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Gutenberg > Eugenie Marlitt >

Goldelse

Eugenie Marlitt: Goldelse - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleGoldelse
authorE. Marlitt
year1890
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
addressStuttgart, Berlin, Leipzig
titleGoldelse
pages3-335
created20020612
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1866
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16.

Die Ruinen von Gnadeck mochten wohl verwundert aufhorchen bei dem seltsamen Geräusche, das seit dem ersten Morgengrauen mit kleinen Unterbrechungen an ihre schiefen Mauern schlug. Das klang so ganz anders, als das Zerstörungswerk der Regenfluten, oder der Schneemassen, wenn sie in der Frühlingssonne schmolzen. Leise grub dann das Wasser kleine Rinnen zwischen das Gemäuer und hob einen Granitblock um den andern aus dem Sattel, ohne daß er es ahnte; er blickte noch eine Weile stolz und dräuend in die Welt, denn sein Untergang wurde so geräuschlos vorbereitet, wie kaum der Sturz eines Fürstengünstlings, oder der eines mißliebigen Ministeriums. Dann kam nächtlicherweile ein Sturmwind dabergebraust – es erfolgte ein gewaltiges Krachen, und der Strahl der Morgensonne irrte zum erstenmal über Wände und Fußböden, die er bis dahin nie berührt hatte. Es lag dann freilich ein tüchtig Stuck Mauerwerk zerschmettert unten auf dem Steinpflaster, und den ganzen Tag über, wenn ein leichtes Lüftchen vorüberflog, oder der Flügel eines Vogels droben anstreifte, rieselten zerbröckelter Mörtel und feine Sandbäche aus der Wunde; aber nicht lange, so sproßte junges Grün aus dem Risse, und nun vergingen wieder Jahre, lange Jahre, ehe das heimtückische Nagen der Wasser unter der trügerischen grünen Decke ein neues Opfer für die Stürme hergerichtet hatte. Das war ein langsames, unmerkbares Hinscheiden – die Ruinen konnten getrost sein, wie der Kranke, der ein unheilbares Leiden in sich trägt, bei welchem er jedoch ein womöglich alttestamentliches Alter erreichen kann.

Heute waren es Menschenhände, welche das Zerstörungswerk vollbrachten. Unglaublich schnell und rührig hoben sie Stein um Stein ab. Der Erker, der so kühn seinen Fuß vorgestreckt hielt und jahrhundertelang wie ein unerschütterlicher Wachtposten vor dem Flügel gestanden hatte, sah kläglich aus. Er hatte bereits ein beträchtliches Stück von seiner Höhe eingebüßt; sein Epheugewand war zerrissen, es wurden nun dunkle Fensterhöhlen und grünangelaufenes Mauerwerk sichtbar, dessen jetzt freilich verstümmelte und zerklüftete Steinzieraten einst schön und kunstreich gewesen sein mochten. Die Arbeiter waren sehr fleißig. Es interessierte sie selbst, so halsbrechend auch die Aufgabe war, von oben herab in die dunkeln Winkel und Ecken des alten Nestes sehen zu können, das der Gespensterglaube des Volkes mit zahllosen schauerlichen Erscheinungen bevölkerte.

Am Nachmittage saß Frau Ferber mit Elisabeth und Miß Mertens auf dem Damme, als Reinhard, der sich stets nachmittags zu einer bestimmten Stunde einfand, die Lektüre unterbrach. Er erzählte, daß Linke heute morgen in aller Stille beerdigt worden sei, und daß Fräulein von Walde nun auch durch einen unvorsichtigen Diener das Attentat auf ihren Bruder erfahren habe. Mit tiefer Bitterkeit bemerkte der Erzähler, Herrn von Waldes Besorgnis, daß der Schreck über den Vorfall nachteilige Folgen für seine Schwester haben könne, sei sehr unnötig gewesen, denn das Fräulein habe die Nachricht mit großer Kaltblütigkeit entgegengenommen; auch das Unglück des Herrn von Hartwig, mit dessen Frau sie befreundet sei, berühre sie durchaus nicht in der Weise, wie man sich hätte denken müssen. »Ja, wenn es ihrem blondgelockten Protegé ans Leben gegangen wäre,« meinte er zornig, »dann hätte sie sich sicher ihre schönen, kastanienbraunen Locken einzeln ausgerissen . . . Dieser Herr von Hollfeld wird mir nachgerade unerträglich! Heute geht er mit einem Gesichte im Hause herum, als ob er die ganze Welt vergiften möchte. – Ich wette, die rosenfarbene Laune ist einzig und allein schuld an Fräulein von Waldes verweintem Gesicht, das sie vorhin, bei einer Begegnung im Garten, vor mir zu verbergen suchte!«

