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Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
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modified20180904
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Der Hansl von der Tauernalm

Aufgeregt waren die beiden Fipse aus den Betten gesprungen; man hatte ihnen gestern gesagt, daß man heute, wenn die Sonne hell vom Himmel lache, zu einer Alm wandern werde, also dorthin, wo eine Menge Kühe wären, die im Freien gemolken würden. Auf einer Alm könne man Milch trinken, die direkt aus der Kuh gemolken werde, dort machten die Leute den Käse. Kurzum, man werde viel Neues sehen.

Nun schien die Sonne schon am frühen Morgen ins Fenster. Als die beiden Fipse erwachten, war die erste Frage, ob man heute wirklich nach der Alm gehe.

»Ja, wir werden sogar ein großes Stück Weges mit einem Wagen fahren können, da es sonst für euch zu weit wäre.«

»Mutti, ziehe uns rasch an!« rief Adele.

»Erst werden die Atemübungen vorgenommen, kleiner Fips. Du weißt, der Vati hat es verordnet. – Also, hingestellt – –«

»Mutti, ich brauche nicht mehr Atem zu üben, ich kann schon ganz tief atmen!«

»Das glaube ich dir gern, kleiner Fips, trotzdem werden die Übungen gemacht.«

»Dann fährt der Wagen nach der Alm fort – –«

»Nein, wir haben noch viel Zeit. Wir können in Ruhe frühstücken, dann erst geht es los.«

»Mutti, wir wollen lieber auf der Alm frühstücken! Wir wollen die Milch, die von der Kuh kommt, und nicht immer den ollen Kakao!«

»Wenn du unartig bist, Marlene, fahren wir überhaupt nicht zur Alm. Ich kann heute nur ganz artige Kinder brauchen!«

»Stoßen nach unartigen Kindern die Kühe?«

»Nein, die Kühe, die auf der Alm leben, sind gutmütig. Ihr braucht euch vor ihnen nicht zu fürchten.«

»Sind die Kühe ganz allein dort oder sind Leute da, die auf die Kühe aufpassen?«

»Ihr seht doch jeden Tag, daß bei den Kühen ein Hirte ist. Außerdem sind in der Almhütte immer mehrere Männer, die gut achtgeben.«

»Mutti – dann zieh mir doch das schöne weiße Kleidchen an«, sagte Adele, »Adele will lieblich sein, wenn sie zur Alm geht.«

»O nein, ihr bekommt eure Alltagskleider angezogen.«

Adele verzog das Gesicht. »Adele ist hübscher im weißen Kleidchen. – Mutti, ich möchte eine blaue Schleife in die blonden Locken.«

»Du bekommst das, was dir die Mutti gibt. Wenn du nicht zufrieden bist, bleibst du daheim.«

»Wenn doch so viele Männer bei den Kühen auf der Alm sind, und wenn ich lieblich bin, schenken sie mir Milch, dann sagen sie wieder, ich bin wie ein Englein.«

»Dann werde ich den Männern sagen, daß du kein Englein, sondern ein eingebildetes und eitles kleines Mädchen bist. Eben ein dummer Fips!«

»Ach, Mutti, das glauben sie nicht! Ich bin kein häßlicher Fips, – ich bin die Lieblichkeit, und alle haben mich gern.«

Noch einmal wollte Adele versuchen, der Mutter beim Anziehen das weiße Sonntagskleid unterzuschieben. Aber es wurden blaue Leinenkittel angezogen, und als der kleine Fips ein Gesicht schnitt, drohte Goldköpfchen mit dem Finger.

»Mutti, ich denke nur, die Kühe freuen sich, wenn ich das weiße Kleid anhabe.«

Dann kam das Frühstück. Frau Scharr wurde von den Kindern sofort mit der Frage bestürmt, ob der Wagen, der zur Alm hinauf fahre, noch nicht weg sei.

»Bis nach der Alm fahrt ihr mit diesem Wagen nicht«, sagte Frau Scharr, »aber ich glaube, die beiden kleinen Mädchen können vom Tauernhaus aus weiter auf dem Karrenweg hinauffahren.«

»Was ist das für ein Weg?« fragte Marlene.

»Ein schmaler Weg, der aber immerhin so breit ist, daß ein kleiner Wagen, der mit einem Pferd bespannt ist, darauf fahren kann. Der Karren hat nur zwei Räder, er ist mehr ein fahrender Kasten. Man wird euch gewiß hineinnehmen. Der Weg geht im Zickzack hin und her bis hinauf zur Alm.«

»Warum führt er im Zickzack?«

»Es geht steil hinauf zur Alm, da legt man die Wege im Zickzack an, dann sind sie nicht mehr so steil, und das Pferd hat es leichter.«

»Oh, es wäre schöner, wenn das Pferd ganz steil raufkletterte.«

»Das kann das Pferd nicht, da würde es krank werden.«

»Oh«, sagte Marlene bedauernd, »dann soll es schon lieber im Zickzack fahren. Krank soll das liebe Pferd nicht werden. – Ist der Wagen schon da? Müssen wir nu' fort?«

Goldköpfchen hatte heute Mühe, die Kinder zu bewegen, das Frühstück zu essen. Beide wollten die Brötchen einstecken, sie erst im Karren essen, der immerfort im Zickzack hin und her fahre.

»Wer sein Frühstück nicht aufißt, kommt nicht mit«, sagte die Mutter.

Marlene griff nach der Hand der Mutti und legte sie auf den Leib. »Mutti, fühle mal, wie dick mein Bauch schon ist. Und da soll noch so 'n großes Brötchen rein? – Wenn er platzt, kann ich nicht mit in den Karren. – Mutti, iß du doch das Brötchen auf, du bist noch so dünn!«

Aber Goldköpfchen war unerbittlich. So stopfte Marlene das Brötchen mit größter Hast in den Mund, so daß sie kaum Luft bekam. Endlich war das Frühstück vorüber, die Kinder liefen unruhig hin und her, traten ans Fenster und warteten auf den Wagen.

