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Goldköpfchen

Magda Trott: Goldköpfchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMagda Trott
titleGoldköpfchen
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorRegine Kreutz
senderwww.gaga.net
created20160728
modified20180104
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1. Kapitel.
Bärbel erlebt wunderliche Dinge

Auf dem Hofe der Bärenapotheke ging es heute wieder einmal besonders laut zu. Der zwölfjährige Sohn des Apothekenbesitzers Wagner bemühte sich, mit seinem Spielkameraden Emil ein kleines Mädchen zu fangen, das lachend und schreiend mit ausgebreiteten Armen vor den Knaben einherlief. Joachim Wagner hatte aus dem Schuppen einen großen Binsenkorb genommen, den er über das goldköpfige kleine Mädchen stürzen wollte, um die Kleine zu fangen.

Man spielte Maikäfer! Bärbel Wagner, die vierjährige Tochter des Apothekenbesitzers, hatte sich bereit gefunden, die Rolle des Maikäfers zu übernehmen, und gab sich alle erdenkliche Mühe, dem gefährlichen Korbe zu entgehen. Man trieb die Kleine oft in die Enge, denn Emil Peiske, der Sohn des Schneiders aus dem Nachbarhause, war als wildester und unartigster Knabe in ganz Dillstadt bekannt, der auch jetzt wieder bewies, daß er seinem Rufe alle Ehre machte. Er warf dem enteilenden Bärbel Holzstücke in den Weg, um das kleine Mädchen zum Straucheln zu bringen, während sein Spielgefährte sich brüllend näherte, von Zeit zu Zeit den Korb nach Bärbel schleuderte, bis – – endlich das schwierige Werk gelungen war.

Bums! Der Korb wurde über das kleine Mädchen gestülpt; im nächsten Augenblick hockten die beiden Knaben auf ihm, um Bärbel das Entrinnen unmöglich zu machen.

Mit diesem gelungenen Fang brach aber gleichzeitig ein Lärm los, wie man ihn selten aus drei Kinderkehlen gehört hatte. Bärbel schrie in den höchsten Tönen, die beiden Knaben versuchten ihre Stimme zu übertönen.

Ein energisches Klopfen an eines der Fenster ließ die Knaben aufsehen. Joachim erblickte den Vater, der mit erhobenem Finger drohte.

»Wir haben den Maikäfer!« rief ihm der Bube statt aller Antwort entgegen.

Das Fenster wurde geöffnet, der Apothekenbesitzer Wagner schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte mahnend: »Laß das Geschrei, du weißt, daß Mutti schlafen will.«

Joachim blickte nach den Fenstern des ersten Stockwerkes hinauf, wandte sich darauf mit pfiffigem Ausdruck an seinen Spielgefährten und sagte gönnerhaft:

»Nun gut, wir gehen zu dir, Emil.«

Währenddessen hatte sich Bärbel aus seinem Gefängnis befreit; mit hochroten Wangen eilte das Kind auf den Vater zu:

»Sie haben mich gekriegt!« Erneut begann sie laut zu kreischen, so daß sich der Vater zu einer neuen Mahnung veranlaßt sah.

»Du mußt brav und ruhig sein, Bärbel, Mutti will schlafen.«

»O, schlafen, wenn die liebe Sonne scheint?« Das Kind schaute mit seinen blauen Augen zum wolkenlosen Maihimmel empor.

»Ja, Mutti ist müde, denn Mutti hat sehr viel gearbeitet.«

»Wenn die Mutti schlafen will, will ich ihr ein Gute-Nacht-Küßchen geben.«

»Nein, nein, Bärbel, – sie schläft schon.«

»Ich könnte ohne Küßchen nicht einschlafen, Vati.«

Der Apothekenbesitzer schaute auf sein kleines Mädchen herab. Die Sonne flimmerte in dem Blondhaar, und es hatte den Anschein, als habe sich eingesponnenes Gold um dieses Kindergesicht gelegt. Kein Wunder, daß das kleine Mädchen im ganzen Orte den Namen »Goldköpfchen« erhalten hatte, daß selbst die Mutter ihre einzige Tochter oft mit dieser Bezeichnung rief.

Schön war Bärbel nicht zu nennen, denn das kleine Näschen war zu breit, und auch das hervorspringende Kinn verlieh dem Gesicht einen etwas trotzigen Ausdruck.

