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Goldköpfchens großer Entschluß

Magda Trott: Goldköpfchens großer Entschluß - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens großer Entschluß
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160802
modified20180403
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2
Der Teufel und die Fliegen

Die großen Ferien kamen immer näher. Seit Tagen überlegte Frau Goldköpfchen, ob es ratsam und möglich sei, mit den drei Kindern eine kleine Ferienreise zu machen. Obwohl sie eine sparsame Hausfrau war, kostete doch das Atelier mit all seinen Anschaffungen eine Menge Geld, und drei Kinder wollten versorgt sein. Hinzu kam noch, daß Frau Wendelin immer eine offene Hand hatte und Bedürftige niemals zurückwies, ohne ihnen mit einem kleinen Geldbetrag ausgeholfen zu haben. Freilich, wenn sie an den Vater oder an Bruder Kuno schrieb, der jetzt die väterliche Apotheke übernommen hatte, würden sie ihr ohne weiteres einen Reisezuschuß schicken. Doch es war schließlich nicht einmal nötig, daß man eine Reise unternahm, denn daheim in Dillstadt sehnte man sich danach, Goldköpfchen und die Kinder wieder für einige Wochen zu haben. Frau Leuschner, die treue Alte, wurde auch stets herzlich willkommen geheißen; auch ihr tat eine Ausspannung not.

Wenn auch die Kinder volle fünf Wochen in Dillstadt bei den Großeltern verbringen konnten, war es für Goldköpfchen unmöglich, das Atelier so lange zu schließen oder ihrer tüchtigen Hilfe, Fräulein Schilling, allein zu überlassen. Das ging nicht an. Wenn auch in den heißen Sommermonaten Juli und August in Heidenau nicht viel zu tun war, konnte sie doch an völlige Stillegung für mehrere Wochen nicht denken. So überlegte Goldköpfchen hin und her, wie alles wohl am zweckmäßigsten einzurichten wäre.

Als sie den Kindern sagte, daß die großen Ferien wahrscheinlich bei den Großeltern verlebt werden würden, brachen alle drei in laute Freudenrufe aus. Das große Apothekenhaus mit den vielen Kellern und dem langen, dunklen Gang, den drei mit Kisten angefüllten Schuppen, war für Hermann und Jürgen das Interessanteste, was es auf der Erde gab. Was konnten sie dort an seltsamen Spielen unternehmen! Nirgends konnten sie sich so gut verstecken, nirgends so gut Indianer auf Schleichpfaden spielen.

»Du kommst doch mit, Mutti?« fragte Hermann.

»Für einige Tage ganz gewiß. Dann muß ich wieder zurück.«

»Arme, liebe Mutti«, sagte der Knabe, »du mußt nun der Brotverdiener sein, mußt uns alle ernähren und immer arbeiten, auch wenn wir Ferien haben.«

»Frau Leuschner fährt mit euch.«

»Könnte Frau Leuschner nicht lieber in dein Atelier gehen?« fragte die kleine Erna. »Knipsen kann sie doch auch.«

»Nein, Mäuschen, das geht nicht. Aber wir wollen noch überlegen, wie wir alles am zweckmäßigsten einrichten.«

Natürlich dachte Goldköpfchen auch daran, daß Karla Schilling eine Erholungszeit bekam. Da sie wußte, daß Bruder Kuno an dem jungen Mädchen Gefallen gefunden hatte, wollte es Bärbel so einrichten, daß Karla die Kinder aus Dillstadt abholte, dort aber zuvor einige Tage blieb. Warum sollte sie zwei jungen Menschenkindern, die vortrefflich zueinander paßten, nicht ein wenig helfen, ihr Glück zu gründen?

Bei der heutigen Mittagsmahlzeit wurde sehr eingehend von der Reise nach Dillstadt gesprochen. Hermann meinte, es sei die höchste Zeit, die Großeltern zu benachrichtigen.

