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Goldelse

Eugenie Marlitt: Goldelse - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoldelse
authorE. Marlitt
year1890
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart, Berlin, Leipzig
titleGoldelse
pages3-335
created20020612
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1866
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20.

Während im Zwischenbau auf dem alten Gnadeck Glück und Freude einzogen, ereignete sich ein Fall trauriger Art unten im Thale.

Zwei Lindhofer Bauern, die, mit Fackeln versahen, nach Elisabeth suchten, hörten, als sie von ihrem Dorfe her nach dem Walde schritten, vor sich plötzlich ein heftiges Knurren, es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes. Nicht weit von ihnen lag eine Gestalt quer über den Weg hingestreckt; ein großer Hund stand daneben und hatte, wie zur Verteidigung, beide Vorderpfoten auf das am Boden liegende Wesen gestellt. Das Tier wurde wütend bei Annäherung der Männer, fletschte die Zähne und machte Miene, auf sie loszuspringen. Sie wagten sich nicht weiter und liefen in das Dorf zurück, wo sich in denselben Augenblicke mehrere Fackelträger zusammenfanden, unter ihnen der Oberförster, der soeben durch Herrn von Waldes Bedienten erfahren hatte, daß Elisabeth gefunden sei.

Sofort eilten alle nach der bezeichneten Stelle. Diesmal knurrte der Hund nicht. Er winselte und kroch schwanzwedelnd bis zu den Füßen des Oberförsters; es war Wolf, sein Hofhund, und dort lag, anscheinend leblos, Bertha. Sie blutete aus einer Kopfwunde, und das Gesicht hatte die Blässe des Todes.

Der Oberförster sagte kein Wort. Er vermied es, den mitleidigen Blicken der Umstehenden zu begegnen; in seinen Zügen kämpften Groll und Schmerz. Er hob Bertha vom Boden auf und trug sie in das letzte Haus des Dorfes; es war das Weberhäuschen. Von dort aus schickte er einen Boten nach Sabine. Zum Glück verweilte der Wahlheimer Arzt noch bei einem Patienten im Dorfe. Er wurde herbeigeholt und brachte die Ohnmächtige sehr bald wieder zu sich. Sie erkannte ihn und verlangte nach einem Trunke Wasser. Ihre Wunde war ungefährlich; aber der Arzt schüttelte den Kopf und warf einen seltsamen Blick auf den Oberförster, der mit besorgter Miene seine Manipulationen verfolgte.

Der Doktor war ein gerader Mann von etwas rauhen, derben Manieren. Er trat plötzlich auf den Oberförster zu und sagte ihm mit nicht sehr unterdrückter Stimme einige Worte.

Wie von einem tödlichen Schusse getroffen, taumelte der alte Mann zurück, starrte den Doktor an wie geistesabwesend, und ohne auch nur eine Silbe zu erwidern, ohne einen Blick auf die Kranke zu werfen, schritt er zur Thür hinaus.

»Onkel, Onkel, verzeihe mir!« schrie das Mädchen mit herzzerreißender Stimme auf, aber er war schon verschwunden in der dunklen Nacht draußen.

Dafür erschien Sabine atemlos auf der Schwelle. Eine Magd folgte ihr und trug ein ungeheures Bündel Bettstücke auf dem Kopfe und einen Handkorb voll Verbandzeug, Erfrischungen und aller möglichen praktischen und nötigen Dinge am Arme.

»Gott im Himmel, was machen Sie für Streiche, Berthchen?« rief die Alte mit Thränen in den Augen, als sie das entfärbte Gesicht mit dem Verbande über der Stirn auf dem Kissen liegen sah. »Und gerade heute mittag, wie Sie fortgingen, kamen Sie mir munterer vor; Sie hatten so schöne rote Backen.«

Das Mädchen vergrub das Gesicht in das Bett und verfiel in ein konvulsivisches Schluchzen.

Der Arzt gab Sabine einige Verhaltungsregeln, verbot der Kranken streng alles Reden und verließ das Zimmer.

»Nicht sprechen soll ich!« rief Bertha, indem sie sich im Bette aufsetzte. »Solch einem alten Manne mit dem kühlen Blute in den Adern und den abgemessenen Gedanken unter den weißen Haaren, dem mag das Schweigen freilich leicht werden. Aber ich, ich muß sprechen, Sabine, und wenn es mir den Tod bringt, desto besser!«

Sie zog die Haushälterin auf den Bettrand und beichtete bitterlich weinend ihre Schuld.