Aber wenn man in die großen Blauaugen sah, flogen alle Herzen diesem lebhaften Kinde zu, das durch seine drolligen Bemerkungen und seinen aufgeweckten Geist schon viel von sich hatte reden machen.

Die beiden Knaben hatten sich bereits entfernt, die Weidenkiepe lag hingeworfen inmitten des Hofes.

»Stell' den Korb zur Seite, Bärbel, dann darfst du zu mir hereinkommen.«

Es geschah, und wenige Minuten später saß das vierjährige Mädchen auf den Knien des Vaters.

»Du spielst wohl sehr gern mit deinem großen Bruder?«

»Manchmal ja.«

»Möchtest du nicht auch noch ein kleines Brüderchen oder ein Schwesterchen haben, das im Alter besser zu dir paßt?«

»Willst du mir eins schenken, Vati?«

»Wenn du in den nächsten Tagen sehr artig bist, will ich mir die Sache überlegen. – Was möchtest du denn haben, Bärbel? Ein Brüderchen oder ein Schwesterchen?«

Bärbels Augen strahlten. »Kann Bärbel das aussuchen, Vati?«

»Vielleicht. – Was möchtest du denn haben?«

Sie schlang beide Arme um den Hals des Vaters und sagte mit vor Freude bebender Stimme: »Wenn es dir ganz gleichgültig ist, Vati, dann möchte ich ein Ziegenböckchen.«

»Nein, Bärbel, ein Ziegenböckchen bekommst du nicht. Es wäre doch viel netter, wenn du ein Brüderchen oder ein Schwesterchen hättest.«

»O nein, – ein Ziegenböckchen mit einem kleinen Wagen.«

Der Apothekenbesitzer verbiß sich das Lachen. Dann wurde er wieder ernsthaft.

»Mutti hat sich aber beim Klapperstorch noch ein kleines Kindchen bestellt. Sie will kein Ziegenböckchen, sondern ein Kindchen, genau so, wie du eines bist, ein artiges, liebes Kindchen, das später mit dir spielt.«

»Nun, – meinetwegen,« erwiderte Bärbel gönnerhaft. »Das kann vielleicht auch ganz nett sein. Aber – es muß ein Schwesterchen sein.«

»Warum denn, Bärbel?«

»An einem Jungen haben wir genug, Vati,« erklärte das Kind, »hat es schon einen Namen, Vati?«

»Nein.«

»Ach, Vati, dann will ich ein Schwesterchen haben, und das muß wie unser großer Hund heißen: Hektor.«

»Wenn wir schon einen Hektor im Hause haben, können wir doch das kleine Mädchen anders nennen.«

Wieder überlegte Bärbel. Dann nickte sie ernsthaft.

»Ja – denn wenn Wanda einen Knochen hat und sie ruft den Hektor, kommt das kleine Schwesterchen und frißt den Knochen.«

Wanda war die Köchin des Hauses, die stets liebevoll dafür sorgte, daß Hektor alle Knochen als Nachspeise erhielt.

»Du mußt den Klapperstorch schön bitten, daß er dir bald ein Schwesterchen oder ein Brüderchen bringt. Er tut es gewiß, wenn du in der nächsten Zeit sehr artig bist.«

»Joachim muß aber auch sehr artig sein, Vati, sonst bekommt er kein Schwesterchen.«

»Natürlich muß er das!«

»Ob er's wohl tut, Vati?«

»Doch, Bärbel, er tut's, denn er hat seine Mutti auch sehr gern, und wenn er Mutti jetzt ärgert, läßt es der Himmel nicht zu, daß ihr ein Schwesterchen bekommt.«

»Kommt das Schwesterchen mit dem Luftschiff?«

»Nein, Bärbel.«

»Mit dem Auto?«

»Nein, Bärbel, – nun geh, denn Vati hat noch zu arbeiten.«

Gehorsam lief das kleine Mädchen davon. Es eilte schnurstracks in die Küche, in der Wanda damit beschäftigt war, den Nachmittagskaffee herzurichten.

