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Goldköpfchens Glück und Leid

Magda Trott: Goldköpfchens Glück und Leid - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchens Glück und Leid
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160801
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5. Kapitel
Gestörte Ferien

Bärbel hob lauschend den Kopf. Aus der Veranda, in der Frau Leuschner mit den Kindern bei weniger gutem Wetter saß, ertönte lautes Durcheinander. Vor allem war es die erregte Stimme Hermanns, dazwischen auch die des etwas stilleren Jürgen.

»Wenn du uns eben alle Freude verderben willst, kannst du wieder nach Heidenau fahren.«

»Und was soll ich euch anziehen?«

»Wirst du schon wissen.«

»Sieh dir das einmal an, Hermann. Wie ist das nur möglich?«

Dann das helle Stimmchen der kleinen Erna in etwas weinerlichem Tonfall: »Wir sind doch die Affen gewesen, die so schön klettern können. Wie im Zoologischen Garten.«

»Jawohl, ich war der Gorilla, der sich mit dem Schwanz an den Bäumen schaukelt. Jawohl, und wenn dabei die dumme Hose entzweigeht, kann ich doch nichts dafür.«

Da hielt es Frau Bärbel für richtig, nach der Veranda hinüberzugehen und zu hören, was sich schon wieder zugetragen hatte. Die gute Frau Leuschner, sie hatte wirklich herzlich wenig Erholung in der Försterei. Immer sah man sie mit einer Flickerei; selbst wenn sie die Kinder begleitete, trug sie einen Beutel am Arme, um die Zeit, in der die Kinder spielten, mit Flicken auszunützen.

»Was ist denn schon wieder los?« Goldköpfchen trat auf die Veranda. Frau Leuschner versuchte, ein Paar Beinkleider außer Sichtweite zu bringen. Sie wußte, daß sich die gute Mutter wieder recht ärgern würde, wenn sie sah, daß nun auch die Sonntagshose stark zerrissen worden war. Aber Bärbels scharfe Augen hatten den Schaden bereits entdeckt.

Jürgen schmiegte sich sogleich an die Mutter. »Du freust dich doch, wenn wir schön spielen, Mutti? Und es war sooo schön. Kleine, niedliche Kletteraffen sind wir gewesen. Das macht doch nichts, Mutti?«

»Und dabei habt ihr die Sachen zerrissen?«

»Wenn wir ein Fell hätten wie die richtigen Gorillas, dann wäre es besser. – Ach, Mutti, das Loch macht Frau Leuschner auch wieder zu.«

»Seht ihr denn nicht, wie die gute Frau Leuschner tagaus, tagein fleißig für euch arbeitet? Ihr habt die Freude – und die gute Frau Leuschner die Arbeit. Ist das richtig?«

»Mutti, du hast gesagt, der Mensch ist zum Arbeiten da.«

»Aber der Mensch muß auch einmal Erholung haben. Schämt euch, die guten Sachen zu zerreißen. Einen Sack müßte man euch anziehen.«

Jubelndes Gelächter folgte auf diese Worte.

»Ich weiß«, schrie Hermann, »die Piepe hat so viele Säcke liegen. Hurra, einen Sack!«

Weg waren die drei Kinder. Goldköpfchen rief zwar noch den Namen des Ältesten, doch er kam nicht zurück.

»Ich will lieber nachgehen«, sagte Frau Leuschner, »sonst bringen sie alles in Unordnung.«

»Lassen Sie nur, liebe Frau Leuschner, ich gehe selbst.«

»Die Säcke liegen im Geräteschuppen, gnädige Frau, oben auf dem Brett.«

Bärbel schlug den Weg nach dem Hofe ein. Da hörte sie schon das Aufschreien ihrer Jüngsten. Dann lautes Poltern. Im Laufschritt eilte sie zum Schuppen. Zwischen Brettern und Holzleisten saß Erna auf der Erde und rieb sich Kopf und Schultern.

»Esel, dummer!« schrie sie unter Weinen. »Alles hat er mir auf den Kopf geworfen!«

Hermann hatte indessen die Säcke heruntergezogen, alles lag durcheinander auf dem Boden. Die Mutter hielt es wieder einmal an der Zeit, die drei gründlich auszuschelten, und ermahnte sie, im Vorgarten zu bleiben, bis Frau Leuschner mit der Arbeit fertig sei und mit ihnen in den Wald gehe. Glücklicherweise war Erna nichts weiter geschehen, die Kleine lehnte es auch ab, mit der Mutter zu gehen, sie wollte bei den Brüdern bleiben, um Hermann zu verhauen.

Bärbel hatte heute keine Ruhe. Sie setzte sich zu der alten Kinderfrau in die Veranda, um sich an den Näharbeiten zu beteiligen. Aber kaum war sie eine Viertelstunde an der Arbeit, als Förster Piepenburg hastig die Tür aufriß.

»Sind die Kinder hier?«

»Nein, sie spielen im Garten.«

»Allmächtiger!«

Bärbel fuhr auf. »Was ist geschehen, Herr Förster?«

»Nichts, nichts, gnädige Frau.«

Der Förster eilte davon. Goldköpfchen warf die Arbeit zur Seite. Sie wollte ihm nacheilen; da sah sie ihn aus dem Garten laufen, schon hörte sie sein lautes Rufen:

»Hermann – Hermann!«

Wo waren die Kinder? Der Garten war leer. Die Kleinen hatten wieder nicht gefolgt und waren unbeaufsichtigt in den Wald gegangen. Warum war Förster Piepenburg so erschrocken? Er hatte selbst gesagt, daß der Wald keine Gefahren für die Kinder biete. Was konnte den Kleinen zugestoßen sein? Sie waren alle drei zusammen. Wie ängstlich die rufende Stimme des Forstmannes klang! Etwas mußte ihn stark beunruhigen.

