Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Magda Trott >

Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180904
projectidafc25d64
Schließen

Navigation:

Überall Neues

Goldköpfchen hatte für den Aufenthalt in dem kleinen Gebirgsorte kein Gasthaus, sondern ein hübsches Bauernhaus gewählt. Es war ein stattliches Anwesen, das einen größeren Vorgarten aufwies, in dem Sommerblumen in üppiger Pracht blühten. Um das Holzhaus führte im ersten Stockwerk eine breite Veranda. Von ihrem Zimmer aus konnte Goldköpfchen auf diese Veranda hinausgehen. Dort hatte sie einen herrlichen Blick auf Wiesen und Wälder, aber auch auf die hohen Berge des Pinzgaus. Da die Brüstung der Veranda hoch war, bestand keine Gefahr, daß die beiden Fipse hinunterfallen könnten. Trotzdem schärfte die besorgte Mutter beiden Kindern bereits am ersten Tage des Aufenthaltes ein, nicht herumzuklettern, die Veranda überhaupt nur in Begleitung der Mutter zu betreten.

Es war ein großes dreifenstriges Zimmer, das Goldköpfchen gemietet hatte. Neugierig hatten die beiden Kleinen bei der Ankunft alles betrachtet. Hier gab es so vieles, das anders war wie daheim. Keine Tapeten an den Wänden, alles mit hellem Holz verkleidet. Auch die Möbel im Zimmer waren ohne Polsterung. Selbst die Stühle sahen anders aus als die in Heidenau.

»Das ist eben Pinzau«, sagte Marlene altklug, »hier ist alles anders, aber hier ist es schön! Morgen gehen wir dort auf den hohen Berg. Guck mal, Mutti, ich stelle mich ganz auf die Spitze, und dann brülle ich laut!«

»Ich glaube, auf diesen hohen Berg werden wir nicht hinaufkommen, kleine Marlene.«

»Ich nehme dich an der Hand, Mutti, dann gehen wir los. Ich möchte so gerne auf die Spitze von dem hohen Berg!«

Goldköpfchen ließ sich auf eine weitere Unterhaltung nicht mehr ein. Die Kleinen waren von der weiten Reise ermüdet. Sie wurden zu Bett gebracht, obwohl sie sich dagegen wehrten. Sie wollten erst all das Neue sehen, das sich ihren Blicken bot, und stellten ungezählte Fragen, die Goldköpfchen jedoch nicht mehr beantwortete, sondern nur noch ans Schlafen erinnerte. Die Kinder hatten es dringend nötig, zur Ruhe zu kommen.

»Erzählst du uns morgen mehr? Gehen wir morgen zu dem hohen Berge?«

»Morgen werdet ihr so viel Neues sehen, daß ihr kein Verlangen habt, einen so weiten Weg zu machen.«

Goldköpfchen wartete, bis die Kinder fest schliefen, dann trat sie hinaus auf die Veranda, um die herrliche Gebirgsgegend im Abendglanz zu betrachten. Hier mußten die Kinder gesund werden. Die Kleinen würden gekräftigt heimfahren, und die Reise, die ihr recht schwer geworden, hatte dann ihren Zweck erfüllt. Bergführer Scharr und seine Familie, bei denen man wohnte, schienen gutherzige Menschen zu sein; alles war genau nach Goldköpfchens Wünschen hergerichtet worden. Freundlich nickte die blonde Mutter den unten vor der Haustür sitzenden Leuten zu.

»Sie haben auch ein kleines Mädchen?«

»So klein wie Ihre Kinder ist unsere Mali freilich nicht. Sie ist schon neun Jahre alt.«

»Sag mir einmal, kleine Mali, weißt du auch, wie dort drüben der Berg heißt?« Goldköpfchen wies auf einen der Bergriesen, der spitz in den Himmel stach und der Marlene so verlockend dünkte.

Mali steckte den Finger in den Mund und verkroch sich hinter der Mutter. An ihrer Stelle gab Bergführer Scharr Auskunft.

