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Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse

Magda Trott: Goldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Kinder: Die beiden Fipse
publisherPaul Franke Verlag
year0.J.
firstpub1939
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180904
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Wir fahren in die Welt!

Nun war es soweit. Das Auto stand mit den Koffern beladen vor der Tür des Doktorhauses. Doktor Kirschner wollte seine Frau und seine beiden Kinder von Heidenau bis nach Dresden bringen, damit sie dort den Schnellzug erreichten, der sie über München ins Land Tirol führen sollte. Es wurde von den älteren Kindern sehr bedauert, daß sie die geliebte Mutti nicht begleiten konnten, doch mußten sie in die Schule gehen, und so hatten sie sich früh etwa zehnmal verabschiedet. Erna und Fritz erklärten offen, sie möchten eigentlich auch gerne Fipse sein, um mit der Mutti fortfahren zu können.

Seit Tagen sang Marlene dasselbe Lied:

»Aus grauer Städte Mauern
Ziehn wir durch Wald und Feld.
Wer hier bleibt, muß versauern,
Wir fahren durch die Welt.
Halli, hallo, wir fahren, wir fahren durch die Welt.«

Auch Adele stimmte mit in den Gesang ein und krähte lustig:

»Wer hier bleibt, muß versauern
Wir fahren in die Welt.«

Im Hause gab es noch viel Hin- und Herlaufen; Goldköpfchen traf die letzten Anordnungen. Es wurde ihr nicht leicht, für vier Wochen Haus und Kinder zu verlassen, aber es mußte sein. Die Hauptsache war, daß Marlene und Adele gekräftigt zurückkamen.

Frau Leuschner setzte Adele die Mütze auf das Blondhaar. »Und nun sei recht artig, Adele! Immer hübsch folgsam, sei ein braves Kind. Willst du rasch noch einmal verschwinden?«

»Ich bin schon spazierengegangen, Frau Leuschner«, sagte Marlene, »ich brauche nicht mehr.«

»Adele will auch nicht spazierengehen, sie ist spazierengegangen.«

»Dann ist es gut«, sagte Frau Leuschner. Die Kinder gebrauchten von jeher diese Redewendung, man wußte ja, was sie wollten, wenn sie verlangten spazierenzugehen.

»Nun aber los«, drängte der Vater, »der Zug in Dresden wartet nicht auf uns!«

»Wir fahren, wir fahren in die Welt«, sang Marlene, »wir fahren nach Pinzau zu den kleinen Pferdchen und zu den Ziegen, die Salz fressen.« Dabei drückte sie die große Puppe, die die Reise unbedingt mitmachen mußte, fester in den Arm.

»Hier, Adele, ist deine Puppe«, sagte Frau Leuschner, »du wolltest sie doch auch mitnehmen.«

Adele schüttelte den Kopf. »Adele nimmt den kleinen Wauwau. – Hübsche Kindchen gehen immer mit hübschem Wauwau.« Krampfhaft hielt sie den weißen Wollhund fest. Dann ging es ans Einsteigen, noch ein kräftiges Winken, das Auto mit den Reisenden fuhr davon.

»Aus graue Städte Mauen, ziehn wir durchs Feld, wer hier bleibt muß versauen, wir fahren durch die Welt«, sang die kleine Adele ununterbrochen.

Dresden war erreicht. Doktor Kirschner fand für Frau und Kinder ein nur schwach besetztes Abteil. Marlene verzog das Gesicht.

»Vati, – wir möchten in einen anderen Wagen, wo weiche Kissen sind. Nicht auf die olle Holzbank.«

»Nein, mein Kind, ihr fahrt sehr gut auf der Holzbank, zumal die Mutti Decken mitgenommen hat.«

»Vati, wir fahren noch hübscher auf den Kissen. Laß uns doch wieder 'raus, Vati.«

»Sei dankbar, Marlene, daß du überhaupt fahren darfst«, tadelte Goldköpfchen. »Wir haben ein wunderschönes Abteil; Mutti sitzt am Fenster, so könnt ihr hinaussehen. Schau, wir haben sogar einen kleinen Klapptisch.«

Sofort begann Marlene den Klapptisch zu untersuchen. Dann musterte sie die Mitreisenden. Der Mutti gegenüber saß ein Herr mit weißem Bart, neben ihm eine ziemlich dicke Frau, die eifrig aß. In der Ecke an der Tür saß ein junges Mädchen, das die Zeitung vor dem Gesicht hatte und las.

