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Goldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Ernas lustige Reise
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20181112
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Die Ferien gehen zu Ende

Mit tiefbetrübtem Gesicht stand Klein-Goldköpfchen neben seiner Oma. Sie hielt das graubraune Lamakleid in den Händen. Drei große Risse hatte sie zugenäht, nun sollte auch noch der halb ausgerissene Ärmel wieder eingefügt werden.

»Oma, – ich wollte, es käme nie der Montag heran, denn am Montag muß ich fort, und es ist doch sooo schön bei euch!«

»Freust du dich denn gar nicht, deine Eltern und die Geschwister wiederzusehen?«

»O ja, ich freue mich auf den Haufen und auf das große Goldköpfchen, aber, liebe Oma, – ich habe dort keine Robinsoninsel. Hier kann ich mit meinem guten Opa immer viel dummes Zeug machen.«

»Du hast es sehr gut daheim, Erna.«

»O ja, ich habe es sehr gut daheim! Wenn ich wieder in Heidenau bin, freue ich mich ja auch, daß ich meine Mutti habe, aber wenn ich hier bin, freue ich mich eben auch!«

Frau Wagner ließ für Sekunden die Näharbeit sinken. Ihr war schon den ganzen Morgen ein wenig wirr im Kopf, sie fühlte Übelkeit im Magen, auch jetzt flirrte es wieder vor ihren Augen. Klein-Goldköpfchen, das nichts von der Unpäßlichkeit seiner Oma ahnte, das sehnsüchtig auf die Fertigstellung des Lamakleides wartete, weil draußen im Garten die wilden Stämme bereits tobten, tippte die Großmama mit dem Finger an die Schulter.

»Mach doch ein bißchen fix, der Robinson wartet schon auf mich.«

Aber die Großmama strich nur mehrmals mit der Hand über die Stirn und lehnte sich müde in den Stuhl zurück.

»Liebe, gute Omama, mach doch ein bißchen fix!«

Frau Wagner fühlte sich immer elender werden. Es war wohl am besten, wenn sie sich rasch für einige Augenblicke auf das Sofa legte, dann würde das Schwindelgefühl am schnellsten weichen. Sie erhob sich, legte das Lamakleid aus den Händen und ging zum Sofa. Dort wurde ihr so schwach, daß sie sich umlegte und die Augen schloß.

»Oma!« rief Erna erschrocken, »bist du krank?«

Die Oma wurde weiß im Gesicht.

»Oma, ich hole ganz rasch Pfefferminztee!«

»Rufe den Opa oder Tante Karla«, klang es matt von den Lippen der erschöpften Frau.

»Oma – ich kann einen Kranken nicht allein lasten. – Warte, Oma, ich bespritze dich mit Wasser. – Ach, liebe Oma, hast du dich so angestrengt, weil ich das Lamakleid so sehr zerrissen habe?«

Frau Wagner, die noch immer nicht wußte, ob es sich nur um einen vorübergehenden Schwindelanfall oder um etwas Schlimmeres handeln werde, sagte abermals matt: »Rufe den Opa.«

Da wurde es Erna ängstlich zumute. Sie erinnerte sich noch deutlich daran, daß einmal die Mutti bleich und matt im Bett gelegen hatte und dann sehr lange Zeit krank gewesen war. Wieviel Sorgen hatte der Vater gehabt, weil er fürchtete, daß die Mutti sterben könnte.

»Oma, du wirst doch nicht sterben wollen? – Ach, Oma, warte doch noch ein bißchen, ich hole ganz schnell den Opa.«

Draußen rief Klein-Goldköpfchen mit lauter Stimme: »Opa –« Aber sofort schlug sie sich mit der Hand auf den Mund. Wenn einer krank war, mußte man leise sein. Mußte auf Zehenspitzen durchs Haus gehen. So war es damals während der Krankheit der Mutti gewesen. Niemand hatte gewagt, laut zu reden.

Auf Zehenspitzen ging Erna davon, fiebernde Angst im Herzen. »Opa – Opa«, flüsterte sie von Zeit zu Zeit. Dann eilte sie ins Wohnzimmer. Es war leer. Weiter lief sie in den großen Hof. Dort war Adrian bei der Arbeit. »Wo ist der Opa«, flüsterte sie kaum hörbar.

»Ich glaube, der Herr Wagner ist – –« Erna hielt Adrian die Hände vor den Mund.

