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Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180904
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Wenn es brummt ...

Es war ein heißer Tag, als Goldköpfchen mit ihren beiden Fipsen nach dem Gasthaus »Zur Post« ging, um dort, wie alltäglich, das Mittagessen einzunehmen. Während die drei auf das Essen warteten, bettelte Marlene:

»Mutti, lies doch noch mal den Brief vom Vati und den anderen Kindern vor.«

Goldköpfchen zog den Brief aus der Tasche. Sie bekam sehr oft Nachricht von daheim; jedes der Kinder teilte der Mutter mit, wie es ihm erginge. Die Nachrichten waren recht zufriedenstellend. Doktor Kirschner schrieb, daß sich die Kinder die größte Mühe gäben, artig zu sein; Frau Leuschner und Fräulein Rettich schrieben dasselbe. Hermann gab ausführliche Berichte über alles, was in der Schule geschah, schrieb der Mutter von den Aufgaben und teilte ihr mit, daß er mit Hilfe des Vaters eine Klingelleitung von einem Zimmer ins andere lege, was furchtbar viel Spaß mache. Jürgen und Stefan waren die einzigen, die hin und wieder von Zank und Streit berichteten, doch endeten die Briefe stets mit der Zusicherung: es geht uns sehr gut, und schlimm ist es nicht, wenn wir uns mal keilen! Erna und Fritz kritzelten einige Buchstaben aufs Papier, machten Kreise und Zeichen, was jedesmal einen Kuß bedeuten sollte, und fragten die Mutti, wann denn die vier Wochen endlich um wären. Ob die Mutti nicht bald zurückkäme. Hermann hatte das Übersetzen der Kritzelei übernommen. Er machte dazu die notwendigen Randbemerkungen. So stand auch heute wieder am Rande, vor seiner Hand geschrieben: »Bleibe ruhig da, liebe Mutti, mache dir keine Sorgen. Die Kinder schreiben nur so dumm, weil sie keinen Verstand haben. Ich sorge schon dafür, daß es ihnen gut geht.«

Goldköpfchen las den beiden Kleinen einige Stellen aus des Vaters Brief vor, dann kam das Mittagessen, dem mit großem Appetit zugesprochen wurde.

Plötzlich hielt Marlene im Essen inne. »Mutti, ruf mal nach dem Herrn Wirt!«

»Was willst du von ihm, großer Fips?«

»Ich muß ihm ganz leise was sagen.«

»Das kannst du mir doch auch sagen, Fips.«

»Nein, Mutti, so was darf man nicht sagen.«

»Mir darfst du alles sagen.« Marlene wies auf einen dicken Brummer, der schon mehrmals gegen die Fensterscheibe geflogen war und immer erneut Versuche machte, ins Freie zu gelangen.

»Mutti, gib mir mal dein Ohr her, damit ich es dir ganz leise sage.«

Goldköpfchen beugte sich zu Marlene nieder.

»Mutti«, flüsterte sie, »er hat es verflixt nötig! Er muß raus, er muß schnell mal spazierengehen! Keiner ist da, der ihm aufmacht.«

Goldköpfchen lachte, stand auf und öffnete das Fenster ein wenig. Der Brummer flog hinaus ins Freie.

»Es wird ihm draußen nicht recht gefallen«, sagte Goldköpfchen. »Es ist heute furchtbar schwül, und ich fürchte, wir bekommen noch ein Gewitter.«

»Oh, – ein Gewitter«, rief Marlene und schüttelte sich. »Mutti, ein Gewitter ist doch sehr was Schlimmes? Es knallt so!«

»Mutti, ich fürchte mir!« sagte Adele.

»Ich fürchte mich!«

»Fürchtest du dir auch?«

»Es heißt, fürchtest du dich. Du mußt sagen: ich fürchte mich!«

»Warum soll ich sagen: ich fürchte mich, wenn ich mir fürchte?«

»Lieber kleiner Fips, weil das verkehrtes Deutsch ist.«

»Warum ist das verkehrtes Deutsch, Mutti?«

»Es heißt: ich fürchte mich.«

»Da fürchtest du dir auch, wenn ich mir fürchte? – Mutti, dann fürchten wir uns beide, wenn es donnert!«