»Wenn Sie hier bei uns sind, müssen Sie natürlich die wichtigsten Berge der Gegend kennen. Der spitze dort drüben ist der Pihapper, er ist 2500 Meter hoch. – Dort drüben der Gaisstein, nicht ganz so hoch, aber seine 2300 Meter hat er auch. Und der da drüben, das ist ein gar schlimmer Bursche. Hat er eine Mütze auf, so wissen wir, das schlechtes Wetter im Anzuge ist. Ein übler Berg! – Und dort, das ist der Paß Thurn, der hinüber nach Kitzbühel führt. Sie müßten einmal mit den Kindern eine Autofahrt über den Paß machen. Es ist sehr lohnend. Von dort oben sehen Sie dann den höchsten Berg unseres Tales, den Großvenediger, der nie ohne Eis und Schnee ist.«

Goldköpfchen bedankte sich für die freundliche Auskunft. Es war gut, wenn sie sich über die Namen der Berge unterrichtete. Die Kleinen würden morgen gewiß nach den Namen fragen. So unterhielt sie sich noch ein Weilchen mit den freundlichen Tirolern, dann hatte sie auch das Bedürfnis, zur Ruhe zu gehen. Rasch wurde noch eine kurze Nachricht nach Heidenau gegeben, dann war für Bärbel der beschwerliche Tag zu Ende.

In der Frühe des anderen Morgens standen vor dem Hause Scharrs zwei Mädchen. Es waren die neunjährige Mali und die kleine Resi, die aus dem Hause gegenüber stammte.

»Eine Frau mit zwei Kindern wohnt bei uns«, sagte Mali. »Die Kinder sind ganz anders, das sind Fipse.«

»Fipse?« fragte Resi erstaunt. »Was sind denn Fipse?«

»Ihre Mutter sagt, sie habe zwei Fipse. Der eine Fips, der kleine Fips, ist vielleicht gar kein Mädchen.«

»Ein Junge?«

»Nein, – das ist vielleicht ein kleiner Engel. Der kleine Fips hat genau so ein Gesicht wie der Engel auf meinem Bilde. – Der kleine Fips ist ein sehr schöner Fips.«

Resi schaute hinauf zur Veranda. Dort zeigte sich noch niemand.

»Ich möchte den kleinen Engel gern sehen und auch den anderen Fips. Haben sie Gesichter wie wir?«

»Ja, – die haben sie. Aber sie haben Ringellocken, und wir haben ganz gerade Haare.«

In diesem Augenblick ertönte von ferne her dumpfes Läuten. Die Kühe des Ortes begannen sich zu versammeln. Aus jedem Anwesen kamen zwei oder drei Tiere heraus, eine jede trug eine Glocke am Halse, die einen helleren oder dumpferen Ton gab.

Dieses Läuten weckte Marlene und Adele aus dem Schlafe. Die Töne waren ihnen neu. Sie setzten sich in ihren Betten auf, und als sie merkten, daß die Mutter bereits aufgestanden war und leise im Zimmer umherging, riefen sie:

»Horch, – es bimmelt!«

»Mutti, was bimmelt denn?«

»Das weiß ich selbst nicht, Kinder. Ich will einmal nachsehen.« Goldköpfchen öffnete die Verandatür. Da sah sie die Kühe, die aus den oberen Gehöften gemächlich herunter zur Dorfstraße geschritten kamen. Auch von drüben her kam eine braun-weiße Kuh, die lautes Brüllen hören ließ.

»Mutti – –« Im nächsten Augenblick standen die beiden Kinder neben ihr. »Mutti, es brüllt!«

»Rasch ins Zimmer zurück und die Schuhe angezogen.« Goldköpfchen half den Kleinen in die Mäntel und zog ihnen rasch die Morgenschuhe an die Füße. Sie wollte den Kleinen die sich versammelnden Kühe zeigen.

»Kühe werden auf die Weide getrieben, sie scheinen auf noch andere zu warten, die aus dem hinteren Dorfe kommen. Ich glaube, ihr werdet jetzt viele Kühe sehen.«

»Mutti, dort bimmelt auch wieder eine – und dort kommt noch eine!«

»Mutti, sie kommt ganz alleine!«

»Dort kommen zwei – –«

Goldköpfchen wurde von den Kindern hin- und hergezogen. Die Kleinen waren in großer Aufregung.

