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Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180904
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Das Ahneli

Unter der großen Holzveranda, auf der Marlene und Adele herumtobten, stand Resi, das schüchterne Pinzgauer Mädchen. Leise tönte sein Stimmchen:

»Fips, – großer Fips!«

Aber weder Marlene noch Adele hörten den Ruf.

»Fips – Fips!« Resi drückte die Puppe noch fester in den Arm. Dieses Puppenkind, das ihr der Vater einst selbst gemacht hatte, war bisher zärtlich geliebt worden. Von dem Blechkopf war freilich die Farbe fast vollkommen verschwunden, die Nase abgestoßen, die Backen kräftig eingedrückt, aber das störte Resi nicht. Der Kopf war an einen Rumpf genäht, der mit Heu ausgestopft worden war. Als Arme und Beine waren vier langgezogene Heubündel mit Stoff umwunden worden. Um zu verhindern, daß das Heu aus dem Stoff quoll, waren Arme und Beine an ihren unteren Enden mit Bindfaden zusammengeschnürt worden. Wenn aber dieses Puppenkind ein Kleid anhatte, glaubte Resi, es gäbe im ganzen Pinzgau kein schöneres Püppchen als das ihre.

Nun hatte Resi die Puppe Marlenes gesehen. Die war freilich ganz anders! Diese Puppe war viel schöner als eine, die bei dem einzigen Kaufmann des Ortes im Fenster stand und jedesmal von der kleinen Resi einen bewundernden Blick erhielt, sobald sie dort vorüberging. Die Puppe des Fipses in den Armen halten, die wunderschöne Puppe herumtragen zu dürfen, war für Resi eine solche Freude, daß sie darüber alles vergaß. Und wenn sie jetzt unter der Veranda stand und sehnsuchtsvoll nach dem großen Fips rief, so galt das in der Hauptsache dem schönen Puppenkinde.

»Fips, – großer Fips!«

Goldköpfchen hörte das Rufen, beugte sich über die Brüstung der Veranda und sah unten das kleine Mädchen stehen.

»Kommen die Fipse bald zu mir?«

»Gewiß, Resi, wir kommen gleich herunter!«

»Kommt dann die schöne Puppe auch mit?«

»Jawohl, – die Puppe kommt auch mit.«

Wenige Minuten später saßen die drei Kinder im Garten. Resi hielt das schöne Puppenkind im Arm und betrachtete es liebevoll. Marlene beschaute unterdessen Resis Puppe. Mit ihren kleinen Fingerchen versuchte sie das Heu aus Armen und Beinen herauszuziehen.

»Sie riecht schön, deine Puppe, aber im Gesicht ist sie nicht schön.«

»Das Ahneli will morgen meine Puppe schön machen.«

Marlene horchte auf. »Das Anneli – ist das Anneli hier?«

Resi wies mit dem Finger hin zu dem gegenüberstehenden Hause. »Dort drüben ist das Ahneli!«

»Das Anneli ist hier, das Anneli ist auch von Heidenau hierher gefahren? Komm schnell, wir wollen zum Anneli gehen!«

»Ja, wir wollen zum Ahneli gehen. – Das Ahneli ist immer gut.«

Marlene schaute umher. Die Mutter war im Augenblick nicht zu sehen.

»Komm, kleiner Fips, wir gehen zum Anneli«, sagte sie und nahm die jüngere Schwester an der Hand.

»Es ist nur dort!«

Das Haus war bald erreicht. Marlene war voll freudiger Erwartung. Sie hatte nicht geglaubt, hier in dem fernen Gebirgsdorfe die fünfjährige Tochter des Heidenauer Kaufmanns wiederzufinden. Mit dem Anneli spielte es sich sehr gut. Es hatte viele Wollschäfchen und Wollhunde und einen kleinen Kasten. Wenn man daran drehte, machte er Musik.

Resi führte die Kinder durch die Küche, in der Frau Enzinger tätig war.

»Wir gehen zum Ahneli, Mutter«, sagte Resi.

»Das ist recht so, das Ahneli wird sich freuen. Er hat euch vom Fenster aus schon öfter gesehen.«

Weiter ging Resi durch einen großen Flur, stieß eine Tür auf und stand in einem geräumigen Zimmer. In einem Lehnstuhl am Fenster saß ein alter Mann, eine Menge Holzstücke lagen neben ihm. Auf einem Tischchen stand ein Kasten mit Werkzeugen aller Art. Der Alte hielt ein Schnitzmesser in der Hand und bearbeitete damit ein Stück Holz.

