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Goldköpfchen im Kreise froher Jugend

Magda Trott: Goldköpfchen im Kreise froher Jugend - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchen im Kreise froher Jugend
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1936/39
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160803
modified20180706
projectidab6e5a58
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Wir fahren nach Dillstadt

Goldköpfchens Eltern, die in Dillstadt die Apotheke hatten, waren zu dem Entschluß gekommen, für einige Wochen im Monat Juli die Tochter mit einigen ihrer Kinder zu sich einzuladen. In der großen, alten Apotheke war genügend Platz, außerdem wollte Wagner die Stiefkinder seiner Tochter genauer kennenlernen. Ferner galt es, Goldköpfchen für einige Wochen Ruhe zu schaffen. Apotheker Wagner hatte sich, seitdem sein Sohn Kuno verheiratet war, vollkommen zurückgezogen und Kuno die Apotheke überlassen. Seine junge Frau, einstmals in Goldköpfchens Atelier als junge Photographin tätig, zeigte sich als umsichtige Hausfrau. Sie stimmte mit Begeisterung dem Plane zu, Goldköpfchen mit ihrer fröhlichen Schar für die Ferien hier zu haben. Daß es viel Unruhe im Hause geben werde, wenn plötzlich so viele Kinder durch das Haus lärmten, wußte ein jeder. Daher wurde beschlossen, Goldköpfchen möge ihr tüchtiges Kinderfräulein mitbringen, damit die geplagte Mutter wirklich einmal zur Ruhe kam.

Nach längerem Familienrat war man dahin gekommen, Goldköpfchen für drei Wochen einzuladen. Doktor Kirschner war ohnehin unabkömmlich. Vielleicht kam er am Schluß der Ferien für wenige Tage nach. Zunächst sollten also Goldköpfchen, Fräulein Rettich und drei Kinder anmarschieren. Man hatte bereits erfahren, daß Hermann in den Ferien an einer Wanderung mit Kameraden teilnahm. Eine große Zeltstadt wurde an der Ostsee errichtet, und Hermann freute sich auf die Urlaubszeit. Er schied also aus.

»Ich glaube«, sagte Frau Wagner, »bei Kirschners wird es auf Hauen und Stechen gehen, wenn wir nur drei Kinder einladen.«

»Goldköpfchen wird schon wissen, welche Kinder sie bringt. Die kleine Erna möchte ich allerdings sehr gern hier haben, sie erinnert mich in allem an unser geliebtes Bärbel. In Erna wächst ein zweites Goldköpfchen heran.«

»Den wilden Stefan möchte ich mir gern einmal ansehen«, sagte Karla, Kunos junge Frau.

»Und ich hätte gern das kleine Fräulein Lieblichkeit hier gesehen, die dreijährige Adele.«

Frau Wagner schlug die Hände zusammen. »Wenn uns die Auswahl schon schwierig wird, was soll da Goldköpfchen erst beginnen? Doch sie ist ja immer mit ihren achten fertig geworden. Wir wollen es ihr überlassen.«

»Wenn statt dreien nun viere kommen, so ist es auch noch nicht schlimm«, lachte der alte Apotheker Wagner.

»Und wenn statt der vier gar fünf Stück ankommen?« sagte Kuno.

»Dann muß eben der Großvater Kinderfrau spielen und sich wieder einmal an den Baum binden lassen. Ich habe ja Zeit!«

»Ach nein«, wehrte Frau Wagner ab, »fünf Kinder und zwei Erwachsene ist undenkbar. Wir wollen es lieber bei den dreien belassen.«

»Mehr als sieben Kinder und zwei Erwachsene können auf keinen Fall kommen«, lachte Wagner, »wir wollen ruhig abwarten.«

Der Brief aus Dillstadt erregte im Kirschnerschen Hause stürmischen Jubel.

»Wir fahren nach Dillstadt!« das rief einer dem anderen zu, das wurde dem Milchmann, der Gemüsefrau und jedem Schulgefährten erzählt. Da wußten die Lehrer, schließlich die ganze Straße in Heidenau: Die Kirschnerschen Kinder fahren nach Dillstadt!

»Ihr armen, unglücklichen Großeltern«, sagte mancher Vater, manche Mutter, wenn es wieder einmal gar zu laut von der Straße heraufschallte: Wir fahren nach Dillstadt!

