Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Goldelse

Eugenie Marlitt: Goldelse - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoldelse
authorE. Marlitt
year1890
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart, Berlin, Leipzig
titleGoldelse
pages3-335
created20020612
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1866
Schließen

Navigation:

4.

Nach dem Essen, das in heiterster Weise verflossen war, holte Sabine eine gestopfte Pfeife vom Eckbrette und brachte sie nebst einem brennenden Fidibus dem Oberförster. »Was fällt dir ein, Sabine?« sagte er abwehrend und mit komischer Entrüstung. »Meinst du, ich könnte es übers Herz bringen, in aller Ruhe eine Pfeife zu rauchen, während es der kleinen Else da in den Füßen kribbelt und krabbelt, den Berg hinauszulaufen und die kleine Nase in das Zauberschloß zu stecken? Nein, jetzt meine ich, könnten wir unsere Entdeckungsreise antreten.«

Alles machte sich fertig. Der Oberförster reichte seiner Schwägerin den Arm und fort ging es durch Hof und Garten. Draußen schloß sich ein Mann der Gesellschaft an; es war ein Maurer aus dem nächsten Dorfe, den der Oberförster bestellt hatte, um nötigenfalls bei der Hand zu sein.

Es ging ziemlich steil bergauf durch den dichten Wald, auf einem wenig betretenen engen Wege, der sich jedoch allmählich etwas erweiterte und endlich in einen kleinen, freien Platz auslief, hinter welchem sich, wie es schien, ein hoher, grauer Felsen erhob.

»Hier habe ich das Vergnügen,« sagte der Oberförster sarkastisch lächelnd zu dem erstaunten Ferber, »dir das Vermächtnis des hochseligen Herrn von Gnadewitz in seiner Herrlichkeit vorzustellen.«

Sie standen vor einer ungeheuren Mauer, die allerdings wie ein einziger Granitblock aussah. Von den Gebäuden, die hinter ihr lagen, konnte man schon deshalb keine Spur sehen, weil der Wald sich zu nahe herandrängte und dem Beschauer kein Zurücktreten gestattete. Der Oberförster schritt die Mauer entlang, deren Fuß dichtes Gestrüpp umwob, und machte endlich Halt vor einem mächtigen eichenen Thore, dessen oberer Teil in ein eisernes Gitter auslief. Hier hatte er tags zuvor das Gebüsch wegräumen lassen und zog nun einen Bund großer Schlüssel hervor, welche Frau Ferber gestern auf der Durchreise in L. in Empfang genommen hatte.

Es bedurfte bedeutender Anstrengung der drei Männer, ehe die verrosteten Schlösser und Riegel sich öffnen ließen. Endlich drehte sich das Thor krachend in den Angeln und wirbelte eine mächtige Staubwolke in die Höhe. Die Eintretenden befanden sich in einem auf drei Seiten von Gebäuden umschlossenen Hofraume. Ihnen gegenüber dehnte sich die imposante Front des Schlosses, zu dessen erstem Stocke von außen eine breite Steintreppe mit schwerfälligem Eisengeländer führte. Längs der Seitenflügel liefen düstere Kolonnaden, deren granitene Säulen und Bogen unüberwindlich der Zeit zu trotzen schienen. Inmitten des Hofes breiteten einige alte Kastanien ihre dürftigen Aeste über ein ungeheures Becken, in dessen Mitte vier steinerne Löwen mit aufgesperrtem Rachen lagerten. Früher mochten hier vier starke Wasserstrahlen aus den Tiefen der Erde emporgestiegen sein und das Bassin gefüllt haben; jetzt aber floß nur noch ein schwaches Brünnlein durch die dräuenden Zähne des einen Ungeheuers, gerade stark genug, um die naseweisen Grashalme zwischen den Steinritzen des Beckens zu bespritzen und durch sein leises, melancholisches Rieseln einen schwachen Schein von Leben in die Wüstenei zu hauchen. Die äußeren Mauern der Gebäude und die Säulengänge waren das einzige in diesem Raume, an welchem der Blick ohne Angst haften konnte. Die aller Glasscheiben beraubten Fensterhöhlen zeigten eine greuliche Verwüstung im Innern. In einigen Zimmern waren die Decken bereits eingestürzt, in andern bogen sich die Balken hernieder, als wollten sie bei der leisesten Berührung zusammenbrechen. Die äußere Treppe hing drohend halb in der Luft; einige schwere, grünbemoste Steine hatten sich bereits gelöst und waren bis zur Mitte des Hofes gerollt.