»Ahneli, jetzt bringe ich dir die beiden Fipse.«

Marlene warf nur einen flüchtigen Blick auf den alten Mann. Sie suchte das kleine Mädchen aus Heidenau. »Wo ist denn das Anneli?«

»Hier bin ich, du kleines Mädchen«, sagte der Alte freundlich.

»Ich will doch das Anneli!«

Das faltige Gesicht des Alten verzog sich zu einem Lachen. Marlene schaute ihn an. Wie drollig das aussah. Auch die Pfeife, die er im Munde hielt, wackelte bei diesem Lachen hin und her.

»Dein Anneli bin ich freilich nicht«, sagte der Alte, »ich bin der Ahne, – der alte Großvater. Das Ahneli! – Du hast gewiß auch einen Großvater. – Wie heißt du denn? Und wie heißt das niedliche kleine Mädchen neben dir?«

Marlene konnte so rasch keine Antwort geben. Sie mußte erst den Mann mit den vielen tiefen Falten gründlich anschauen. Er hatte eine braune Haut, die wie Leder aussah.

»Ahneli, – das hier ist der große Fips, und das hier ist der kleine Fips. Beide wohnen drüben bei der Mali. Sie sind gekommen, um gesund zu werden.«

»Ja, ja, ich habe euch schon oft gesehen«, sagte der Alte. »Ich freue mich, daß ihr zu mir kommt!«

Nur langsam verlor Marlene die Scheu vor dem fremden Manne. Auch Adele. Beide betrachteten neugierig die verschiedenen Figuren, die auf dem Tische lagen. Das waren doch Männergesichter! An diesen Gesichtern war kein Körper, nur ein langer Schwanz aus Holz.

»Alter Mann, was machst du?« forschte Adele.

»Ich schnitze Nußknacker.«

Marlene und Adele waren zunächst sprachlos. Nußknacker kannten sie genau. Zu Weihnachten hatte der Vater den Kindern mit solch einem Manne, der das große Maul auf- und zumachen konnte, Nüsse zerknackt. Das Ahneli hielt eben zwei fertig geschnitzte Teile aneinander. Das gab wirklich genau solch einen Nußknacker, wie man daheim einen hatte.

»Oh, ein Nußknacker«, sagte Marlene voller Staunen. »Du ißt wohl gern Nüsse?«

»Ich verkaufe die Nußknacker. Wenn Sommergäste zu mir kommen, nehmen sie häufig einen Pinzgauer Nußknacker mit. – Schau her, hier habe ich einen Affenkopf geschnitzt.«

»Und das hier?« fragte Marlene, indem sie in dem Kasten wühlte.

»Das ist ein Affe.«

»Ist der aber schön!«

»Laß das! – Laß das! – Laß das!« ertönte plötzlich eine Stimme. Erschrocken warf Marlene die Schnitzerei, die sie in der Hand hielt, in den Kasten zurück.

Der alte Mann hatte die Worte nicht gesprochen, – es war auch nicht Resis Stimme gewesen.

»Laß das! – Laß das! –« tönte es schon wieder durchs Zimmer.

Die beiden Fipse machten ängstliche Augen. Der alte Mann aber verzog das faltige Gesicht wieder genau so wie vorhin und schnalzte mit der Zunge. – Da kamen zwei grüne Tierchen angeflogen, die setzten sich auf seine Schultern.

»Das sind meine kleinen Freunde, – meine lieben Wellensittiche.«

Sprachlos standen die beiden Stadtkinder da. Jetzt griff das Ahneli nach einem Stückchen Zwieback, nahm es in den Mund, drehte den Kopf zur Seite, und schon nahm ihm einer der Vögel das Stück aus dem Munde, um es langsam zu verspeisen.

»Oh – oh – oh – –« mehr konnte Marlene nicht sagen. Adele dagegen stieß einen Freudenschrei aus.

»Der Piepvogel frißt dir alles weg!«

Nun kam der zweite Vogel an die Reihe. Dann schnalzte der alte Mann wieder mit der Zunge und rief: »Was bin ich? – Was bin ich?«

»Das Ahneli, – das Ahneli – –« ertönte es doppelstimmig.