Bärbel rief die Försterin. »Wissen Sie, wo meine Kinder hingegangen sind?«

»Nein, nein, du lieber Himmel, wenn nur kein Unglück geschehen ist.«

»So sagen Sie mir doch, was ist vorgefallen?«

»Machen Sie sich nur keine Sorgen, gnädige Frau, mein Mann ist schon nachgelaufen. Es ist bestimmt nichts geschehen.«

»Was ist vorgefallen?«

»Ach, mein Mann wollte ins Revier. Er hat die Flinte ans Haus gestellt, ist nur noch für einen Augenblick zurückgekommen. Als er wieder aus dem Hause tritt, ist seine Flinte verschwunden.«

»War sie geladen?«

»Natürlich war sie das.«

»Wohin sind die Kinder gelaufen?«

»Wahrscheinlich in den Wald. Der Hermann hat die Flinte schon immer haben wollen, doch mein Mann hat sie niemals aus der Hand gegeben.«

Für die geängstigte Mutter gab es jetzt kein Halten mehr. Sie eilte dem Förster nach, dessen Rufen nur noch leise zu ihr herüberklang.

»Hermann! Jürgen! Hermann!« so schallte es durch den Wald.

Keine Antwort erfolgte. Wie gehetzt lief Bärbel weiter. Dicke Schweißtropfen standen ihr auf der Stirn. Sie vernahm jetzt wieder das Rufen des Försters und nun noch eine dritte.

»Wepp – Jürgen – Wepp –«

Die geängstigte Försterin hatte auch Selma, die Magd, nach den Kindern ausgeschickt.

Und dann ein kurzer, scharfer Knall, der Bärbel fast das Blut in den Adern erstarren ließ.

»Lieber Himmel, laß kein Unglück geschehen, stehe den Kindern bei!«

Woher der Schuß kam, sie wußte es nicht. Er hallte im Walde wider. Aber Förster Piepenburg, dessen Ohr geschult war, wußte sofort die Richtung und schlug sich seitwärts in die Büsche. Das war seine Flinte, das war ein Schuß, der ohne Zweifel von Hermann abgegeben worden war, der ja immer so interessiert die Flinte betrachtet hatte.

In den nächsten Minuten waren die Kinder von ihm gefunden. Die Flinte lag am Boden, Hermann stand an einen Baum gelehnt, er war weiß wie die Wand. Auf dem Waldboden saß Jürgen und weinte leise vor sich hin. Aus dem weißen Hemd sickerte rotes Blut.

Der Förster kniete neben dem Knaben nieder und atmete erleichtert auf. Jürgen war am Arm verletzt. Es schien nur ein Streifschuß zu sein, der immerhin eine schmerzhafte Wunde verursacht haben mußte.

Sofort traf er alle notwendigen Vorkehrungen, verband den Arm des Knaben. Schweigend schaute Hermann zu.

»Wer hat geschossen?« fragte er bebend vor Zorn.

»Wir haben Förster gespielt«, schluchzte Jürgen. »Ich war der Hase, und er war der Förster, und da – und da – au, es tut so weh!«

»Förster habt ihr gespielt. So will ich dir jetzt mal zeigen, was der Förster mit solch einem Bengel macht.«

Bärbel vernahm lautes Schreien. Der Herzschlag wollte ihr aussetzen. Nur hin, schnell hin zu den Weinenden! Was waren das für Schläge, was war das für eine erbitterte Stimme?

»Du Lümmel, du leichtsinniger Bursche! Soll ein Kind denn Schußwaffen in die Hand nehmen? Habe ich euch das nicht streng verboten?«

Dann das Weinen Jürgens, in das sich das der kleinen Schwester einmischte.

»Sie leben!« jauchzte Bärbel und bahnte sich durch dichtes Gestrüpp ihren Weg. Die Tannen zerkratzten ihr Gesicht und Hände, rissen an den blonden Haaren, aber Bärbel achtete nicht darauf. Nur hin zu den Kindern.

»Ich will's nicht wieder tun!«

Klatsch, klatsch, klatsch! Das waren die Schläge des Försters, der Hermann über das Knie gelegt hatte und unerbittlich auf den Knaben einschlug.

»Ich habe doch nur Förster gespielt.«

»Hermann! Jürgen! Erna!« Goldköpfchen warf sich auf die Knie, breitete die Arme aus, um die Kinder zu umfangen, sah den blutenden Jürgen und sprang entsetzt wieder auf.

Nun ließ auch Förster Piepenburg mit seinem Strafgericht nach. Hermann weinte, doch wagte er sich nicht zur Mutter. Er hatte beide Hände auf den Rücken gelegt, denn dort fühlte er noch immer die schwere Hand des erzürnten Försters.

»Die Tracht hat er verdient, gnädige Frau. Nun marsch, heim!«

»Jürgen, was ist geschehen?«

»Er wollte den Hasen schießen. Ich habe gehupft, da knallte es.«

Bärbel nahm Jürgen auf den Arm; aber Förster Piepenburg ließ das nicht zu.

