Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Magda Trott >

Goldköpfchen

Magda Trott: Goldköpfchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchen
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160728
modified20180104
projectid0c812a5f
Schließen

Navigation:

3. Kapitel.
Goldköpfchen will helfen

Bärbel stand schon ein ganzes Weilchen regungslos, fest an den Türpfosten gedrückt. Irgendein Gefühl, das dem Kinde bisher unbekannt gewesen war, beherrschte es. Am liebsten hätte Bärbel geweint, aber es wagte nicht, den Tränen freien Lauf zu lassen; das Kind ängstigte sich vor etwas Unbekanntem, und die kleinen Händchen krallten sich in seelischer Erregung fest ineinander.

Bärbel begriff nicht, was hier in der Apotheke der Onkel Provisor mit dem großen Mädchen sprach. Sie sah wohl, daß jener immer wieder die Tränen aus den Augen rollten, Bärbel hörte die tröstenden Worte Senftlebens und erschrak, wenn in stoßweisem Schluchzen aus dem Munde der vierzehnjährigen Gertrud die Worte erklangen: »Sie wird auch sterben, dann sind wir ganz allein!«

Der Provisor hatte dem Mädchen eine Flasche in die Hand gedrückt, er versprach ihm auch, mit Herrn Wagner Rücksprache zu nehmen, man würde gewiß helfen.

Bärbel traute sich erst vor, als der Onkel Provisor wieder bei anderer Arbeit war. Nun aber hielt sie mit ihrer Neugierde nicht länger zurück.

»Warum hat das große Mädchen geweint?«

»Es hat eine kranke Mutter, Goldköpfchen, einen sehr kranken Großpapa und noch viele kleine Geschwister. Die armen Kinder haben nichts zu essen.

»Da hast du ihnen eine Flasche gegeben?«

»Das ist Medizin gewesen, für die kranke Mutter.«

»Wird sie nun wieder gesund, Onkel Provisor?«

»Hoffentlich.«

»Wenn sie aber stirbt? Dann ist das große Mädchen allein?«

»Wir wollen versuchen, der armen Frau zu helfen. Die Leute sind sehr bedürftig. – Denke dir nur, Goldköpfchen, die Kinder dort bekommen keine Butterbrötchen, keine Wurst darauf, und kein Fleisch. Die essen immer nur Suppen aus Brotrinden.«

Bärbel verzog das Gesicht. »Ach – Suppe aus Brotrinden!«

»Nicht wahr, Goldköpfchen, das ist schlimm. – Die armen Leute haben gar kein Geld. Früher hatten sie auch einmal recht viel, aber heute haben sie gar nichts mehr.«

»Hat der Vati denn Geld?«

»Jawohl, mein Kind.«

»Dann soll ihnen der Vati Geld geben.«

»Mit etwas Geld ist den Leuten nicht geholfen. Dort ist so große Not, daß ein tüchtiger Goldregen über die Familie niedergehen müßte. Außerdem wollen die Leute gar nicht, daß alle Leute wissen, wie schlecht es ihnen geht. Du darfst darüber auch nicht reden, Goldköpfchen.«

»Haut mich dann das große Mädchen?«

»Nun, das wird die nicht tun; aber wenn Leute sehr arm sind, wollen sie nicht, daß man davon spricht.«

»Aber einen Goldregen wollen sie?«

»Der könnte schon helfen.«

Bärbel wurde nachdenklich. Beim gestrigen Spaziergange mit der Großmama war man an einem Garten vorübergekommen, in dem schöne Sträucher geblüht hatten. Ganz goldgelb sahen die Blüten aus, die in langen Trauben an den Zweigen hingen; die Großmama hatte Bärbel gesagt, daß dies Goldregen sei. Das Kind hatte den Namen nicht vergessen. – Dieser Goldregen sollte den armen Leuten helfen? Sollte es ermöglichen, daß das große Mädchen nicht mehr zu weinen brauchte?

Bärbel stand vor einem neuen Rätsel. Aber dann fiel ihr ein, daß der Onkel Provisor ihr einmal Blumen gezeigt hatte, die den Kranken auch helfen sollten. Diese Blumen waren in der Apotheke geblieben; vielleicht hatte es mit dem Goldregen die gleiche Bewandtnis.

Sie wollte den Onkel Provisor noch weiter ausfragen; aber die Apotheke füllte sich mit Kunden, daher zog sich Bärbel schweigend zurück.

Am liebsten wäre das kleine Mädchen nun sogleich zum Vater gegangen, um ihm zu sagen, daß er dem weinenden Mädchen doch helfen solle.