Sie hatte ein Liebesverhältnis mit Hollfeld gehabt. Er hatte ihr versprochen, sie zu heiraten; sie dagegen hatte ihm feierlich schwören müssen, daß sie das Verhältnis geheimhalten und ihre Rechte auch nicht eher öffentlich geltend machen wolle, als bis er sie dazu autorisiere; denn er mußte, wie er vorgab, seine Mutter und die Verwandten in Lindhof berücksichtigen. die er erst ganz allmählich seinen Wünschen geneigt machen könne. Die Unbesonnene schwur, und, exaltiert wie sie war, fügte sie das Gelübde hinzu, daß anderen gegenüber nicht eher wieder ein Wort über ihre Lippen kommen solle, als bis sie der Welt ihr stolzes Geheimnis mitteilen dürfe. Die Zusammenkünfte beider fanden gewöhnlich im Nonnenturme oder im Pavillon des Lindhofer Parkes statt. Niemand kam ihnen auf die Spur. Nur die Baronin Lessen hatte eines Tages Verdacht geschöpft, infolgedessen sie in den heftigsten Zorn geriet und dem Mädchen den ferneren Zutritt im Lindhofer Schlosse verbot.

Das erschütterte Berthas kühne, hochstrebende Hoffnungen nicht, denn Hollfeld tröstete sie und verwies sie auf die Zukunft . . . Aber da kam Elisabeth Ferber, und von jenem Augenblicke an war er ein anderer. Er vermied sie, und wenn sie ihn endlich durch Drohungen zu einer Zusammenkunft zwang, zeigte er ihr eine höhnische Kälte, eine Nichtachtung, die ihr das Herz umwendeten und ihr leidenschaftliches Gemüt bis zur Wut empörten.

Als sie endlich erkannte, daß sie es mit einem Ehrlosen zu thun habe, da wurden ihr die ganzen Schrecken ihrer Lage klar. Sie geriet in Verzweiflung und von da an begannen ihre nächtlichen Wanderungen. Kein Schlaf berührte ihre Augen, und nur draußen im nachtstillen, einsamen Walde, wo sie ihren heißen Schmerz, ihre Seelenangst ausschreien durfte, ward sie momentan ruhiger.

Endlich fand das Drama seinen Schluß, wie dergleichen Liebesdramen schon unzähligemal geschlossen haben und wohl noch ebenso oft schließen werden, denn das warnende Exempel hat wohl Kraft für den Verstand, nie aber für ein arglos liebendes weibliches Herz; Hollfeld bot der Bethörten eine Summe Geldes, wenn sie ihre Ansprüche aufgeben und sich in eine entfernte Stadt zurückziehen wolle. Er gab vor, daß seine Mutter und die Lindhofer Verwandten ihn zwängen, das »neugebackene Fräulein von Gnadewitz« zu heiraten. Sie schalt ihn einen ehrvergessenen Lügner und stürzte wie rasend fort . . . Zornflammend und rachedürstend drang sie in das Zimmer seiner Mutter und sagte ihr alles.

Bis dahin hatte Bertha unter heftigen Gestikulationen, mitunter von Schluchzen und Weinen unterbrochen, in geordneter Reihenfolge erzählt. Jetzt aber schwieg sie einen Augenblick, und ein Ausdruck von unauslöschlichem Hasse entstellte ihr fiebergerötetes Gesicht.

