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Goldköpfchens Glück und Leid

Magda Trott: Goldköpfchens Glück und Leid - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Glück und Leid
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160801
modified20180219
projectid9fe6adab
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8. Kapitel
Haralds Vermächtnis

Wohl selten hatte ein Unglücksfall so viel Teilnahme ausgelöst wie das Hinscheiden des allgemein beliebten und geachteten Oberingenieurs Wendelin. Bekannte trafen in der Villa ein, um der unglücklichen Witwe herzliche Worte des Mitgefühls zu sagen.

Aber Bärbel ließ sich nicht sprechen. Die Mutter nahm alle Besuche entgegen. Beinahe schien es, als sei Frau Wagner untröstlicher als Bärbel. Sie hatte dick verschwollene Augen vom vielen Weinen, während Goldköpfchen in starrer Ruhe umherging und sogar zeitweilig ihre Hausfrauenpflichten erledigte.

Man hatte Harald nach der Villa gebracht, ihn dort eingesargt. Noch stand der Sarg geöffnet in der einen Vorderstube, die herrlichsten Frühlingsblumen lagen auf der weißen Decke, und fast stündlich huschte Goldköpfchen in das Zimmer hinein, um dem Entschlafenen noch ein paar liebe Worte zuzuflüstern.

Die Kinder hatten die Nachricht vom Tode des Vaters ganz verschieden aufgenommen. Als sie aber das Weinen der Großmutter hörten, weinten sie alle drei mit. Die Stille im Hause ängstigte sie. Hermann war der einzige, der den schweren Verlust, der die Kinder getroffen hatte, ein wenig würdigen konnte. Er hatte sich zitternd an die Mutter geklammert, seine tränenüberströmten Augen zu ihr aufgeschlagen und gefragt:

»Wir werden nie wieder den Vati haben? Nie wieder?«

Am meisten bedrückte den Knaben, daß die Mutter so eigenartig hohl sprach. Ihre Stimme hatte die süße Weiche verloren und klang spröde, wie eine gesprungene Glocke. Und aus dem blassen Gesicht lachten ihm keine Augen entgegen, auch die Bewegungen der Mutter waren so mechanisch. Hermann fühlte, hier fehlte etwas.

Erna freute sich über das schwarze Kleid und lachte heiter, nachdem sie sich anfangs ausgeweint hatte. Nur als sie am Sarge des Vaters stand, da verstummte auch der kleine Plaudermund, da starrte sie auf den Daliegenden nieder und begann erneut zu weinen. Jürgen betrachtete interessiert die aufgestellten Oleanderbäume und fand es sehr schön, wie der Vati so sanft schlief. Wenn aber die drei Kinder zusammensaßen, war es nur ein banges Geflüster, und schwer ging der Atem, wenn man davon sprach, daß der Vati nicht mehr wiederkommen würde.

Frau Wagner sorgte sich sehr um ihre Tochter. Hätte Goldköpfchen geweint und dadurch ihrem Schmerz Luft gemacht, es wäre gewiß besser gewesen. Aber noch war keine Träne aus dem Auge getropft. Nur das Zittern um die Lippen ließ nicht nach, und manchmal zuckte das ganze Gesicht vor verhaltenem Weh.

Aus Dillstadt war Herr Wagner gekommen. Wie ein Schlag aus heiterem Himmel hatte ihn die Nachricht getroffen, daß das große Glück seiner Tochter so jäh zerstört worden war. Er hatte Goldköpfchen fest in seine Arme genommen und innige Worte der Teilnahme gesprochen.

»Du mußt es tragen, mein liebes Kind. Du hast deine Kinder, ihnen mußt du dich erhalten.«

Goldköpfchens starre Augen richteten sich auf den Vater.