Dann hielt es Bärbel aber für ratsamer, die Großmama zu bitten, sie möge heute nochmals mit ihr zu jenem großen Garten mit den gelbblühenden Sträuchern geben.

Sie verwarf aber beide Pläne, denn der Onkel Provisor hatte gesagt, daß man von diesen Sachen zu anderen Leuten nicht reden dürfe. Ein einziges Mal hatte sie dem Vater berichtet, daß Joachim von den Bäumen draußen Zweige abgebrochen hatte, sie hatte dafür von dem Bruder tüchtige Schläge bekommen, und darum fürchtete Bärbel auch jetzt, daß ein vorlautes Wort ihr gleichfalls eine Tracht Prügel eintragen könnte.

Ein Goldregen würde helfen! Diese Worte des Onkels Provisor gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Wenn sie dem weinenden Mädchen die goldgelben Blüten brachte, würde die kranke Mutter gewiß wieder gesund werden.

In Bärbels Herz zog ein Gefühl namenlosen Glücks ein. Wie würden sich die vielen kleinen Kinder freuen, wenn die kranke Mutti wieder gesund würde. Vielleicht konnte auch der kranke Großvater mit von dem Goldregen essen und bald wieder aufstehen. O, wie schön mußte es sein, diesen armen Leuten ganz heimlich den Goldregen zu bringen. Dann würden alle Kinder sehr vergnügt und lustig »Häschen in der Grube« spielen, und der Großvater konnte vielleicht bald wieder mitspielen.

Wenn aber ein Goldregen half, warum ging das weinende große Mädchen nicht in den Garten mit den Sträuchern und holte die schönen Blüten? – Auch darüber dachte Bärbel lange nach und kam schließlich zu der Überzeugung, jenes fremde Mädchen würde den Garten mit dem Goldregen gar nicht kennen.

Wie gern hätte sie von ihrem Plan, der in dem kleinen Köpfchen reifte, zu einem Menschen gesprochen. Dem Kinde bangte ein wenig, ganz alleine von Hause fortzugehen, um die gelben Blüten zu holen. Aber schließlich überwog das Mitleid die Furcht, Bärbel verließ das Haus, blieb auf der Straße nochmals nachdenklich stehen, dann eilte sie davon.

Es machte dem Kinde keine Schwierigkeiten, den Weg nach jenem Garten zu finden. Es wußte genau, wo es zu gehen hatte, und obwohl es manchmal von Vorübergehenden verwundert angeschaut wurde, ließ sich Goldköpfchen nicht beirren. Es lief eiligst weiter, bis der große Gitterzaun erreicht war, hinter dem die goldgelb blühenden Sträucher lockten.

Nun aber stand Bärbel vor einer neuen Schwierigkeit. Das große Tor war anscheinend verschlossen, denn die schwere Tür bewegte sich nicht, obgleich sich Bärbel mit allen Kräften dagegenstemmte. Von der Straße aus waren die gelben Blüten nicht zu erreichen, und doch wollte Goldköpfchen den Goldregen haben, der der fremden Mutti und dem kranken Großvati half.

Nach kurzem Überlegen entschied sich das Kind, am Zaune hochzuklettern. Das ging prächtig, nur eine der spitzen Zacken hielt das helle Kleidchen fest, und als das kleine Mädchen energisch daran zerrte, gab es einen Riß. Daran dachte die Kleine zunächst nicht; all ihr Trachten stand nach den gelben Blüten.

Bärbel war endlich über den Zaun geklettert, aber – – o weh, die Sträucher waren viel zu hoch, die Blüten nicht erreichbar. Da mußte sie eben nochmals klettern, wie sie das so oft mit Bruder Joachim tat.

Nochmals wurde der Eisenzaun bestiegen. Bärbel turnte darauf herum, bis es ihr schließlich gelang, die ersten Blüten zu brechen.

Das Kind hatte von der Anstrengung hochrote Wangen, es achtete auch nicht der Gefahr, in der es schwebte. Die beiden Händchen griffen nach den Zweigen, ein Brechen, ein Knacken, Bärbel hatte bereits einen ganzen Busch dieser Blüten im Arm, als sie erschreckt zusammenzuckte, denn dicht vor ihr stand ein Herr, der seinen Spazierstock drohend erhob.

»Was machst du denn da, du Range?«

Bärbel wäre beinahe vom Zaune gefallen. Jetzt stand die kleine Sünderin mit ängstlichem Gesicht vor dem Zürnenden.

»Sind das deine Sträucher?«

Bärbel vermochte nicht zu antworten, das Herz klopfte zu mächtig, und der drohend erhobene Stock ängstigte sie.

