Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Magda Trott >

Goldköpfchens Glück und Leid

Magda Trott: Goldköpfchens Glück und Leid - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Glück und Leid
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160801
modified20180219
projectid9fe6adab
Schließen

Navigation:

6. Kapitel
Erinnerungen

Wie die Zeit eilte! Die verunglückten Ferientage in Tannengrund lagen schon mehrere Monate zurück, man weilte wieder in Heidenau, und Bärbel ging ihren täglichen Pflichten wie vorher gewissenhaft nach.

Der bald einsetzende Winter brachte neue Arbeit mit. Noch immer sorgten die Kinder dafür, daß die Mutter ihren Platz am Nähtisch nicht verlassen konnte, obwohl Frau Leuschner ihr stets eifrig zur Hand ging.

Goldköpfchen schaute hinaus in den Garten. Der erste Schnee. Was war das für eine Freude für die Kinder! Beim Fallen der weißen Flocken ging ein heller Schein über ihr Gesicht. Bärbel erinnerte sich des Schneemannes, der gebaut worden war, des Bildes, das sie geschaffen hatte, und des erhaltenen Preises.

Sie hatte das Geld nutzbringend verwendet. Keinen Augenblick bereute sie, damals Hänsel und Gretel nach Tannengrund und später nach Heidenau genommen zu haben. Die beglückten Briefe der Frau Knolle waren ihr der schönste Lohn für die edle Tat.

Sie war mit den Kindern angekommen, hatte ein wenig zögernd ihrem Häschen die Kinder entgegengeschoben und ihm erzählt, aus welchem Grunde diese neuen Gäste mit nach Tannengrund gebracht worden wären. Harald hatte kein Wort des Vorwurfes gehabt, ganz im Gegenteil. Er hatte sein Weib herzlich an sich gezogen, hatte ihm tief in die Augen geschaut und gesagt:

»Ich konnte es mir denken, mein Goldköpfchen, daß du das Geld für derartiges verwenden würdest.«

Die fünf Kinder hatten sich herzlich zusammengefunden. Die Spiele, die sie gemeinsam veranstalteten, waren nicht mehr so wild und stürmisch wie früher, weil Hänsel dafür sorgte, daß weder die Kleider noch die Beete im Garten beschädigt wurden.

Sieben Wochen lang hatte Frau Wendelin die beiden Kinder zu Besuch. Eines Tages kam die Nachricht, daß Frau Knolle wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt sei. Dann erst hatte man ihr die Kinder zurückgesandt. Bärbel hatte die Restbestände ihres Preises dafür verwendet, die Kleinen neu einzukleiden.

Frau Knolle und Hänsel schrieben regelmäßig Briefe, dankbare, glückliche Schreiben, denn diese Erholungszeit war für die beiden Kinder eine herrliche Erinnerung. Nun war Monat um Monat dahingegangen, alles war wie einst, und Bärbel fand, daß es schön und friedlich wäre, und daß sie nach wie vor überaus glücklich sei. – –

Eines Tages hielt Bärbel einen Brief in den Händen, aus dem sie nicht ganz klug wurde.

»Gnädige Frau, ich habe Sie wiedergesehen! Ich habe Sie an Ihrem goldenen Kopf erkannt, der mich einstmals so entzückte. Ich gehörte schon damals zu Ihren eifrigsten Verehrern. Mein Dichten und Trachten ging darauf hinaus, Sie dermaleinst mein eigen zu nennen. Das Schicksal war gegen mich. Ich habe in den Jahren gearbeitet, gestrebt, ein anderer hatte das holde Kleinod heimgeführt. Gnädige Frau, Bärbel, so nannte ich Sie einst, geben Sie mir Gelegenheit, Sie wiederzusehen. Alte Liebe rostet nicht. Mit Absicht verschweige ich meinen Namen, Ihr Herz wird Ihnen sagen, wer es ist, der um ein Wiedersehen fleht. Machen Sie mich glücklich, gnädige Frau, und kommen Sie am Sonntag vormittag elf Uhr auf den Bahnsteig. Ich werde aus dem von Dresden kommenden Zuge steigen, wir werden dann gemeinsam eine kleine Fahrt unternehmen. Sei es nach Pirna, sei es nach Niedersedlitz. Einerlei, ich möchte nur wieder mit Ihnen zusammen sein. In alter Liebe

ein ewiger Verehrer.«

Wer mochte der Briefschreiber sein? Er behauptete, er habe sie mit Vornamen genannt. Folglich war es keiner aus dem Atelier Brausewetter. Vielleicht einer der Schüler des Kant-Gymnasiums?

Sie besah sich die Schrift genauer. Daraus ließ sich leider nichts entnehmen. Über fünfzehn Jahre war es her, daß sie Briefe mit den Schülern der Prima gewechselt hatte. Wer zählte damals zu ihren Verehrern? Gerhard Wiese, der Dichter, der Verse von berühmten Männern abschrieb und als eigene ausgab? Oder Hans Herwig, der lange Schwarze, der ihr stets die Mappe trug? Vielleicht war es aber auch Karlos, der Eleve. O nein, den hatte sie ganz aus den Augen verloren.

Zufälligerweise kam an diesem Nachmittage Bärbels alte Mitschülerin, jetzige Frau Edith Rindermark, nach Heidenau heraus, um einen kurzen Besuch zu machen.