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis der Wagen kam. Ein einfacher Bretterwagen, mit zwei kräftigen Pferden bespannt. Auf die Querbank waren einige Decken gelegt worden, da die Pinzgauer Bauern wußten, daß eine Fahrt im Bretterwagen für die Stadtleute nicht gerade angenehm ist. Die waren es nicht gewöhnt, hart zu sitzen, die hatten daheim auch nicht solche steinige Straßen wie jene, die man heute fahren würde. Trotzdem machte die Fahrt auf dem einfachen Wagen nicht nur Goldköpfchen, sondern auch den beiden Fipsen viel Freude. Der Fuhrmann wies bald nach rechts, bald nach links, nannte die Namen der verschiedenen Berge und ließ sich von den Kindern ausfragen.

Der Weg führte in ein Nebental hinein, durch das ein rasch fließendes Wasser lief. Dieses Wasser gluckste und brodelte, daß die Kinder laut jauchzten. Weite Wiesenflächen dehnten sich rechts und links von dem Wege aus, liefen an den Berglehnen, die das Tal begrenzten, hinan, um dann von dichtem Hochwald abgeschlossen zu werden. Duftendes Heu lag auf den grünen Flächen. Mitunter wurden die Wiesen von kleinen Äckern unterbrochen, auf denen Getreide stand oder Kartoffeln. Der Weg wand sich endlos durch das Tal, immer leicht bergan. Man mochte zwei knappe Stunden gefahren sein, da erblickte man ein Haus, auf dessen Dach große Steine lagen.

»Mutti, welche unartigen Menschen haben denn die Steine raufgeschmissen?«

»Das muß wohl so sein«, sagte Goldköpfchen. »Wenn der Sturm kommt, würde er die Häuser abdecken. Um das zu verhüten, legen die Bergbewohner diese großen Steine hinauf. Dann ist das Dach so beschwert, daß es vom Winde nicht fortgetragen werden kann.«

Im Tauernhause angekommen, wurde Rast gemacht. Die Kinder bekamen Milch, wollten aber neugierig durch das Haus laufen. Da hielt Goldköpfchen sie zurück.

»Ich höre, es geht gleich weiter, also hiergeblieben.«

»Mutti, kommt nu' der Karren mit dem Zickzackweg?«

»Dort drüben steht er schon«, sagte die freundliche Tauernwirtin, »es wird eben aufgeladen.«

»Mutti, komm schnell, wir wollen den Karren sehen!«

Es war wirklich nur ein viereckiger Kasten auf zwei starken Rädern, vor den ein kräftiges braunes Pferd gespannt war.

»Es kennt den Weg genau«, sagte die Frau vom Tauernhause, »es muß jede Woche zweimal hinauf zur Alm gehen, alles hinaufbringen und Butter und Käse herunterholen.«

»Mutti, wie kommen wir denn in den Kasten rein?«

»Man wird euch schon hineinsetzen«, lachte die freundliche Frau.

»Mutti, komm doch mit rein!«

»O nein, Mutti geht zu Fuß, sie freut sich auf die schöne Wanderung.«

»Mutti, dann gehe ich auch«, sagte Marlene, »wenn das Pferd wild wird und fortläuft, findest du uns nicht mehr.«

»Ein Stück könntest du laufen, großer Fips, aber der kleine Fips wird nicht allein im Wagen bleiben.«

»Ich nehme das kleine Engelchen gerne mit in den Karren«, sagte der Mann, der den Karren begleitete.

Adele lächelte. »Komm, Mann, wir kriechen in den Kasten!«

Der Mann hob Adele in den Karren und setzte das kleine Mädchen auf einen Sack. Adele nahm zierlich ihr blaues Kleidchen zusammen und rief: »Bitte, hier ist Platz.«

»Dorthin kommt später das Schwesterchen.«

»Ach nein – du!«

»Ich muß laufen. Das Pferd hat genug zu ziehen, denn der Weg ist steil.«

Ein Schnalzen mit der Zunge, der Karren setzte sich langsam in Bewegung.

»Mutti, komm mit rein«, rief Adele ein wenig ängstlich.

»Wir gehen langsam hinter dem Wagen her, kleiner Fips.«

Die Kleine blickte ängstlich nach rückwärts. Der freundliche Bauer hielt Adele am Gürtel fest, denn der Karren schaukelte mitunter bedenklich. Als dann der Weg steil und recht steinig wurde, schwankte Adele auf ihrem Sack hin und her. Da begann sie laut zu schreien.

»Mutti, ich purzle runter! Mutti, nimm mich raus!«

»Aber Kleine, du fällst nicht, ich halte dich ganz fest.«

Aber Adele schrie laut. Der gutmütige Wagenlenker hielt den Karren an. »Wir werden dich tiefer in den Karren setzen, dann kannst du nicht fallen.«

Goldköpfchen mußte helfen, denn Adele schrie immer wieder, sie wolle heraus.

»Ich will nicht in den Schaukelwagen.«

»Gut, dann läufst du. Aber wenn du über Müdigkeit klagst, kann ich dir nicht helfen.«

Adele wurde herausgehoben, das Fahrzeug setzte sich wieder in Bewegung.

»Mutti, das ist doch kein richtiger Zickzackweg«, sagte Marlene, »ich wollte doch einen Weg immerfort hin und her.«

»Schau nur dort hinauf«, sagte der Fuhrmann, »dort siehst du doch, wie der Weg hin- und herläuft. Dort werden wir nachher hinkommen.«

Es war eine wunderschöne Wanderung. Man kam immer höher hinauf, die beiden Fipse liefen tapfer mit. Sie waren es ja gewöhnt, den ganzen Tag umherzutollen. Der ansteigende Weg machte den Kindern keine Beschwerden.