»Geben Sie mir den Jungen, den trage ich heim! Die Verletzung hat nicht viel auf sich.«

Er hob zuerst das Gewehr auf, hing es über die Schulter, dann nahm er den Knaben auf den Arm. Mit schnellen Schritten ging man heimwärts. Bärbel hatte Mühe, sich auf den Füßen zu halten. Die letzten Minuten hatten sie unsagbare Nervenkraft gekostet. Bei Jürgen hatte zuerst der Schreck den Schmerz überwunden. Nun aber fühlte er doch das Brennen und Bohren, erneut begann er heftig zu weinen.

Bärbel vermochte nichts zu sagen. Sie hielt die kleine Erna an der Hand. Für Hermann hatte sie keinen Blick. Dieser schlich mit gesenktem Kopf hinter der Karawane her und schluckte energisch die Tränen hinunter. Er hatte es ja gar nicht schlimm gemeint. Man hatte doch nur gespielt. Freilich, das Gewehr hätte er dem Förster nicht fortnehmen dürfen; aber es machte doch so viel Spaß, mit der Flinte in den Wald zu gehen und Förster zu spielen. Hermann war selbst über alle Maßen erschrocken gewesen, als der Schuß knallte. Jetzt lag es ihm wie ein Stein auf der Brust, daß der jüngere Bruder verwundet war.

Man traf auch bald auf Selma. Aber Hermann hatte gar keine Lust, die Magd zu verhöhnen. Er gab nicht einmal Antwort, als sie ihn ausschalt. Alle hatten ja so recht, er war ein schlechter Junge. Er hatte die Strafe verdient. Es schnitt ihm ins Herz, wenn er die Mutti ansah. Aus Bärbels sonst so frischem Gesicht war jede Farbe gewichen, die Lippen zitterten, und Hermann sah, wie ihr von Zeit zu Zeit die Zähne zusammenschlugen. Das alles hatte er verschuldet, dabei hatte er dem Vater versprochen, recht artig zu sein.

Frau Leuschner kam gelaufen. Mit wenigen Worten wurde sie über das Vorgefallene unterrichtet. Dann telephonierte man nach dem Arzt. Hermann stand in der Ecke der Veranda. Er sah dem Förster und der Mutter nach, die den weinenden Jürgen ins Schlafzimmer trugen. Aus den großen blauen Kinderaugen fielen die Tränen. Es war niemand mehr in der Veranda. Alle waren um Jürgen beschäftigt. Man hatte ihn vergessen oder wollte nichts mehr von ihm wissen. Ob er nachging? Er traute sich nicht. Wenn doch wenigstens jemand gekommen wäre, der ihn gescholten hätte.

»Mutti«, schluchzte er, »Mutti, komm doch zu mir!«

Und als sich noch immer niemand sehen ließ, ging er auf den Flur hinaus und öffnete vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer. Alle umstanden das Bett Jürgens.

»Es tut so weh, au, es tut so weh!«

Zögernd blieb Hermann an der Tür stehen. Dann schlich er vorsichtig zu Frau Leuschner hin.

»Muß der Jürgen nu sterben?«

»Geh fort, Hermann, du unartiger Junge!«

Der Knabe suchte nach der Hand der Mutter. Doch sie war mit Jürgen beschäftigt. Hermann hatte das Gefühl, als sitze ihm ein großer Stein im Halse, als könne er nicht mehr atmen. Da ging er leise aus dem Zimmer. Im Garten angekommen, warf er sich ins Gras und weinte bitterlich.

Wäre wenigstens der Vater daheim gewesen. Ihm hätte er in seiner augenblicklichen Zerknirschtheit alles eingestanden. Er hätte sicherlich noch einmal Prügel bekommen. Das wollte er schon hinnehmen. Daß man ihn aber keines Blickes würdigte, daß ihn sogar die gute Frau Leuschner fortwies, das war kaum zu ertragen.

Wenn der kleine Bruder sterben mußte? Er hatte schon davon gehört, daß Menschen starben, die von einer Flintenkugel getroffen wurden.

Ein wildes Weinen brach aus seiner Brust.

»Ich will nie wieder ungezogen sein! Ich will nie wieder schönen Kuchen essen! Ich will nie wieder auf dem Schaukelpferd reiten! Ich will – Ich will –« Er wußte selbst nicht weiter. Jürgen sollte gesund werden, das war alles, was den Knaben augenblicklich erfüllte.

Er hörte den Wagen des Arztes vorfahren, aber er versteckte sich nur noch tiefer in den Garten. Und doch fieberte er vor Ungeduld. Gar zu gern hätte er gewußt, wie es um den kleineren Bruder stand.

Schließlich hielt er es nicht länger aus. Aufs neue begab er sich ins Haus. Dort begegnete er dem Förster.

»Muß der Jürgen sterben?«

Obwohl der Forstmann dem Knaben noch immer zürnte, brachte er es nicht fertig, ihm eine unfreundliche Antwort zu geben. Er sah es diesem verweinten Kindergesicht an, wie Hermann litt.

