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Goldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20181112
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Der Hexenmeister

»Darf ich gleich jetzt zu Suse Arbert gehen? Sie weiß immer so schöne Sachen zu erzählen.«

»Jawohl, Klein-Goldköpfchen«, sagte Frau Wagner erfreut, »Suse ist ein liebes Mädchen.« Die Großmutter war froh, wenn Erna hin und wieder mit Kindern spielte. Wenn auch Suse, die Tochter des Rechtsanwaltes, beinahe vier Jahre älter war als Erna, so paßten die beiden Kinder doch vortrefflich zueinander. Suse hatte eine kindliche Art, wußte gut zu erklären, und die wißbegierige Erna lauschte freudig den Worten der Älteren.

Da Rechtsanwalt Arbert ebenfalls einen großen Garten hatte, konnte man sich auch dort reichlich austollen. Zu Frau Arbert hatte Klein-Goldköpfchen rasch Vertrauen gefaßt, vor allem gab es stets eine wunderschöne Speise.

Als Erna in das Haus des Rechtsanwaltes kam, vernahm sie die laute Stimme Suses: »Heute darf ich mit zum Hexenmeister!«

Klein-Goldköpfchen horchte auf. Zu einem Hexenmeister wollte Suse gehen? Was war das für ein Mann?

»Jawohl, du kannst mit Agnes gehen. Bleibt aber nicht zu lange. Ich weiß, daß du den armen Alten nicht in Ruhe lassen kannst.«

Da war Klein-Goldköpfchen schon im Zimmer, begrüßte die Anwesenden artig und fragte dann sogleich: »Kann ich auch mit zum Hexenmeister gehen? Ist er ein schlimmer oder ein guter Mann?«

Frau Arbert lachte. »Er ist ein harmloser alter Mann, der in Dillstadt wohnt. Er weiß, daß er in jedem Monat von uns eine Spende bekommt.«

»Warum ist er ein Hexenmeister?«

»Er kann zaubern«, sagte Suse, »was macht der alles für komische Sachen! Er holt Geld aus der Luft, er zerschneidet einen Strick, der dann wieder heil ist. – Und ein Ei hat er, das kann er schief auf den Tisch stellen. – Es ist sehr schön beim Hexenmeister!«

»Wenn er Geld aus der Luft holen kann, warum holt er sich dann kein Geld? – Warum ist er dann arm?«

»Das ist doch Zaubergeld«, meinte Suse, »von dem Geld kann er sich nichts kaufen.«

»Kann ich mitkommen zum Hexenmeister?«

»Da wirst du erst einmal deine Großeltern fragen müssen.«

»Ich frage sie gleich! – Suse, warte noch, ich bin gleich wieder da, und dann komme ich mit zum Hexenmeister.«

Schon war Klein-Goldköpfchen davongelaufen, eilte die Straße hinab, um die Hausecke herum und rief erregt nach dem Großvater. Der Opa würde es gewiß erlauben, er tat ihr ja gerne jeden Gefallen.

»Opa, bitte, laß mich zum Hexenmeister gehen! Die Suse geht gleich zum Hexenmeister, und ich möchte so gerne mitgehen.«

Apotheker Wagner lachte. »Da gebe ich mir nun ehrlich Mühe, dir den Hexenmeister zu verschweigen. Im vorigen Jahr habe ich euch nichts von ihm erzählt, weil ich fürchtete, daß ihr alle zu hexen anfangen würdet. Und nun erfährst du doch von ihm.«

»Opa, wenn ich Geld aus der Luft hexen könnte, das wäre fein! Dann hexe ich mir meine drei blitzenden Markstücke wieder in die Tasche. – Ach, Opa, ich habe doch solches Herzeleid, daß die Tasche immer noch leer ist. Wenn ich reingucke, sind gar keine blitzenden Markstücke da, nur so ein bißchen Geld – –. Ach, Opa, das müßte doch geändert werden!«

»Der Hexenmeister wird dir auch nicht helfen können. Er ist ein armer Mann.«

»Wenn ich Hexenmeister wäre, wäre ich kein armer Mann. – Opa, nun muß ich ganz schnell laufen, sonst geht die Suse allein.«

»Na, dann warte mal noch einen Augenblick, Klein-Goldköpfchen. Wenn du doch zu Herrn Ikoraha gehst, so nimm ihm ein Fläschchen Wein mit. Er soll es zur Stärkung haben.«