»Das abscheuliche Weib,« rief sie endlich mit fliegendem Atem, »hat stets Bibelsprüche auf den Lippen. Sie strickt und näht und sammelt Tag und Nacht für die Mission, die Gottes Wort unter die Heiden tragen soll, damit sie menschlich werden; unmenschlicher und grausamer aber können sie nicht sein in ihrer Unwissenheit, als diese Christin in ihrem Hochmute. Den Götzendienst will sie ausrotten helfen, diese Hochgeborne! sie selbst aber macht sich zum Götzen, umgibt sich mit Kriechern, Schmeichlern und Speichelleckern, welche ihr stets wiederholen müssen, daß sie zu den Auserwählten gehöre, die aus ganz anderem Stoffe gemacht sein sollen, als die übrigen Menschenkinder. Wehe, wenn ein gerader, ehrlicher Mensch diese Meinung nicht teilt! seine Schuld ist nicht geringer, als die des Gotteslästerers! . . . Sie stieß mich vor die Thür und wollte mich mit Hunden aus dem Schlosse hetzen lassen, wenn ich mich je wieder blicken ließe . . . Von dem Augenblicke an weiß ich nicht mehr, was mit mir vorgegangen ist,« sagte sie, erschöpft in die Kissen zurücksinkend, während sie die Hand gegen die schmerzende Stirn preßte. »Ich weiß nur, daß ich erwachte und das Gesicht des Doktors über mir sah . . . Er hat dem Onkel meine Schmach mitgeteilt, ich hörte es . . . Was soll aus mir werden!«

Sabine hatte die Beichte mit Schauder und Schrecken gehört. Sie hielt streng auf einen reinen Lebenswandel und war eine unnachsichtige Richterin für Fehltritte, wie sie Bertha bekannt hatte. Aber sie besaß auch ein Herz, reich an Liebe und tiefem Erbarmen. Deshalb sah sie jetzt mit Thränen auf die zerknirschte Verirrte und legte tröstend und beschwichtigend das müde Haupt an ihre Brust. Sie hatte die Genugthuung, daß das Mädchen wie ein müdegeweintes Kind in ihren Armen einschlief.

Bald hörte man nur noch die ruhigen Atemzüge der Kranken und das leise Ticken der Wanduhr im engen Stübchen. Sabine zog die Brille und ein abgerissenes Exemplar des Neuen Testamentes aus dem Handkorbe und wachte treulich, bis das helle Morgenlicht durchs Fenster schaute.

Bertha starb nicht, wie sie gehofft hatte, infolge ihrer erschütternden Bekenntnisse. Sie erholte sich im Gegenteile wunderbar schnell unter Frau Ferbers und Sabines Pflege. Ein Anfall von Geistesstörung war nicht wiedergekehrt. Die Kopfwunde, die von einem Falle auf einen spitzen Stein herrührte, war durch den starken Blutverlust, den sie zur Folge hatte, heilbringend geworden.

Der Oberförster war außer sich über die Schande, die Bertha unter sein ehrliches Dach gebracht. Selbst dem ruhigen Zuspruche seines Bruders war er in den ersten Tagen nicht zugänglich. Nachdem ihm Sabine Berthas Bekenntnisse mitgeteilt hatte, ritt er sofort nach Odenberg, um den »nichtswürdigen Buben« zur Rede zu stellen, aber die Dienerschaft berichtete ihm achselzuckend, der gnädige Herr sei auf unbestimmte Zeit verreist, und man wisse nicht wohin. Auch Herrn von Waldes Nachforschungen blieben ohne Erfolg.

Bertha selbst erklärte, daß sie von ihrem Verführer, den sie jetzt ebenso glühend hasse, wie sie ihn ehedem geliebt habe, nichts wieder hören wolle. Wenige Wochen nach ihrer Wiederherstellung verließ sie das Weberhäuschen – das Forsthaus hatte sie nicht wieder betreten dürfen – um nach Amerika auszuwandern. Aber sie ging nicht allein. Ein Jägerbursche ihres Onkels, ein braver junger Mann, bat eines Tages um seine Entlassung, weil er die Bertha immer im stillen geliebt habe und es nun nicht übers Herz bringen könne, sie so mutterseelenallein in die weite Welt ziehen zu lassen. Sie habe ihm versprochen, die Seine zu werden. In Bremen wolle er sich mit ihr trauen lassen und es dann drüben mit dem Farmerleben versuchen. Herr von Walde unterstützte das Paar mit einer bedeutenden Summe Geldes, und auf Frau Ferbers und Elisabeths Bitten ließ es der Oberförster stillschweigend geschehen, daß Sabine die aufgespeicherten Leinenschätze der seligen Oberförsterin plünderte, um die künftige Farmerin anständig auszustatten.

Es war ein trüber, nebeliger Herbsttag, als ein bepackter Reisewagen das Lindhofer Schloß verließ und die Richtung nach L. einschlug. Völlig zusammengebrochen und vernichtet drückte sich die Baronin Lessen in die Ecke des Wagens. Ihre glänzende Rolle in Lindhof war zu Ende; sie kehrte unfreiwillig zurück in enge Räume und dürftige Verhältnisse.