»Hier ist nichts zu machen,« sagte Ferber, »gehen wir weiter.«

Durch einen tiefen, finsteren Thorweg traten sie in einen zweiten Hof, der, obgleich bei weitem größer als der erste, doch einen noch viel unheimlicheren Eindruck machte, und zwar durch seine Unregelmäßigkeit. Hier trat ein zusammensinkender, düsterer Bau weit in den Hof herein und bildete eine dunkle Ecke, in die kein Sonnenstrahl fiel; dort stieg ein dumpfer Turm in die Höhe und warf einen tiefen Schatten auf den hinter ihm liegenden Flügel. Ein alter Holunderbusch, der in einer Ecke kümmerlich sein Leben fristete, und dessen Blätter mit herabgefallenem Mörtel bedeckt waren, sowie einzelne graue Gräser zwischen dem Pflaster ließen die Oede noch trauriger erscheinen. Kein Laut unterbrach die Totenstille, die hier waltete; selbst eine Dohlenschar, die drüben das heitere Blau des Himmels durchschnitt, flog lautlos vorüber, und deshalb klang den Eintretenden das Geräusch ihrer eigenen Schritte auf dem hallenden Steinpflaster fast gespenstisch.

»Da haben nun,« sagte Ferber, ergriffen von dem Anblicke des Verfalles ringsum, »die alten, gewaltigen Herren Steinmassen aufgehäuft und gemeint, die Wiege ihres Geschlechts werde, fest und unzerstörbar, durch alle Zeiten den Ruhm ihres Namens verkünden. Ein jeder hat sich, wie der verschiedene Baustil zeigt, das Erbe nach Bedürfnis und Geschmack eingerichtet, als ob da nie ein Ende kommen könne . . .«

»Und doch wohnte er nur ein kleines Weilchen zur Miete,« unterbrach ihn der Oberförster, »und mußte es sich zuletzt sogar gefallen lassen, daß der große Hausherr, die Erde, ihn selbst mit Haut und Haar als Mietzins einforderte . . . Doch gehen wir weiter . . . Brr, mich friert . . . hier ist Tod, nichts als Tod!«

»Nennst du das Tod, Onkel?« rief plötzlich Elisabeth, die bis dahin beklommen geschwiegen hatte, indem sie nach einem Thorbogen zeigte, der halb von einem vorspringenden Pfeiler bedeckt wurde. Dort hinter einer Gitterthür schimmerte sonnenbeschienenes Grün, und junge Heckenrosen schmiegten ihre Köpfchen an die Eisenstäbe.

Elisabeth war mit wenigen Sprüngen an der Thür, die sie mit einem kräftigen Rucke aufstieß. Dieser ziemlich große, freie Platz, vor dem sie stand, mochte wohl ehemals den Garten vorgestellt haben – jetzt konnte man die grüne Wildnis unmöglich noch so nennen, denn nicht ein fußbreit Weges war zu entdecken, kaum daß hier und da der verstümmelte Kopf einer Statue unter dem Gewirre von Stauden, Gesträuchen und Schmarotzerpflanzen erschien. Die wilde Weinrebe lief in dicken Strängen bis an das obere Stockwerk der Gebäude, rankte sich an den Fenstersimsen fest und fiel von dort wie ein grüner Regen wieder auf die blühenden wilden Rosen und Fliedersträuche hernieder. Es war ein Schwirren und Summen aus diesem abgeschiedenen, blühenden Fleckchen Erde, als ob der Frühling seine ganzen geflügelten Heerscharen hier versammelt hielte. Zahllose Schmetterlinge flatterten durch die Luft, und über die riesigen Fächer der Farnkräuter zu Elisabeths Füßen liefen geschäftig goldglänzende Käfer. Ueber all dies Blühen und Treiben erhoben einige Obstbäume und mehrere schöne Linden ihre Kronen, und auf einer kleinen Anhöhe lagen die Ueberreste eines Pavillons.

