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Goldköpfchen im Kreise froher Jugend

Magda Trott: Goldköpfchen im Kreise froher Jugend - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchen im Kreise froher Jugend
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180706
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Die Sonne bringt es an den Tag

»Mutti, was heißt das: Die Sonne bringt es an den Tag?«

Goldköpfchen gab ihrem Fritz eine längere Erklärung und schloß mit den Worten: »Man kann ein Unrecht noch so sehr zu verbergen suchen, eines Tages wird es offenbar. Die helle Sonne leuchtet in alles hinein, und wenn ein Mensch nicht selbst unruhig wird und sein Unrecht eingesteht, geschieht ein Zufall, und das Unrecht kommt ungewollt ans Tageslicht.«

»Aber nicht jedes Unrecht, Mutti«, meinte Jürgen. »Manchmal bringt es die Sonne auch nicht ans Tageslicht.«

»Es mag mitunter ein ganzes Weilchen dauern, bis ein Unrecht aufgedeckt wird. Aber eines Tages geschieht es doch.«

»Mutti, – wir haben doch schon manches getan, was die Sonne nicht ans Tageslicht brachte.«

»Ich hoffe nicht, daß mein lieber Jürgen ein wirkliches Unrecht begangen hat. Bei kleinen Streichen drückt auch die Sonne ihr Strahlenauge zu und klagt nicht an.«

Marlene blinzelte empor zur Sonne. »Ich finde, die Sonne ist eine Klatschliese.«

»Nein, Marlene, das ist sie nicht; es heißt ja nur so, daß das helle Licht des Tages dazu dient, ein Unrecht, das ganz heimlich begangen wurde, aufzudecken.«

Über diese Erklärung der Mutti wurde im Kinderzimmer noch lange gesprochen. Marlene sagte, wenn sie die Geschwister in Zukunft puffe, wolle sie erst die Vorhänge an den Fenstern fest zuziehen, damit die Sonne es nicht sehe und wieder klatsche.

»Der Mond ist besser«, philosophierte Fritz.

»Ja«, fiel Stefan zustimmend ein, »er geht wie ein Geheimpolizist des Nachts um, er verbirgt sich hinter den Wolken und den Bäumen. Der Mond ist ein Detektiv!«

»Dann klatscht er auch«, rief Jürgen. »Na, wir haben ja noch nichts Schlimmes begangen. Die Sonne braucht bei uns nichts an den Tag zu bringen.«

Es war eines Vormittags, als Jürgen und Stefan aus der Schule heimkamen. Im Laufschritt eilten sie dem Elternhause zu.

»Hoppla«, rief Stefan plötzlich und hielt im Laufen inne.

Jürgen blieb stehen und wandte sich zu dem Bruder um. Er sah; wie dieser eine am Boden liegende braune Handtasche aufnahm. Sofort war er an seiner Seite.

»Au, die feine Tasche habe ich gefunden!«

»Mach' sie mal auf!«

Stefan öffnete die Tasche. Es stellte sich heraus, daß ein Fläschchen darin zerbrochen war. Anscheinend hatte Stefan, der beim schnellen Laufen auf die Tasche getreten war, den Schaden angerichtet.

»Hu, das stinkt nach Baldrian!«

»Sieh mal her, hier ist noch 'ne feine, kleine Schachtel!«

»Mach' sie auf!«

Die silberne Dose wurde von Stefan geöffnet. Ein weißes Mehl und eine weiße Puderquaste kamen zum Vorschein. Das Mehl verschüttete Stefan zum größten Teil, so vermengte es sich in der Tasche mit der braunen Flüssigkeit.

»O je, nu' wird die feine Tasche dreckig!«

Die beiden Knaben entnahmen der braunen Tasche ein Schlüsselbund, eine kleine Börse, einen Spiegel und ein Taschentuch.

»Pfui, das ganze Futter ist beschmiert!«

Die Kinder gingen daran, die Tasche zu säubern. Leider verschlimmerten sie die Sache noch erheblich. Das Seidenfutter war naß und mit dem braunen Brei bedeckt.

»Jetzt müssen wir die Tasche auf das Fundbüro tragen«, sagte Jürgen. »Gefundenes darf man nicht behalten. Wenn aber die Inhaberin sieht, wie wir das Futter beschmiert haben, haut sie uns hinter die Löffel!«

»Wir waschen die Tasche erst mal aus, nehmen sie mit heim, und dann bringen wir sie nachmittags aufs Fundbüro.«

Zunächst wurde von dem gefundenen Gegenstand daheim nichts gesagt. Im Kinderzimmer goß Stefan Wasser in die Waschschüssel und legte die braune Handtasche hinein. Mit seiner Zahnbürste begann er das Futter zu bearbeiten.

»Rubbel nur tüchtig, Stefan, damit der braune Dreck abgeht«, mahnte Jürgen.

Das geschah. Da die Tasche aber nicht von Leder war, sondern aus brauner Pappe, löste sich plötzlich die Pappe vom Futter ab.

Stefan und Jürgen schauten mit entsetzten Augen auf die neue Veränderung.

»Jürgen, – nu haben wir das Ding ganz kaputt gemacht. Jetzt können wir die Tasche nicht mehr aufs Fundbüro bringen.«

»Was machen wir nu?«

In der Börse waren zwölf Mark.