»Ist er schwach?«

»Er ist ein alter Mann, der nicht mehr viel Kräfte hat. Außerdem ist er arm, denn seine einzige Tochter verdient auch nicht viel.«

»Opa, ich muß nu' gehen, gib schnell die Flasche her!«

»Wenn du so energisch befiehlst, Klein-Goldköpfchen, muß der Opa rennen.« Er ging mit dem Kinde in die Apotheke, nahm eine Flasche kräftigen Wein aus dem Regal und reichte sie Erna. »Aber ja nicht fallen lasten, recht gut aufpassen.«

»Opa –« sagte die Kleine vorwurfsvoll, »bin ich ein kleines, dummes Mädchen?«

Schon lief sie davon.

Suse stand wartend im Hausflur, sie hatte ein Körbchen am Arm. Schließlich erschien das Hausmädchen Agnes, die eine vollgepackte Einkaufstasche trug.

»Nun können wir gehen.«

Die drei machten sich auf den Weg. »Erzähle mir vom Hexenmeister. Wie sieht er aus? – Was macht er?«

»Laßt den alten Mann in Ruhe«, sagte Agnes. »Herr Ikoraha ist einstmals ein bekannter Zauberkünstler gewesen, der in der Welt umherreiste und seine Vorstellungen gab. Hexen und zaubern kann er natürlich nicht, das kann kein Mensch. Aber er hat eben große Geschicklichkeit, so sieht es aus, als könnte er zaubern.«

»Er hat aber einen Zaubernamen.«

»Er ist ein Grieche, lebt aber schon sehr lange im deutschen Vaterlande. Nun ist er alt und schwach geworden und hat sich in Dillstadt niedergelassen.«

»Du, Agnes, zaubert er noch?«

»Nein, schon lange nicht mehr. Seine Tochter, auch schon eine ältliche Frau, geht als Kochfrau in die verschiedensten Häuser und verdient dadurch das, was die beiden brauchen. Es langt nicht immer, besonders im Sommer ist das Geld mitunter recht knapp, weil man dann eine Kochfrau nicht so oft braucht. So helfen mehrere Familien den beiden Leuten durchzukommen.«

»Manchmal zaubert er doch noch«, sagte Suse. »Wenn ich hinkomme, zeigt er mir immer etwas. – Na, du wirst staunen!«

Der ehemalige Zauberkünstler Ikoraha hatte zwei bescheidene Stübchen inne. Seine fünfzigjährige Tochter besorgte den kleinen Haushalt und brachte sich ehrlich und redlich durchs Leben. Ikoraha selber war durch Krankheit reichlich geplagt, so daß es ihm unmöglich war, seinen Beruf noch weiter auszuüben. Trotzdem erhielt er viel Besuch, denn gerade die Jugend ließ sich gerne von ihm eines seiner Kunststücke vormachen.

Erna war sehr enttäuscht, als sie den Hexenmeister sah. Sie hatte geglaubt, er werde ihr in einem bunten Gewande entgegentreten, eine spitze Mütze auf dem Kopfe und ein besonderes Gesicht haben. Aber nichts von alledem. Ikoraha war ein alter Mann in einer dunklen Hausjoppe, Filzschuhe an den Füßen, schneeweißes Haar auf dem Haupte, mit einem Gesicht, wie es viele alte Männer hatten. Er sprach auch nur so, wie andere Männer. Er bedankte sich mit herzlichen Worten für die freundlichen Gaben und drückte auch Erna die Hand.

»Das hier ist meine Freundin, die in Dillstadt zu Besuch ist«, sagte Suse, »sie möchte so gerne mal sehen, wie Sie das Geld aus der Luft holen.«

Der alte Mann erhob sich, trat an einen Schrank, öffnete ihn und suchte in einigen Kästen. Dann kam er zu den beiden Kindern zurück.

»Da – nun schaut einmal meine Hände an, sie sind leer.« Dabei hielt er den Kindern seine geöffneten Hände hin, so daß sie die leeren Handflächen sahen. Plötzlich griff er Erna an die Nase und hatte zwischen den Fingern ein blitzendes Fünfmarkstück. Das steckte er in seine Rocktasche. Dann zeigte er wieder seine beiden leeren Handflächen, griff Suse ans Ohr, holte wieder ein Fünfmarkstück heraus und steckte es ein. Dann griff er nach Ernas Daumen. Da war schon wieder ein Fünfmarkstück. So ging es ein Weilchen fort.