»Mutti«, – Marlene sprang vom Platze auf, »haste gehört, – es donnert schon!«

»Nein, Marlene, das war hinten in der Kegelbahn.«

»Nee, Mutti, das war oben in der Kegelbahn, oben fangen die Englein an Kegel zu schieben.«

»Nein, Marlene, – wahrscheinlich kegeln dort hinten in der Kegelbahn, die am Hause angebaut ist, Leute. – Höre nur, da ist das Geräusch schon wieder.«

Adele kam dicht an die Mutter herangerückt. Auch Marlene blickte, wenn eine Kugel rollte, ängstlich zur Tür. Wäre das Essen nicht bereits aufgetragen gewesen, so hätte Goldköpfchen die beiden Kinder einen Blick in die Kegelbahn tun lassen, um ihnen die Furcht vor dem Geräusch zu nehmen. Sie hoffte jedoch durch guten Zuspruch das Bangen verscheuchen zu können. Trotzdem war anzunehmen, daß heute noch ein Gewitter aufziehen werde, und Goldköpfchen wußte, daß ihre beiden Kleinen sehr ängstlich waren.

Gerade als der Wirt das Kompott auf den Tisch setzte, rollte in der Kegelbahn wieder eine Kugel.

»Schon wieder Gewitter«, sagte Adele.

»Du fürchtest dich wohl sehr vor dem Gewitter«, fragte der freundliche Wirt.

Adele nickte.

»Brauchst dich nicht zu fürchten, kleines Mädchen, die Engel im Himmel wollen auch Kegel schieben, das macht ihnen Freude.«

»Wenn aber eine Kugel durch die dicken Wolken fällt und uns auf den Kopf«, forschte Marlene, »ist das dann der Blitz? Sind es goldene Kugeln, mit denen die Englein rumpeln?«

»Ja«, lachte der Wirt, »darum leuchtet es so hell, wenn eine Kugel herunterfällt. Dann sagen die Menschen: es blitzt.«

»Nein, das ist keine Kugel«, sagte Marlene. »Ich habe schon gesehen, wenn es blitzt, das ist wie ein Krikelkrakel. – Mutti, ist der Blitz eine goldene Kegelkugel von den Englein?«

»Ihr braucht euch vor dem Blitz nicht zu fürchten«, lenkte Goldköpfchen ab.

»Mutti, ist es eine goldene Kegelkugel?«

Der Wirt lachte. »Nein, du kleines Mädchen, ich habe dir was vorerzählt. – Der Blitz ist eine Entladung, und das Gewitter kommt durch Elektrizität.«

Marlene stemmte beide Ärmchen auf den Tisch, legte das Kinn in die Hände und schaute den Wirt an. »Von was kommt das Gewitter?«

»Von der Elektrizität«, lachte der Wirt. Es machte ihm viel Spaß, die erstaunten Gesichter der Kleinen zu sehen, so wiederholte er langsam: »Von der Elek-tri-zi-tät.«

»Von – der – – Lek-lek-trizet«, rief Adele fröhlich, während Marlene in Gedanken das schwere Wort wiederholte.

»Ihr braucht euch nicht zu fürchten«, fuhr der Wirt fort. Dann wurde er abgerufen.

Die beiden Kinder waren recht schweigsam geworden. Sie dachten wohl über das nach, was man ihnen eben gesagt hatte. Als sich Goldköpfchen dann erhob, um mit den Kindern heimzugehen, hatte sich die Sonne bereits versteckt; dunkle Wolken zogen herauf.

»Kommt ein wenig rascher! Wir müssen uns beeilen.«

»Mutti, haste Angst?«

»Nein, ich möchte nicht, daß wir naß werden, oder daß wir unterwegs ein Gewitter abbekommen.«

»Mutti, du hast doch Angst«, sagte Adele.

»Brauchst keine Angst zu haben«, meinte Marlene und streichelte die Hand der Mutter, »es leckt nur die Trizitee, und die Trizitee ist nicht schlimm.«

Goldköpfchen lachte hell auf. »Trotzdem wollen wir rascher gehen.«

»Mutti, woran leckt denn die Trizitee? Leckt sie an den Wolken?«

»Kommt ganz schnell, schon fallen die ersten Tropfen!« Im Laufschritt ging es dem Wohnhause zu.

Unten im Hausflur stand Frau Scharr mit ihrer kleinen Tochter Mali.