»Mutti, ich kann die gar nicht sehen«, sagte Marlene halblaut. »Sie hält das Papier vors ganze Gesicht.«

»Ich wünsche dir eine gute und erträgliche Fahrt, mein liebes Bärbel«, rief Doktor Kirschner ins Abteil hinein. Dann wurden die Wagentüren geschlossen, und wenige Augenblicke später fuhr der Zug aus der Halle.

Goldköpfchen nahm die dreijährige Adele auf den Schoß, Marlene saß an ihrer linken Seite. Sie hatte zunächst damit zu tun, die Mitreisenden zu beobachten.

»Mutti, sie ißt schon. Wollen wir nu' auch essen?«

Nur der weißbärtige Herr beachtete die beiden Kinder. Die anderen beiden Mitreisenden kümmerten sich gar nicht um die neu Hinzugestiegenen.

»Ein Großpapa«, sagte Adele. »Mutti, wohin fährt der Großpapa?«

»Nach München«, sagte der alte Herr freundlich.

»Mutti, klapp doch mal den Tisch auf.«

»Nein, Marlene, Mutti hat den kleinen Fips auf dem Schoß, da geht es nicht.«

»Willst du mal den Tisch aufklappen, Großpapa?«

Der alte Herr tat es.

»Nu klapp wieder zu.«

Auch das geschah.

»Nu laß mich mal aufklappen.«

»Marlene, du sollst dich zu mir setzen. Du hast deine Puppe, der darfst du erzählen, daß wir in die weite Welt fahren.«

»Ich erzähle aber viel lieber mit dem Großpapa.«

»Lassen Sie die Kleine ruhig fragen«, sagte der alte Herr freundlich. Doch die dicke Dame machte bereits ein ungnädiges Gesicht, als Marlene erneut verlangte, daß der Tisch auf- und zugeklappt werden solle.

Man war noch keine halbe Stunde gefahren, und schon hatte Marlene innige Freundschaft mit dem Großpapa geschlossen. Sie drückte ihm die Puppe in den Arm und verlangte, er möge sie einsingen.

»Ein recht unartiges Kind«, murmelte die dicke Frau.

Marlene legte beide Hände auf den Rücken und betrachtete mit ihren großen blauen Augen die Mitreisende. Es sah recht drollig aus, wenn die Frau in ihr Brot biß. Dann wackelte die schwarze Brille auf ihrer Nase, und der Mund wurde sehr breit.

»Mutti, sieh mal! Der Mund geht beinahe bis an die Ohren, wenn sie ißt!«

Goldköpfchen zog das kleine Mädchen energisch zu sich, rückte zur Seite und ließ Marlene am Fenster sitzen.

»Schau, wie die Telegraphenstangen und die Bäume am Fenster vorüberfliegen.«

»Sie fliegen nicht, Mutti, sie stehen doch fest. – Mutti, hast du schon die dicke Frau gesehen?«

Es kostete Goldköpfchen Mühe, die Gedanken der Kinder von den Mitreisenden abzulenken. Marlene war schon öfters in der Eisenbahn gefahren, so war ihr das Reisen nichts Neues. Die essende Frau gefiel ihr viel besser. Trotzdem gelang es Goldköpfchen, die Kinder zum Stillsitzen zu bewegen. Sie erzählte ihnen im Flüstertone ein Märchen. Als das Märchen beendet war, rutschten Marlene und Adele unruhig auf der Bank umher.