Erna kam aus dem Staunen nicht heraus. Wo holte der alte Mann die vielen Geldstücke nur her? Bald griff er in die Luft, bald an die Tischdecke, und überall fand er ein Fünfmarkstück.

»O – kannst du aber zaubern!«

»Nun will ich euch noch etwas anderes zeigen.« Abermals ging Ikoraha zum Schrank. Dann zeigte er den beiden Kindern ein weißes Taschentuch. Er nahm es in die Hand, zog einen Zipfel daraus hervor und schnitt mit der Schere den Zipfel ab. Dann faltete er das Tüchlein auseinander. – Es war unversehrt.

Erna staunte. So etwas war ihr in ihrem Leben noch nicht vorgekommen! »Schneide noch 'nen Zipfel ab!«

Der Zauberkünstler nahm das Taschentüchlein erneut in die Hand, knillte es zusammen, zog zwischen zwei Fingern einen Zipfel hervor und schnitt ihn ab. – Auch jetzt war das Taschentuch wieder völlig unversehrt, das er den Kindern zeigte.

»Noch mehr, noch mehr«, riefen die beiden.

Dann holte er eine Streichholzschachtel, entnahm ihr ein Streichholz, zündete es an, – es brannte wie jedes Streichhölzchen.

»Jetzt werde ich den Hölzchen gebieten, daß sie nicht mehr brennen. Er schwenkte die kleine Schachtel mehrmals durch die Luft und ließ Suse ein Hölzchen herausnehmen. Sie versuchte es anzuzünden, – es gab einen leisen zischenden Laut von sich, glimmte kurz auf und verlöschte dann gleich wieder. Auch Erna versuchte es, – die Hölzchen brannten nicht.

»Ach, bitte«, sagte Suse, »sagen Sie doch den Hölzchen, daß sie wieder brennen sollen.«

Abermals schwenkte der Zauberer die kleine Schachtel durch die Luft. »Jetzt sollt ihr wieder brennen«, sagte er. Als nun Suse und Erna je ein Hölzchen entzündeten, brannten sie lichterloh.

Die Kinder saßen lange und berieten, wie solche Zauberei wohl zu machen sei.

»Ich will euch eine Freude machen«, sagte Ikoraha, »deine Eltern, kleine Suse, sind immer sehr gut zu mir, und auch dieses kleine Mädchen mit den goldenen Haaren gefällt mir sehr gut. Ich werde euch jedem eine kleine Zauberei schenken, die könnt ihr euren Eltern vormachen. Nun paßt einmal recht gut auf.«

Wieder ging er zu dem Schrank und holte ein Markstück hervor, an dem eine offene Klammer fest angelötet war. Diese kleine Klammer, die die Farbe der Haut hatte, streifte Ikoraha über den Zeigefinger Ernas, und zwar derart, daß das Markstück auf dem Nagel des Zeigefingers stand.

»Wenn du jetzt deine Hände öffnest und nur die Innenflächen deinen Geschwistern zeigst, sieht es aus, als wären deine Hände leer. Die Klammer, die das falsche Geldstück hält, sieht man ja nicht. Wenn du jetzt mit der geöffneten Hand an die Nase deines Bruders oder deiner Schwester faßt und die Hand rasch schließt, kommt das Markstück zum Vorschein, und es sieht aus, als hättest du das Markstück zwischen den Fingern. Dann gibst du vor, du steckst das Geldstück in die Tasche, es bleibt aber ruhig auf deinem Finger sitzen. So kannst du immer wieder, wenn du die Hand schließest, ein Geldstück greifen. – Komm, wir wollen es gleich einmal versuchen.«

Erna jubelte hell auf. Der Hexenmeister hatte recht! Wenn sie die Hand mit der Innenfläche nach oben hielt, sah man das blitzende Markstück nicht. Wenn sie die Hand aber schloß, saß es gerade auf dem Finger. Sie griff Suse an die Nase, es klappte herrlich! Sie holte das Markstück aus der Luft, und wieder gelang es.

»Oh – nun kann ich hexen«, jauchzte sie.