Dann wurde Rast gemacht.

»Das Pferd muß ein wenig verschnaufen«, sagte der Mann. »Wenn es immerfort schwer zu ziehen hat, wird es heiß und müde.«

»Mutti, kannste nicht den Sack ein Stück tragen, der im Karren liegt, damit das arme Pferd nicht so schwer zu ziehen hat?«

Goldköpfchen mußte lachen, und auch der Fuhrmann schmunzelte.

»Das Pferd schafft es schon allein«, sagte er, »man darf es nur nicht zur Eile antreiben und muß es hin und wieder ruhen lassen. Wenn Sie«, wandte er sich an Goldköpfchen, »schneller gehen wollen, können Sie den Weg zur Alm nicht verfehlen, er führt dort hinauf, dann in den Hintergrund, gerade hin zur Alm. Wir fahren langsamer, als die Fußgänger gehen.«

»Nein, Mutti, wir wollen beim Pferdli bleiben«, riefen die beiden Fipse, »wir wollen das Pferdli sehen. – Mutti, können wir nicht ein bißchen stoßen?«

Goldköpfchen und der Fuhrmann wehrten ab. »Ihr werdet schnell genug müde sein«, lachte er, »und werdet gerne in den Karren einsteigen wollen.«

Die Sonne brannte heiß vom Himmel, und als man zum zweiten Male eine Rast machte, fing der kleine Fips an zu jammern.

»Mutti, – ich will in das Haus von der Frau Scharr. – Mutti, sind wir nicht bald da?«

»Noch eine halbe Stunde müßt ihr laufen. Jetzt kommt der letzte steile Anstieg.«

»Oh, das arme Pferd«, sagte Marlene. »Mutti, wenn wir uns in den Karren setzen, würde das Pferd vielleicht lieber ziehen.«

»Aha, jetzt sind die Fipse müde! Wir können hier ein Weilchen rasten, bis die Beine wieder in Ordnung sind.«

»Wir wollen nicht rasten, wir wollen zu den vielen Kühen.«

»Ich setze euch jetzt beide in den Karren«, sagte der Fuhrmann, »ihr werdet euch über die Schaukelfahrt freuen.«

Marlene war einverstanden, Adele wollte nicht. So blieb nichts anderes übrig, als eine längere Ruhepause einzulegen. Goldköpfchen lagerte mit den beiden Kindern im Grase, der Karren fuhr langsam weiter.

Nach einer einstündigen Pause wurde der Weg fortgesetzt. Es ging jetzt steil bergan, aber die Fipse waren wieder frischer. So wurde das letzte Wegstück vergnügt zurückgelegt.

Die Alm war erreicht. Auf einer weiten Wiese waren unzählige Kühe zu sehen, die eifrig fraßen. Die langen Schwänze pendelten beständig hin und her, denn die Fliegen peinigten die Tiere. Hin und wieder wurde lautes Brüllen hörbar. Mitten auf der Alm stand ein altes Haus aus dunklem Holz. Die Tür war weit geöffnet, dicker Qualm quoll hervor. Neben der Tür stand eine schlichte Bank. Mehrere kleine Fenster waren in den Hauswänden zu sehen. Die Scheiben waren aber so blind, daß man kaum hindurchsehen konnte.

»Das ist die Sennhütte«, erklärte Goldköpfchen, »hier wohnen den Sommer über die Sennen, hier essen und schlafen sie. Sie müssen Tag und Nacht auf die Kühe aufpassen. Sie können nicht hinunter ins Tal, weil der Weg zu weit ist.«

In diesem Augenblick trat ein Mann aus der Hütte, er war mit einem grauen Hemd und kurzen Hosen bekleidet.

»Mutti, da kommt wer!« rief Marlene ängstlich.

»Es ist der Bewohner der Sennhütte, – der Senne.«

»Bei uns ist es eine Almhütte, und wir sind die Almer. Die Frau ist wohl nicht aus der Gegend?«

Goldköpfchen lachte. »Da habe ich meinen Kindern etwas Falsches gesagt. In der Schweiz spricht man immer von Sennhütten.«

»Wir sind aber hier im Salzburger Land.«

Die Kinder bestaunten die vielen Kühe, blieben aber dicht bei der Mutti, denn sie fürchteten sich vor den vielen großen Tieren, von denen manches neugierig herüberschaute.

»Ist das hier die Alm?«

»Ja, Fips, das ist die Alm.«

»Mutti, hier ist ja nichts!«

»Auf einer Alm ist auch nichts weiter als die Almhütte und viele Kühe. Drüben die langen Holzhäuser sind die Viehställe, und dort ist ein Brunnen, mit einem Trog, aus dem die Kühe trinken. Das wollen wir uns einmal ansehen.«

»Mutti, ich habe Angst!«

Auch Goldköpfchen wagte nicht recht, durch die vielen Kühe hindurchzugehen. Der Almer merkte das und lachte.

»Sie brauchen keine Angst zu haben, ein Stier ist nicht dabei, die Kühe tun Ihnen nichts.«

Trotzdem wich Goldköpfchen immer wieder zurück, wenn eine Kuh langsam auf sie zukam, und die Fipse schrien oftmals laut auf und versteckten sich hinter der Mutter Rock. Aber schließlich wurde der Trog erreicht. Ununterbrochen lief aus einem kleinen Rohr das Wasser in den Behälter.

»Schaut nur, hier haben die Kühe immer frisches Wasser, das brauchen sie.«

»Ja, vorne trinken sie Wasser, dann fressen sie 'ne Weile, und dann wird aus dem Wasser Milch. – Mutti, ist das komisch!«

»Mutti, Mutti, komm doch«, rief der kleine Fips und zog Goldköpfchen am Rock. Die Kleine hatte bemerkt, daß sich mehrere Tiere der Tränke näherten.