Marlene wagte nicht, sich zu rühren. Daß diese kleinen grünen Vögel sprechen konnten, war ihr ganz etwas Neues. Es war geradezu ängstlich.

»Sprechen kleine Vögel?«

Der Großvater gab ihr die Erklärung. Man könne Papageien und Wellensittichen Worte beibringen, könne sie so zahm machen, daß sie auf jeden Anruf kämen.

»Schaut einmal her, ihr kleinen Fipse, das Ahneli ist viel allein. Wenn es hier sitzt und schnitzt, ruft es seine beiden grünen Freunde und erzählt mit ihnen. Hier im Hause hat ein jeder seine Arbeit, da kann man sich nicht viel um so einen Altsitzer kümmern. Trotzdem habe ich es sehr gut. Es ist wohl kaum einer im Dorfe, der auf seinem Altenteil sitzt und so viele Freuden hat wie ich.«

Marlenes Augen gingen zu dem Lehnstuhl, auf dem ein weiches Kissen lag. Sie hätte gar gern gewußt, was das für ein besonderes Kissen war, auf dem das Ahneli saß. Aber die Vögel nahmen jetzt ihr ganzes Denken in Anspruch.

»Laß sie noch mal sprechen!«

»Rufe mal: pick – pick – pick – –«

Marlene tat es. Da kamen die beiden Wellensittiche angeschwirrt und wollten sich auf ihre Schulter setzen. Doch das Kind erschrak, schlug mit den Händen um sich und drückte sich in die Zimmerecke.

»Ich fürchte mich!«

»Dummkopf – Dummkopf –« riefen die Vöglein.

Marlene fühlte sich beschämt.

»Die Tierlein tun dir nichts«, sagte das Ahneli, »du hättest sie nicht fortscheuchen sollen. Nun werden sie nicht mehr zu dir kommen.« Wieder rief er nach den Wellensittichen, die sich auch sofort auf seine Schultern setzten.

»Wenn ihr wieder einmal zu mir kommt, ihr kleinen Fipse, habe ich die Vöglein gelehrt, euren Namen zu rufen.« Dabei wandte er sich den beiden Vöglein zu und sagte wohl zehnmal hintereinander: »Großer Fips – kleiner Fips.« Als Antwort kam aber nur: »Dummkopf – Dummkopf!«

»Was erzählst du mit den Vöglein?« fragte Marlene nach längerem Schweigen und nachdem sie ihren Schrecken überwunden hatte.

»Von den hohen Bergen, von den grünen Wäldern – –«

»Das Ahneli weiß schöne Geschichten«, mengte sich Resi wieder ein.

Adele holte einen kleinen Tritt, setzte sich zu den Füßen des alten Mannes nieder und bat:

»Nu' erzähle der Adele ein Märchen.«

»Sitzt du gut, Ahneli?« forschte Marlene.

»Freilich, sehr gut.«

»Ist das ein altes Kissen?«

Der Großvater verstand nicht. Erst als Marlene nach dem alten Sitz fragte, von dem das Ahneli vorhin gesprochen hatte, begann er laut zu lachen.

»Ach so, – weil ich ein Altsitzer bin – –«

»Und einen alten Teil hast – –«

»Ja, ja«, lachte der alte Mann, »das ist euch ganz neu, so was kennt ihr Stadtkinder nicht. Ihr wißt mit einem Altsitzer noch nichts anzufangen. Das braucht ihr auch nicht zu wissen. Ich bin für euch ein alter Mann, der in der Landwirtschaft nichts mehr tun kann, der nun von seinen Angehörigen verpflegt wird und für sein ganzes Leben hier sein Essen und Trinken bekommt. Das ist ein Altsitzer, und was man ihm gibt, heißt sein Altenteil. – Was wollt ihr nun von mir hören?«

»Ahneli, sag doch wieder so ein schönes Rätsel.«

»Ach ja, sage ein Rätsel«, rief auch Marlene, »ein Rätsel von den kleinen Pferdchen und den Ziegen, die so schön klingeln.«

Der Großvater überlegte ein Weilchen, dann begann er: »Auf unserer Wiese gehet was, watet durch die Sümpfe, hat ein schwarz-weiß Röcklein an – –«

»Das weiß ich schon«, unterbrach ihn Marlene, »das ist der Storch. Nu' sag rasch was anderes!«