»Still, du mußt jetzt ganz leise reden, die Oma ist krank geworden. – Ach, wo ist nur der Opa?«

Da hielt Adrian in der Arbeit inne und sagte, man werde gemeinsam den Opa suchen. Er war in der Apotheke und sprach mit seinem Sohne Kuno.

»Komm schnell, lieber Opa, die Oma ist krank. Ganz weiß liegt sie auf dem Sofa und kann nur leise sprechen.«

Apotheker Wagner und sein Sohn erschraken. Da gerade kein Kunde in der Apotheke war, eilten beide nach oben, atmeten aber befreit auf, als sie feststellten, daß Frau Wagner nur von einem Schwindelanfall befallen worden war.

»Mir ist schon wieder besser«, sagte sie, »ich bleibe noch ein Weilchen hier liegen.«

»Ich bringe sofort Kölnisches Wasser«, sagte Kuno besorgt.

Klein-Goldköpfchen war den beiden Herren gefolgt und kam auf Zehenspitzen zum Sofa. »Bleib nur liegen, liebe Oma«, sagte sie mütterlich, »ich werde dich pflegen.«

»Mein geliebtes Mädelchen, lauf hinunter zu deinen Freunden in den Garten.«

»Nein«, klang es entrüstet zurück, »erst kommt meine gute Oma an die Reihe. Glaube mir, liebe Oma, ich bin eine famose Pflegerin, ich mache dich wieder gesund. Aber am Montag wirst du noch nicht gesund sein, da muß ich dich noch ein paar Tage länger pflegen.«

»Ich bin heute mittag schon wieder gesund, Klein-Goldköpfchen.«

Erna faßte nach dem Handgelenk der Oma. Das hatte sie oftmals beim Vater gesehen. »Nein, nein«, sagte sie mit dunkler Stimme, »der Puls geht mir zu mächtig. Ich verordne dir mindestens acht Tage Bettruhe. So eine alte Frau wie du kann jeden Augenblick sterben. Nein, nein, du bist noch lange nicht gesund. – Hast du auch Schmerzen am Blinddarm?«

»Nein, mein Mäuschen, der Schwindel ist nun auch wieder vorüber.«

»Oma, bleibe nur liegen! – Oma, gleich kommt der Opa zurück, der reibt dir das Gesicht ein.«

Als Frau Wagner den Kopf ein wenig hob, merkte sie, daß der Schwindel noch nicht vorüber war. So legte sie sich wieder nieder. Wagner kam und rieb seiner Frau Stirn und Schläfen ein und hielt ihr dann die Flasche mit dem Kölnischen Wasser unter die Nase. Währenddessen war Erna ins Nebenzimmer gelaufen und holte aus der Anrichte eine Serviette, die sie sich um den Kopf schlang.

»So, Frau Wagner«, sagte sie, ins Zimmer zurückkommend, »nun ist die Krankenschwester angekommen. – Ja, ja, Sie sind vom vielen Kochen zu müde geworden. Sie bleiben jetzt ruhig liegen, ich verordne Ihnen Pfefferminztee. Sie können wieder gehen, Herr Apotheker, es braucht keiner im Krankenzimmer zu sein, bis die Krisis vorüber ist.«

»Du hast ja gut von deinem Vater gelernt«, lachte der Großvater.

»Bitte, nicht so laut reden, eine Kranke kann das nicht vertragen. Und knallen Sie auch nicht die Tür zu, wenn Sie rausgehen.«

»Na, da darf ich dich ja in der Obhut der neuen Krankenschwester lassen«, sagte Wagner zu seiner Frau. Klein-Goldköpfchen ging zur Tür, machte dort eine Verbeugung, öffnete und gab dem Opa einen Wink, er möge verschwinden. Lachend entfernte sich der alte Herr. Er kannte die Schwindelanfälle seiner Frau und wußte genau, daß für dieses Mal nichts zu befürchten war.

Klein-Goldköpfchen holte aus dem Schlafzimmer eine Decke und breitete sie sorgsam über die Oma aus.

