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Goldelse

Eugenie Marlitt: Goldelse - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoldelse
authorE. Marlitt
year1890
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart, Berlin, Leipzig
titleGoldelse
pages3-335
created20020612
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1866
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18.

Zwei Tage waren vergangen seit dem Morgen, an welchem Helene, wie sie wähnte, den vollständigen Sieg über sich selbst errungen hatte, wo sie fest überzeugt war, der unumstößlichen Gewißheit gegenüber werde das Stürmen und Wogen ihrer aufgeregten Gefühle sich beruhigen . . . Wie wenig war sie im stande gewesen, die Tiefe ihrer Leidenschaft zu bemessen! Sie hatte nach einem Strohhalme in der empörten Flut gegriffen, und er war treulos mit ihr gesunken . . . Nur zwei Tage! . . . aber sie wogen ihr ganzes bisheriges Leben an Seelenschmerzen auf. Sie sagte sich unaufhörlich, daß das Ziel ihrer Tage, die heißersehnte Ruhe, nicht fern sei, und doch schauderte sie vor dem kurzen Stücke irdischen Daseins, das noch vor ihr lag, wie die nichtgläubige Seele angesichts des Grabes. Sie fühlte immer deutlicher, daß ihr Versprechen, in Odenberg leben zu wollen, ihr Opfer erst recht zu einem übermenschlichen mache; aber um keinen Preis hätte sie auch nur ein Jota von dem ändern mögen, was sie Hollfeld gelobt hatte; sie wollte seiner Liebe würdig sein, wollte seine Achtung verdienen durch die ungeheuerste Selbstüberwindung. – Arme Verblendete.

Ihr schwaches Nervenleben litt unbeschreiblich unter den fortgesetzten inneren Kämpfen. Sie fieberte beständig und wurde von einer quälenden Unruhe fast aufgerieben. Fort und fort drängte sich das, womit sich ihr ganzes Denken und Empfinden ausschließlich beschäftigte, auf ihre Lippen, aber sie schwieg pflichtschuldigst, weil Hollfeld es wünschte. Ebensowenig hatte er erlaubt, daß sie Elisabeth in den ersten Tagen zu sich berufen durfte, denn er fürchtete, vielleicht nicht mit Unrecht, sie möchte ihm in ihrer Aufregung das Spiel bei dem jungen Mädchen verderben. Er selbst hatte bereits die ersten Schritte gethan, um sich Elisabeth wieder zu nähern. Er war schon zweimal vor dem Mauerpförtchen erschienen, um »der Familie von Gnadewitz« seine Aufwartung zu machen, aber, ob er auch den Klingelgriff fast abgerissen hatte, es war ihm doch nicht aufgethan worden. Das erste Mal war in der That niemand zu Hause gewesen; gestern jedoch hatte ihn Elisabeth kommen sehen. Die Eltern waren mit Ernst im Forsthause, und Miß Mertens erklärte sich mit der Absicht des jungen Mädchens, den Besuch nicht einzulassen, völlig einverstanden. Die beiden saßen oben lachend in der Wohnstube, während die kleine Mauerglocke sich fast heiser läutete. Von diesem Komplott hatte der Untenstehende freilich keine Ahnung.

Es war sieben Uhr morgens. Helene lag bereits angekleidet auf ihrem Ruhebette; sie hatte sich die ganze Nacht schlummerlos aus ihrem Lager umhergeworfen. Die Baronin schlief noch, Hollfeld war ebensowenig sichtbar, allein sein konnte und wollte die junge Dame um keinen Preis, deshalb hatte die Kammerfrau eine Handarbeit nehmen und sich zu ihr setzen müssen. Was das Mädchen plauderte, es flog unverstanden an ihren Ohren vorüber, aber nichtsdestoweniger hatte der Klang einer menschlichen Stimme nach der einsamen, fieberhaften Nacht etwas Beschwichtigendes für sie.

Das Geräusch eines näherkommenden Wagens ließ plötzlich die Erzählerin verstummen. Helene öffnete das Fenster und bog sich hinaus. Eben verließ die zurückkehrende Equipage ihres Bruders die Chaussee, und ihre Räder sanken tief ein in den hochaufgeschichteten, knirschenden Kies des breiten Parkfahrweges. Der Wagen war leer.

»Wo ist dein Herr?« rief Helene dem Kutscher zu, als er ziemlich nahe vorüberfuhr.