Der Garten war auf drei Seiten von zweistöckigen Gebäuden umgeben, und das Viereck des Raumes wurde durch eine Art hohen Dammes vervollständigt, über den die Wipfel der Waldbäume hereinsahen. Auch hier trugen die Baulichkeiten das Gepräge des Verfalles; abermals ziemlich gut erhaltene Mauern nach außen, doch vollständige Verwüstung im Innern. Nur ein zwischen zwei hohe Flügel eingeklemmter, einstöckiger Bau fiel auf durch sein dunkles Aussehen. Er war nicht durchsichtig, wie die anderen decken- und thürenlosen Gebäude; das flache Dach, das an beiden Seiten schwere Steingeländer hatte, mußte Sturm und Wetter Trotz geboten haben, wie die grauen Fensterläden auch, die hier und da unter dem Wuste von Schlingpflanzen hervorsahen. Der Oberförster meinte mit prüfendem Blicke, dies sei höchst wahrscheinlich Sabines berühmter Zwischenbau; möglicherweise sei er innen nicht so despektierlich zugerichtet, wie die anderen Baulichkeiten; nur begreife er nicht, wie man zu dem angeklebten Schwalbennest gelangen könne. Allerdings war weder von Treppen noch Thüren eine Spur zu sehen, was freilich schon durch das undurchdringliche Gebüsch am Erdgeschosse unmöglich wurde. Man beschloß deshalb, das Besteigen einer ausgetretenen, aber noch ziemlich festen Steintreppe in einem der großen Flügel zu wagen und so auf das Ziel loszusteuern. Es gelang, wenn auch unter beständigem Anklammern an die unebene Mauer. Sie kamen zuerst durch einen großen Saal, der den blauen Himmel als Decke und einige grüne Büsche droben auf den Mauern als einzigen Schmuck aufzuweisen hatte. Zertrümmerte Balken, Dachsparren, einzelne Plafondstücke mit Ueberresten von Malerei bildeten ein grauses Gemisch, über das die Suchenden hinwegklettern mußten. Dann folgte eine Reihe von Zimmern, in demselben Zustande der Zerstörung. An einigen Wänden hingen noch Fetzen von Familienbildern, die oft, schauerlich und komisch zugleich, nur ein Auge, ein Paar gekreuzter, bleicher Frauenhände oder einen theatralisch vorgestreckten, schienenbekleideten Männerfuß zeigten. Endlich hatten sie den letzten Raum erreicht und standen vor einem hohen Thürbogen, der mit Ziegelsteinen vermauert war.

»Aha!« sagte Ferber, »hier hat man den Zwischenbau abzuschließen gesucht von der allgemeinen Zerstörung. Ich meine, ehe wir noch länger die halsbrechende Arbeit des Suchens fortsetzen, wäre es gescheiter, die Steine herauszunehmen.«