»Bist du nicht die Kleine vom Apotheker? – Was fällt dir denn ein, in meinen Garten zu kommen und Blumen fortzunehmen? Habt ihr daheim nicht genug Sträucher?«

Noch immer stand die Kleine auf dem Zaun.

»Komm herunter!«

Goldköpfchen hielt ihre Blumen fest im Arm. Alles hätte sie hergegeben, nur nicht diese goldenen Blüten.

Schließlich kam der fremde Mann doch näher heran, griff nach dem aufschreienden Kinde und hob es vom Zaune herab.

»Was fällt dir denn ein, heimlich in meinen Garten zu kommen und Blumen zu pflücken? Ist das recht? – Darf das ein artiges Kind tun?«

Bärbel schwieg verängstigt.

»Warum hast du die Blumen abgebrochen?«

Wie gern hätte Goldköpfchen die Aufklärung gegeben, aber der Onkel Provisor hatte doch gesagt, daß man schweigen müsse. So schlossen sich die schon geöffneten Lippen aufs neue.

Da faßte sie der Herr am Arm und schüttelte sie kräftig.

»Kannst du dich nicht einmal entschuldigen? Du bist genau so unartig wie dein Bruder! Na warte, ich werde es deinem Vater erzählen, der mag dir die Prügel geben, die du verdienst. – Nun geh!«

Mit einem unglücklichen Blick schaute das kleine Mädchen dem Zürnenden in die Augen.

»Bärbel will die schönen Blumen nicht für Bärbel haben, ich – – ich –«, nun schluchzte sie laut auf.

»Willst du sie vielleicht gleich wieder fortwerfen?«

Goldköpfchen schüttelte heftig den Kopf.

»Wer soll denn den Goldregen bekommen?« Der Zorn des alten Herrn hatte sich bereits ein wenig gelegt, als er in das tränenüberströmte Kindergesichtchen schaute. »Vielleicht die Mutti oder die beiden kleinen Brüderchen?«

Erneutes Kopfschütteln.

»Na, dann lauf; aber in Zukunft laß meine Sträucher in Ruhe. Ihr habt selbst genug im Garten.«

Bekümmert eilte Bärbel davon. Nur als die Augen wieder auf die gelben Blüten fielen, hellte sich ihr Blick wieder auf.

Doch jetzt wurde ihr plötzlich klar, daß sie gar nicht wußte, wem sie den Goldregen zu bringen hatte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ins Elternhaus zurückzukehren und den Onkel Provisor zu fragen, wo das weinende Mädchen wohne.

Als Bärbel den Vorgarten betrat, lief ihr Lina mit zürnendem Gesicht entgegen.

»Eine Viertelstunde suche ich doch schon! – – Meine Güte, wie siehst du denn aus! – Wo warst du denn, du Unart?«

Ehe Bärbel eine Antwort geben konnte, stand der Vater vor ihr.

»Sollst du von Hause fortlaufen?« sagte er grollend.

Er sah in das beschmutzte Kindergesicht, denn Bärbel hatte die Tränen mit den unsauber gewordenen Händen abgewischt.

»Wo bist du gewesen?« wiederholte der Vater streng.

Aufs neue begann Bärbel zu weinen. Sie war von der Begegnung mit dem fremden Herrn noch so sehr verängstigt, daß sie kein hartes Wort hören konnte.

»Bärbel hat den Goldregen für den alten Großvater und die kranke Mutti geholt.«

»Für welchen Großvater? – Was sind das für dumme Streiche, Bärbel?«

»Bärbel will doch helfen,« weinte das Kind, »der Onkel Provisor hat es gesagt.«

Senftleben, der ebenfalls in der Apotheke war und das Schluchzen gehört hatte, war in die Tür getreten und vernahm die letzten Worte. Im ersten Augenblick war ihm nicht klar, was Bärbel meinte.

Aber bald stellte es sich heraus, daß er den Goldregen als einziges Mittel zur Linderung der Not bei der armen Familie Tischbein genannt hatte.

Noch stand Goldköpfchen schuldbewußt vor dem Vater, den Goldregen fest an sich gepreßt. Sie erwartete eine Strafe und begriff nicht, daß sie plötzlich hochgenommen und herzlich geküßt wurde.

»Mein Goldköpfchen mit dem goldenen Herzen,« sagte er tiefbewegt, »du hast es gut gemeint, aber du hättest nicht heimlich fortgehen sollen.«

»Man darf es doch nicht sagen,« flüsterte die Kleine leise.