»Mama,« sagte Bella mit ihrer scharfen, kreischenden Stimme, während sie das Glasfenster unablässig auf und nieder zog und mit den Füßen baumelte, »gehört denn nun das Schloß der Elisabeth Ferber? Wird sie in unserem schönen Wagen mit den weißen Seidendamastpolstern fahren? Darf sie jetzt in deinen Salon gehen und sich auf die schönen, gestickten Fauteuils setzen? Der alte Lorenz sagt, sie werde nun die gnädige Frau, und alles, was sie befehle, müsse geschehen.«

»Kind, martere mich nicht mit deinem Geschwätze!« stöhnte die Baronin und versenkte das Gesicht in das Taschentuch.

»Es ist doch sehr dumm von Onkel Rudolf, daß er uns fortschickt,« fuhr die Kleine unerbittlich fort. »Gelt, wir haben in B. keine silbernen Teller, von denen wir essen werden, Mama? Ich weiß es noch von früher . . . Und einen Koch haben wir auch nicht. Werden wir wieder aus dem Speisehause essen, Mama? . . . Wirst du dich wieder selbst frisieren, wenn die Karoline wäscht und bügelt Warum –«

»Schweig!« unterbrach die Mama den Schwall von Worten, deren jedes zur Dolchspitze für sie wurde.

Bella kauerte sich erschrocken in die Ecke und tauchte erst wieder empor, als der Wagen über das Straßenpflaster in L. rasselte. Die Baronin dagegen warf einen scheuen Blick hinauf nach dem Schlosse; dann zog sie den Schleier hastig über das Gesicht und brach in ein heftiges Weinen aus.

Es war infolge von Berthas Geständnissen zu einem heftigen Auftritte zwischen Herrn von Walde und der Baronin gekommen, der mit Ausweisung der letzteren endete. Helene stieß sie mit Abscheu zurück, als sie Hilfe und Fürsprache bei ihr suchte, und so sah sie sich gezwungen, den Reisewagen zu besteigen, der pünktlich zu der vom Schloßherrn bestimmten Stunde an der Einfahrt hielt . . . In den Wermutbecher fiel übrigens ein Tröpfchen Süßigkeit. Herr von Walde hatte ein Erziehungsgeld für Bella ausgesetzt, unter der Bedingung, daß sie von nun an vernünftiger erzogen werde, als bisher geschehen. –

Fast zur nämlichen Stunde, da die Baronin Lessen Lindhof für immer verließ, erschien die Oberhofmeisterin von Falkenberg im Boudoir der Fürstin, die in Begleitung ihres Gemahls vor wenigen Tagen aus dem Bade zurückgekehrt war.

Die Oberhofmeisterin verbeugte sich so tief, wie es ihre unsicheren Fundamente nur irgend gestatteten, aber es geschah in einer eigentümlichen Hast, die sie bei jedem anderen Eintretenden höchst indigniert als etikettenartig gerügt haben würde. Sie hielt einen offenen Brief in den Händen, der seine ursprüngliche Glätte offenbar erst zwischen den zitternden Fingern eingebüßt hatte.

»Ich bin sehr unglücklich,« begann sie mit alterierter Stimme, »den durchlauchtigsten Herrschaften eine skandalöse Nachricht unterbreiten zu müssen . . . O, mon dieu, wer hätte das gedacht! . . . Nun, wenn selbst in diesem Sphäre Scham und höheres Bewußtsein aufhören, wenn jeder der Eingebung einer gemeinen Neigung folgen will und seine heiligen Vorrechte unter die Füße des Pöbels wirft, dann ist es freilich kein Wunder, daß wir zuletzt den Nimbus nicht mehr zu halten vermögen, und das Volk sogar an den Thronen zu rütteln wagt!«

»Alterieren Sie sich nicht, meine liebe Falkenberg,« sagte der Fürst, der zugegen war, sichtlich amüsiert, »Ihre Einleitung hat etwas vom grandiosen Stile der Kassandra . . . Aber ich spüre bis jetzt noch nichts von dem geweissagten Erdbeben, und zu meiner Befriedigung bemerke ich auch,« – sein Blick streifte lächelnd drunten den stillen Marktplatz – »daß meine getreuen Unterthanen sich ruhig verhalten . . . Was haben Sie mir mitzuteilen?«

Sie sah betroffen zu ihm auf; sein sarkastischer Ton machte sie unsicher.

