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Goldköpfchens großer Entschluß

Magda Trott: Goldköpfchens großer Entschluß - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens großer Entschluß
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160802
modified20180403
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7
Der Misthaufe

Es blieb Goldköpfchen wenig Zeit, mit den Eltern und dem Bruder zu plaudern. Die Kinder, sonst gewohnt allein zu spielen, ließen die Mutter während der nächsten Tage nicht los.

»Du hast dich auch darauf gefreut, den ganzen Tag mit uns zusammenzusein. Und weil du nur so kurze Zeit hier bleibst, müssen wir immerfort beisammen sein.«

Gegen diese Worte Jürgens konnte Goldköpfchen nicht viel einwenden. Die Kinder hatten ihr viel zu erzählen; keinen Augenblick standen die kleinen Mäulchen still.

»Wenn wieder Weihnachten ist, schenkst du uns ein Indianerzelt«, verlangte Erna, »genau so eins wie hier beim Großpapa.«

»Red' kein dummes Zeug«, mahnte Hermann, »unsere Mutti verdient doch allein das Brot. Ein schweres Brot. Manchmal kostet ein Bild nur fünfzig Pfennig; da muß sie stundenlang daran arbeiten. So ein Zelt kostet bestimmt zwanzig Mark.«

Jürgen schmiegte sich vertrauensvoll an die Mutter. »Meinst du nicht, daß uns der Weihnachtsmann oder das Christkind doch so ein Zelt bringt? Wenn wir, wie immer, sehr artig sind?«

»Nein«, rief Hermann mit Donnerstimme.

»Mutti, du meinst es doch! Der Weihnachtsmann mit seinem langen Bart hat in seinem Sack auch so ein Zelt.«

Hermann zog den jüngeren Bruder unwillig von der Seite der Mutter fort. »Du bist doch noch ein recht dummer Junge«, sagte er. »Du weißt genau, daß es keinen Weihnachtsmann gibt, und daß alle Sachen, die wir bekommen, von der Mutti gekauft werden müssen. Sei nicht so unverschämt! Sie hat Sorgen genug. Es gibt keinen Weihnachtsmann.«

»Das weiß ich ja«, sagte Jürgen mit listigem Augenblinzeln.

»Na also. Warum redest du dann so dummes Zeug?«

Jürgen zog den älteren Bruder noch etwas weiter von der Mutter fort und flüsterte ihm ins Ohr: »Tu mal auch so, als ob du an den Weihnachtsmann glaubst. Das macht der Mutti Freude. Vielleicht glaubt sie selber noch so'n bißchen dran. Da können wir ihr doch den Gefallen tun. Sie freut sich so gern. Weißt du, sie hat erst vorigen Weihnachten der Erna den Weihnachtsmann ganz genau beschrieben. Und an das Christkind glaubt sie bestimmt. Das weiß ich genau.«

Hermann wurde nachdenklich. »Das kann schon sein«, erwiderte er zögernd. »Wir Männer glauben freilich nicht daran, aber die Mädchen mögen vielleicht daran glauben.«

»Unsere Mutti ist aber kein Mädchen mehr, sondern eine Frau.«

»Darum weiß ich eben nicht, ob sie jetzt noch an den Weihnachtsmann und an das Christkind glaubt.«

»Komm, wir fragen sie. Und wenn sie daran glaubt«, sagte Jürgen bettelnd, »mach' ihr doch die Freude und rede so, als ob du auch daran glaubst.«

»Na, wenn's der Mutti Freude macht«, sagte Hermann bereitwillig, »will ich's natürlich tun.«

Als die beiden Knaben zur Mutter zurückkehrten, erzählte Erna noch immer von ihren Weihnachtswünschen. »Mutti, das Christkind hilft dem Weihnachtsmann wohl nicht tragen? Das fliegt immer nur nebenher und paßt auf, daß der Nikolaus alles richtig abliefert. Und manchmal, wenn irgendwo ein sehr artiges Kind ist, legt das Christkind aus seinem silbernen Handtäschchen noch was zu. – Stimmt das so, Mutti?«

»Gewiß, so wird es wohl sein, Erna.«

Jürgen puffte den Bruder schmerzhaft in die Seite. »Siehst du«, rief er triumphierend.

