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Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Goldelse

Eugenie Marlitt: Goldelse - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoldelse
authorE. Marlitt
year1890
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart, Berlin, Leipzig
titleGoldelse
pages3-335
created20020612
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1866
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9.

»Holla, Else, lauf nicht so!« schrie der Oberförster, als er am andern Tage, die Büchse über die Schulter geworfen, in der dritten Nachmittagsstunde aus dem Walde trat und quer über die Wiese nach seinem Hause schritt.

Elisabeth flog den Berg herab, den runden Hut am Arme, statt auf den Flechten, die im Sonnenglanze weithin leuchteten, und lief, unten am Hause angekommen, lachend in die Arme des Onkels, die er ihr ausgebreitet entgegenhielt.

Sie steckte die Hand in die Tasche und trat einen Schritt zurück. »Rate einmal, was ich in meiner Tasche habe, Onkel?« sagte sie lächelnd.

»Nun, was wird's denn sein . . . Da braucht man sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Vielleicht ein wenig sentimentales Heu, so einige unter wehmütigen Erinnerungen getrocknete Blümlein? Oder ein Häuflein gedruckten Weltschmerzes zwischen zwei vergoldeten Pappdeckeln?«

»Bedaure . . . zweimal fehlgeschossen, Herr Oberförster; denn einmal ärgere ich mich ganz und gar nicht über dein Raten, und dann – da, sieh her!«

Sie zog eine kleine Schachtel aus der Tasche und öffnete den Deckel. Da dehnte sich träge auf grünen Blättern eine dicke, zitronengelbe Raupe mit schwarzen Punkten, schrägen bläulichgrünen Streifen und einem gekrümmten Horne am Schwanze.

»Alle Tausendsapperment, Sphynx Atropos!« rief der Oberförster entzückt. »Ja, Blitzmädel, wo hast du denn das Prachtexemplar aufgestöbert?«

»Drüben bei Lindhof auf einem Kartoffelacker . . . gelt, die ist schön? . . . So, nun wollen wir die Schachtel hübsch wieder zumachen und einstecken.«

»Was, ich bekomme die Raupe nicht?«

»O ja, die kannst du schon haben, das heißt wenn du sie bezahlen willst.«

»Alle Wetter, bist du denn ein Handelsjude geworden? . . . Na, da gib sie her . . . hier sind vier Groschen.«

»Behüte Gott . . . unter zwölf Groschen thue ich's nicht. Wird doch manch altes verschimmeltes Pergamentblatt, das man kaum anrühren möchte, so abscheulich sieht es aus, gar manchmal mit Gold aufgewogen – sollte da so ein lebendiges Prachtstück der Natur nicht seine zwölf Groschen wert sein?«

»Altes, verschimmeltes Pergamentblatt, na, das sage einmal vor gelehrten Ohren, da wirst du schön ankommen.«

»Ach, hier im frischen, freien Walde gibt es keine.«

»Nimm dich in acht – Herr von Walde –«

»Steckt in den Pyramiden.«

»Könnte aber plötzlich kommen und gewisse naseweise Fräulein zur Rechenschaft ziehen, ist ein Haupthahn der Gelehrtenwelt.«

»Nun, meinetwegen können sie ihm Denksäulen errichten und Lorbeeren streuen, soviel sie wollen, ich kann es ihm nicht vergeben, daß er über diesem toten Krame die Ansprüche vergißt, die das Leben an ihn zu stellen berechtigt ist, daß er vielleicht nach einem unversehrten Küchenzettel des Lukull oder Gewißheit darüber sucht, ob die Römer in der That ihre Fische mit Sklavenfleisch fütterten, während die Armen auf seinen Gütern hungern und unter der Geißel der Baronin in ein modernes Sklavenjoch getrieben werden.«

»Heisa, dem mag sein linkes Ohr klingen! . . . Schade, daß er dies Glaubensbekenntnis nicht mit anhören kann . . . Hier also sind deine zwölf Groschen, wenn's nicht anders sein soll. Du willst dir doch irgend einen Firlefanz, eine Feder oder solch einen Tand auf deinen Hut dafür kaufen?« sagte er lächelnd.