»O, wenn Durchlaucht wüßten!« rief sie endlich. »Gerade er, auf dessen stolzes Blut ich Häuser gebaut haben würde! Herr von Walde zeigt mir an, daß er sich verlobt habe, und mit wem? mit wem?«

»Mit Fräulein Ferber, der Nichte meines alten, braven Oberförsters,« ergänzte der Fürst lächelnd. »Ja, ja, ich habe schon so etwas gehört . . . Der Walde ist nicht auf den Kopf gefallen, wie ich merke. Die Kleine soll ein wahres Wunden an Schönheit und Liebenswürdigkeit sein . . . Nun, ich hoffe, er läßt uns nicht lange warten auf die allerliebste kleine Bekanntschaft und stellt sie uns bald vor.«

»Durchlaucht,« rief die Oberhofmeisterin erstarrt, »sie ist die Tochter Höchstihres Forstschreibers!«

»Ja, ja, beste Falkenberg,« beschwichtigte die Fürstin, »das wissen wir ja. Aber beruhigen Sie sich nur, sie ist ja eigentlich doch von Adel, wie ich gehört habe.«

»Erlauben Eure Durchlaucht gnädigst,« entgegnete die alte Dame, hochrot im Gesicht, und deutete auf den zerknitterten Brief, »hier steht sie schwarz auf weiß, diese Verlobung mit einer Bürgerlichen; hier steht der Name Ferber und kein anderer, und so wird er auch auf dem Stammbaume derer von Walde stehen für alle Zeiten; scheint es doch, als ob ihn der Herr Bräutigam auch noch mit einer gewissen Ostentation betone! . . . Daß diese Menschen mit dem edeln Geschlechte der Gnadewitze nichts gemein haben, beweisen sie am schlagendsten dadurch, daß sie den herrlichen, alten Namen nicht zu würdigen wissen, indem sie sich in unbegreiflicher Indolenz weigern, ihn zu führen. Der versprengte Tropfen nobles Blut ist im Laufe der Jahre verkommen in ihren Adern, und für meine Adelsbegriffe ist und bleibt das Mädchen unadlig . . . Ich beklage aufrichtig den armen Hollfeld, der, wie Eure Durchlaucht doch gewiß gnädigst zugeben werden, ein Kavalier vom reinsten Wasser ist; er verliert durch diese Mesalliance mindestens eine halbe Million, und die unglückliche Lessen, von der ich mit der Verlobungsanzeige zugleich einige trostlose Abschiedszeilen erhielt, verläßt heute noch Lindhof, jedenfalls um der skandalösen Geschichte aus dem Wege zu gehen.«

»Das sind Dinge, die speziell Ihr freundschaftliches Gefühl berühren, und deshalb will ich nicht rechten mit Ihnen über die Art und Weise Ihrer Auffassung,« entgegnete der Fürst nicht ohne Schärfe. »Uebrigens will ich Sie hiermit ersucht haben, der Fürstin und mir sofort Anzeige zu machen, wenn Herr von Walde uns seine Braut vorzustellen wünscht.«

Drin im Nebenzimmer, dessen Thür offen stand, drehte sich Cornelie lustig auf dem Absatz herum und schlug ein Schnippchen.

»Ah, also deswegen wollte der Herr Eisbär der Zunge gewisser redseliger Damen entgehen!« rief sie mit unterdrücktem Lachen. »Cornelie, wo blieb damals dein untrüglicher Scharfblick für das Verliebtsein der Männer! . . . Uebrigens macht mir die Geschichte unendlichen Spaß um der alten Falkenberg willen,« wandte sie sich flüsternd an eine andere junge Dame, die stickend am Fenster saß. »Jetzt werden wir mindestens vierzehn Tage lang das Vergnügen haben, zu sehen, wie die vielgetreue Royalistin unsere Durchlauchten am liebsten mit den Blicken spießen möchte, sobald sie ihr ahnungslos den Rücken kehren, während sie den Honigseim des gelobten Landes über ihre welken Lippen fließen läßt, wenn der Sonnenschein der fürstlichen Augen auf sie fällt. Um dieses Genusses willen möchte man wirklich wünschen, daß unsere sämtlichen Herren solche dumme Streiche machten.«