»Bärbel kriegt ein Schwesterchen, Wanda, aber Bärbel muß sehr artig sein. Vorläufig weiß es noch niemand. Wenn die Mutti aufwacht, will ich es ihr sagen.«

Die Köchin lachte. »Das wird die Mutti schon wissen.«

»Hat es ihr der Vati schon gesagt? Bärbel wollte lieber ein Ziegenböckchen haben, aber nun will ich auch ein Schwesterchen.«

»Nun, vielleicht kriegt die Mutti aber auch ein Söhnlein.«

»Was kriegt sie?«

»Einen Sohn, einen kleinen Sohn, – ein Söhnlein.«

»Ach, – ich will kein Söhnlein, ich will eine kleine Schwester!«

»Da kümm're dich nur nicht drum, Bärbel, das besorgt der Vati.«

Die Bemerkung der Köchin wollte Bärbel nicht aus dem Sinn. Ein Söhnlein wollte sie nicht. Wenn es durchaus kein Ziegenböckchen gab, dann sollte es ein Schwesterchen sein. Ob ihr da vielleicht der gute Onkel Provisor helfen konnte?

Sie lief wieder hinab, schaute vorsichtig durch die Scheiben der Glastür, die nach der Apotheke führte, sah dort aber nur den Vater, der soeben einer Frau ein Fläschchen reichte. Vielleicht war der Onkel Provisor hinten in dem großen Schuppen.

Bärbel huschte über den Hof, schlängelte sich durch aufgestapelte Kisten und Körbe hindurch und erblickte endlich ihren großen Freund, der sorgfältig einen Glasballon auspackte. Der Hausdiener Felix war ihm dabei behilflich.

Bärbel legte die Hände auf den Rücken und schaute zunächst den beiden Männern schweigend zu. Dann schweiften die blauen Kinderaugen über Kisten und Kasten hinweg und blieben an einem Deckel haften, auf dem Flaschen aufgezeichnet waren. Sie tippte mit dem Finger darauf und wandte sich fragend an den Provisor:

»Sind in der großen Kiste nur Flaschen?«

»Jawohl, Goldköpfchen.«

»Sag' doch mal, Onkel Provisor, bekommst du auch die Kiste, in der mein Schwesterchen eingepackt ist?«

»Das Schwesterchen kommt in keiner Kiste, aber vielleicht ist es ein Brüderchen.«

»Kommen die Brüderchen in einer Kiste?«

»Auch nicht.«

»Wenn es nun aber ein Söhnlein wird, kommt das in einer Kiste?«

Der junge Apotheker tippte auf den Deckel, auf dem die Flaschen gezeichnet waren. »Das Söhnlein ist hier.«

Bärbel erstarrte. In der großen Kiste sollte das Söhnlein liegen?

Der übermütige Provisor trat zu dem Kinde, wies mit dem Finger auf einige, der Kleinen unverständliche Zeichen und sagte: »Sieh mal, Goldköpfchen, hier steht es. Söhnlein!«

Bärbel gab keine Antwort. Sie war so erstaunt, daß in dieser Holzkiste das Söhnlein lag, das die Mutter erwartete, daß es ihr fast die Sprache verschlug.

Endlich fragte sie gepreßt. »Onkel Provisor, – nimm doch das Söhnlein einmal heraus!«

»Später, kleines Mädchen, jetzt muß es noch drin bleiben.«

Bärbel ging davon. Ob sie auch in solch einer Kiste gelegen hatte? Aber am meisten Kummer bereitete es ihr, daß sich der Vati ein Söhnlein bestellt hatte und kein Schwesterchen. Sie kehrte in die Küche zurück, kletterte schweigend auf den Küchenschemel, und plötzlich fielen große Tränen aus den blauen Augen.

Wanda hörte das jammervolle Schluchzen, wandte sich um und sah Goldköpfchen, das sich mit unsauberen Fingern die Tränen aus den Augen wischte.

»Nanu, Bärbel, was ist denn geschehen?«

»Das Söhnlein ist schon da, und Bärbel wollte doch ein Schwesterchen haben.«

»Was – – ein Junge!« rief die Köchin stürmisch.