»Ich habe es meinem Häschen versprochen, und ich werde mein Versprechen halten. Ich werde ihm doch seinen letzten Wunsch erfüllen. – Den letzten, Vater, kannst du das ausdenken? Niemals wieder wird er etwas wünschen. Niemals wieder!«

Dann legte sie den Kopf an des Vaters Brust. Er sah auf den goldenen Scheitel nieder. Die Tränen stiegen ihm in die Augen. Sein Kind, sein junges, immer fröhliches Kind mit den goldblonden Haaren, hatte seit zwei Tagen viele graue Fäden bekommen.

Herr und Frau Wagner fürchteten den Augenblick, da man den Sarg hinaustragen und in die Erde senken werde. Im Augenblick lief Goldköpfchen immer wieder, wenn ihr das Dasein zu schwer dünkte, hinein in das Zimmer. Einmal war Frau Wagner der Tochter nachgeschlichen. Aber sie war schnell wieder davongegangen, es war zu viel des Jammers, der sie erfaßte. Goldköpfchen lag neben dem Sarg, das Haupt auf den wachsbleichen Händen des Gatten. Sie hörte das leise Flüstern der Tochter. Ein einziger Verzweiflungsruf. Hier am Sarge löste sich das grimme Weh dieser gequälten Frauenseele, hier sprach sie mit dem Dahingegangenen, sprach letzte, letzte, allerletzte Abschiedsworte.

Einmal, als sie wieder am Sarge kniete, schlich Hermann ganz leise zu ihr heran. Erst als er besorgt die Mutter um den Hals faßte, sah sie auf. Er erschrak vor dem zerwühlten Antlitz.

»Mutti, sieh mich doch mal an!«

»Ich sehe dich, Hermann.«

»Mutti, willst du mich nicht mal ausschelten oder mich anlachen? Ich habe solche Angst, Mutti!«

»Nimm Abschied vom Vati, Hermann, heute nachmittag tragen sie ihn fort.«

Aber Hermann hatte Angst. Wohl legte er scheu seine Knabenhand auf die des Vaters; doch die Kälte ängstigte ihn. Er war froh, als er wieder aus dem Zimmer war. Dann weinte er lange und bitterlich.

Bald kam die Stunde, in der man Wendelin zur letzten Ruhe bettete. Bärbel stand daneben, als man den Deckel auf den Sarg legen wollte.

Nochmals kniete sie nieder, noch einmal fanden sich die Hände.

»Ich – habe es dir versprochen, mein Häschen – ich halte mein Wort, segne du mein Werk!« – –

Wagners waren recht besorgt um die Tochter. Wenn nur die Beerdigung erst vorüber wäre! Würde ihr Bärbel, das bisher wie versteinert vor Schmerz war, am offenen Grabe nicht zusammenbrechen?

Auf Wunsch Bärbels war angeordnet worden, daß nur Hermann und Jürgen dem Sarge folgten. Erna sollte daheim bleiben. Alles war zu ertragen, nur nicht das fröhliche Geplauder der Kleinsten, die für die Vorgänge noch gar kein Verständnis hatte.

In der Villa in Heidenau hatte sich ein großes Trauergefolge eingefunden. Bärbel sah und hörte nichts davon. Sie hatte sich während der Trauerfeier den Platz hinter grünen Bäumen bereiten lassen. Von hier aus konnte sie wohl den Sarg, doch nicht die anwesenden Menschen sehen. Dort saß sie ganz still, hielt nochmals Zwiesprache mit ihrem Häschen und sagte ihm immer wieder, daß sie die Kinder in seinem Geiste erziehen wolle, daß sie die Aufgabe übernehmen werde und stark sein wolle.

Wohl war der Kopf tief gesenkt, als sie hinter dem Sarge herschritt, wohl stützte sie sich mehrmals schwer auf den Vater, weil sie mitunter glaubte, umsinken zu müssen. Aber sie hielt doch das Furchtbare aus. Nur als der Sarg leise in die Gruft hinunterging, vernahm Frau Wagner ein leises Wimmern:

»Häschen –«

Dann hielt sie die ohnmächtige Tochter in den Armen. – –

*

Es war für Frau Wagner selbstverständlich, daß sie zunächst in Heidenau blieb. Sie war hier notwendiger als daheim. Herr Wagner und Kuno reisten wieder ab, sie hatten herzliche Worte für Bärbel und rieten ihr beide, in den großen Ferien nach Dillstadt zu kommen.