»Der gnädige Herr sind auf der Chaussee ausgestiegen,« antwortete der alte Mann, seinen Hut abnehmend, »und kommen zu Fuße über den Berg, bei dem Gnadecker Schlosse vorüber.«

Die junge Dame schlug das Fenster zu und schauderte zusammen, als fröstele sie; das einzige Wort »Gnadeck« hatte ihre Nerven berührt wie ein elektrischer Schlag. Sie konnte nichts mehr hören, was sie an Elisabeth erinnerte, ohne jenen jähen Schrecken zu empfinden, den z. B. eine plötzlich erscheinende Spukgestalt unserer Einbildungskraft verursacht.

Sie erhob sich und ging, gestützt auf die Kammerfrau, hinunter in die Zimmer ihres Bruders. In dem Salon, dessen Glasthüren auf die Freitreppe mündeten, ließ sie ein Frühstück servieren und setzte sich, den Zurückkehrenden erwartend, in einen Lehnstuhl. Sie nahm eines der prachtvoll gebundenen Albums, die auf den Tischen umherlagen, auf den Schoß; mechanisch wendete ihre Hand die Blätter um, ihre Augen ruhten wohl auf den feinen Stahlstichen, aber sie hätte um alles nicht zu sagen gewußt, ob sie ein Porträt oder eine Landschaft ansehe.

Nach halbstündigem Warten erschien endlich die hohe Gestalt ihres Bruders in der Glasthür. Sie ließ das Buch von ihrem Schoße heruntergleiten und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen. Er schien überrascht von dem Empfange, aber es berührte ihn offenbar sehr wohlthuend, die Schwester nach so langer Zeit wieder einmal allein und für seine Bequemlichkeit zärtlich besorgt zu sehen. Rasch eilte er zu ihr hin, allein ein zweiter Blick, den er auf ihr Gesicht warf, machte ihn stutzen.

»Fühlst du dich kränker, Helene?« fragte er besorgt, indem er sich neben sie setzte. Er schob seinen Arm unter ihren Rücken und hob sie sanft ein wenig höher, um besser in ihr Gesicht sehen zu können. Es lag so viel Bekümmernis und zärtliche Teilnahme in seinem Blicke und Tone, daß es ihr war, als zöge plötzlich eine milde Frühlingsluft durch ihr schmerzerstarrtes Innere. Zwei schwere Thränen rollten über ihre Wangen, und sie drückte ihr Gesicht fest an die Schulter ihres Bruders.

»Hat Fels in diesen Tagen nicht nach dir gesehen?« fragte er beklommen. Das Aussehen des jungen Mädchens versetzte ihn offenbar in heftige Sorge.

»Nein – und ich habe auch ausdrücklich befohlen, daß man ihn nicht rufen solle. Ich nehme die Tropfen, die er mir für meine Nervenanfälle verschrieben hat; mehr können er und ich nicht thun . . . Aengstige dich nicht, Rudolf, es wird wohl auch einmal wieder besser mit mir . . . du hast eine schwere Zeit in Thalleben durchmachen müssen?«

»Ja,« entgegnete er, während sein Auge noch immer ängstlich auf den merkwürdig veränderten Zügen der Schwester ruhte. »Ich fand den armen Hartwig nicht mehr am Leben; ein Schlagfluß hatte seinen unaussprechlichen Qualen rasch ein Ende gemacht . . . Gestern abend wurde er beigesetzt. Seine unglückliche Frau würdest du nicht wieder erkennen, Helene, sie ist über Nacht zur Matrone geworden.«

Er teilte ihr noch näheres mit über den Unglücksfall, dann strich er mit der Hand über die Augen, als wolle er damit all den Jammer, den er in den letzten Tagen gesehen, wegwischen.

»Nun, und finde ich hier alles beim alten wieder?« frug er nach einem kurzen Schweigen.

»Nicht ganz,« antwortete Helene zögernd, »Möhring hat gestern unser Haus verlassen.«

»Ah – Glück auf die Reise. . . . Er ist einer letzten Begegnung mit mir geschickt ausgewichen . . . Nun habe ich einen Feind mehr draußen in der Welt – es konnte nicht wohl anders sein, da er zu jenem unheimlichen Nachteulengeschlechte gehört, das ich verabscheue.«

»Und auf dem Berge – bei den Ferbers – ist das Glück eingekehrt,« fuhr Helene mit gepreßter Stimme und abgewendetem Gesicht in ihrem Berichte fort.