Der Vorschlag fand Beifall, und der Maurer begann sein Werk; er drang in eine tiefe Wandnische ein und versicherte, hier seien doppelte Wände. Beide Männer halfen wacker mit, und bald erschien eine mächtige Eichenthür hinter dem zerstörten Mauerwerke, das schnell hinweggeräumt wurde. Die Thür war nicht verschlossen und gab dem Drucke der Männer sogleich nach. Sie traten in einen völlig dunklen, dumpfen Raum. Nur ein dünner Sonnenstrahl drang durch eine schmale Ritze und zeigte die Richtung der Fenster. Das seit so langer Zeit nicht berührte Fensterschloß sträubte sich tapfer gegen die Kraftaufwendung des Oberförsters, ebenso der Laden, den die starken Zweige der Bäume draußen fest andrückten. Endlich wich er mit lautem Gekreische – ein grüngoldenes Sonnenlicht strömte durch ein hohes Bogenfenster herein und beleuchtete ein nicht sehr breites aber tiefes Zimmer, dessen Fenster mit Gobelins behangen waren. Der Plafond zeigte in den vier Ecken das sauber gemalte Wappen der Gnadewitze. Zum Erstaunen aller war es vollständig möbliert, und zwar als Schlafzimmer. Zwei Himmelbetten mit vergilbtem Behange, welche an den zwei langen Wänden standen, waren vollkommen eingerichtet. Das Bettzeug steckte noch in den feinen Leinenüberzügen, und die seidenen Steppdecken schienen nichts an Farbe und Haltbarkeit eingebüßt zu haben. Alles, was zur Bequemlichkeit vornehmer Leute gehört, war hier vorhanden, und wenn auch unter einer Last von Staub vergraben, doch noch in völlig brauchbarem Zustande. An dies Zimmer stieß ein zweites, weit größeres mit zwei Fenstern; es war ebenfalls möbliert, wenngleich in veraltetem Geschmacke und, wie nicht zu verkennen war, mit Möbeln, die man allerorten zusammengesucht hatte. Ein altertümlicher Schreibtisch mit kunstreich ausgelegter Platte und seltsam geschnörkelten Füßen wollte durchaus nicht zu der mehr modernen Form des rot überzogenen Sofas passen, und die goldenen Rahmen, in denen einige nicht übel gemalte Jagdstücke an den Wänden hingen, harmonierten nicht mit der versilberten Fassung des großen Wandspiegels. Aber sei es auch darum – es fehlte ja nichts, was den Raum behaglich machen konnte; selbst ein großer, wenn auch etwas verblichener Teppich lag auf dem Boden, und unter dem Spiegel stand eine große, altertümliche Uhr. Es folgte noch ein kleines, ebenfalls eingerichtetes Kabinett, von welchem eine Thür nach Vorsaal und Treppe führte. Hinter den Zimmern lagen drei Räume von gleicher Größe, deren Fenster in den Garten sahen, und von denen das eine tannene Möbel und zwei Betten enthaltend, jedenfalls für die Dienerschaft bestimmt gewesen war.

»Potztausend!« sagte der Oberförster vergnügt lachend, »da finden wir ja eine Bescherung, die unsere bescheidenen Seelen sich nicht einmal haben träumen lassen. Na, wenn das der Hochselige wüßte, er drehte sich in seinem zinnernen Grabe um . . . Das sind lauter Dinge, die wir der pflichtvergessenen Seele einer Beschließerin oder dem ungetreuen Gedächtnis eines altersschwachen Haushofmeisters verdanken.«

»Aber dürfen wir sie denn auch behalten?« fragten Frau Ferber und Elisabeth, die bis dahin vor freudiger Ueberraschung starr gewesen waren, wie aus einem Munde.

»Ei freilich, liebe Frau,« beruhigte der Vater. »Dein Onkel hat dir das Schloß vermacht mit allem, was es enthalte.«

»Und das ist wenig genug,« grollte der Oberförster.

»Im Vergleiche zu unseren Erwartungen aber eine wahre Fundgrube von Schätzen,« sagte Frau Ferber, indem sie einen hübschen Glasschrank öffnete, der verschiedenes Porzellan enthielt, »und wenn mich damals, als ich noch hoffnungsmutig und anspruchslos ins Leben sah, der Onkel mit einem reichen Vermächtnis bedacht hätte, es würde mir sicher keinen größeren Eindruck gemacht haben, als in diesem Augenblicke die unverhoffte Entdeckung, welche uns großer Sorgen enthebt.«

