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Goldköpfchens großer Entschluß

Magda Trott: Goldköpfchens großer Entschluß - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens großer Entschluß
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160802
modified20180403
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4
Das Bild der Mutter

Die Besorgungen, die für den Haushalt Dr. Kirschners notwendig waren, erledigte Goldköpfchen jeden Tag selbst. Meist waren zwei Kinder in ihrer Begleitung, die stolz waren, Tante Pottchen tragen zu helfen. Obwohl Goldköpfchen an Frau Leuschner eine vortreffliche Stütze hatte, obwohl Ida die ihr übertragenen Arbeiten gewissenhaft ausführte, konnte Frau Wendelin nicht froh werden. Denn immer wieder fand sich eine Gelegenheit, ihre Kinder mit denen Dr. Kirschners zu vergleichen, ein Vergleich, der nicht zum Vorteil der fremden ausfiel. Besonders Stefan machte ihr Kummer, obgleich sich der Knabe bemühte, seine größten Unarten abzulegen. Er hatte Freunde, die keinen guten Einfluß auf ihn ausübten, doch hielt Goldköpfchen es nicht für richtig, dem Knaben von heute auf morgen den verderblichen Verkehr zu verbieten. Sie wußte, daß sie dadurch den Trotz Stefans herausfordern würde. Ganz allmählich nur durfte sie vorgehen.

Es verging kein Tag, an dem nicht von irgendeiner Seite eine Klage über Stefan und Fritz laut wurde. Seitdem man in Heidenau wußte, daß Frau Wendelin im Kirschnerschen Hause weilte, daß dort wieder Ordnung herrschte, kamen die verschiedensten Geschäftsleute zu ihr, um sich über die beiden Knaben zu beklagen. Vor allem war es die Gemüsefrau, die im Nebenhause ihr Geschäft betrieb und erzählte, es sei Stefan gar nicht möglich, an den ausgestellten Körben vorüberzugehen, ohne mit einer Kartoffel, einer Birne, einer Pflaume oder dergleichen nach einem vorübergehenden Kinde zu werfen. Kam die Händlerin zornentbrannt heraus, schnitt ihr Stefan ein Gesicht und lief davon.

Ebenso beunruhigt wurde Goldköpfchen durch die Naschlust des Knaben. Auskunft gab er auf ihre Fragen nicht. So mußte sie annehmen, daß Dr. Kirschner vor seinem Fortgehen seinem Ältesten eine kleine Summe Geldes zur Verfügung gestellt habe. Trotzdem hatte Bärbel ein Gefühl des Unbehagens, wenn Stefan täglich mit einer anderen Näscherei heimkam.

Eines Morgens ging Bärbel mit Fritz und Marlene zum Kaufmann. Vor seinem Geschäft stand eine Personenwaage, auf die sich Fritz sogleich setzte.

»Willst du wissen, wieviel du wiegst«, fragte Goldköpfchen freundlich, »so wollen wir Herrn Gauler rufen.«

»Will ich gar nicht wissen«, erwiderte Fritz lachend, »ich schaukle nur auf der Waage, bis sie knaxt.«

»Du wirst sie verderben, Fritz, wenn du nicht ruhig sitzen bleibst.«

»Dann muß sie eben wieder gemacht werden, Tante Pottchen. Das schadet doch nichts.«

Goldköpfchen versuchte nach Verlassen des Ladens dem übermütigen Knaben klarzumachen, daß jedes brave Kind die Sachen anderer genau so in acht nehmen müsse, wie die eigenen. Fritz aber meinte, er nähme seine Sachen selber nicht in acht; sie gingen rasch kaputt. So könnten die anderer Leute ruhig auch entzweigehen. Alles Ermahnen nützte wenig, der Knabe zeigte dafür kein Verständnis.

Nach Erledigung aller Einkäufe wollte Goldköpfchen heimgehen. Der Morgen war jedoch so schön, die Sonne schien so warm, daß die Kinder baten, man solle noch bis zur Brücke gehen, unter der die Eisenbahnzüge hindurchfuhren. Bärbel war einverstanden. Dabei schweiften ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit. Hierher war sie einmal geeilt, als ihre beiden Knaben sie holten, mit der Nachricht, die Brücke würde in die Luft krachen. Sogar der gute alte Forstrat war mitgekommen; auch er wollte der Sprengung der Brücke beiwohnen. Alles fand dann eine ganz harmlose Erklärung. Ein Vorübergehender hatte den im Straßenstaub spielenden Kindern zugerufen, sie sollten fortgehen, die Brücke würde gesprengt. Daß sie vor dem herannahenden Sprengwagen gewarnt wurden, begriffen die kleinen Knaben nicht. Erregt eilten sie vielmehr zur Mutter, um ihr zu sagen, daß die Brücke gleich in die Luft krachen würde.