Sie hielt ihren Hut mit ausgestreckten Armen von sich ab und betrachtete entzückt die zwei frischen Rosen, die sie in das einfach geschlungene schwarze Samtband gesteckt hatte. »Sieht das nicht wunderlieblich aus?« fragte sie. »Und glaubst du, ich werde mein junges Haupt freiwillig unter düstere Federwolken stecken, wenn ich Rosen, frische Rosen haben kann? . . . Und da ist deine Raupe, und nun sollst du auch wissen, weshalb ich dich gebrandschatzt habe . . . Heute Morgen war die Frau eines armen Webers aus Lindhof bei meiner Mutter und bat um eine Unterstützung. Ihr Mann ist gestürzt, hat sich Arm und Fuß verletzt und kann seit Wochen nichts verdienen. Die Mutter gab ihr altes Linnen und ein großes Hausbrot; mehr zu geben geht über ihre Kräfte, wie du weißt . . . Sieh, hier habe ich fünfzehn Groschen aus meinem Sparschatze, mehr war zur Zeit nicht drin – drei desgleichen sind von Ernst, der am liebsten seine Bleisoldaten verkauft hätte, um der armen Frau zu helfen; dazu kommt der Preis für die Raupe, macht zusammen einen ganzen Thaler, und der wird sogleich in das Weberhäuschen getragen.«

»Läßt sich hören . . . Hier ist noch ein Thaler, und – Sabine,« rief er in das Haus hinein, »hole ein tüchtiges Stück Fleisch aus dem Salzfasse und lege es zwischen zwei grüne Blätter – das nimmst du auch mit,« wandte er sich wieder zu Elisabeth.

»Ach, du lieber, prächtiger Onkel!« jubelte das Mädchen, indem sie seine große Hand zwischen ihre schlanken Finger nahm und sich bemühte, sie beherzt zu drücken.

»Pass' aber auf,« fuhr er fort, »daß das ehrliche Rindfleisch nicht etwa zu Rosen werde; denn damit wäre der armen Weberfrau wohl schwerlich gedient – gehst ja ähnliche Wege, wie deine heilige Namensschwester.«

»Ja, aber zum Glück habe ich keinen grimmigen Landgrafen zu fürchten . . . Uebrigens, wenn auch – ich würde ihm trotzdem keine Unwahrheit sagen.«

»Potztausend, was für eine Heldenseele!«

»Nun, ich meine, es gehöre ungleich mehr Mut dazu, eine offenbare Lüge dreist zu sagen, und wenn es zehnmal eine fromme sein sollte.«

»Hast recht, mein Töchterchen – brächt's auch nicht fertig . . . Na, da kommt auch die Sabine.«

Die alte Haushälterin trat aus der Thür, und während sie auf des Oberförsters Wink Elisabeth das Fleisch hinreichte, flüsterte sie ihm zu, Herr von Walde, der gestern spät abends von seiner Reise zurückgekehrt sei, warte schon seit einiger Zeit auf ihn.

»Wo?« fragte er.

»Hier unten in der Wohnstube.«

Sie standen aber gerade vor dieser Stube, und die Fenster waren offen. Elisabeth drehte sich überrascht um, konnte aber nichts entdecken, sie war feuerrot geworden. Der Onkel jedoch zog, ohne sich umzusehen, seinen Kopf auf eine unendlich komische Weise zwischen die Schultern, strich schmunzelnd seinen Bart und sagte leise mit unterdrücktem Lachen. »Da haben wir die Bescherung; du hast dir ein gutes Süppchen eingebrockt, der hat alles mit angehört.«

»Desto besser,« erwiderte das junge Mädchen und hob fast trotzig den Kopf, »er wird ohnehin selten genug die Wahrheit zu hören bekommen.« Dann reichte sie dem Onkel und Sabine die Hand zum Abschiede und schritt langsam durch den Wald nach Lindhof zu.