»Mutti, horch mal!«

Durch das Plätschern des Wassers hindurch war eine helle Stimme zu vernehmen, die ein Lied sang.

»Mutti, dort liegt was«, sagte Marlene und wies auf eine erhöhte Stelle. Dort lag langausgestreckt ein etwa dreizehnjähriger Knabe. Er war mit einem Hemd und einer kurzen Hose bekleidet und hatte bloße Füße. Seine Arme waren hinter dem Kopf verschränkt. Der Knabe schaute hinauf zum Himmel und sang. Er schien sich um die Näherkommenden nicht zu kümmern.

»Mutti, was singt er?«

»Das verstehe ich auch nicht.«

Die drei gingen näher und standen bald bei dem Knaben, der nicht einmal den Kopf nach den Ankommenden wandte, vielmehr ein neues Lied zu singen begann. Aufmerksam lauschte Goldköpfchen, leider verstand sie kein Wort. Der Hans, der Hütejunge, ließ mit heller Stimme den Vers erklingen:

»Ob'n auf da Alma,
Da z'geht da Schnee nia,
Da geit's schöni Kalma
Und schwarzbrauni Küah.«

»Mutti, – was sagt er?«

»Das verstehen wir nicht. So sprechen die Leute hier im Land. Wir wollen ihn einmal fragen, sicherlich kann er auch anders reden.« Goldköpfchen beugte sich zu dem Knaben nieder. »Du, kleiner Bursche, wer bist du?«

»Der Hansl!«

»Und was machst du hier?«

»Hüt' die Küh'.«

»Was singst du für ein nettes Lied?«

»Nu – ein Lied.« Noch immer hatte der Knabe den Kopf nach den Fremden nicht umgewandt. Es war dem Hansl von der Tauernalm nichts Neues, daß Fremde heraufkamen und Fragen stellten. Er blinzelte nach wie vor hinauf zum Himmel und kümmerte sich um nichts anderes.

»Fürchtest du dich auch vor den Kühen?« fragte Marlene.

Der Hansl schüttelte den Kopf.

»Beißen sie dich nicht?«

Wieder dasselbe Kopfschütteln.

»Warum liegst du hier?«

»Weil's hier schön ist.«

»Wo wohnst du denn?«

Der Knabe nahm den Arm unter dem Kopf weg und wies nach der Almhütte.

»Wohnen deine Eltern auch dort?«

Abermals ein Kopfschütteln.

»Mutti«, sagte Marlene, »der Junge sagt ja nichts. – Was macht er hier?«

»Er gibt auf die Kühe acht. Er muß wahrscheinlich den ganzen Sommer über hier oben sein oder wenigstens so lange, wie er Ferien hat. – Gehst du noch zur Schule, Hansl?« fragte Goldköpfchen.

»Ja!«

»Aber jetzt hilfst du hier oben beim Hüten der Kühe. Macht es dir Freude?«

»Ja.«

»Es ist gewiß schön, in der Sonne zu liegen.«

Der Knabe nickte. Dann sprang er auf, so plötzlich, daß die beiden Kinder erschrocken zurückwichen. Mit den nackten Beinen lief er über die Wiese, sprang über die hervorstehenden Felsblöcke und eilte hin zu einer Kuh, die sich ziemlich weit entfernt hatte. Der Hansl packte die Kuh am Horn und drehte sie nach rückwärts. Dann versetzte er ihr einen Schlag, worauf sie sich mit raschen Sprüngen wieder der Herde näherte.

Die beiden Fipse hatten staunend den Vorgang beobachtet. Daß sich der Knabe vor den Kühen mit den großen Hörnern nicht fürchtete, ihnen sogar einen Schlag versetzte, erschien ihnen wie eine Heldentat. Der Hansl kam nicht zurück, er ging zu einer Kuh, die auf der Wiese lag, streichelte liebevoll den Kopf des Tieres und schien mit ihr zu sprechen. Dann klopfte er ihr den Hals und kehrte schließlich zu seinem alten Platz zurück.

»Sie ist krank«, sagte er erklärend.

»Was hat sie?« fragte Adele.

»Sie ist eben krank.«

»Du – sie wird es am Blinddarm haben«, sagte Marlene. »Viele Leute haben es am Blinddarm. Vielleicht hat sie auch was am Herzen, oder sie ist lungenkrank. – Wenn sie Scharlach kriegt, müssen alle anderen Kühe von ihr weg, sonst werden sie auch krank.«

Der Hansl warf sich nieder ins Gras. Was ihm das kleine Mädel soeben erzählte, erschien ihm recht unsinnig. Jetzt betrachtete er die kleine Adele genauer. Das blondlockige Kind schien ihm zu gefallen.

»Wer bist du?« fragte er, indem er einen Grashalm abriß und daran kaute.

»Ich bin der kleine Fips und – die Lieblichkeit.«

Mit diesen Worten wußte der Hansl natürlich nichts anzufangen.

»Wer bist du?« fragte er Marlene.

»Ich bin der große Fips.«

»Der große Fips?«

»Ja, – ich bin der große Fips, und das ist der kleine Fips.«

Solch einen Namen hatte der Hansl noch nie gehört.

»Was machst du hier, Hansl?«

»Ich bin hier oben und gebe auf die Kühe acht.«

»Haben die Kühe Namen?«

»Ja! – Das dort ist die Lisl, das dort die Nandl, dort die Gelbe – –«

»Der alte Sitzer ganz unten in der Stadt hat zwei kleine grüne Vöglein, die können sprechen. – Sprichst du auch mit den Kühen?«

»Ja –«

»Oh«, sagte Adele staunend, »da laß doch mal eine Kuh sprechen.«

Da erhob sich der Knabe, ging auf die gelbe Kuh zu, die ihm am nächsten stand, packte sie am Genick und zog sie hin und her. Da begann die Kuh zu brummen.