»Hoffentlich geht alles gut ab. Aber dein Bruder muß weggebracht werden. Er kommt ins Krankenhaus. Sie müssen ihn operieren und die Kugel herausholen.«

»Kommt er bald wieder?«

»Nein. So schnell geht das nicht. Vierzehn Tage muß er dort bleiben.«

»Immer im Bett?«

»Jawohl. Und das alles, weil du so unartig gewesen bist.«

»Ich werde mit in das Krankenhaus gehen«, schluchzte Hermann. »Ich werde immerfort mit dem Jürgen spielen, werde ihm Geschichten vorlesen, und wenn er weint, dann werde ich ihm gut zureden. Er – er soll nicht traurig sein. Tut es sehr weh, wenn sie ihm die Kugel 'rausholen?«

»Freilich. Der arme Bruder muß große Schmerzen aushalten.«

»Ich will ihm auch immer meine Nachspeise schenken. Und wenn ich Schokolade bekomme, auch.«

»Dein Vater wird sehr erschrecken! Und der armen Mutter machst du solche Sorge. Nun muß sie auch mit ins Krankenhaus und kann sich nicht mehr im schönen Walde ausruhen.«

Förster Piepenburg ging davon, denn es gab für die Überführung nach dem Krankenhause noch mancherlei zu ordnen. Der Arzt hatte festgestellt, daß die Verletzung doch schlimmer war, als es im ersten Augenblick den Anschein hatte. Trotzdem bestand keinerlei Lebensgefahr. Aber eine kleine Operation war nötig, weil die Flintenkugel noch im Oberarm saß.

Für Bärbel wurde dadurch der Ferienaufenthalt jäh abgebrochen. Sie beschloß, mit Jürgen nach dem Krankenhause zu fahren und auch in seiner Nähe zu bleiben, weil der Knabe sich sonst zu sehr sehnen würde, das könnte die Heilung beeinträchtigen. Obwohl Harald noch nicht zurückgekehrt war, konnte sie die Kinder ohne Sorgen in der Försterei bei Frau Leuschner zurücklassen, die nach dem schrecklichen Vorfall gewiß kein Auge mehr von Hermann und Erna ließ. Auch Harald sollte ruhig in Tannengrund bleiben, er sollte Erholung haben und seine Ferien nicht verkürzen.

Mit liebevollen Worten tröstete Goldköpfchen den verwundeten Sohn.

»Wenn ich wieder gesund bin«, grollte Jürgen, »schieß' ich den Hermann tot. Dann kann es ihm auch so weh tun.«

Erst jetzt besann sich Bärbel auf ihren Ältesten. In der ersten Aufregung hatte sie seiner gar nicht gedacht. Wo war er? Wie ertrug er den Gedanken, den Bruder verletzt zu haben?

Sie bat Frau Leuschner; ihren Platz am Bett Jürgens einzunehmen, sie wollte Hermann aufsuchen.

Sie fand ihn im Garten. Er lehnte mit verschränkten Armen an einem Baum, den Kopf am Stamm. Er sah die Mutter nicht kommen. Erst als sie ihn anrief, wandte er sich um.

Sein Gesicht war mit Erde beschmutzt. Darüber waren die Tränen geflossen und fortgewischt worden. Noch waren die Kinderaugen, die sich auf die Mutter richteten, voller Wasser. Einen Augenblick blieb er zögernd stehen, dann stürzte er auf Bärbel los, umschlang sie aufschluchzend und drückte das Antlitz in die Falten ihres Kleides.

Der Körper des Knaben bebte vor Aufregung. Bärbel ahnte, was im Herzen ihres Ältesten vorging. Er fürchtete, daß ihn die Mutter von sich stoßen würde, weil er auf den Bruder geschossen hatte.

Mit ruhigem Ernst zwang die Mutter den Knaben, daß er ihr ins Gesicht sähe.

»Du hast viel Kummer über deine Eltern gebracht, Hermann. Versprich mir, daß du in Zukunft nicht wieder ungehorsam sein willst, und Dinge, die du nicht anrühren darfst, ruhig stehenläßt. Versprich mir das aus deinem Herzen heraus. Und denke später immer aufs neue daran!«

»Mutti, Mutti!« Hermann umklammerte den Hals der Mutter.

»Es hätte schlimm ausgehen können, Hermann!«

»Ich will immer brav sein! Immerfort! Ich will den Jürgen immer liebhaben und nicht mehr schießen. Mutti, bist du mir böse?«

»Du hast deine Mutti sehr, sehr traurig gemacht!«

»Mutti, lach doch mal, Mutti, du hast so traurige Augen. Ach, Mutti, lach doch mal!«

Bärbel schüttelte den Kopf. »Deine Mutti kann jetzt nicht lachen, Hermann. Die hat großen Kummer. Jürgen muß ins Krankenhaus. Und wenn Mutti heute fortfährt, dann wirst du sehr, sehr artig sein. Willst du, Hermann?«

»Ja«, sagte er schluchzend, »ich werde sehr, sehr artig sein. Aber dann lachst du wieder und bist auch wieder gut, Mutti?«

»Ich werde Frau Leuschner fragen, wenn ich zurückkomme. Ich habe dein Versprechen, Hermann. Du bist zwar erst zehn Jahre alt, aber ein Versprechen müssen auch Kinder halten.«

»Ich werde ganz artig sein. Bist du mir gut? Magst du mich noch leiden, oder hast du nur noch den Jürgen lieb?«

»Nein, Hermann, ich habe dich auch lieb. Aber nun muß ich zu deinem Brüderchen. Der Wagen wird bald da sein. Dann müssen wir fort.«

Noch einmal füllten sich die Kinderaugen mit Tränen, als Bärbel mit Jürgen den Wagen bestieg, um nach dem Krankenhause zu fahren.

»Ich schieß' dich tot, wenn ich wiederkomme.« Das war das letzte, was man von Jürgen hörte. Hermann nickte nur dazu. Es war ihm wohl recht, wenn man ihn später totschoß.

Am späten Abend kehrte Harald Wendelin zur Försterei zurück. Die Schulden Martins hatten sich als so beträchtlich erwiesen, daß der Oberingenieur keinen anderen Ausweg sah, als die Eltern zu unterrichten.