Im ersten Augenblicke war ihr der Gedanke peinlich gewesen, daß Herr von Walde ihr Urteil über ihn so wider Willen hatte mit anhören müssen; dann aber meinte sie, ganz ebenso würde sie ihm ja auch die Wahrheit ins Gesicht gesagt haben. Da aber nicht zu vermuten stand, daß er sie je um ihr Gutachten befragen würde – ein Gedanke, der sie lächeln machte im Hinblicke auf seine Unnahbarkeit – so konnte es ihm wirklich nicht schaden, daß ihn der Zufall zum Zeugen eines völlig unparteiischen Ausspruchs – wenn auch nur aus einem Mädchenmunde – gemacht hatte . . . Wie mochte es aber kommen, daß er so plötzlich und unerwartet zurückgekehrt war? Fräulein von Walde hatte stets ein mehrjähriges Ausbleiben ihres Bruders vorausgesetzt und war vorgestern noch gänzlich ahnungslos in Bezug auf seine Rückkehr gewesen . . . Die Begegnung am gestrigen Abend fiel ihr plötzlich ein. Der alte Herr hatte ja auch gesagt, er sei ein heimkehrender Reisender, aber er mit seinen gemütlich lächelnden Zügen und seinem behäbigen Wesen war nun und nimmermehr der ernste, stolze Besitzer von Lindhof; dann wohl eher der, der schweigend im Dunkel der Gebüsche gewartet hatte, bis seinem Begleiter die gewünschte Auskunft über das fragliche Licht zuteil geworden war . . . Was aber mochte Herr von Walde von ihrem Onkel wollen, der, wie sie wußte, niemals in irgend welchem Verkehr mit ihm gestanden hatte?

Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten sie lebhaft auf ihrem Wege nach dem Hause des Webers. Mann und Frau weinten vor Freude über die unverhofften Spenden, und von tausend Segenswünschen der armen Leute begleitet, verließ Elisabeth das Häuschen.

Elisabeth schritt durch das Dorf nach Lindhof zu ihren gewöhnlichen Musikübungen, die trotz der Ankunft des Herrn von Walde nicht abgesagt worden waren. Mit der Rückkehr des Besitzers hatte das Schloß eine ganz andere Physiognomie angenommen. Sämtliche Fenster im Erdgeschoß an der Südseite, die so lange verschwiegen und geheimnisvoll hinter den weißen Läden gesteckt hatten, spiegelten ihre lange glänzende Reihe im Sonnenlichte. In den Räumen selbst wurde gewaltig gelärmt und hantiert, gesäubert und gelüftet. Eine Glasthür, die das Innere eines großen Saales zeigte, stand weit offen, auf einer der Stufen, die hinunter nach dem Garten führten, lag ein schneeweißes Windspiel; den schlanken Leib unbeweglich hingestreckt auf den sonnenbeschienenen heißen Stein, und die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt, blinzelte es Elisabeth an, als sei sie eine alte Bekannte. An einem offenen Fenster ordnete der Gärtner einen Blumentisch und der alte Hausverwalter Lorenz schritt eben mit dem Blick eines Untersuchungsrichters durch das Zimmer.

Es war auffallend, daß sämtliche Menschen, die dem jungen Mädchen im Hause begegneten, wie durch einen Zauberschlag einen völlig anderen Gesichtsausdruck angenommen hatten. War ein Sturmwind durch die schwüle Atmosphäre gebraust und hatte einen neuen Odem in die Räume gebracht, so daß die Stimmen heller klangen, und die gedrückten Menschengestalten sich erfrischt und elastisch aufrichteten? . . . Selbst der alte Lorenz, dessen Gesichtsmuskeln stets so schlaff und grämlich herabhingen, als ob sie Bleigewichten nachgeben müßten, hatte heute einen wahren Sonnenschein in den Augen, obgleich er einen Augenblick auf die Staubausklopfer erbost war; auch klang seine Stimme so laut, daß Elisabeth überrascht aufsah, denn sie kannte den alten Mann ja nur, wie er geräuschlos auf den Zehen in das Zimmer der Damen trat und lispelnd, mit möglichst unterdrückter Stimme seine Meldungen machte.