Elisabeth bog sich unterdessen aus dem Fenster des zuerst betretenen Zimmers und versuchte, mit ihren Armen die Zweige zu trennen, welche die ganze Fensterreihe der Fronte vollständig verbarrikadierten und deshalb in den Zimmern gerade nur ein grünes Dämmerlicht zuließen. »Schade,« meinte sie, das Ohnmächtige ihrer Anstrengung einsehend, »ein wenig Aussicht in den Wald hätte ich schon gern gehabt!«

»Glaubst du denn,« sagte der Oberförster, »ich würde euch hinter dieser grünen Verschanzung stecken lassen, die jeden frischen Luftzug abwehrt? Dem soll heute noch abgeholfen werden, darauf verlasse dich, Klein-Else.«

Sie gingen die Treppe hinab. Auch sie war in gutem Zustande und führte in eine große Halle, in deren Mitte eine Tafel, von hochbeinigen Stühlen umgeben, stand. Der Fußboden war von roten Backsteinen, Wände und Plafond aber zeigten kunstvolle Holzschnitzereien. Dieser große Raum hatte außer vier Fenstern zwei Thüren, die sich gegenüber lagen; eine derselben führte in den Garten, die andere, die sich nur schwer öffnen ließ, auf einen schmalen freien Platz, der sich zwischen das Gebäude und die äußere Mauer drängte. Hier hatten sich die Syringen und Haselsträucher ungemein üppig ausgebreitet, allein es gelang doch den Männern, einen Durchgang zu erzwingen, und mit drei Schritten standen sie vor einem Pförtchen in der gegenüberliegenden Mauer, das hinaus in das Waldgestrüpp führte.

»Nun,« sagte Ferber erfreut, »hier fällt auch das letzte Bedenken weg. Dieser Eingang ist viel wert. Wir brauchen nun nicht mehr durch die Höfe zu gehen, was jedenfalls sehr umständlich und immerhin gefährlich gewesen wäre.«

Noch einmal wurde die Wohnung durchschritten, die künftige Einrichtung derselben besprochen, und der Maurer für morgen bestellt, damit er eines der Hinterzimmer zur Küche einrichte. Dann, nachdem man die Eichenthür, die nach dem großen Flügel führte, gehörig verrammelt und verriegelt hatte, wurde der Rückweg angetreten, ein Unternehmen, das für den Augenblick durch das dichte Gebüsch zwar sehr erschwert wurde, trotzdem aber dem ersten halsbrechenden Weg vorzuziehen war.

Als die Heimkehrenden den Garten des Forsthauses betraten, kamen ihnen Sabine in Begleitung des kleinen Ernst, den man ihrer Obhut anvertraut hatte, erwartungsvoll entgegen. Sie hatte unter den Buchen auf einem weißgedeckten Tische den Nachmittagskaffee serviert und das schattige Plätzchen auf das Behaglichste eingerichtet, wollte nun aber auch wissen, wie man die Dinge droben gefunden, und schlug bei dem Berichte vor freudigem Erstaunen die Hände zusammen.

»Ach, du meine Güte,« rief sie aus, »sehen der Herr Oberförster, daß ich recht hatte? . . . Ja, ja, die Sachen sind vergessen worden, und ist auch gar nicht zu verwundern. Sowie der junge Herr von Gnadewitz unter die Erde gebracht war, ist der alte Gnädige über Hals und Kopf abgereist und hat alle Dienerschaft mitgenommen. Nur der alte Hausverwalter Silber ist zurückgeblieben; der war aber zuletzt ganz schwach im Kopfe, und ein unmenschlich viel Zeug hat auch drunten im neuen Schlosse gesteckt, da hatte er mehr als genug zu thun, daß ihm nichts unter der Hand wegkam, und da ist zuletzt das alles da droben stehen geblieben, und keine Menschenseele hat mehr davon gewußt . . . Du lieber Gott, ich habe ja jedes Stück davon unter den Händen gehabt und habe es abstäuben und putzen müssen . . . Und vor der Uhr habe ich mich immer so gefürchtet, denn die spielt ein trauriges Stückchen, wenn sie schlägt, und das klang so grausig durch die Stuben, wo ich mutterseelenallein hantieren mußte . . . Ja, damals war ich noch jung . . . wo sind die Zeiten hin!«