Wohl zeigte sich Martin sehr zerknirscht, trotzdem brach sein Leichtsinn immer wieder durch, er meinte, andere junge Leute machten auch Schulden, so schlimm sei das doch nicht. Der Schwager hatte ihm ernsthafte Vorhaltungen gemacht und schließlich erklärt, daß man gar keine Veranlassung habe, für einen so liederlichen Menschen noch Opfer zu bringen.

Auch Herr Wagner in Dillstadt war derselben Meinung. Seit Jahren verdroß es ihn, daß Martin mit seinem Studium nicht vorwärtskam. Im letzten Jahre hatte er mit einer großen Summe ausgeholfen. Die Beträge, die er heute von Harald hörte, überstiegen diese Summe noch um ein beträchtliches. Nicht nur bei Kellermann hatte Martin Schulden, in verschiedenen Gasthäusern, bei mehreren Zigarrenhändlern, beim Schneider und bei den Wirtsleuten.

Man beriet hin und her. Schließlich hatte sich Herr Wagner entschlossen, selbst nach Jena zu fahren, um dort wenigstens jene Schulden zu begleichen, die durchaus dringend waren. Er wollte seinem Sohne noch eine letzte Frist stellen. Wurde das Examen in diesem Winter nicht gemacht, mußte Martin die Universität verlassen und konnte sich dann irgendeine Stellung suchen.

»Ich ziehe meine Hand von ihm ab, wenn er mich noch weiter ausnutzt.«

Harald Wendelin war sehr froh, daß er Bärbel wenigstens einen kleinen Trost mitbringen konnte. Wenn der Vater nach Jena fuhr, würde das Dringlichste geregelt werden. Hoffentlich kam Martin nun endlich zur Vernunft und ließ es nicht bis zum Äußersten kommen.

Kuno, der Zwillingsbruder Martins, erklärte mit eiserner Energie, daß er keine Lust habe, für den leichtsinnigen Bruder einzutreten. Man sollte den Liederjahn nach Amerika abschieben, daß er endlich arbeiten lerne. Kuno war auch der Ansicht, daß Martin das Examen im kommenden Semester wieder nicht machen werde und die geopferten Geldsummen zwecklos seien. Frau Wagner dagegen legte gar viele gute Worte für den Sohn ein, und das war schließlich ausschlaggebend für den Vater, daß er nochmals helfen wollte.

Gegen zehn Uhr abends traf der Oberingenieur im Forsthause ein. Herr Piepenburg empfing ihn. Er wollte den Ahnungslosen langsam auf das Vorgefallene vorbereiten.

Schweigend hörte der Heimkehrende den Bericht an. Seine ersten Gedanken galten der verängstigten Mutter, der man den Sommeraufenthalt durch dieses Vorkommnis gründlich verdorben hatte.

»Ich muß Sie sehr um Entschuldigung bitten, Herr Wendelin, daß ich es wagte, Ihrem Hermann eine ordentliche Tracht Prügel zu verabreichen. Ich war aber im ersten Augenblick derartig erbittert, daß ich nicht anders handeln konnte.«

Der Oberingenieur reichte dem Forstmanne die Hände. »Ich kann Ihnen nur danken für das herzhafte Zugreifen. Meine Frau ist sicherlich so verstört gewesen, daß sie nicht imstande war, den Knaben an Ort und Stelle zu bestrafen. Sie haben ganz in meinem Sinne gehandelt. Herr Piepenburg. Einen besseren Dienst konnten Sie mir und dem Knaben gar nicht erweisen.«

»Ich habe schon im Krankenhause angefragt. Die Sache ist zwar recht schmerzhaft, doch in acht Tagen sind Jürgen und Ihre Gattin wieder hier.«

Das war nun freilich eine schlimme Überraschung für Harald. Vor allem ängstigte er sich um sein Goldköpfchen. Die arme, kleine Frau hatte sich so sehr auf das Ausruhen im grünen Walde gefreut. Nun machten ihr die unartigen Kinder einen dicken Strich durch diese Freude. Von Frau Leuschner ließ er sich erzählen, wie sein Bärbel das Schreckliche aufgenommen habe, und stolze Freude erfüllte ihn, als er hörte, daß Goldköpfchen, nach den ersten Minuten der Aufregung, wieder ruhige Besonnenheit gezeigt hatte, die sie stets in schwierigen Lagen bewies.

»Ich weiß die Kinder bei Ihnen in besten Händen, Frau Leuschner. Ich halte es daher für das richtigste, wenn ich morgen früh nach Eisenach fahre, um nach den Meinen zu sehen.«

»Sie können sich auf mich verlassen, Herr Wendelin. Den Kindern wird nichts zustoßen. Ich lasse sie keine Sekunde mehr allein. Außerdem macht uns der Hermann ganz bestimmt keinen schlimmen Streich mehr. Der arme Junge ist wie umgewandelt.«

»Ehe ich morgen fahre, nehme ich mir den Buben nochmals gründlich vor.«

»Ich möchte Sie bitten, Herr Wendelin, daß Sie ihm kein hartes Wort mehr sagen. Der Hermann hat alles Vorgefallene noch nicht überwunden. Heute abend konnte er gar nicht einschlafen. Ich habe ihm erst lange zureden müssen. Schließlich sind ihm beim Einschlafen die dicken Tränen aus den Augen gerollt.«

»Eine scharfe Ermahnung wird ihm nichts schaden.«

Am anderen Morgen rüstete sich der besorgte Vater zur Fahrt nach Eisenach. Die Kinder kamen. Erna flog dem Vater jubelnd um den Hals, Hermann kam langsam näher. Er sah elend aus. Seine Augen blitzten nicht, wie das sonst der Fall gewesen, sie sahen matt und trübe aus, die frische Gesichtsfarbe fehlte.