»Gut«, sagte das Ahneli freundlich, »jetzt kommt ein anderes Rätsel. Weiß ist mein Gesicht, doch wenn ich meine Arbeit verricht', ist schwarz Gesicht, der Hals, die Hand. – Wer bin ich? Ich bin dir wohlbekannt!«

Marlene blickte nachdenklich zur Zimmerdecke hinauf. »Das ist auch der Storch.«

»Aber nein, großer Fips! Denke mal gut nach. Der Mann ist sonst weiß, aber wenn er seine Arbeit tut und in den Schornstein kriecht, na, wer ist das wohl?«

»Oh, das ist der Schornsteinfeger! Jetzt weiß ich es!«

»Gut geraten! – Nun kommt ein drittes Rätsel. Wenn ihr das auch raten könnt, schenkt euch das Ahneli einen Nußknacker. Aber dieses Rätsel ist sehr schwer.«

»Sag schnell, ich möchte so gerne einen so schönen Nußknacker!«

»Im Lenz erfreu' ich dich –«

Marlene stieß einen Freudenschrei aus. »Ich weiß, ich weiß, das ist unsere Waschfrau, Frau Lenß! Wir freuen uns immer, wenn die Wäsche im Garten zappelt!«

»Nein, nein, das ist nicht eure Waschfrau. Mein Rätsel ist noch lange nicht zu Ende! – Im Lenz erfreu' ich dich,– im Sommer kühl' ich dich, im Herbst ernähr' ich dich, – im Winter wärm' ich dich!«

»Das ist der gute Ofen«, rief der kleine Fips, »der ist immer warm.«

»Das ist die Mutti«, meinte Marlene. »Die Mutti nährt uns im Herbst, und im Winter zieht sie uns warme Kleider an.«

»Nein, es ist auch nicht deine Mutti.«

»Doch«, sagte Marlene energisch, »das ist meine Mutti, das macht sie. – So, und nu' gib mir den Nußknacker.«

»Nein, großer Fips, das Rätsel ist nicht richtig geraten.«

»Noch mal. – Im Lenz erfreu' ich dich –«

»Meine Mutter erfreut die Frau Lenß.«

»Im Sommer kühl' ich dich – –«

»Das ist doch die Mutti, – wenn ich heiß bin, wischt sie mich ab. Gib mir nun den Nußknacker!«

»Sei nicht gar so ungeduldig, kleines Mädchen.«

Marlene stampfte plötzlich mit dem Fuße auf. »Du alter Sitzer, gib mir den Nußknacker!«

»Dummkopf – Dummkopf«, tönte es da wieder durchs Zimmer.

Das nützte. Marlene sah ein, daß sie wieder unartig gewesen war.

»Wenn du doch so ein dummes Rätsel aufgibst, alter Sitzer, bin ich viel zu klein, um zu wissen, was du willst. – Gib mir wenigstens das eine Stück vom Nußknacker, – das mit dem Gesicht!«

»Ich werde euch die Lösung meines Rätsels sagen. Das sollt ihr dann eurer Mutter aufgeben. – Es ist der Baum.«

Verständnislos blickten die Kinder den alten Mann an. Resi schüttelte den Kopf. »Ahneli, das ist doch nicht richtig. Der Baum ernährt uns doch nicht, nur der Acker ernährt uns.«

»Im Lenz, also im Frühling erfreut uns der Baum durch seine wunderschönen Blüten. – Im Sommer, wenn es sehr heiß ist, sitzen wir gern in seinem Schatten, – im Herbst schenkt er uns seine Früchte, also er gibt uns Nahrung, und im Winter wird sein Holz in den Ofen gesteckt, da wird der Ofen schön warm. Also erwärmt er uns.«

Marlene schüttelte den Kopf. »Das ist aber kein schönes Rätsel, alter Sitzer. Mutti weiß viel schönere Sachen. – Schenkst du mir nu' den Nußknacker?«

»Ihr habt das dritte Rätsel nicht geraten, außerdem habe ich noch keinen Nußknacker vorrätig. Aber hier hast du ein kleines Männchen, das kannst du auf einen Flaschenkorken setzen. Das will ich dir schenken.«

»Ich will den Nußknacker«, rief Marlene weinerlich.