Der Fauteuil, auf welchem sie saß, erhielt plötzlich einen Ruck an der Seite, wo ihr Bruder seinen Arm aufgestützt hatte. Sie sah nicht auf, und deshalb bemerkte sie nicht, wie das Gesicht neben ihr für einen Augenblick mit einer fahlen Blässe überzogen wurde, und wie die bebenden Lippen zweimal vergebens sich mühten, um endlich das einzige Wörtchen »nun?« hervorzubringen.

Helene erzählte die Begebenheit in den Ruinen, während ihr Bruder aufatmend zuhörte. Mit jedem Worte weiter schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen; er ahnte freilich nicht, daß jedes dieser Worte wie ein zweischneidiges Schwert in dem Herzen der Erzählerin wühlte und daß diese Mitteilung bereits der Anfang eines furchtbaren Opfers war, das sie bringen sollte.

»Das ist in der That eine wunderliche Lösung alter Rätsel,« sagte er, nachdem Helene geendet hatte. »Ob aber die Familie es für ein Glück hält, dem Geschlechte der Gnadewitz anzugehören, bezweifle ich.«

»Ah, du meinst,« unterbrach ihn Helene rasch, »weil das junge Mädchen einst sehr viel an dem Namen auszusetzen hatte? . . . Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke bei dergleichen Dingen manchmal unwillkürlich an die Trauben, die dem Fuchse zu sauer sind. Sie sprach die letzten Worte mit einer schneidenden Schärfe. So weit ging ihre leidenschaftliche Aufregung und Bitterkeit, daß sie ihre bessere Einsicht verleugnete und die Gesinnungen eines Wesens verdächtigte, das sie nie beleidigt, und welches sie früher bei unparteiischer Anschauung als eines der reinsten bezeichnet hatte.

Ein Ausdruck des höchsten Erstaunens erschien in Herrn von Waldes Zügen. Er bog sich nieder und sah forschend in das gesenkte Gesicht der Schwester, als wollte er sich überzeugen, ob es wirklich ihr Mund gewesen sei, der diese herben Worte gesprochen hatte.

In diesem Augenblicke sprang Hollfelds Jagdhund die Stufen herauf, machte einige täppische Sprünge durch das Zimmer und verschwand sofort wieder auf einen grellen Pfiff, der über den breiten Kiesplatz herüberscholl. Sein Herr ging drüben vorüber. Er schien nicht zu wissen, daß Herr von Walde zurückgekehrt war, sonst würde er doch gewiß gekommen sein, ihn zu begrüßen. Er schritt eilig vorwärts und bog in den Weg ein, der hinauf nach Gnadeck führte. Helenes Blicke folgten der Gestalt, bis sie verschwunden war, dann sank sie mit krampfhaft gefalteten Händen in den Stuhl zurück; es sah aus, als versagten ihr momentan die Kräfte.

Herr von Walde schenkte ein wenig Rotwein in ein Glas und hielt es an ihre Lippen. Sie sah dankbar auf und versuchte zu lächeln.

»Ich bin noch nicht zu Ende mit meinem Berichte,« begann sie wieder und richtete sich auf aus ihrer halbliegenden Stellung. »Ich mache es, wie der Romandichter, der den Haupteffekt bis zuletzt aufhebt«; es war nicht zu verkennen, daß sie während dieser Vorrede, die scherzhaft klingen sollte, nach Kraft und Festigkeit rang, um das, was sie sagen mußte, ruhig vorzubringen. Ihr Auge haftete angestrengt auf einem der gegenüberliegenden Bosketts, während sie fortfuhr. »Unserem Hause steht ein glückliches Ereignis bevor, Emil – wird sich verloben.«

Sie hatte sicher erwartet, ihr Zuhörer werde sofort seine höchste Ueberraschung aussprechen, denn nach einem augenblicklichen Schweigen drehte sie sich erstaunt nach ihm um. Er hatte die Hand auf Stirn und Augen gepreßt, und der Teil des Gesichts, den sie nicht bedeckte, war aschbleich. Bei Helenes Bewegung jedoch ließ er die Hand sinken, erhob sich rasch und trat an das offene Fenster, um frische Luft einzuatmen.

»Bist du unwohl, Rudolf?« rief sie ängstlich hinüber.

»Ein vorübergehender Schwindel, weiter nichts,« antwortete er und näherte sich ihr wieder. Seine Züge sahen entstellt aus. Er ging einigemal im Zimmer auf und ab und nahm dann seinen Platz wieder ein.

»Ich habe dir gesagt, daß Emil sich verloben will, Rudolf,« begann Helene wieder, jedes Wort markierend.

»Das hast du gesagt,« wiederholte er tonlos und mechanisch.