»Alle bimmeln, Mutti! – Warum bimmeln sie?«

»Damit man sie hört, wenn sie weit fortgegangen sind. Dann findet sie der Hirte leichter.«

»Mutti, häng mir doch so 'ne Bimmel um, dann kann ich auch fortlaufen. – Sieh mal, da kommt eine ganz große dicke! – Mutti, sieh mal, wie sie springt. – Ach, ist das fein!«

Doch es wurde noch viel schöner. Aus dem ganzen Dorfe kamen die Kühe zusammen; schließlich war es eine Herde von fünfzig bis sechzig Stück. In langsamem Schritt bewegten sich die prächtigen Tiere fort, das Läuten ihrer Glocken wollte kein Ende nehmen.

»Gehen sie ganz allein?«

»Ich glaube – nein. Ich weiß es nicht.«

»Mutti, warum weißt du das nicht? – Mutti, wenn die Kühe ganz allein gehen, dann sind wohl große alte Kühe dabei, die sich nicht mehr verlaufen?«

Aber da kam auch schon langsamen Schrittes ein alter Mann gegangen. Der trug keinen Stock, auch keine Gerte, er hielt in den Händen einen Strickstrumpf und strickte emsig.

»Das ist der Hirte«, sagte Goldköpfchen und blickte selbst verwundert auf den hageren alten Mann, der so fleißig arbeitete. Das hatte sie selbst noch nicht gesehen, daß ein Mann, ohne auf Weg und Steg zu achten, fleißig an einem Wollstrumpf strickte.

»Mutti, was macht er?«

»Er strickt einen Strumpf.«

Marlene brach in helles Lachen aus. »Mutti, ist das ein Mann oder eine Frau?«

»Das ist der Hirte, – ein Mann.«

»Aber, Mutti, ein Mann strickt doch nicht?«

»Das scheint hier Sitte zu sein, Marlene.«

»Die Kühe sollen hierbleiben, ich möchte sie noch sehen!«

Jetzt wurde feines, helles Geläut hörbar. Marlene und Adele schrien vor Begeisterung laut auf.

»Kleine Kühe«, rief Adele, »Mutti, da kommen kleine Kühe angelaufen.«

»Mutti, kleine Ziegen, – sieh doch – Mutti – Mutti!«

»Kinder, ihr zerreißt mir ja den Rock!«

Ein Dutzend weißer und brauner Ziegen kam angelaufen, eine jede trug ein kleines Glöckchen am Halse, das hell und lustig klingelte.

»Mutti – Mutti – Mutti – –«, etwas anderes brachten die beiden Fipse vor Begeisterung nicht hervor. So viele Ziegen, die frei umhersprangen, hatten die Kinder noch nie gesehen. Andauernd wiederholte sich der erregte Ausruf: »Mutti, sieh nur – Mutti – – Mutti – sieh nur!«

Es war wirklich ein gar reizender Anblick. Mit possierlichen Sprüngen eilten die Ziegen hinter den Kühen her, einige blieben hier und da stehen und schauten forschend zu den Menschen hinüber. Ein weißes Zicklein kam auf die beiden Mädchen zu, die unten vor dem Hause standen.

»Geh nur, geh«, sagte Mali, »ich habe kein Salz. Wenn du heimkommst, kriegst du was.«

Die Ziege leckte die Hand Malis und wollte nicht weitergehen. Mali schob das Tier von sich. »Geh nur, geh!«

In atemlosem Staunen verfolgten die beiden Fipse das Benehmen des Zickleins. Es wollte nicht fortgehen. Da nahm Mali es am Halsband und führte es gewaltsam zu den anderen Ziegen hinüber. Wieder stieß Adele zitternd vor Erregung hervor:

»Mutti, komm schnell zu den Ziegen!«

»Jetzt werdet ihr erst angezogen.«

»Mutti, laß mich doch zu den Ziegen!«

»Sie gehen jetzt auf die Weide.«

»Adele will mit auf die Weide!«

Goldköpfchen mußte energisch werden, um die Kinder zurück ins Zimmer zu holen. Sie hofften, daß nochmals ein Trupp Kühe oder Ziegen kommen würde. Als dann vom Kirchturm her Glockenschläge ertönten, eilten die beiden Fipse erneut hinaus auf die Veranda und schrien:

»Mutti, nu kommen noch mehr Kühe!«

Das Anziehen ging heute recht langsam. Bei dem kleinsten Geräusch liefen die Kleinen davon, in der Hoffnung, wieder neue Tiere zu sehen.