Goldköpfchen fühlte sich ein wenig bedrückt. Die Kinder hörten nicht, wenn sie ihnen immer deutlicher erklärte, daß die Großeltern nur drei von ihnen eingeladen hätten.

»Das glaubst du doch selber nicht, Mutti«, sagte Jürgen, »der Großvater macht keinen Unterschied zwischen uns. – Wir fahren alle!«

»Die Großeltern haben nur drei Kinder eingeladen«, wiederholte Goldköpfchen.

»Wir Goldköpfchenkinder sind doch selbstverständlich mit den drei Kindern gemeint, und da Hermann zelteln geht, kann die Marlene mitkommen.«

»Ihr seid alle Goldköpfchenkinder, das merke dir, mein Junge.«

Von der Mutter weg lief Jürgen zu Hermann. »Du, Hermann, es muß wunderschön sein, in einem Zeltlager die Ferien zu verbringen. Da liegt ihr am Wasser, die Wellen rauschen. So was Schönes sieht nicht jeder.« Jürgen hatte Sorge, daß Hermann noch im letzten Augenblick die Reise nach Dillstadt mitmachen wollte. Dann war es sehr fraglich, ob die Mutti nicht den Ältesten und die beiden Jüngsten mitnahm. Wenn aber Bruder Hermann ausschied, war er, Jürgen, der Älteste und glaubte somit Anspruch auf Mitnahme ableiten zu können.

Diese »drei«, die mitgenommen werden sollten, schufen im Kirschnerschen Hause immer mehr Aufregung. Je öfter die Mutti betonte, daß sie mit Fräulein Rettich und drei Kindern reisen werde, je ängstlicher betrachteten sich die Kinder untereinander. Beging eines eine Unart, stürzten die anderen auf den Missetäter und riefen im Chor:

»Unartige Kinder gehören nicht nach Dillstadt, – du bleibst hier!«

Erna war auffallend viel um die Mutti herum. »Ich weiß was Schönes, liebe Goldmutti. Wir lassen Fräulein Rettich daheim, und ich mache in Dillstadt das Kinderfräulein. Ich werde sehr gut auf Adele und Ulla aufpassen. Du wirst dich nie zu ärgern brauchen. Ich spiele mit ihnen, und dann kann auch noch der Fritz mitkommen. Ich, der Jürgen, der Fritz, die Marlene und – – und – – die Adele und – – die Ulla. Zwei so kleine Kinder wie die Adele und die Ulla machen noch nicht mal Fräulein Rettich aus. Sie essen lange nicht soviel. – Mutti, nicht wahr, so machen wir es?«

Goldköpfchen mußte dazu lachen. »Du hast doch gelesen, Erna, daß die guten Großeltern nur drei Kinder eingeladen haben.«

Mit einem süßen Lächeln blickte Erna die Mutti an. »Ich glaube, die Großeltern meinen uns alle. – Sieh mal, Mutti, wenn du uns zum Essen rufst, rufst du auch nicht alle acht Namen hintereinander, sondern immer nur zwei oder drei.– Ja, Mutti, so meint es die Großmutti auch. Sie wollte nur nicht soviel schreiben. – – Wir sollen alle nach Dillstadt kommen.«

Ehe Goldköpfchen etwas erwidern konnte, war Erna davongeeilt, um den Geschwistern mitzuteilen, daß die Großeltern wohl doch alle Kinder haben wollten.

Neuer Jubel brach los. Die Angst, daheim bleiben zu müssen, schwand; ein jeder sprach bereits, was er einpacken werde. Am liebsten hätten die Kinder schon begonnen, ihre Kommoden auszukramen, um zu sehen, was mitgenommen werde.

»Fräulein Rettich, dich lassen wir hier«, sagte Fritz, »du brauchst nicht mit uns nach Dillstadt. Hier ist es viel schöner. Du mußt beim Vater bleiben. Wenn die Mutti fort ist, hat er keinen hier, mit dem er sich beredet. Da mußt du hierbleiben und es ihm recht nett machen. Du brauchst keine Arbeit mehr mit uns zu haben, denn wir fahren alle nach Dillstadt.«

Doktor Kirschner war entsetzt, als ihm alle Kinder erklärten, sie führen nach Dillstadt, die Großeltern wollten es so. Wieder versuchte er seinen Kindern auseinanderzusetzen, daß es ganz unmöglich sei, den Großeltern diese Last aufzubürden.