»Behalten dürfen wir das Geld nicht, das wäre Diebstahl. Kleben wir die Tasche ein bißchen zusammen.«

»Wir wollen sie erst mal zum Trocknen auf die Leine hängen.«

An einer verborgenen Stelle, hinten im Garten, wurde eine Schnur gezogen und die geöffnete Handtasche aufgehängt. Aber schon im nächsten Augenblick fiel sie zu Boden und war wieder unsauber. Jürgen wischte sie rasch an der Hose ab. Da ging der Pappdeckel völlig entzwei. An dem Bügel hing nur noch das braune Seidenfutter, das auch nicht gerade sauber war, denn Baldrian und Puder waren nicht so rasch zu entfernen.

»Was machen wir nun?«

»Tragen wir nur die Börse und die Schlüssel aufs Fundbüro? Oder knüpfen wir alles in das Taschentuch und geben es ab?«

»O nein, Jürgen, dann kriegen wir mächtig Keile!«

»Ja, man wird denken, wir haben die Tasche gemopst.«

»Geben wir das Ding gar nicht ab?« fragte Stefan. »Es war niemand da, der es gesehen hat.«

»G. K.«, rief Jürgen empört, »ja, du bist ein gemeiner Kerl! Du wärest ein Dieb!«

»Ich bin kein Dieb, dä. I.!«

Zunächst gab es zwischen den beiden Knaben eine tüchtige Rauferei, dann schlossen sie wieder Frieden. Sie mußten ja gemeinsam überlegen, was mit der gefundenen Tasche weiter zu machen sei.

»Wenn wir sie nicht gewaschen hätten«, sagte Jürgen sinnend, »wäre es besser gewesen. – Nun ist es zu spät.«

Man kam zunächst zu keinem Entschluß. Schließlich schlug Jürgen vor, es sei das beste, man frage die Mutti, sie werde schon Rat wissen. »Man kann doch nicht dafür, wenn man beim Rennen eine Flasche kaputt tritt.«

»Der Mutti sagen wir es nicht«, wehrte Stefan heftig ab. »Du weißt, ich habe gerade gestern die Ölflasche zerschlagen.«

»Aber die Mutti kann uns raten.«

»Ich habe die Tasche gefunden«, brauste Stefan auf, »ich habe zu bestimmen, was damit werden soll. Wir werden schon einen Weg finden!«

Am späten Nachmittag, als Jürgen die Mutti beim Einkaufen begleitete, blieb er plötzlich wie gebannt vor einem Geschäft stehen, in dem Ledertaschen im Schaufenster ausgelegt wurden. Er täuschte sich nicht! Dort hinten in der Ecke erblickte er genau dieselbe braune Handtasche, die Stefan heute vormittag gefunden hatte. – Das war die Rettung! Wenn sie diese Tasche kauften, in sie das Geld, die Schlüssel, Spiegel und Taschentuch legten, dazu die kleine Dose mit dem Mehl, würde niemand etwas merken. Vielleicht bekamen sie noch einen Finderlohn.

»Mutti, möchtest du dir nicht die hübsche, braune Tasche kaufen? Oder für die Erna? Sie würde sich über so 'ne Tasche sehr freuen.«

Mit der Schwester wollte er schon fertig werden. Der schwatzte man die Handtasche wieder ab und gab ihr etwas anderes dafür.

»Was soll die kleine Erna mit einer Handtasche, mein lieber Jürgen? Sie ist viel zu groß für sie.«

»Ach nein, Mutti, die Erna hat immer sehr viel in die Tasche zu stecken. – Kaufe ihr doch die Tasche, bitte, bitte!«

»Nein, Jürgen, Erna braucht eine solche Tasche nicht. Wir wollen doch recht sparsam sein. Der Vater muß das Geld schwer verdienen. Erna hat eine kleine rote Handtasche, die genügt vollauf.«

»Mutti, ich hätte aber eine furchtbare Freude, wenn du mir – – nein, wenn du der Erna diese Tasche kauftest. – Mutti, ich werde auch keinen Zucker in den Kaffee nehmen. Bitte, kaufe die Tasche.«

»Nein, Jürgen, die Tasche wird nicht gekauft. Wenn Erna eine neue Tasche haben will, werde ich ihr eine nähen. Ich habe hübschen Stoff liegen, daraus mache ich ihr einen Beutel.«

»Mutti – – ich möchte aber – –«

»Jürgen, was bedeutet das? Ich sagte dir schon einmal, daß ich die Tasche nicht kaufe.«

Da wußte der Knabe, daß er nicht weiter die Mutter bestürmen durfte. Ihm war aber wenigstens bekannt geworden, daß es noch genau solch eine Handtasche gab. Die mußte man haben, damit man vom Verlierer nicht Schläge bekam.

Daheim angekommen, erzählte Jürgen seinem Stiefbruder von der Tasche, die in der Bahnhofstraße in einem Schaufenster liege.

»Ist sie teuer?«

»Wird schon teuer sein, Stefan.«

»Dann laufe ich rasch mal hin und frage.« Und schon eilte Stefan davon. Auch sein Herz klopfte erleichtert, als er die Tasche sah. Er betrat das Geschäft und hörte, daß die braune Tasche vier Mark und neunzig Pfennige koste.

»Kann ich sie auch auf Abzahlung haben?«

»Hast du nicht genügend Geld bei dir, mein Kind?«

Stefan griff in die Hosentasche und legte sechs Fünfpfennigstücke auf den Ladentisch. »Mehr habe ich jetzt nicht. Aber ich bringe Ihnen nach und nach das Geld.«

»Bist du nicht der kleine Kirschner?« fragte der Geschäftsinhaber.