»Wir haben vierzehn Tage Zeit. Erst wird noch gelernt«, mahnte Goldköpfchen. »Auch muß Erna wieder frische, rote Bäckchen haben.«

»Die streichen wir an«, sagte Hermann gelassen. »Weißt du, wie Fräulein Brodowin es machte, die mich mitnehmen wollte. – Mutti, es ist ein Glück, daß ich mit der nicht mitgegangen bin.«

Mit Unbehagen dachte Bärbel an den Besuch vor fast zwei Jahren. Die Schulfreundin, Hella Brodowin, war Goldköpfchen niemals angenehm gewesen. Später war Hella zum Theater und zum Film gegangen und hatte sich eines Tages, ganz unerwartet, in Heidenau als Besuch angesagt. Vergeblich hatte sie damals versucht, Zwietracht in die glückliche Ehe zu bringen. Und als es nicht gelang, wollte Hella den aufgeweckten Knaben Hermann an sich ziehen, redete ihm vor, er würde als Filmschauspieler Unsummen verdienen. Dadurch wollte sie den Knaben veranlassen, mit ihr heimlich Heidenau zu verlassen. Wäre damals der gute Forstrat Schmeling nicht dazwischengekommen, es hätte ein großes Unglück geben können.

Erna plauderte lustig von den Großeltern; Hermann jedoch betrachtete aufmerksam eine Fliege, die an der Lampe auf und ab spazierte.

»Mutti, ich muß dich etwas fragen.«

»Ich auch«, rief Jürgen.

»Still bist du, erst frage ich!«

»Was willst du wissen, Hermann?« Goldköpfchen wußte genau, daß die Kinder, wenn sie ihre Fragen derartig einleiteten, etwas Besonderes auf dem Herzen hatten. Die unglaublichsten Fragen waren schon gestellt worden, oft, sehr oft, fand sie keine Antwort darauf.

»Mutti, ich möchte gerne wissen, was der Teufel frißt, wenn er nicht in Not ist.«

»Was willst du wissen?«

»Heute sagte einer in der Schule: wenn der Teufel in Not ist, frißt er Fliegen. Der Teufel ist aber nicht immer in Not. – Was frißt er dann?«

»Menschen!« schrie Jürgen.

»Sei still, erst will ich wissen, was er frißt. – Also, Mutti, was frißt er?«

Frau Leuschner unterdrückte ein Lächeln, und auch um Goldköpfchens Lippen zuckte es verräterisch.

»Das ist eine Redensart, Hermann. Du weißt doch, daß es gar viele derartige Redensarten gibt, die nur als Gleichnis dienen. Man sagt doch auch: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, und das bedeutet – –«

»Ich weiß, Mutti! Manchmal ist es sehr gut, wenn man spricht, aber es ist mitunter noch viel besser, wenn man den Mund hält und hübsch zuhört.«

»Sehr brav, Hermann!«

»Wie ist es nun aber mit dem Fliegen fressenden Teufel?«

»Es bedeutet, mein lieber Junge, daß der Mensch, wenn er in Not ist oder wenn er kaum einen guten Ausweg sieht, auch etwas Unangenehmes auf sich nimmt, um sich weiter zu helfen. Ist dir das klar?«

»Also, – wenn ich großen Hunger habe und lange nichts zu essen bekomme, weil ich kein Geld habe, esse ich sogar Kohlrüben.«

»Sehr richtig, Hermann, so ist es gemeint. Du wirst im Leben die Wahrheit dieser Redensart auch erkennen müssen.«

»Ich möchte jetzt auch was fragen!«

»Nun bist du an der Reihe, kleiner Jürgen.«

»Mutti, – gibt es ein Totes Meer?«

»Jawohl.«

»Was hat denn dem Toten Meer gefehlt, daß es tot wurde? Woran ist es gestorben?«

»Ein Meer kann niemals sterben, Jürgen. Es hat seinen Namen daher, daß in seinem Wasser keine Tiere leben können. Das Wasser ist so salzhaltig, enthält außerdem noch viele andere Stoffe, die Lebewesen nicht vertragen können. Und weil in ihm und um das Meer alles tot ist, heißt es das Tote Meer.«

»Ein komisches Meer!«

»Ich möchte auch was wissen«, sagte Erna. »Im Auto vom Onkel Doktor ist vorn ein Thermometer drin. – Hat das Auto auch Fieber, wie ich?«

Jetzt mußte Goldköpfchen hell auflachen. Doch ehe sie Erna eine Antwort erteilen konnte, kam Hermann mit einer neuen Frage.