»Jetzt kommst du an die Reihe, kleine Suse. – Schau her, hier habe ich ein Taschentuch, und hier habe ich noch ein Stückchen Leinwand, das ist auch gesäumt und sieht einem Taschentuchzipfel ähnlich. Dieses Stückchen Leinwand habe ich aber schon in der Hand, wenn ich das andere Taschentuch hineinlege. – Nun ziehe ich vorsichtig den Zipfel, der nicht zu dem kleinen Taschentuch gehört, zwischen den Fingern durch, schneide ihn mit der Schere ab, behalte nur ein Stoffrestchen in der Hand, das ich rasch in der Hand verberge und zeige euch das unversehrte Taschentuch. – Komm, wir wollen es gleich einmal versuchen.«

Es gelang herrlich! Der Hexenmeister zog das Zipfelchen zwischen Suses Fingern heraus, sie schnitt es ab, behielt den Stoffrest in der Hand und konnte das ganze Taschentuch zeigen.

»Und wie ist das mit den Streichhölzern? Können wir das auch erlernen?« forschte Erna.

»Das wird schon ein bißchen schwierig. Schaut her. Hier habe ich zwei kleine Schachteln, die einen brennen überhaupt nicht, sie sind von vornherein so hergerichtet, die anderen, die in einer ganz gleichen Schachtel liegen, sind richtige Zündhölzer. Wenn ich nun die Schachtel durch die Luft schwenke, verwechsle ich sie rasch mit der anderen Schachtel, die ich geschickt verborgen halte. Dazu gehört schon viel Fingerfertigkeit, die ihr nicht habt.«

»Könnten Sie uns nicht so 'ne Schachtel mit Zündhölzern schenken, die nicht brennen«, bat Suse.

»Ich bringe Ihnen sehr bald wieder eine Flasche süßen Wein«, sagte Erna, »ach, bitte, schenken Sie mir doch auch so eine Schachtel. Ich habe einen Haufen Kinder zu Hause in Heidenau. Wenn ich zurückkomme, möchte ich dann auch ein Hexenmeister sein.«

Der gutmütige Alte erfüllte die Bitten der Kinder. Nun konnten sie nicht rasch genug heimkommen, denn jedes wollte seine Zauberkünste zeigen.

»Opa – Opa – ich kann hexen!«

Mit diesem Ruf stürmte Klein-Goldköpfchen ins Wohnzimmer. »Soll ich dir was vorhexen, Opa?«

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Herr Wagner. »Nun wird bald in der Apotheke alles verhext sein!«

»Ich weiß schöne Sachen, Opa, – ich kann ganz alleine hexen und zaubern.«

»Ich kann auch zaubern.«

»Wirklich, Opa?«

»Freilich!«

»Na, dann hexe mal, und dann zeige ich dir, was ich hexen kann.«

Apotheker Wagner lachte. »Also paß gut auf.« Auf der Anrichte stand eine Schüssel mit Himbeeren. Wagner nahm eine Himbeere, legte sie neben die Schüssel auf die Marmorplatte, nahm eine zweite, eine dritte und eine vierte. Die Beeren lagen in größerer Entfernung voneinander. »Nun hole ich meinen Hut, und unter meinen Hut lege ich noch eine Himbeere. Dann werde ich dir vorhexen, daß alle Himbeeren unter meinen Hut kommen.«

»Ach, Opa, das kannst du nicht, oder du mußt die Himbeeren unter den Hut schieben.«

»Ich werde dir beweisen, Klein-Goldköpfchen, daß ich auch hexen kann.« Wagner holte seinen Hut und stülpte ihn über eine der Himbeeren. »Jetzt paß gut auf! Im nächsten Augenblick bringe ich alle diese Himbeeren unter meinen Hut.«

Erna kniff die Augen zusammen und stellte sich neben den Großvater. Wagner nahm seinen Hut und setzte ihn auf den Kopf.