»Wie heißt du denn, kleines Mädchen?« fragte der weißhaarige Herr.

»Geheißen habe ich mal Marlene, jetzt heiße ich Fips.«

»Und das Schwesterchen?«

»Das ist der kleine Fips.«

»Wo fahrt ihr hin?«

Da begann Marlene zu erzählen. Sie sprach von den Pferdchen, den Ziegen, den Kühen, von den hohen Bergen. Als Goldköpfchen dann die Kleine ermahnte, endlich still zu sein, wehrte der alte Herr ab.

»Lassen Sie die Kleine ruhig reden, ich habe Kinder sehr gern.«

Es ging für die nächste Stunde recht gut. Adele kuschelte sich in den Arm der Mutter, schien müde zu werden und war still. Marlene saß auf den Knien des alten Herrn und fragte ihn allerlei. Die dicke Dame war weiter abgerückt.

Es wurde unerträglich heiß im Abteil, und man mußte das Fenster ein wenig öffnen. Da wollte Marlene hinaussehen. Aber weder Goldköpfchen noch der alte Herr ließen das zu. Bei einer scharfen Kurve fiel der graue Filzhut des Weißhaarigen auf die Erde.

»Schau, kleiner Fips, mein Hut wird ungeduldig, er möchte recht schnell nach München kommen, er will nicht mehr Eisenbahn fahren.«

Marlene betrachtete den Hut aufmerksam. »Weiß der Hut, daß er nach München fährt?«

»Freilich, das ist nämlich ein Wunderhut. Wenn ich pfeife, kommt er an.«

»Dann pfeife doch mal!«

Der alte Herr nahm den Hut in die Hand, pfiff und schleuderte im selben Augenblick den Hut gegen sein Gesicht.

»Noch mal!«

»Paß gut auf«, sagte der Großpapa und stellte Marlene neben sich auf die Bank. Er beugte sich ein wenig zum Fenster hinaus, nahm den Hut, machte eine schleudernde Bewegung mit dem Arm und zeigte dem Kinde die andere Hand. »Jetzt ist er weg, – und jetzt werde ich pfeifen, da kommt er wieder.«

Ein langgezogener Pfiff ertönte, – da war der Hut auch schon wieder da. Der Großpapa hatte das Zauberkunststück recht geschickt ausgeführt, so daß das kleine Mädchen nicht merkte, daß der Filzhut von der anderen Hand festgehalten worden war.

Die Bäckchen Marlenes färbten sich rot. »Noch mal«, jubelte sie.

Der kinderliebe alte Herr zeigte das Kunststück zum zweiten Male, und wieder kam der Hut auf seinen Pfiff durchs Fenster zurückgeflogen.

»Kommt mein Hut auch, wenn du pfeifst?«

»Nein, nur mein Hut kommt zurück.«

Ehe es sich der freundliche Herr versah, ergriff Marlene seinen grauen Filzhut und schleuderte ihn aus dem geöffneten Fenster. »Nu pfeife mal!«

»Marlene!« rief Goldköpfchen entsetzt. Aber auch der alte Herr war sehr betreten, er mußte mit dem Verlust seines Hutes rechnen.

»So pfeif doch!«

»Da sieht man wieder einmal, was sich unartige Kinder erlauben«, murmelte die dicke Frau.

Goldköpfchen stammelte Entschuldigungen. Es war ihr sehr unangenehm. Was sollte nun werden? Wie konnte sie dem freundlichen Mitreisenden wieder zu seinem Hute verhelfen? Immer neue Worte kamen von ihren Lippen, schließlich unterbrach der Weißhaarige die erregte Mutter.

»Die Schuld an diesem Vorfall trage ich ganz allein, das steht ohne Zweifel fest. Ich werde den Verlust dem Zugbegleiter melden, und es ist möglich, daß ich meinen Hut wiederbekomme. Außerdem habe ich eine Mütze im Koffer.«

»Marlene!« Goldköpfchen griff nach dem gehäkelten Netz, das auf dem Tischchen lag und den Reiseproviant barg. Die Kleine hatte das Netz genommen und wollte es dem Hute nachwerfen.