»Ja, mein Vater ist hier Arzt.«

»Nun, dann nimm die Handtasche mit. Ich schicke deinem Vater die Rechnung zu.«

»Um Himmels willen«, rief Stefan entsetzt, »das ist doch – – mein Geheimnis! Nein, die Rechnung dürfen Sie nicht an den Vater schicken. Ich zahle selber.«

»Ihr wollt wohl der Mutti die Tasche zum Geburtstag schenken?«

Die Versuchung trat an Stefan heran. Wenn er die Frage bejahte, gab ihm der Mann die Tasche auf Abzahlung mit. Aber gerade vor zwei Tagen, als er wieder einmal geschwindelt hatte, war er von der Mutter so liebevoll ermahnt worden, daß er jetzt nicht wagte, erneut eine Unwahrheit auszusprechen.

»Nein, die Mutti hat nicht Geburtstag, aber – wir möchten diese Tasche so gern haben. Wir zahlen sie ganz langsam ab, ich und der Jürgen.«

Der Inhaber kannte Goldköpfchen. Er war selbst einmal in ihrem Atelier gewesen, um von seinen Kindern Bilder anfertigen zu lassen. Freundlich sagte er:

»Wie lange wird es wohl dauern, bis ihr die Tasche abzahlt?«

»Das wissen wir selber nicht, das kommt darauf an, ob wir was verdienen oder nicht. – Kann ich die Tasche nu haben?«

»Ja, mein Junge, ich schreibe jetzt in mein großes Buch ein, daß du diese Tasche für die Summe von vier Mark und neunzig Pfennig kaufst und darauf dreißig Pfennige anzahlst. Jedesmal, wenn ihr eine Abzahlung leistet, streiche ich die Summe von eurer Schuld.«

»Oh, ich danke Ihnen! Sie sind ein edler Mann!«

Als der Geschäftsinhaber die Handtasche einpacken wollte, riß sie ihm Stefan aus den Händen. »Das ist gar nicht nötig! Ach, ich freue mich so sehr! Ja, genau so, – innen auch braun! Fabelhaft!« Dann eilte er mit der Tasche aus dem Geschäft.

In der Besenkammer standen die beiden Knaben und betrachteten die neue Tasche. »Genau dieselbe«, stellte auch Jürgen freudestrahlend fest. »Jetzt kommt der ganze Trödel hier hinein, und morgen, wenn wir aus der Schule kommen, tragen wir die Tasche aufs Fundbüro.«

»Was machen wir mit der Flasche, die kaputt ging?«

»Darauf kommt es nicht an. Außerdem habe ich in meiner Kommode so viele Flaschen. Wir stecken einfach eine hinein. Sie kann ja ausgelaufen sein.«

»Wenn wir noch in Dillstadt wären, bei Onkel Kuno, hätte er uns auch noch Baldrian gegeben; den hätten wir hineinfüllen können. Der Baldrian hätte uns noch eine viel schönere Flasche gegeben.«

»Leider sind wir nicht mehr in Dillstadt«, seufzte Jürgen. »Aber es ist ja bald Herbst.«

»Der Vater meinte doch, wir fahren im Herbst nicht hin.«

Jürgen schnippte mit den Fingern. »Ach, dem hat es auch so gut bei den Großeltern gefallen. Er fährt bestimmt mit uns hin. Ich habe gar keine Sorge!«

Die neue braune Tasche war wieder gefüllt. Am nächsten Morgen wurde sie in Stefans Ranzen gesteckt, dann ging es nach Schulschluß aufs Fundbüro.

»Das Ding haben wir gefunden. In der Börse sind zwölf Mark und zwanzig Pfennige. Wir haben einen Anspruch auf Finderlohn. – Wenn Sie uns vier Mark und sechzig Pfennige geben, sind wir zufrieden.«

»Ein bißchen viel«, sagte lachend der Beamte. »Erst muß sich die Verliererin melden.«

»Können Sie uns nicht gleich einen kleinen Vorschuß geben?«

»Nein, mein Junge!«

»Wir brauchten Geld jetzt sehr notwendig.«

»Die Verliererin wird euch sicherlich etwas geben. Ich kann das jetzt nicht tun. Ihr bekommt Nachricht.«

»Vielleicht könnten Sie uns die Nachricht in die Schule schicken«, sagte Stefan zögernd.

»Sie brauchen uns keine Nachricht zu schicken«, sagte Jürgen, »wir kommen jeden Mittag fragen und holen uns dann das Geld.«

Schon am nächsten Tage hatte sich die Besitzerin der Handtasche gemeldet und für jeden Knaben eine Tafel Schokolade hinterlassen. Mit langen Gesichtern betrachteten Stefan und Jürgen diesen Finderlohn.

»Wollen Sie uns die Schokolade nicht lieber abkaufen?« fragte Jürgen den Beamten.

»Mögt ihr denn keine Schokolade?« lachte der Beamte.

Jürgen schnalzte mit der Junge. »Oh, wir mögen sie schon, aber – wir haben Schulden gemacht, die wir bezahlen müssen. Dazu brauchen wir Geld.«

»Dann beichtet den Eltern eure Schulden. Jungen in eurem Alter dürfen noch keine Schulden machen. – Hier nehmt die Schokolade.«

Wieder war Jürgen der Ansicht, der Mutti alles zu gestehen. Aber Stefan blieb dabei, daß es jetzt überhaupt nicht mehr ginge. Man hätte sogleich alles sagen müssen; jetzt seien die Heimlichkeiten schon zu groß geworden. So müsse man schweigen.

»Und eines Tages bringt die Sonne alles an den Tag«, philosophierte Jürgen.