»Ein anderes Mal«, beruhigte sie der alte Mann gutmütig, »jetzt nimm das kleine Männchen.«

»Ich will aber kein kleines Männchen!«

»Adele will auch kein kleines Männchen«, wiederholte der kleine Fips.

»Dummkopf – Dummkopf«, tönte es schon wieder durchs Zimmer. Einer der Wellensittiche kam herbeigeflogen und setzte sich auf Adeles Kopf.

»Er frißt mir – er frißt mir!«

Der Vogel nahm jetzt eines ihrer goldigen Löckchen in seinen Schnabel und zog daran, flog aber rasch fort, als Adele nach ihm schlagen wollte. Eiligst trippelte sie zur Tür.

Auch Marlene lief hinter ihr her. Einmal fühlte sie, daß sie unartig gewesen war, zum anderen hatte sie Angst vor den beiden Vögeln. Wenn sie sprechen konnten, würden sie wahrscheinlich den Kindern ihr unartiges Betragen Vorhalten. Das wollte Marlene nicht hören.

»Begleite sie«, sagte das Ahneli, »sonst fallen sie über die Schwelle. Das Ahneli wird sich freuen, wenn ihr recht bald wiederkommt. Dann ist ein Nußknacker fertig, den ich euch gerne schenken will.«

Dann verließen die drei Kinder das Zimmer, doch Marlene sah sich nochmals scheu nach den beiden grünen Vögeln um. – Ob sie der Mutti wohl sagten, daß sie unartig gewesen war?

Goldköpfchen hatte das Fehlen der Kinder bald bemerkt, wurde aber von Frau Scharr sogleich beruhigt.

»Ich habe sie zu dritt ins Nachbarhaus gehen sehen. Sie werden drüben beim alten Großvater sein, der ihnen seine Schnitzarbeiten zeigen wird.«

Trotzdem schickte Frau Scharr hinüber und erhielt den Bescheid, daß die Kinder beim Ahneli wären. So konnte Goldköpfchen beruhigt alle Vorbereitungen zum Abendessen treffen. Sie bereitete es selbst. Das Mittagessen wurde im Gasthaus »Zur Post« eingenommen, das Frühstück bekam man von Frau Scharr. Auf diese Weise hatte Goldköpfchen nur wenig Arbeit und konnte selbst ihrer Erholung leben.

Es dauerte nicht mehr lange, da stürmten die beiden Fipse heran. Marlene hielt die Heupuppe im Arm, ihr eigenes Puppenkind hatte sie Resi zum Spielen überlassen.

»Mutti, ich habe grüne Vögel gesehen, die sprechen können. – Mutti, können Ziegen auch sprechen?«

»Mutti, sie haben mich geziept an die Haare.«

»Mutti, – er macht Nußknacker, der alte Sitzer! – Mutti, ich weiß ein schönes Rätsel. – Mutti, schenkst du mir einen Bonbon, wenn du alle Rätsel ratest?«

»Da müßte ich doch einen Bonbon bekommen, großer Fips!«

»Horch mal zu, Mutti – Es ist einer – – ein Schornfeger mit einem schwarzen Gesicht und – und – Mutti, wenn er arbeitet, Mutti, kennst du ihn? – Was ist das für ein Mann?«

»Ein Schornsteinfeger. – Was soll ich denn nun raten?«

Marlene überlegte ein Weilchen. »Ja«, sagte sie nachdenklich, »so war das Rätsel. – So, und nu' kommt was anderes. – Du, Mutti, das ist aber schwer!«

»Dann los!«

Marlene steckte den Finger in den Mund und grübelte. »Mutti, es war was von unserer Waschfrau. – Was ist das? Im Herbst gebe ich dir meine Früchte zu essen, und dann bin ich warm, aber erst im Winter.«

»Das weiß ich nicht, Marlene.«

»Mutti, das ist die Waschfrau, die Frau Lenß. – Nein, Mutti, das war ja falsch. – Ach, ich weiß nicht mehr, wie es gewesen ist. Aber der alte Sitzer meinte, es ist der Baum.«

»Wer sagte das?«

»Nu – der Mann dort drüben, der alte Sitzer, der die Nußknacker aus Holz schneidet, mit einem Messer. Er sitzt auf einem Kissen in einem Stuhl, auf einem alten Teil. Er sagt, wenn man nichts mehr im Garten arbeiten kann und andere Leute geben ihm was zu essen, dann sitzt er auf seinem alten Teil. – Mutti, der Vati arbeitet doch auch nicht im Garten. Sitzt der auch auf einem alten Teil?«

Goldköpfchen begann zu lachen. Eben wollte sie Marlene eine Erklärung geben, als man das erste Läuten der heimkommenden Kühe hörte.