Wieder fühlte sie die Lippen des Vaters auf ihrer Stirn, und das war ihr ein solcher Trost für all die ausgestandene Angst, daß sie sich in inniger Zärtlichkeit an den Vater schmiegte und ihm ins Ohr flüsterte:

»Wird nun die fremde Mutti und der alte Großvati wieder gesund?«

»Jawohl, mein Goldköpfchen,« sagte Wagner ernst, »du bist deinem Vater heute zum Vorbilde geworden. Heimlich helfen, keinem davon etwas sagen und den armen Leuten nach Möglichkeit den Goldregen bringen.«

Bärbel bekam heute nicht einmal Vorwürfe wegen des stark zerrissenen Kleides. Sie mußte erzählen, wo sie den Goldregen hergenommen hatte, und berichtete gewissenhaft von der Schelte, die sie dafür erhalten hatte.

»Mein kleines, tapferes Mädchen, heute nachmittag gehen wir zusammen aus und bringen deinen Goldregen der kranken Mutti und dem alten Großvater.«

»Wird sie dann gesund, Vati?«

»Ja, mein liebes Kind, dein Goldregen wird ihr helfen.«

Kurz vor dem Ausgange gab es für Bärbel noch eine ganz besondere Überraschung. Der böse Herr, dem der Garten mit den blühenden Sträuchern gehörte, kam in die Apotheke; und schließlich rief man Goldköpfchen, dessen Herz vor Schreck fast stillstand, als es den Garteninhaber erkannte.

Aber er schalt jetzt nicht mehr. Er brachte für das Kind eine Schachtel, in der viele kleine Tiere lagen, die aufzustellen gingen.

»Das schenke ich dir, du kleines Mädchen mit dem goldenen Herzen und dem goldenen Köpfchen, für die Angst, die du heute früh ausgestanden hast.«

Da saß nun Bärbel, hielt die Schachtel mit den schönen Tieren im Arm und dachte darüber nach, warum der fremde Mann erst so böse gewesen war und dann solche Freude bereitete. Aber das Kind fand die Lösung des Rätsels nicht.

Es wurde Bärbel auch nicht klar, warum sich die kranke, fremde Frau so sehr über den Goldregen freute und Bärbel wieder die Hand drückte. Nur das eine war gewiß, daß die gelben Blüten Wunderblumen sein mußten, weil die Kinder jener fremden Frau gar nicht mehr traurig waren, und weil auch der alte Großvater so verklärt lächelte. Und in Bärbels kleinem Herzen war eine jauchzende Freude darüber, daß es doch den Goldregen wohlbehalten in das Haus der armen Leute getragen hatte.

Das kleine Erlebnis mit dem Goldregen, der Besuch bei der Familie Tischbein hatten auf Goldköpfchen einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Die Kleine war schon immer nachdenklich gewesen, jetzt aber schien sie geradezu über die verschiedensten Dinge nachzugrübeln. Immer wieder ließ sie sich von der Großmama Geschichten erzählen, in denen einer dem anderen geholfen hatte; und wenn es nicht geschah, konnte das kleine Mädchen recht böse werden. Oft äußerte Bärbel, daß sie, wenn sie erst recht groß sei, jeden Tag allen Menschen helfen wolle, damit sich alle Kinder genau so freuen könnten wie kürzlich die Kinder der Familie Tischbein.

Apotheker Wagner hatte auch wirklich einen kleinen Goldregen über die Familie niedergehen lassen. Er hatte nach Möglichkeit geholfen, hatte dafür gesorgt, daß die Frau in ein Erholungsheim kam, und daß währenddessen die Kinder gute Pflege hatten. Nun war er dabei, der Familie eine Existenz zu schaffen, und setzte sich dafür mit aller Energie ein. Sprach man ihm dafür anerkennende Worte aus, wies er jedes Lob zurück mit dem Bemerken, daß man es einzig und allein seinem Goldköpfchen zu danken habe, wenn bei Tischbeins die Not aus dem Hause gejagt werde.

So war das kleine Mädchen des Apothekenbesitzers Wagner eine ganze Zeit lang in Dillstadt zum Gesprächsstoff geworden, und Bärbel hatte manch eine Tafel Schokolade erhalten.

Joachim versuchte nach Möglichkeit, auch etwas davon für sich zu profitieren.