»Mutti, vielleicht kommt es auch wieder, wenn er pfeift!«

Da bekam Marlene einen Schlag auf die Hand, dann wurde ihr sehr energisch geboten, ruhig auf der Bank sitzenzubleiben und mit der Puppe zu spielen. Das ging ein Weilchen ganz gut, dann wurde Marlene wieder unruhig. Sie rutschte von der Bank hinunter. Ihr Interesse galt jetzt dem jungen Mädchen in der Ecke des Abteils, das nicht mehr las, sondern mit geschlossenen Augen in der Ecke lehnte. Wohl eine Minute lang stand die Kleine vor der anscheinend Schlafenden, dann kam sie leise zur Mutter zurück.

»Ist sie tot?«

»Nein, sie schläft. Du mußt also sehr ruhig sein.«

Unverwandt blickte das Kind hinüber. »Mutti, – sie ist doch tot! Ich höre sie nicht atmen.«

»Nein, Marlene, das Fräulein schläft.«

Aber Marlene wollte es nicht glauben. Die Schlummernde hatte den einen Fuß vorgestreckt; vielleicht konnte sie mal darauftreten, um zu wissen, ob sie wirklich nur schlief. Wenn sie tot war, mußte man doch einen Doktor holen.

Goldköpfchen, die sich mit der unruhig gewordenen Adele zu beschäftigen hatte, achtete nicht auf Marlene, die setzt den rechten Fuß erhob und mit aller Kraft auf den vorgestreckten Fuß der Schläferin setzte.

Die Tote fuhr auf. »Was fällt dir ein!«

»Du bist also nicht tot«, klang es liebevoll aus dem Munde des kleinen Mädchens, »na, dann ist es ja gut!«

Wieder wurde der große Fips zurückgerufen, und wieder mußte er still auf der Bank sitzen. Nun gab es Birnen zu essen. Das hatte Erfolg. Marlene kam sich sehr großartig vor, als ihr Goldköpfchen eine weiße Papierserviette auf das Kleid legte.

Auch Adele bekam von der Mutter zurechtgemachte Birnenscheiben. Mit zwei Fingern griff sie jedes Stückchen Obst und steckte es behutsam in den kleinen Mund. Bei Marlene fiel manches Stück Birne auf die Papierserviette, ihre Finger waren bald recht klebrig.

»Wie niedlich und appetitlich Ihre Kleine ißt. – Es ist ein reizendes Kind, so ein richtiges kleines Engelchen.«

»Ich bin doch die kleine Lieblichkeit«, sagte Adele und lächelte den alten Herrn an.

»Stimmt, kleiner Fips, das bist du!«

Goldköpfchen seufzte auf. Es war immer dasselbe. Überall erregte Adele Bewunderung, von jedem hörte sie Schmeicheleien.

»Die kleine Lieblichkeit kann auch recht unartig sein«, sagte Goldköpfchen.

»Das glaube ich nicht«, lachte der alte Herr. »Der andere Fips macht Ihnen sicherlich mehr zu schaffen.«

Adele lauschte aufmerksam den Worten des alten Herrn. »Soll Adele mal zu dir kommen? Willst du Adele mal ganz nahe sehn?«

»Nein, kleiner Fips, du bleibst bei mir«, sagte Goldköpfchen.

Der Zug sauste weiter, und Goldköpfchen war für jede Stunde dankbar, die ohne unliebsame Zwischenfälle verstrich.

Da ertönte im Gange des Wagens ein dumpfer Ton. Die beiden Kinder horchten auf. »Mutti, jetzt kommt Musik!«

»Nein, ihr Kleinen, es ist der Kellner aus dem Speisewagen, der den Reisenden sagt, sie sollen zum Essen in den Speisewagen kommen.«

Wie der Blitz war Marlene von der Bank herunter und stand an der Schiebetür. Der Schlag des Gongs kam näher und immer näher.