Jahrelang lag das kleine Ereignis zurück und doch, wie klar erinnerte sich Goldköpfchen daran. Wie an alles, was sich in der glücklichen Zeit ereignet hatte, da Harald noch lebte. Sein liebes Gesicht tauchte vor ihrer Seele auf.

»Du machst ja plötzlich so komische Augen, Tante Pottchen«, fragte Fritz, der die geliebte Tante immerfort beobachtete.

»Ich habe an den toten Vater von Hermann und Jürgen gedacht.«

»An deinen Mann, ich weiß schon.«

»Ich habe eben auch an die Mutti gedacht«, sagte Marlene. »Wir wollen nach Hause gehen, das Bild ansehen, das du uns in die Stube gehängt hast. Die Mutti sieht jetzt immerfort auf uns 'runter, schon früh, wenn wir aufstehen.«

»Ja, Mäuschen, eure Mutti ist immer um euch. Sie sieht bei allem zu, was ihr auch tut.«

»Und wenn mich der Fritz haut, sieht sie das auch?«

»Ja, dann ist sie recht traurig.«

»Ach, Tante Pottchen«, meinte Fritz nachdenklich, »das ist doch nur ein Bild, wie du es bei dir zu Hause auch hast. Es ist nur dicke Pappe. Die kann doch nicht sehen.«

»Doch, Fritz.«

Goldköpfchen war es schon in den ersten Tagen ihres Verweilens im Kirschnerschen Hause klar, daß sie schwere Erziehungsarbeit zu leisten habe. Ihre mahnenden Worte würden nicht so rasch auf fruchtbaren Boden fallen. Dazu brauchte es mehr Zeit. Sie empfand jedoch heißes Mitleid mit dem Arzte, der durch seinen Beruf den ganzen Tag über dem Hause ferngehalten wurde und eines Tages mit Schrecken erkennen würde, daß seine Kinder verwahrlosten. So dachte sie immer wieder über Mittel und Wege nach, um die kleine Schar zum Guten anzuleiten. Jetzt glaubte sie eine neue Erziehungsmethode gefunden zu haben, indem sie den Kindern ein Bild der Mutter ins Spielzimmer brachte, es dort aufhängte und dabei erzählte, daß die Augen der Mutter vom Himmel herab durch das Bild auf die Kinder schauten.

»Gebt einmal recht gut acht, seht das Bild der Mutter genau an«, hatte Goldköpfchen gesagt. »Wenn ihr Böses getan habt, dann schaut die Mutti sehr traurig auf euch nieder, seid ihr aber lieb und gut, so freut sie sich mit euch und macht frohe Augen. Betrachtet das Bild nur genau, so werdet ihr das sehen.«

»Wir wollen schnell heimgehen«, sagte Marlene voller Ungeduld. »Wir gehen nachher mit Frau Leuschner in den Garten und pflücken Blumen. Die tragen wir der Mutti auf das Grab. Ob sie sich dann freut?«

»Nu komm, da wollen wir schnell heimgehen«, rief jetzt auch Fritz. Für ihn hatte das Bild plötzlich gleichfalls große Anziehungskraft bekommen.

Inzwischen war die Brücke erreicht. Die Kinder traten an die Brüstung und blickten zu den Schienen hinab. Jedesmal wenn ein Zug unten durchfuhr, jubelten sie; besonders wenn der Rauch der Lokomotive sie sekundenlang einhüllte. Vergessen war der Wunsch, rasch heimzukommen, vergessen das Bild mit den frohen oder traurigen Augen.

Goldköpfchens Augen glitten aufmerksam umher. Plötzlich weiteten sie sich. Dort drüben, an das Geländer gelehnt, standen zwei Knaben. Einer war Stefan, der andere Gottlieb Hilse, jener Schüler, der solch verderblichen Einfluß auf Stefan übte. Was trieben sie hier?

Goldköpfchen beschloß, sie ein wenig zu beobachten. Wenn sie hinter den Brückenpfeiler trat, sah man sie nicht, doch konnte sie Stefan und Gottlieb im Auge behalten. Sie rief Fritz und Marlene zu sich und bedeutete ihnen, dicht bei ihr zu bleiben. Sie könnten auch hier die Geleise, die Züge und die Signale sehen.

Nicht lange dauerte es, da kam ein alter Herr über die Brücke geschritten, auf den Gottlieb Hilse zuging. Was er zu ihm sagte, konnte Goldköpfchen nicht hören; sie sah nur, daß der Herr in die Tasche griff und dem Knaben etwas reichte. Sie sah auch, daß später Stefan mit Gottlieb tuschelte. Dann liefen beide Knaben davon.