Er ging auf den Vater zu, sah ihn ernst an und sagte leise: »So, Vati, nun kannst du mich verhauen. Ich mach's aber ganz bestimmt nicht mehr. Und wenn der Jürgen wieder gesund ist, schenke ich ihm alles, was mir Freude macht.«

Der Vater hob den Zehnjährigen aufs Knie, dann sprach er ernste, aber freundliche Worte zu ihm.

»Hast recht, Vati, aber paß auf, ich nehme kein Gewehr mehr in die Hand, nie wieder. Die Mutti soll auch nie wieder weinen. Ich werde so artig, daß ihr euch alle darüber wundern werdet.«

»Vati will nun zur Mutti fahren. Er läßt euch mit Frau Leuschner allein zurück. Wirst du auf das Schwesterchen gut aufpassen?«

Hermann versprach es.

Schon stand draußen der Wagen wieder bereit, der den Oberingenieur zum Bahnhof bringen sollte, da kam der Postbote. Er brachte eine ganze Menge Briefe, die Herr Wendelin zunächst in die Aktentasche steckte, um sie unterwegs zu lesen.

Im Zuge nahm Harald die erhaltenen Schreiben vor. Eines war darunter, das an Bärbel gerichtet war. Dieser Brief interessierte ihn, er trug die Adresse einer großen Familienzeitschrift. Da Bärbel dem Gatten gesagt hatte, daß er alle ihre Briefe öffnen könne, was Wendelin meistens ablehnte, glaubte er in Bärbels Interesse zu handeln, wenn er dieses Schreiben öffnete. Vielleicht enthielt es eine freudige Überraschung.

Es war an einem herrlichen Wintertage gewesen, als man im Garten einen großen Schneemann errichtete und sich die Kinder mit den Eltern bei einer Schneeballschlacht vergnügten. Da hatte Bärbel plötzlich ihre photographische Kamera hervorgeholt und den übermütigen Vater mit den drei fröhlichen Kindern geknipst. Das Bild war so vortrefflich gelungen, daß jeder, der es sah, erklärte, man habe noch nie ein so entzückendes Gruppenbild gesehen. Kurze Zeit darauf hatte eine große Familienzeitschrift ein Preisausschreiben veranstaltet und ihre Leser aufgefordert, Momentaufnahmen einzuschicken, die zu dem Thema »Elternglück« paßten. Auch Bärbel hatte sich mit diesem Bilde an dem Wettbewerb beteiligt.

Monate waren darüber hingegangen, man hatte nichts wieder gehört. Es war nur in der Zeitschrift der Bescheid gekommen, daß die Sichtung der zahlreichen Beiträge längere Zeit erfordere. Die Einsender müßten sich gedulden.

Und nun kam endlich eine Nachricht. Wendelin hatte das Schreiben geöffnet; ein freudiger Schein glitt über sein Gesicht, als er las, daß Bärbels Bild mit dem zweiten Preis ausgezeichnet worden sei und ihr dafür der Betrag von fünfhundert Mark zur Verfügung stehe, der mit gleicher Post an sie abgesandt worden wäre.

Wie würde sich sein liebes Bärbel darüber freuen! Aber auch Wendelin fühlte sich recht glücklich. Diesmal mußte sich Bärbel fügen. Sie sollte sich von diesen fünfhundert Mark einen Herzenswunsch erfüllen.

Im Krankenhause hatte Harald sein Goldköpfchen schnell gefunden. Er erschrak über ihr verstörtes Aussehen. Das Unglück schien sie stark mitgenommen zu haben. Glücklicherweise konnte ihm Bärbel recht Günstiges berichten, dann aber galt die nächste Frage dem Bruder.

»Papa ist heute nach Jena gefahren, ich denke, er bringt alles in Ordnung.«

Eingehend berichtete er darauf von seiner Unterredung mit Martin, von der Reise nach Dillstadt und von den Bedingungen, die der Vater dem Leichtsinnigen stellte.

Ein Seufzer der Erleichterung kam über Bärbels Lippen.

»Die Verletzung von Jürgen hat nichts weiter auf sich – mein Bruder Martin wird nun auch zur Vernunft kommen. Mir kollern hundert Steine vom Herzen.«

»Als Pflaster für die ausgestandene Angst und Sorge bringe ich meinem lieben Goldköpfchen noch eine freudige Nachricht mit.«

Harald reichte seiner Frau den Brief. Bärbels Wangen färbten sich vor Freude hochrot.

»Ach, das ist herrlich! Nun kostet der Aufenthalt im Krankenhause gar nichts. Du brauchst nichts besonders herauszurücken, Harald. Ach, ist das schön!«

»Das habe ich mir gedacht«, lachte er. »Ich habe mir aber fest vorgenommen, mein Goldköpfchen, diesmal dir gegenüber sehr energisch zu sein. Dieses Geld, das du dir durch deine Geschicklichkeit selbst erworben hast, bleibt dein ausschließliches Eigentum und wird von dir dazu verwendet, dir einen Herzenswunsch zu erfüllen. Nicht für mich, nicht für die Kinder, auch nicht für die Eltern und Geschwister darf dieser Betrag ausgegeben werden.«

»Ach, Harald, darüber wird sich schon reden lassen.«

»Nein, Goldköpfchen, ich werde sehr energisch darauf dringen, daß du diese Summe für dich behältst! Du sollst dir damit etwas schaffen, was dir eine große Herzensfreude bereitet.«

Sie schaute an ihm vorbei ins Weite.