»Wir werden schon einen Ausweg finden, unsere Schulden zu bezahlen.«

Am nächsten Tage gab es neues Getuschel. Im Bäckerladen, der dem Kirschnerschen Hause gegenüber lag, hing, gerade am Eingang, eine Papptafel: Austräger gesucht!

»Du, Stefan«, sagte Jürgen, »da wird einer gesucht, der frühzeitig die Brötchen in die Häuser trägt. Wenn wir ganz früh aufstehen und die Brötchen austragen, werden wir bezahlt. Austräger werden fabelhaft gut bezahlt. Sobald wir die vier Mark und sechzig Pfennige verdient haben, schmeißen wir den ganzen Kram wieder hin.«

»Wenn uns nu' aber der Rettich fragt, warum wir immer so früh aufstehen und ausgehen?«

»Die schläft doch im Nebenzimmer. Wir stehen leise auf.«

»Will gleich mal zum Bäcker gehen und fragen, ob er uns annimmt.«

Die Bäckersfrau begann zu lachen, als Jürgen bescheiden anfragte, ob er die Brötchen austragen dürfte.

»Das wird der Mutti nicht gerade recht sein, mein Junge.«

»Ich muß Geld verdienen«, flüsterte er zutraulich der Meisterin zu. »Bitte, geben Sie mir den Posten. Ich werde mich bemühen, zu Ihrer vollsten Zufriedenheit zu arbeiten.«

Diese Worte hatte Jürgen einmal in einem Brief gelesen, den ein Mädchen in Dillstadt an den Großvater geschrieben hatte.

»Kinder kann ich nicht annehmen, Jürgen, das ist nicht erlaubt.«

»Ach bitte, machen Sie doch mal eine Ausnahme, Frau Heuer, ich brauche so notwendig etwas Geld. Ich habe nämlich Schulden.«

»Du hast Schulden? Ja, schämst du dich denn nicht, Jürgen?«

»Es sind gute Schulden, keine schlimmen, wirklich nicht! Bitte, lassen Sie mich doch die Brötchen austragen!«

Die Bäckersfrau drückte dem Knaben ein Fünfzigpfennigstück in die Hand. »So, mein Junge, nun geh! Bezahle davon deine Schulden und grüße die Mutti.«

Jürgen drehte das Geldstück zwischen den Fingern. Am liebsten hätte er gesagt, daß der Betrag nicht ausreiche. Da aber ein Kunde den Laden betrat, stieß er hastig seinen Dank hervor und lief davon.

»Oh«, meinte Stefan, als Jürgen heimkam und Bericht erstattete, »jetzt melde ich mich als Austräger. Wenn sie mir auch fünfzig Pfennige schenkt, können wir eine große Abzahlung leisten.«

Als er in den Laden kam, stand Frau Leuschner darin.

»Nun, Stefan, was sollst du noch holen?«

»Ach, gar nichts«, klang es hastig. Dann lief er davon. Er wartete, bis Frau Leuschner das Geschäft verlassen hatte, und ging nochmals hinein. »Ich melde mich als Austräger für die Brötchen.«

»Hast du vielleicht auch Schulden, Stefan?«

»Ja!«

»Dann schämt euch, ihr Bengel! – Nun mach fix, daß du wieder hinaus kommst!«

Als er aus der Tür war, machte er der Meisterin eine lange Nase und erzählte seinem Bruder Jürgen, wie es ihm ergangen sei.

»Laß nur«, tröstete Jürgen, »wir finden schon noch einen Erwerb. Und jetzt wollen wir die fünfzig Pfennige abzahlen gehen. Dann haben wir nur noch vier Mark und zehn Pfennige Schulden.«

»Vier Mark zehn Pfennige ist eine ganz dumme Sache. – Wollen wir Frau Leuschner sagen, daß sie uns zehn Pfennige schenkt?«

»Ja, dann haben wir nur noch rund vier Mark Schulden, und der Mann wird sich freuen, daß wir so große Abzahlungen machen.«

Frau Leuschner war nicht zu finden. Dagegen stand Ida im Hof und wusch für Ulla.

»Sollen wir dir helfen?« fragte Jürgen freundlich. »Vielleicht können wir die Lappen auf die Leine hängen?«

»Ich bin noch nicht so weit, Jürgen.«

»Wir werden dir helfen!«

»Was – ihr zwei?«

»Nu ja!« Schon zogen sich die Knaben die Jacken aus und griffen in den Seifenschaum. Ida mußte zwar jedes Stück nochmals in die Hand nehmen, doch ließ sie sich das Wasser aus der Wanne schöpfen.

»So, nun brauche ich euch nicht mehr. Besten Dank!«

»Kellner – zahlen!« rief Stefan.

»Was bezahlst du uns dafür, Ida?«

»Was fällt euch ein, gar nichts bezahle ich! Es war nett von euch, daß ihr mir geholfen habt.«

»Es ist schäbig von dir, wenn du uns nichts bezahlst. Die Hilfe kostet mindestens zehn Pfennige!«

»Ich denke nicht daran. Ihr könnt für euer kleines Schwesterchen auch einmal etwas tun.«

»Sie soll sich nicht so unanständig aufführen«, meinte Jürgen verächtlich. »Es hat lange genug gedauert. – Ida, gibst du uns zehn Pfennige oder nicht?«

»Nein!«

»D. b. d.!«

Die beiden Knaben verließen den Hof. »Na, dann zahlen wir eben nur fünfzig Pfennige. Er soll zufrieden sein, daß wir schon wiederkommen.«

Zur selben Stunde wurde die Abzahlung geleistet.

»Das geht ja schnell«, meinte Herr Gasan, »nur immer weiter so flott, dann ist eure Schuld bald getilgt.«

Hochbefriedigt verließen die beiden Knaben das Geschäft.