»Du billigst diesen Schritt?«

»Der geht mich nichts an. Hollfeld ist sein eigener Herr; er kann thun, was ihm beliebt.«

»Ich glaube, er hat gewählt. Dürfte ich, so wollte ich dir den Namen des jungen Mädchens nennen.«

»Ist nicht vonnöten . . . Ich werde ihn früh genug hören, wenn er von der Kanzel herab verkündigt wird.«

Sein Gesichtsausdruck war eisig, die Stimme klang rauh und abweisend, und aus den Wangen schien auch der letzte Blutstropfen entwichen zu sein.

»Rudolf, ich bitte dich, sei nicht so entsetzlich schroff!« bat Helene flehentlich. »Ich weiß ja, daß du die vielen Worte nicht liebst, und bin an deine lakonischen Antworten gewöhnt; aber in diesem Augenblicke bist du geradezu abstoßend, und gerade jetzt, wo ich eine Bitte an dich richten möchte.«

»Sprich nur; soll ich vielleicht die Ehre haben, Brautführer des Herrn von Hollfeld zu sein?«

Helene zuckte zusammen vor dem schneidenden Hohne, mit welchem diese Worte gesprochen wurden.

»Du bist dem armen Emil abgeneigt, und das macht sich heute wieder einmal recht geltend,« sagte sie vorwurfsvoll nach einer kleinen Pause, während welcher Herr von Walde aufgestanden war und mit raschen Schritten einigemal das Zimmer durchmessen hatte. »Ich bitte dich inständig, lieber Rudolf, höre mich ruhig an; ich muß heute mit dir über die Angelegenheit sprechen!«

Er lehnte sich mit verschränkten Armen an einen Fensterpfeiler in der Nähe und sagte kurz. »Du siehst, ich bin bereit, zu hören.«

»Das junge Mädchen,« hob sie stockend an, diesmal weniger infolge einer Gemütsbewegung, als weil sie der eiskalte Blick ihres Bruders einschüchterte, »das junge Mädchen, das Emil gewählt hat, ist arm.«

»Sehr uneigennützig in der That; weiter!«

»Emils Einkünfte sind nicht sehr bedeutend –«

»Der arme Mann hat nur sechstausend Thaler Revenuen; er muß notwendig dabei verhungern.«

Sie schwieg, sichtlich betroffen. Ihr Bruder übertrieb nie; die Summe, die er aufstellte, war sicher bis auf den Groschen richtig angegeben.

»Nun, er mag schon reicher sein, als ich glaubte,« hob sie nach einer kurzen Pause wieder an; »das kommt übrigens hier ganz und gar nicht in Betracht . . . Ich habe die Erwählte sehr, sehr gern« – mit welcher Anstrengung sie sprach! – »sie hat etwas gethan, wofür ihr mein schwesterliches Herz ewig dankbar sein wird.« Herrn von Waldes verschränkte Arme lösten sich; er trommelte mit den Fingern der Linken so heftig gegen die Fensterscheibe, daß Helene meinte, das Glas müsse zerspringen.

»Sie soll meine Schwester sein,« fuhr sie fort; »ich will nicht, daß sie Emils Haus arm betrete, und möchte ihr sehr gern die Einkünfte von Neuborn zuwerfen . . . darf ich?«

»Das Gut gehört dir, du bist majorenn, ich habe hier durchaus nicht das Recht, zu verweigern oder zu erlauben.«

»O ja, Rudolf, insofern, als du die nächsten Ansprüche an mich und mein Erbe hast . . . Also bin ich deiner Zustimmung gewiß?«

»Vollkommen, wenn du denn durchaus der Ansicht bist, daß sie dazu gehöre –«

»Dank, vielen Dank!« unterbrach sie ihn und bot ihm die Hand; aber er schien es nicht zu bemerken, obgleich sein Blick auf sie gerichtet war . . . »Verdenkst du mir das?« fragte sie nach einer Weile beklommen.