Dann rief sie laut nach dem Hausmädchen und verkündete: »Die gnädige Frau hat einen Jungen bekommen!«

»Und der Herr ist in der Apotheke und weiß nichts! Wer ist denn bei ihr?«

Nun gab es ein wildes Durcheinander. Der Apothekenbesitzer starrte sein erregtes Hausmädchen, das ihm die Nachricht brachte, an, als habe jenes plötzlich den Verstand verloren. Dann ließ er alles liegen und stehen und eilte mit raschen Sprüngen in das Schlafzimmer der Gattin hinauf, die sich ein wenig niedergelegt hatte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe man der Sache auf den Grund kam, daß die Kiste mit dem »Söhnlein-Sekt« die Urheberin der verfrühten Botschaft war.

Trotzdem blieb ein Argwohn in Bärbel zurück. Sie war schon längst dahintergekommen, daß man ihr manches verschwieg. Die Kiste im Schuppen wurde nach wie vor von ihr mit mißtrauischen Blicken betrachtet. Zwar konnte sie sich keine rechte Vorstellung machen, was ein Söhnlein sei; aber soviel stand fest, daß diese Kiste irgend etwas Unangenehmes barg, und daß eines Tages doch ein garstiges Söhnlein, was sie nicht haben wollte, herauskletterte. Sie wünschte, daß der Hausdiener diese Kiste niemals öffnen möge, damit der unerbetene Spielgefährte vorläufig gefangengehalten bliebe.

Daß ihr die Mutti heute abend beim Zubettgehen keinen Gute-Nacht-Kuß gab, war für Bärbel eine schwere Enttäuschung. Sie hatte auch nicht einmal in Muttis Zimmer gedurft, sie hatte aber gehört, daß der Onkel Doktor noch spät zu Besuch gekommen war.

Das alles wirbelte in dem kleinen Köpfchen wild durcheinander. Viele Fragen hatte sie gestellt, aber eine befriedigende Antwort war ihr nicht geworden, und selbst Bruder Joachim hatte nur pfiffig gelächelt und gemeint: so etwas ist nichts für kleine Mädchen.

Bärbel konnte lange nicht einschlafen. Sie hörte, daß man mehrfach die Treppe hinauf und hinab lief. Am liebsten wäre sie aufgestanden und hinüber ins Schlafzimmer der Eltern gegangen; aber Lina kam jeden Augenblick und gebot energisch, Bärbel möge endlich schlafen.

»Wenn ich jetzt brav schlafe, bekomme ich vielleicht doch noch ein Ziegenböckchen?«

»Wenn du brav einschläfst, sage ich es morgen dem Vati, daß du artig warst, dann suche ich dir zwei Maikäfer.«

»O ja – Maikäfer,« wiederholte die Kleine schwärmerisch. »Maikäfer, die ich fliegen lassen kann und die so schön brummen.«

In der seligen Hoffnung, morgen Maikäfer zu bekommen, schlief Goldköpfchen bald ruhig ein.

Die Sonne lachte hell ins Zimmer, als Bärbel am anderen Morgen erwachte. Es dauerte eine ganze Weile, ehe das Kind die veränderte Sachlage begriff. Sonst stand das weiße Bettchen im Schlafzimmer der Eltern; aber gestern war es hinausgerollt worden zu Bruder Joachim.

Bärbel hob den Kopf und schaute zum Lager des Bruders hinüber. Es war leer. Da wurde der Kleinen ängstlich zumute, und laut rief es nach Lina.

Statt Lina erschien der Vater, der seine kleine Tochter zärtlich emporhob und an seine breite Brust drückte.

Staunend schaute Goldköpfchen den Vater in die Augen. »Du siehst aus, Vati, als ob deine Augen angezündet sind.«

»Vati freut sich heute sehr, kleine Bärbel, denn Vati hat etwas Wunderschönes geschenkt bekommen.«

»Bärbel ist artig gewesen und möchte auch etwas geschenkt bekommen. – Hat die Lina die Maikäfer gebracht?«

»Lina nicht, aber der Himmel hat zwei hübsche Maikäfer in Muttis Bett gelegt.«

»O,« jauchzte das Kind, »die krabbeln so doll!«

»Jetzt höre einmal ganz brav zu, Bärbelchen. Du hast dir doch gestern ein Brüderchen gewünscht.«

»Ein Ziegenböckchen,« beharrte das Kind.

»Nein, einen kleinen Spielgefährten.«

»Bärbel will ein Schwesterchen haben.«

»Die gute Mutti hat aber gemeint, es ist viel netter, wenn du statt einem Schwesterchen zwei Brüderchen bekommst.«

»Zwei?« fragte Bärbel und zog die Lippe hoch.

