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Goldköpfchens großer Entschluß

Magda Trott: Goldköpfchens großer Entschluß - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens großer Entschluß
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160802
modified20180403
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8
Die Werbung

Es war Goldköpfchen nicht leicht geworden, Dillstadt nach kaum vierzehntägigem Aufenthalt wieder zu verlassen. Es rief sie jedoch mit unerklärlicher Gewalt nach Heidenau. Außerdem wollte sie, daß Karla Schilling ihren Urlaub antrete; war doch abgemacht worden, daß auch sie nach Dillstadt reise, solange die Kinder noch bei den Großeltern weilten.

»Ich denke, du freust dich, Kuno«, sagte Goldköpfchen, »ich hoffe, daß dir Karla auch weiterhin so gut gefallen wird, wie bisher.«

»Ich danke dir, Bärbel, daß du alles so nett eingefädelt hast. Wirst du mir auch nicht gram sein, wenn dir Fräulein Schilling eines Tages sagt, daß sie in deinem Atelier nicht länger bleiben will, weil sie einen anderen Posten gefunden hat?«

»Wie sollte ich dir gram sein, lieber Bruder, gönne ich dir doch von Herzen ein großes Glück. Karla wird den Beruf der Photographin gern mit dem der jungen Hausfrau vertauschen.«

»Sie liebt ihren Beruf.«

»Ja, Kuno, das tut sie. Doch das Weib soll nun einmal einen höheren Beruf ausüben. Jeder Broterwerb, sei er noch so angenehm, ist für das weibliche Geschlecht nur ein Notbehelf.«

»Und du, Bärbel?«

»Ich bin stolz darauf, Kuno, mich und meine drei Kinder durch eigene Kraft ernähren zu können. Ich darf freilich mein heutiges Leben nicht mit dem vergleichen, das ich einst lebte. Doch ich will nicht zurückblicken, Kuno. Ich habe meine Kinder, meine drei gut gearteten Kinder, ich habe die schöne Aufgabe, sie zu wertvollen Menschen zu erziehen und das füllt heute mein Leben aus.«

Hermann, Jürgen und Erna bedauerten tief, daß die Mutti so rasch wieder von ihnen ging.

»Die Kirschnerschen Kinder haben es jetzt besser als wir«, stellte Jürgen fest. »Immerzu haben sie unsere Mutti. Wenn wir aber erst wieder in Heidenau sind, sind wir deine Allerbesten, nicht wahr, Goldmutti?«

»Das seid ihr immer. Ihr macht eurer Mutti viel Freude, ihr seid ihr ganzes Glück.«

»Und die Kirschnerschen Kinder sind nicht dein Glück? Die sind nur deine Pflicht?«

»Sie tun mir leid.«

»Na, Mutti, dann bin ich ja zufrieden«, sagte der kleine Jürgen, »aber ein bißchen hättest du doch noch bei uns bleiben können. So doll wird dich die Pflicht nicht rufen.«

Goldköpfchen hatte ihre Rückkehr nur dem Kinderfräulein angezeigt und Fräulein Retting gebeten, sie möge ihr Kommen noch ein Weilchen geheim halten, da sie in ihrem Heim zunächst mancherlei zu erledigen habe und sich in den ersten Tagen unmöglich viel den Kleinen widmen könne. Wie erstaunte sie aber, als auf dem Bahnhof in Heidenau neben Fräulein Retting Stefan, Fritz und Marlene standen, alle mit heißen Gesichtern, alle mit lachenden, leuchtenden Augen, Blumensträuße in den Händen.

Bärbel konnte sich der Kinder kaum erwehren. Kein Befehl Fräulein Rettings nutzte, sie begleiteten Tante Pottchen heim. Sie wollten sogar heute den ganzen Tag bei ihr bleiben und Bärbel mußte erst sehr energisch werden, ehe sich die Kinder von ihr zurückzogen.