Elisabeth bog sich bei Erwähnung des verhaßten Namens tiefer auf ihre Arbeit. Das Blut schoß ihr in das Gesicht bei dem Gedanken an Hollfelds gestrige Unverschämtheit, von der sie jedoch bis jetzt der Mutter noch nichts erzählt hatte, aus Furcht, sie könne sich nachträglich alterieren. Vielleicht war dies auch nicht der einzige Grund – wenigstens vermied sie es, die unumstößliche Thatsache klar zu erörtern, nach welcher sie doch eigentlich große Furcht hatte, die Eltern könnten ihr infolge der Zudringlichkeiten Hollfelds die ferneren Besuche im Lindhofer Schlosse verbieten – damit aber wäre ihr ja jegliche Gelegenheit, Herrn von Walde wieder zu sehen, abgeschnitten worden.

Währenddem rollte und prasselte es beinahe unaufhörlich drüben bei dem Erker. Bald darauf trat Ferber in den Garten. Er war im Forsthause gewesen und kam nun in Begleitung des Oberförsters zum Kaffeestündchen heim. Ernst lief ihm aufgeregt entgegen. Der Kleine hatte, obgleich den Kordon streng respektierend, den der Vater der Sicherheit wegen für ihn gezogen, bis dahin fast immer im Hauptwege gestanden und mit großem Interesse das Abtragen des Erkers verfolgt.

»Papa, Papa!« rief er, »der Maurer will dich sprechen, du sollst hinauskommen . . . er sagte, er habe etwas gesehen.«

Wirklich winkte einer der Arbeiter den beiden Männern eifrig zu, näher zu kommen.

»Wir sind auf eine Kammer, oder was es sonst sein mag, geraten,« rief der Mann hinab, »und wenn ich recht sehe, so steht ein Sarg drin. Wollen Sie nicht erst einmal die Sache ansehen, Herr Ferber, ehe wir weiter arbeiten? . . . Sie können sich getrost herauf wagen; wir stehen auf einer noch recht festen Decke.«

Reinhard hatte den Zuruf gehört und kam eilends die Terrassenstufen herabgelaufen. Ein verborgener Raum, der einen Sarg enthielt, das klang fast berauschend für seine Altertumsforscherseele.

Vorsichtig stiegen die drei Männer die Leiter hinauf.

Die Arbeiter standen da, wo der Erker aus dem Hauptgebäude hervorsprang, und zeigten auf eine ziemlich weite Oeffnung zu ihren Füßen. Bis dahin waren sie auf keinen verschlossenen Raum gestoßen. Dem Hauptgebäude fehlte ja zum Teil das Dach. Man sah, auf dem Erker stehend, nach allen Richtungen hin durch ein Wirrsal offener Zimmer, halb eingestürzter Gänge und durch breite Spalten im Fußboden hinunter in die Schloßkapelle. Der Erker selbst sah ebenfalls in seinem Innern nicht halb so unheimlich aus, wie von draußen gesehen; der blaue Himmel lugte allerorten herein, und die frische Luft fegte hindurch, soviel sie Lust hatte . . . Und nun erschien plötzlich da unten ein Raum, umschlossen von scheinbar festen Wänden und geschützt durch einen ziemlich gut erhaltenen Plafond. Soviel man von oben herab beurteilen konnte, schob sich das Zimmer wie ein Keil zwischen die Kapelle und den Raum, der hinter dem Erker lag. Jedenfalls mußte sich an der äußersten Spitze, welche die Wände bildeten, und die in die Ecke des Erkers und des Hauptgebäudes mündete, ein Fenster befinden, denn von dorther fielen schwache Lichtreflexe durch gefärbtes Glas herein und huschten über den Gegenstand, den man nur zum Teile sah, und den der Maurer für einen Sarg erklärt hatte.

