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Goldköpfchen im Kreise froher Jugend

Magda Trott: Goldköpfchen im Kreise froher Jugend - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchen im Kreise froher Jugend
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180706
projectidab6e5a58
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Keine ruhige Stunde

Mit großer, herzlicher Freude war Goldköpfchen mit ihren Kindern in Dillstadt in Empfang genommen worden. Wagners hatten sich fest vorgenommen, die Tochter nach Möglichkeit zu entlasten, damit sie während ihres dreiwöchigen Aufenthaltes im Elternhause recht erfrischt werde. Aber auch Fräulein Rettich sollte viel freie Zeit haben.

»Du weißt ja«, sagte der alte Apotheker zu seiner Frau, »daß es für mich nichts Schöneres gibt, als mit Kindern zu spielen. Ich will die Horde schon beschäftigen.«

»Na na«, sagte Karla, »ich kenne die Kinder von Heidenau her. Mit Jürgen und Erna wird es schon gehen, aber Stefan und Fritz stellen bestimmt das Haus auf den Kopf.«

»Dann drehen wir es wieder um, wenn sie fort sind. Ich verspreche mir drei angenehme Wochen.«

Nun war der Besuch angekommen. Die Kinder faßten schnell Vertrauen zu den neuen Großeltern, und Karla war ihnen von Heidenau her bekannt, da sie in Goldköpfchens Atelier gearbeitet hatte. Onkel Kuno aber, der für jedes Kind ein Stück Schokolade zum Empfang zurechtgelegt hatte, gewann schon in der ersten Stunde das Vertrauen aller.

»Großvater! Großvater!« lärmte es sehr bald in allen Tonarten durch das alte Haus. Man konnte kaum abwarten, den riesigen Boden zu sehen, wollte zur finsteren Treppe, zum schmalen Gang, zu dem Raum, in dem es so schön stank, wollte Onkel Kunos Auto sehen und noch vieles andere.

»Wer bist denn du?« fragte Marlene und schaute dem jungen Hausdiener, der gerade Flaschen in eine Kiste packte, vertrauensvoll ins Gesicht.

»Ich bin der Adrian!«

»Was machst du denn hier?«

»Ich bin in der Apotheke und helfe überall.«

Als Fritz heran kam, teilte ihm Marlene wichtig mit, daß der Baldrian Flaschen einpacke, worauf Fritz den Baldrian sehen wollte. Marlene führte ihn zum Hausdiener. Fritz brachte die Nase an dessen Gesicht, an die Jacke und sagte dreist:

»Du stinkst doch gar nicht nach Baldrian. – He, holla, kommt alle mal her, hier ist der Baldrian!«

So hieß der freundliche Hausdiener schon vom ersten Tage an bei allen Kindern nur noch der Baldrian. Er mußte Dutzende von Fragen über sich ergehen lassen, und wenn er einmal meinte, das wisse er nicht, so sagte Fritz verächtlich:

»D. b. d.«

Stefan zuckte nur mit den Schultern und ergänzte: »Dä. I.«

Verständnislos blickte der gutmütige Adrian die Knaben an. Die Kinder hatten soeben den Großvater entdeckt, der über den Hof kam. Sogleich stürzten sie hinter ihm her, um von ihm geführt zu werden.

»Heute noch nicht, ihr Trabanten, gleich gibt es Abendessen, und dann geht es ins Bett.«

»Fein, – daß wir in der großen Stube mit den runden Fenstern schlafen. So eine große Stube haben wir in Heidenau nicht!«

Über das Aussehen Goldköpfchens waren die Eltern in Sorge. Wo hatte die Tochter die roten Wangen, die strahlenden Augen gelassen? Goldköpfchen machte einen müden und erholungsbedürftigen Eindruck. Auf Befragen meinte die junge Mutter allerdings, daß sich heute die Anstrengung der Reise bemerkbar mache, doch die Eltern wollten das nicht recht glauben.