Für Goldköpfchen begann nun eine schwere Zeit. Die Hausdame, Frau Schrempf, hielt zwar das Hauswesen in bester Ordnung; man merkte sofort, daß eine tatkräftige Frau hier ihres Amtes waltete. Dennoch klaffte eine Lücke. Alles war sauber, die größte Pünktlichkeit herrschte, sogar im Garten merkte man die pflegenden Hände. Frau Schrempf war auch freundlich zu den Kindern, doch gelang es ihr nicht, deren Zuneigung zu gewinnen. Sie war eine viel zu kühle Natur und fand den rechten Ton für die mutterlosen Kleinen nicht. Frau Leuschner war müde und abgekämpft. So beschloß Goldköpfchen schon in den ersten Tagen, Änderung zu schaffen. Die pflichtgetreue Kinderfrau, die sich mehr zumutete, als sie in ihrem Alter noch zu leisten vermochte, brauchte dringend eine Erholung. Das war auch zu machen, denn Fräulein Retting war bei den Kindern nicht unbeliebt. Sie konnte sich zwar wenig Autorität verschaffen und war mitunter ein wenig hilflos, besonders wenn Stefan dreist wurde. Sie vergoß auch heimlich manche Träne. Trotzdem wurde sie von Adele und Marlene geliebt und auch Fritz kam mit seinen Anliegen häufig zu ihr gelaufen.

Das änderte sich allerdings von dem Augenblick an, da Tante Pottchen aus Dillstadt zurückkehrte. Die Kinder übersahen ihr Fräulein, richteten sich nicht mehr nach ihren Vorschriften, sie wollten nur Tante Pottchen folgen. Da aber Frau Wendelin nur noch für Stunden ins Haus des Arztes kam, herrschte mitunter wilder Tumult und heftiger Streit unter den Kindern.

»Jetzt möchte ich gern das Buch sehen«, sagte Goldköpfchen am zweiten Tage ihres Dortseins, »das Buch mit den Sternchen und den Strichen. Wer mag wohl am artigsten gewesen sein, wer hat die meisten Sterne bekommen? Ihr wißt doch, wer mich am liebsten hat, war am bravsten.«

Das Kinderfräulein seufzte auf. »Ich habe das Buch gestern ins Kinderzimmer gebracht, weil die Kinder es sehen wollten und – –«

»Sei still«, sagte Stefan laut. »Wo hast du das Buch?«

»Ach, es hat ja keinen Zweck«, antwortete das Kinderfräulein. Du warst sehr unartig und –«

»Hier oben auf dem Schrank liegt das Buch«, rief Fritz, stieg auf einen Stuhl und holte das Buch herunter. Damit lief er zu Tante Pottchen und zeigte es ihr.

»Guck, lauter artige Kinder. An jedem Tag die ganze Seite voller Sterne.«

Goldköpfchen warf einen Blick auf die Seiten, die von oben bis unten mit Sternen bedeckt waren. Sie sah es deutlich, daß durch viele senkrechte Striche wagerechte und schräge nachträglich gezogen worden waren.

Fritz strahlte. »Nu freu dich, Tante Pottchen, über soviel Artigkeit!«

»Ach nein, ich freue mich gar nicht«, erwiderte Goldköpfchen ernst. »Ich hatte geglaubt, daß ihr euch Mühe geben würdet artig zu sein – aber – –«

»Erst haben wir uns Mühe gegeben«, unterbrach Stefan. »Weil du aber nicht zurückgekommen bist, Tante Pottchen, haben wir uns keine Mühe mehr gegeben. Jetzt bist du wieder da, nun sind wir wieder artig.«

Obwohl sich Goldköpfchen nach Möglichkeit fern hielt, merkte sie doch bald, daß ihre Besuche von Frau Schrempf störend empfunden wurden. Sie ließ daher die Kinder häufig mit Fräulein Retting zu sich kommen, doch auch das ging auf die Dauer nicht, weil sie sich dem Atelier wieder mehr widmen mußte. Noch war Herr Rotmühl darin tätig und Bärbel wagte nicht, ihren trefflichen Vertreter fortzuschicken, da sie durch die Kirschnerschen Kinder noch zuviel in Anspruch genommen wurde. Außerdem rüstete Fräulein Schilling zur Reise nach Dillstadt. Herr Rotmühl blieb natürlich recht gern hier, denn die Arbeit in dem gut eingeführten Atelier machte ihm Freude.