»Mutti, hat das Christkind silberne oder goldene Schuhe an?«

»Weil es goldne Flügel hat, wird es vielleicht auch goldne Schuhe anhaben.«

»Hast recht, Mutti«, sagte Jürgen, »blaue Augen hat es, und goldne Haare, und in den Haaren hat es einen Schleier, der weht wie eine Wolke. Manchmal setzt es sich dann drauf und fährt in den Himmel.«

»Das hast du dir sehr hübsch ausgedacht, kleiner Jürgen.«

»Nein, nein, Mutti, das ist so, du kannst es mir glauben. Es hat auch goldne Fingernägel, die nie schmutzig sind. Und wenn sie mal ein bißchen schmutzig sind, ist Silber darunter.«

»Du schönes Christkind«, staunte Erna.

»Mutti«, fragte Hermann, »glaubst du auch, daß das Christkind tausend weiße Kleider hat?«

»Ich glaube, das Christkind macht sich sein Kleid niemals schmutzig.«

»Hast recht, Mutti, du wirst es wissen.«

Dann wurde zum Abendessen gerufen. Jürgen, der neben dem Großvater saß, flüsterte dem alten Herrn schnell zu. »Nicht wahr, du glaubst auch nicht mehr an das Christkind? Die Mutti glaubt wirklich, daß es zur Weihnachtszeit neben dem Nikolaus herfliegt. Laß die mal ruhig dabei, sie freut sich darüber.«

Beim Essen zog Jürgen ein Gesicht. Es gab einen Haferflockenbrei, den er nicht gern aß. Er schielte nach dem Brot und der Wurst hinüber.

»Mutti, meinem Magen wäre es lieber, wenn er heute Wurst bekäme.«

»Nichts da, mein Junge, was die gute Großmama kocht, wird gegessen. Manches Kind wäre froh, wenn es nur die Hälfte von dem hätte, was du hast.«

»Da wäre ich auch froh, Mutti. Ich hab' auch an einem Viertel genug.«

»Jürgen, Jürgen«, tadelte die Großmutter, »du kannst nicht wissen, wie es dir noch einmal im Leben ergehen wird. Als deine Großmutter noch ein kleines Mädchen war, gab es daheim sehr oft abends nur eine Suppe und eine Scheibe trockenes Brot dazu. Und wir sind alle zufrieden gewesen.«

Mit einem warmen Blick schaute Jürgen auf die Großmutter. »Da freue ich mich aber doch, Großmutter, daß du es jetzt bei dir so gut hast und nicht mehr trockenes Brot zu essen brauchst. Jetzt bist du also in guten Verhältnissen.«

Alles lachte, aber Jürgen mußte dennoch seinen Brei aufessen. Er tat es sehr langsam und nahm sich vor, morgen der Großmutter ganz genau aufzuschreiben, was ihm nicht schmeckte, damit sie das nicht kochte. Wenn er auf Großmutters Schoß saß und ihr die Wangen klopfte, sagte die Großmutter immer ja. Das hatte der kleine Knabe längst bemerkt.

Nach dem Abendessen ging man noch ein wenig hinaus in den Garten. »Was bauen sie denn eigentlich dort ganz hinten in Dillstadt für ein Haus, Großvater«, fragte Hermann.

»Das baut die A.E.G.«

»Oh, ich weiß, was das heißt! Das hat der Vati oft gesagt.«

»Na, Hermann, weißt du das wirklich?«

»Ach, Großvater, ich weiß vieles, was man so zusammenzieht, immer nur die ersten Buchstaben von jedem Wort. Hier ist das die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft.«

»Gut, mein Junge.«

»Das weiß ich auch«, rief Jürgen dazwischen, »ich weiß auch, daß Muttis Kinder die ›Hei‹ sind.«

»Was seid ihr?« fragte Goldköpfchen.