»Das mag sie gern«, sagte der Hansl.

»Ich weiß«, sagte Marlene, »du hast sie am Gemsbart gezogen. Ist das bei der Kuh der Kuhbart?«

Der Hansl verstand nicht recht. Mit ausgestrecktem Arm wies er hin nach einem der hohen Berge. »Dort drüben sind Gemsen, ich habe sie schon gesehen.«

Neues Fragen begann. Da wurde der Hansl langsam zutraulicher, und bald waren die Kinder in regem Gespräch.

Goldköpfchen beteiligte sich wenig. Die Fragen und die Antworten der Kinder machten ihr viel Spaß. Aber als mehrere Kühe ganz dicht an den Hansl herankamen, stoben die beiden Fipse schreiend davon.

Der Hansl lachte laut. »Die tun doch nichts!«

»Sie wollen uns beißen.«

»Hahaha, die suchen nach gutem Gras, – paß mal auf.« Der Hansl suchte seinen Hut, der irgendwo lag, rupfte dann einige Kräuter aus, packte sie zusammen und schob sie unter das Band seines Hutes. Dann setzte er den alten Filzhut auf den Kopf, schnalzte mit der Zunge und warf sich wieder auf den Erdboden.

Die gelbe Kuh kam langsam näher. »Komm nur«, lockte der Hansl und zog den Hut tiefer ins Gesicht.

Marlene und Adele waren zur Mutter gelaufen und klammerten sich fest an sie. Sie jauchzten aber laut auf, als sich die Kuh neben den Hansl stellte und die Kräuter vom Hut fraß. Marlene riß sogleich ihren Hut vom Kopf und schleuderte ihn dem Hansl zu.

»Mach auch ein Büschel Gras drauf!«

Goldköpfchen mußte eingreifen, um den Hut zu retten. Adele schaute verlangend auf den Hut der Mutti, auf dem ein Sträußchen frischer Blumen steckte, das Goldköpfchen gepflückt hatte.

»Hansl, ruf die Gelbe, die soll fressen!«

Der Hansl zwinkerte mit den Augen und lachte verschmitzt. Die Angst der Stadtleute vor den Kühen machte ihm viel Spaß. Was würde die Frau wohl sagen, wenn ihr die Kuh die Blumen vom Hute fraß? Doch das ging im Augenblick noch nicht, da Goldköpfchen sofort zurückwich, wenn eine Kuh in ihre Nähe kam.

Inzwischen hatte sich einer der Almer den Fremden genähert.

»Wie ist es mit einem Glase Milch für die Kinder?«

»Oh, Milch«, rief Adele, »Milch von der gelben Kuh!«

»Ganz frische Milch«, sagte der Almer, »und vielleicht auch etwas Käse?«

»Dürfen wir einmal in die Almhütte hineinsehen?« fragte Goldköpfchen.

»Es wird der Frau da drinnen nicht recht gefallen, der Käs' wird gerade gekocht.«

»Was kochst du?« fragte Adele näherkommend.

»Käse – –«

»Oh, du Schwindler«, lachte Marlene, »Käse kocht man doch nicht!«

»Na, dann paß mal gut auf. – Du, willst a Watschen?« Die letzten Worte waren zu einer Kuh gesprochen, die den Almer kräftig in den Rücken stieß. Wieder wichen Goldköpfchen und die Kinder zurück, aber auch die Kuh wandte sich um und ging weiter.

»Oh –« sagte Marlene staunend, »eine Watschen will sie nicht, da geht sie fort.« Und dann rief sie übermütig der nächsten Kuh zu: »Willst du a Watschen!«

Die Kuh kam auf das Rufen hin näher. Da flüchteten mit leisem Aufschrei Goldköpfchen und die beiden Fipse. Der Hansl lachte aus vollem Halse und lockte nun ganz verstohlen mehrere Kühe heran. Da hielt es Goldköpfchen für richtig, recht rasch den Weg zur Almhütte einzuschlagen.

»Willst a Watschen«, rief nun auch Adele, als sie sich in Sicherheit wußte, den Kühen zu, denn jetzt hatte sie wieder Mut. Sie stand ja neben der Mutti an der Tür der Hütte.

Im Innern des Raumes dampfte es noch immer. Der Dampf kam aus einem großen Kupferkessel, vor dem ein anderer Mann stand und rührte.

»Hier wird der Käse gekocht«, sagte der Almer.

»Der dicke Brei?« fragte Goldköpfchen staunend. Sie hatte noch nie gesehen, wie Käse bereitet wird.

»Kommen Sie hier ins Zimmer herein und trinken Sie mit den Kindern Milch.«

Anschließend an die Küche war ein großer, sehr kahler Raum, mit einfachen Holzbänken an den Wänden und einem Holztisch.

»Hier wohnen wir.«

»Wo wohnt der Hansl?« fragte Marlene.

»Er schläft oben im Heu.«

»Hat er kein Bett?«

»Das braucht er nicht.«

»Hat er auch keinen Waschtisch?«

»Da draußen waschen wir uns, dort, wo die Kühe trinken.«

Jetzt war auch der Hansl ins Zimmer gekommen.

»Wäscht du dich mit Seife?« fragte Marlene.

»Nee, mit Wasser!«

»Ach, hast du es aber gut. Die Seife beißt so in die Augen. Kämmst du dich auch?«

»Das brauch' ich nicht, ich steck' den ganzen Kopf ins Wasser.«

»Mutti, er steckt den Kopf ins Wasser und kämmt sich nicht«, staunte Marlene.

»Er hat ja ganz kurzes Haar.«

»Mutti, da möchte ich auch ganz kurzes Haar haben und meinen Kopf nur ins Wasser stecken, ohne die olle Seife.«

»Adele will ihre Löckchen behalten«, rief der kleine Fips dazwischen.