»Paß jetzt gut auf«, wiederholte er, »alle diese Himbeeren kommen jetzt unter meinen Hut. Dabei nehme ich den Hut nicht vom Kopf.«

Klein-Goldköpfchen klatschte lachend in die Hände. »Opa, ich passe ganz genau auf!«

Da nahm Wagner die erste Beere, steckte sie in seinen Mund, dann folgten die anderen Beeren. – »So –« sagte er lachend, »hast du nun gesehen, daß alle Himbeeren unter meinem Hute sind? Ich habe also auch gezaubert.«

»Unter deinem Hut? Ach, Opa, du hast sie doch gegessen, sie sind doch nicht auf deinem Kopf unter dem Hut!«

»Das habe ich ja nicht gesagt! Ich sagte nur: daß diese Himbeeren unter meinem Hute sein werden. Wenn ich sie in den Mund stecke, sind sie doch unter meinem Hut. – Stimmt das?«

»Ja, Opa, das stimmt schon, aber das ist doch keine Zauberei. Ich kann aber ganz richtig zaubern. – Warte mal, gleich geht es los!« Erna ging in die Ecke des Zimmers, schob das Markstück mit der Klammer auf den Finger und hielt dann den Großeltern die leeren Handflächen hin: »Hier, meine geehrten Herrschaften, sehen Sie, daß ich nichts in der Hand habe. Ich werde Ihnen jetzt gleich mal Geld herzaubern. Ach, da hängt dem alten Apotheker ja ein Geldstück an der Nase!«

»Au«, rief Wagner, denn Erna hatte ihn mit dem Markstück kräftig gegen den Mund gestoßen.

»Da, – meine geehrten Herrschaften, sehen Sie das Markstück.«

»Wirklich«, staunte Frau Wagner. »Du kannst tatsächlich hexen.«

»Ach je, – Oma, dir hängt ja auch ein Markstück an der Nase!«

»Nicht so hitzig, Klein-Goldköpfchen, mir tut ja die Nase weh, wenn du so daran reißt.«

»Ach – da auf der Tischdecke liegt noch ein Markstück, – und da in der Luft ist noch eins!«

Da Klein-Goldköpfchen die Zauberei nicht geschickt ausführte, hatten Wagners längst das festgeklemmte Geldstück an dem Finger bemerkt. Trotzdem wollten sie ihrem Enkelkinde den Spaß nicht verderben.

»Kannst du immer mehr Geldstücke aus der Luft zaubern?«

»Freilich, Opa! – Da aus deinem Kopf kommt eins raus. – Sieh her! – Und an deinem Schlips hängt auch eins. – Guck her!«

»Ist das wirkliches Geld?«

»Natürlich!«

»Das freut mich aber. – Da hast du ja jetzt so viel Geld, daß ich dir kein Markstück zu schenken brauche. Ich wollte dir gerade heute eins geben, weil – dir doch – deine drei blanken Markstücke gestohlen worden sind. – Nun kannst du dir ja viel mehr Geld beschaffen, als ich überhaupt habe. So werde ich meine blanke Mark wieder behalten.« Bei diesen Worten steckte Wagner seine Börse, die er bereits gezogen hatte, wieder in die Tasche.

»Opa«, rief Klein-Goldköpfchen rasch, »die blanke Mark kannst du mir auch noch geben.«

»Nein, nein, du hast jetzt soviel richtiges Geld herbeigezaubert, da brauchst du mein Geld nicht mehr.«

»Ach, lieber Opa, das ist doch nur – – Hexengeld. Dafür kann man nichts kaufen.«

»Und ich denke, es ist richtiges Geld, – du hast es mir doch eben gesagt.«

»Nein, Opa, es ist wirklich kein richtiges Geld, – ich hab' das nur so gesagt. – Bitte, schenke mir die Mark.«

»Nein, Klein-Goldköpfchen, das geht nun nicht. Ich habe das von dem Markstück auch nur so hingesagt – –«

»Ach, lieber Opa – –«

»Ja ja, Klein-Goldköpfchen, – das ist nun mal so. Man muß sich seine Worte vorher immer gut überlegen. – Und nun hexe deine Geldstücke weiter.«

Da saß Erna dem Großvater schon auf den Knien. »Mein lieber Opa«, sagte sie schmeichelnd, »guck dir doch mal die dumme Hexerei genau an.« Sie zeigte ihm den Finger, auf dem das Markstück mit der Klammer steckte. »Ist doch alles nur Schwindel! Ich habe euch nur einen Spaß vormachen wollen. Haste Spaß gehabt, mein lieber Opa?«

»Aber freilich!«

»Opa, – der Hexenmeister hat gesagt, früher, als er noch gesund war, hat er den Leuten mit seiner Hexerei viel Spaß gemacht. Die Leute haben Eintrittsgeld bezahlt, wenn sie zu ihm kamen. Und wenn ich euch nun auch eine Zaubervorstellung gemacht habe – –«

»Na, für eine Zaubervorstellung war es recht wenig.«

»Warte, Opa«, Erna sprang von seinen Knien herunter, »ich weiß noch mehr. Wenn ich dann meine Zaubervorstellung mache, zahlst du Eintrittsgeld. Ich komme gleich wieder, ich hole nur was.«

»Will mal sehen.«

Erna nahm aus ihrem Schrank ein Taschentuch, dann lief sie zu Baldrian und fragte ihn, ob er nicht ein Stückchen weißen Stoff habe.