Erstaunt über dies urplötzlich aufgeblühte neue Leben und Treiben wandte sich Elisabeth nach dem Flügel, den die Damen bewohnten. Hier herrschte jedoch die tiefste Stille. In der Wohnung der Baronin hingen sämtliche Rouleaus dicht und schwer hinter den Scheiben. Kein Laut drang durch die Thüren, an denen Elisabeth vorbei mußte. Die Luft des schmalen Korridors war mit dem durchdringenden Geruche starker Baldriantropfen gemischt, und als endlich am untersten Ende des Ganges eine Thür geöffnet wurde, erblickte Elisabeth wohl ein menschliches Haupt, aber in welcher Verfassung! Es war die alte Kammerjungfer der Baronin, die vermutlich sehen wollte, wer so vermessen sei, die feierliche Ruhe des Korridors zu unterbrechen. Die Haube saß schief auf den falschen Locken, von denen das eine Paket bedenkliche Anstalten machte, herunterzufallen. Die Gesichtszüge sahen verstört aus, und zwei zirkelrunde feuerrote Flecken auf den hervorstehenden Backenknochen zeugten entweder von Fieberhitze oder einer großen geistigen Erregung. Sie erwiderte Elisabeths Gruß kurz und mürrisch und verschwand schnell wieder hinter der leise zugemachten Thür.

Als Elisabeth Fräulein von Waldes Zimmer betrat – auf ihr mehrmaliges Klopfen war kein »Herein« erfolgt – da meinte sie, hier spiele der letzte Akt des geheimnisvollen Dramas, das in den Räumen der Baronin begonnen hatte. Nicht allein die Rouleaus sondern auch die dicken seidenen Vorhänge waren dicht zugezogen. Die tiefe Dunkelheit und Stille hielten sie ab, einzutreten, und eben wollte sie die Thür wieder schließen, als Helene mit schwacher Stimme sie hereinrief. Die junge Dame lag in einem Fauteuil im Hintergrunde des Zimmers; sie hatte den Kopf in ein weiches Kissen gedrückt, und Elisabeth konnte hören, wie ihr leise die Zähne zusammenschlugen.

»Ach, liebes Kind,« sagte sie und legte ihre feuchtkalten Hände auf den Arm des jungen Mädchens, »ich habe Nervenzufälle gehabt. Niemand von meiner Umgebung hat es bemerkt, daß ich so unwohl hier liege, und da war ich so fürchterlich allein in dem finstern Zimmer . . . Bitte, öffnen Sie die Fenster weit – ich brauche Luft, warme Gottesluft.«

Elisabeth erfüllte sogleich ihren Wunsch, und als das Tageslicht auf das blasse Gesicht der Kranken fiel, sah das junge Mädchen, daß sie heftig geweint hatte.

Die eindringenden Sonnenstrahlen erweckten mehr Leben und Bewegung in dem Zimmer, als Elisabeth geahnt hatte; sie schrak heftig zusammen, als es plötzlich in einer Ecke laut aufkreischte. Dort wiegte sich ein Kakadu mit schneeweißem Gefieder und emporgesträubter gelber Krone in einem Ringe.