Goldköpfchen sagte nichts dazu. Sie war sehr still geworden. Sie zwang sich, alle Pflichten auch weiterhin getreulich zu erfüllen. Frau Wagner merkte jedoch aus jeder Bewegung ihrer Tochter, aus jedem Worte, das über deren Lippen kam, daß sie über diesen furchtbaren Schmerz nicht hinwegkam.

Man ließ Bärbel gewähren. An jedem Tage ging sie hinaus zum Friedhof und blieb dort längere Zeit. Wenn sie dann wieder heimkam, widmete sie sich den Kindern; aber es schien doch, als seien die Kleinen ein wenig in ihrer Fürsorglichkeit zurückgedrängt.

An einem Maientage eilte Goldköpfchen wieder dem Friedhofe zu. Einen Strauß der herrlichsten Blumen hielt sie in der Hand. Sie näherte sich dem Hügel, der ihr das Liebste barg.

Zwei Kinder standen am Grabe, zwei Mädchen von etwa neun und elf Jahren. Bärbel sah, wie beide eben einen Strauß auf das Grab ihres Harald legten. Sie blieb stehen. Wer waren die fremden Kinder, die zu ihrem Gatten kamen und ihm einen Liebesgruß brachten? Da sie nicht mit anderen am Grabe stehen mochte, wartete sie und gab sich den Anschein, als betrachte sie die umliegenden Gräber genauer.

»Charlotte will auch noch kommen und dem Manne Blumen bringen«, sagte das ältere der beiden Kinder. »Die Mutter hat gesagt, wenn der Mann nicht gewesen wäre, hätte ich jetzt keine Mutter mehr.«

»Und meine hat gesagt, wir müssen dem Manne sehr dankbar sein. Nun ist er tot. Aber zum Dank bringe ich ihm Blumen, weil ich noch meine Mutter habe.«

Goldköpfchen hörte diese Worte und lehnte den Kopf an den Stamm eines Baumes. Beim letzten Zusammensein, in der qualvollen Sterbestunde, hatte Harald gesprochen, daß sein beherztes Zugreifen einem inneren Antriebe entsprungen war. Es galt damals, den Kindern die Mütter zu erhalten.

»Nun hast du deine Kinder vaterlos gemacht, mein Häschen.«

Die beiden Kinder verließen den Hügel. Langsam trat Goldköpfchen heran. Es war nur ein bescheidener Strauß, der in die Fülle der anderen Blumen gelegt worden war, aber Bärbels Augen ruhten gar lange auf dieser schlichten Spende.

»Viele Mütter danken dir, viele Kinder danken dir, mein Häschen, – nur ich muß trauern.«

Wie süß die Vöglein sangen, wie sanft die Blätter der Bäume rauschten! Bärbel schloß die Augen. Sie sah ihren Harald vor sich, sie fühlte seine Nähe, und fast war es, als lege sich sein Arm um ihre Schulter.

»Ich weiß, meine Frau wird tapfer sein, meine Frau wird den Kindern alles ersetzen.«

»Häschen, mein Häschen, es ist so furchtbar schwer!«

Beim Heimkommen sagte ihr die Mutter, daß sie Erna ins Bett gebracht habe. Das Kind habe fiebernde Augen und heiße Hände.

Goldköpfchen erschrak. Es fiel ihm schwer aufs Herz, daß sie sich in den letzten furchtbaren Wochen viel zu wenig um die Kinder gekümmert hatte. Dabei war es doch Haralds Wunsch, daß sie den Kindern nun auch den Vater ersetzte.

Erna schlang die Arme um der Mutter Hals und begann zu weinen.