»Mutti, mach doch fix die Tür auf, ich möchte mitgehen!«

»Nein, du bleibst hier. Wir lassen uns nachher Fleischbrühe bringen. Die Mutti hat alles mit, was wir zum Essen brauchen.«

Da wurde schon die Tür aufgeschoben, ein Mann in weißer Jacke steckte den Kopf herein und rief: »Zum ersten Diner!«

Goldköpfchen wurde von beiden Kindern bestürmt, es solle ihnen sagen, was das zu bedeuten habe. Der alte Herr gab alle gewünschten Auskünfte, und Marlene wollte durchaus in den Speisewagen gehen.

»Mutti, laß mich nur mal gucken!«

Aber Goldköpfchen erlaubte es nicht.

An einer starken Kurve, die der Zug machte, kam ganz plötzlich der Strohhut der dicken Frau aus dem Netz herunter. Er sprang auf ihren Schoß und kollerte dann auf dem Boden im Abteil noch ein wenig entlang.

Marlene stieß die Mutter in die Seite. »Mutti, is das ein Ulk!«

Die Mitreisende hatte den Hut aufgehoben und legte ihn wieder über sich ins Netz, doch nach wenigen Augenblicken kam er zum zweiten Male herunter. Da begann Marlene schallend zu lachen. Sie lachte so herzlich, daß sich ihr kleiner Körper schüttelte.

»Marlene, sei ruhig!« gebot die Mutter.

Der Hut lag wieder im Netz, wackelte jedoch bedenklich. Da begann das kleine Mädchen erneut zu lachen. Sie achtete nicht der grimmigen Blicke, die auf sie geschleudert wurden, sie schaute unverwandt auf den Hut. Plötzlich schrie sie auf: »Mutti, er kommt schon wieder angerutscht.«

Da erhob sich der alte Herr und legte den Hut sorgsam auf den großen Koffer im obersten Netz. »So, nun kann er nicht mehr fallen.«

Dann wurde Marlene sehr still. In ihre Augen trat ein ängstlicher Ausdruck. Sie blieb auch ruhig auf der Bank, und Goldköpfchen blickte verwundert auf die Kleine.

Sie rührte sich noch immer nicht; ihre blauen Augen gingen schuldbewußt hin zur Mutter.

»Fehlt dir etwas, Marlene?«

»Ich habe so gelacht«, klang es flüsternd, »da – – da – –«

»Was ist denn, Marlene?«

»Als ich so gelacht habe, bin ich vorhin – – tüchtig spazierengegangen, Mutti, – und da –«, ihre Stimme wurde immer kläglicher, »da hat es mächtig geregnet. – Nun bin ich ganz naß!«

Da wußte Goldköpfchen, was ihrem Töchterchen für ein Unglück zugestoßen war. Unglaublich, daß einem fünfjährigen Mädchen noch so etwas zustoßen konnte. So nahm Goldköpfchen den Koffer aus dem Netz und holte einige Wäschestücke hervor.

»Komm mit mir, Marlene.«

»Geben Sie mir die Kleine«, sagte der alte Herr hilfsbereit, »ich werde sie indessen behüten.«

»Ach, Mutti, es hat so sehr geregnet«, sagte Marlene im Hinausgehen, »aber es ging nicht anders. Ich habe so sehr gelacht – da mußte es regnen.«

Es hatte wirklich bei Marlene sehr stark geregnet. Goldköpfchen mußte das Kind vollständig umziehen.

»Du solltest dich schämen, Marlene. Nicht einmal Adele bringt das fertig, dabei ist sie zwei Jahre jünger als du!«

»Mutti, wenn doch der Hut so gehopst ist – –«

»Nun hast du die Strafe für dein unartiges Lachen.«

»Mutti, ich bin ja schon wieder trocken. – Du hast doch die Strafe, weil du mich ausziehen mußt.«

Als Goldköpfchen mit Marlene wieder ins Abteil kam, fragte der Großpapa schmunzelnd: »Na, hat die Sonne alles wieder getrocknet?«

Marlene fühlte sich beschämt und spielte in der nächsten Zeit recht brav mit ihrer Puppe.