»Gott, wie fürchterlich!« seufzte Helene und drückte die schmalen Hände an beide Ohren. »Das abscheuliche Tier zerreißt mir noch die Nerven.«

Elisabeths Blick haftete erstaunt auf dem kleinen Fremdlinge und glitt dann durch das Zimmer, das aussah wie ein Bazar. Aus allen Tischen und Stühlen lagen reiche Stoffe, Shawls, kostbar gebundene Bücher und die verschiedenartigsten Toilettegegenstände. Fräulein von Walde fing Elisabeths Blick auf und sagte kurz, mit abgewandtem Gesichte. »Lauter Geschenke meines Bruders, der gestern unerwartet zurückgekehrt ist.«

Wie kalt klang ihre Stimme, als sie dies sagte! Auch nicht der leiseste Anflug von Freude war in den verweinten Zügen zu entdecken; aus den sonst so sanften Rehaugen sprachen unverhohlen Groll und Bitterkeit.

Elisabeth bückte sich schweigend und hob ein prachtvolles Kamelienboukett auf, das halb verschmachtet am Boden lag.

»Ach ja,« sagte Helene und richtete sich empor, während ein schwaches Rot über ihr Gesicht flog, »das ist der heutige Morgengruß meines Bruders; es ist vom Tische herabgefallen und vergessen worden . . . Bitte, stecken Sie es dort in die Vase.«

»Die armen Blüten,« sagte Elisabeth halblaut, indem sie die welken, braunen Ränder an den weißen Blumenblättern betrachtete, »sie haben auch nicht geahnt, als sie ihre Knospen öffneten, daß sie in einer so kalten Region würden atmen müssen.«

Helene blickte betroffen und forschend zu dem jungen Mädchen auf, und ihr Auge sah einen Moment aus, als schmelze es in Reue. »Stellen Sie die Blumen in das offene Fenster; dort haben sie Luft, und sie wird ihnen gut thun,« flüsterte sie hastig. »O, mein Gott!« rief sie, in das Polster zurücksinkend, »er ist ja gewiß ein vortrefflicher Mensch . . . aber sein Erscheinen zerreißt die Harmonie eines beglückenden Zusammenlebens!«

Elisabeth sah mit einem fast ungläubigen Ausdruck auf die junge Dame, wie sie so dalag, die gerungenen Hände emporgehoben und die starren Augen nach der Zimmerdecke gerichtet, als habe ihr das Geschick die furchtbarste Prüfung auferlegt . . . Fehlte dem jungen Mädchen schon gestern jegliches Verständnis für Helenes Handlungsweise, so stand es jetzt geradezu fassungslos vor diesem unbegreiflichen Charakter . . . Wo war so urplötzlich jenes heiße Dankgefühl geblieben, das aus jedem Worte sprach, sobald Helene des fernen Bruders gedachte? Hatte ein einziger Moment die ganze schwesterliche Zärtlichkeit, die ihr Herz zu erfüllen schien, spurlos verflüchtigen können, so daß sie jetzt beklagte, was nach ihren früheren Aeußerungen doch ein glückliches Ereignis für sie sein mußte? . . . Und wenn auch der Heimgekehrte nicht mit dem Kreise sympathisierte, in welchem sie sich allein beglückt fühlte, selbst wenn er ihre liebsten Wünsche durchkreuzte, war es trotzdem möglich, daß sofort Kälte und Groll zwischen zwei Wesen treten konnten, die das Geschick eng aneinander gekettet hatte, und die sich um so inniger angehören mußten, als das eine schutzbedürftig war, und das andere so allein stand in der Welt? . . . Elisabeth fühlte plötzlich ein tiefes Erbarmen für den Mann, der ferne Meere durchschifft, fremde Länder einsam durchstreift hatte und nun nach langem Umherirren bloß als störendes Element am eigenen Herde begrüßt wurde. Allem Anscheine nach hatte er nur den einen warmen Punkt, die Liebe zu der Schwester in seinem stolzen Herzen; wie tief mußte es ihn dann verwunden, daß gerade sie kein freundliches Willkommen für ihn hatte und ihr Herz kalt von ihm abwandte!