»Das wird heute ein böses Wetter geben«, sagte die Bergführersfrau.

»Mali, – hast du Angst?« fragte Marlene.

»Als ich klein war, habe ich Angst gehabt. Dann bin ich ins Bett gegangen, dort habe ich mich fest zugedeckt. Da habe ich nichts vom Blitz gesehen und nichts vom Donner gehört.«

»Hört man im Bett nichts?«

»Nein, – ich bin in Vaters Bett gekrochen und habe mich ganz fest zugedeckt.«

Goldköpfchen hatte unterdessen mit Frau Scharr gesprochen. Sie wollte Frau Kirschner die letzte Mietsquittung aushändigen und bat Goldköpfchen, mit den beiden Kleinen ins Zimmer zu kommen. Adele und Marlene beschauten das hohe Bett, das in einer Nische stand. Dicke Betten türmten sich auf der Lagerstatt auf; über diese Betten war eine Decke gebreitet. So ein hohes Bett hatten die Kleinen noch nie gesehen. Daheim waren die Betten niedrig, man schlief im Sommer unter Decken. Hier aber sah man einen Bettenturm.

»Bist du in das Bett gekrochen, wenn's donnert?« fragte Marlene.

»Ja«, erwiderte Mali.

»In dem Bett hört man gar nichts?«

»Nein!«

»Die Adele kriecht immer unters Bett, wenn's donnert.«

»Unterm Bett hört man aber alles.«

Wieder betrachtete Marlene das hohe Bett. Oh, es war wohl möglich, daß man in diesem Bett nichts von dem bösen Donner hörte und auch den blitzenden Blitz nicht sah. – Schade, daß oben, im Verandazimmer, das die Mutti mit den beiden Fipsen bewohnte, nicht auch ein so hohes Bett stand.

»Kommt, Kinder, wir wollen wieder hinaufgehen«, ertönte der Mutter Stimme. Dann gingen die drei hinauf. Sorgsam prüfte Goldköpfchen Fenster und Türen, denn es war bereits ein heftiger Wind aufgesprungen. In der Ferne hörte man das erste dumpfe Grollen des Donners.

»Mutti, – jetzt donnert's!«

»Ihr kommt zu mir, und die Mutti erzählt euch eine hübsche Geschichte.«

Es war wohl das richtigste, die Kleinen durch ein Märchen abzulenken, damit sie nicht ununterbrochen auf den Donner achteten. Märchen hörten die kleinen Fipse sehr gern.

»Mutti, was erzählst du uns?«

»Vom Dornröschen oder vom Rotkäppchen –«

»Nee, Mutti, erzähle mal, warum das kleine Mädchen immer leckt, und warum es dann donnert.«

»Es leckt kein kleines Mädchen an den Wolken.«

»Ja, Mutti, der Mann in der Post hat es doch gesagt. Und die Leute, die in Pinzau wohnen, wissen doch von hier alles besser als wir. – Das hast du gestern gesagt. – Warum leckt also das kleine Mädchen?«

Da flammte der erste Blitz auf, dem gleich darauf ein heftiger Donner folgte. Der kleine Fips sprang vom Stuhl herunter und war im nächsten Augenblick unter dem Bett der Mutter verschwunden.

»Aber, Adele«, rief Goldköpfchen, »komm rasch wieder hervor. Was willst du dort unten!«

»Hu – der häßliche Donner!« klang es weinerlich. »Dann fällt mir 'ne Kugel von den Englein auf den Kopf. – Hu, Mutti – hu!«

Goldköpfchen kniete neben dem Bett nieder und streckte die Hand nach Adele aus. »Komm hervor, kleiner Fips! Deine Mutti ist doch bei dir und beschützt dich.«

»Mutti«, klang es kläglich, »komm mit, – komm zum kleinen Fips!« Goldköpfchens Hand wurde ergriffen; Adele zog aus Leibeskräften.

»Mutti, wir wollen alle unters Bett gehen«, sagte Marlene. – »Oh, – Mutti, da knallt es schon wieder!«

Vergeblich versuchte Goldköpfchen Adele zu bewegen, unter dem Bett hervorzukommen. Der kleine Fips blieb liegen.