Es folgte nun eine gemütliche Stunde der Ruhe und des behaglichen Ueberlegens, während der Kaffee getrunken wurde. Weil Elisabeth gemeint hatte, sie könne sich nichts Schöneres denken, als zum erstenmal am Pfingstmorgen da droben aufzuwachen, wenn die Kirchenglocken der umliegenden Dörfer hinauf klängen, eine Ansicht, die auch Frau Ferber teilte, so wurde beschlossen, die Renovierung mit allen Kräften schon morgen ins Werk zu setzen, um das Beziehen der Wohnung bis zum Pfingstabend zu ermöglichen, und der Oberförster stellte alle seine Leute zur Verfügung.

Sabine hatte nicht weit von der Gesellschaft auf einer Rasenbank Platz genommen, um bei der Hand zu sein, wenn man etwas bedürfe. Um nicht ganz müßig zu bleiben, hatte sie ein paar Hände voll junger Möhren aus dem Beete gezogen, die sie eifrig schabte und putzte. Elisabeth setzte sich zu ihr. Die Alte warf einen schelmischen Blick auf die schlanken weißen Finger, die neben ihren eigenen braunen, schwielenharten Händen erschienen und einige Möhren von ihrem Schoße nahmen.

»Nichts da,« sagte sie abwehrend, »das ist keine Arbeit für Sie – Sie kriegen gelbe Finger.«

»Daraus mache ich mir nichts!« lachte Elisabeth. »Ich helfe Ihnen und Sie erzählen mir ein wenig. Sie sind hier aus der Gegend und wissen gewiß auch etwas von der Geschichte des alten Schlosses.«

»I nu freilich,« entgegnete die alte Haushälterin; »Lindhof, wo ich geboren bin, hat ja den Herren von Gnadewitz seit undenklichen Zeiten gehört, und sehen Sie, in einem so kleinen Orte da dreht sich nachher alles um die Herrschaft, der man unterthänig ist. Da geht nichts verloren, was besonderes im Herrenhause vorfällt; das vererbt sich auf Kind und Kindeskinder; und wenn den vornehmen Leuten schon lange kein Zahn mehr weh thut, da erzählen sich noch die Bursche und Mädchen im Dorfe ihre Geschichte.

»Da war meine selige Urgroßmutter, die ich noch recht gut gekannt habe, die wußte Dinge, daß einem die Haare zu Berge standen. Sie hatte aber einen heiligen Respekt vor denen auf Gnadeck und duckte mich mit ihren beiden zitternden Händen immer tief auf den Boden, wenn die Herrschaft vorbeifuhr; denn ich war dazumal noch ein kleines Ding und konnte keinen rechten Knicks machen . . . Sie wußte weit, weit in die uralte Zeit hinein die Namen von all den Herren, wie sie der Reihe nach da droben gehaust haben, und gar vieles, was dort wider Gott und Recht geschehen ist.

»Wie ich nachher auf das neue Schloß kam und die großen Säle fegen mußte, wo sie alle abgemalt waren, von denen vielleicht jetzt kein Staubkörnchen mehr übrig ist, da habe ich manchmal dort gestanden und mich gewundert, wie sie doch ganz und gar nicht anders ausgesehen haben als andere Menschenkinder auch, und haben doch ein Wesens von sich gemacht, als ob sie der liebe Gott in eigener Person auf die Welt 'runter gebracht hätte . . . Von Schönheit war bei den Weibern auch nicht viel zu sehen. Ich meinte immer in meinen dummen Gedanken, wenn das schöne Lieschen, das schönste und feinste Mädchen im Dorfe, in den goldenen Rahmen 'naufgestiegen wäre, in der seidenen Schleppe und mit so viel Edelsteinen auf der Brust und in den Haaren und der Mohr mit dem silbernen Präsentierteller hätte hinter ihrem schneeweißen Gesichte gestanden, das wär' tausendmal schöner gewesen, als die Dame, die eigentlich bitter häßlich war und zwei schwarze, dicke Striche über den Augen hatte, die sie bis unter die Haare hinaufzog vor lauter Hochmut. Aber gerade auf die war die ganze Familie stolz. Es sollte eine reiche, reiche Gräfin gewesen sein, aber hart und gefühllos wie Stein.