An den beiden nächsten Tagen wurde keine Gelegenheit ergrübelt, Geld zu verdienen. Beim Heimweg aus der Schule stand Gasan vor seinem Geschäft und nickte den beiden Knaben freundlich zu. Jürgen meinte später, das sei eine versteckte Mahnung gewesen, wieder eine Abzahlung zu leisten, denn der Mann könne nicht ewig auf sein Geld warten.

»Ich hätte da einen Gedanken«, meinte Jürgen zögernd. »Fünfzig Pfennig könnte ich mir leicht verdienen. Der Vater hat mir damals, als ich mir den Zahn ziehen ließ, fünfzig Pfennig geschenkt. Ob ich das noch mal mache?«

»Freilich«, bestätigte Stefan.

Jürgen hatte aber wenig Lust dazu, zumal ihm kein Zahn wehtat. Außerdem mußte er sich erst vergewissern, ob der Vater auch dieses Mal wieder fünfzig Pfennige zahlen würde. Zunächst wurde vertrauensvoll bei der Mutter angefragt.

»Hast du Zahnschmerzen, Jürgen?« fragte sie besorgt.

»Nein, – aber einen kleinen Zahn könnte ich noch hergeben.«

»Hat dir das Zahnziehen so gut gefallen?«

»Nein, – – aus anderen Gründen. – Es macht ganz gewiß keinen Spaß, aber – – na ja –. Meinst du, daß ich mir einen kleinen Zahn ziehen lassen soll?«

»Du bist wohl nicht mehr ganz gescheit, mein lieber Junge. Sei froh, wenn du die gesunden Zähne behältst. Der Zahnarzt wird dir keinen Zahn herausnehmen, der nicht krank ist.«

Das war also auch wieder mißlungen.

Schon kam Stefan an und meldete, daß er bei Hermann eine blanke Mark gesehen habe.

»Der hat immer Geld«, meinte Jürgen. »Wollen mal versuchen, die Mark zu kriegen.«

Hermann wurde in den Schulaufgaben gestört. »Hör mal erst 'ne feine Geschichte an«, begann Jürgen wichtig. »Ein Mensch ist da, der leidet große Not. Bei Tag und Nacht denkt er daran, wo er eine Mark herbekommen könnte. Dann käme das Glück zu ihm und er wäre wieder froh. Der arme Mann hat einen Bruder, der eine Mark besitzt.«

»Meinst du nicht auch, daß der Bruder die Mark herausrücken muß?« fiel Stefan ein.

»Das wird er wohl tun«, sagte Hermann ahnungslos. »Wenn einer in Not ist, muß man ihm helfen.«

»Na, dann gib uns die Mark, die du hast.«

»Wozu braucht ihr denn das Geld?«

»Wir sind in Not.«

»Sagt doch, wozu braucht ihr das Geld?«

»Du darfst nicht fragen, es ist unser Geheimnis. Wenn wir es verraten, bringt es die Sonne an den Tag, und das wollen wir nicht.«

»So geht zur Mutti und bittet sie um eine Mark.«

»Hermann«, rief Jürgen bittend, »gib mir die Mark, und du machst mich glücklich!«

»Erst sage mir, wozu du das Geld brauchst. Du weißt, wir dürfen nichts Unnützes kaufen, sagt die Mutti, denn der Vater muß für uns alle arbeiten, und eine Mark ist nicht so rasch verdient.«

In Gedanken nannte Jürgen seinen Bruder Hermann stets einen anständigen Kerl. Der würde ihn nicht verklatschen. Als er aber erzählen wollte, stieß ihn Stefan unsanft in die Seite.

»Na, wenn du eben so geizig bist, werden wir uns alleine zu helfen wissen!«

Das kränkte den gutherzigen Hermann. »Ich denke, Jürgen, du wirst mir noch sagen, wozu du das Geld brauchst. Ich habe es mir zusammengespart, werde es dir aber geben, da du sagst, du bist in Not. – Du darfst aber nichts Dummes dafür kaufen.«

»Ich schwöre es dir, Hermann, ich brauche es zu einer anständigen Sache. Später sage ich es dir.«

Hermann, der in der Stimme des Bruders tatsächlich heißes Bitten hörte, holte die Mark, und wieder wurde sofort eine Abzahlung geleistet.

Eines Tages berichtete Frau Leuschner, daß sie als junges Mädchen eine Menge Geld verdient habe, weil sie in Gärten und an Chausseen Kirschen und Pflaumen gepflückt habe. Sie erzählte weiter, daß sie auch auf den Wiesen Kamillen gesammelt habe, die ihr der Apotheker gern abgenommen habe.

»Viel Geld hast du damit verdient?« rief Jürgen und hielt vor Erregung den Atem an.

»Ich habe so viel damit verdient, daß ich mir Schuhe und Wäsche selbst anschaffen konnte, die ich brauchte, als ich in Stellung ging.«

»Solche Kamillen, wie drüben auf der Wiese stehen?«

»Ja, ich habe nicht nur Kamillen gepflückt, auch andere Kräuter.«

»O ja, – das weiß ich! Das hat mir der Großvater erzählt. In den Kästen hat er allerlei Teesorten, die von der Wiese kommen.«

Nun blühte neue Hoffnung in den beiden Knaben auf, ihre Schuld zu tilgen. Auf der Wiese durften die Kinder oftmals spielen, und beim Pflücken konnten Erna und Marlene helfen. Dann besorgte man sich einen Sack, stopfte das Gesammelte hinein und sandte ihn nach Dillstadt. Dafür erhielten sie Geld.