»Ich fahre mit denen, die hierbleiben, jeden Sonntag im Auto fort.«

»Kannst mit Fräulein Rettich fahren«, sagte Fritz, »ich bin nicht hier, ich bin in Dillstadt.«

»Wir gehen dann in eine Konditorei; ein jeder darf sich zwei Stücke Kuchen aussuchen.«

»Der Großvater gibt mir drei Stücke Kuchen in Dillstadt«, rief Jürgen.

»Der Großvater will ein kleines Mädchen sehen«, wisperte Adele, die gerade gestern wieder einmal auf der Straße bewundert worden war.

»Ja«, sagte Erna neidlos, »die Großeltern wollen auch mal ein schönes Kind sehen. Adele muß mitfahren. Der Großvater hat mir oft erzählt, wie schön die Mutti als kleines Mädchen war. Nun wollen wir dem alten Manne wieder mal eine Freude machen. Die Adele muß mit.«

Doktor Kirschner warf seiner Frau einen ratlosen Blick zu. Es würde eines energischen Vorgehens bedürfen, um hier Ordnung zu schaffen. Ehe man sich vom Mittagstisch erhob, sagte der Vater streng:

»Es fahren drei Kinder mit der Mutti nach Dillstadt, dazu Fräulein Rettich.«

Einige Augenblicke war es mäuschenstill. Auf allen Gesichtern malte sich tiefe Trauer. Goldköpfchen konnte die sonst so fröhliche Schar nicht ansehen. Das Herz tat ihr weh, denn sie wußte, manchem ihrer Kinder wurde dadurch eine große Freude zerstört.

»Sei nur nicht traurig«, flüsterte Jürgen der kleinen Erna zu, »ich mache es schon. Wir zwei fahren bestimmt mit!«

»Dann sind der Stefan, Fritz, Marlene und Adele sehr traurig. Ich werde immerfort an die armen Hinterlassenen denken müssen.«

»Wir fahren alle, – laß mich nur machen.«

Am Nachmittag schrieb Jürgen an die Großeltern einen Brief. »Hier ist ein großes Unglück passiert. Wir alle sind furchtbar traurig und haben keine Freude mehr. Aber ich denke, Ihr wollt, daß wir wieder froh sind. Wir würden uns gegenseitig mächtig hauen, wenn nur drei mitfahren dürften und die anderen hierblieben. In Eurer Apotheke ist viel Platz. Hinten in dem großen Zimmer mit den runden Fenstern können alle Kinder schlafen, auch auf Stroh. Mutti hat gesagt, es gibt bei ihren Kindern keinen Unterschied, ob es Goldköpfchen- oder Doktorkinder sind. Ihr dürft auch keinen Unterschied machen. Wenn drei Stück kämen, würde ich natürlich mit Erna zuerst kommen. Aber dann haut mich der Stefan, und der Fritz und die Marlene weinen. Der Stefan sagt dann wieder, Ihr seid Stiefgroßeltern, und beschimpft vielleicht unsere liebe Mutti. Oh, was werdet Ihr für eine Freude haben, wenn wir alle kommen. Im Zimmer der Mutti hängt ein Spruch, der heißt: Kinder bringen Freude ins Haus. – Nun wollen wir Euch die Freude bringen, – wir alle! – Dürfen wir alle kommen? Bitte, bitte, schreibt doch sehr bald, damit die Traurigkeit wieder aus unserem Hause hinausgeht.

Euer dankbarer Enkel Jürgen.

Ich habe noch was vergessen. Wenn es Euch nichts ausmacht, könnte ich vielleicht meinen Freund mitbringen. Er ist ein lieber Junge, dem ich viel von dem großen Hause in Dillstadt erzählte. Schreibt recht bald, denn wir zittern alle schon vor Angst. Es schickt Euch einen Kuß, Euer Enkel

Jürgen.