»Unter den Männern war auch nur einer, den ich gern ansehen mochte. Der hat aber gar ein liebes, treuherziges Gesicht gehabt und ein paar Augen, so schwarz wie die Schlehen; und an dem ist's auch wieder wahr geworden, daß der Beste am meisten zu leiden hat in der Welt. Von allen anderen in der langen Reihe hat man nichts gewußt, als daß es ihnen gut gegangen ist ihr lebenlang . . . Viele davon haben Unglück genug in die Welt gebracht, und haben sich doch nachher so ruhig auf ihr Sterbebett gelegt, als sei das alles von Rechts wegen geschehen . . . Na, um wieder auf den Jost von Gnadewitz zu kommen, der hat ein recht trauriges Schicksal gehabt. Die Großmutter von meiner Urgroßmutter hat ihn selbst gekannt, als sie noch ein kleines Kind gewesen ist. Er hat dazumal nur der wilde Jäger geheißen, weil er den ganzen geschlagenen Tag nicht aus dem Walde gekommen ist. – Auf dem Bilde war er auch im grünen Rocke gemalt und hatte eine lange, weiße Feder auf dem Hute, was mir immer so gefallen hat zu seinen kohlschwarzen lockigen Haaren. Aber gut ist er gewesen und hat keinem Kinde was zuleide thun mögen. Dazumal ist es den Leuten im Dorfe gar gut gegangen, und sie haben gewünscht, es möchte immer so bleiben.

»Aber auf einmal ist er eine Zeit fortgewesen; kein Mensch hat gewußt, wo er steckt, bis er endlich bei Nacht und Nebel wiedergekommen ist, ohne daß es jemand gemerkt hätte . . . Von der Zeit an war er aber ganz verwandelt . . . Den Leuten in Lindhof ist zwar nichts entzogen worden; aber sie haben ihren Herrn nicht mehr zu sehen gekriegt. Er hat alle Dienerschaft fortgeschickt und ist im alten Schlosse mutterseelenallein mit einem Lieblingsdiener geblieben.

»Da haben denn endlich die Leute viel gemunkelt von der schwarzen Kunst, die er da oben treibe, und hat sich kein Mensch mehr bei hellem, lichtem Tage auf den Berg getraut, geschweige denn in der Nacht . . . Die alte Großmutter ist aber in ihrer Jugendzeit gar ein keckes Ding gewesen und hat just erst recht ihre Ziegen bei den Schloßmauern grasen lassen . . . Nun, und da hat sie einmal ganz still und in Gedanken unter einem Baume gesessen und hat hinübergesehen nach der Mauer, wie die doch so hoch sei, und was wohl dahinter stecken möchte. Und da ist mit einem Male da droben ein Arm, so weiß wie Schnee, hervorgekommen, nachher ein Gesicht – die Großmutter hat erzählt, schöner sei das gewesen, als Sonne, Mond und Sterne – und zuletzt hat mit einem Sprunge ein Mädchen droben gestanden, das hat die Arme in die Lust gestreckt, hat etwas gerufen, was die Großmutter nicht verstehen konnte, und wäre um ein Haar hinunter in das Wasser gesprungen, das dazumal um das ganze Schloß herumgelaufen ist . . . Aber da hat auf einmal der Jost hinter ihr gestanden, der hat sie umfaßt und mit ihr gerungen und hat sie gebeten und gefleht, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und die kohlschwarzen Haare haben ihm vor Angst in die Höhe gestanden. Nachher hat er sie auf seinen Arm genommen, wie ein Kind, und weg waren sie von der Mauer . . . Dem Mädchen ist aber der Schleier vom Kopfe gefallen und ist hinübergeflogen bis zu der Großmutter. Er ist wunderfein gewesen, und sie hat ihn voller Freude mit heimgenommen zu ihrem Vater; der hat ihn voll Schreck ins Feuer geworfen, weil es Teufelsspuk sei, und die Großmutter hat nie wieder auf den Berg gedurft.