»Fein«, stimmte Stefan zu, »gleich morgen geht das Sammeln los!«

Am nächsten Nachmittag wurden Erna, Fritz, Marlene und sogar die kleine Adele aufgefordert, mit nach der Wiese zu kommen. Von Grete hatte man sich große Tüten erbeten. Damit stürmte die Schar davon.

»Ihr alle reißt Kamillen ab«, meinte Jürgen, »und wenn ihr noch andere grüne Kräuter dazu nehmt, macht es nichts. Jeder pflückt solange, bis er die Tüte voll hat.«

»Jetzt sind wir Ziegen«, lachte Marlene und riß mit beiden Händen das Gras ab, das auf der Wiese stand.

»Gras wird der Großvater nicht brauchen können«, meinte Stefan nachdenklich. »Na, wir stopfen alles in einen Sack. Obenauf kommen Kamillen. Onkel Kuno hat es immer eilig, er wird nicht so genau nachsehen.«

Die Tüten waren bald gefüllt, dann wurden die Taschentücher ausgebreitet, ebenfalls vollgestopft und zusammengeknotet.

»Nu' haben wir bald einen Sack voll!«

In der Speisekammer hingen allerlei weiße Beutel. Verlangend schauten die Knaben darauf, denn solch ein großer, weißer Beutel würde genügen, um vom Großvater drei oder fünf Mark zu erhalten.

»Kannst du uns nicht so einen weißen Sack schenken, Mutti, wir möchten was sammeln.«

Goldköpfchen gab bereitwilligst den gewünschten Beutel, und schon wurde das gesammelte Grünzeug hineingestopft. Obenauf kamen ein paar Händevoll Kamillen, wonach der große Beutel fest zugebunden wurde. Nun wußten die Kinder nicht weiter. Ob sie den Sack einfach zur Post trugen? Ein Schild daran hingen, das die Anschrift des Großvaters trug?

Man vertraute sich Frau Leuschner an. »Wir haben so schöne Kamillen gesammelt. Die wollen wir dem Großvater schicken. Wie machen wir das?«

»Das ist sehr brav von euch, da wird sich Onkel Kuno sehr freuen. Zeigt mal her. – Was – der ganze Sack ist voller Kamillen? Er riecht ja kaum danach.«

»Weißt du, deine Nase ist wohl schon zu alt zum Riechen. Können wir den Sack zur Post bringen? Wie machen wir es, daß er fortgeschickt wird?«

Frau Leuschner half den Knaben. Wenn wirklich nicht viel Verwendbares in dem Sack war, sah Onkel Kuno wenigstens den guten Willen der Knaben und freute sich über der Kinder Dankbarkeit.

»Es ist recht so, daß ihr euch für den schönen Ferienaufenthalt in Dillstadt durch einen Liebesdienst erkenntlich zeigt.«

Stefan und Jürgen blickten sich an. Dann wurde in größter Heimlichkeit ein Brief geschrieben.

»Lieber Großvater! Wir schicken Dir heute einen großen Sack voll Kamillen und anderen Kräutern, aus denen Du Tee machen kannst. Den kriegst Du hoch bezahlt. Wir wollen nun nicht Deinen ganzen Verdienst haben, aber unsere Frau Leuschner hat früher so viel damit verdient, daß sie sich alles kaufen konnte, was sie brauchte. Schicke uns also recht schnell für den schönen Tee einige Mark. Wir brauchen notwendig drei Mark. Aber wir möchten gern etwas mehr haben, weil wir uns tausendmal bückten. – Wir alle! Schicke das Geld an mich, aber sehr schnell, denn wir müssen es sehr schnell weitergeben. Vielleicht legt die Großmutter, Onkel Kuno und Tante Karla auch noch was zu, denn Onkel Kuno nimmt jeden Tag viel Geld ein. Das haben wir gesehen. Schicke es schnell ab, damit es schon übermorgen hier ist. Dich grüßen herzlich Deine Enkel

Jürgen und Stefan.

Lieber Großvater! Schicke recht schnell! Deine Enkel

Jürgen und Stefan.«

Trotzdem fragten die beiden Knaben in einem Garten, in dem gerade Pflaumen gepflückt wurden, an, ob sie helfen dürften. Einer der Männer, der auf der Leiter stand, reichte den Knaben einige Hände voll Pflaumen herunter.

»Ihr wollt ja doch nur essen.«

»O nein, es ist uns ernst mit der Arbeit, – wir wollen Geld verdienen.«

»Ihr seid noch zu klein zum Pflücken.«

»Sie könnten es doch einmal mit uns versuchen. Wir müssen wirklich Geld verdienen, wir brauchen es nötig.«

»Hier habt ihr noch mehr Pflaumen, doch nun geht ab.«

Kauend gingen die beiden Knaben davon. Aber am Abend rief Doktor Kirschner die beiden zu sich.

»Ihr habt heute um Pflaumen gebettelt?«

»Nein!« klang es empört aus beider Munde.

»Ich war bei Pegelow. Er erzählte mir, ihr müßtet Geld verdienen und habt euch erboten, Pflaumen zu pflücken. Was sollen solche törichte Reden? Ihr habt alles, was ihr braucht, und Obst bekommt ihr reichlich. Ich verbiete euch in Zukunft bei anderen Leuten um Obst zu bitten, noch dazu unter diesem Vorwand. Schämt euch!«

Schweigend gingen die Knaben davon. »Was müssen wir alles dulden«, klagte Jürgen. »Wenn wir nur die braune Tasche nicht gefunden hätten!«

Am nächsten Tage zogen sich die dunklen Wolken noch dichter über den Häuptern der beiden Knaben zusammen. Die Frau des Postdirektors Scharf kam für Augenblicke in den Garten, in dem Goldköpfchen mit den Kindern saß. Jürgen stieß Stefan so heftig in die Seite, daß er das Gesicht schmerzlich verzog.