»Zeig doch mal, wo du schläfst?«

Der Hansl machte eine Lattentür auf, die seitwärts an der Hütte angebracht war. In dem kleinen Raum lag hoch aufgeschichtet Heu.

»Hier schlafe ich.«

»Haste denn keinen Schrank und keine Kommode?«

»Hahaha, das dumme Zeug brauche ich nicht!«

»Wo haste denn dein Sonntagskleid und deine Schuhe?«

»So was brauch' ich hier oben nicht!«

»Haste denn kein anderes Kleid und keine anderen Schuhe?«

»Nee, hier oben nicht!«

»Gehst du immer mit nackten Füßen? Auch wenn's regnet?«

»Nu ja«, lachte der Hansl.

»Ich kann nicht mit nackten Füßen gehen, die Steine pieken.«

»Das merke ich nicht.«

»Biste nicht sehr traurig, weil du kein Sonntagskleid und keine Schuhe hast – und keinen Schrank und keine Kommode? – Hast du auch kein Spielzeug?«

»Nein, ich habe meine Kühe.«

Die beiden Mädchen beschlossen, der Mutti alles das zu erzählen. Es schien den Kindern unfaßlich, daß der Knabe so froh und lustig sein konnte, obwohl er gar nichts besaß. Die Mutti hatte oft davon gesprochen, daß es viele Menschen gäbe, die mit wenig zufrieden wären. Die beiden Fipse sollten sich ein Beispiel an solchen Menschen nehmen.

»Willst du keinen Schrank, keine Kommode und kein Spielzeug?«

Da trat ein sehnsüchtiges Leuchten in die Augen des Hansl. »Ich möcht' schon was«, erwiderte er.

»Was möchtest du denn, Hansl?« fragte Marlene, in der sofort der Wunsch erwachte, dem Knaben, der gar nichts besaß, eine Freude zu machen.

»Ich möcht' – 'ne Mundharmonika.«

Marlene lachte auf. Eine Mundharmonika kannte sie genau, sie hatte daheim auch eine. Leider war sie kaputt. »Die Mutti kauft dir eine Mundharmonika!«

Der Hansl glaubte nicht, daß ihm dieses große Glück beschieden sein könnte. Eine Mundharmonika, nur eine ganz kleine, wünschte er sich schon lange. Aber noch nie war ihm dieser Wunsch erfüllt worden. Und doch hätte er so gern, wenn er auf der Alm weilte, schöne Melodien geblasen.

»Willst du auch ein Schaukelpferd?«

»Nein, ich wünsche mir nur eine Mundharmonika.«

»Ach, die schenkt dir meine Mutti. – Komm rasch, wir wollen es ihr sagen.«

Die Kinder liefen um das Haus herum, hin zum Eingang. Draußen auf der Bank lag der Mutter Hut mit dem Blumensträußchen. Da blitzte es schon wieder gar lustig in den Augen des Hansl auf. Er sah sich um. Die Kühe waren nicht in der Nähe, aber er konnte ja eine heranlocken. Es hatte den Kindern vorhin viel Freude bereitet, als die Kuh von seinem Hute die Kräuter fraß. Nun wollte er den freundlichen Mädchen diesen Spaß noch einmal bereiten. Er schnalzte laut mit der Zunge. Mehrere Kühe hoben lauschend die Köpfe und kamen langsam näher. Marlene und Adele schrien leise auf und eilten in den verräucherten Raum der Almhütte. Voller Neugier blickten sie durch die Tür hinaus zu den Kühen. Da sahen sie, wie sich der Hansl den weißen leichten Stoffhut der Mutter auf den Kopf setzte und vor den Kühen hin und her ging. Plötzlich warf sich der Hansl auf die Knie ins Gras.

»Oh – – oh – – oh – –«, Adele klatschte in die Hände. Die weiß-braune Kuh hatte das Blumensträußchen auf dem Hute erspäht, streckte den Kopf weit vor und machte Miene, die Blumen abzufressen.

»Mutti – Mutti – Mutti –« jauchzte Marlene in hellstem Entzücken. »Willst a Watschen?«

Schon hatte die Kuh das Blumensträußchen vom Hut gerissen und verspeiste es mit Behagen.

Es schien ihr prächtig zu schmecken.

Die beiden Fipse bogen sich vor Lachen. Nun zerrte das Tier auch der Mutter Hut vom Kopfe des Hansl, warf ihn zu Boden und betrachtete ihn genauer. Schließlich setzte es den einen Vorderhuf auf den Hutrand, und noch immer lachten die Kleinen.

»Mutti – Mutti!«

Goldköpfchen, die im hinteren Raume der Hütte saß und mit einem der Almer sprach, hörte das Jauchzen ihrer Kinder und trat heraus. Erst wußte sie nicht, was das helle Lachen der Kleinen für eine Bedeutung hatte. Sie sah auch den Hut nicht, über den sich jetzt die Kuh neugierig beugte.

»Mutti, die Gelbe freßt deinen Hut!« lachte Adele.

»Meinen Hut?«

Der Hansel lag im Grase und lachte. Am liebsten wäre Goldköpfchen zu der Kuh gelaufen, doch wagte sie nicht, ihr den Hut fortzunehmen.

»Hansl, lauf und hole meinen Hut!«

Lachend erhob sich der Knabe, nahm die Kuh an den Hörnern, stieß sie zur Seite, hob Goldköpfchens Hut auf und brachte ihn herbei. Wie sah der aus! Die schmutzigen Füße der Kuh waren auf dem weißen Rande zu sehen, der Kopf war eingebeult.

»Wer hat der Kuh meinen Hut gegeben?« fragte sie streng.