»Später – es ist wohl ein volles Jahr herum gewesen, seit der Jost so still auf Gnadeck gelebt hat – ist er auf einmal frühmorgens zu Pferde den Berg herangekommen; aber niemand hat ihn kennen mögen, so verfallen war sein Gesicht, und hat wohl noch viel blässer deswegen ausgesehen, weil er kohlschwarz angezogen war. Er ist langsam geritten und hat jedem, der ihm begegnet ist, noch einmal traurig zugenickt. Dann ist er fortgewesen und ist auch nie wiedergekommen . . . er ist in der Schlacht erschossen worden, und sein alter Dienen auch, der mit ihm war . . . es war dazumal der Dreißigjährige Krieg.«

»Nun, und das schöne Mädchen?« fragte Elisabeth.

»Ja, von dem hat niemand weiter eine Spur gehört noch gesehen . . . Der Jost hat auf dem Rathause zu L. ein großes versiegeltes Paket niedergelegt und hat gesagt, das sei sein letzter Wille. Man solle es aufmachen, wenn die Nachricht von seinem Tode käme. Aber da war eine große, große Feuersbrunst in L., viele Häuser, selbst die Kirchen und das Rathaus mit allem, was darin war, sind bis auf den Grund niedergebrannt, und das Paket natürlich auch mit.

»In der letzten Zeit soll auch einige Male der Pfarrer von Lindhof oben bei dem Jost gewesen sein. Der geistliche Herr hat aber stillgeschwiegen wie ein Mäuschen; und weil er alt war und bald darauf das Zeitliche segnen mußte, so hat er das, was er vielleicht da droben erfahren hat, mit ins Grab genommen . . . So weiß nun kein Mensch, was es mit dem fremden Mädchen für ein Bewenden gehabt hat, und es wird wohl auch ein Geheimnis bleiben bis an den jüngsten Tag.«

»Na, geniere dich nur nicht, Sabine.« rief der Oberförster herüber, indem er seine Pfeife ausklopfte, »es ist besser, die Else gewöhnt sich gleich von vornherein an den schauerlichen Schluß deiner Geschichten – sag's nur, denn du weißt es ja doch ganz genau, daß das schöne Mädchen eines schönen Tages auf dem Besen zum Schornsteine hinausgefahren ist.«

»Nein, das glaube ich nicht, Herr Oberförster, wenn ich auch –«

»Drauf schwöre, daß es in der Umgegend wimmelt von solchen, die jeden Tag zum Scheiterhaufen reif wären,« unterbrach sie der Oberförster. »Ja, ja,« wandte er sich zu den anderen, »die Sabine ist noch vom alten Thüringer Schlage. Es fehlt ihr sonst nicht an Verstand und sie hat auch das Herz auf dem rechten Flecke; wenn aber der Hexenglaube ins Spiel kommt, da verliert sie beides und ist im stande, ein armes, altes Weib, weil es rote Augen hat, von der Thür wegzuschicken, ohne einen Bissen Brot abzuschneiden.«

»Nu, so schlimm ist's doch nicht, Herr Oberförster,« entgegnete die Alte gekränkt, »ich gebe ihr zu essen, aber ich ziehe die Daumen ein und antworte weder ja noch nein – und das kann mir kein Mensch verdenken.«

Alle lachten über dies Präservativ gegen das Behexen, welch ersteres augenscheinlich sehr ernst gemeint war. Die alte Haushälterin aber strich die Möhrenüberreste von der Schürze und erhob sich, um das Abendbrot für die Leute herzurichten, die heute früher essen sollten, denn bis zum Einbruche der Nacht gab es noch tüchtig zu thun im alten Schlosse.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.