Jürgen lachte laut auf. »Das weißt du nicht, Mutti? Der Hermann, dann kommt das kleine Mädchen in die Mitte, die Erna und ich bin hinten dran der Jürgen. Das macht zusammen Hei!«

»Das ist mir allerdings ganz etwas Neues. – Da wollen wir gleich mal überlegen, was die Kinder von Dr. Kirschner sind.«

»Ach die!« sagte Jürgen. »Wie heißt eigentlich die Allerkleinste?«

»Ulla.«

»Oh«, rief Hermann, »ich weiß es schon! Erst der Stefan, dann die beiden kleinen Mädchen und die Sau ist fertig. Adele und Ulla!«

»Stimmt nicht«, tadelte Jürgen. »Der Fritz ist doch auch noch da und die Marlene.«

»Na, dann eben ›sauf‹. Die Marlene brauchen wir nicht.«

»Aber Hermann, wie kannst du so häßlich reden.«

»Das macht doch Spaß, Mutti! Wir ziehen immer die Worte zusammen. Es schadet doch auch nichts, wenn die Kirschnerschen Kinder einfach die ›Sauf-Kirschners‹ heißen.«

»Das wird nicht mehr gesagt, Hermann. Das will ich nicht noch einmal hören. Ihr werdet in Zukunft sehr oft mit den Kirschnerschen Kindern zusammenkommen, artig mit ihnen spielen und ihnen über das Traurige hinweghelfen, das sie erlebten.«

»Wir haben doch auch Trauriges erlebt, Mutti?«

»Gewiß, Hermann, doch ihr durftet mit eurem Leid zur Mutti kommen und dort fehlt sie. Sei mein vernünftiger Junge und nimm dich in Zukunft der Kirschnerschen Kinder auch ein wenig an. Du, als der älteste der ganzen Schar, kannst viel nützen.«

»Dort fünf und wir drei. – Ach, Mutti, beinah sind wir zusammen eine ganze Klasse. Vielleicht kommen bei Kirschners noch viel mehr Kinder! Na, das wäre ein Spaß!«

Bärbel schickte ihre drei nach dem Zelt hinüber. Sie wollte mit den Eltern allein sein, um mancherlei zu besprechen. Das brauchten die Kinder nicht zu hören. Doch schon nach einer Viertelstunde des Alleinseins kam Erna lachend angelaufen, kletterte auf der Mutti Schoß und rief strahlend:

»Mutti – rate mal, was ich bin?«

»Nun, eine Indianerin.«

»Nein, viel was Schöneres!«

»Ein kleines Engelchen?«

»Noch was Schöneres! – Mutti, du wirst dich totlachen! Der Hermann hat gesagt – hahaha, Mutti –, ich kann vor Lachen nicht mehr reden! –«

»Da bin ich doch recht neugierig, was du bist?«

»Ich bin das Ende vom Misthaufe!«

»Was bist du?«

»Da bist du ja was Rechtes«, lachte Apotheker Wagner. »Ihr scheint ein recht wohlriechendes Spiel zu spielen.«

»Wir spielen gar nicht, Großvater, der Hermann hat nur gedenkt.«

»Warum sollst du denn das Ende vom Misthaufen sein?«

»Ich hol' gleich mal den Hermann her. Der Jürgen ist der zweite vom Misthaufe.«

Kopfschüttelnd schauten alle dem davonstürmenden kleinen Mädchen nach.

»Das wird wohl wieder Kleiderwäsche geben«, sagte Frau Wagner. »Einen Dunghaufen haben wir nicht im Garten, nur den Komposthaufen.«

Es dauerte nur wenige Minuten, bis alle drei Kinder dahergelaufen kamen.