An einem Nachmittag traf Goldköpfchen wieder einmal mit Dr. Kirschner zusammen. Sie saß im Kreise der Kinder und spielte mit ihnen. Eine ganze Weile schaute der Arzt schweigend auf die anmutige Gruppe, dann ging er wortlos davon. Aber am übernächsten Tage war er wieder da. Von da an richtete er es oftmals ein, daß auch er für ein Viertelstündchen bei den Kindern weilte, wenn Tante Pottchen zugegen war. Oft, sehr oft lagen seine Blicke auf der jungen Witwe. Er lauschte ihrer Stimme und allerlei Gedanken bewegten ihn. Gedanken, die sich mehr und mehr verdichteten. Abends stand er vor dem Bilde seiner verstorbenen Frau.

»Einmal sagtest du mir, du wünschtest, du hättest all die prächtigen Eigenschaften, die Frau Wendelin besitzt. Du wünschtest, daß du deinen Kindern auch solch eine prächtige Mutter sein könntest, wie Frau Goldköpfchen.«

An diesem Abend schritt Dr. Kirschner in seinem Arbeitszimmer bis nach Mitternacht ruhelos auf und ab. –

Frau Leuschner war nach Dillstadt abgereist und nun verlangten Marlene und Adele um so öfter nach Mama Pottchen. Es kam auch häufig vor, daß sich Fritz oder Marlene auf den Weg machten, und ohne Aufsicht zu Frau Wendelin gelaufen kamen. Was konnte den Kleinen unterwegs nicht alles zustoßen? Doch alle Verbote Goldköpfchens fruchteten nichts.

»Ich konnte es eben nicht länger aushalten, ohne dich«, sagte Marlene eines Tages weinend, als Bärbel ihr wieder einmal einen Vorwurf machte, weil sie dem Kinderfräulein entlaufen war. »Hier innen tut alles weh, wenn du nicht da bist. Mein Magen will auch nichts essen, wenn ich dich nicht seh'.«

Da unterblieben alle weiteren Vorwürfe. Goldköpfchen zog das kleine Mädchen an sich, das mit glücklichem Leuchten in den Augen zu Mama Pottchen aufsah. –

So vergingen die großen Ferien. Aus Dillstadt kamen, in Begleitung Frau Leuschners und Fräulein Schillings, die drei Wendelinschen Kinder zurück.

Bereits am nächsten Tage tobten die drei ältesten Kirschners im Garten Goldköpfchens umher, immer rufend, daß der Misthaufe zwar nicht ganz vollzählig hier sei, sich aber sehr wohl fühle. Zwei Tage später lachte man in ganz Heidenau und in der Schule über Hermanns Erfindung, und es hieß überall, wenn man die Kinder zusammen sah: »Das ist der Misthaufe, der so lärmt.« Dabei meinte es niemand böse mit der kleinen Schar, zumal Hermann genau darauf achtete, daß nicht gar zuviel Dummheiten getrieben wurden.