»Mutti«, sagte Marlene, »wir wollen uns ins Bett legen, dort hören wir nichts. – Komm, Mutti, kriechen wir beide ins Bett, dort ist es schön!«

»Ihr habt nichts zu fürchten, Kinder.«

Der Himmel verfinsterte sich mehr und mehr. Er sah wirklich recht unheimlich aus. Dabei schlugen dicke Regentropfen gegen die Fensterscheiben. Die Äste der Bäume bogen sich hin und her, und der Sturm, der immer stärker wurde, ließ ein unheimliches Heulen hören. Marlene kroch mit den Kleidern in ihr Bettchen.

»Aber Marlene«, tadelte die Mutter.

Da, – schon wieder ein greller Blitz und sogleich ein heftiger Donner. »Mutti, das Bett taugt nichts! In meinem Bett donnert es auch!«

»Aber, Kinder, ihr braucht euch wirklich nicht zu fürchten.«

Da kam ein Schlag, der das Haus erzittern ließ. Auch Goldköpfchen war jäh zusammengezuckt. Wenige Augenblicke war es totenstill im Zimmer. Goldköpfchen trat ans Bettchen der kleinen Marlene. Sie lag mit weitgeöffneten ängstlichen Augen da. Unter dem Bett aber ertönte eine zitternde Stimme:

»Mutti, – sind wir jetzt tot?«

»Nein, mein liebes Schäfchen.«

Ein zweiter Schlag folgte. Der Blitz hatte das Zimmer hell erleuchtet. Beide Kinder begannen laut zu weinen.

»Mutti, ich will in das große Bett! – Mutti – – Mutti – –«

Adele kam unter dem Bett hervorgekrochen und klammerte sich an die Mutter. »Wir wollen zum Vati, hier donnert es immerzu. – Hu, Adele fürchtet sich!«

Goldköpfchen drückte beide Kinder fest an sich. »Ihr braucht euch nicht zu fürchten«, wiederholte sie, »es ist nichts Schlimmes. Es ist eben hinter den Wolken zu heiß, da kommt die Hitze herunter. Wenn sie durch die Wolken kommt, gibt es ein brummendes Geräusch. Wir nennen das Donner.«

Goldköpfchen schüttelte über diese Erklärung selbst den Kopf. Wie aber sollte sie ihren Kleinen die Entstehung des Gewitters klarmachen?

Dadurch, daß die besorgte Mutter ihre Fipse fest in den Armen hielt und an ihre Brust drückte, fühlten sich die Kinder etwas sicherer. Außerdem ließ die Stärke des Unwetters rasch nach. Es wurde wieder ein wenig heller. Langsam wagten die beiden Fipse, ans Fenster zu treten.

»Wie lange brummt es noch, Mutti?« fragte Adele weinerlich.

»Ich glaube, nun hat es bald ausgebrummt«, gab Goldköpfchen zurück.

»Das Gewitter kommt nur, weil die – Trizitee an den Wolken leckt? – Mutti, dann müßte die Trizitee feste verhauen werden. – Alle Leute fürchten sich doch. – Oh, Mutti«, Marlene schrie plötzlich laut auf, »was machen denn die Kühe und die Ziegen draußen auf der Wiese, wenn das Gewitter da ist?«

»Sie suchen Schutz unter den Bäumen.«

»Ist da kein Gewitter?«

»O doch, kleiner Fips, die Tiere werden nur nicht so naß, wenn sie unter den Bäumen stehen. Außerdem fürchten sich die Tiere nicht so sehr vor einem Gewitter.«

»Ach, Mutti, dann möchte ich eine Kuh oder eine Ziege sein, damit ich mich nicht fürchte!«

Eine halbe Stunde später war das Gewitter verzogen, auch der Regen hatte nachgelassen. Als Goldköpfchen die Fenster öffnete, strömte wunderbare frische Luft ins Zimmer.

»Schaut, wie nützlich ein Gewitter ist«, sagte Goldköpfchen, »heute mittag war es sehr heiß, und jetzt ist es wunderbar frisch draußen.«

»Mutti, wenn die Tiere heute abend nach Hause kommen, mußt du ihnen viel Salz geben, weil ein Gewitter war.«

Da es draußen zu naß war, ließ Goldköpfchen die beiden Kinder nicht ins Freie. Sie mußten auf der großen Veranda spielen. Ganz allmählich ging sie daran, die Vorbereitungen für das Abendessen zu treffen.