»Es tut mir überall weh, Mutti.«

»Nicht weinen, Erna, deine Mutti ist jetzt bei dir und wird dich pflegen.«

»Ja, Mutti«, lächelte die Kleine. »Wenn du da bist, ist alles wieder gut.«

Aber es wurde nicht so schnell wieder gut. Der hinzugezogene Arzt fürchtete, daß hier eine schwere Kinderkrankheit im Anzuge sei.

»Sie werden die beiden Knaben absperren müssen, gnädige Frau, und, falls Sie auch keine Pflegerin nehmen, mit der Kleinen allein bleiben müssen.«

»Was fürchten Sie, Herr Doktor?«

»Scharlach.«

Wieder erschrak Goldköpfchen. Sollte ihr vielleicht auch noch die kleine Erna genommen werden? Holte Harald sich seine Jüngste nach?

»Wenn es dir recht ist, mein liebes Bärbel, so sondere ich mich mit Erna ab, und du bleibst bei den beiden anderen Kindern.«

»Nein, Mama«, erwiderte Goldköpfchen ernst. »Die Mutter gehört in schwerer Krankheit an das Bett ihres Kindes. Ich habe heilige Pflichten zu erfüllen und will nichts versäumen.«

»Es wird eine schwere Pflege werden, mein liebes Bärbel.«

»Das wird gerade gut für mich sein, Mama.«

»Du bist furchtbar herunter, mein Bärbel. Dir würde Schonung jetzt sehr gut tun. Laß mich lieber bei Erna bleiben. – Nicht wahr, kleine Erna, die Großmama soll dich gesundpflegen?«

»Ja, die Großmama und die Mutti.«

»Nein, Erna, einer muß bei den Brüdern bleiben.«

»Mutti, bleib hier!« Erna streckte die heißen Händchen verlangend nach Goldköpfchen aus.

»Jawohl, mein Liebling, deine Mutti bleibt bei dir.«

Schon am nächsten Tage stellte der Arzt einen heftig auftretenden Scharlach fest. Am Abend klagte Jürgen über einen schweren Kopf und Kältegefühl.

»Ich fürchte«, meinte Frau Wagner, »daß wir auch noch den Jürgen ins Krankenzimmer legen können.«

Auch Jürgen wurde von der tückischen Krankheit erfaßt. Bärbel sonderte sich mit den beiden Kindern in dem abgelegensten Raume ab. Nur Frau Leuschner war die einzige, die im Krankenzimmer ein und aus ging. Weder Frau Wagner noch Anna, das Hausmädchen, durften mit den Erkrankten in Berührung kommen. Der Forstrat und seine Gattin hatten sich erboten, Hermann zu sich zu nehmen, damit nicht auch noch der Älteste erkrankte.

Für Bärbel begann nun eine aufregende Zeit. Der Scharlach trat so heftig auf, daß es Tage gab, an denen Goldköpfchen um das Leben der beiden Kinder zitterte. Sie mußte die Besuche am Grabe des Gatten ganz einstellen. Hier war sie nötiger. In den stillen Nachtstunden, in denen die Kinder schliefen, hielt sie gar oft mit dem Dahingegangenen Zwiesprache.

»Mir ist es, als sei diese Krankheit eine sanfte Mahnung von dir, mein Häschen. Du hast mir auch jetzt den rechten Weg gewiesen, denn ich drohte mich zu verlieren. Ich habe die Kinder an die zweite Stelle gerückt, habe zuviel an dich gedacht. Ach, mein Häschen, als ob du mir jemals aus den Gedanken schwinden würdest! Du bist auch jetzt um mich. Ich fühle es, du bangst gleich mir um das Leben der Kinder, du hilfst mir, du machst mich stark. Ich danke dir dafür, mein Häschen, und verspreche dir aufs neue, daß ich für die Kinder leben und schaffen will, solange noch Atem in mir ist.«

Frau Leuschner sah mit Sorgen, wie Goldköpfchen immer elender und kümmerlicher wurde. Besorgt sprach sie mit dem Arzt darüber.