Es wurde sofort eine Leiter von beträchtlicher Länge hinabgelassen, da das Zimmer eine bedeutende Höhe hatte, und in lebhafter Spannung stieg einer nach dem anderen hinunter. Man hatte beim Herniedersteigen in nächster Nähe ein durch das Alter beinahe schwarzbraun gewordenes Wandgetäfel vor sich. Das Auge erschrak fast vor den wunderlichen Schnörkeleien, die hier aus der Hand des Holzschnitzers hervorgegangen waren. An der Decke hin lief eine schmale kunstvolle Holzleiste von viel späterem Datum, an der lange schwarze Tuchfetzen herabhingen; die andere Hälfte der Trauerbekleidung lag unten auf dem Boden, ein modernder, gestaltloser Klumpen.

Ohne Zweifel hatte der Raum vom Anbeginne den Zweck der Verborgenheit gehabt, denn es war auf seine Form nicht die mindeste Rücksicht genommen worden. Ein unregelmäßiges Dreieck, in dessen eine etwas abgestumpfte Spitze in der That das vermutete, sehr schmale Fenster eingefügt war, schmiegte er sich so eng an die Kapelle, daß Reinhards Vermutung, man habe hier in alten, katholischen Zeiten die Kirchenkostbarkeiten verwahrt, sehr viel Wahrscheinlichkeit erhielt, um so mehr, als fünf bis sechs ausgetretene Steinstufen zu einer von innen vermauerten Thür in der Kapellenwand hinabführten. Das Fenster lag hinter der Steineiche, die ihre dicken Aeste gerade hier fest andrückte; auch einige Epheuranken woben ein zartes Gespinst über die Scheiben; trotzdem stahl sich die Sonne durch die zierlichen, farbenprächtigen Glasrosetten, welche auch nicht eine Spur von Zerstörung an sich trugen.

Es war in der That ein Sarg, ein kleiner, schmaler Zinnsarg, der, hell von der schwarzen Samtdecke des Postaments sich abhebend, einsam und vergessen inmitten der drei Wände stand. Zu seinen Häupten erhob sich ein mächtiger Kandelaber, auf dessen Armen noch Reste von dicken Wachskerzen sichtbar waren; ihm zu Füßen aber stand ein Schemel, eine Mandoline lag darauf, die Saiten hingen zerrissen herab. Es war schon ein altes Instrument zu Lebzeiten des letzten Besitzers gewesen, denn das schwarze Griffbrett zeigte viele helle, abgegriffene Stellen, und der Resonanzboden war da leicht eingebogen, wo der Spielende den kleinen Finger aufzusetzen pflegt.

Die letzten Atome verdorrter Blumenspenden flogen bei Annäherung der Herabsteigenden vom Sarge nieder, auf dessen Deckel in vergoldeten Lettern der Name Lila stand.

An der tiefen Wand, zugleich auch der breitesten des Raumes, war ein großer dunkler Schrank aus Eichenholz angebracht – zur Aufbewahrung der Meßornate bestimmt, meinte Reinhard im ersten Augenblicke. Er schlug die beiden nur angelehnten Thüren zurück; infolge dieser Erschütterung rauschte und rieselte es drinnen, und kleine Staubwolken flogen aus den Falten einer Menge hier aufgehangener Frauengewänder . . . Es war das aber eine merkwürdig phantastische Garderobe; bunt und von fast leichtfertig kokettem Schnitte, kontrastierten diese Maskeradeanzüge seltsam mit der Feierlichkeit und dem Ernste ihrer Umgebung.