Unter diesen Betrachtungen ordnete Elisabeth die Blumen in der Vase. Sie hatte mit keiner Silbe aus Helenes leidenschaftlichen Ausbruch geantwortet, der so rücksichtslos den Bruder vor fremden Ohren anklagte. Offenbar fühlte die junge Dame selbst, vielleicht durch Elisabeths Schweigen beschämt, daß sie sich hatte hinreißen lassen, denn sie bat plötzlich mit gänzlich veränderter Stimme, einen Stuhl zu nehmen und ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten.

In diesem Augenblicke wurde die Thür heftig ausgestoßen, und eine weibliche Gestalt erschien auf der Schwelle. Es kostete Elisabeth Mühe sich zu überzeugen, daß diese Erscheinung in äußerst vernachlässigter Toilette, und alle Zeichen großer Aufregung an sich tragend, die Baronin Lessen war. Das spärliche, sonst stets mit peinlicher Sorgfalt geordnete Haar fiel aus einer Morgenhaube auf die Stirn, die gewöhnlich so blaß und elfenbeinartig jetzt eine dunkle Röte überflammte. Aus den Augen war das stereotype stolze Selbstbewußtsein gewichen, und wie unbedeutend erschienen sie jetzt, als sie scheu und erschreckt in das Zimmer blickten!

»Ach, Helene!« rief sie angstvoll, ohne Elisabeth zu bemerken, und mit ungewohnt raschen Schritten ihre korpulente Gestalt vorwärts bewegend, »Rudolf hat soeben den unglücklichen Linke auf sein Zimmer befohlen . . . Er wütet und tobt so laut gegen den armen Menschen, daß es über den Hof bis in mein Schlafzimmer schallt . . . Gott, ich fühle mich so elend . . . der heutige Morgen hat mich so angegriffen, daß ich mich kaum auf den Füßen halten kann; aber ich konnte die Ungerechtigkeit nicht länger mit anhören und flüchtete hierher . . . Und diese feilen Seelen, diese Dienerschaft, die während Rudolfs Abwesenheit nicht mit den Augen zu blinzeln gewagt, da steht sie frech unter den Fenstern und belacht schadenfroh das Unglück, was über einen treuen Diener hereinbricht . . . Es stürzt alles zusammen, was ich mühsam im Dienste des Herrn und zum Heil des Hauses aufgerichtet habe . . . Und daß Emil gerade in Odenberg sein muß! Wie beklagenswert und verlassen sind wir, teure Helene!«

Sie schlang ihre Arme um den Hals der jungen Dame, die sich bestürzt und leichenblaß erhoben hatte. Diesen Moment benützte Elisabeth, um aus dem Zimmer zu schlüpfen.

Als sie den Korridor betrat, der in das Vestibül mündete, schallte ihr lautes Sprechen entgegen. Es war eine tiefe, klangreiche Männerstimme, welche sich dann und wann in heftiger Erregung steigerte, nie aber, selbst im höchsten Affekt, eine Spur von Schärfe annahm. Obgleich sie kein Wort verstehen konnte, so bebte sie doch schon bei dem Klange der Stimme; es lag etwas Unerbittliches, Eisernes in der Art und Weise, wie die einzelnen Sätze markiert wurden.

Der Schall in dem langen Korridor täuschte. Elisabeth wußte nicht, von welcher Seite die Stimme kam, und lief deshalb vorwärts, um schneller ins Freie gelangen zu können. Aber schon nach wenig Schritten hörte sie, als stände sie neben dem Sprechenden, die Worte. »Sie verlassen Lindhof bis morgen abend.«

»Gnädiger Herr –« wurde geantwortet.