»Freilich habe ich den.« Er brachte ein Stück Mullbinde, das Erna begeistert nahm. »Gib mir auch noch eine Schere.«

»Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht.«

»Du«, rief Klein-Goldköpfchen und reckte sich hoch auf, »ich bin kein kleines Kind mehr!«

»Laß dir die Schere von deiner Großmutter geben, sonst fällst du damit noch hin.«

Erna kam ins Wohnzimmer zurück und erbat von der Großmutter eine Schere, weil sie ihr ein schönes Kunststück zeigen wolle.

»Hier, meine geehrten Herrschaften, habe ich ein Taschentuch, das schneide ich jetzt in Stücke – –«

»Nein, Klein-Goldköpfchen, das unterbleibt«, sagte die Großmutter.

»Hab' mal keine Sorge, liebe Oma, ich zaubere ja nur. Nachher ist das Taschentuch wieder ganz heil.«

»Na, na – –«

»Wirst es gleich sehen! – Also, meine geehrten Herrschaften, ich nehme jetzt das Taschentuch in die Hand und ziehe ein Stückchen davon wieder heraus. – Jetzt passen Sie gut auf, jetzt schneide ich ein Stück davon ab – – so! Hier sehen Sie das Stück und hier – –« Erna zog das Taschentuch aus der Hand, »sehen Sie das Taschen– –«. Jäh verstummte sie, denn von dem Taschentuch war eine Ecke abgeschnitten.

»Erna!« sagte die Großmutter ärgerlich.

»Oma, – – der Hexenmeister hat es doch auch so gemacht.«

Sie schüttelte das Tuch, es wurde dadurch nicht wieder ganz. Erna stellte schließlich fest, daß sie nicht die Mullbinde, sondern das Taschentuch herausgezogen hatte und sagte kleinlaut: »Ach, Oma, – ich habe mich verhext. – Und nun habe ich noch was anderes.«

»Nein, nein, Kind, laß die Hexereien sein.«

»Ach, liebe Oma, das ist wirklich ganz was Schönes. Warte mal!«

Erna lief ins Nebenzimmer, nahm vom Rauchtisch des Großvaters eine Schachtel Streichhölzer, holte die andere, die ihr der Hexenmeister gegeben hatte, und steckte eine Schachtel in die Tasche ihrer Schürze.

»Meine geehrten Herrschaften, wenn ich jetzt den Streichhölzern – –«

»Mit Streichhölzern sollst du nicht hantieren.«

»Oma, brauchst nicht in Angst zu sein, – das sind doch verhexte Streichhölzer, die tun nichts. – Ach, bitte, bitte, laß mich zaubern.«

»Dann mal los«, meinte der Großvater.

Erna klopfte mit dem Fingerchen auf die Schachtel. »Jetzt verbiete ich euch zu brennen, – hört ihr?«

Sie öffnete die Schachtel. »Opa, nu zünde mal an. Sie brennen jetzt nicht.«

Wagner nahm ein Streichhölzchen heraus und brachte es an die Reibfläche. Das Hölzchen brannte.

»O je«, rief Erna und riß ihm die Schachtel fort, »das ist ja die andere Schachtel!« Sie schob die Streichhölzchen in ihre Schürzentasche und holte die anderen hervor.

»Das ist wirklich kein schwieriges Kunststück.«

»Ach, mach doch noch mal, Opa. – Also, ich verbiete euch zu brennen.«

Diesmal gelang es dem Großvater wirklich nicht, das Hölzchen zu entzünden.