»Lassen Sie es nur gut sein, Frau Leuschner. Ich glaube, es ist die beste Medizin, die wir der jungen Witwe eingeben können. Jetzt zittert sie um das Leben der beiden Kinder; ich denke aber mit aller Bestimmtheit, daß die Kleinen durchkommen werden. Unsere junge Frau versäumt ja nichts, und der Himmel hat nach dieser schweren Prüfung ganz gewiß Erbarmen mit ihr. Es ist freilich reichlich viel, was über sie hereinbricht; aber es hat auch sein Gutes. Sie wäre vielleicht an ihrem großen Seelenschmerz langsam zugrunde gegangen. Nun weiß sie, für wen sie zu leben, um was sie zu zittern hat.«

Nach mehreren Wochen des Bangens konnte Goldköpfchen die beruhigende Nachricht entgegennehmen, daß beide Kinder außer Gefahr seien.

»Das haben Sie brav gemacht, liebe Frau Wendelin«, sagte der Arzt und schüttelte der jungen Mutter kräftig die Hand. »Nun aber heißt es, auch weiterhin ein wachsames Auge auf die Geschwächten zu haben. Vergessen Sie nicht, daß Sie den Kleinen jetzt Vater und Mutter sind.«

Bärbel schlug die umflorten Augen zu dem alten treuen Arzte auf.

»Ich vergesse es nicht, Herr Doktor.«

Mit Jubel empfing Hermann zwei Wochen später die Geschwister. Er hatte allerlei kleine Geschenke zusammengebastelt, um Jürgen und Erna damit zu erfreuen. Aber auch für die Mutter hatte er eine Überraschung. Um das Bild des Vaters, die letzte Aufnahme, die Bärbel von dem Gatten gemacht hatte, war ein kleiner Rahmen gefertigt worden. Zwar noch etwas ungeschickt, aber doch mit vieler Mühe und Sorgfalt.

Wieder ging ein Zucken über Bärbels Gesicht, als ihr Hermann das Bild brachte.

»Mutti«, sagte er zärtlich, »ich habe so lange Zeit meine liebe Mutti nicht gesehen. Oh, das war sehr schlimm. Erst war schon Vati fort, und du auch noch. Aber nun sind die Kleinen gesund, jetzt bleibst du wieder bei mir. Wie gut hatten es Jürgen und Erna! Jeden Abend habe ich mir gewünscht, daß ich auch den Scharlach kriegte. Ich mag nicht so lange ohne meine liebe Mutti sein. Weißt du, es ist wohl sehr schlimm, daß der Vati fortging und nicht mehr wiederkommt; aber wenn du fortgingst, oh, das wäre noch viel schlimmer. Dann möchte ich auch nicht mehr leben.«

Bärbel schloß die Augen. Wieder sah sie den sterbenden Gatten vor sich, aufs neue hörte sie seine Worte, daß man den Kindern die Mutter erhalten müsse. Sie legte den Arm um Hermann.

»Ja, mein Kind, es ist schlimm, daß uns der Vati genommen wurde. Ihr müßt nun doppelt artig und fleißig sein. Vati hat euch gebeten, ihr sollt der Mutti keinen Kummer machen, ihr sollt brave und tüchtige Menschen werden.«

»Und das machen wir auch, Mutti. Du sollst wieder froh sein und lachen können. Weißt du, Mutti, ich bin doch nun schon ein großer Junge. Wenn der Jürgen und die Erna wieder frech sind, dann nehme ich den Stock. Wenn wir jetzt keinen Vati haben, werde ich von nun an der Vati sein. Oh, sie werden mir schon folgen. Hab' mal keine Angst, liebe Mutti, daß du nun so allein bist. Ich bin ein Mann, wir beide schaffen es schon.«

Da glitt seit langen Wochen über Bärbels verhärmtes Antlitz der Schein eines Lächelns.

»Mutti«, rief Hermann mit erstickter Stimme, »siehst du, Mutti, nun fängst du wieder an, dich zu freuen. Ach, Mutti, liebe, liebe Mutti!« Und plötzlich drückte der Knabe sein Gesicht an Bärbels Schulter und schluchzte.