»Es ist mein letztes Wort, gehen Sie!« klang es gebieterisch, und in demselben Augenblick sah sich Elisabeth zu ihrem Schrecken neben einer weit offenen Flügelthür. Eine hohe Männergestalt stand, die linke Hand auf den Rücken gelegt und mit der rechten auf die Thür zeigend, mitten im Zimmer. Ein Paar sprühende dunkle Augen begegneten ihrem Blicke, den sie tief betroffen abwandte, indem sie schnell nach dem Vestibül und hinaus in den Garten eilte . . . Ihr war, als verfolge sie dieser Blick, aus dem eine empörte Seele flammte, und treibe sie rastlos weiter.

Als die Familie Ferber beim Abendbrote zusammensaß, erzählte der Vater lebhaft angeregt, daß er heute im Forsthause die Bekanntschaft des Herrn von Walde gemacht habe.

»Nun, und wie hat er dir gefallen?« fragte seine Frau.

»Ja, das ist eine Frage, liebes Kind, die ich dir vielleicht erst in einem Jahre beantworten könnte, vorausgesetzt, daß ich täglich Gelegenheit hätte, mit dem Gutsherrn zu verkehren, und da fragt es sich noch sehr, ob ich wirklich im stande sein würde, ein Endurteil zusammenzufassen . . . Mir ist der Mann dadurch interessant geworden, daß man fortwährend angeregt wird, darüber nachzudenken, ob er das wirklich ist, was er scheint, nämlich eine völlig kalte, leidenschaftslose Natur . . . Er kam zu meinem Bruder, um näheres über den Vorfall zwischen seinem Verwalter und der armen Taglöhnerswitwe zu hören, weil man ihm irrigerweise gesagt hatte, daß Sabine die Mißhandlung selbst mit angesehen hätte. Sie wurde hereingerufen und mußte erzählen, wie sie die Schneider gefunden habe. Er fragte nach dem kleinsten Umstande, aber immer kurz, bestimmt. Welchen Eindruck Sabines Bericht ihm machte, darüber blieb man völlig im Dunkeln, so undurchdringlich war sein Blick; nicht die leiseste Bewegung in seinen Zügen verriet die Richtung seiner Gedanken . . . Er kommt direkt aus Spanien. Aus den wenigen Aeußerungen, zu denen er sich herabließ, konnte man entnehmen, daß ihm brieflich durch irgend einen Freund das Unwesen auf seinem Gute mitgeteilt worden war, worauf er sofort die Rückreise nach Thüringen angetreten hatte.

»Und seine äußere Erscheinung?« fragte Frau Ferber.

»Gefällt mir, obgleich mir so viel Zurückweisung und Unnahbarkeit in Haltung und Bewegung fast noch nie bei einem Menschen vorgekommen ist. Ich begreife vollkommen, daß man ihn für unbegrenzt hochmütig hält, und doch kann ich mir anderseits wieder nicht einreden, daß hinter den merkwürdig geistvollen Gesichtszügen ein so thörichter Wahn Grund und Boden habe. Sein Gesicht hat stets den Ausdruck kalter Ruhe, dessen ich gedachte; nur zwischen den Augenbrauen liegt ein, ich möchte sagen, unbewachter Zug; der flüchtige Beobachter würde ihn höchst wahrscheinlich finster nennen, ich aber finde ihn melancholisch schwermütig.«

Elisabeth hörte dieser Schilderung nachdenklich zu. Sie hatte bereits die Erfahrung gemacht, daß jene kalte Ruhe auf Momente bedeutend aus dem Geleise weichen konnte, und erzählte dem Vater die Szene, deren Zeugin sie gewesen war.

»Nun, da ist ja das Strafgericht schneller hereingebrochen, als sich denken ließ,« sagte Ferber. »Möglich, daß der Onkel mit seinen Aeußerungen auch das Seinige dazu beigetragen hat – der kennt keine Rücksicht, sobald er um sein Urteil befragt wird. Er hat dem Schloßherrn so reinen Wein eingeschenkt, daß auch nicht ein Jota von dem auf seinem Herzen blieb, was ihn im Verlaufe eines Jahres ergrimmt hat.«

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