»Nur noch eins möchte ich wissen, Mutti, davon haben sie heute in der Schule gesprochen. – Auf dem Lindenplatz steht neben dem Karussell eine Bude. Dort drin ist ein – – ein – – Fakir zu sehen. – Was ist denn ein Fakir, Mutti?«

»Ein Inder, mein Junge, der allerlei Kunststücke zum Besten gibt. Durch eiserne Willenskraft haben es diese Fakire dahin gebracht, daß sie sich Nadeln oder Nägel ins Fleisch stechen können, ohne Schmerzen zu empfinden.«

»Muß schön sein, solch ein Fakir zu sein«, meinte Hermann. »Wenn man ein Junge ist, und, wie der Stefan Kirschner, oft Prügel bekommt, wäre es fein, wenn er auch so ein Fakir wäre. Wenigstens hinten und im Gesicht. – Mutti, Kirschners Köchin hat ihn gehörig verhauen, als er sie mit dem Stück Holz geworfen hatte. Und das Fräulein, das sie jetzt haben, verkeilt ihn auch jeden Tag. Der Stefan möchte gewiß gern ein Fakir sein.«

»Wie geht es denn bei Kirschners?«

»Schlimm, Mutti, sehr schlimm. – Na, dort muß eine Wirtschaft sein! Der Stefan hat gestern, als ich aus der Schule kam, von einem Mann auf der Straße Prügel bekommen.«

»Was hat er denn wieder gemacht?«

»Er hat dem Manne Gesichter geschnitten. Da hat der Mann gesagt, er solle sich schämen, sein Gesicht würde ihm einmal so stehenbleiben. Da hat der Stefan geantwortet: ›Ihnen ist's wohl mal stehengeblieben? Sie haben eine ganz scheußliche Fratze.‹ Da ist der Mann zugesprungen und hat ihn verkeilt.«

Goldköpfchen seufzte und warf einen kummervollen Blick zu Frau Leuschner hinüber. Die Kinder des Arztes taten ihr in der Seele leid. Aufzuwachsen ohne Mutter, der Vater den ganzen Tag unterwegs, nichts wissend, was daheim vorging.

Man hatte sich vom Essen erhoben; die Kinder stürmten davon. Goldköpfchen und Frau Leuschner waren noch mit dem Abräumen des Eßtisches beschäftigt, da kam schon wieder Klein-Erna ins Zimmer getrippelt.

»Mutti, ein Kellner ist da!«

»Was will er denn?«

»Er will dich! – Mutti, das is' ein feiner Kellner.«

»Mutti«, kam Jürgen ins Zimmer gestürzt, »ein ganz feiner Weinkellner ist draußen, aber ganz ein feiner! Er wartet auf dich.«

Goldköpfchen band rasch die Wirtschaftsschürze ab. »Wo ist der Herr?«

»Er sitzt im Wartezimmer neben dem Atelier.«

Frau Wendelin betrat den Raum. Ein Herr im Frack bat um eine Aufnahme. Goldköpfchen sah an der Tür die neugierigen Blicke ihres Jürgen. Rasch machte sie ihm ein Zeichen zu verschwinden. Doch der berichtete Frau Leuschner, daß ein ganz feiner Weinkellner zur Mutti gekommen sei.

»Genau so fein, wie damals, als wir mit Onkel Forstrat in dem großen Saal gesessen haben und mit zwei Paar Messer und Gabeln essen mußten, weil es immer noch was anderes gab.«

Das Mißverständnis wurde sehr bald von Goldköpfchen aufgeklärt. Herren im Frack kamen fast nie zu Goldköpfchen. Heute war es eine Ausnahme.

»Mutti, so ein Mann nimmt immer sehr viel Geld ein. Hast du ihm auch viel abgenommen? So ein feiner Weinkellner greift nur in die Hosentaschen und schon hat er die ganze Hand voller Geldstücke. – Oh, das sind reiche Leute! Wenn ich groß bin, werde ich auch ein feiner Weinkellner.«

In den nächsten Tagen gab es für Goldköpfchen noch viel Arbeit. Es schien, als wollten viele Heidenauer vor der Sommerreise noch eine Aufnahme von sich haben. So konnte sich die Mutter ihren Kindern weniger denn je widmen. Und doch hingen sechs Kinderaugen allabendlich, wenn die Mutter herüberkam, an ihrem Gesicht.