»Die hat auch so 'ne braune Tasche!«

Die beiden Damen kümmerten sich wenig um die Kinder, doch die Blicke der beiden Knaben ruhten unverwandt auf der Handtasche. Plötzlich hörte Stefan, wie Frau Scharf sagte:

»Mir ist kürzlich etwas recht Wunderbares passiert, liebe Frau Kirschner. Ich verliere meine Handtasche, gehe aufs Fundbüro und bekomme eine Handtasche wieder, in der sich meine Schlüssel, mein Geld und alles andere befindet, nur ist die Tasche nicht mein Eigentum. Meine Handtasche war bereits am Bügel etwas schadhaft geworden, außerdem hatte sie außen eine Schramme. Ich wollte die Tasche nicht annehmen, doch der Inhalt war mein Eigentum.«

»Das ist recht merkwürdig«, lachte Goldköpfchen.

In diesem Augenblick schaute sie ahnungslos auf und sah Jürgen und Stefan, deren Gesichter sich mit dunklem Rot überzogen. Dann liefen sie unvermittelt davon.

Goldköpfchen schaute ihnen nach. Hier stimmte etwas nicht. Sie kannte die Kinder zu genau. Schon vor einigen Tagen hatte sie fragen wollen, aus welchem Grunde Jürgen von Ida zehn Pfennige verlangte, das später aber wieder vergessen. Außerdem zeigten sich die beiden Knaben in letzter Zeit recht geldgierig. Immer wieder fragten sie, auf welche Weise sie Geld verdienen könnten. Sie würde Stefan und Jürgen nachher einmal herbeiholen und nachforschen, was sie im Schilde führten.

Frau Scharf blieb nicht lange. Goldköpfchen geleitete sie bis zur Gartenpforte. Dabei fiel ihr ein, daß sie gleich einmal zum Bäcker hinübergehen könnte, um ein Brot zu holen.

Die Bäckersfrau fragte lachend: »Nun, Frau Kirschner, hat der Jürgen seine Schulden bezahlt?«

»Mein Jürgen hat Schulden?«

»Ach so, das ist wohl ein Geheimnis der Knaben. – Nun, dann habe ich nichts gesagt. Wir freuen uns immer an Ihren Kindern. Das sind gar prächtige Geschöpfe!«

Goldköpfchen wollte nicht weiterfragen. Sie wußte, daß Jürgen von selbst alles erzählen werde, wenn sie ihn fragte. Jürgen war viel zu aufrichtig, um eine Unwahrheit zu ersinnen.

Die Sonne sandte heiße Strahlen zur Erde nieder. Jürgen und Stefan, die im Gemüsegarten standen, blickten hinauf zu der strahlenden, goldenen Scheibe.

»Hast du es gehört? Sie hat die braune Tasche verloren. – Die Sonne hat dazu gelacht!«

»Die Sonne wird es an den Tag bringen, Stefan, ehe wir unsere Schuld bezahlt haben. – Der Vater wird uns mächtig prügeln!«

»Schulden machen ist was Schlimmes, hat die Mutti gesagt. Mit Schuldenmachen fängt es an, dann kommt das furchtbare Ende!«

»Ach ja, die Prügel«, klang es sorgenvoll.

»Wenn nur erst der Großvater das Geld schickte, damit wir bezahlen können. Dann wäre alles gut! Morgen kann das Geld hier sein.«

Am Nachmittag wurde Goldköpfchen durch Besuch derart in Anspruch genommen, daß sie sich kaum um die Kinder kümmern konnte. Außerdem war die kleine Adele die Treppe hinuntergefallen, hatte sich Ellenbogen und Knie zerschlagen, lag weinend im Bett und verlangte nach der Mutti. Doktor Kirschner hatte noch einige Abendbesuche zu machen. Auch das brachte Unruhe ins Haus, und schließlich kam ein Verletzter, um den sich Frau Bärbel auch noch kümmern mußte. So unterblieb die Frage.

Am nächsten Morgen, als die Kinder in der Schule waren, kam der Geldbriefträger mit einer Postanweisung, die an Jürgen gerichtet war. Erstaunt las Goldköpfchen auf dem Abschnitt die Worte:

»Da Du so nötig Geld brauchst, habe ich Dir das Gras und die grünen Kräuter für fünf Mark abgekauft. Auf weitere Sendungen verzichte ich dankend. Dein Onkel Kuno.«

Die Unruhe in Goldköpfchen wuchs. Was ging ohne ihr Wissen vor? Noch heute mußte sie Jürgen fragen.

Aber Jürgen hatte heute in der Pause schon einen neuen Geldverdienst ersonnen. Ein Klassenkamerad erzählte ihm, daß die Sägemühle in der Breiten Straße völlig kostenlos Sägespäne abgebe. Sägespäne, das wußte Jürgen, brauchte man zur Streu für Pferde und Schweine. Er wollte noch heute seinem Freunde, dem Fuhrmann Albers, einige Körbe voll anbieten und hinbringen.