»Mutti, bimmeln die kleinen Pferdchen auch?«

»Nein, – – sie bleiben artig bei ihrer Mutter.«

»Sind da auch so viele? Sind sie weiß wie die Zicklein oder so wie die Kühe?«

»Das werden wir nachher alles sehen. Wir machen nachher einen schönen Spaziergang und sehen uns die jungen Pferdchen an.«

»Adele will auf die Wiese zu den kleinen Ziegen!«

Als Frau Scharr ins Zimmer kam, um zu melden, daß sie unten im Garten den Frühstückstisch gedeckt habe, war alle Scheu der Kleinen gewichen. Sie wurde mit Fragen bestürmt. Die beiden Fipse wollten wissen, wo jetzt die vielen Kühe und Ziegen seien, ob sie kleine Pferdchen sehen würden und anderes mehr.

»Wir haben auch zwei Ziegen, drei Kühe und ein großes und ein kleines Pferd. Aber jetzt sind die Ställe leer. Die Tiere sind mit dem Hirten zur Weide gegangen.«

Das Fragen wollte kein Ende nehmen. Frau Scharr versprach den Kindern, nachher die Ställe zu zeigen; abends könnten sie dann auch die Tiere sehen.

»Beißt die Ziege?« fragte Marlene.

»Nein, sie tut dir nichts, und auch die Kühe sind fromm. Aber ohne eure Mutti sollt ihr nicht zu ihnen gehen.«

Goldköpfchen schwirrte der Kopf vor all den Fragen, die während des Frühstücks an sie gerichtet wurden. Sie konnte viele davon nicht beantworten, war ihr doch selbst manches neu.

»Mutti, steht dort oben auf der Spitze von dem hohen Berg eine Ziege, frißt sie dort oben Gras?«

»Nein, mein Kind, dort oben ist kein Gras mehr, dort oben gibt es nur Steine.«

»Dann leckt sie an den Steinen? Wir lecken auch an den Steinen. – Mutti, was will die Ziege da oben?«

»Dort oben gibt es keine Ziegen.«

»Aber wenn die Ziege nu' doch mal da 'rauf geht, – was will sie dort?«

»Frage nicht beständig, großer Fips.«

»Dann frage du, kleiner Fips«, flüsterte Marlene der Schwester zu. »Frage die Mutti, was die Ziege dort oben will.«

»Mutti, was will die Ziege – –«

Goldköpfchen seufzte. »Sie will von oben herunterschauen.«

»Mutti, da wollen wir auch von oben 'runterschauen. – Mutti, ich bin nu' satt. – Nu' komm, wir wollen gehen und vom Berge 'runterschauen.«

»Ihr könnt doch unmöglich hinauf zum Pihapper gehen! Er ist viel zu hoch.«

Mit zusammengekniffenen Augen blickte Marlene die Mutti an. »Wo wollen wir hin?«

»Der Berg dort drüben heißt der Pihapper.«

Die beiden Fipse lachten auf. »Der Berg ist ein Pi – Papper!«

»Ein Pappa – – ein Pappa«, jubelte Adele. »Mutti, komm doch zum Pappa!«

Goldköpfchen bemerkte jetzt die beiden Pinzgauer Kinder, die hinter dem Gebüsch standen und neugierig zu dem Tisch hinübersahen.

»Kleine Mali, komm doch einmal her. – Und wer ist denn das da?« Aber weder Mali noch Resi rührten sich. Resi betrachtete forschend die beiden Fipse.