Mit schwerem Herzen kehrte Bärbel heim. Fast hatte es den Anschein, als habe Gottlieb den alten Herrn um eine Gabe angesprochen. Vielleicht teilten sich die Knaben das Geld, vielleicht kauften sie davon Näschereien. Stefan Kirschner, der Sohn des Arztes, stand auf der Straße und bettelte! Ja, schämte er sich denn nicht? Goldköpfchen beschloß, noch heute den Knaben zu befragen. – Ob er ihr die Wahrheit sagen würde, war fraglich, denn oft genug schon war er von Tante Pottchen auf einer Unwahrheit ertappt worden.

Fritz und Marlene ahnten nicht, welch schwere Gedanken auf Goldköpfchen einstürmten. Sie war es nicht gewohnt, daß man sie belog. Ihre drei Kinder hielten die Wahrheit hoch, sie wußten, wie feige es ist, eine Unwahrheit zu sprechen.

»Was ist denn das für ein großes Haus, Tante Pottchen?« forschte Marlene, als man an einer Farbenfabrik vorüberschritt, einem riesigen Backsteinbau.

»Das ist eine Farbenfabrik, kleine Maus. Hier habt ihr wieder einmal den Beweis, was ein fleißiger Mensch erreichen kann. Der Vater dieses Mannes, dem heute die Fabrik gehört, war ein ganz bescheidener Malergeselle. Er hatte nichts als einen Farbentopf und einen Pinsel. Jetzt hat sein Sohn viele Hunderttausende.«

Marlene blieb staunend stehen. »Hunderttausend Pinsel hat er? Was will er denn damit, Tante Pottchen?«

Da mußte Goldköpfchen lächeln. Sie war mit ihren Gedanken wieder einmal bei ihren Kindern gewesen und hatte sich nicht richtig ausgedrückt.

»Jetzt hat er hunderttausend Pinsel«, wiederholte Marlene staunend. »Tante Pottchen, ich möchte mal die hunderttausend Pinsel sehen!«

»Du, das ist 'ne Masse«, bestätigte Fritz. »Wollen wir nicht mal 'reingehen und ihm sagen, er soll mir einen davon geben? Ich kann gar nicht mehr tuschen, alle Haare sind aus meinem Pinsel 'raus. Ich habe nur noch 'nen Stengel.«

Goldköpfchen beschloß, noch aus dem Heimweg Fritz einen neuen Pinsel zu kaufen, doch Fritz wollte durchaus einen der hunderttausend Pinsel. So war Goldköpfchen gezwungen, ihre ungenaue Bemerkung wieder richtigzustellen.

»So ein tüchtiger Mann. – Tante Pottchen, der hat aber Schwein im Leben gehabt.«

»Fritzchen, so spricht man nicht. Gewiß, er hatte Glück, aber in der Hauptsache war er sehr fleißig.«

»Du sagst, Tante Pottchen«, flüsterte Marlene ganz leise, »man darf nicht Schwein zu jemandem sagen? Ob die Tiere alle ihre Namen wissen?«

»Das glaube ich nicht, Mäuschen.«

»Ich glaube das auch nicht, Tante Pottchen, sonst müßte sich das Schwein doch immerzu schämen, wenn man zu ihm spricht, und es macht doch so lustige Augen und ist gar nicht traurig, wenn man Schwein zu ihm sagt. Ich habe es gesehen bei Frau Zörgel.«

So ging das Fragen unermüdlich weiter, bis man endlich daheim war. Goldköpfchen erkundigte sich sofort nach Stefan. Frau Leuschner berichtete, der Knabe habe ihr gesagt, er wolle unten im Garten spielen.

Schon wieder eine Unwahrheit! Stefan war fortgelaufen, um an der Brücke zu betteln.

Erst kurz vor Mittag kam er wieder heim. Goldköpfchen stand in der Küche, um das Essen fertigzumachen. Sie sah in das erhitzte Gesicht des Knaben und fragte ernst:

»Warst du im Garten, Stefan?«

»Ja«, klang es aus dem Munde des Knaben.

»Es war mir aber, als hätte ich dich auf der großen Brücke gesehen.«

»Ich war im Garten«, erwiderte das Kind und entfernte sich hastig aus der Küche.

In dem großen Spielzimmer fand er Fritz und Marlene, die vor dem Bilde der toten Mutter standen und es aufmerksam betrachteten.