Auf den einzelnen Stationen gesellten sich noch andere Mitreisende hinzu, die aber bald wieder ausstiegen. Marlene betrachtete alle mit größter Aufmerksamkeit, wagte aber nicht mehr, flüsternde Bemerkungen zur Mutti zu machen. Sie merkte, daß Goldköpfchen unzufrieden mit ihr war.

»Ich bin doch dein lieber Fips«, sagte sie leise, »wenn wir erst bei den kleinen Pferdchen sind, bin ich furchtbar artig!«

Nur einen Zwischenfall gab es noch, als Goldköpfchen mit Adele das Abteil verließ und Marlene vorher einschärfte: »Du bleibst hier sitzen, du rührst dich nicht von der Stelle, bis ich wiederkomme. – Hast du mich verstanden?«

»Ja, Mutti«, klang es ernsthaft zurück, »dein Fips bleibt hier sitzen und rührt sich nicht von der Stelle.« Dabei setzte sich das kleine Mädchen breit auf die Bank.

Kurze Zeit darauf hielt der Zug an. Einer der Eingestiegenen nahm seine Sachen zusammen, da er wieder aussteigen mußte.

»Kleines Mädchen, du sitzest auf meiner Zeitung. Steh rasch einmal auf.«

Marlene blieb ruhig sitzen. »Ich darf nicht aufstehen.«

»Du kannst dich sofort wieder hinsetzen, ich will nur meine Zeitung haben.«

»Ich darf nicht aufstehen.«

»Mach, daß du herunterkommst!«

»Ich darf doch nicht«, rief das Kind erregt.

Da mengte sich der weißhaarige Herr ein. »Du darfst für einen Augenblick aufstehen, kleiner Fips, doch dann mußt du dich wieder niedersetzen.«

Doch als das Kind auch jetzt wieder den Kopf schüttelte, zog sie der Mitreisende vom Platz herunter, nahm seine Zeitung und verließ das Abteil.

»Da will man nu' voll Artigkeit sein«, schmollte die Kleine, »und da kommt so'n Mann und schubst mich fort. – Ach, kleine Kinder haben es sehr schwer!«

München war erreicht. Der Großpapa verabschiedete sich von Goldköpfchen und den beiden Fipsen. »Bleib doch noch hier, du lieber Mann! Du hast soviel Spaß mit uns gemacht.«

»Wir müssen alle aussteigen«, sagte die Mutter. »Jetzt steigen wir in einen anderen Zug, der uns nach Tirol führt.«

Das Umsteigen machte natürlich Schwierigkeiten, da auf dem großen Bahnsteig viel für die Kinder zu sehen war. Trotzdem hielten sich die Kleinen in größter Nähe ihrer Mutter, weil ihnen das Fauchen der ein- und ausfahrenden Züge unheimlich war.

Goldköpfchen war glücklich, als sie endlich in dem Zuge saß, der sie bis dicht an das Ziel ihrer Reise bringen sollte. Man hatte das Glück, ein Abteil für Mütter mit Kindern zu finden, in dem man zunächst allein war. Willig beantwortete Goldköpfchen alle Fragen. Es war ihr viel lieber, allein belästigt zu werden, als daß die Kleinen den Unwillen der Mitreisenden erregten. Adele wurde müde, sie schlief auf einem aus Decken hergerichteten Lager bald ein. Marlene sang ihr Püppchen in den Schlaf.

»Schlaf, Püppchen, schlaf in Ruh',
Püppchen, mach die Äuglein zu,
Liegst du still und schläfst du brav,
Sing' ich dir vom kleinen Schaf,
Sing' ich dir vom Watschelgänschen,
Mit dem kleinen Wickelwackelschwänzchen.
Schlaf, mein Püppchen, schlaf!«

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