»A.E.G. dürfen wir sagen, Mutti, nicht wahr?«

»Freilich!«

»Saufkinder dürfen wir nicht sagen – aber wir haben viel was Schöneres. Wenn wir alle acht zusammen spielen sollen, sind wir ein famoser Misthaufe!«

»Hermann, was sind das wieder für Worte!«

»Brauchst dich nicht zu grämen, Mutti. Wir sind wirklich ein Misthaufe. Paß mal genau auf. – Erst kommt die Marlene, dann der Jürgen. Wir haben seinen Anfangsbuchstaben so'n bißchen verändert. Dann kommt der Stefan, der muß beide Anfangsbuchstaben hergeben.«

»Der Mist ist also fertig«, rief Jürgen, »ich bin mitten im Mist!«

»Sei still«, rief Hermann, »es geht noch weiter! Ich führe den Haufen an, weil ich Hermann heiße, dann kommt das kleine Kroppzeug, die Adele und die Ulla, dann der Fritz und – –«

»Und ich bin das Ende vom Misthaufe«, jubelte Erna.

Apotheker Wagner und sein Sohn Kuno lachten schallend. Goldköpfchen machte ein betretenes Gesicht.

»Das hast du gut gemacht«, lobte Kuno, Bärbels Bruder. »Das zeugt von scharfem Denken. Du gefällst mir.«

»Wir sind der Misthaufe, der Misthaufe«, jubelte Jürgen, »der große Heidenauer Misthaufe! – Mutti, du mußt mal von dem ganzen Misthaufen ein Bild machen, das wäre fein!«

»Ich glaube nicht, daß ihr Kirschners damit eine Freude machen werdet.«

»Mutti«, versicherte Jürgen, »der Stefan lacht sich tot. Er hat ja auch zwei Buchstaben im Misthaufen, sonst paßt es nicht.«

»Da wird er wohl ein doppeltgroßes Mundwerk riskieren«, meinte Hermann nachdenklich. »Da er zwei Teile vom Misthaufe hat und wir jeder nur einen Teil, wird er mehr sein wollen, als wir.«

»Hast recht«, meinte Jürgen, »na, wir werden Onkel Kirschner sagen, er soll noch ein Kind bekommen, das muß dann mit – mit dem Buchstaben ›t‹ anfangen. Das nennen wir – – na, wie nennen wir's denn?«

»Tekla«, rief Hermann.

Jürgen schüttelte den Kopf. »Das wäre ja wieder ein Mädchen. Wir wollen noch einen Mann!«

»Na, dann heißt er eben Teodor«, rief Hermann, »dann ist der Misthaufe richtig und der Stefan hat auch nur einen Buchstaben.«

Goldköpfchen versuchte sanfte Ermahnungen anzubringen, um die Kinder von der unschönen Zusammenziehung wieder abzubringen. Doch Apotheker Wagner lachte dazu und meinte, die Sache sei recht drollig, und die acht wären doch ein ansehnlicher Haufen, der viel dummes Zeug triebe.

»Wenn wir uns drastisch ausdrücken, liebes Bärbel, kann man ruhig sagen, es wird allerlei Mist gemacht. Warum sollen wir das gute deutsche Wort nicht anwenden?« –

Die Kinder hockten mit strahlenden Gesichtern beieinander. Besonders Hermann fühlte sich stolz, daß ihm diese Zusammenziehung geglückt war. Immer wieder betonte er, daß er sich die Oberaufsicht über den Misthaufe von dem doppelt vertretenen Stefan nicht nehmen lassen werde und flüsternd setzte er hinzu:

»Wenn es eben nicht anders geht, muß ich ihm die Jacke vollhauen, dann wird er schon Ruhe halten.«

Goldköpfchen hörte seine letzten Worte. Mit einem vorwurfsvollen Blick schaute sie ihren Ältesten an. Da kam er zu ihr und strich ihr liebevoll über das Gesicht.

»Ist doch zu komisch, liebe Mutti.«

»Was ist komisch, Hermann?«

»Ich habe so leise gesprochen und du hast es doch gehört. Daß du mit deinen kleinen, niedlichen Ohren überhaupt hören kannst, ist ganz merkwürdig. Die Großmutter hat viel größere Ohren und hört schlechter.«

Hermann erhielt darauf einen leichten Backenstreich und wurde zu den Geschwistern geschickt.

