt.

»Die Fenster haben sie mir eingeworfen mit ihrem Geballe!«

Es gab ein erregtes Hin und Her. Die Kinder beteuerten, sie hätten ja keinen Ball, gestanden schließlich ihre Missetat in der Postagentur.

»Steigt jetzt in meinen Wagen und wartet auf mich. Aber wehe euch, steigt ihr wieder aus. – Besser, ich schließe den Wagen ab.«

Bedrückt, mit gesenkten Köpfen saßen Robinson und sein Lama im Wagen. Sie wagten nicht aufzusehen, denn überall zeigten sich verärgerte Gesichter.

»Mir wäre es lieber, ich säße hinten im Kasten«, flüsterte Klein-Goldköpfchen.

Währenddessen gab der gutherzige Bäckermeister alle nötigen Erklärungen. Wenn die Kinder wirklich eine Scheibe zertrümmert hätten, würde sie gewiß von Apotheker Wagner in Dillstadt bezahlt werden. Auch zur Postagentur ging er. Einmal um festzustellen, ob der Apparat Schaden gelitten hatte, zum zweiten, um Wagners anzurufen, damit Ernas Großeltern nicht länger in Sorge wären. Er selbst mußte unbedingt noch weiter nach dem Dorfe Stuben, um seine Ware abzuliefern, mußte daher die Kinder mitnehmen. So würde noch eine halbe Stunde vergehen, bis er zurück nach Dillstadt kam.

Endlich war alles erledigt.

»Ich nehme euch ein zweites Mal nicht mehr mit«, sagte er zu den beiden schweigsamen Kindern. »So ein Robinson und ein Lama machen zu viele Dummheiten.«

Die Beiden gaben keine Antwort. Sie sahen ihr Unrecht ein und waren froh, so behaglich im Auto zu sitzen und heimfahren zu können.

Gegen acht Uhr kam man wieder in Dillstadt an. Herr Wagner hatte sofort nach dem Anruf des Bäckermeisters Kapitän Korber benachrichtigt, damit auch er nicht in Sorgen um Lothar wäre.

»Hätte ich gewußt, Klein-Goldköpfchen, daß du als Lama solche Seitensprünge machst, hätte ich dich nicht mitfahren lassen. Ich habe mir eingebildet, daß du brav und artig als Brot mitfahren würdest. Nun hast du mich sehr enttäuscht.«

»Opa, lieber Opa, ich werde dich nicht mehr enttäuschen. – Opa, sieh doch nur, wie ich zerschunden bin. Im Walde bin ich auf die harten Wurzeln gefallen, dann habe ich auf der Landstraße gelegen. Der Robinson hat mich so sehr gezerrt. – – Guck doch her, du lieber Opa, überall bin ich kaputt! Du mußt dein kleines Goldköpfchen jetzt nicht auszanken, das hat heute soviel Angst und Not gehabt.«

»So nimm es als Strafe hin.«

»Aber die Scheiben haben wir ganz bestimmt nicht eingeworfen.«

»Jedenfalls fährst du nicht mehr mit.«

Bei Lothar Hutten ging es nicht so sanft ab. Er wurde zunächst von seinem jüngeren Bruder verprügelt, denn Freitag war entrüstet, daß er von Robinson und dem Lama im Stich gelassen worden war. Zum anderen erhielt er von seinem Großvater eine gehörige Tracht Prügel, weil er Klein-Goldköpfchen verleitet hatte, mit ihm in den Wald zu gehen, anstatt am Wagen zu warten. Er mußte sich doch denken, daß der Bäcker zurückkehren werde. Auch daß er versucht hatte, einen Hosenknopf in den Telephonapparat zu stecken, trug ihm Strafe ein.

So beschwor Robinson am anderen Tage sein Lama, es möge unter allen Umständen davon schweigen, daß er den Anhänger gelockert habe, was allein Schuld daran trug, daß sich der Anhänger von dem Auto gelöst hatte. Lothar ging auch am nächsten Tage nicht auf Entdeckungen aus, er fühlte sich nicht ganz wohl.

Klein-Goldköpfchen war gleichfalls recht gedrückt. Die Oma hatte dem Kinde strenge Worte gesagt, die noch lange nachklangen. So verlief der nächste Tag sehr friedlich. Sogar als die wilden Stämme einen Angriff wagten, stellte sich das Lama vor sie hin und sagte:

»Laßt uns heute lieber in Ruhe, wir haben gestern die Jacke voll gekriegt und sind heute leidend.«

»Dann komm zu uns ins Zelt und trinke mit uns rotes Gift!«

Bald schlürfte das Lama mit Behagen das süße Himbeerwasser. Max aber stand vor dem Eingang des Zeltes und gab acht, daß die Häuptlingsfrauen nicht hinzukamen, denn sein geliebtes Klein-Goldköpfchen sollte das Himbeerwasser allein haben.

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