»Bei uns wirst du dich ausruhen, mein liebes Bärbel«, sagte die besorgte Mutter, »wir alle nehmen dir nach Möglichkeit die Kinder ab. Der Vater freut sich darauf, mit deiner Schar Spaziergänge zu machen, Karla kann vortrefflich chauffieren und wird die Kinder umherfahren. Wir verlangen auf jeden Fall, daß du Ruhe hast.«

»Schon die Luftveränderung wird mir gut tun, liebe Mama.«

»Ach nein, mein Bärbel, wir nehmen dir für die nächsten Wochen die Zügel vollkommen aus den Händen. Du kümmerst dich möglichst wenig um die Kinder.«

»Aber Mutti!«

»Keine Ausreden, mein Goldköpfchen! Du verlangst von deinen Kindern Gehorsam, das verlangen wir nun auch von dir.«

»Bedenke doch, mein liebes Kind«, mahnte der Vater, »daß jeder Mensch Erholung braucht. Wenn du krank würdest, es wäre gar nicht auszudenken. Du hast den Kindern gegenüber Pflichten zu erfüllen, und eine der ersten ist, dich gesund zu erhalten. Hast du so wenig Zutrauen zu deinen Eltern, deinem Bruder und deiner Schwägerin, daß du ihnen nicht einmal die Kinder anvertrauen willst?«

»Die Kinder sind sehr wild und verlangen viel.«

»Das nehmen wir dir eben ab. Ich freue mich geradezu darauf, mit der wilden Bande spielen zu können. Dein Vater gibt dir das Versprechen, Goldköpfchen, daß er die Kleinen viel beschäftigen wird.«

»Papa, du lieber, guter Papa, du machst dich krank, wenn du dich drei Wochen von der kleinen Gesellschaft tyrannisieren läßt. Ich kenne deine Gutherzigkeit, ich weiß, wie du mit Hermann, Jürgen und Erna gespielt hast; nichts war dir zuviel. Aber heute mußt du auch ein wenig an dein Alter denken und dich schonen.«

Apotheker Wagner reckte sich lachend. »Trotz meiner zweiundsiebzig Jahre fühle ich mich kerngesund. Sollst mal sehen, mein liebes Mädel, was der Großvater für eine prächtige Kinderfrau abgibt. Und nun abgemacht, du schonst dich! Vor allen Dingen legst du dich jeden Nachmittag zwei Stunden zu Bett und ruhst dich aus.«

Goldköpfchen lachte. »Das sind meine Kinder gar nicht gewöhnt. Ich fürchte, mit dieser Nachmittagsruhe wird es nicht viel werden.«

»Dafür laß uns sorgen!«

Da man von vornherein ahnte, daß Marlene und Adele, die mit Goldköpfchen in einem Zimmer schliefen, die Mutter auch des Nachmittags aufsuchen würden, kamen Wagners zu dem Entschluß, Bärbel dann in das im zweiten Stockwerk befindliche Schlafzimmer des jungen Ehepaares zu legen. Dort oben konnte Bärbel ungestört ihre Nachmittagsruhe halten, selbst dann, wenn die Kinder in Hof und Garten umhertobten.

Die wilde Schar wunderte sich natürlich sehr, als sich die Mutti sogleich nach dem Essen zurückzog.

»Fein«, sagte Fritz, »wir kommen mit. Du liegst lang und erzählst uns eine Geschichte.«

»Das gibt es nicht«, sagte der Großvater, »ich gehe mit euch in den Garten, dort spielen wir.«

»Aber erst erzählt uns die Mutti eine Geschichte.«

»Nein«, sagte Wagner bestimmt, »die Mutti muß schlafen.«

»Wenn du Maulschmeißer mit uns spielst«, meinte Fritz, »kommen wir mit.«

»Was ist denn das?«

»Das weißt du nicht, Großvater?«

»So ein Spiel hat es in meiner Jugend nicht gegeben.«

»Wir werden dir das zeigen, Großvater«, schrie Jürgen. »Du setzt dich im Garten auf eine Bank, machst das Maul weit auf, und wir schmeißen der Reihe nach mit Kirschen. Du mußt sehen, daß du was fängst.«

»Das ist wirklich ein reizendes Spiel«, lachte der alte Herr, »ich bin aber mehr dafür, daß wir etwas anderes spielen.«

»Nein, wir wollen Maulschmeißer spielen.«

»Kommt erst einmal mit in den Garten, dann werden wir uns schon einigen.«

Man mußte an der Garage vorübergehen, die sorgsam verschlossen war.