Nu noch etwas! – Die Mutti will nicht gern, daß wir alle kommen. Schreibt doch, das Kinderfräulein kann daheim bleiben. Wir machen dann immerfort mit dem Großvater Ulk, wir haben ihn alle sehr lieb. – Wenn nur erst der 2. Juli da wäre! – Auf Wiedersehen! Euer Enkel

Jürgen.

Schreibt bald!!!!«

Das war der Brief, den Jürgen ganz heimlich, ohne Marke, zum Briefkasten trug. Zurückgekehrt, machte er geheimnisvolle Andeutungen, verriet jedoch nichts. Schon am anderen Morgen wartete er auf den Briefträger, der leider noch keine Antwort aus Dillstadt brachte.

Stefan war in dieser Zeit still und gedrückt. Als ihn Goldköpfchen eines Tages fragte, ob er sich nicht wohl fühle, sagte er mit verschleierter Stimme:

»Ich habe gestern wieder gelogen.«

»Ich weiß es, Stefan, du sagtest es mir bereits.«

»Und darum werde ich hierbleiben müssen. – Alle fahren nach Dillstadt, aber weil ich gelogen habe, muß ich allein hierbleiben. Ich habe auch nicht nach Schandau mitfahren dürfen. Und ich – – ich möchte doch so – – furchtbar gerne auch mit – – nach Dillstadt. Mutti – – wenn ich gar nicht mehr lüge, – – nimmst du mich dann mit?«

In diesem Augenblick stand es für Goldköpfchen fest, daß Stefan unter allen Umständen nach Dillstadt mitgenommen werden müsse. Wenn nur erst die anderen beruhigt wären! Das würde schwer werden.

»Mutti, ich muß natürlich mit nach Dillstadt«, sagte Fritz, »ich will einmal Apotheker werden, und schon früh übt sich, wer mal ein Meister werden will. Ich werde mir alles genau ansehen und sehr artig sein. – Nimmst du mich ganz bestimmt mit?«

Als Doktor Kirschner zwei Tage später erkannte, daß noch immer keine Einigkeit war, erklärte er, daß in diesem Jahr drei Kinder nach Dillstadt fahren sollten; im nächsten Jahre kämen die anderen drei an die Reihe.

Ein Sturm brach los: »Im nächsten Jahre sind wir tot! Die Frau Weichert ist auch hergekommen und wollte im Sommer zu ihrer Tochter fahren, das hat sie gesagt. Dann ist sie ganz schnell gestorben. – Nein, Vati, wir fahren lieber alle in diesem Jahr!«

Daß keins der Kinder daheimbleiben, jedes das große alte Haus in Dillstadt sehen wollte, daran trug in der Hauptsache Jürgen die Schuld. Er erzählte die sonderbarsten Geschichten von dem Hause der Großeltern.

»Gruselig ist es, wenn man die eine kleine Treppe hinaufgeht. Dann kommt ein finsterer Gang. Dort stinkt es so schön! Und dann geht es links herum – – durch eine ganz kleine Tür. Dann geht man noch einmal herümmer und auf einer anderen Treppe kann man wieder runter. Auch ein finsterer Keller ist da, in dem heult es so schön, wenn man ruft. Und ein Boden ist da, da kann man stundenlang umherrennen, und ein paar Bretter sind da, die klappern. Man kann richtig darauf wippen. Der Großvater gibt uns aus einem Glas Schokolade. Haben wir sie aufgegessen, gehen wir zu Onkel Kuno, der gibt uns noch mal Schokolade –«

»Nun sei endlich still!« rief Goldköpfchen.

Doch was nützten die Ermahnungen! Die ganze Unterhaltung der Kirschnerschen Kinder drehte sich um die Reise nach Dillstadt.

»Wenn heute kein Brief kommt«, flüsterte Jürgen seiner Schwester Erna zu, »schreibe ich noch mal, aber dann werde ich grob!«

Am Nachmittag kam der erwartete Brief. Jürgen trug ihn mit Freudengeheul zur Mutti. Erna, Stefan, Fritz und Marlene folgten ihm. Sie hatten erfahren, daß Jürgen an die Großeltern geschrieben und um Einladung aller Kinder gebeten hatte.

Im Wagnerschen Hause war es nicht ohne Schreck abgegangen, als man die ersten Zeilen von Jürgens Brief las: Hier ist ein großes Unglück passiert.