»Ich war im Walde, Harald, ich suchte mit Förster Piepenburg nach den Kindern, ich wußte, Hermann hatte das Gewehr genommen. Da hörte ich den Schuß fallen. In diesem Augenblick der allergrößten seelischen Not, habe ich mir ein Gelübde abgelegt. Wenn ich die Kinder lebend finde, alle drei, dann wollte ich irgend etwas Gutes tun, wollte jemand eine Freude machen. Eine Freude, die ihn wirklich aus innerster Bedrängnis reißt. Das habe ich mir damals geschworen.

»Mein gutes, liebes Goldköpfchen. Was du dir in jenen schrecklichen Minuten gelobt hast, das wollen wir gemeinsam erfüllen. Wir wollen unsere Augen noch mehr öffnen, wollen Not lindern, so weit wir es können, wollen uns immer daran erinnern, wieviel Güte uns wurde, wie glücklich dieser Schuß ausging. Dafür, mein liebes Goldköpfchen, sollst du nun diese fünfhundert Mark nicht opfern. Wir werden alle gern und freudig uns ein wenig mehr einschränken, immer in dem Bewußtsein, dadurch einem Menschen zu helfen, der in Not ist. So wollen wir es halten.

»Wenn ich dich so reden höre, Harald, ist es mir immer, als könnten die Stürme des Lebens gar nicht an mich herankommen. Wie eine Mauer bist du, an der all das Schlimme und Schlechte der Welt abprallt.

Bin ich nicht eine sehr glückliche Frau?«

Der Gatte lächelte zärtlich zu ihr hernieder. »Ich glaube, diese Mauer«, er wies mit dem Zeigefinger auf sich, »kann ruhig einmal niedergerissen werden. Mein Goldköpfchen wird dann schon wissen, wie es dem Leben zu begegnen hat.«

»Ich glaube das nicht, Häschen. Ohne dich wäre ich bestimmt rat- und mutlos.«

»Nein, mein Goldköpfchen. Ich habe das felsenfeste Vertrauen zu dir. Du stehst deinen Mann im Leben. Kürzlich hat man mich gefragt, ob ich für ein Jahr nach Amerika gehen wollte. Ich habe es abgelehnt, aber nicht deswegen, weil ich fürchten müßte, daß du ohne mich nicht fertig wirst, o nein, ich – ich mag mich nicht so lange von diesem lieben Goldkopf trennen. Man muß die Minuten auskosten. Dir ist es doch recht, daß ich hier bleibe?«

»Häschen, mein Häschen! So, und nun komm zu Jürgen.« – –

Am Abend desselben Tages reiste Harald Wendelin beruhigt wieder ab. Er hatte noch eingehend mit dem Arzte gesprochen, der ihm ebenfalls bestätigte, daß keine Gefahr mehr vorhanden sei, die Wunde müßte allerdings noch einige Tage beobachtet werden. Aber in etwa acht Tagen würde man den kleinen Patienten entlassen können.

Bärbel schwankte immer noch mit ihren Entschlüssen. Nötig war sie hier nicht. Trotzdem regte sich Jürgen sehr auf, wenn er davon hörte, daß die Mutti fortfahren wollte. Der Arzt meinte auch, daß es besser sei, wenn Frau Wendelin noch drei Tage hierbliebe, damit kein Wundfieber auftrete. Kinder, die so sehr damit kein Wundfieber auftrete. Kinder, die so sehr an den Eltern hingen, litten mitunter unsäglich unter der Trennung.

Harald telephonierte täglich an seine Frau und erstattete ihr Bericht. In Tannengrund ging alles seinen geordneten Gang. Hermann war von geradezu musterhafter Artigkeit und betreute die kleine Erna mit Liebe. Er ging damit so weit, daß er sich zu Frau Leuschner setzte, um von ihr das Strümpfestopfen zu erlernen. Aber lachend hatte sie dem Knaben die Nadel aus der Hand genommen.

Den Betrag von fünfhundert Mark hatte Wendelin seiner Frau nach Eisenach gesandt. Vielleicht sah sie dort bei ihren Spaziergängen durch die Stadt etwas, das ihr besonders gut gefiel.

An jedem Morgen ließ Goldköpfchen die Scheine durch die Finger gleiten, immer wieder dabei überlegend, wie sie ihr Häschen ein wenig überlisten könne. Die größte Freude würde es ihr bereiten, wenn sie davon dem Gatten und den Kindern etwas schenken könnte. Oder aber, sie suchte später in Heidenau das alte Fräulein, das man regelmäßig unterstützte, auf und kaufte für jene ein paar notwendige und nützliche Dinge.

Da aus Tannengrund beruhigende Nachrichten kamen, hatte sich Bärbel schließlich dafür entschieden, alle acht Tage in Eisenach zu bleiben und am kommenden Sonntag den kleinen Jürgen wieder mitzunehmen. Noch hatte man acht volle Ferientage. Die Waldluft würde dem kleinen Patienten gut tun, und auch Bärbel freute sich darauf, doch noch etwas Ruhe zu haben.

An einem Morgen, als Frau Wendelin ins Krankenhaus kam, fiel ihr Blick auf eine jüngere Frau, die am Toreingang lehnte. Bärbel wollte mit einem freundlichen Gruß vorübergehen. Da trafen sich zwei Augenpaare und ein weher Seufzer schlug an Goldköpfchens Ohr.