»Bald sind die Ferien da, Mutti. Wirst du mit uns reisen können?«

»Ich hoffe es.«

»Viele Wochen?«

»Nein, nur acht Tage. Ihr müßt schon zufrieden sein, daß eure Mutti für kurze Zeit mit euch in Dillstadt ist.«

Hermann schlang beide Arme um die geliebte Mutter. »Ich weiß schon«, sagte er weich, »wir sind auch damit zufrieden. Wir müssen es eben machen wie der Teufel, der in der Not Fliegen frißt. Wir müssen froh über die acht Tage sein.«

»Freilich, mein lieber Junge. Aber es gibt vielleicht noch einen Ausweg.«

»Oh, Mutti«, jubelte Jürgen, »dann wollen wir auf dem Wege gehen, der ein Ausweg ist!«

Goldköpfchen wandte sich an Frau Leuschner. »Ich habe gehört, daß vor einigen Tagen der junge Herr Rotmühl nach Heidenau gekommen ist. Er hat sein photographisches Atelier an der Nordsee aufgeben müssen, da seine Frau das Klima nicht verträgt. Nun tut er sich um, weiß aber noch nicht, wo er seine neue Tätigkeit aufnehmen soll.«

»Rotmühl«, flüsterte Hermann und sah den Bruder an. Unvergessen war für ihn das schreckliche Erlebnis vom vorigen Jahr. Die beiden bösen Photographen, Hampel und Rotmühl, hatten der Mutti so viele Schwierigkeiten gemacht, als sie nach des Vaters Tode das Atelier eröffnet hatte. Da war Hermann auf den Gedanken gekommen, die Schilder der Konkurrenten zu verkleben und Zettel auszuteilen, man solle sich nur im »Atelier Goldköpfchen« photographieren lassen. Er hatte sogar ein Gedicht gemacht: »Der Rotmühl kann nicht viel.« Dafür mußte er zur Polizei kommen. – Oh, das war eine schreckliche Erinnerung! Glücklicherweise waren jetzt Hampel und Rotmühl immer sehr freundlich zur Mutti und ärgerten sie nicht mehr.

»Es ist schlimm für einen jüngeren Mann, der hoffte, an der Nordsee eine gute Existenz zu haben«, fuhr Goldköpfchen fort. »Wer weiß, wo er etwas Passendes finden wird. Fürs erste hilft er dem Vater, doch hat jetzt zur Sommerszeit kein Atelier viel zu tun.«

»Siehst du, Mutti«, rief Hermann, »hier paßt der Spruch. Jetzt frißt der junge Rotmühl auch Fliegen in der Not.«

»Das darfst du nicht sagen, Hermann. Herr Rotmühl sucht nach einer Beschäftigung und macht sich nützlich, wo er kann. Ich hatte schon daran gedacht, ihn zu bitten, mich während der Reise nach Dillstadt zu vertreten.«

»Tun Sie das, liebe Frau Wendelin«, bat Frau Leuschner. »Ihnen ist ein Ausspannen sehr nötig.«

»Ich würde recht gern für einige Wochen ins Elternhaus fahren.«

Drei Kinder hingen am Halse der Mutter und bestürmten sie, mitzukommen.

»Du sollst wieder so blanke Augen haben wie früher, liebe, liebe Mutti. Jetzt bist du eine müde und abgearbeitete Frau. Wenn man immerfort den Kopf unter das schwarze Tuch stecken muß, braucht man auch mal wieder viel Sonnenschein, und der ist in Großvaters Garten am allerschönsten! – Mutti, können wir das Sprichwort nicht auch mal anders umdrehen? Komm nur mit, es wird schon gehen! Der Väti sagte immer, es läßt sich alles einrichten, wenn man nur will. Du futterst ein paar Fliegen auf und die Sache klappt. Ach, Mutti, bitte, bitte, komm doch mit!«

Da Goldköpfchen sich selbst nach einer Zeit der Ruhe sehnte, beschloß sie, am kommenden Sonntag zu Herrn Rotmühl zu gehen, und ihn zu fragen, ob sein Sohn bereit wäre, gemeinsam mit Fräulein Schilling in ihrem Atelier zu arbeiten und sie zu vertreten. Noch vor einem halben Jahr wäre das undenkbar gewesen! Da haßte man sie, die es gewagt hatte, den beiden Photographen Konkurrentin zu werden. – Doch das war heute anders. Es herrschte ein freundliches Übereinkommen und oft sprach man gemeinsam über fachmännische Dinge. Einer gab dem anderen Ratschläge, die gern entgegengenommen wurden.