»Der Hansl, – der Hansl«, riefen die Fipse. »Er ist vor der Kuh herumgehopst, da ist sie ihm nachgelaufen. – Ach, Mutti, haben wir gelacht!«

Aus den harmlosen Äußerungen des Knaben erkannte Goldköpfchen sehr bald, daß der Knabe ihren beiden Kindern eine Freude bereiten wollte. Er, der so gar nichts besaß, dem der Wert der Sachen noch unbekannt war, hatte sich bestimmt nichts Schlimmes gedacht. So unterdrückte Goldköpfchen jeden Vorwurf, denn der Hansl schaute sie so seelenruhig mit seinen blauen Unschuldsaugen an, daß Goldköpfchen jedes Wort im Halse steckenblieb. Es war glücklicherweise kein teurer Hut, eine ganz leichte einfache Kopfbedeckung, die sie für den Aufenthalt in den Bergen gekauft hatte.

»Mutti, sieh nur«, rief Adele, »die liebe Kuh guckt zu mir herüber, weil ich so niedlich bin.«

»Ihr werdet jetzt Mich trinken. Wir bleiben draußen auf der Bank, und dann eßt ihr eure Butterbrote dazu.«

»Der Hansl muß aber auch herkommen.«

Der Hansl legte sich vor die Kinder ins Gras. Als man ihn aufforderte, sich mit auf die Bank zu setzen, schüttelte er den Kopf. Er lag lieber langausgestreckt im Grase und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

»Mutti, er hat gar nichts, keine Seife, keinen Schrank, keine Schuhe.«

»Oh«, sagte der Hansl, »ich habe viel! Ich habe meine Kühe, die Alm, mein Heu und die ganzen Berge! – Die Berge sind das Allerschönste, was es gibt.« Plötzlich begann er wieder zu singen:

»Und wenn i vo weitem a Bergle ka' seah,
Do lupft's m'r mei Bluet und mei Herz glei' in de Höah!«

Marlene lachte. »U–we–wi wo–wo–wa mutsch–witsch bööh ha–hutsch–i wutsch–hi. – Mutti, hast du gehört, ich kann auch so sprechen, wie der Hansl!«

Der schaute Marlene mitleidig an. »Kannst net«, sagte er, »bist ja ein Stadtmädel!« Schon sprang er wieder auf und lief hinter einer Kuh her, um sie zurückzuholen.

»Ich komm mit, Hansl«, rief Adele, sprang von der Bank herunter und lief hinter dem Knaben her. Da in der Nähe der Almhütte augenblicklich keine Kühe waren, hatte sie Mut.

»Du kommst zurück«, rief Goldköpfchen. Aber Adele hörte nicht. Sie sah einen großen bunten Schmetterling, dem lief sie nach.

Da Goldköpfchen die Kleine sehen konnte, rief sie zunächst nicht nochmals. Bald bemerkte sie jedoch mit wachsender Unruhe, daß sich der kleine Fips mehr und mehr den Kühen näherte. Der schöne Schmetterling flog immer weiter, und plötzlich war ein Schrei zu vernehmen. Adele lag der Länge nach auf der Erde.

»Oh – – oh – –«, sie zog den Strumpf herunter. Ein Blutstropfen wurde sichtbar. Da setzte sie sich ins Gras, steckte den Finger in den Mund und wischte den Blutstropfen von ihrem Beinchen ab. Aber da kam schon wieder ein neuer Blutstropfen.

»Fips, – kleiner Fips!« Goldköpfchen hatte gesehen, daß sich eine Kuh dem Kinde näherte. Die Kleine bemerkte das nicht, sie betrachtete aufmerksam das blutende Beinchen. Erst als die Kuh dicht vor dem Kinde stand, kam ein lauter Schrei aus dem Munde Adeles.

»Die Kuh, die Kuh –« rief Goldköpfchen. »Bitte, wollen Sie die Kuh fortjagen«, wandte sie sich an den am Kessel stehenden Almer.

»Sie tut nichts, – sie tut wirklich nichts.«

Goldköpfchens Herz bebte. Sollte sie den Weg über die Almwiese machen? Bis dahin konnte die Kuh die Kleine längst getreten haben.

Der kleine Fips sah die Kuh neben sich, fiel vor Schreck auf den Rücken und lag regungslos da. Der Schreck hatte dem Kinde im Augenblick die Sprache genommen. Adele sah den Kopf der Kuh dicht über sich, der sich jetzt langsam tiefer neigte. Im nächsten Augenblick würde sie von der Kuh gefressen werden. Da kam dem kleinen Mädchen die Sprache wieder, und leise murmelte sie:

»Ich bin doch kein Blümchen, Kuh. – Liebe Kuh, laß mich in Ruh! Hansl – – Hansl – –« schrie Adele dann aus Leibeskräften.

Der Hansl kam angelaufen. Er zog die Kuh nicht fort, er lachte lustig auf.

»Weil du so schön bist«, rief er, »hat dich die Kuh gern.«

»Ich – will – nicht schön sein –« stammelte der kleine Fips in seiner Angst, »ich bin nicht schön!«

»Die Kuh denkt, du bist eine schöne Blume, da kommt sie an.«

Adele schloß, von neuem Schrecken ergriffen, die Augen. Ein warmer Atem schlug in ihr Gesicht. In die Locken fuhr das Maul der Kuh.

»Sie freßt mir – –«, mehr konnte die Kleine nicht sagen. In ihrer Herzensangst faltete sie die Hände. Niemand verstand, was sie murmelte, denn die Stimme gehorchte ihr nicht mehr. »Ich will keine Lieblichkeit mehr sein, ich will ganz häßlich werden, aber freß mich nicht, liebe, liebe Kuh. – Ich bin doch keine Blume, – ich bin ein unartiges Mädchen. – Ach, freß mich nicht, liebe gute Kuh!«

Endlich schien der Hansl zu merken, daß das kleine blondlockige Mädchen vor Angst krank zu werden schien. Da nahm er die Kuh an den Hörnern.