»Freust du dich und lachst du, wenn ich dir sage, daß ich dich sehr lieb habe und daß ich möchte, du sollst bald wiederkommen?« sagte Marlene, und ihre Stimme zitterte merklich. »Mutter, komm doch wieder!«

»Sie freut sich«, flüsterte Fritz, »sieh mal, ich glaube, sie lacht.«

Dann betrachteten beide schweigend der Mutter Bildnis.

In diese feierliche Stille kam Stefan.

»Pst – pst – –«, rief ihm Fritz zu, »wir wollen sehen, ob die Mutter lacht.«

Stefan warf einen scheuen Blick auf das Bild, das Goldköpfchen am gestrigen Tage ins Kinderzimmer gehängt hatte. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Er hatte tatsächlich an der Eisenbahnbrücke gestanden und Vorübergehende um einen Fahrgroschen angesprochen. Gotthilf behauptete, er müsse nach Dresden und habe seine Börse verloren. So bekam er öfters einige Münzen. Heute aber war Stefan Kirschner von einem der Angesprochenen erkannt worden. Der Herr sagte ziemlich zornig, es sei unerhört, daß der Sohn eines Arztes um Geld bettle. Da war Stefan ausgerissen und eiligst heimgelaufen. Die Worte des Mannes klangen ihm noch im Ohr, der angedroht hatte, Dr. Kirschner davon Kenntnis zu geben.

»Höre mal, Stefan«, flüsterte Fritz, er sprach noch immer leise, »Tante Pottchen sagt, die Mutteraugen schauen immerfort auf uns herunter. Die Mutter weiß, was wir machen. Wenn du mich wieder mal verhaust, guckt sie böse herunter, aber wenn wir ihr Blumen auf den Hügel bringen, freut sie sich.«

»Unsinn!« Trotzdem warf Stefan einen unsicheren Blick auf das Bild. Sein Herz pochte stürmisch, das Gewissen meldete sich. Es schien ihm wirklich, als blickten die Augen der Mutter vorwurfsvoll auf ihn nieder, da wandte er sich ab und ging hinüber in des Vaters Zimmer. Aber auch hier hing ein Bild der Mutter, auch hier waren ihre Augen forschend und vorwurfsvoll auf ihn gerichtet.

Er atmete erst erleichtert wieder auf, als Tante Pottchen zum Mittagessen rief. – Nun saßen alle um den runden Tisch; Stefan machte jedoch einen unsicheren und verlegenen Eindruck.

»Nachher gehen wir zum Friedhof, Tante Pottchen, und bringen der Mutter schöne Blumen. Ich gehe mit Frau Leuschner.«

»Gehst du auch mit, Stefan?« fragte Goldköpfchen freundlich.

»Ich – ich – – ja – ich weiß noch nicht. Ja – – aber erst später.«

So fand sich die beste Gelegenheit, mit Stefan allein zu sprechen. Adele schlief, Frau Leuschner war mit Fritz und Marlene zum Kirchhof gegangen. Stefan saß im Kinderzimmer und las in einem Buch. Da trat Goldköpfchen ein.

»Sieh mal, Tante Pottchen, so ein schönes Buch.«

»Ich möchte dich etwas fragen, mein lieber Junge. Ich bitte dich aber, daß du die Wahrheit sagst. Es ist nicht schlimm, wenn man einen dummen Streich begeht, es ist aber sehr schlimm, wenn man ihn später nicht bekennt, sondern zum Lügen seine Zuflucht nimmt. Lügen ist etwas sehr Häßliches. Hat man sich das Lügen erst einmal angewöhnt, so wird man sein Leben lang kein tüchtiger und brauchbarer Mensch.«

Stefan schien wieder in dem Buche zu lesen, doch auf seiner Stirn brannte eine verräterische Röte.

»Hast du auch Freude daran, daß das Bild der Mutter hier im Zimmer hängt?«

»Ja, ja – –«

»Nun dürft ihr alltäglich in die lieben Augen schauen und immer daran denken, daß sie auch weiterhin auf euch achtgibt. Ihr werdet sie gewiß nicht betrüben wollen. – Und nun möchte ich dich noch einmal fragen, Stefan: Warst du heute vormittag im Garten oder an der großen Eisenbahnbrücke?«

Zunächst kam keine Antwort. Da legte Goldköpfchen beide Hände an die Wangen des Knaben und hob dessen Kopf empor. »Wird es dir so schwer, die Wahrheit zu sagen?«