»Sind das die Fipse?« fragte sie leise.

»Ja«, klang es ebenso leise zurück. »Die da ist der große Fips und die da – –«

»Die ist ein Engelchen«, sagte Resi fromm.

»Ihre Mutter sagt, das ist der kleine Fips.«

»Der kleine Fips ist aber schön«, flüsterte Resi bewundernd.

Aufs neue rief Goldköpfchen die Kinder an, aber weder Mali noch Resi kamen. Scheu liefen sie davon.

Es blieb Goldköpfchen keine Zeit, alles auszupacken. Schnell wurde nur das Wichtigste in Schrank und Kommode gelegt, denn die kleinen Kinder trippelten von einem Fuß auf den anderen. Ununterbrochen erklang ihre Frage:

»Mutti, bist du bald fertig? Kommst du nun mit uns auf den Berg zu den Ziegen und den kleinen Pferdchen?«

Schließlich war Goldköpfchen fertig.

»Jetzt nehme ich je einen Fips an meine rechte und linke Hand«, sagte die Mutter, »und dann gehen wir artig die Straße entlang.«

»O ja! – Wir gehen mit unserer Mutti auf der Straße, und der Mann mit dem Strumpf geht mit seinen Kühen auf der Straße.«

Aber schon nach den ersten fünf Minuten blieben die Kleinen stehen.

»Mutti, – ein Wagen mit 'ner Kuh! – Mutti, sieh doch mal!«

Tatsächlich kam eine Kuh langsam dahergegangen, die einen Wagen, mit Grünfutter beladen, hinter sich herzog. Daß eine Kuh angespannt war und einen Wagen zog, war den beiden Fipsen ganz etwas Neues. Sie starrten dem Gefährt so lange nach, bis es um die nächste Wegbiegung verschwunden war.

Da gab es schon wieder Neues zu sehen.

»Mutti, der arme Mann hat nur 'ne ganz kleine Hose an. Sieh doch, Mutti – –«

Es war ein Einheimischer, der in der Gebirgstracht einhergeschritten kam. Die kurze Lederhose ließ die Knie frei, kurze Strümpfe und derbe Nagelschuhe vervollständigten den Anzug.

»Ruf nicht so laut, Marlene.«

Der große Fips starrte den Näherkommenden an.

»Hat er keine andere Hose? Ist sie ihm zu klein geworden?«

»Die Leute in Tirol kleiden sich so, mein Kind.«

»Warum, Mutti?«

»Ihr habt ja auch bloße Beinchen. Bei den Pinzgauern ist das auch so.«

»Mutti, da bin ich auch ein Pinzauer«, sagte Marlene strahlend und wies auf ihre Wadenstrümpfe und die bloßen Knie. »Ich bin ein Pinzauer Fips!«

»Bin auch ein Pinzauer Fips«, ergänzte Adele.

Man hatte den kleinen Ort hinter sich, rechts und links dehnten sich prachtvolle grüne Wiesen aus, die von einfachen Holzzäunen umgeben waren. Dann sahen die Kinder das erste Mutterpferd mit seinem Kleinen. Auch Goldköpfchen hatte ein so junges Tierchen noch nicht gesehen. Es konnte höchstens einige Tage alt sein. Es stand recht unsicher auf seinen langen Beinen.

»Mutti, jetzt sehen wir ein kleines Pferdchen. – Wo sind aber die anderen?«

»Weiter hinten siehst du noch eins!« Goldköpfchen zeigte auf eine andere Wiese, auf der sich ein altes und ein junges Tier tummelten.

»Adele will zum kleinen Pferdchen, es streicheln.«

»Mutti, sieh doch, es hat auch zerbrochene Beine, – sie stehen ganz schief!«

»Das ist bei ganz jungen Pferden immer so«, erklärte die Mutter. »Das Tier hält seine Beine steif, denn ihm wird das Laufen noch schwer.«

»Kann es umfallen?«

»Nein, – es steht auf seinen vier Füßen ganz sicher.«

Es dauerte ein Weilchen, bis Goldköpfchen mit den beiden Kindern weitergehen konnte. Wieder kamen sie zu einem Mutterpferd. Das junge Tier, das sich hier den Augen der Kinder zeigte, schien schon älter zu sein. Es sprang nicht mehr so ungeschickt umher wie das Tierchen, das man soeben verlassen hatte. Immer wieder drängte sich das Fohlen an seine Mutter heran. Plötzlich begann Marlene laut aufzuschreien, Tränen liefen ihr aus den Augen.