»Großvater, schließ mal auf, wir wollen auf dem Auto reiten.«

»Nein, Fritz, wir gehen in den Garten.«

Aber das Spiel, das Herr Wagner den Kindern vorschlug, gefiel ihnen nicht. Marlene flüsterte Fritz zu, sie wollten lieber die Mutti suchen gehen. Fritz gab diese Bitte an Jürgen weiter, und die drei wollten sich entfernen.

»Hiergeblieben«, tönte die Stimme Wagners, »jetzt spielen wir Verstecken, aber nur im Garten und im Hof.«

Das ging ein Weilchen recht gut, bis Fritz sich erneut an Jürgen wandte: »Wollen wir mal nachsehen, wo die Mutti ist?«

»Warte, bis der Großvater uns suchen muß. Dann hält er sich die Augen zu, und wir können weg.«

So wurde Herr Wagner gegen einen dicken Baum gestellt, mußte sich die Augen zuhalten und sollte warten, bis das Wort »fertig« ertönte. Die sechs Kinder aber waren sich längst einig geworden, daß sie die Mutti suchen mußten.

»Leise, ganz leise«, sagte Jürgen, »wir sind jetzt die Weißfußindianer und gehen auf Fährte. Die Mutti muß in einem der Zimmer des großen Hauses sein.«

Noch immer stand Großpapa Wagner geduldig am Baum, und schon stiegen die sechs Kinder leise die Treppe hinan. Jede Tür im ersten Stockwerk wurde vorsichtig geöffnet, und als sie in einem der Zimmer die Großmutter sahen, flog die Tür rasch wieder zu. Karla half unten in der Küche.

Im ersten Stockwerk war die Mutti nicht, so schlichen die Kinder hinauf ins zweite. Auch hier wurden die Türen vorsichtig geöffnet, und mit wildem Freudengeheul stürmte die Rotte in das Zimmer hinauf, hin zu dem Diwan, auf dem Goldköpfchen ruhte.

»Ätsch, – wir haben dich doch gefunden, Mutti! Der Großvater ist ein g. K., wenn er denkt, daß wir dich nicht finden.«

Goldköpfchen hatte Mühe, sich aufzurichten. Die Kinder hockten auf dem Diwan und baten laut und immer lauter: »Mutti, spiele du mit uns, der Großvater kann es nicht so gut.«

»Die Mutti möchte aber noch ein wenig schlafen.«

»Ach, schlafe lieber in der Nacht, das ist viel schöner«, klang es durcheinander, »nur faule Leute schlafen, wenn die Sonne scheint.«

»Die Mutti ist aber nicht faul«, brauste Jürgen auf und versetzte der neben ihm stehenden Marlene einen Katzenkopf. »Na eben, d. b. d.!«

»Was redet ihr nur für merkwürdiges Zeug?«

»Das ist unsere Geheimsprache, Mutti. Der Vater hat verboten, uns soviel zu schimpfen. Wir haben dann immer einen Katzenkopf von ihm bekommen. Nun haben wir uns eine neue Sprache eingelernt, das ist mistisch!«

»Was ist das?«

»Nu, – die mistische Sprache, Mutti! Weißt du, wir sind doch dein geliebter Misthaufe! Acht Kinder. Stellt man die Anfangsbuchstaben zusammen, kommt das Wort Misthaufe raus! – Wir sind also ein kleiner Indianerstamm, und jeder Stamm hat seine eigene Sprache. Untereinander reden wir immer mistisch.«

»Ich finde das nicht gerade schön.«

»Doch, Mutti, es ist wunderschön! Der Vater zankt nicht mehr, wenn ich den Stefan mal dä. I. nenne.«

»Was heißt das?«

»Nu – – dämlicher Idiot. Aber auf mistisch klingt es gar nicht schlimm.«

»Du brauchst doch nicht alles zu verraten, Jürgen«, schrie Stefan ärgerlich. »D. b. d.!«

»Und was heißt das?« fragte die Mutter.