Eines abends sagte er zu seiner Mutti: »Wir haben uns wieder was Schönes ausgedacht, Mutti. Wir vertragen uns alle doch sehr gut, sind jetzt eine große Familie, denn die Kirschnerschen Kinder wollen auch zu dir gehören. Zum Oktober ziehen die Leute im ersten Stockwerk aus. Dort könnte dann Doktor Kirschner hineinziehen. Wir wohnen alle in einem Hause und machen eine große Familie. Mein Freund, der Kaufmann an der Ecke, sagte auch schon, daß es für die Arztkinder das beste wäre, wenn du dich ihrer annehmen würdest. Ich habe dem Wirt auch schon gesagt, er soll mal mit Doktor Kirschner sprechen. Wohnen die erst mit hier im Hause, brauchst du nicht erst weit zu laufen, dann gehst du nur die Treppe hinauf und herunter. Au, Mutti, das wird fein!«

Hermanns Worte beunruhigten Goldköpfchen. Noch mehr erschrak sie aber, als ihr eines Tages eine Kundin im Atelier sagte: »Es wäre doch das Richtigste, wenn Doktor Kirschner die überall beliebte Frau Wendelin heiratete, damit seine Kinder wieder eine gute Mutter bekämen. In Ihnen ist so viel mütterliche Liebe, Frau Wendelin, daß Ihre eigenen Kinder nichts entbehren würden, wenn sie mit fünf anderen teilen müßten.«

Über diesen Ausspruch weinte Bärbel bittere Tränen. Es kam ihr wie Verrat an ihrem Harald und an den eigenen Kindern vor. Wenn sich die Heidenauer nur nicht gar soviel mit ihr beschäftigen wollten!

Als sie eines Mittags aus dem Atelier kam, um die letzte Hand ans Essen zu legen und einen der Töpfe aufdeckte, in dem die Bohnensuppe brodelte, sah sie Ernas Augen mit ganz besonders listigem Ausdruck auf sich ruhen.

»Was hat mein Kleinchen auf dem Herzen?«

»Mutti, ich freue mich!«

»Worüber, mein Kind?«

»Der Stefan und der Hermann haben sich gestern gezankt. Der Hermann sagte: Man kann nur aus Früchten und Fleisch Suppen kochen. Da meinte der Stefan: Tante Pottchen kann aus allem was kochen, bei ihr schmeckt es immer am besten. – Mutti, denk doch mal, was der Stefan gesagt hat! Wenn ich meine dreckigen Stiefel in den Suppentopf schmeiße, kocht Tante Pottchen daraus 'ne feine Suppe, denn sie kann alles.«

»Aus Stiefeln kann man keine Suppe kochen, Erna.«

»Aber aus alten Pantoffeln? Ja, Mutti?«

»Nein.«

»Mutti, der Stefan hat doch aber gesagt, wenn du kochst, wird es immer was Schönes!«

»Aus Pantoffeln oder aus Schuhen wird niemals etwas.«

»Vielleicht wird bei dir doch ein bißchen was daraus.«

Goldköpfchen hatte indessen den Quirl in den Suppentopf gesteckt und rührte um. – Ja, was lag denn in dem Topf? Sie holte die Kelle herbei.

»Mutti, jetzt paß auf! Ich habe dir was Schönes in den Topf geworfen. Der Stefan muß heute einen Teller Suppe bekommen.«

Ein Holzpantoffel kam zum Vorschein, ein Pantoffel, wie ihn Ida trug, wenn sie in der Waschküche arbeitete. Erna lachte glücklich auf.

»Nun wollen wir dem Stefan mal zeigen, daß du sogar aus 'nem alten Holzpantoffel 'ne schöne Suppe kochen kannst.«

Ida schrie entsetzt auf, als der herausgefischte Pantoffel in den Ausguß gelegt wurde.

»Du bist unartig und unverständig, Erna. Nun hast du die schöne Mittagssuppe verdorben. Ein Mädchen wie du, das sonst so aufgeweckt ist, müßte überlegter sein. Du hast die Mutti sehr traurig gemacht, denn die gute Suppe muß nun den Schweinen gegeben werden. Zur Strafe wird es heute mittag nur eine Griessuppe geben, mit Brot darin.«

»Mutti – der Stefan sagte doch – –«

Schließlich sah Erna doch ein, daß sie töricht gehandelt habe. Sie versprach der betrübten Mutti, daß sie niemals wieder etwas derartiges tun werde. Gleichzeitig nahm sie sich vor, den Stefan mächtig zu keilen, wenn er heute kam.