»Du biestisches Biest«, rief sie erregt und bückte sich, um einen Stein aufzuheben. »Mutti, das Biest hat ihr Kindchen mit dem Schnabel gestoßen. – Sieh mal, es hat gewackelt –«

»Wirst du sofort den Stein wieder hinlegen, Marlene? Man wirft nicht nach Tieren.«

»Mutti – Mutti – –« Marlene schrie laut auf. Sie verstand das Spielen der Tiere ganz falsch. Die Stute hatte wieder das Fohlen in die Seite gestoßen, vor Freude warf sich das Jungtier auf die Erde und streckte seine vier Beine in die Luft.

»Mutti – nu' hat sie es umgeschmissen!« Marlene weinte laut auf.

»Sie spielen nur zusammen!«

»Du Biest – – du Biest – – du Biest – –« schrie Marlene immer lauter und drohte der Stute mit ihren kleinen Fäusten.

»Aber Kind, sie spielen doch nur!«

»Wenn ich – – wenn ich mit Adele spiele, und ich schmeiß' sie um – –« stieß Marlene noch immer schluchzend hervor, »kriege ich Prügel – und dabei spiele ich auch nur. – Du Biest – – du Biest – –«

Das Fohlen kollerte auf der Wiese bald nach rechts, bald nach links, dann sprang es wieder auf und näherte sich erneut seiner Mutter.

»Geh nicht hin – – geh nicht hin –« rief Marlene erregt, »sonst schmeißt sie dich wieder um!«

Auch jetzt dauerte es wieder lange, bis Goldköpfchen der erregten Kleinen klargemacht hatte, daß Tiere derart spielen, daß es dem Fohlen Freude mache, sich auf der Erde wälzen zu können. Schreckhaft zuckte der große Fips zusammen, als sich dann gar auch das alte Pferd niederließ und auf dem Rücken wälzte.

»Was hat es? Beißt es was?«

»Nein, Marlene, das ist Freude und Behagen.«

Da nahm sich Marlene vor, in Zukunft, wenn sie sich wieder einmal sehr freuen würde, es den Pferden gleich zu tun und sich behaglich auf dem Rücken zu wälzen.

Die Kleinen wollten noch weiter laufen, bis hin zu dem spitzen Berge, doch Goldköpfchen wehrte ab.

»Für heute ist es genug, wir müssen jetzt heimgehen. Dann wird gegessen, nach dem Essen wird geschlafen, und dann gehen wir wieder hinaus. Am Abend sind wir dann daheim, damit wir sehen, wie die Kühe und die Ziegen heimkommen. Jede Kuh geht allein in ihren Stall. Sie findet den Weg.«

Marlene schüttelte ungläubig den Kopf. »Nee, Mutti, das glaube ich nicht, man wird ihnen doch winken müssen.«

»Du wirst es ja sehen, Marlene.«

Es war nicht so einfach, die Kinder nach dem Mittagessen zum Schlafen zu bewegen. Bei jedem Geräusch glaubten sie die heimkehrenden Kühe zu hören, und Goldköpfchen mußte ein sehr energisches Wort reden, damit sich die Plappermäuler schlossen. Sie selbst lag später auf der Veranda in einem Liegestuhl und genoß die Stille und die kräftige Alpenluft.

»So gut habe ich es lange nicht gehabt. Ich brauche nur an meine Erholung zu denken. – Wie wird es meinen Kindern daheim ergehen?«

Am Nachmittag machte sie mit den Fipsen einen Waldspaziergang und stieg dabei auch ein wenig bergan. Marlene fragte, ob man nun bald oben auf der Spitze wäre.