Dann ging es ans Beraten. Der alte Apotheker meinte, es werde für Goldköpfchen zu schwer sein, eine Auswahl zu treffen, ohne daß sich dieses oder jenes Kind zurückgesetzt fühle.

Goldköpfchen wollte den Brief zunächst leise lesen, doch die Kinder schrien und lärmten durcheinander: »Mutti, fahren wir nun alle nach Dillstadt?«

»Ihr guten, selbstlosen Eltern«, sagte Goldköpfchen gerührt, »ihr ahnt ja nicht, was ihr euch aufbürdet!«

»Mutti, – fahren wir nun alle nach Dillstadt?«

»Kinder, ihr zerreißt ja den Brief! – Ja, ja, ihr fahrt alle.«

Im nächsten Augenblick war Goldköpfchen allein. Die Kinder rannten aus dem Zimmer. Marlene fiel über die Schwelle; es hatte heute nichts auf sich, daß sie sich dabei kräftig schlug. Der Schmerz wurde gemildert durch die herrliche Aussicht, nach Dillstadt zu fahren.

»Wir sehen ein, liebstes Bärbel«, schrieb der Vater, »daß es einfach keinen anderen Ausweg gibt, als Jürgen, Erna, Stefan, Fritz und Marlene mitzubringen. Ob auch Adele kommen wird, überlassen wir Dir. Ich glaube, sie mit ihren drei Jahren wird auch schon angesteckt sein von der Freude der Geschwister und Dir keine Ruhe lassen. Ulla weißt Du in Frau Leuschners Händen vortrefflich aufgehoben. Die Kleine kann Dich für einige Wochen entbehren. Fräulein Rettich bringst Du selbstverständlich mit her. Was in unseren Kräften steht, Dich ein wenig zu entlasten, soll geschehen. Hier wird schon Rat werden. Und drei Wochen gehen auch vorüber, solange halten unsere Nerven stand.«

Goldköpfchen rollten schwere Steine vom Herzen. Sie hätte wahrhaftig nicht gewußt, wie sie die Auswahl treffen sollte.

Draußen tobte und lärmte es indessen: »Wir fahren alle nach Dillstadt!«

Frau Leuschner, Grete und das gute Hausmädchen Ida wurden fast umgebracht. »Ihr kommt alle mit«, schallte es, »denn wir sollen alle nach Dillstadt kommen!«

»Kommt der Vater auch mit?« fragte Erna.

»Wo denkst du hin«, meinte Jürgen, »der muß mächtig Geld verdienen. Er bleibt hier!«

»Wer kocht ihm dann das Mittagsessen? – Wer räumt ihm die Stube auf?«

»Das geht alles mal ohne«, sagte Jürgen, »die Hauptsache ist doch, daß wir alle nach Dillstadt fahren!«

»Die armen Großeltern«, sagte Doktor Kirschner, als er am Abend den Brief Wagners las. »Zum zweiten Male ladet er alle Kinder bestimmt nicht ein.«

»Hat er auch geschrieben, daß ich meinen Freund mitbringen darf?« sagte Jürgen.

»Du bist wohl nicht recht gescheit, Junge! Wenn dein Freund mitfahren soll, mag er fahren, dann bleibst du für ihn daheim.«

»Ich? – – Aber Vati! – Nein, nein, mein Freund – dem gefällt es doch besser in Heidenau. – Vati, das war doch dein Ernst nicht?«

»Arme, geplagte Frau«, sagte Doktor Kirschner am späten Abend zu Goldköpfchen, »da solltest du ein wenig Erholung haben, und jetzt sind sie wieder alle um dich herum.«

»Trotzdem bin ich recht glücklich, Ewald, daß sich die Eltern diese Mühe aufbürden. Ich wußte mir wirklich keinen Rat mehr.«

Am nächsten Tag kam vom Vater die Ermahnung, in der nächsten Zeit sehr artig zu sein, denn ungezogene Kinder blieben unweigerlich in Heidenau. Stefan warf einen angstvollen Blick auf die Mutter. Die nickte ihm freundlich zu. So war sein kleines Herz wieder beruhigt.

»Wir müßten alle mit deinem Auto hinfahren«, sagte Fritz, »das gäbe ein feines Gedrängte!«

»Wir machen uns ganz dünn«, sagte Erna, »dann kostet es kein Eisenbahngeld.«

»Um euch alle zu befördern, müßte ich mir eine eigene Eisenbahn anschaffen«, lachte der Vater.