»Dof bleibt dof!« schrie der Chor.

»Ihr seid ja d. K.«, murmelte Stefan unwillig.

»Weißt du, was das heißt, Mutti?« rief Jürgen.

»Nein, mein Junge, ich beherrsche eure mistische Sprache noch nicht.«

»Dumme Quatschköppe!«

»D. K.?« fragte Goldköpfchen zurück. »Aber Stefan, mit deiner Schreibekunst scheint es nicht weit her zu sein. Quatschen wird immer noch mit Q geschrieben.«

»Laß nur, Mutti«, beruhigte Jürgen, »wir verstehen uns untereinander sehr gut.«

Apotheker Wagner, der längere Zeit wartend am Baume gestanden hatte, ging suchend im Garten umher. Hatten sich die die Kinder so gut versteckt oder waren sie fortgelaufen? Er schritt dem Hause zu, trat in den Flur und hörte vom Hausmädchen, daß vor einiger Zeit alle sechs Kinder hinaufgeschlichen wären. Von banger Ahnung erfaßt, ging er nach. Nicht nur Goldköpfchen schlief oben im zweiten Stockwerk, auch Fräulein Rettich hatte man für eine Nachmittagsstunde ein Zimmer im Dachgeschoß angewiesen, damit auch sie ein wenig Ruhe habe.

Wagner befand sich noch auf der Treppe, als er schon das Lärmen der Kinder hörte.

»Nun haben sie die Mutter doch gefunden. – Für morgen wird sie ausquartiert. – Aber wohin? Die kleine Bande durchsucht das ganze Haus!«

Als er das Zimmer betrat, winkten die Knaben ab. »Geh nur wieder runter, Großvater, wir brauchen dich jetzt nicht.«

»Und ich wollte gerade etwas sehr Schönes mit euch spielen.«

»Maulschmeißer?«

»Nein, ganz etwas anderes.«

»Großvater«, sagte Jürgen, »darf ich mir was Schönes aussuchen! Spielst du bestimmt mit uns, was ich will? Dann kommen wir mit.«

»Wenn der Großvater nicht gar zuviel rennen muß, können wir es machen.«

»Gar nicht brauchst du rennen, nur stillestehen.«

»Na, dann kommt mit! Da wollen wir's versuchen!«

Jürgen flüsterte den Brüdern etwas zu. Ein Freudengeheul erscholl. Und ehe es Goldköpfchen verhindern konnte, wurde der Großvater an Rock und Beinkleidern aus dem Zimmer gezogen. Fast wäre er die Treppe hinuntergefallen.

»Wir brauchen nur zwei Wäscheleinen, weiter nichts!« klang es.

In diesem Augenblick dachte Wagner an das letzte, gemeinsame Spielen mit Goldköpfchens Kindern. Sie hatten ihn an einen Baumstamm gebunden und dort stehenlassen.

»Komm, Großvater, du hast es uns versprochen!«

Aber Wagner hielt es für ratsam, im Vorübergehen dem Hausdiener zuzurufen, er möge in Abständen von einer Viertelstunde in den Garten schauen oder horchen, ob er gerufen werde.