Am Nachmittag waren die Kirschnerschen Kinder wieder im Garten Goldköpfchens. Da im Atelier nicht viel zu tun war, kam auch Bärbel herunter. Sie saß mit Marlene und Erna in der Laube und erzählte ein Märchen. Da sprang Marlene plötzlich auf. »Der Vater kommt!«

Bärbel ging dem Arzt einige Schritte entgegen, reichte ihm zum Gruß die Hand und stutzte. Dr. Kirschner machte einen erregten Eindruck.

»Ist Ulla etwas zugestoßen?«

»Nein, Frau Wendelin, alles ist gesund.«

»Wie nett, daß Sie sich einmal hier sehen lassen, Herr Doktor.«

»Ich wollte seit Tagen kommen. – Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen allein reden, Frau Goldköpfchen. – Darf ich Ihnen diesen Namen geben oder lieben Sie ihn nicht?«

Bärbel lächelte. »In ganz Heidenau nennt man mich so. Die Buben tauften damit im vorigen Jahr sogar mein Atelier. Es ist Ihnen ja bekannt.«

»Lauft zu den anderen Kindern«, sagte der Arzt, »spielt recht schön miteinander.«

Ruhig blickte Bärbel ihren Gast an. »Sie haben etwas auf dem Herzen, Herr Doktor. Wollen wir nicht lieber hinauf in meine Wohnung gehen, damit wir nicht gestört werden?«

»Nein, bitte, lassen Sie uns hierbleiben. Drüben die schönen Rosensträucher. Es ist der rechte Ort. – Ja, ich habe Ihnen etwas zu sagen, Frau Wendelin. Ich möchte Sie nicht erschrecken, ich kämpfe seit Tagen mit mir. Es könnte sein, daß Sie mich nicht verstehen. Sie werden glauben, ich vergesse die geliebte Tote so schnell. Ich sehe aber meine Kinder und das gibt mir den Mut, die Frage an Sie zu richten. – Wollen Sie meinen Kindern Mutter sein?«

Aus Bärbels Gesicht wich alle Farbe. Sie schloß für Sekunden die Augen. – Was hatte ihr die Mutter in Dillstadt gesagt? Sie wollte es nicht glauben, und nun saß Dr. Kirschner neben ihr und stellte die Frage an sie, eine Frage, die sie nur verneinend beantworten konnte.

»Ich sehe Ihr Erschrecken, ich habe es gefürchtet, Frau Wendelin. Trotzdem werde ich weiterreden. Schon einmal bat ich Sie, sich meiner Kinder anzunehmen. Damals schrieben Sie mir ins Krankenhaus die beglückenden Worte: So gut ich es vermag, will ich Ihren Kindern Mutter sein. Diese Worte waren für mich wie Sonnenstrahlen. – Und heute komme ich wieder zu Ihnen, Sie seltene Frau, und bitte Sie, haben Sie Erbarmen mit den Kleinen.«

In zitternder Abwehr streckte Bärbel die Hände aus.

»Ich weiß, Sie hatten Ihren Gatten sehr lieb.«

»Für solche Liebe gibt es keine Vergangenheit. Ich habe ihn lieb, er ist mir nicht fern, er lebt in mir.«

»Wenn Ihnen der Verstorbene jetzt antworten könnte, würde er sagen: Erfülle die Bitte eines unglücklichen Vaters. Der teure Entschlafene würde Ihnen dazu raten.«

»Sprechen Sie nicht weiter.«

»Lassen Sie mich ausreden, Frau Wendelin. Ich bitte Sie darum. Auch ich betraure meine Frau tief und schmerzlich, doch als Vater von fünf Kindern habe ich die heilige Pflicht, erst an die Kleinen zu denken. Sie dürfen nicht zugrunde gehen, dürfen in einem sonnenlosen Dasein nicht verkümmern. Sie haben Gewalt über die Seelen meiner Kleinen, mit einem Wort können Sie sie zurückstoßen in das tiefe Dunkel, das Keimen ihres Innersten auf Jahre wieder zum Stillstand bringen. Frau Goldköpfchen, werden Sie meinen Kindern Mutter!«