»Zwei niedliche Brüderchen. Du darfst sie dir nachher ansehen.«

In Bärbels Augen kam ein nachdenklicher Ausdruck. Die große Kiste stand wieder vor ihren Augen. Jetzt schien sie es ergründet zu haben, daß ein Söhnlein zwei Brüderchen waren.

»Ich hab's gewußt, Vati,« sagte sie. »Ich habe die Kiste mit dem Söhnlein gesehen.«

»Das ist kein Söhnlein, mein liebes Kind, das sind Zwillinge.«

Wieder maßloses Staunen; dann erklärte Bärbel, es wolle die Zwillinge sehen.

»Laß dich von Lina ankleiden, dann darfst du zur Mutti kommen.«

Das Ankleiden war heute nicht ganz leicht. Das kleine Mädchen zappelte vor Ungeduld und wollte von Lina wissen, wie ein Zwilling aussähe. Ihre Gedanken rankten sich um den Zwieback, den es an jedem Morgen aß, und Lina hatte Mühe, den Unterschied von Zwieback und Zwillingen dem Kinde klarzumachen.

Aber endlich war dieses schwierige Werk doch gelungen, Bärbel durfte, von Lina geführt, nach dem Schlafzimmer der Eltern gehen.

Der Vater kam dem kleinen Mädchen entgegen, nahm es an der Hand und wollte es zu dem rosa gefütterten Körbchen führen; aber Bärbel eilte auf die Mutter zu und sagte lachend:

»O, die Mutti schläft heute so lange, heute ist Bärbel eher aufgestanden!«

Dann fielen ihr wieder die Maikäfer ein. »Wo sind denn die Maikäfer, die in deinem Bette krabbeln?«

»Schau' einmal dorthin, Goldköpfchen,« sagte Frau Wagner.

Voller Staunen schaute Goldköpfchen auf die beiden schlafenden Bübchen, von denen das eine tiefschwarzes Haar hatte, während das andere kahlköpfig war.

Ganz still war es für einige Augenblicke im Zimmer; dann kam ein tiefer Atemzug aus Bärbels Brust. Der kleine Finger wies scheu auf die Brüder.

»Sind das die Zwilling?«

»Jawohl, mein Kind.«

»Und mit so was soll Bärbel spielen?« klang es entrüstet.

»Erst müssen sie schlafen, Bärbel, dann werden sie größer und immer größer, und schließlich wirst du die Brüderchen sehr liebhaben.«

Bärbel schüttelte den Kopf.

»Warum denn nicht?« fragte der Vater.

»Den da, vielleicht,« meinte Bärbel, indem sie auf den behaarten zeigte, »aber das da ist barfuß auf dem Kopfe.«

»Pass' nur auf, wenn sie munter sind und mit Händen und Füßen zappeln, das ist sehr niedlich.«

Ein ganzes Weilchen stand das Kind vor den schlafenden Brüdern; dann kehrte es wieder ans Bett der Mutter zurück.

»Mutti?«

»Nun, mein Liebling?«

»Wenn Bärbel sehr lieb ist, darf sich Bärbel dann etwas wünschen?«

»Sprich, Bärbel, was möchtest du haben?«

Über die Schulter weg schaute Bärbel auf die Zwillinge. »Pack' sie wieder ein, Mutti. Zwei will ich nicht. Ich will nur ein Schwesterchen. Tausche sie wieder um!«

»Freust du dich denn gar nicht über die beiden Brüderchen?«

»Das sind keine lieben Brüderchen, mit denen kann Bärbel nicht spielen, das sind Söhnlein.«

»Mutti freut sich aber sehr über die Zwillinge.«

Bärbel wurde nachdenklich. »Ich möchte ein großes Schwesterchen, aber keinen Zwilling.«

Herr Wagner legte die Hand auf die goldenen Locken seines Kindes. »Du mußt jetzt recht brav sein, mein liebes Kind, denn Mutti wird traurig, wenn du unzufrieden bist. Denke nur, wie hübsch wird es sein, wenn du zwei Brüderchen hast, mit denen du durch den Garten läufst. Joachim ist doch zu groß für dich. Du mußt dem lieben Gott sehr danken, daß du zwei so niedliche Brüderchen bekommen hast.«