»Aber, Hermann, warum weinst du?«

»Mir ist es im Innern so heiß und so voll, du bist wieder froh, Mutti. Ach, Mutti, gute Mutti, es war so schrecklich!«

»Mein lieber, lieber Junge! Ja, die Mutti wird wieder lachen können. Ja, sie wird lachen. Ihr sollt die Sonne in eurem Leben nicht missen.«

Aber Bärbel lachte nicht. Im Gegenteil. Ihr war es plötzlich, als sprängen von ihrem Herzen einige Eisenbänder ab, und dann legte sie die Hände vor das Gesicht und begann heftig zu weinen. Endlich, endlich nach langen Wochen banger, innerer Qual kamen die erlösenden Tränen.

Hermann schaute verängstigt auf die weinende Mutter. Das begriff er nun freilich nicht. Er schlich ganz leise aus dem Zimmer, ging zur Großmutter und sagte mit zitternder Stimme:

»Die Mutti weint.«

Ein erlöster Seufzer kam über Frau Wagners Lippen. Ihre Hände falteten sich.

»Sie weint«, sagte sie innig. »Dem Himmel sei gedankt, daß sich dieser Schmerz endlich in Tränen löst. Nicht traurig sein, kleiner Hermann.«

»Die Mutti soll doch lachen, nicht weinen.«

»Habe nur Geduld, mein Junge. Nun weiß ich es, daß deine Mutti auch wieder lachen wird. Aber du mußt noch ein Weilchen darauf warten.«

»Warten will ich schon, Großmama, wenn sie nur wieder froh wird und mit uns lacht. Ich will auch immer sehr brav sein, und wenn wir eben keinen Vati haben, will ich der Vati sein.«

»Laß gut sein, Hermann, eure Mutter wird euch auch den Vater ersetzen, ihr müßt nur die letzte Bitte eures Vaters erfüllen und euch bemühen, gut, wahrhaft und fleißig zu sein.«

Frau Wagner ließ mit Bitten und Vorstellungen nicht eher nach, als bis Bärbel sich entschloß, mit den Kindern nach Dillstadt zu reisen, um dort die großen Ferien zu verbringen.

»Du brauchst endlich Schonung, mein liebes Bärbel, du brauchst Ruhe und eine andere Umgebung. Du mußt kommen, denn sonst besteht die Gefahr, daß du krank wirst.«

»Ich komme, Mama, weil ich fühle, daß ich neue Kräfte zu meinem Lebenswerke sammeln muß. In Dillstadt will ich mir in Ruhe überlegen, wie ich in Zukunft mein Leben einrichten werde. Es gehört meinen Kindern, ich will meine Pflichten treu erfüllen.«

Am Tage der Abreise ging Bärbel am frühen Morgen nochmals zum Friedhofe hinaus. Sie schmückte das Grab überreich mit Blumen. Dann legte sie den Kopf an den hohen Stein.

»Ich will dein Vermächtnis heilig halten, mein Häschen. Dein Geist, deine Liebe sind um mich. Ich will stark sein, will dermaleinst zu dir treten können, um dir zu sagen: ›Hier hast du die Pfänder unserer Liebe, ich habe sie in deinem Sinne erzogen.‹ Du lebst weiter in ihnen. Es ist mir heiliger Ernst um meine Aufgabe. Und nun lebe wohl, mein Häschen. Wenn ich in der nächsten Zeit nicht zu dir komme, so fühle ich dich ständig um mich. Ja, ich will stark sein. Lebe wohl, lebe wohl, ruhe in Frieden!«

Noch einige Tränen tropften auf den Hügel. Dann raffte sich die junge Frau auf und schritt mit erhobenem Kopfe durch die Friedhofspforte.

Und leise sprachen Goldköpfchens Lippen:

»Einem neuen Leben entgegen, mutig und voll Energie! Ich denke, es ist in deinem Sinne, mein Häschen!«

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