»Um Gotteswillen, Cornelie, bist du wahnsinnig?« rief die Kollegin im Fenster und ließ entsetzt die Nadel fallen. –

Und wiederum in der nämlichen Stunde, da sich selbst das kleinste Tröpflein Blut in den aristokratischen Adern der Frau Oberhofmeisterin von Falkenberg empörte, trat Doktor Fels heimkehrend in die Kinderstube, wo seine Frau eben das Kleinste badete und dabei die strickenden Fingerchen ihrer zwei kleinen Töchter beabsichtigte.

»Frau, freue dich mit mir!« rief er mit strahlendem Gesichte schon an der Thür. »Lindhof bekommt eine Herrin, und was für eine! . . . Goldelse, die schöne Goldelse wird's, hörst du, mein Schatz? . . . Nun wird's wieder hell und sonnig da draußen! Der gesunde Gedanke siegt, und der finstere Geist, der auf die armen Menschenseelen einen wahren Mehltau geworfen hatte, entflieht – ich habe ihn eben im Reisewagen des Herrn von Walde vorbeirasseln sehen. Draußen in Lindhof mögen vor einer Stunde der unsichtbaren Kreuze genug in der Luft herumgeflogen sein . . . Die Verlobungsanzeige ist wie eine Bombe in unsere gute Stadt gefallen. Ich sage dir, es ist eine wahre Lust, die langen, die ungläubigen und die neidischen Gesichter alle zu sehen! . . . Mich aber hat sie ganz und gar nicht überrascht, diese Nachricht. Ich wußte seit der Attentatgeschichte, was kommen würde. Als ich noch an demselben Abende an Herrn von Waldes Seite nach Lindhof rollte, um zu sehen, ob die Alteration für das kleine, kühne Mädchen keine nachteiligen Folgen gehabt habe, da merkte ich plötzlich, daß endlich auch seine Stunde geschlagen hatte, daß auch er ein Herz habe, und zwar eines voll tiefer, leidenschaftlicher Liebe.«

Will der Leser einen Zeitraum von zwei Jahren überspringen und noch einmal an unserer Hand die Gnadecker Ruinen betreten, so führen wir ihn auf den Windungen einer breiten, schönen Fahrstraße den Berg hinauf vor das Schloßthor, das, neu angestrichen, seine rostigen Schlösser und Bänder mit neuem Eisenwerke vertauscht hat.

Wir gedenken fröstelnd des kalten, feuchten Hofraumes hinter diesem Hauptthore, den düstere Kolonnaden an drei Seiten einschließen, während die oberen Stockwerke die mörderische Absicht zeigen, auf uns herabzustürzen. Wir erinnern uns des einsamen Wasserbeckens inmitten des Hofes, das, von den steinernen Löwen beherrscht, seit vielen Jahren vergebens auf die silberhellen Fluten hofft, die sein Rund ausfüllen sollen.

Mit diesen Vorstellungen läuten wir. Auf den tiefen Klang der Glocke öffnet alsbald eine frische, kräftige Magd den schweren Thorflügel und bittet uns einzutreten. Wir aber weichen wie geblendet zurück, denn aus der Türöffnung quillt uns ein Licht- und Farbenstrom entgegen. Die Ruinen sind verschwunden, nur die hohe, eisenfeste Ringmauer steht noch und läßt uns jetzt erst recht erkennen, wie ausgedehnt der Raum ist, den sie umschließt.

Wir treten nicht auf das hallende Steinpflaster des Hofes, unter dem Fuße weicht hoch aufgeschichteter Kies. Vor uns dehnt sich eine prächtige, wohlgepflegte Rasenfläche. In ihrer Mitte ruht die ungeheure Granitschale, und aus den dräuenden Löwenrachen rauschen vier gewaltige Wasserstrahlen. Die Kastanien stehen noch als treue Wächter um das Bassin, aber seit sie ihre Wipfel in dem freien, frischen Luftstrome baden, haben sie sich erholt und sind in diesem Augenblicke mit zahllosen weißen Blütenkerzen besteckt.