»Ich habe doch selbst drei Kinder.«

»Ja, drei prächtige Kinder. Und nun sollen fünf hinzukommen. Für acht Kleine sollen Sie Mutter sein. Ihr edles Herz kennt das Wort Stiefmutter nicht. Ihr Innerstes ist eine Wunderquelle, die acht dürstende Kinderseelen zu sättigen vermag. Die göttliche Vorsehung beschenkte Sie mit Mutterhänden, die lind zu streicheln verstehen. Gott beglückte Sie mit seiner herrlichsten Spende. Er verlieh Ihnen die Gabe, Liebe mit vollen Händen ausstreuen zu dürfen, ohne daß diese Hände jemals leer werden. Sie verstehen das Wort Mutter, Sie schöpfen seine tiefste Bedeutung aus. Für Sie ist dieses Wort das Heiligste. Alles an Ihnen atmet Mütterlichkeit, Güte und Liebe. Man möchte sich vor Ihnen tief neigen und dem Schöpfer von Herzen danken, daß er uns solch eine Frau schenkte, denn Ihretwegen hat er seinen Himmel geöffnet und ein Stück seiner Seligkeit zur Erde sinken lassen. Sie sollen dieses heilige Geschenk nutzen, Frau Goldköpfchen. Unter Ihrer Obhut werden acht Kinder zu frohen und starken Menschen heranwachsen, denn Ihre Hände sind gesegnet.«

»Ich bitte, Herr Doktor, nicht weiter.«

»Nur noch wenige Worte möchte ich sagen. Sie kamen wie ein Frühlingsmorgen in mein Haus. Von Ihren Lippen strömten Worte des Segens, Ihren Händen erwuchsen Rosen, die meinen Kindern entgegendufteten. Wo Sie sich zeigten, schwand die Dunkelheit. Reichen Sie meinen Kindern die Schale der Freude, und sie werden es Ihnen danken.«

»Ich weiß nicht, ob ich es vermag, ich bin dieser großen Aufgabe wohl nicht gewachsen. Ich kann nicht, ich stehe nicht mehr im Frühling. In mir ist es bereits Herbst, wie draußen.«

Goldköpfchen wies auf die Blätter, die sich bereits bunt färbten.

»Ja, draußen ist es Herbst, Frau Goldköpfchen, erntefreudiger satter Herbst, mit herber Kraft, mit seiner friedlichen Stille und seiner Erfüllung. In Ihnen aber wird ewiger Frühling sein. Hohe Aufgaben harren Ihrer. Sie müssen säen, Frau Wendelin, damit Sie ernten können.«

»Überschätzen Sie mich nicht.«

»Helfen Sie mir«, bat Kirschner dringlicher, »im Kinderland den Acker zu bebauen, damit das Unkraut nicht aufgehe. Sie können es, Sie mit den Wunderhänden, die überall Rosen streuen.«

Goldköpfchen erhob sich langsam. »Bitte, lassen Sie mich allein, sprechen Sie nicht weiter. Es tut mir weh!«

»Wann darf ich Ihre Antwort erwarten? Ich will Sie nicht drängen, Frau Wendelin. Doch wenn Sie meine Kinder ansehen, die nach Mutterliebe hungern, wenn Sie in diese heißen, verlangenden Augen blicken, ich glaube, Frau Goldköpfchen, dann können Sie nicht nein sagen. Sie selbst würden sich nebelgraue Tage schaffen, an denen Sie das Rufen der mutterlosen Kleinen zu hören glauben. Ein ungeheurer Jammer wäre in Ihnen. Ihr Lachen, daß Sie den Kindern erhalten müssen, erstürbe langsam und in die Seelen Ihrer drei eigenen fiele der Reif.«