»Ihr bekommt heute zur Belohnung Eierkuchen. Die Mutti bäckt jedem von euch einen schönen Eierkuchen.«

Die beiden Kinder klopften sich auf die Mägen. Eierkuchen mit Beeren schmeckte gar zu gut!

»Mutti, machste wieder auf der Britzel-Bratzelpfanne aus Silber den Eierkuchen?«

»Freilich!«

»Mutti, die Frau Scharr hat nur eine schwarze Pfanne. Wir haben eine silberne Pfanne mitgebracht.«

»Die Pfanne ist nicht aus Silber.«

»Doch, Mutti, sie ist aus Silber. Wir haben eine Britzel-Bratzelpfanne aus Silber, und die Frau Scharr hat nur eine olle schwarze! – Mutti, schenke ihr doch auch einen Eierkuchen von unserer silbernen Pfanne.«

»Jetzt wird die Mutti erst einmal hinuntergehen und die gute Frau Scharr bitten, ihr Eier zu verkaufen. Ihr bleibt inzwischen ruhig hier sitzen.«

»Ach, laß uns mitkommen und die Eier tragen, weil wir doch beim Gewitter sooo artig waren!«

»Gut, so kommt mit!«

Frau Scharr stand in der Küche und schälte Kartoffeln.

»Es ist gut, daß das Gewitter nicht lange andauerte«, sagte Goldköpfchen.

»Ich traue dem Wetter nicht recht«, sagte Frau Scharr, »dort hinten ballt sich wieder etwas zusammen. Ich fürchte, das Gewitter kommt noch einmal zurück.«

Marlene hätte beinahe das Ei fallen lassen, das sie in der Hand hielt. »Mutti, – wann kommt es?«

»Ihr braucht euch nicht zu fürchten«, wiederholte Goldköpfchen.

Da kam Mali gelaufen und brachte in einem Korbe Pilze, schöne gelbe Pilze.

»Das sind Schwammerln«, sagte Mali, als Marlene forschend die gelben Pilze betrachtete.

»Ihr kennt sie doch auch«, sagte Goldköpfchen. »Pfefferlinge essen wir daheim auch oft.«

»Mutti, ich möchte heute abend – Schwammerln haben!«

»Wenn du sie gerne magst«, sagte die gutherzige Frau Scharr, »mache ich euch welche zurecht.«

»Ich mag sie furchtbar gerne«, sagte Marlene und klopfte sich auf den Magen.

»Dann mache ich euch welche zurecht.«

»Kommt mit mir, Kinder!«

»Mutti, laß uns bei den Schwammerln bleiben. Wenn sie fertig gemacht sind, kommen wir wieder 'rauf.«

»Lassen Sie die Kleinen ruhig hier«, sagte Frau Scharr.

So ging Goldköpfchen allein wieder hinauf. Die Kinder verblieben in der Küche. – Plötzlich war wieder dumpfes Grollen zu hören.

»Es brummt«, sagte der kleine Fips.

»Ja, ja, ich glaube, das Gewitter kommt zurück«, meinte Frau Scharr, »ich will schnell hinaufgehen und überall die Fenster schließen. Ihr tut am besten, ihr geht hinauf zur Mutti. – Komm, Mali!«

Während Frau Scharr und Mali hinaufgingen, standen Marlene und Adele allein im Hausflur.

»Es brummt schon wieder. – Komm, kleiner Fips, wir gehen ins große Bett, da brummt es nicht.«

Drüben war die Tür, die in das Zimmer führte, in dem das Bett mit dem Bettenturm stand. Dort konnte man Schutz suchen. Mali meinte, in diesem Bett sähe man keinen Blitz, noch höre man den Donner.

Adele ließ sich willig von der Schwester mitziehen. Der Gedanke, daß es wieder so furchtbar knallen könnte wie vorhin, war zu schrecklich.

In dem Zimmer war niemand. Unschlüssig stand Marlene da. Da hörte sie erneut das Donnern. Es klang schon lauter.

»Komm!« sagte Marlene, schob Adele zwischen die vielen Betten und kroch hinter ihr her. Auf den Kindern lagen zwei dicke Deckbetten. Immer tiefer schlängelten sich die beiden Kleinen in das schützende Bett. Dort lagen sie mäuschenstill. – Es war wirklich nichts mehr zu hören.