»Es verehrt mich einer, Edith. Er will mich wiedersehen. Hier, lies den Brief. Wer ist der Kerl?«

Man riet hin und her. Vor den Augen der beiden jungen Frauen tauchte die sorglos-glückliche Jungmädchenzeit auf. Man erinnerte sich an alle Einzelheiten. Sogar an Doktor Rollmops, den man so schlimm geärgert hatte.

»Ich möchte sagen, es ist doch einer vom Kant-Gymnasium«, sagte Edith. »Willst du nicht hingehen und ihn wiedersehen?«

»Aber, Edith, wie soll ich einen Primaner nach wenigstens sechzehn Jahren wiedererkennen.«

»Weißt du, Bärbel, ich komme auch nach Heidenau, mit demselben Zuge. Ich werde auf jeder Station in ein anderes Abteil steigen. Vielleicht erwische ich den Mann. Ich stelle mich natürlich ganz dumm. Und dann, wenn du auf dem Bahnsteig stehst, wenn er sich einbildet, du wartest auf ihn, komme ich und sage: ›Wie nett, daß du mich abgeholt hast!‹«

Schließlich zog man Harald zu Rate, der ahnungslos aus der Fabrik kam.

»Natürlich machen wir uns den Spaß, und ich komme auch mit. Wir müssen doch wissen, wer dich in aller Heimlichkeit so sehr verehrt«, lachte Harald.

Am Sonntagvormittag stand Goldköpfchen auf dem Bahnsteig, am Zeitungshäuschen war Harald zu finden.

Der Zug lief ein. Aus einem Abteil stieg zuerst Edith, hinter ihr die große, schlanke Gestalt eines Herrn, der sich suchend umsah, dann den Hut schwenkte, als er Goldköpfchen erblickte.

Bärbel zog die Stirne kraus. Sie wußte noch immer nicht, wer der Grüßende war.

»Bärbel, Sie sind gekommen, ich danke Ihnen. Kennen Sie mich wieder? Ich bin Ihr Freund Gerhard Wiese, der Dichter.«

»Guten Tag, liebes Bärbel, nett von dir, daß du mich abholtest.«

»Guten Tag, liebe Frau Rindermark, nett, daß Sie gekommen sind. Meine Frau und ich stehen seit zehn Minuten auf dem Bahnsteig und warten auf Sie.«

Alle drei hatten sich pünktlich eingefunden, Edith, dazu Herr Wendelin, der sofort herangetreten war, als Gerhard sein Bärbel angesprochen hatte.

Gerhard Wiese war betreten einen Schritt zurückgewichen. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte. War es Zufall oder Absicht?

»Ach so, Sie sind der anonyme Briefschreiber, mein Herr? Ein Jugendfreund meiner Frau. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle.«

Harald Wendelin sprach in freundlichem Tone, ohne jede Erregung.

»Wiese, Gerhard Wiese, ein Jugendfreund der gnädigen Frau.«

»Ich habe Ihr feuriges Schreiben gelesen«, lächelte Wendelin. »Beinahe könnte ich Sie beneiden um diese primanerhafte Leidenschaftlichkeit. Es tat uns leid, daß Sie Ihren Namen verschwiegen. Meine Frau hat vergeblich unter ihren einstigen Bekannten Umschau gehalten.«

»Ach, Herr Wiese«, sagte jetzt Edith, »wir kennen uns doch auch.«

»Entschuldigen Sie, Herr Wendelin –«

Harald wandte sich lächelnd an seine Frau. »Herr Wiese will sich noch wegen des anonymen Briefes bei dir entschuldigen, Bärbel.«

»Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie –« Gerhard Wiese war derartig verärgert, kam sich außerdem so überflüssig vor, daß er am liebsten wieder in den noch wartenden Zug eingestiegen wäre.

Harald half dem Verlegenen über die peinlichen Minuten hinweg.

»Vielleicht machen Sie uns die Freude und kommen mit uns in unser Heim. Meine Frau plaudert so gern aus ihrer Jungmädchenzeit.«

»Ich – ich kam nur im Auftrage eines Freundes, ich – ich habe mit dem anonymen Brief gar nichts zu tun, ich – ich habe nur die unangenehme Pflicht übernommen, der gnädigen Frau eine Botschaft zu übermitteln, und bitte um Entschuldigung. Meine Zeit ist leider beschränkt.«

»Ach so, ich verstehe«, lächelte Wendelin, »Sie sind gar nicht der. Nun, dann wollen wir Sie natürlich nicht länger hier zurückhalten.«

»Danke, danke vielmals. Ich danke auch für die freundliche Aufforderung. Ich werde mir später erlauben, meinen Besuch zu machen.«

Dann sprang er in den Zug, der bald abfuhr.

»So ein Schwindler!« sagte Bärbel. »Er hat es noch nicht verlernt. Schon damals hat er mich bemogelt. Herrliche Gedichte hat er mir gesandt, die hat er gestohlen, und auch jetzt hat er uns beschwindelt. Natürlich hat er den Brief geschrieben, und jetzt schämt er sich.«

Bärbel kehrte zu dem Gatten zurück. »Er ist und bleibt eben ein Schwindler. Vergessen wir ihn. Ich mache einen dicken Strich unter diese Erinnerung aus meiner Jugendzeit.«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.