»Jetzt hole ich dir noch ein richtiges Kopfkisten mit Federn, damit dein liebes altes Köpfchen schön weich liegt. – Oma, soll ich auch noch 'ne Gummiunterlage holen?«

»Nein, mein kleiner Liebling, das brauche ich nicht, ich liege hier sehr gut.«

»Nein, Oma, du liegst schlecht.« Wieder zupfte die Kleine an den Kleidern der alten Dame und rückte die Decke noch weiter nach oben. »Laß die Arme schön unter der Decke, Oma, sonst kommt Kälte in den Ellenbogen, und dann kriegst du den Knochenrheumatismus.«

Frau Wagner sagte nichts mehr. Sie verfolgte aufmerksam jede Handbewegung ihrer Enkelin mit einem warmen Lächeln. Wie niedlich sah es aus, wenn Erna, die Serviette um den Kopf geschlungen, auf Zehenspitzen durch das Zimmer ging, wenn sie dem singenden Kanarienvogel drohte. Jetzt holte sie aus dem Nebenzimmer ein Glas mit Wasser und stellte es behutsam auf den Tisch neben dem Sofa.

»Solltest du Fieber bekommen, liebe Oma, werde ich dir zu trinken geben.«

Aus dem Garten tönte lautes Schreien. Anscheinend kämpften die wilden Stämme mit Robinson und Freitag.

»Geh hinunter und spiele mit den Knaben.«

Klein-Goldköpfchen war wie der Blitz aus dem Zimmer, rannte durch den Garten und machte den Spielenden schon von weitem Zeichen, daß sie stille sein sollten. Keuchend erreichte sie die balgenden Knaben.

»Macht daß ihr nach Hause kommt! Meine Oma ist plötzlich krank geworden; da muß jeder leise sein.«

»Kommst du nicht mit uns spielen?« fragte Freitag.

»Nein«, erklärte Erna energisch, »siehst du denn nicht, daß ich jetzt eine Krankenschwester bin?«

»Du bist unser Lama!«

»Lieber Freitag«, sagte das Kind schmeichelnd, »du hast mich doch so gerne, sorge dafür, daß hier alles ganz stille ist. Wenn ihr Krach machen wollt, geht zum Onkel Kapitän in den Garten.«

»Dort haben wir doch keine Insel«, meinte Robinson.

»Wenn doch meine Oma krank ist – –«

»Wir machen keinen Krach mehr«, rief Freitag, »wer noch mal wagt, das Maul aufzureißen, den töte ich!« Als dann Moritz laut auflachte, stürzte sich Erik mit aller Kraft auf ihn und warf ihn zu Boden.

»Noch ein Wort, und du bist kalt! – Die Oma ist krank, hast du nicht gehört? – Anständige Männer halten die Klappe, wenn einer krank im Bett liegt. Wenn du das noch nicht weißt, werde ich es dir hinten draufschreiben. – Bist du nun stille?«

Das wirkte. Moritz sagte nichts mehr, und Max zog sich schleunigst in sein Zelt zurück.

»Brauchst dich nicht zu sorgen«, tröstete Freitag noch einmal, »du wirst heute von uns nischt mehr hören. Aber schade ist es, denn am Freitag müssen wir fort. – Kommst du im nächsten Jahre wieder her?«

»Ich komme schon«, sagte Erna. »Ich muß auch am Montag fort. Onkel Kuno nimmt mich mit seinem Auto mit. Der hat eine Sitzung. Da sind alle Apotheker beisammen, und da fährt er auch hin. Aber erst setzt er mich in Heidenau ab. – Ach, wenn die dumme Sitzung nicht wäre, könnte ich noch ein bißchen hierbleiben. Aber nun muß ich wieder zur Oma gehen, sonst stirbt sie.«

Weg war Klein-Goldköpfchen. Im Hause ging es wieder auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und betrat fast lautlos das Wohnzimmer, in dem Frau Wagner noch immer auf dem Sofa lag.

»Ich glaube, nun kann ich aufstehen«, lachte sie das Kind freundlich an, »der Schwindel ist wieder fort.«

»Du hast noch nicht mal einen Schluck Wasser getrunken. – Oma, ich muß dich auch noch behorchen. Bleibe mal liegen.«

Klein-Goldköpfchen legte sich auf die Brust der Großmutter und drückte das Ohr fest dagegen. »Ja, es sieht recht schlimm in dir aus. Du bedarfst noch der Ruhe. Die Bengel draußen werden dich nicht mehr stören. – Oma, ich bleibe jetzt neben dir sitzen und pflege dich noch ein Weilchen. – Denke mal, wenn nun dein Schwindel am Montag wiederkommt, wenn ich gerade abfahren werde, – darf ich dich dann auch pflegen?«