»Vielleicht sperrt mich die kleine Gesellschaft ein oder bindet mich irgendwo fest, und ich kann nicht fort. Adrian, vergessen Sie mich nicht.«

»Nein, Herr Wagner, ich werde gut aufpassen. Ich bin ohnehin in der Garage und wasche den Wagen.«

Der Großvater wurde von der Kinderschar in den Garten geführt und an einen der Wäschepfähle gestellt. Die Freude der Kinder kannte keine Grenzen. Wagner meinte somit, sie führten schon jetzt einen Indianertanz um ihr armes Opfer aus.

»Großvater«, klang es, »nun ziehe die Jacke aus!«

»Ist das nötig?«

»Ja, Großvater, du hast gesagt, du willst mit uns spielen.«

Wagner entledigte sich der weißen Leinenjacke.

»So, Großvater, – nu zieh sie wieder an. Aber hinten muß der Pfahl drin sein.«

Man half ihm, in die Jacke zu kommen.

»Nu knöpfe sie vorne zu«, rief Stefan.

»Das geht doch nicht!«

»Da wollen wir mal ein bißchen ziehen.«

»Nein, Kinder, das geht nicht!«

»Dann binden wir sie vorne zu, das geht auch«, meinte Fritz.

Geschickt legte Jürgen um die Knöpfe einen Bindfaden, zog ihn durch die Knopflöcher und schnürte den armen Großvater ein. – Nun saß er fest. Schon kam Stefan mit den beiden Wäscheleinen an. Die eine banden die Kinder am Gelenk der rechten Hand fest, die zweite am linken Handgelenk.

»So, Großvater, jetzt spielen wir Strickziehen. Hierher kommt der Jürgen und ich, auf der anderen Seite ziehen Fritz, Marlene und Adele. Erna ruft, wann wir ziehen sollen.«

»Aber Kinder«, lachte Wagner, »dann zerreißt ihr mich ja.«

»Nee, Großvater, wir zerreißen dich nicht«, schrie Stefan, »der Pfahl fängt an zu wackeln. Wer stärker ist, reißt ihn herüber zu sich, und das ist dann der Sieger.«

»Und ich falle mit dem Pfahl um.«

»Das wollen wir ja gerade«, jubelte Jürgen. »Großvater, das macht Spaß!«

»Nein, Kinder, das geht nicht, ihr reißt mir ja die Arme aus.«

»Um die Beine ist es noch viel schlimmer, Großvater. – So, nu wollen wir anfangen.«

Wagner verschränkte die Arme über der Brust.

»Das gibt es nicht!«

»Tut es denn sehr weh?« fragte Erna.

»Das kannst du dir doch denken, kleines Mädelchen.« Schon begann Wagner den einen Strick vom Handgelenk zu lösen.

»Wenn es weh tut, lieber Großpapa, dann spielen wir es nicht.«

»Nein«, rief Marlene, »dann spielen wir lieber Wassermann. Du stellst dich in eine große Schüssel in den Garten, und wir holen den Schlauch und spielen Wassermann.«

»Auch ein nettes Spiel«, stellte der Großvater fest und blickte hinüber zu dem gemauerten Bassin, in dem einstmals Goldfische gehalten worden waren.

»Großvater, mit dir ist nichts los«, stellte Jürgen fest. »Erst sagst du, du willst mit uns spielen, und dann bist du eben nur ein d. K.«

»Was bin ich?«

»Großvater, kannst du eigentlich mistisch?« fragte Jürgen.

Erna gab ihm Aufklärung und bat, er solle auch mistisch lernen, das mache viel Spaß, wenn man so spräche.

»Na«, sagte Wagner und streichelte das kleine Blondköpfchen, »das kann ich ja machen, du s. M.«

Stefan und Jürgen brachen in ein wahres Freudengeheul aus. »Na, du bist gut, Großvater! So was dürfen wir nicht mal auf mistisch sagen.«

Eine halbe Stunde später erfuhr Goldköpfchen, daß der Großpapa zu Erna »saudummes Mistvieh« gesagt habe.

Da wurde Goldköpfchen ärgerlich. Jürgen bestätigte die Aussage des Bruders und meinte, sie wüßten genau, daß sie solche Schimpfworte nicht in den Mund nehmen dürften. Aber der Großvater sei wohl wütend gewesen, weil man mit ihm Strickziehen spielen wollte.