»Und es ist doch wahr«, meinte der Knabe im Fortgehen: »Die niedlichsten Ohren von der ganzen Welt hat meine Goldmutti!«

Kuno, der junge Apotheker, lachte. »Bärbel, ich glaube, du hast in deinem ältesten Sohn einen Verehrer. Schon im zwölften Jahre sagt dir der Junge Schmeicheleien.«

»Warum sollte man dir keine Schmeicheleien sagen?« lächelte der Apotheker. »Bin ich doch selber in mein Bärbel verliebt. Wo du hinkommst, mein geliebtes Goldköpfchen, ist Sonnenschein. Unter deinen Händen erblühen Rosen.«

»Darum freue ich mich so sehr«, fügte Frau Wagner hinzu, »daß du dich der mutterlosen Kirschnerschen Kinder annahmst. Doktor Kirschner wird freilich sehr rasch wieder heiraten müssen, doch bis dahin ist es deine Pflicht, dich auch weiterhin um die verwaisten Kleinen zu kümmern.«

»Es sind jetzt eine Hausdame und ein nettes Kinderfräulein vorhanden.«

»Du hast aus dem gestrigen Briefe Frau Leuschners gehört, daß sich das junge Mädchen wohl bemüht seine Pflichten zu erfüllen, seit deinem Fortgehen sind die Kinder jedoch wieder recht eigensinnig und unartig. Ich glaube, das achtzehnjährige Kinderfräulein wird dir großen Dank wissen, wenn du die Schar nach deiner Rückkehr erneut etwas bändigst.«

»Ich möchte nicht, daß Frau Leuschner noch länger diese Last trägt. Sobald ich wieder in Heidenau bin, muß sie herkommen.«

»Gewiß Bärbel, doch bis dahin ist die treue Alte unbedingt notwendig. Die Hausdame scheint ihre Hausfrauenpflichten dem Bericht nach gut zu erfüllen, doch wenig mütterliche Eigenschaften zu besitzen.«

Bereits am anderen Morgen kam wieder ein Brief aus Heidenau. Diesmal schrieb Fräulein Retting an Frau Wendelin und bat um Rat, wie sie es anstellen solle, damit ihr die Kinder folgten. Marlene riefe beständig nach Frau Wendelin, Fritz und Stefan wanderten alltäglich hinaus zum Friedhof und wünschten nichts sehnlicher, als auch in der Erde zu liegen. Dr. Kirschner widme sich zwar nach Möglichkeit seinen Kindern, doch fehle an allen Ecken und Enden die treue Fürsorgerin.

»Ich ersehne den Tag«, so schloß das Schreiben, »an dem Sie, liebe Frau Wendelin, wieder in Heidenau eintreffen. Es wird dann alles mit einem Schlage anders sein. Ich gebe mir die erdenklichste Mühe; mitunter sind die Kinder auch lieb zu mir, doch halten ihre guten Vorsätze nicht lange an. Bitte, teilen Sie mir mit, wann Sie zurückkehren wollen, damit ich meine Zöglinge damit trösten kann.«

Seit diesem Brief war Goldköpfchen noch stiller als bisher. Ihre Gedanken weilten oft in Heidenau. Nein, sie wollte sich nicht noch einmal so fest an das Kirschnersche Haus binden, wie sie das anfangs getan hatte. Nur täglich einmal schnell hinüberschauen und die Kinder ermahnen.

Dann schrieb sie an Stefan, Fritz und Marlene je einen Brief mit lieben zärtlichen Worten. Sie fragte, ob sie artig wären und noch an ihre letzte Ermahnung dächten. Hoffentlich brauche Fräulein Retting nicht zu viele Striche in das Büchlein zu machen, sondern bei jedem Namen viele Sternchen, die bedeuteten, daß sie alle artig gewesen wären.

Vielleicht würden diese Briefe dem Kinderfräulein die Arbeit ein wenig erleichtern, denn daß die Kinder sich darüber freuen würden, das wußte Bärbel. Dennoch wurde sie nicht recht froh und blieb gedrückt, obwohl ihr die Eltern sehr viel Liebes antaten und ihre drei Kinder alle nur möglichen Zärtlichkeiten über sie ausschütteten.