»Und jetzt du, liebe Oma! – Warte mal, – erst muß ich mit der Schachtel einen Hokuspokus machen. – Meine geehrten Herrschaften, ich werde diesen Hölzern jetzt verbieten zu brennen!« Sie kramte aus der Schürzentasche eine Schachtel heraus, rieb das Holz an der Zündfläche – es brannte. Erna hatte das Hölzchen aber so kurz gefaßt, das sie gleich die Glut am Finger verspürte, und warf es hastig hinter sich. Warf es auf die aus Seide gestrickte Decke, die auf einem kleinen Tischchen lag. Wäre der Großvater nicht sogleich zugesprungen, wäre die Decke in Flammen aufgegangen. Einige Maschen waren trotzdem durchgebrannt.

»Jetzt hört die Zauberei aber auf«, zürnte die Großmutter und nahm Erna die Streichhölzer fort.

»Opa, ich wollte doch nur 'ne Vorstellung geben.«

»Nein, Klein-Goldköpfchen«, sagte Wagner, »für solche Vorstellungen bekommst du die Mark nicht. In Zukunft laß die Zauberei sein, sonst geschehen noch schlimme Dinge.«

Aber Erna war nun einmal der Meinung, daß sie ihre Zauberei auch noch Rosine zeigen müsse. Als Rosine zur Tür hereinkam, um den Tisch zu decken, griff Erna, die das Geldstück schon wieder auf den Finger gesetzt hatte, hastig an des Mädchens Nase. Rosine, die nicht ahnte, was die Kleine wollte und von dem Geldstück an die Lippe gestoßen wurde, erschrak und ließ das Tablett mit den Tellern fallen.

Frau Wagner war aufgesprungen und nahm Erna energisch an der Hand. »Der Unsinn hört nun auf, mein Kind! Was soll mir noch alles durch deine Zauberei verdorben werden? Ich will ein Klein-Goldköpfchen im Hause haben, keinen Hexenmeister!«

Erna, die von dem Fallen des Geschirres erschrocken war, hatte Tränen in den Augen. – »Ach, liebe Oma, ich wollte doch nur hexen.« Dann begann sie bitterlich zu weinen.

Das war zuviel für des Großvaters weiches Herz. »Komm, Klein-Goldköpfchen«, sagte er und trocknete dem Kinde die Augen mit seinem Taschentuche. »Wir beide werden jetzt ein Geschäft machen. Du schenkst mir die Hexenmark, denn ich fürchte, du stichst damit anderen Kindern in die Augen, und ich schenke dir ein richtiges blankes Markstück dafür. – Bist du zufrieden?«

»Ja, Opa, hier hast du die dumme Hexenmark!«

Da öffnete Wagner seine Börse und schenkte seiner Enkeltochter das blanke Markstück.

»Opa, – hier haste auch noch die dummen Streichhölzer. Ich mag kein Hexenmeister mehr sein. – Schenkst du mir dann noch 'ne Mark?«

»Das ist eigentlich zu teuer.«

»Ach, lieber Opa, ich gräme mich so sehr über die drei verlorenen blanken Markstücke. Ach, schenke mir doch noch eine Mark, ich hebe sie sehr gut auf.«

»Na, meinetwegen. – Dann darfst du aber mit Streichhölzern nicht mehr zaubern.«

»Nein, Opa, du kriegst alle Streichhölzer. – Nu gib mir noch 'ne Mark!«

Erna erhielt noch ein zweites Geldstück und eilte freudestrahlend davon, um beide Geldstücke in ihre rote Handtasche zu legen.

Nach dem Abendessen saß sie wieder auf des Großvaters Knien. Sie reichte ihm das Taschentuch mit dem abgeschnittenen Zipfel.

»Das schenke ich dir auch noch, lieber Opa – dann hätte ich meine drei Mark wieder. – Weißt du, lieber guter Opa, ich bin doch so traurig, daß es nur zwei Mark sind. Ich hatte doch drei Mark. – Opa, ich schenke dir mein schönes Taschentuch. – Schenkst du mir dann eine dritte Mark?«

»Nein, Klein-Goldköpfchen, für ein zerschnittenes Taschentuch gibt es keine dritte Mark. Eine Strafe mußt du haben. Du hast genug Geld erhalten, und ich hoffe, daß du es nicht unnötig ausgibst. – So, und jetzt laß mich los, du kleine Schmeichelkatze, sonst fange ich an zu hexen, und dann tanzt der Stock auf deinem Rücken.«

»Das machst du doch nicht, lieber Opa«, lachte der kleine Schelm, »aber eine dritte Mark hätte ich sehr gerne.«

Erna bekam sie nicht und mußte sich zufriedengeben.

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