»Ich war an der Brücke – –«

»So ist es recht, Stefan. Ich hoffe, daß du dich in Zukunft nicht wieder dorthin stellst. Wenn du etwas Geld brauchst, gebe ich es dir gern. Was würde dein guter Vater, was die liebe Mutter dazu sagen, wenn sie wüßten, was du an der Brücke getrieben hast. – Schau dir mal das Bild deiner Mutter an, Stefan. Sie hat dich immer so herzlich lieb gehabt, willst du sie betrüben? Soll sie noch im Himmel über dich weinen?«

Im Gesicht des Knaben zuckte es. Er warf einen scheuen Blick auf das Bild, dann begann er bitterlich zu weinen. Goldköpfchen zog ihn liebevoll an sich. Kein Wort des Vorwurfes kam mehr über ihre Lippen. Der Knabe dachte an die Entschlafene, der wilde Schmerz um die Dahingegangene füllte ihn in diesem Augenblick völlig aus. – Bald kehrten Fritz und Marlene zurück. Das kleine Mädchen trat sogleich an das Bild der Mutter:

»Kann die Mutter auch lachen und weinen? Tante Pottchen, ich glaube, sie hat gelacht, als ich ihr sagte, daß ich ihr die schönsten Blumen aus dem Garten gebracht habe. – Kann sie auch weinen, wenn ich sehr unartig bin?«

»Dann weint sie oben im Himmel.«

»Wenn aber die Himmelsaugen auf dem Bilde sind«, sagte Fritz, »müssen die Bildaugen auch weinen können. – Oh, das wäre schlimm!«

Am nächsten Morgen gab es im Kinderzimmer wieder Lärm. Stefan und Fritz waren dabei, Marlene mit Wasser zu bespritzen. Die Kleine flüchtete von einer Zimmerecke in die andere, schrie laut, doch beide Knaben spritzten unablässig aus dem Kruge Wasser nach ihr. Erst als Frau Leuschner ins Zimmer kam, wurde das Treiben eingestellt.

»Seht einmal an, was ihr angerichtet habt«, sagte sie ärgerlich. »Das schöne Bilderbuch auf dem Tisch ist völlig bespritzt, und die Decke auf dem kleinen Tisch ist ganz naß. Ihr seid doch recht unnütze Krabben.«

Mit einem Tuch mußte sie die nassen Stellen trockenwischen.

Eine knappe halbe Stunde später standen Marlene und Fritz mit angstvoll geweiteten Augen vor dem Bilde der Mutter. Aus dem einen Auge kam ein Tropfen heraus.

»Sie weint – – –«, flüsterte Fritz.

»Und auf der Backe ist auch ein Tropfen – –«

»Mutter – weinst du?«

Die beiden riefen nach Stefan, der im Garten war. Man holte ihn herauf, er solle auch vor das Bild treten.

»Guck – die Mutter weint.«

Stefans Gesicht wurde weiß wie die Wand. Ein Bild konnte nicht weinen, das ging nicht. – Aber gestern hatte Tante Pottchen davon gesprochen, es wäre schlimm, wenn die Mutter im Himmel über ihn weinen müßte.

»Sie weint im Himmel«, sagte Marlene, ohne zu ahnen, daß sie damit die Gedanken des großen Bruders aufgriff, »und ihre Himmelsaugen sind im Bilde. – Warum weinst du, Mutter?«

»Vielleicht weil wir Marlene bespritzt haben«, sagte Fritz zerknirscht. »Mutter, ich mach' es nicht wieder! – Mutter, ach, Mutter, du sollst doch nicht weinen.«

Fritz und Marlene eilten zu Tante Pottchen, sie begannen zu schluchzen. Frau Wendelin ahnte zunächst nicht, was in den Kinderherzen vorging. Erst als sie immer wieder hören mußte, daß die Mutter weine, ging sie ins Kinderzimmer. Dort saß zusammengesunken Stefan. Er hatte den Kopf in den Armen vergraben. Auch er weinte.

Das Leid der beiden Kleinen war schnell gestillt, nachdem Goldköpfchen die Erklärung abgegeben hatte, daß das Bild vorhin, bei dem wilden Spielen mit Wasser, bespritzt worden sei. Marlene schüttelte dennoch das Köpfchen.

»Es wird schon so sein, Tante Pottchen, die Mutter war über die Bengel böse, da ist doch eine Träne aus ihrem Auge gekommen.«

Goldköpfchen entfernte die Kinder aus dem Raum und trat dann zu Stefan. Sie verstand den ungebärdigen Knaben noch nicht und war unglücklich darüber. Was war heute wieder geschehen? Sie sprach auch jetzt weich und liebevoll auf ihn ein, fragte, was ihn bedrücke.