»Für jeden Korb rechne ich zwanzig Pfennige. Wenn wir fünfmal gehen, haben wir jeder eine Mark. Dann sind wir unsere Schulden bald los. Wir müssen nur sehen, wie wir uns heute nachmittag drücken.«

Als er heim kam, stand die Mutter, wie immer, in der großen Küche, um die letzte Hand ans Essen zu legen. Sie sah Jürgen tief in die Augen, als er sie begrüßte. Der wurde ein wenig verlegen, er kannte den forschenden Blick seiner Mutti.

Beim Essen wurde nichts gefragt, und schon wollte Jürgen forteilen, da rief ihn die Mutter zurück. »Einen Augenblick, Jürgen.«

In dem kleinen Zimmer, in dem Goldköpfchen saß, wenn sie Besuch erhielt, begann das Verhör.

»Hier schickt dir Onkel Kuno fünf Mark, da du nötig Geld brauchst. Wozu brauchst du Geld, Jürgen?«

Der schaute zum Fenster hinaus, durch das die Sonne hell und strahlend fiel. Es schien ihm, als lache sie heute ganz besonders frech. So setzte er sich auf einen anderen Stuhl, damit er der Sonne den Rücken zuwandte.

»Fünf Mark hat er geschickt«, sagte Jürgen erleichtert, »da ist alles gut!«

»Was willst du mit dem Gelde machen, mein lieber Junge?«

»Mutti, das sage ich dir heute nachmittag; dann ist es nicht mehr schlimm. Dann kannst du nur noch lachen.«

»Ich gebe dir das Geld nicht eher, als bis ich weiß, was du damit willst. – Jürgen, was hast du für Schulden?«

Wieder warf der Knabe einen verstohlenen Blick auf die Sonne: »Du verflixtes Ding!« flüsterte er.

»Jürgen, – die Mutti wartet auf Antwort!«

»Mutti, wir hätten wirklich keine Schulden gemacht, wenn wir die Flasche nicht zertreten hätten. Aber – wir haben die Tasche doch nicht gesehen, und knax – da war sie kaputt! Wir bezahlen sie heute ganz gewiß. – Mutti, der Vater hat uns schon ausgezankt. Wir wollten wirklich keine Pflaumen haben, nur Geld verdienen.«

»Erzähle vernünftig, Jürgen, wie es sich für einen Knaben deines Alters gehört«, klang es ernst.

Das bisher lächelnd-verlegene Gesicht des Knaben wurde ernst. Er legte den Kopf an Goldköpfchens Schulter. »Brauchst wirklich nicht zu denken, liebe Mutti, daß wir was Schlimmes machen. Es sollte doch alles wieder so gut werden, wie es war. Wir haben kein Geld genommen, wir wissen, daß wir gefundene Sachen abgeben müssen. – Mutti, brauchst dich nicht zu ängstigen, daß aus uns Mörder oder Verbrecher werden. – O nein, unser gutes Väterli hat immer gesagt: Jungens, sorgt dafür, daß eure Mutti stolz auf euch sein kann. Von heute nachmittag ab kannst du wieder stolz auf uns sein, denn dann ist alles bezahlt!«

»Was hast du zu bezahlen?«

Nun berichtete Jürgen. Er erzählte alles wahrheitsgetreu, sprach von den Gewissensqualen, von dem Wunsche, die Schulden recht rasch zu bezahlen, und schloß den Bericht mit den Worten:

»Mutti, kann eine Mutter nicht doch stolz auf die Kinder sein, die schon, wenn sie noch klein sind, versuchen, Geld zu verdienen und alles, was sie vermurkst haben, wieder in Ordnung zu bringen? Sogar einen kleinen Zahn hätte ich mir rausziehen lassen. – Mutti, da kannst du doch nicht böse auf deinen Jürgen sein!«

Es war Goldköpfchen einfach unmöglich, diesem Kinde zu zürnen. Nur eines tadelte sie:

»Warum seid ihr nicht gleich zu mir gekommen? Warum habt ihr mir die Tasche nicht gegeben?«

»Weil der Stefan soviel kaputt gemacht hatte. Immerfort müssen wir zu dir kommen, weil wir eben viel Unglück haben, Mutti!«

»Ihr seid zu wild, Kinder.«

»Ach, Muttilein, – du hast mal gesagt, Jungens müssen wild sein, und das beherzigen wir nun! – Du bist mir doch nicht böse?«

»Nein, mein Jürgen, doch in Zukunft kommst du gleich zu mir. Und nun schicke mir auch Stefan her, damit ich ihm dasselbe sage.«

Erleichtert stürmte der Knabe davon. »Du!« rief er dem Bruder entgegen, »die Sonne hat es doch an den Tag gebracht. Aber es ging gut aus – und – und – jeder von uns bekommt noch – – noch – – Rechne mal nach: Der Onkel Kuno hat fünf Mark geschickt. Da bleiben für uns noch fast zwei Mark. – Jetzt kaufe ich mir – – ach nein, die dämliche Tasche muß ja erst bezahlt werden und – und – – na, nu geh mal erst zur Mutti.«

Eine Weile rechnete Jürgen, was er mit dem Überschuß von fünfundzwanzig Pfennigen, der auf ihn fiel, beginnen solle. Schließlich entschied er sich, zu Hermann zu gehen und ihm das Geld zurückzugeben.

»Nachher kriegst du dein Geld wieder, Hermann, aber fünf Pfennige ziehe ich für Zinsen ab.«

Am Nachmittag gingen die beiden Knaben zu Gasan und bezahlten die Tasche.

»Sie können mit uns zufrieden sein. – Bekommen wir nun Rabatt?«

Gasan schenkte jedem Knaben einen großen Apfel und lachte vergnügt hinter den beiden prächtigen Buben her.

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