»Wir fahren nach Dillstadt«, tönte es wieder. »Mutti, wie lange dauert es noch? –«

Seit diesem Tage hatte sich Goldköpfchen wenig über ihre Schar zu beklagen. Wild und stürmisch waren sie natürlich noch, aber sie merkte, daß alle sich bemühten, folgsam zu sein. Besonders Stefan gab sich die größte Mühe.

An einem Sonntagmorgen lauschte Goldköpfchen immer wieder hinüber ins Kinderzimmer. Was war das für ein Rumoren? Gottlob, Fräulein Rettich war bei den Kindern, so durfte nicht zuviel Allotria getrieben werden. Einmal kam das junge Mädchen hinaus in die Küche, lachte über das ganze Gesicht, und als Goldköpfchen fragte, erwiderte sie:

»Sie dürfen in der nächsten Stunde nicht ins Zimmer kommen, Frau Kirschner. Die Kleinen sind ängstlich bemüht, die Türen zuzuhalten, denn es gibt wieder einmal eine Überraschung.«

»Überraschungen schätze ich wenig«, lächelte die Mutter.

»Es ist wirklich ein drolliger Einfall der Kinder. Sie sind so glücklich, denn in vierzehn Tagen geht es ja nach Dillstadt. Sie müssen diesem Glücksgefühl ein wenig Luft machen.«

Fünf Minuten später kam auch Frau Leuschner lachend in die Küche. »Ich werde ausgeschickt, um alle Topfdeckel zu holen.«

»Was machen denn die Kinder wieder?«

»Sehr etwas Nettes.«

»Nun, Grete, dann geben Sie alle entbehrlichen Topfdeckel heraus.«

Fünf Minuten später erschien Fräulein Rettich abermals. Sie brauchte den großen Einkochtopf mit den beiden Henkeln.

Auch der wurde bewilligt. Im Kinderzimmer lärmte es nun von Minute zu Minute immer lauter. Das war ein Stühlerücken, ein Klappern mit Topfdeckeln, ein Tuten und Trampeln. Von Zeit zu Zeit erfüllte lautes Gelächter den Raum, dann heftiges Schreien und Zanken.

Goldköpfchen stand in der Küche und schüttelte ein wenig unwillig den Kopf über die lärmende Schar. Ein Glück, daß Frau Leuschner und Fräulein Rettich aufpaßten.

Endlich kam Erna mit hochrotem Köpfchen in die Küche gelaufen. »Mutti, – es geht los! – Wir fahren nach Dillstadt! Komm schnell, damit du den Zug nicht verpaßt!«

»Ich komme gleich, will nur noch den Rhabarber ausschütten. In fünf Minuten bin ich dal«

»Na ja, fünf Minuten ist Aufenthalt in Heidenau!«

Aus dem Kinderzimmer klang wieder lautes Lärmen. »Nee«, klang Jürgens Stimme, »Frau Leuschner, du darfst dich nicht draufsetzen, wir kommen gleich durch einen Tunnel, – du bist zu dick! Du bleibst drin klemmen. – Nee, bleibe lieber in Heidenau. Du darfst doch nicht mit nach Dillstadt!«

»Steige mal wieder aus«, sagte Fritz, »die Eisenbahn schaukelt zu sehr, sonst wird einer alten Frau schlecht, und dir soll nicht schlecht werden. Der Platz ist für die Mutti.«

Nun trat Goldköpfchen ins Zimmer. Ihren Augen bot sich ein reizender Anblick. Die Kinder hatten vier Stühle hintereinander gestellt, vor die vier Stühle zwei Schemel, auf ihnen lag umgestülpt der große Einkochtopf. An den Beinen der Schemel lehnten die Topfdeckel, es waren die Räder des Eisenbahnzuges, den man gebaut hatte. Die Räder an den Schemelbeinen waren durch einen Spazierstock verbunden und bildeten das Gestänge der Lokomotive. Auf dem zweiten Schemel saß Stefan und hatte einen Trichter am Munde, mit der linken Hand hielt er eine große Papprolle, den Schornstein der Lokomotive. Auf den ersten beiden Stühlen saßen Erna und hinter ihr Fritz mit Adele auf dem Schoß, die ihren Teddy im Arm hielt. Auf dem dritten Stuhl machte sich Jürgen breit, der letzte war frei.