Dann kam ein Schreiben von Dr. Kirschner. Wieder waren es herzliche Dankesworte an sie für alle Mühen. Er wünschte ihr frohe und erfrischende Tage in Dillstadt, am Schluß aber stand die brennende Frage: wann gedenken Sie zurückzukommen?

Er rief sie nicht, er machte auch keine Andeutungen, und doch las Goldköpfchen zwischen den Zeilen des Briefes, wie sehr er sie erwartete. Am Mittag desselben Tages sprach sie zum ersten Male davon, daß sie Ende der Woche heimreisen wolle.

»Aber Bärbel«, sagte die Mutter überrascht, »du bist noch keine vierzehn Tage hier. Ich denke, im Atelier klappt alles?«

»Laß mich fort, Mutter, ich habe eine quälende Unruhe in mir. Du hast mich stets gelehrt, meine Pflichten zu tun. Ich glaube, ich muß zurück nach Heidenau.«

»Du denkst an die verwaisten Kinder?«

»Ja.«

Frau Wagner nahm den Blondkopf ihrer Tochter zwischen ihre Hände und blickte ihr tief in die Augen. »Wenn jemand deine Hilfsbereitschaft, deine Nächstenliebe falsch auslegte, mein Kind?«

»Wie meinst du das?« fragte Bärbel bange.

»Man kann Kinderherzen leicht gewinnen, mein geliebtes Goldköpfchen, wenn man mit dem Gefühl der Mütterlichkeit beschenkt ist. Und du hast diese schöne Gabe in überreichem Maße erhalten. Das dürfte auch Doktor Kirschner bereits empfunden haben.«

»Du meinst – –«

»Daß er dich eines Tages fragen wird, ob du seinen Kindern Mutter werden möchtest.«

»Du irrst, liebe Mutter. Doktor Kirschner betrauert seine Frau sehr tief. Er hat sie über alles geliebt. In seinem Herzen ist nichts anderes als das Leid um die Verlorene. Er weiß aber auch, wie es in meinem Innern aussieht. Ach nein, du gute Mutter, derartiges brauchst du nicht zu befürchten. Doktor Kirschner denkt nur an seine verstorbene Gattin. Und weil in seinem Herzen so tiefe Nacht ist, die durch nichts erhellt wird, versuche ich seinen Kindern ein wenig Sonne zu geben.«

»Ich glaube, mein kluges Töchterchen sieht in diesem Falle nicht klar.«

»Er weiß auch, wie ich denke, Mutter.«

Da sagte Frau Wagner schlicht aber eindringlich:

»Es ist kein Tal so wüst und leer,
Drinn nicht ein Blümchen blühet,
Und keine Nacht so wolkenschwer,
Drin nicht ein Sternlein glühet.
Es ist kein Menschenherz so tief
Verdunkelt und versunken,
Daß nicht in seiner Asche schlief
Der ewigen Liebe Funken.«

Bärbel hielt den Kopf ein wenig gesenkt. Ihre blauen Augen verschleierten sich. Nach längerem Schweigen schüttelte sie den Kopf. »Ich glaube nicht daran, liebe Mutter. Du weißt, wie ich Harald geliebt habe. Er ist mir genommen, doch meine Liebe bleibt ihm. Ich halte heute noch genau so Zwiesprache mit ihm, wie einst in der glücklichen Zeit unseres Zusammenlebens. Ich würde treulos an ihm handeln. Ebenso denkt Doktor Kirschner. Hab' keine Sorgen, Mutter, er versteht mich, er kennt mich und weiß, welche Gründe mich dazu treiben, seine Kinder zu betreuen. Mag Marlene ruhig sagen, ich sei ihre Mama, ich bleibe bei Kirschners das Tante Pottchen und werde über die Kinder wachen, bis dort wieder eine zweite Mutter einzieht. Darüber wird noch geraume Zeit vergehen, doch muß Doktor Kirschner seinen Kindern das Opfer einer zweiten Ehe bringen. – Für mich liegt alles anders. Mache dir keine Sorgen, du Liebe. Laß mich Ende der Woche fahren.«

Wortlos küßte Frau Wagner die Stirn ihrer Tochter.

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