Das Drängen der Kinder ließ nicht nach, ihnen schloß sich Frau Leuschner an. Schon wurden die ersten Sachen in die Koffer gepackt, schon jauchzten die drei Kinder hell auf vor Freude, sie konnten den Schulschluß kaum erwarten, da begab sich Frau Wendelin auf den Weg zu Herrn Rotmühl.

Sie brachte ihr Anliegen vor. Der junge Rotmühl machte auf Goldköpfchen einen günstigen Eindruck, und hocherfreut nahm er das Anerbieten an.

»Ich werde mir die denkbar größte Mühe geben, Frau Wendelin, damit ich den guten Ruf Ihres Ateliers wahre. Ich habe viele Ihrer Aufnahmen gesehen und mich herzlich darüber gefreut. Besonders Kinderaufnahmen sind Ihre Stärke. Das macht keiner von uns so gut wie Sie.«

»Wenn man drei Kinder hat, wie ich, die man genau studiert – –«

»So prächtige Kinder, Frau Wendelin. Erinnern Sie sich noch, was sie uns aus Liebe für Sie einstmals für Streiche spielten? Doch das ist alles längst vergessen und vergeben. Heute freuen wir uns über Ihre prächtigen Kinder.«

Goldköpfchen warf dem Photographen einen glücklichen Blick zu. Wie froh machte es, ein Lob über diese Vaterlosen zu hören.

»Traurig, sehr traurig, wenn man an unseren Doktor Kirschner denkt. Was soll dort nur noch werden? Heute hat die Köchin ihre Sachen gepackt und ist einfach fortgelaufen. Im Augenblick hilft Frau Rose aus, doch die kann auch nicht lange von daheim fort. Es ist zu traurig.«

Goldköpfchen nahm sich vor, auf dem Heimwege rasch einmal zu Kirschners zu gehen, um nachzusehen, wie es dort stehe.

Schon beim Betreten des Hauses hörte sie Toben und Lärmen. Aus einem der Zimmer schallte lautes Gepolter. Da niemand kam, um sie anzumelden, die Flurtür außerdem weit geöffnet stand, ging sie auf den Raum zu, aus dem der Lärm ertönte.

Sprachlos blieb Goldköpfchen in der geöffneten Tür stehen. Stefan stand auf dem Tisch und warf dickbändige Bücher krachend auf den Fußboden, Fritz und Marlene aber sorgten dafür, daß auch Stühle umgeworfen wurden. Sofort trat Stille ein. Die Vierjährige lief Goldköpfchen sogar entgegen. Sie mochte die Tante, die sich häufig sehen ließ, gut leiden. Wie oft war sie von Mutters Schoß zu Goldköpfchen hinübergeklettert und hatte die liebe Tante zärtlich geküßt.

»Ja, ja, Marlene«, so sprach damals die Mutter, »Tante Goldköpfchen ist eine sehr liebe Tante.«

Der Name war für die damals zwei Jahre zählende Marlene noch zu schwer, aber er gefiel ihr. Tante – Tante »Pottchen«, so wurde der Name von ihr verändert, und »Tante Pottchen« hieß Goldköpfchen seit dieser Stunde bei allen Kindern des Arztes. Sogar die kleine Adele, die jetzt achtzehn Monate zählte, brach beim Anblick der guten Tante in Jauchzen aus, streckte ihr beide Ärmchen entgegen und rief:

»Pottchen, – Pottchen!«

»Was macht ihr hier, Kinder?«

»Erdbeben spielen wir, Tante Pottchen«, rief Stefan und schleuderte wieder einen dicken Band krachend auf den Fußboden. »Geh rasch weg, sonst kriegst du eins an die Beine!«

»Die Erde hat nun genug gebebt, Stefan. Denke daran, daß dein kleines Schwesterchen Ulla schlafen will. Es wird erschrecken, wenn du alles durcheinander wirfst. Wenn du dein kleines Schwesterchen liebhast, mußt du mit Lärmen aufhören.«

»Ich hab' es noch nicht lieb, Tante Pottchen, es ist noch zu klein.«

Schon griff Stefan wieder nach einem Buch, doch da stand Goldköpfchen plötzlich neben dem Knaben und hielt ihm den Arm fest.