Es mußte ein kleines, außerordentlich zartes Geschöpfchen gewesen sein, das diese Gewänder getragen hatte, denn die seidenen, meist mit einer reichen Goldstickerei bordierten Röckchen waren kurz wie ein Kinderkleid, und die Form der Mieder von purpurnem oder veilchenblauem Samt mit den seidenen Bandschleifen und dem Latze von goldenem Zindel ließen auf eine bewundernswürdig biegsame, feine Mädchentaille schließen . . . Viele, viele Jahre mochten hier vorübergeglitten sein, ohne daß ein menschlicher Atemzug in dieser Abgeschiedenheit hörbar geworden war, eine lebenswarme Hand die hier eingeschlossenen Gegenstände berührt hatte. Die Haken im Schranke hatten allmählich die mürbe gewordenen Stoffe durchbohrt, und die Fäden, die einst Perlen und Goldflitter auf den seidenen Boden festgehalten hatten, hingen lose und zerrissen herab.

An eine der Seitenwände lehnte sich ein kleiner Tisch mit einer Marmorplatte. Er schien sich kaum noch auf den altersschwach gewordenen Füßen halten zu können und brachte durch seine schiefe Haltung einen auf seiner Platte stehenden Kasten in die Gefahr herabzustürzen. Dieser Kasten war ein wahres Meisterstück von eingelegter Arbeit in Metall und Elfenbein. Der Deckel schien nicht verschlossen zu sein, es sah vielmehr aus, als sei er nur lose niedergelegt, um ein breites Papier festzuhalten, das aus dem Kasten hervorragte und augenscheinlich mit großem Sorgfalt so placiert war, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es war braun gefärbt vom Alter, auch lagerte, wie auf allem, eine dicke Staubschicht darüber; aber die großen, steifen schwarzen Schriftzüge schauten unvertilgbar darunter hervor, und der Name »Jost von Gnadewitz« war auch in weiterer Entfernung lesbar.

»Potztausend, was steht denn da!« rief der Oberförster, vor Ueberraschung kaum der Worte mächtig. »Jost von Gnadewitz, das ist ja der Held in Sabines Geschichte von der Urahne!«

Ferber trat näher und hob bedeutsam den Deckel in die Höhe. Da lagen auf dunklem Samtpolster Schmuckgegenstände von altertümlicher Fassung, Armbänder, Nadeln, eine Schnur gehenkelter Goldstücke und mehrere Reihen echter Perlen.

Das Papier war herabgefallen; Reinhard hob es auf und erbot sich, den Inhalt vorzulesen: er war, selbst für die damalige Zeit – vor ungefähr zwei Jahrhunderten – sehr unorthographisch und ungelenk geschrieben – der Verfasser hatte sicher das Schießgewehr besser zu führen verstanden, als die Feder – trotzdem wehte ein poetischer Hauch durch die Zeilen. Sie lauteten.

»Wer Du auch seiest, der Du diesen Raum betrittst, bei allem, was Dir heilig, bei allem, was Du liebst und was je Dein Herz gerührt, störe ihre Ruhe nicht! . . . Sie liegt da, schlummernd wie ein Kind. Das süße Antlitz unter den dunkeln Locken, es lächelt wieder, seit der Tod es berührt . . . Noch einmal, wer Du auch seiest, ob hochgeboren oder ein Bettler, ob Du ein Anrecht an die Tote hast oder nicht, lasse mein Auge das letzte sein, das auf ihr geruht!