»Ich verdenke es dir nie, wenn du den Wunsch hast, Menschen glücklich zu machen; du wirst dich erinnern, daß ich dir stets bei dergleichen Gelegenheiten rückhaltlos die Hand geboten habe. Wohl aber mache ich dir den Vorwurf der Uebereilung; du bist sehr schnell bereit, jenes junge Wesen ins Unglück zu stoßen.«

Sie fuhr wie von einer Viper gestochen in die Höhe. »Das ist ein harter Ausspruch!« rief sie heftig, »dein Vorurteil gegen den beklagenswerten Emil, Gott mag wissen, auf was es sich begründet, geht denn doch zu weit . . : du kennst den armen Menschen viel zu wenig –«

»Ich kenne ihn viel zu gut, als daß ich ihn noch näher kennen lernen möchte . . . Er ist ein ehrloser Schmarotzer, ein erbärmlicher Bursche ohne allen Charakter, an dessen Seite ein Weib, selbst wenn es nur geringe Anforderungen an männliche Ehrenhaftigkeit stellt, elend werden muß . . . wehe der Armen, wenn sie zur Erkenntnis kommt.« . . . Seine Stimme wankte im verhaltenen Schmerze. Helene hörte jedoch nur Groll und Ingrimm heraus.

»Gott, wie ungerecht!« rief sie, ihre weinenden Augen nach der Zimmerdecke richtend. »Rudolf, du versündigst dich schwer . . . Was hat dir nur Emil gethan, daß du ihn so unversöhnlich verfolgst?«

»Muß man erst persönlich beleidigt werden, um zu wissen, was man von dem Charakter eines andern halten soll?« frug er zürnend zurück, »Kind, du bist die Schwerbeleidigte, aber du bist verblendet . . . Es wird eine Zeit kommen, wo du das, tief gedemütigt, erkennst. Wenn ich dir auch diesen Schmerzenskelch von den Lippen nehmen wollte, es würde zu nichts führen; du wehrst dich verzweifelt und siehst in mir einen Barbaren, der dich in deinen heiligsten Gefühlen kränkt . . . Du zwingst mich selbst, dich deinen Weg allein gehen zu lassen bis zu dem Augenblicke, wo du trostbedürftig an mein Herz zurückflüchten wirst . . . Dir ist dann die Umkehr möglich; was aber bleibt jener anderen übrig, die unauflöslich gebunden ist?«

Er ging in das Nebenzimmer und ließ die Thür hinter sich ins Schloß fallen. Helene saß eine Zeitlang wie betäubt; dann erhob sie sich mühsam und verließ, sich an Wänden und Möbeln festhaltend, so schnell es ihr möglich war, den Salon.

Eine unsägliche Bitterkeit, ja beinahe ein Gefühl von Haß erfüllte sie gegen den Bruder, der heute zum erstenmal das, was jede Faser ihres Herzens liebend umschloß, so rücksichtslos und rauh antastete. Ihr Herz brach fast vor Leid, indem sie sich alle vermeintliche Aufopferung des Geliebten lebendig zurückrief; ja, es war ihr, als habe sie sich ihm gegenüber schon dadurch der größten Sünde schuldig gemacht, daß jene abscheulichen Schmähungen ihr Ohr berührt hatten. Er sollte nie, niemals erfahren, zu welchen Beschuldigungen ihr Bruder sich hatte hinreißen lassen. Keines, auch nicht das größte Opfer sollte ihr jetzt zu schwer werden, um das Unrecht zu sühnen, das er, wenn auch unbewußt, erdulden mußte. Freilich nun, nachdem ihr Bruder so unumwunden seine schlimme Meinung über Hollfeld ausgesprochen hatte, durfte sie nicht mehr leiden, daß letzterer die Gastfreundschaft in Lindhof genieße. Sie wollte – natürlich ohne Angabe der Gründe – ihn selbst veranlassen, nach Odenberg zurückzukehren; vorher aber sollte er sein Verhältnis zu Elisabeth feststellen.

Mit diesen Gedanken betrat sie das Eßzimmer, und als Hollfeld sich kurze Zeit darauf auch einfand, empfing sie ihn mit einem ruhig freundlichen Lächeln und verkündete ihm, daß ihr Bruder, ohne den Namen der Erwählten erfahren zu haben, ihren Entschluß bezüglich der Mitgabe für die Braut billige. Sie verlangte nun aber auch, Elisabeth heute bei sich sehen zu dürfen, und Hollfeld, sehr erfreut über die ruhige Art und Weise, mit welcher sie sprach, ging darauf ein. Nachmittags um vier Uhr sollte die Zusammenkunft im Pavillon stattfinden. Hollfeld verließ sofort das Zimmer, um einem Bedienten in Helenes Namen den Auftrag zu geben. Wie würde die junge Dame erstaunt gewesen sein, hätte sie hören können, daß dem Diener ganz ausdrücklich die Weisung gegeben wurde, Fräulein Ferber auf drei Uhr einzuladen, während der Haushofmeister den Befehl erhielt, bis zu der genannten Stunde alles Erforderliche im Pavillon zu arrangieren, ja nicht später.

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