»Wenn ich Sträucher abreiße, bekomme ich kräftige Prügel, und du bekommst Schokolade,« brummte er voller Mißgunst. »Deine Dummheit wird noch belohnt.«

Bärbel trug solche häßliche Worte dem Bruder nicht nach. Verlangte er etwas von den erhaltenen Süßigkeiten, so gab sie ihm das Geforderte bereitwilligst. Als einzigen Gegendienst verlangte sie, daß Joachim ihr von Zeit zu Zeit ein Märchen vorlesen sollte. Er tat es nur widerwillig, suchte die kürzesten aus und überschlug obendrein noch ganze Seiten. Das blieb natürlich von Bärbel nicht unbemerkt, und wenn sie dagegen Verwahrung einlegte, erklärte Joachim wegwerfend:

»Das sind eben moderne Märchen, die verstehst du noch nicht.«

Schließlich machte Joachim einen anderen Vorschlag.

»Du bist ein furchtbar kleines, dummes Mädchen, du weißt vom Leben noch gar nichts. Ich werde dich jedesmal, wenn du mir etwas schenkst, belehren, damit du klug wirst.«

Bärbel begriff zwar nicht, worüber sie von Bruder Joachim belehrt werden sollte, aber es gab so manches, was ihr durch das Köpfchen ging, und so kamen die Kinder überein, daß Joachim, wenn sie einmal wieder etwas wissen wollte, ihr Aufklärung geben sollte.

Bereits am nächsten Tage fand sich dazu Gelegenheit. Die kleinen Kücken, die vor einer Woche aus den Eiern geschlüpft waren, bildeten das ganze Entzücken Goldköpfchens. Das Kind konnte eine halbe Stunde und länger vor dem Drahtgitter stehen und die Tierchen bewundern. Merkwürdig war es freilich, daß die Tiere in dem Ei gesessen hatten und daß in den Eiern, die Bärbel zu essen bekam, kein solches Hühnchen war. Darüber mußte ihr Bruder Joachim Aufklärung geben.

»Bist du dumm!« sagte er überlegen. »Du hast doch gesehen, daß die Glucke auf den Eiern gesessen hat. Dabei sind die Eier warm geworden, und aus dem Eigelb ist der Kopf entstanden, aus dem Weißen alles andere.«

»Und wie werden die schwarzen Hühnerchen?«

»Das ist einerlei, die haben eben mehr im Schatten gelegen.«

»Wenn man auf den Eiern sitzt, kommen dann auch kleine Hühner heraus?«

»Wenn du darauf sitzest, kommen Gänse 'raus!«

Bärbel klatschte entzückt in die Hände. »Kleine Gänschen? – O, wie schön! – Wie lange muß ich auf den Eiern sitzen, Joachim?«

Der Bruder lachte listig. »Nicht lange, wenn du nur einige Augenblicke auf den Eiern sitzt, gehen die Schalen gleich auf.«

»O, ich möchte kleine Gänschen haben,« bettelte Bärbel, »ich will zu Wanda gehen, damit sie mir Eier gibt.«

Joachim lachte schallend. »Na, dann zieh dir dazu aber das Sonntagskleid an, und dann setze dich auf die Eier. Wirst was Feines ausbrüten.«

Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als seinem Freunde Emil die Dummheit seiner Schwester zu berichten.

»Au – fein,« schrie Emil, »das wird ein Spaß! Ich hole heimlich aus der Küche die Eier, dann machen wir deiner Schwester im Garten eine Grube, legen die Eier hinein und setzen sie darauf. Au wei, Joachim, das wird ein Witz!«

»Ach nee, – da macht sie sich doch schmutzig!«

»Was schadet denn das! Wir laufen dann rasch davon.«

»Schade um die Eier, die laß ich mir lieber kochen.«

»Mensch, sei doch nicht so dämlich! Bärbel muß gackern, und wir haben unseren Spaß dabei.«

Aber Joachim wollte nicht recht, und so beschloß Emil, den Spaß für sich allein zu haben. Er suchte Goldköpfchen und fand sie auch. Dann begann er von den kleinen Gänsen zu erzählen, die man ausbrüten könne. Wenn sie ihm eine halbe Tafel Schokolade gäbe, würde er ihr zu kleinen Gänsen verhelfen.

Aber der Plan mißglückte, denn die Köchin von Wagners wollte durchaus wissen, wozu Emil diese sechs Eier brauchte. Unglücklicherweise kam gerade Bärbel angelaufen, die erregt berichtete, daß sie brüten wolle.

»Ihr seid wohl übergeschnappt?« meinte Wanda ärgerlich, »Eier bekommt ihr nicht, das Brüten besorgt die Henne, nicht ihr!«

»Sei nicht traurig,« tröstete Goldköpfchen den enttäuschten Spielgefährten des Bruders, »ich werde mir Eier zusammensparen, und dann brüte ich doch noch die kleinen Gänschen aus.«

Schmunzelnd ging Emil davon.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.