Bärbel drückte die Hände an die Schläfen. »Ich bitte noch einmal, gehen Sie!«

Da nahm er ihre Rechte, die sie ihm mit abgewandtem Gesicht reichte und küßte sie innig. »Ich warte und – hoffe.«

Minutenlang blieb Goldköpfchen in lähmender Erstarrung zurück; dann eilte sie durch den Garten, hinauf in ihr Zimmer. Von unten hörte sie das helle Jauchzen der Kinder. Da preßte sie die Hände fest an die Ohren.

»Häschen, mein Häschen, sprich zu mir! Häschen, was soll ich tun?«

Die Augen gingen zum Friedhof, hin zu dem Grab des Gatten, auf dem rote Rosen blühten. – Was hatte ihr Dr. Kirschner soeben gesagt? »Ihre Hände sind voller Rosen, die Sie den Kindern streuen werden.« – Auch die Mutter hatte davon gesprochen, daß sie die besondere Gabe habe Mutter zu sein. Sie solle dieses kostbare Geschenk gut nutzen.

Und Harald? Was sagte er, als er sich mutig den durchgehenden Pferden entgegenwarf, damals, auf dem Wege nach Lerchental? »Man muß den Kindern die Mutter erhalten.«

»Häschen, mein Häschen!«

Da hielt es Goldköpfchen nicht länger im Hause. Sie mußte hin zu dem Hügel, der ihr Liebstes barg. Dort hielt sie oftmals Zwiesprache, dort holte sie sich Rat und Trost. Heute aber würde wohl keine Stimme von oben her in ihr Innerstes dringen, heute würde sie die Stimme nicht hören. Alles in ihr war zu sehr aufgewühlt.

»Ihr Innerstes ist eine Wunderquelle, die acht dürstende Kinderseelen zu sättigen vermag. Die göttliche Vorsehung beschenkte Sie mit Mutterhänden.« Dr. Kirschners Worte klangen in ihr.

»Nein«, schluchzte Bärbel auf, »Harald, dir habe ich Treue bis über das Grab hinaus gelobt.«

Dann stand sie am Hügel. Stille, Friede ringsum. Niemand außer ihr auf dem Gottesacker.

Goldköpfchen legte den Kopf an den hohen Stein: »Häschen, du hast gehört, was man von mir verlangt. – Was würdest du mir raten? Oh, hilf mir! Hilf mir heute in meiner Not! – Ich soll den fremden Kindern Rosen streuen. Wie kann ich das tun? Meine Hände sind doch leer.«

Sie sah im Geiste die kleine Schar an sich vorüberziehen, sah klar, Dr. Kirschner mußte ihr bald eine Mutter geben, damit sie nicht verirrte. Wie aber, wenn eine Stiefmutter ins Haus kam, die die holden Blüten knickte?

Verzweifelt kniete Goldköpfchen am Hügel nieder und breitete ihre Arme darüber: »Hilf mir, Häschen! – Sage mir, was ich tun soll? Darf ich treulos werden an dir? – Kann ich eine so schwere Aufgabe erfüllen?«

Jäh zuckte sie zusammen. In ihrer ausgestreckten Hand lag eine vollerblühte rote Rose. Der Abendwind hatte sie von einem der Hochstämme gebrochen und ihr in die Hand geweht.

Stumm blickte Goldköpfchen darauf nieder. Sie hatte das Empfinden, als sei in diesem Augenblick ein heiliges Wunder geschehen.

»Ihren Händen entsprießen Rosen, die Sie meinen Kindern streuen werden.« –

Goldköpfchen blickte auf den Stein, der den Namen des Entschlafenen trug. Lange – lange. »Ist das deine Antwort, Harald, die Antwort auf meine brennende Frage?«

Dann senkte Goldköpfchen ergeben den blonden Kopf und schritt langsam ihrem Heim wieder zu.

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