»So oft kommt der Schwindel glücklicherweise nicht.«

»Bleib doch noch liegen, Oma. – Warte mal, ich hänge jetzt vor die Lampe ein Tuch.«

»Aber, Klein-Goldköpfchen, es ist ja heller Sonnenschein.«

»Das macht nichts! Ich habe doch mit dir soviel zu tun, aber ich tue es sehr gern, Oma, denn du bist eine so gute Oma, wie sie nur wenige Kinder haben. – Oma, erzähle mir ein Märchen. Oder soll ich dir erzählen von der Nachtigalla und der Pechsträhne?«

Frau Wagner ließ sich ruhig das Märchen erzählen. Klein-Goldköpfchen sprach leise, unterbrach sich von Zeit zu Zeit und meinte: »Wenn es Sie zu sehr anstrengt, Frau Wagner, wenn das Fieber wieder steigen sollte, hört jede Unterhaltung auf. Das dulde ich nicht!«

Frau Wagner verneinte, das Fieber käme nicht, und so wurde das Märchen zu Ende erzählt. Als Apotheker Wagner nach einiger Zeit den Kopf durch den Türspalt steckte, um nach seiner Frau zu sehen, saß Erna noch immer auf dem Stuhl neben dem Sofa und hielt die Hand der Oma in der ihren. Frau Wagner bemerkte ihren Gatten, nickte ihm zu und Erna rief:

»Sie können ohne Sorge sein, lieber Herr, der Herzschlag ist normal, und auch der Blinddarm tut nicht weh. Die Kranke wird bald aufstehen können.«

»Dann ist ja alles gut«, sagte der Großvater, nur mit Mühe ernst bleibend. »Wie steht es aber mit der Lungentätigkeit?«

»Die Lunge schmerzt auch nicht mehr«, sagte die Krankenschwester, »es ist alles wieder in Ordnung. Ich habe auch keine Anschwellungen bemerkt. Nur fürchte ich, daß sich die Krankheit am Montag wiederholen könnte. Wir müssen sehr vorsichtig sein.«

Frau Wagner hatte sich aufgerichtet und die Decke zurückgeschlagen. »Jetzt werde ich deinen Kittel fertig nähen –«

»Nein, Oma«, wehrte die Kleine entsetzt, »du bist jetzt eine alte leidende Frau! Es tut mir ja furchtbar leid, daß sich das Lama sein Fell so sehr zerrissen hat. Aber die wilden Stämme haben mich mächtig gezerrt. – Oma, ich nähe das allein, sonst wirst du wieder weiß im Gesicht, und du sollst doch gesund sein.«

»Du wirst was Nettes nähen.«

»Aber Oma, ich kann doch nähen! Ich habe meiner Irene auch schon einen Kittel genäht und der Martha eine Schürze und der Trude eine Mütze. Alle meine Puppenkinder werden von mir benäht!«

Klein-Goldköpfchen nahm auch tatsächlich die Nadel zur Hand, um an ihrem Lamakleide zu arbeiten. Sie stellte sich nicht ungeschickt an, allerdings wurde der Ärmel nicht gerade so sauber eingesetzt, wie die Großmama es angefangen hatte.

»Laß nur«, wehrte Erna, »wenn das Lama ein Loch im Fell hat, schadet das nichts. – Biste nun wieder ganz gesund, liebe Oma? Dürfen wir nun wieder auf der Robinsoninsel Krach machen?«

»Ja, das dürft ihr.«

»Gute, liebe Oma – –« Erna wollte davonlaufen, da hielt sie der Großvater zurück. »Erst die Serviette abbinden, sonst zerreißt ihr sie, wie ihr das schöne Tuch zerrissen habt, das ich für das Zelt gab.«

»Hier haste die Serviette. Jetzt bin ich wieder das Lama und keine Krankenschwester.« Erna war wieder in ihren Kittel geschlüpft und sprang davon.

Am Donnerstag nachmittag war im Garten der Apotheke eine große Abschiedsfeier. Morgen reisten die Enkel des Kapitäns Korber ab; so hatten Wagners nochmals alle Spielkameraden und -kameradinnen zusammengerufen, um sie mit Schokolade und Pfannkuchen zu bewirten. Sie waren alle gekommen. Doch der Tisch im Garten gefiel den Kindern nicht, sie ließen mit Bitten nicht eher nach, als bis die Stühle auf der Robinsoninsel standen, um dort den Abschied zu feiern.