»Kann man ihnen denn nicht die Augen aufmachen, Vati?«

»Jetzt schlafen sie. Wenn deine Puppe schläft, hat sie doch auch die Augen geschlossen.«

»Dann nimmt sie Bärbel hoch. – Mach' das doch auch, Vati.«

»Nein, mein kleines Mädchen. Deine Brüderchen müssen ganz ruhig schlafen.«

»Sie sind faul,« sagte Bärbel mit ehrlicher Entrüstung. »Jetzt braucht man nicht mehr zu schlafen.«

»Als du so klein warst, hast du auch viel geschlafen,« meinte der Vater. »Kleine Kinder müssen immer schlafen. Du warst nämlich auch einmal genau solch ein winziges Ding.«

Wieder schaute Bärbel nachdenklich auf die Säuglinge. »War Bärbel auch eine Zwilling?«

»Nein.«

»Warum sind das zwei?«

»Das hat der Himmel so eingerichtet.«

»Dann hat der Himmel aus zweien das Bärbel gemacht? Ja?«

»Jetzt laß die Mutti schlafen, Bärbel, Mutti braucht Ruhe, und die Brüderchen auch.«

»Wenn ich wiederkomme, hast du auch aus den zweien eins gemacht, Vati? – Bitte, mach' doch ein niedliches Schwesterchen.«

»Jedes andere Kind freut sich, wenn es viele Brüder und Schwestern hat, nur du bist unzufrieden, Bärbel. – Geh jetzt zu Lina und laß Mutti schlafen.«

Bärbel eilte nochmals ans Bett der Mutter und umschlang sie.

»Ist Bärbel unartig, Mutti?«

»Vati ist traurig, weil du dich nicht über die Brüderchen freust.«

»Hätt' ich nur ein Ziegenböckchen bekommen, Mutti. – Wenn die Brüderchen nicht einmal die Augen aufmachen, kann Bärbel sich nicht freuen.«

Lina und Wanda hatten eine noch schwerere Aufgabe, denn Bärbel stellte hundert Fragen, die nicht beantwortet werden konnten. Sie begriff es nicht, warum dort oben gleich zwei Brüderchen waren, und warum sie selbst kein Zwilling war.

»Vielleicht hat die Mutti eins fortgeworfen, vielleicht wirft sie auch ein Brüderchen fort.«

Nur der Hausdiener Felix vermochte dieses Welträtsel zu lösen.

»Der Vati wollte eben noch viele Apotheker haben. Ein Junge war ihm zu wenig, da hat er ihn zerschnitten, und nun sind zwei da.«

»Zerschneidet man immer kleine Kinder?«

»Nicht immer.«

»Bärbel hat er nicht zerschnitten?«

»Nein, – er wollte nur ein Mädchen haben.«

»Will man immer zwei Jungen?«

»Natürlich.«

»Und der Joachim? Ist der auch zerschnitten?«

»Sieh dir den Joachim doch mal an, der ist dick und fett, da hat der Vater vergessen, ihn auseinanderzuschneiden, darum ist er so kugelrund.«

»Und wenn Vati ihn jetzt auseinanderschneidet?«

»Das geht nicht mehr, da geht man kaputt. Das kann man nur machen, wenn man ganz klein ist.«

»Hat das der Vati gemacht bei das Zwilling?«

»Nein, der Onkel Doktor.«

»Und so ein durchgeschnittenes Kind heißt dann Zwilling?«

»Freilich, wenn man's in drei Teile zerschneidet, nennt man es Drilling.«

»O–o–o–ch!«

»So, – nun weißt du, wie das mit deinen neuen Brüdern ist.«

Felix wurde gerufen, und Bärbel saß im Hofe auf einer Kiste und ließ sich die Angelegenheit mit den Zwillingen nochmals durch den Kopf gehen. Eigentlich war das doch recht hübsch, daß man aus einem kleinen Menschen zwei machen konnte. Ob man wohl auch aus einer Puppe einen Zwilling machen konnte? In dem Bettchen hatte solch ein Zwilling Platz.