Sehr bald klärte sich das Mißverständnis auf. »Ich werde nie wieder mit den Kindern mistisch reden«, sagte Wagner ärgerlich. »Da nenne ich nun dein reizendes Ebenbild, mein geliebtes Bärbel, ein süßes Mädel, und da wird es, ins Mistische übersetzt, eine häßliche Schimpferei.«

»Ja ja, lieber Vater«, seufzte Goldköpfchen, »es ist nicht einfach, mit dieser wilden Schar fertig zu werden. Wie du eben gesehen hast, sind sie manchmal etwas zu derb. Hoffentlich quälen sie dich nicht zu sehr. – Wird es nicht besser sein, ich gebe den Nachmittagsschlaf wieder auf?«

»Auf keinen Fall!«

»Die Kinder finden mich überall. Wenn sie erst wissen, daß ich im Hause schlafe, suchen sie solange, bis sie mich gefunden haben.«

»Das werde ich ihnen verbieten. Ich will doch mal sehen, ob ich mit der Horde nicht auch fertig werde.«

So erging am anderen Tage das strenge Verbot, die Mutti beim Nachmittagsschlaf zu stören. Trotzdem schlichen auf Zehenspitzen Erna und Marlene ins zweite Stockwerk hinauf.

»Wir dürfen die liebe Mutti nicht stören«, flüsterte geheimnisvoll die kleine Erna. »Aber horchen wollen wir, ob sie gut schläft.«

Als die beiden Kleinen aber die Treppe wieder hinabgingen, rutschte Marlene aus, fiel die letzten drei Stufen am ersten Absatz hinunter, zerschlug sich das Knie und schrie laut.

Fräulein Rettich kam aus der einen Tür, Goldköpfchen aus der anderen, so war für heute wiederum die Mittagsruhe gestört.

»So geht es nicht weiter«, sagte Kuno am Abend. »Ich fürchte, die kleine Bande steigt alltäglich hinauf. Ich habe eine andere Idee. Wir haben doch die Garage aufgestockt. Dort oben die beiden Zimmer sollen einmal für den Chauffeur sein. Der eine Raum ist eingerichtet. Wir schaffen einen Diwan hinein. Dort soll Bärbel ihre Mittagsruhe halten.«

Während Karla am anderen Tage mit den Kindern eine Autoausfahrt machte, wurde das Zimmer über der Garage für Goldköpfchen hergerichtet.

»Na na«, lachte der Hausdiener, »die Garage ist für Kinder immer ein Anziehungspunkt. Wenn ich den Wagen wasche, sind sie da.«

»Aber sie wissen nicht, daß oben noch zwei Zimmer sind«, erwiderte Kuno.

»Sie haben mich schon mehrmals gefragt, was das für eine verschlossene Tür sei.«

Die beiden oberen Zimmer hatten ihren besonderen Aufgang. Eine kleine Treppe führte empor. Da die Garage ein wenig abseits stand, war dieses Zimmer der ungestörteste Aufenthalt für Bärbel.

»Sorgen Sie dafür, Adrian«, sagte Kuno, »daß die Kinder sich nicht in der Nähe der Garage aufhalten, daß wenigstens in den Stunden von zwei bis vier Ruhe herrscht.«

»Ich will sie schon fortbringen, Herr Wagner.«

Bärbel wurde in ihr neues Heim geführt. »Schließe unten die Tür sorgfältig ab«, sagte Frau Wagner, »damit dich die Kinder nicht entdecken. Bisher hielten wir die Tür immer verschlossen. Sie werden dich hier nicht finden.«

»Ist es nicht schlimm, daß ich mich vor meinen Kindern verbergen soll?«

»Du mußt die Nachmittagsruhe haben.«

Als Karla mit der fröhlichen Schar gegen Mittag heimkam, war im Zimmer über der Garage alles bereit. Den Kindern entging es auch, daß die beiden Fenster, die sonst verhängt waren, heute geöffnet standen. Sie hatten den Gartenschlauch entdeckt, mit dem sie eifrig hantierten. Schließlich kam Adrian, nahm den Schlauch fort und verschloß ihn in der Garage.