»Es bimmelt, Mutti, es bimmelt«, schrie Adele voller Begeisterung.

»Die lieben Kühe kommen an«, sagte Marlene, »Mutti, nu' müssen wir ganz schnell raus!«

»Freilich, das müssen wir sehen. Die Mutti nimmt auch Salz für die Ziegen mit ...«

»Und für die braune liebe Kuh auch Salz. – Für die liebe Kuh, die uns Milch gibt. – Mutti, kommt die weiße Milch von der Kuh mit den weißen Flecken?«

»Ja, ich glaube es.«

»Dann schenke ich der Kuh meinen Bonbon. Aber jetzt komm schnell, es bimmelt schon viel doller!«

Goldköpfchen ging mit den Kindern hinunter und trat durch den Vorgarten hinaus auf die Straße. Die beiden Fipse klammerten sich auch heute wieder ängstlich an ihren Rock. Und wieder lösten sich die drei Kühe aus der Herde und schlugen den Weg nach dem Stalle hinter dem Scharrschen Hause ein. Goldköpfchen trat an eine der Kühe heran und strich ihr über das blanke Fell. Ängstlich schauten die Kinder zu. Da die Kuh ganz ruhig stehenblieb, wagte sich Marlene einen Schritt vor und streckte zögernd die Hand mit Resis Puppe nach der Kuh aus. Die roch sofort das duftende Heu, glaubte, das kleine Mädchen reiche ihr Futter und streckte den Kopf weiter vor. Entsetzt ließ Marlene das Puppenkind zu Boden fallen. Goldköpfchen hatte den kleinen Fips auf den Arm genommen und ließ ihn, der sich sicher und geborgen fühlte, den Rücken der zweiten Kuh streicheln. So achtete Goldköpfchen nicht auf Marlene, die wie versteinert dastand und zusah, wie die Kuh auf das Puppenkind trat, den Kopf zur Erde beugte und an dem einen Arm, aus dem das Heu herauskam, zu fressen begann.

»Sie – sie – frißt – das Puppenkind!« Marlene wollte schreien, doch kein Ton kam über ihre Lippen. Sie mußte immerfort hinsehen, wie die Kuh gemächlich das Heu herauszog, denn der dünne Stoffüberzug, der das Heu umschloß, war sehr rasch zerrissen. Adele streichelte indessen jauchzend die zweite Kuh.

»Du – – du Biest –«, flüsterte Marlene leise vor Schreck. »Mutti – Mutti – –«

»Was hast du, großer Fips?«

Schweigend wies Marlene auf das angefressene Puppenkind. Gerade zog die Kuh das Heu aus dem Leibe von Resis Puppe. Goldköpfchen wagte nicht, die Puppe der Kuh zu entreißen. Außerdem war solch ein Puppenkind rasch wieder hergestellt. Auch hatte sich Goldköpfchen bereits vorgenommen, Mali und Resi richtige Puppen zu schenken.

»Warum hast du die fremde Puppe der Kuh hingeworfen?«

»Ich hab' sie nicht geworfen, – sie ist mir weggerutscht. – Ach, Mutti, nu' frißt sie Resis Kind auf!«

Da kam Mali herbei, um die Stalltür zu öffnen. Sie lachte hell auf, als sie die zerfressene Puppe sah. Furchtlos nahm sie die Reste der Kuh fort und ließ die Tiere in den Stall gehen.

Marlene sah das zerstörte Puppenkind an und begann zu weinen. »Mutti, jetzt muß Vati kommen. Schau, hier hängt ihr der Blinddarm heraus, und die Lunge ist angegriffen. – Mutti, was machen wir da?«

»Die Mutti macht der Resi ein neues Puppenkind, damit Resi nicht zu weinen braucht.«

»Das Biest, – das Biest«, rief Marlene und drohte der Kuh hinter der bereits geschlossenen Stalltür. »Na, wenn ich die böse Kuh mal allein sehe, – na, die kriegt aber 'ne Tracht!«

Dann folgten die beiden Fipse der Mutter ins Haus.

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