Nachdenklich begab sich Bärbel ins Kinderzimmer. Sie holte die Puppen herbei, die große, schöne mit den langen Haaren, und die andere, die mit den Armen und Beinen so schön schlenkern konnte. Puppe Olga war auch nicht größer als die Zwillinge im rosa Körbchen. – Ob sie aus der Olga wohl solch einen Zwilling machte? Eine Schere stand ihr nicht zur Verfügung, es war ihr auch streng verboten worden, in Muttis Nähtisch zu gehen. Aber vielleicht ging es auch ohne Schere. Sie würde Olga zuerst ein Bein, dann einen Arm ausreißen, dann würde langsam ein Zwilling daraus werden.

Ungesäumt begab sich Bärbel an die Arbeit. Bei Olga ging es überhaupt nicht; aber Hanna ließ sich mit Leichtigkeit ein Bein und einen Arm abreißen.

»Es tut gar nicht weh,« tröstete Bärbel, »du wirst ein Zwilling!«

Die Überraschung bei dem Kinde war freilich recht groß, als sich vom Rumpf nun auch das andere Bein und der andere Arm ablöste. Hier mußte Lina helfen. Bärbel nahm ihre geliebte Puppe Hanna und die abgetrennten Glieder in den Arm und ging in die Küche. Dort war nur Wanda, die Köchin, anwesend.

»Es soll ein Zwilling werden,« sagte das Kind mit strahlenden Augen und hielt der Köchin die Puppe hin. »Jetzt will ich ein Messer haben.«

»Was machst du denn schon wieder?« schalt Wanda, »hast ja der schönen Puppe Arme und Beine ausgerissen!«

Das kleine Mädchen gab die Erklärung.

»Wer hat dir denn diesen Unsinn gesagt?«

»Der Felix!«

»Natürlich, das sieht ihm ähnlich. Jetzt laß die schöne Puppe in Ruhe, daraus wird nie ein Zwilling. Wenn man Zwillinge haben will, muß man im Wochenbett liegen.«

Bärbel horchte auf. Das war schon wieder ein ganz neues Wort.

»Kann ich nicht auch im Wochenbett liegen?«

»Unsinn, – die Lina wird die Puppe wieder heil machen; wenn du sie aber nochmals entzwei machst, gebe ich dir was auf die Finger.«

»Ich wollte doch einen Zwilling machen.«

»Und den Felix, den nehme ich mir gehörig vor!«

Tiefbetrübt nahm Bärbel die zerstörte Puppe und trug sie wieder hinaus. Sie wollte sich später von Felix einen guten Rat holen, der würde sicherlich Bescheid wissen.

Gegen Mittag holte man sie wieder hinauf, sie sollte sich die Brüderchen nochmals ansehen. Aber auch jetzt war das kleine Mädchen arg enttäuscht, denn die beiden Säuglinge schrien aus Leibeskräften, waren krebsrot im Gesicht und hatten die kleinen Händchen zu Fäusten geballt.

»Nun, – was sagst du jetzt zu deinen Brüderchen?« fragte der Vater strahlend.

»Ein eigensinniges Biest,« sagte Bärbel, denn die Redensart, die Felix so oft brauchte, gefiel ihr gar zu gut.

»Pfui!« sagte die Mutter entrüstet.

»Und immerfort schreien, – pfui, das ist unartig!«

»Du wirst die beiden schon lieb bekommen, Goldköpfchen.«

»Nein, – das werde ich nicht,« entschied das Kind und eilte wieder zur Tür hinaus.

Wenige Tage später gab er eine neue Aufregung im Hause des Apothekenbesitzers. Da die fürsorgliche Aufsicht der Mutter fehlte, hatte sich Bärbel in Hof und Garten stark erkältet. Der Onkel Doktor wurde gerufen, der das fieberheiße Köpfchen befühlte und freundlich zu dem kleinen Mädchen sagte:

»Da bleibt uns nun nichts anderes übrig, Goldköpfchen, du mußt eine Woche lang ins Bett hinein.«

Ein glückliches Leuchten brach aus den Augen des Kindes. »Onkel Doktor,« stammelte Bärbel, »jetzt kriegt Bärbel doch noch einen Zwilling, denn jetzt muß ich ins Wochenbett!«

Frohgemut ließ sich Bärbel auskleiden, frohgemut legte es sich nieder und dachte an die glückliche Zukunft, die es mit Zwillingen beschenken würde.

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