»Mutti, rasch einsteigen«, rief Stefan ihr zu, »wir fahren gleich nach Dillstadt.« Und schon ließ die Lokomotive lautes Tuten ertönen.

Neben dem Zuge stand Hermann. Er trug eine blaue Mütze, in der Hand einen Kochlöffel und wartete darauf, das Abfahrtssignal zu geben.

Goldköpfchen lachte über das ganze Gesicht. Dieser Eisenbahnzug war so reizend hergerichtet, daß sie ihre helle Freude daran hatte.

»Einsteigen, Abfahrt in zwei Minuten«, rief Hermann. Wieder tutete die Lokomotive, während Goldköpfchen sich eiligst auf den für sie freigehaltenen Stuhl niedersetzte.

Hermann erhob den Kochlöffel, Stefan tutete so laut, daß Goldköpfchen Sorgen hatte, ihm könne etwas platzen. Dann fauchten alle Kinder los, und nun begann die Reise nach Dillstadt.

Schsch – schsch – schsch – rrrrrr – rattata rattatta rattata – – die Kinder taten ihr Möglichstes, um das Fahren des Zuges vorzutäuschen.

»Fährt es sich schön, Mutti?« fragte Erna und schaute mit lachenden Augen zurück zur Mutti.

»Ganz herrlich! Leider haben wir Fräulein Rettich vergessen.«

»Ach«, meinte Fritz, »für so viele ist kein Platz, sie wird sich schon zu helfen wissen.«

Goldköpfchen mußte längere Zeit auf dem Stuhl sitzenbleiben, ehe Hermann verkündete, daß der Zug nun in Dillstadt angekommen sei. Erst dann ließen die Kinder die Mutti frei.

Nun stand Goldköpfchen wieder in der Küche, während die Kinder vergnügt weiterdampften, bis plötzlich Marlene erschien und lachend rief: »Mutti, der Fritz hat sich ein Hinterbein abgebrochen!«

Goldköpfchen erschrak, rückte den Topf rasch zur Seite, in dem der Braten schmorte und eilte hinüber ins Kinderzimmer. Da stand Fritz, hielt ein Stuhlbein in der Rechten und betrachtete tiefsinnig den angerichteten Schaden.

»Du darfst nicht mitfahren«, stellte Jürgen fest, »du mußt hierbleiben.«

Der verängstigte Knabe floh zu Goldköpfchen, um sich Trost zu holen. Nach einer kleinen Ermahnung fand er ihn auch, denn es war für die Mutter nichts Neues, daß im Kinderzimmer ein Möbelstück beschädigt wurde. –

*

Die Ferien kamen immer näher. »Nur noch fünf Tage, dann fahren wir nach Dillstadt!«

Da waren eines Nachmittags ganz plötzlich die Freude der Kinder und ihr Lärmen verstummt. Frau Leuschner erklärte den aus der Schule Kommenden, daß Marlene zu Bett liege, einen heißen Kopf habe und vielleicht krank werde.

»Fahren wir dann nicht nach Dillstadt?« klang es ängstlich.

»Wenn Marlene ernstlich erkrankt, wird die Reise verschoben werden müssen.«

Diese Worte der Kinderfrau ließen die Herzen der Kinder erschauern. Die Reise verschieben? – Vielleicht gar nicht nach Dillstadt fahren? – Das war nicht auszudenken! Auf Zehenspitzen schlichen alle zum Bett der erkrankten Schwester.

»Mutti, gib ihr Lebertran, recht viel Lebertran«, meinte Jürgen, »der ist gesund.«

»Gib ihr ein Thermometer, sie soll sich messen!«

»Mutti, zieh sie nackend aus und wasche sie mit ganz kaltem Wasser ab.«

»Du sollst machen, daß du gesund wirst«, schrie Jürgen die kleine Schwester an, »sonst gibt es zu guter Letzt Prügel!«

Angstvoll wurde Marlene von nun an beobachtet. Der Vater wurde gerufen. Doch der beruhigte die erregte Schar und meinte, Marlene habe sich sicherlich den Magen verdorben; morgen schon werde sie wieder gesund sein.