»Wenn ich der Mutter Blumen bringe, ist das nicht gut?«

»Ja, mein Junge. – Hast du es getan?«

»Ja, vorhin. – Ich bin wieder aus dem Garten gelaufen, aber ich bin auf dem Friedhof bei ihr gewesen und habe ihr Blumen gebracht.«

»Niemand wird dich deswegen schelten, Stefan, doch wäre es netter von dir gewesen, wenn du es vorher gesagt hättest. Du bist doch noch ein kleiner Knabe, dir kann mancherlei zustoßen. Wenn du fortläufst und ich weiß nicht, wohin du gegangen bist, bin ich in Sorgen. Doch nun trockne die Augen, Stefan, die Mutter wird sich über deine Blumen sehr gefreut haben.«

»Nein, sie freut sich nicht, sie ist böse.«

»Sie hat dir das Fortlaufen längst vergeben, denn sie weiß, daß du es gut meintest.«

Stefan sagte nichts mehr. Erst am Nachmittag, als Goldköpfchen auch für ein halbes Stündchen zum Friedhof ging, um sich am Grabe ihres Gatten neuen Mut für ihre schwere Erziehungsaufgabe zu holen, als sie auch zum Hügel Frau Kirschners schritt, sah sie auf deren Grab einen prachtvollen Strauß Rosen liegen. – Doch wer hatte die schönen Blüten so unordentlich in den Hügel gesteckt?

Daheim angekommen, fragte sie die Kinder, was für Blumen sie der Mutter gebracht hätten. Stefan schwieg dazu, und wieder überkam Goldköpfchen eine quälende Unruhe.

»Was brachtest du der Mutter, Stefan?« fragte sie.

Wieder schwieg der Knabe. Erst abends sagte er auf eine nochmalige Frage hastig, daß er die Rosen von einem anderen Grabe genommen habe, weil sie so schön leuchteten.

»So wollen wir morgen früh gemeinsam hinausgehen, mein Junge, um die Blumen wieder an ihren Ort zu legen. Solche Blumen liegen wie eine schwere Last auf dem Herzen deiner toten Mutter, denn die Rosen waren für einen anderen bestimmt, nicht für deine Mutter. – Sagt dir das dein Herz nicht, Stefan?«

»Ich wollte der Mutter das Schönste bringen, was da ist.«

»Und hast sie traurig und unglücklich gemacht. – Kennst du das Gebot nicht, das sagt: Du sollst nicht stehlen?«

»Ich will die Blumen zurücktragen.«

An diesem Abend sprach Goldköpfchen noch ein ernstes Wort mit Stefan; sie versuchte dem achtjährigen Knaben klarzumachen, daß er auf dem besten Wege sei, dem Vater großen Kummer zu bereiten, daß auch die Mutter im Himmel keine Ruhe habe, wenn sie sehen müsse, wie unüberlegt ihr Ältester handle.

Am späten Abend saß Goldköpfchen bei Frau Leuschner und vergoß bittere Tränen. Trotzdem fiel ein beglückendes Licht in ihre Seele, als sie an ihre drei dachte, denen solch ein Unrecht immer fremd gewesen war. –

An den beiden folgenden Tagen bemühte sich Stefan sichtlich, artig zu sein. Er schickte sogar seinen Freund Gottlieb, der nach der Villa kam, um ihn abzuholen, wieder fort, mit dem Bemerken, er wolle nicht mit ihm zusammen sein. Goldköpfchen bemühte sich nach Kräften, den Kindern Freude zu bereiten. Sie hatte daher bei Forstrat Schmeling, ihrem väterlichen Freunde, angefragt, ob sie ihn einmal mit ihren drei Schützlingen besuchen dürfe. Der Forstrat und seine Frau, die in Heidenau auch eine eigene Villa besaßen, stimmten freudig zu. Goldköpfchen ging mit schwerem Herzen hin, sie hatte viele Jahre mit ihrem Harald und den Kindern im oberen Stockwerk dieser Villa gewohnt. Alles erinnerte sie an ihre glückliche Ehezeit, so daß ihr allein schon das Wiedersehen mit Haus und Garten seelische Schmerzen bereitete. Da sie jedoch wußte, daß das alte Ehepaar sehr kinderlieb war, und der alte Forstmann mit seinem Humor Kinder oftmals zum Lachen brachte, hatte sie für heute diesen Besuch geplant.

Dann saßen alle im Garten um den Kaffeetisch. Mitunter ertönte lautes Lachen, wenn der Forstrat Schnurren aus seinem Leben erzählte.

»Einen ganz richtigen Wildschweinskopf hast du an der Wand hängen? Den möchte ich sehen«, rief Stefan.

Schmeling ging mit den beiden Knaben ins Haus. Sie staunten. Da lag im Zimmer des Forstrates ein ganz kleiner Teppich.