»Kann ich Ihnen helfen? Sind Sie leidend?«

Die Frau schüttelte müde den Kopf. Aber Goldköpfchen ließ sich so rasch nicht abweisen. In ihrer Stimme lag so viel Güte und Herzlichkeit, daß ihr die Frau schließlich ihr Herz öffnete.

»Ich weiß mir keinen Rat mehr. Ja, ich bin schwerkrank, eine Operation könnte mich retten. Und dann soll ich fort.«

»Sie haben aber kein Geld?«

»Oh, doch, die Krankenkasse würde es bezahlen. Ich bin eine Fabrikarbeiterin. Alles ist geregelt. Aber was mache ich mit den Kindern?«

»Sie haben Kinder?«

»Zwei. Meinen achtjährigen Hans und die um zwei Jahre jüngere Grete. Ich habe keinen Menschen. Ich bin ganz allein, und Geld, um die Kinder irgendwo unterzubringen, habe ich nicht. Wenn ich mich nicht operieren lasse, so sagt der Doktor, habe ich nur noch einige Monate zu leben.«

»Können die Kinder nicht von der Stadt versorgt werden? Oder haben Sie keine befreundete Familie?«

»Nein!«

Nach einer Unterredung von fünfzehn Minuten war es Bärbel klar, daß sie hier Gutes tun konnte. Was hatte sie sich gelobt? »Zeige mir eine Mutter, zeige mir Eltern, du lieber gütiger Himmel, denen ich etwas Liebes erweisen kann. Laß mich meine Kinder gesund wiederfinden, und ich will für andere Kinder arbeiten.«

»Ich habe ja Geld«, flüsterte sie, »es belastet die Kasse meines Häschens nicht, wenn ich ein Weilchen für die Kinder sorge.

Einer Mutter will ich helfen, ich, die ich selbst eine so glückliche Mutter bin.«

Dieser Gedanke beherrschte Goldköpfchen vollkommen. Sie konnte nichts anderes tun, als ihr helfen.

»Ich habe selbst drei Kinder«, sagte sie mit strahlenden Augen. »Ihr Hans und Ihre Grete sollen mir willkommen sein. Ich komme gleich mit Ihnen. Kann ich die Kinder einmal sehen? Ich will gut zu ihnen sein, damit sie Vertrauen zu mir haben.«

Frau Knolle schien diese Worte nicht zu fassen. Wie ein Wunder kam es ihr vor, daß eine fremde Dame sich erbot, für die Kinder zu sorgen.

Eine halbe Stunde später stand Bärbel in einem kleinen, sauberen Stübchen vor zwei reizenden Kindern.

»Mein Hans macht Ihnen gewiß keine Mühe, er hat das Arbeiten zeitig gelernt und ist verständig. Und auch Grete ist ein stilles und gutes Kind.«

Goldköpfchen schlang die Arme um die Kinder. Sehr schnell gelang es ihr, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, zumal Frau Knolle ihrem Ältesten sagte, daß diese Dame wie ein guter Engel ins Haus gekommen sei und sie dafür sorge, daß die Mutter wieder gesund werde.

Goldköpfchen hörte immer wieder die gestammelten Kinderworte: »Mutter, wirst du auch wieder gesund? Brauchst du dann nicht zu sterben?«

»Nein, o nein«, sagte Goldköpfchen mit überströmenden Augen. »Deine Mutter wird wieder gesund, ihr aber müßt mit mir kommen. Ich will euch eine gute Tante sein.«

»Wenn die Mutter gesund wird, komme ich mit dir.«

Fassungslos stand Frau Knolle daneben. Ihr war es, als wäre alles nur ein Traum. Goldköpfchen griff energisch zu. Sie besprach alles mit der Frau.

Als sich Bärbel am Sonntag ihren kleinen Jürgen aus dem Krankenhause holte, traf sie nochmals mit Frau Knolle zusammen.

»Nun ist es soweit, liebe Frau. Worte sind zu schwach, um Ihnen zu danken. Der Himmel wird es Ihnen lohnen.«

Ein Fünfzigmarkschein glitt in die Hand der Frau, dann ging Bärbel davon. Im Hotel warteten die beiden Kinder mit ihren geringen Habseligkeiten.

»Schau, Jürgen, das sind nun für die nächsten Wochen deine Gespielen. Du wirst zu Hänsel und Gretel sehr lieb sein.«

»Kommen sie mit in die Försterei?«

»Jawohl, Jürgen. Nun werdet ihr noch netter zusammen spielen können.«

»Kommt auch die Hexe mit?«

»Welche Hexe?«

»Nu die aus dem Pfefferkuchenhaus. Wenn Hänsel und Gretel schon da sind, muß auch noch die Hexe kommen.«

Schon auf der Heimfahrt freundeten sich die Kinder an. Man hätte kaum glauben wollen, daß Hans nur ein Jahr älter als Jürgen war. Er wirkte so verständig und umsichtig, daß Bärbel ihre helle Freude an dem Knaben hatte.

Was würde ihr Häschen dazu sagen? Bärbel hatte den Gatten absichtlich im unklaren gelassen. Sie hatte ihm geschrieben: »Eine große Herzensfreude habe ich mir erfüllt. Das Geld wird dafür prächtig angewendet. Du wirst erstaunt sein, was ich mitbringe. Aber eine Herzensfreude ist es für mich doch.«

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