»So ein Schlauch macht mächtigen Spaß«, sagte Jürgen, »wir müssen zusehen, daß wir ihn wieder bekommen.« Dann wurde die Garage umschlichen und untersucht, ob man nicht zu dem Fenster hineinsteigen könne.

»Vielleicht steht es einmal offen.«

»Ich schenke dem Baldrian Schokolade, dann macht er es auf.«

Nach dem Mittagessen zog sich Goldköpfchen in ihr neues Zimmer über der Garage zurück. Sorgfältig verschloß sie die untere Tür, stand dann oben hinter der Gardine und schaute den Kindern nach, die mit dem Großvater durch den Garten gingen. Der hatte ein Kegelspiel gekauft, um die Enkel zu beschäftigen.

Die Nachmittagsruhe verlief ungestört. Erna hatte festgestellt, daß die Mutti nicht zu finden sei, Jürgen aber sagte, sie liege sicherlich draußen auf einer Wiese, und war vom Spielen fortgelaufen, um die Wiese des Nachbars in Augenschein zu nehmen. Als er die Mutter dort nicht fand, beruhigte er sich wieder. Nur am Kaffeetisch erklangen die Fragen:

»Mutti, sage uns doch, wo warst du denn? Wir werden dich nicht stören.«

»Die Großeltern haben dafür gesorgt, daß ich einen ruhigen Platz zum Ausruhen habe.«

»Mutti, wo ist der ruhige Platz?« fragte Erna.

»Das sage ich später.«

Aber das Fragen hörte nicht auf, bis Onkel Kuno energisch dazwischenfuhr.

»Die Mutti läuft euch nicht davon, sie bleibt in eurer Nähe. So große Jungen sollten sich schämen, ständig nach der Mutter zu rufen.«

»Es sind ja die kleinen Schwestern, die nach der Mutter rufen«, erklärte Jürgen.

»Wir wollen doch nur wissen, ob die Mutti im Hause schläft.«

»Das geht euch nichts an und wird nicht gesagt.«

Am Nachmittag des folgenden Tages rief der Großvater vergeblich nach den Enkelkindern. Sie stiegen im Keller umher, liefen hinter Adrian durch den Vorratsraum, fragten ihn, was in den verschiedenen verschlossenen Räumen sei, was die großen Ballons enthielten, und wenn Adrian nicht auf die vielen Fragen antwortete, hieß es verächtlich: »d. b. d.!«

Dann war es Marlene, die wieder an die Mutti erinnerte. »Wollen wir sie suchen?«

»Nein«, sagte Jürgen, »große Jungen rufen nicht nach der Mutter. Sie hat sich an einen ruhigen Platz gelegt, dort wollen wir sie lassen.«

Eine Viertelstunde später waren die Kinder bei der Garage. Adrian kam gerade hinzu, als sich Stefan am Fenster zu schaffen machte.

»Was willst du hier?«

»Nur mal nachsehen«, klang es zurück, »ob der Gartenschlauch noch drin ist.«

»Baldrian, – mach uns doch die Tür hier mal auf«, bat Jürgen. »Wer wohnt denn dort oben, wo die beiden Fenster sind?«

»Hm – – das darf ich euch nicht sagen!«

»Das darfst du nicht?« klang es geheimnisvoll.

»Niemand wohnt dort oben!«

»Baldrian, dort wohnt doch einer oben.«

»Laßt mich endlich in Ruhe!«

Man ließ ihn jedoch nicht in Ruhe. Bald fragte dieser, bald jener, wer dort oben wohne.