»O nein«, lachte Goldköpfchen, »da müßten wir noch hundertmal soviel steigen.«

»Da steigen wir«, meinte Marlene. Als dann aber ein gefällter Baum am Wege lag, setzte sie sich als erste darauf und sagte bittend:

»Wollen uns mal ein bißchen ausruhen!«

Schließlich drängten die Kinder zur Heimkehr. Sie wollten die Kühe nicht verpassen. Nun standen sie im Vorgarten des Hauses und warteten. Mali und Resi näherten sich ihnen scheu.

»Bist du ein Fips?« fragte Resi.

»Ja«, erwiderte Marlene, »ich bin der große Fips, – ich bin jetzt ein Pinzauer Fips mit nackten Knien.«

»Ich bin der kleine Fips!« rief Adele.

»Kommen bald die Kühe und die Ziegen?« forschte Marlene.

Aber es dauerte noch ein Weilchen, bis man aus der Ferne das Läuten der heimkehrenden Herde vernahm. Marlene glühte vor Erregung. Jetzt würden die vielen Kühe kommen und hinterher wahrscheinlich auch die lieben kleinen Ziegen. – Wie würde das schön sein!

Richtig, da kamen sie schon. Am Ende der Straße bog eine Kuh ab und stieg einen schmalen Weg empor, hin zu dem Hause, das am Berghange lag. Eine zweite folgte ihr. Eine dritte Kuh bog allein nach rechts ab. Die Augen der Kinder wurden immer größer.

»Ruft sie keiner?« fragte Marlene.

»Nein, sie kennen ihren Weg«, antwortete Resi.

»Kommen sie auch allein in unser Haus?«

»Ja!«

Und wirklich, – kaum hatten die Kühe das Haus des Bergführers Scharr erreicht, da lösten sich abermals drei Kühe von der Herde. Langsam schritten sie an den Kindern vorbei und dem Stalle zu. Da die Stalltür noch geschlossen war, blieben sie davor stehen und brummten leise.

Die beiden Fipse wagten kaum zu atmen. So etwas Seltsames hatten sie noch nie gesehen. Sie staunten auch Mali an, die zwischen den Kühen hindurchging und die Stalltür öffnete. Bald waren die Tiere verschwunden.

Kurz darauf kamen die Ziegen angesprungen.

»Ich habe Salz in der Hand«, sagte Mali, »nun paß mal auf, wie sie sich darüber freuen.«

Die beiden Ziegen umdrängten die Kinder, stießen mit den Köpfen nach ihnen und meckerten laut. Die Fipse verkrochen sich rasch hinter der Mutter, sie hatten Angst, kamen aber bald wieder hervor, als sie sahen, wie die Tiere gierig das Salz schleckten.

»Willst du ihnen auch Salz geben?« fragte Mali.

»Adele will«, rief der kleine Fips.

Mali streute ein wenig Salz in die Hand der Kleinen. Als aber die Ziege herankam, lief Adele laut schreiend davon, die Ziege hinter ihr her.

»Mutti, sie beißt mich, – Mutti – –« .

»Sie tut dir nichts!«

Die Ziege hatte das Salz in der Hand des Kindes bemerkt und drängte sich immer wieder an Adele heran, obwohl Goldköpfchen schützend ihre Arme um die Kleine legte.

»Sie frißt mir! – – Mutti, sie frißt mir – –«

Mali zog die Ziege von Adele fort. Als sich Goldköpfchen dann nach dem großen Fips umsah, erblickte sie Marlene. Das Kind war voller Angst eine Leiter hinaufgestiegen, die am Stall lehnte.

»Marlene, was machst du?«

Die Kleine saß sehr verängstigt auf der Leiter und hielt sich fest. Erst als die Ziegen im Stall waren, war es Goldköpfchen möglich, das verängstigte Kind herunter zu holen. Stürmisch verlangten die Kinder ins Zimmer zu gehen, ihre Angst vor den Ziegen war zu groß.

Oben beruhigten sie sich dann schnell und drohten durch die Lücken im Fußboden der Veranda nach unten.

»So ein Biest«, rief Marlene, »na, warte nur, wenn ich dich kriege!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.