»Oh, sieh nur«, rief Fritz, »ist das ein komischer Teppich!«

»Eine Hirschdecke«, erklärte der Forstrat.

Verständnislos blickten ihn die Knaben an.

»Das Fell eines Hirsches«, lachte Schmeling.

»Ich denke eine Decke vom Hirsch?«

»Beim Wild nennt man es nicht Fell sondern Decke. Das werdet ihr alles später noch lernen.«

»Oh, ein Adler!« schrie Stefan, als er den ausgestopften Habicht sah.

»Und dort noch ein komisches Tier!«

»Ein Auerhahn.«

Die beiden Knaben kamen aus dem Staunen nicht heraus. Sie bewunderten den Kronleuchter, der nicht, wie daheim, aus Glas war, sondern aus den Geweihen der Hirsche.

»Lauter spaßige Sachen«, stellte Fritz fest, »das muß ich Tante Pottchen sagen. – Tante Pottchen sieht so etwas auch sehr gern.«

»Tante Pottchen kennt das alles längst. Ihr habt wohl Tante Pottchen sehr lieb?«

Das Lob Goldköpfchens wurde von allen drei Kindern gesungen.

»Ich kann mir schon denken, daß ihr es bei Tante Goldköpfchen sehr gut habt. Wenn erst Hermann, Jürgen und Erna aus Dillstadt zurückkommen, müßt ihr brav zusammenhalten.«

»Machen wir! – Jetzt sind wir fünf, dann hat Tante Pottchen acht Kinder.«

»Dann ist sie eine Mutter von acht Kindern«, bestätigte Fritz.

Der Forstrat sagte nichts darauf. Wohl wäre es ein Glück für die Kirschnerschen Kinder, diese Mutter zu bekommen, aber man konnte ihr diese schwierige Aufgabe nicht zumuten. Die tapfere Witwe trug auch noch zu viel Leid um den Verstorbenen im Herzen, sie würde sich zu einer zweiten Ehe wohl niemals bereit finden. Außerdem hatte sie ihr photographisches Atelier, das ihr die Möglichkeit gab, ihre Selbständigkeit zu erhalten und die drei Kinder zu ernähren.

Am späten Nachmittag ging man wieder heim, nachdem der Forstrat die Kinder aufgefordert hatte, sich öfter in seinem Garten sehen zu lassen.

»Ich glaube, ich kann Ihnen damit ein wenig Ihr schweres Los erleichtern, liebe Frau Goldköpfchen. Auch wenn Doktor Kirschner wieder daheim ist, will ich ihn bitten, mir die Kinder öfters herzusenden. In meinem Garten sind sie gut aufgehoben, hier kann ihnen nichts geschehen.«

Dann wandte Forstrat Schmeling sich an die Kinder. »Na, kann ich euch noch eine Freude machen? Ich möchte euch etwas schenken.«

Die Augen des kleinen Fritz leuchteten auf. »Möchten Sie das wirklich?«

»Wenn ich es sage, so stimmt es auch.«

Stefan erbat ein Stück Schokolade, Fritz hingegen hob sich auf die Zehen und flüsterte dem alten Herrn ins Ohr:

»Ein Töpfchen mit Mostrich möchte ich haben.«

»Was willst du haben?«

»Die Ida gibt nichts mehr. Wir hatten ihr welchen weggenommen. Jetzt ist der Mostrich versteckt und ich brauche ihn doch so nötig.«

»Kleiner Mann, wozu brauchst du denn Mostrich?«

»Pst – ganz leise, Onkel Forstrat. – Das darf gar keiner wissen, das ist ein wunderschönes Geheimnis und macht dollen Spaß.«

»Wenn ich dir ein Glas mit Mostrich schenken soll, Fritz, muß ich vorher wissen, was du damit machen willst.«

»Verraten Sie auch nichts?«

»Nein.«

»Na, dann können Sie es wissen. – An der Schule ist nämlich ein Briefkasten. Als wir noch Schule hatten, haben wir mal Mostrich in den Briefkasten getan. Mit einem ganz kleinen Löffel. Das kleckerte so schön 'runter in den Kasten. Na, aber dann sind wir geflitzt! Und nu' möchten wir mal wieder Mostrich in den Briefkasten tun. Ich habe gestern gerade mit dem Werner gesprochen. Wir wollen bald mal hingehen.«

»Das wart ihr? –«

»Ja!« sagte Fritz stolz, »das waren wir! Einer hat so'n bißchen Mostrich gebracht und nu' bin ich an der Reihe.«