»Baldrian, – ihr habt doch eine große Leiter, kannst du die nicht mal anstellen, damit wir sehen, wer dort oben wohnt?«

»Werde mich schön hüten! – Dort oben – – da ist es schlimm. Dort wohnt der Teufel mit seiner Großmutter!«

Fritz, Marlene und Adele wichen entsetzt von der Garage zurück und Adrian lachte vergnügt. Er glaubte endlich ein Mittel gefunden zu haben, um die Kinder für immer von der Garage fern zu halten.

»Ich glaube es nicht«, sagte Stefan am Abend zu Jürgen, »dort oben wohnt kein Teufel mit seiner Großmutter. Das hat uns der d. J. nur vorgeredet.«

»Ich glaube es auch nicht. Aber dort oben muß ganz was besonders Schönes sein, weil er uns nicht raufgehen läßt.«

Die Mädchen dagegen waren voller Unruhe. Am Abend fragten sie die Mutti, ob der Teufel auf der Erde eine Wohnung habe. Bärbel verneinte.

»Kann man ihn irgendwo einsperren?«

»Auch das nicht, Marlene.«

»Wenn aber der Baldrian uns sagt, der Teufel wohnt in dem kleinen Haus, in dem das Auto steht, müssen wir uns dann fürchten?«

Bärbel ließ sich genauer erzählen, was Adrian gesagt hatte. Der gutmütige junge Mann wußte, daß sie ungestört bleiben sollte, und hatte zu einem Mittel gegriffen, das in Bärbels Augen nicht empfehlenswert war.

»Der Adrian hat Spaß gemacht; ihr braucht aber nicht beständig an der Garage zu sein. Ihr habt den Garten, den Hof und das große Haus. Die Großeltern wollen es auch nicht, daß ihr bei der Garage seid.«

Erna drängte sich zärtlich an die Mutti und flüsterte: »Mir darfst du es ganz leise sagen, Mutti, wenn wirklich der Teufel dort oben wohnt. Ich verrate es ganz gewiß nicht, und mir wird er doch nichts tun, denn ich tue ihm auch nichts.«

Goldköpfchen versicherte immer wieder, daß oben in den Zimmern über der Garage kein Teufel wohne.

»Warum sollen wir denn nicht bei der Garage sein? – Mutti, dahinter steckt was!«

»Der Vater hat viele Vorräte in dem Haus, auch gefährliche Dinge. Du weißt, in mancher Medizin steckt ein schlimmes Gift. Diese Gifte müssen gut verwahrt werden.« Dann gab Goldköpfchen eine lange Erklärung, daß es verboten sei, diese Gifte unverschlossen zu lassen. Onkel Kuno müsse genau aufpassen, daß niemand an diese schlimmen Sachen herankomme. Der Adrian aber habe nur eine Ausrede gebraucht, um die Kleinen von dort fernzuhalten.

Das leuchtete Erna ein. Sie wollte morgen den Brüdern sogleich die Erklärung mitteilen.

Sie hatte leider wenig Erfolg. »Ich weiß das besser«, meinte Jürgen, »die bösen Gifte sind in dem Zimmer hinter der Apotheke, in dem Schrank mit den beiden Türen. Das weiß ich genau. Auf dieser Tür ist ein großer Totenkopf zu sehen. Aber auf der grünen Tür in der Garage ist kein Totenkopf.«

Nach kurzer Pause sagte Stefan: »Bist du ein Mann, Jürgen? Hast du Mut?«

»Ja!«

»Wollen wir erforschen, wer dort oben wohnt?«

»Ja – –«, klang es kleinlaut zurück.

»Der Teufel kann es nicht sein, das ist Unsinn. – Möchte doch gar zu gern wissen, was dort oben hinter den Fenstern ist.«

»Aber abends gehen wir nicht rauf?«

»Nein«, meinte der andere Held, auch schon ein wenig kleinlauter, »nur wenn es ganz hell ist!«

»Wir müssen abwarten, daß uns die anderen nicht sehen. Ich muß wissen, was dort oben los ist!«

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