Es ging noch recht lustig zu. Die Kinder versprachen hoch und heilig, im nächsten Sommer wieder nach Robinsons Eiland zu kommen, um das abgebrochene Spiel fortzusetzen.

»Ich bringe mir eine Negerlarve mit«, sagte Freitag, »dann bin ich ein richtiger Freitag.«

»Und wir haben im nächsten Jahre richtige Indianeranzüge«, schrien die wilden Stämme.

»Wir könnten unser Eiland doch so lassen, wie es ist«, schlug Robinson vor. »Ich verstehe nicht, Herr Wagner, warum wir nachher alles zerstören sollen. Ich finde, es ist ein Schmuck für Ihren Garten.«

»Was – das hier ein Schmuck?« rief der alte Herr lachend. »Die Kisten und Bretter im Wasserbecken ein Schmuck, der ausgehobene Graben darum und das gräßliche Gestrüpp davor? Nachher wird abgerüstet, meine Lieben, und alles fortgeräumt. Den Graben schippt ihr zu, die Stangen und das Gestrüpp tragt ihr hinten in den Garten, die Kisten und alle die Lumpen, die ihr zusammengetragen habt, kommen wieder an Ort und Stelle.«

»Ja – ja – ja –« tönte es im Chor, »das machen wir alles, aber erst wollen wir noch einmal spielen.«

Die Kinder spielten noch einmal Robinson. Es gab bei den wilden Stämmen zwei Hochzeiten. Die Häuptlinge ließen sich mit ihren Frauen trauen. Dann lagen die Gardinenfetzen, mit denen sich die beiden Bräute geschmückt hatten, neben anderen Lumpen im Garten umher.

Die Flaschen mit dem Himbeer-, Zitronen- und Kirschwasser wurden leergetrunken und achtlos auf den Rasen geworfen. Das Zelt rüsteten Max und Moritz ab, um es heimzunehmen, aber alles das, was in dem Zelt gewesen war, kleine Kisten als Sitzgelegenheiten, alte Töpfe, Blechdeckel und dergleichen mehr, blieb einfach liegen. Und als es endlich hieß, es sei Zeit zum Abendessen, man müsse sich trennen, gab es zwischen den Kindern noch rasch einen herzlichen Abschied. Dann krochen Robinson und Freitag durch das Loch in der Hecke, Max und Moritz begaben sich heim und ebenso die beiden Mädchen.

Klein-Goldköpfchen kam in letzter Minute zum Abendessen.

»Habt ihr alles gut aufgeräumt?« fragte der Großvater. »Du siehst sehr erhitzt aus, Kleinchen. Ich glaube, das Fortpacken hat viel Mühe gemacht.«

Erna sagte kein Wort. Erst jetzt fiel ihr wieder ein, daß man von den Kindern verlangt hatte, sie sollten die Spielplätze wieder in Ordnung bringen. Da wollte sie nach dem Abendessen mit Baldrian sprechen, damit er die Kisten und die umherliegenden Lumpen fortbringe.

Aber Adrian hatte heute Ausgang und war nicht zu finden. Klein-Goldköpfchen tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie bis zum Montag noch viel Zeit habe. Sie würde sich die beiden Freundinnen und Max und Moritz, die nicht fortzureisen brauchten, herüberholen. Gleich morgen sollte mit der Arbeit begonnen werden.

Aber Max und Moritz lehnten energisch ab. Sie meinten, das Aufräumen mache keinen Spaß, sie hätten heute was anderes vor. Ebenso erklärte Suse, die Eltern bekämen Besuch, so könne sie nicht kommen. Helga Petermann sagte, zum Aufräumen wären die wilden Stämme da. Kleine Mädchen brauchten das nicht zu tun.

»Nun – ist alles fortgeräumt?« fragte der Großvater am Freitag vormittag, als er Erna im Hofe traf, die mit ihren Puppen spielte.