»Ein feines Bett«, flüsterte Marlene der Schwester zu, »hier ist es schön. – Hast du Angst?«

»Nein«, stieß der kleine Fips mühsam hervor, denn er bekam unter der Bettenlast kaum Luft.

»Wir liegen ganz still, dann rumpelt es nicht.«

Das Gewitter kam nicht näher, leise grollte es in der Ferne. Trotzdem hielt es Goldköpfchen für richtig, nach ihren Kindern zu sehen, da sie wußte, daß sich die beiden Fipse bei jedem Donnerrollen ängstigten. Anscheinend waren sie jetzt an der Zubereitung der Pilze so interessiert, daß sie alles andere darüber vergaßen.

Goldköpfchen ging die Treppe hinab und betrat die Küche. Sie war leer. Sie hatte oben auf dem Hausboden Schritte vernommen und glaubte, ihre Kleinen wären vielleicht mit Frau Scharr hinaufgegangen, denn auch der Boden des Holzhauses bot den Kindern viel Sehenswertes. So wartete die Mutter.

Frau Scharr und Mali kamen zurück. Auf Goldköpfchens Frage nach Marlene und Adele konnten sie keine Auskunft geben.

»Ich schickte die Kinder zu Ihnen hinauf, Frau Kirschner. – Mali, lauf und sieh nach, ob die Kinder vorn in der Veranda sind.« Sehr bald kam Mali zurück mit der Nachricht, auch dort sei niemand zu sehen.

»Fips – – Fips – – « klang es durch das Haus. –

Keine Antwort erfolgte.

»Vielleicht sind die Kinder in den Garten gegangen.« Goldköpfchen ging hinaus und schaute in die Laube. Dann ging sie nach dem Stall, aber auch hier waren die Kinder nicht zu sehen.

Sollten sie zum Nachbar Enzinger gegangen sein? Zu dem Großvater, der die zahmen Wellensittiche hatte? Rasch wollte sie dort fragen.

»Sind meine beiden Fipse hier?«

Niemand im ganzen Hause hatte die Kleinen gesehen. Trotzdem wurde durch das ganze Haus nach ihnen gerufen, und auch der Großvater beteiligte sich an der Suche.

Goldköpfchens Unruhe stieg mehr und mehr, zumal sich der Himmel bedenklich verfinsterte und auch der Donner stärker wurde. – Wo mochten die Kinder sein? Sie ging zurück, eilte wieder hinauf in ihr Zimmer, schaute unter die Betten, in den Kleiderschrank. – Nichts war von den Kindern zu sehen.

Wieder eilte Goldköpfchen hinunter. Frau Scharr war in der Küche beschäftigt, am Tische saß die kleine Mali.

»Jetzt hilf einmal die Kinder suchen, Mali«, sagte Frau Scharr, »rufe überall laut nach ihnen, du wirst sie gewiß finden.«

Bergführer Scharr war soeben von einer Tour heimgekommen; er lachte, als er Goldköpfchens Sorgen bemerkte.

»Verloren sind sie gewiß nicht gegangen, und auf den Pihapper werden sie auch nicht gestiegen sein. Lassen Sie es erst kräftig gewittern, dann kommen sie von allein zum Vorschein.« Nach diesen Worten ging Scharr ins Nebenzimmer, griff nach der Zeitung und setzte sich ans Fenster.

»Großer Fips! – Kleiner Fips! –« Immer wieder war Malis Stimme zu hören. Aber alles Rufen war vergeblich. Obwohl sich das Gewitter rasch näherte, lief Goldköpfchen noch in mehrere Häuser, aber niemand hatte ihre Kinder gesehen. Nun stand sie wieder im Hausflur und überlegte in banger Sorge, wo sie noch suchen sollte.

Ein heftiger Donner, dann ein heller Blitz und wieder ein lauter Donner.

»Die Kinder, wo sind die Kinder«, klagte Goldköpfchen, »wie werden sie sich ängstigen!«

»Kommen Sie ins Zimmer«, sagte die gutherzige Frau Scharr. »Von dort aus können wir den Hauseingang beobachten. Ich bin überzeugt, daß die beiden Fipse bald gelaufen kommen.«

Goldköpfchen nahm am Fenster Platz. Frau Scharr blieb noch in der Küche.