»Komm, Nandl, das Mädel fürchtet sich vor dir. Es schmeckt auch nicht. Komm, friß das saftige Gras!«

Willig ließ sich die Kuh fortführen. Die kleine Adele merkte es nicht. Sie lag wie gelähmt auf dem Boden. Goldköpfchen, die alles gesehen hatte, die ihr Kind in Gefahr glaubte, hatte doch gewagt, hin zu Adele zu eilen, vorbei an mancher Kuh. Sie stand, als der Hansl gerade die Nandl fortführte, neben dem kleinen Fips.

»Lieber kleiner Fips – –«

»Mutti, ich glaube, sie hat mir gefreßt, – mir ist ganz schwarz.«

Goldköpfchen nahm Adele auf den Arm. Wieder näherte sich ihr eine Kuh, doch die Angst um ihr Kind gab der Mutter Mut. Immer wieder hatte man ihr gesagt, daß die Kühe gutartig seien. Warum war sie so feige? Sie sah doch sonst jeder Gefahr mutig ins Auge.

Adele war weiß wie Schnee. Sie legte beide Ärmchen um den Hals der Mutter und sagte: »Mutti, ich bin nu' keine Lieblichkeit mehr. Mutti, die Kuh hat gedacht, ich bin eine Blume. – Ach – Mutti – Mutti –«

»Wir wollen die Kleine aufs Heu legen«, sagte einer der Almer, »sie hat sich sehr erschreckt.«

Adele kam aufs Lager des Hansl. Man hatte über das Heu eine Decke gebreitet, mit der sich der Hansl in den Nächten zudeckte. Ein Almer brachte Milch, und Goldköpfchen sprach beruhigend auf den kleinen Fips ein. Auch der Hansl kam gelaufen und schaute nach der Kleinen.

Adele erholte sich rasch. Als sie sah, daß sie noch am Leben war, daß ihr die Kuh nichts getan hatte, begann sie erst einmal heftig zu weinen, doch bald beruhigte sie sich wieder und lachte über die Späße, die einer der Almer machte.

»Hättest die Kuh anschreien sollen«, sagte der Mann, »hättest ihr sagen sollen: ›Willst a Watschen?‹«

Man blieb noch zwei Stunden auf der Alm, dann ging es an den Heimweg. Der Karren war längst abgefahren, so mußten die drei bis zum Tauernhaus zu Fuß gehen. Goldköpfchen fürchtete allerdings, daß die kleine Adele nach dem ausgestandenen Schreck den Abstieg nicht werde machen können.

»Soll ich die Kleine ein Stück Weges tragen?« erbot sich einer der Männer, »ich lasse sie auf meinen Schultern reiten.«

Aber Adele hatte Angst, und so wurde der Abstieg zu Fuß vorgesehen. Die Almer bekamen von Goldköpfchen ein kleines Geldgeschenk, denn sie wollten weder für die Milch noch für die Brote etwas haben. Dem Hansl aber wurde die Mundharmonika versprochen. Noch lange hörten die Absteigenden seine hellen Jauchzer, seine in Mundart gesungenen Lieder, die sie nicht verstanden.

Als sie im Tauernhaus ankamen, stand bereits der Wagen vor der Tür, der Goldköpfchen und die beiden Fipse wieder hinunter ins Tal bringen sollte.

Was gab es nicht alles unten zu erzählen. Die kleinen Plappermäulchen standen keine Minute still. Adele hatte ihren Schreck völlig überwunden, als dann aber Bergführer Scharr sagte, Adele habe sicherlich den Almern sehr gut gefallen, man habe wahrscheinlich geglaubt ein kleines Englein zu sehen, schüttelte sie energisch den Kopf.

»Ich bin kein Englein, ich bin auch kein Blümchen, ich bin auch keine Lieblichkeit – ich bin ein Fips!«

Goldköpfchen hörte die Worte. Sollte das Erlebnis oben auf der Alm für Adele eine gute Lehre geworden sein? Sah es Adele als Strafe dafür an, daß sie so eitel war? Dann hätte der ausgestandene Schreck sein Gutes gehabt.

Die Kinder ließen sich heute gar willig zu Bett bringen, denn sie waren von dem Ausflug ermüdet. Sehr schnell schliefen sie ein.

Goldköpfchen saß im Zimmer und schrieb an den Gatten und ihre Kinder. Da vernahm sie lautes Stöhnen und Seufzen. Es kam aus dem Bett des kleinen Fips. – Leise trat sie an dessen Lager. Adele schlief fest; sie schien einen bösen Traum zu haben. Goldköpfchen beugte sich nieder und strich mit der Hand beruhigend über die Stirn der Kleinen. Da fuhr Adele auf. Mit lauter Stimme schrie sie die Mutti an:

»Willst a Watschen?«

Goldköpfchen war im ersten Augenblick starr. Sprach solche Worte ein artiges Kind zu seiner Mutter?

»Fort gehste oder du kriegst a Watschen!«

Der kleine Fips träumte von der Kuh, die sich über ihn beugte, die mit dem Maul in seinen Haaren wühlte. Und wieder klang es:

»Kriegst a Watschen – –«

Von diesem Schrei erwachte Adele. Noch war sie mit ihren Gedanken bei der gefürchteten Kuh. Mit beiden Händen schlug sie nach der Mutti. »Da hast a Watschen!«

»Aber Fips!« rief Goldköpfchen.

Da erst ermunterte sich das Kind. »Mutti – – ich dachte, du bist die böse Kuh. – Ach, Mutti, nu' ist's gut. – Kommt die Kuh auch wirklich nicht her?«

»Nein, mein Kleines, du bist in deinem Bettchen, und die Mutti ist bei dir. Wir sind ja nicht mehr auf der Alm.«

»Na, dann ist's gut!«

Adele legte sich wieder um. Leise sang Goldköpfchen ein Schlummerlied, damit der kleine Fips recht schnell wieder zur Ruhe kam.

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