Wir biegen in einen der Kieswege, die das Rasenrund umschließen, wandeln zwischen geschmackvoll angelegten, freilich noch schwach entwickelten Bosketts und weiden unsere Augen an blühenden Sträuchern und augenscheinlich zärtlich gepflegten Blumenbeeten, die buntfarbig auf dem Rasen liegen.

Da drüben liegt der Zwischenbau. Die Luft bestreicht jetzt seine vier Wände, die ein sauberes, helles Kleid angelegt haben, aber seine Fronte ist stattlicher geworden. An jeder Seite blitzen neue Fenster; Ferber hat das Haus um vier Zimmer erweitern lassen, denn der Oberförster will, wenn er sich ins Privatleben zurückzieht, mit Sabine da droben wohnen.

Im Ferberschen Wohnzimmer, dessen zwei hohe Fenster jetzt dieselbe Aussicht gewähren, wie früher nur das Bogenfenster in Elisabeths ehemaligem Stübchen – Herr von Walde hat die Bäume lichten lassen, damit die Eltern das Heim ihres Kindes immer vor Augen haben –, also im Wohnzimmer steht die junge Frau von Walde. Sie ist mehrere Wochen an das Haus gebannt gewesen, und ihr erster Ausgang führt sie auf den Berg, um ihren Erstgeborenen im großelterlichen Hause vorzustellen . . . Da liegt er auf ihrem Arme. Miß Mertens, oder vielmehr die längst glücklich verheiratete Frau Reinhard, hat den Kleinen heraufgetragen und schiebt vorsichtig den schützenden Schleier zurück. Das frische, rote Gesichtchen trägt die Züge derer von Walde, und aus dem Spitzenhäubchen fällt ein feiner, dunkler Haarstreifen auf die Stirn. Ernst will sich totlachen über die täppischen Bewegungen der drallen, roten Fäustchen, die sich nach allen Richtungen hin recken und strecken. Der Oberförster aber hat in eigentümlich ängstlicher Haltung seine eigenen gewaltigen Hände auf den Rücken gelegt, als fürchte er, durch irgend eine seiner kräftigen Bewegungen dem winzigen Geschöpfchen einen Schaden zuzufügen. Er ist nicht minder entzückt von seinem Großneffen, wie die Großeltern von ihrem Enkelchen. Er hat die schlimme Erfahrung bezüglich Berthas verschmerzt und sonnt sich in Elisabeths Glück, das ihm anfangs wunderbar genug vorkam, und von welchem er behauptete, er müsse jeden Morgen von neuem lernen, daran zu glauben. Nicht etwa, daß er gemeint hätte, es sei zu außerordentlich für seinen kleinen Liebling – er hätte wohl die höchste Krone der Erde auf Elisabeths reiner Stirn als ganz an ihrem Platze gefunden –, es war ihm nur sehr verwunderlich, das junge Wesen »mit den quecksilbernen Füßen und dem sonnigen Gesichte« so hingebend an der Seite des ernsten, gereiften Mannes zu sehen.

Elisabeth ist glücklich in des Wortes höchster Bedeutung. Ihr Mann betet sie an, und sein Ausspruch ist wahr geworden; jener Ausdruck von Melancholie und Strenge scheint für immer von seiner Stirn gewichen zu sein.

Sie blickt in diesem Augenblicke glückselig auf das zarte Wesen in ihrem Arme und dann hinunter ins Thal, wo er bald über den Kiesplatz schreiten und heraufeilen wird, um sie und das Kleine abzuholen . . . Einen Moment verdunkelt sich ihr Blick und wird feucht; er fällt auf ein hohes, vergoldetes Kreuz, das aus dem Wäldchen am See aufblitzt; dort, unter den rauschenden Wipfeln, in einem prächtigen Mausoleum, schlummert Helene seit einem Jahre. Sie ist in Elisabeths Armen gestorben, mit dem Gebete auf den Lippen, daß Gott die segnen möge, die des Grames Last treulich mit ihr getragen und sie gestützt hat, bis die gebrochene Seele sich losringen durfte von der hinfälligen Hülle.

Hollfeld hat Odenberg verkaufen lassen, und niemand weiß, in welchem Winkel der Erde er über das Scheitern aller seiner Anschläge und Pläne grollt.

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