»Noch nicht, Opa, die wilden Stämme wollen nicht.«

»Wer soll denn die Arbeit machen? Wer hat all das Zeug herangeschleppt?«

»Na, Opa, – dann komm. Ich werde es tun. Ach, es ist ja immer so im Leben, daß die Männer die Freude haben und die Frauen die Arbeit machen müssen. – Ach, wir Frauen sind doch zu beklagen!«

Gemeinsam mit Großvater ging man nach dem Garten. Hier sah es wüst aus. Da hatte man bestimmt den ganzen Nachmittag zu tun, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Wagner rief seinen Hausdiener, damit er zunächst den Graben zuschippe und die Kisten fortbringe. Er selbst machte sich daran, den Zaun niederzulegen. Klein-Goldköpfchen mußte die alten Töpfe, Decken und Kissen zusammentragen, damit nicht alles im Garten verstreut umherlag.

»Opa, – wir haben aber zu tun! Wir werden so viel arbeiten, daß wir am Montag krank sind, und dann kann ich nicht fortfahren.«

Auch der Großvater wischte sich gar bald die Schweißtropfen von der Stirn. Die Kinder hatten so manche Stange tief ins Erdreich geschlagen, außerdem allerlei Dornengestrüpp verwendet. Es war keine leichte Arbeit, die Unordnung zu beseitigen. Sogar bis hoch hinauf in die Bäume waren Ausguckstellen angebracht worden, Bretter, die mit Stricken an die Äste gebunden waren. Adrian mußte die gewagtesten Turnübungen machen, um alles herunterzuholen.

Mitten in die Arbeit hinein kam Karla und brachte einen Brief an Herrn Wagner.

»Hier schreibt deine Mutti«, sagte sie zu Erna, »sie freut sich darauf, daß du am Montag mit Onkel Kuno kommst.«

»Was schreibt sie noch?«

Wagner nahm den Brief und las einige Stellen daraus seinem Enkelkinde vor. Auf einmal konnte er nicht weiterlesen, das Lachen saß ihm im Halse.

»Opa, was haste denn?«

»Nun höre mal gut zu, was die Mutti schreibt«, sagte er, während er erneut die Schweißtropfen von der Stirn wischte.

»Was schreibt sie?«

Der Großvater las: »Ich glaube, Erna wird Euch wenig Arbeit gemacht haben. Erna ist ein liebes, kleines Hausmütterchen, das stets Ordnung hält, alles behutsam wieder forträumt, sogar die Sachen der Geschwister in Ordnung hält. Auch Lärm macht sie nicht, sie ist die Stillste von meinem Haufen. Ich denke, Ihr werdet mit ihr zufrieden gewesen sein.«

»Warum lachste denn so sehr, Opa?«

Er wies auf die Unordnung im Garten. »Weil du so ordentlich bist und alles aufräumst, weil deine Mutti meint, daß du ein ruhiges Kind bist. Stimmt das, kleiner Irrwisch?«

Erna legte das Köpfchen auf die Seite. »Opa, wenn ich in Heidenau bin, stimmt das alles, dann bin ich das artigste Kind der Welt. Ich räume immer hinter den Lümmeln auf, aber mein Vati hat doch gesagt, wenn ich verreise, soll ich die Augen offen halten und mir alles ansehen und soll immerfort lernen. – Opa, und hier bin ich doch das Lama gewesen und gar nicht die Erna Wendelin. Und ein Lama ist doch ein wildes Tier, das spucken kann. Aber sonst, lieber Opa, hab' ich euch gar keine Mühe gemacht. Ihr wart doch sooo froh, daß ihr das kleine Goldköpfchen einmal bei euch haben konntet? Ich habe dir doch eine so schöne Zigarre geschenkt. – Opa, schreib' doch der Mutti, daß ich wiederkommen darf, weil du ohne mich nicht leben kannst.«

»Und wer räumt das alles nun auf?«

»Ich!« sagte Erna, bückte sich und lud eine Kiste auf den Rücken. »Du kannst ruhig schlafen gehen, Opa, ich mach' das alles allein fort. – Baldrian, du hilfst mir doch?«

Und Baldrian nickte verstohlen.

Aber Großpapa Wagner arbeitete doch weiter mit, sonst wäre der Garten nicht so rasch wieder in Ordnung gekommen. Was hatten die Kinder nicht alles zusammengetragen! Schließlich hatte das Spielen viel Spaß bereitet, und Großvater Wagner freute sich selbst darüber, daß es seinem kleinen Liebling in Dillstadt so gut gefallen hatte.

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