Am Nachmittag, mitten in die Sprechstunde hinein, fing Marlene an zu weinen, ihr sei schlecht. Erna wußte sich nicht anders zu helfen, als ins Wartezimmer zu gehen und sich dort leise unter die wartenden Patienten zu setzen. Einer nach dem anderen verschwand im Nebenzimmer, und als nun wieder des Vaters Stimme ertönte: »Der Nächste!« trippelte sie ins Sprechzimmer hinein.

»Nanu, Erna? Ihr wißt doch, ihr sollt mich in der Sprechstunde nicht stören.«

»Ich störe nicht, Vati. Ich habe genau wie alle anderen draußen gewartet, bis ich an die Reihe kam. Nun bin ich an der Reihe, nun mußt du mein Leiden anhören.«

Doktor Kirschner verbiß sich das Lachen. »Was soll's?«

»Komm mal schnell zur Marlene, ihr ist schlecht.«

»Schickt dich die Mutti?«

»Nein, ich schicke mich selbst.«

Obwohl Doktor Kirschner ahnte, daß Erna nur von der Angst, die Reise zu den Großeltern könne verschoben werden, hergetrieben wurde, ging er doch ins Schlafzimmer, konnte aber bei Marlene keine Verschlimmerung feststellen.

»Ist sie in fünf Tagen gesund, Vati?« fragten die Knaben.

»Wenn sie brav ist, – vielleicht.«

»Gebt ihr massenhaft Lebertran«, äußerte Fritz, der selbst vor dem Einnehmen von Lebertran die größte Angst hatte. –

Am nächsten Tage pflückte Erna Blumen für die erkrankte Schwester und legte sie ihr auf die Decke. »Damit mache ich dir eine Freude, nun mache mir auch eine Freude und werde schnell gesund.«

Schon am nächsten Tage konnte Marlene wieder aufstehen, so daß die Mutter erklärte, die Reise brauche nicht verschoben zu werden. Es folgten noch zwei schlimme Tage. Sogar die langmütige Frau Leuschner mußte immer wieder schelten. Das dauernde Fragen hielt sie kaum noch aus.

»Mir graut in dem Gedanken«, sagte Kirschner zu Goldköpfchen, »daß du eine vierstündige Eisenbahnfahrt mit den Kindern machen mußt. Wirst du sie überstehen, mein Bärbel?«

Dann war es endlich soweit, alle standen auf dem Bahnsteig. Der Arzt hatte die Schar in seinem und einem gemieteten Auto bis Dresden gefahren, um Bärbel das Umsteigen zu ersparen. Fräulein Rettich aber half Goldköpfchen die Kinder im Zaum zu halten, mit der Erklärung, daß derjenige, der unartig sei, noch im letzten Augenblick von der Reise ausgeschlossen werde.

»Wir glauben dir das nicht«, meinte Jürgen, »ich habe alle Fahrkarten gesehen. Sie sind da, wir müssen also reisen.«

»Armes, liebes Bärbel«, wiederholte Doktor Kirschner noch mehrmals, als die Kinder im Zuge saßen. Der Arzt hatte ein Abteil vorher bestellt, damit man allein war. Marlene und Adele, die noch nie eine größere Reise gemacht hatten, stellten, noch ehe sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, zahllose Fragen an die Mutti. So kam sie nicht, dazu, Abschiedsworte mit dem Gatten zu wechseln, der auf dem Bahnsteig stand.

»Mutti – –«

»Einen Augenblick, Adele, ich muß dem Vati noch etwas sagen.«

»Mutti – – ich möchte rasch was wissen!«

»Gleich, Adele – –«

Aber Adele hielt den breiten Ledergurt, der am Fenster hing, in der Hand und schwenkte ihn hin und her.

»Mutti, ich möchte nur wissen – –«

»Abfahren!« klang es.

»Mutti – – ist das der Schwanz von der Lokomotive?«

Das war das Letzte, was Doktor Kirschner von den Seinen hörte. Lachend winkte er dem Zuge nach und wiederholte beim Heimgehen nochmals die Worte der kleinen Adele: ›Mutti, ist das der Schwanz von der Lokomotive?‹

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