»Den Unsinn laßt mal sein, Jungens! Der Herr Postdirektor hat schönen Ärger gehabt. Den ganzen Briefkasten habt ihr verschmutzt und die Briefe dazu. – Möchtest du solch einen schmutzigen Brief bekommen?«

»Au – ja, das macht Spaß!«

»Nun ja, solch ein Ferkel wie du – –«

»Wenn ich das Tante Pottchen sage, werden Sie ausgezankt. Man soll nicht Schwein, Esel oder Ferkel sagen. – So ein großer Mann und sagt Ferkel.«

»Den Mostrich bekommst du nicht, Junge, das ist eine Ungezogenheit. So etwas dürft ihr nicht wieder machen.«

»Heute hat's der Werner gerade gemacht. Heute nachmittag wollte er zum Briefkasten gehen und morgen komme ich an die Reihe.«

Forstrat Schmeling legte das Gesicht in grimmige Falten. »Da wird es euch aber schlecht ergehen, das weiß ich. Um sieben Uhr heute abend wird der Briefkasten ausgeräumt. Der Herr Postdirektor kommt gewiß mit der Polizei. Und wenn heute wieder Mostrich im Kasten ist, nimmt er dich und den Werner am Kragen und bringt euch ins finstere Loch.«

Fritz vergaß vor Aufregung den Mund zu schließen. »Macht er das wirklich?«

»Ja, das macht er. Er hat es mir gesagt.«

»Wann kommt er mit der Polizei?«

»Heute abend, um sieben Uhr.«

»Onkel Forstrat, wie spät ist es jetzt?«

»Es fehlt noch eine halbe Stunde, dann ist es sieben.«

»Kommt er wirklich mit der Polizei und steckt uns ins finstere Loch?«

»Das wird er schon machen. Solche Schmierfinken gehören ins Loch.«

Goldköpfchen und die beiden anderen Kinder standen mit Frau Schmeling bereits wartend im Vorgarten. Als Bärbel nach Fritz rief, kam er mit verängstigtem Gesicht langsam näher. Inzwischen winkte der Forstrat Goldköpfchen zu sich und flüsterte ihr eilig zu, was er soeben gehört hatte.

Goldköpfchen unterdrückte nur mühsam ein Lachen. Ihre beiden Jungen hatten auch einmal den Gedanken gehabt, Mostrich in den Briefkasten zu werfen, sich dann aber mit Salz begnügt. Alles wiederholte sich.

»Tante Pottchen, möchtest du nicht mit uns über die Dresdener Straße nach Hause gehen?« bettelte Fritz. »Ich muß dem Werner rasch mal pfeifen. – Ach, liebe Tante Pottchen, komm doch so herum.«

Goldköpfchen gab nach. Sie ahnte, daß Werner den Streich mitgemacht habe. Er wohnte der Schule gerade gegenüber. Fritz pfiff aus Leibeskräften nach dem Freunde und bald öffnete sich oben auch ein Fenster, in dem das pfiffige Gesicht des Schulfreundes sichtbar wurde.

»Gleich muß er kommen«, klang es von oben herab.

»Komm schnell 'runter«, schrie Fritz angstvoll, »aber ganz rasch.«

Goldköpfchen stellte sich mit den beiden anderen Kindern an eines der Schaufenster, als Werner herunterkam; sie verstand jedoch jedes Wort der im Flüsterton geführten Unterhaltung.

»Wie kriegen wir den Mostrich wieder 'raus? Wenn er im Kasten bleibt, kommen wir ins Loch. – Hast du viel 'reingetan?«

»Massenhaft – eine ganze Tasse voll.«

»Was machen wir nun?« fragte Fritz weinerlich. »Der Postdirektor kommt gleich mit der Polizei.«

Man überlegte. Dann rannte Werner ins Haus zurück und kam sehr bald mit zwei Quirlen und etwas Bindfaden zurück. Um die Quirlstiele wickelten die beiden kleinen Missetäter ihre Taschentücher und fuhren damit im Innern des Briefkastens umher. Stefan beobachtete alles voller Spannung. Lachend stellte er sich dazu.

»Wutsch. – Mein Taschentuch ist in den Kasten gerutscht«, schrie Fritz. Ratlos eilte er zu Goldköpfchen. »Komm schnell weg, wir sind in großer Gefahr.«

Goldköpfchen sah ein, hier konnte sie nichts helfen. Doch würde die beiden Knaben die gerechte Strafe schon ereilen. Heimgekehrt, trat Fritz noch immer kummervoll vor der Mutter Bild und meinte, ihre Augen blickten heute wieder traurig drein.

»Wegen so 'nem bißchen Mostrich.«

Goldköpfchen aber war anderer Meinung und machte ihm ernste Vorwürfe.

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