»Jetzt ist es genug mit dem Erdbeben. Die Bücher kommen wieder in den Schrank. Komm, mein lieber Junge, wir stellen sie gemeinsam hinein.«

Stefan legte beide Hände auf den Rücken und sah Goldköpfchen trotzig an. Marlene hingegen bückte sich sogleich, um ein Buch aufzuheben. »Ich helfe dir«, sagte sie mit ihrer süßen Stimme. »Tante Pottchen, kommt meine Mutti niemals wieder?«

»Deine liebe Mutti ist im Himmel.«

»Sie soll nicht so lange im Himmel bleiben, Tante Pottchen. Marlene will auch eine Mutti haben.«

»Die Mutti soll endlich wiederkommen«, klang Fritzens Stimme plötzlich weinerlich hinter dem Schrank hervor. »Sie soll endlich wiederkommen. – Mutti – Mutti – Mutti – –« Fritz warf sich auf die Erde und begann bitterlich zu schluchzen.

»Halt die Flabbe«, schrie ihn Stefan an. »Sie kommt doch nicht mehr wieder. Sie liegt in der Erde, sie – – sie – – ist doch tot!« Bei diesen Worten brach auch Stefans Stimme. Er drückte beide Hände ans Gesicht und weinte nicht minder schmerzlich als Bruder Fritz.

Da saß nun Goldköpfchen inmitten dieses Jammers und versuchte mit wehem Herzen zu trösten.

»Tante Pottchen«, klagte Marlene, »die Mutti soll wiederkommen.«

Es riß an ihrem Herzen. Was sollte sie diesen armen Kleinen sagen? Wie konnte sie ihnen einen Trost bringen? Alle die schönen Worte, daß die Mutti vom Himmel aus auf sie niedersehe, fruchteten wenig. Kinderherzen, von Leid und Sehnsucht erfüllt, verlangten nach dem Köstlichsten, nach der Mutterliebe.

Das Schluchzen ließ schließlich nach. Marlene saß auf Goldköpfchens Schoß und legte den müden Kopf an ihre Brust. »Wie bei der Mutti«, hauchte sie, »das ist schön. – Du mußt hierbleiben, Tante Pottchen.«

»Ich weiß etwas sehr Schönes«, sagte Goldköpfchen, mühsam ihre Rührung unterdrückend. »Heute ist Sonntag. Da kommt ihr alle drei am Nachmittag zu mir, dann spiele ich mit euch.«

Da versiegten die Tränen. Zu Tante Pottchen kam man so gern.

»Und jetzt wollen wir nach Adele und Ulla sehen. Wer kann recht leise und behutsam auftreten?«

Auf Zehenspitzen schlichen die Kinder durch das Zimmer, sogar der wilde Stefan. Goldköpfchen strich ihm liebevoll über den Scheitel. »So ist es recht, Stefan. Ich wußte ja, daß du auch ein sehr lieber und guter Junge sein kannst.«

Im Kinderzimmer saß die mürrische Amme. Adele und Ulla schliefen. Goldköpfchen richtete herzliche Worte an die Frau, doch erfolgte keine freundliche Antwort. Sie klagte, daß ihr die beiden Kleinen zu viel Mühe machten. Überhaupt gehe es in diesem Haushalt zu ungeordnet zu. Man bekomme weder rechtzeitig das Essen, noch sei es sorgfältig zubereitet. Kurzum, ihr passe der ganze Kram nicht mehr.

Goldköpfchen stand an den Bettchen der beiden mutterlosen Kinder. Und wieder kam ihr die Empfindung, daß ihr eigenes Leid, an diesem gemessen, lange nicht so groß sei. Es gab Schlimmeres.

Schließlich fragte sie nach Dr. Kirschner. Er sei fortgerufen worden. Sie suchte das Hausmädchen auf, das mit finsterer Miene in der Küche hantierte, um das Mittagsmahl herzurichten, da die Köchin fortgelaufen war. Auch hier versuchte Goldköpfchen durch freundliche Worte den Arbeitswillen des jungen Mädchens zu heben. Doch schien sie wenig Erfolg zu haben.

»Hier hält es niemand lange aus«, murrte Ida. »Das neue Kinderfräulein sollte vorgestern kommen und ist heute noch nicht da. – Ich habe es satt!«

Nach einer halben Stunde verließ Frau Wendelin wieder das Haus. Sie hatte den Arzt nicht gesprochen, sein Beruf hielt ihn fern. Heute nachmittag würden drei seiner Kinder zu ihr kommen. Hermann, Jürgen und Erna mußten dafür sorgen, daß es ein schöner Tag wurde, damit die Kleinen wieder einmal Freude hatten.

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