Wieder ein greller Blitz und lautes Donnern – – der Himmel sah schwefelgelb aus. Goldköpfchen bebte vor Angst um die Kinder. Es war doch sonst nicht die Art der Kleinen, fortzulaufen. Es war ihnen streng von der Mutter verboten worden.

Jetzt ein greller Blitz, ein lautes Krachen, dazu ein schriller Schrei aus der Zimmerecke. Lautes Poltern, – aus dem großen Bett fiel ein kleines Mädchen im roten Kleide. »Hu, – es brummt auch im Bett!«

»Marlene – –«

Aus dem Bett klang gedämpftes Weinen, dann bewegte sich der Betthaufen langsam; Adeles Kopf schaute an der Seite zwischen den Betten heraus. »Hu – es brummt!«

Noch lag Marlene entsetzt auf dem Fußboden. Aber da war auch Goldköpfchen schon zur Stelle und hob die Kleine erleichterten Herzens auf. »Aber, Kinder, – wie habe ich mich geängstigt!«

»Vor dem Gewitter?«

»Mutti, es brummt!«

Adele wurde aus den zahlreichen Betten herausgezogen, dabei berichtete Marlene mit ängstlicher Stimme, daß sie in diesem Bett, als es wieder zu brummen anfing, Zuflucht gesucht habe.

Bergführer Scharr lachte laut auf. »So habe ich es als Junge gemacht, – daran hätte ich denken sollen! – Hab' mich ohnehin gewundert, daß das Bett heute so unordentlich aussieht.«

»Mutti, es brummt auch in dem großen Bett. – Mutti, wir kommen zu dir, halt uns ganz fest, damit uns keine Kugel auf den Kopf fällt.«

Goldköpfchen wollte mit den Kindern hinaufgehen, aber Scharr bat herzlich, hierzubleiben, er habe so selten Gelegenheit, mit den Kleinen zu plaudern.

»Soll ich euch von den Bergen erzählen? Von Gemsen? Schaut mal her«, dabei nahm er seinen Filzhut vom Nagel, »das hier ist ein Gemsbart, der Bart der Gemsen.«

»Och, du Schwindler«, lachte Marlene, »nur die Männer haben einen Bart!«

»Na, großer Fips, da irrst du dich. – Warte mal, ich bringe dir ein Bild.«

Die Kinder schreckten wohl manches Mal noch zusammen, wenn wieder ein lauter Donner zu hören war, aber Scharr hatte so schöne Bilder von Gemsen und Blumen, daß ihre Gedanken abgelenkt wurden.

»Also der Gemsbart«, wiederholte Scharr, »wo ist er?«

Adele tippte auf den Hut. »Da!«

»Nein, wo sitzt er bei den Gemsen?«

Adele tippte auf die Haare, die der Gemsbock am Kinn hat.

»Nein, Kleine, hier sitzt er.« Dabei wies er auf das Genick des Tieres. »Es sind ganz bestimmte Haare, die zum Schmuck des Hutes verwendet werden. – Sieh her, hier ist der Bart.«

Marlene schrie vor Lachen. »Der Bart ist doch nicht oben auf dem Rücken, der Bart hängt doch 'nem Manne unten am Munde!«

»Aber nicht bei der Gemse, Fips!«

»Ach – du bist ja dumm! Der alte Mann dort drüben hat auch seinen Bart im Gesicht und nicht hinten am Halse.«

Marlene bekam von der Mutter einen Verweis. Aber der große Fips schüttelte energisch den Kopf. »Mutti, große Leute reden kleinen Mädchen viel vor. Der Postmann hat auch gesagt, der Blitz ist eine goldene Kugel, und das ist doch falsch! – Der Bart von der Gemse hängt unten am Halse.« Dann wandte sie sich an Scharr. »Ich glaub' dir nicht. Wenn du schwindelst, brauchst du mir nichts mehr zu sagen.«

Goldköpfchen gelang es erst viel später, Marlene davon zu überzeugen, daß bestimmte Haare im Nacken der Gemse zur Herstellung von Hutschmuck verwendet werden, und daß man diese Haarbüschel Gemsbart nennt.

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