»Ich konnte sie nicht unter die schwere, dunkle Erde legen – hier spielen goldene Lichter um sie her, und draußen auf dem Baume läßt sich der Vogel nieder; auf seinen Flügeln ruht noch der Waldodem, und aus seiner Kehle strömen die Lieder, die ihre Wiegenlieder waren . . . Es sanken auch goldene Lichter in das Walddickicht herab, und die Vögel sangen droben auf den Zweigen, als das schlanke Reh das Gebüsch teilte und erschreckt die scheuen Augen auf den jungen Jäger richtete, der unter dem Busche ruhte. Da fuhr es jäh und heiß durch sein Herz, er warf das Gewehr weit von sich und folgte rastlos der Mädchengestalt, die vor ihm floh. Sie, das Kind des Waldes, eine Tochter jener Horden, die ein Fluch über die Erde treibt, die nirgends heimischen Boden unter den irrenden Füßen, nicht eine Scholle vaterländischer Erde haben, auf die sie das sterbende Haupt legen können, sie hatte das Herz des wilden Junkers bezwungen . . . Um ihre Liebe bettelnd, streifte er Tag und Nacht um das Lager ihres Stammes, folgte ihren Schritten wie ein Hund und umschloß rasend vor Leidenschaft ihre Kniee, bis sie gerührt einwilligte, die Ihrigen zu verlassen und ihm heimlich zu folgen . . . Er trug sie in der Stille der Nacht hinauf auf sein Schloß – wehe – und wurde ihr Mörder! . . . Er achtete nicht ihr Flehen, als sie plötzlich die unbezwingliche Sehnsucht nach der Waldfreiheit erfaßte; wie der gefangene Vogel umherflattert und angstvoll sein zartes Köpfchen gegen die Stäbe des Käfigs stößt, so irrte sie verzweiflungsvoll zwischen den Mauern, die einst ihre berauschende Stimme, ihr wunderbares Saitenspiel gehört hatten und nun von ihren schmerzlichen Klagen und Seufzern widerhallten. Er sah ihre Wangen bleich werden, sah, wie ihr Auge im Haß sich von ihm abwandte; sein Herz erlitt tausendfach den Tod, wenn sie ihn von sich stieß und vor seiner Berührung schauderte; er geriet in Verzweiflung, aber er schob doppelte Riegel vor und bewachte in Todesangst die festverschlossenen Thüren; denn er wußte, sie war für ihn verloren, wenn einmal ihr flüchtiger Fuß den Waldboden wieder berührte . . . Da kam endlich eine Zeit, da wurde sie ruhiger; zwar glitt sie an ihm vorüber, als sei er ein Schatten, ein Nichts, sie hob keine Wimper, wenn er in ihre Nähe trat und bittend und schmeichelnd sie anredete; seit lange hatte sie kein Wort zu ihm gesprochen und auch jetzt kam kein Laut über ihre Lippen, aber sie rüttelte nicht mehr wild an den Fenstern, die zarte Brust wund schlagend und in gellenden Tönen nach denen rufend, die draußen in goldener Freiheit durch den Wald zogen, sie jagte nicht mehr wie gehetzt durch Zimmer und Säle oder hinauf auf die Mauer, um den schönen Leib im trüben Grabenwasser zu betten. Unter der Eiche, neben dem Erker, saß sie geduldig mit dem lilienweißen Gesichte und sah still vor sich hin; sie wußte, daß sie Mutter werden sollte. Und wenn die Nacht hereinbrach, nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinauf; sie litt es, aber sie wandte das Gesicht von ihm, daß sein Atem sie nicht berühre, und kein Strahl seines heißen Auges auf sie falle.

»Da klopfte eines Tages der Pfarrer von Lindhof an das Schloßthor. Das Volk fabelte, sein Beichtkind, der Jost, halte Verkehr mit dem Teufel, und da kam er, um die arme Seele zu retten. Er fand Einlaß und sah das Wesen, um dessen willen der lustige Jäger das lustige Leben im Walde und den Himmel vergessen hatte. Ihre Schönheit und Reinheit rührten ihn; er sprach zu ihr mit mildem Stimme, und ihr in Schmerz erstarrtes Herz öffnete sich seinem Zuspruche. Um ihres Kindes willen ließ sie sich taufen und ließ es geschehen, daß jenes unselige Bündnis durch Priesterwort geheiligt wurde . . . Als ihre schwere Stunde vorüber war, da legte sie mühsam ihre Lippen auf die Stirn des Kindes und mit diesem Kusse entfloh ihre Seele; sie war frei, frei! noch auf der entseelten Hülle strahlt der Abglanz dieses Triumphes! . . . Der Unselige sah ihre Wunderaugen brechen; er wand sich in den Schmerzen der Reue und Verzweiflung zu ihren Füßen und flehte vergebens um einen einzigen, letzten Liebesstrahl.

»Der Knabe wurde getauft auf den Namen seines Vaters – auf meinen Namen . . . Ich sah schaudernd in seine Augen – er hat die meinen – er und ich haben sie gemordet . . . Mein alter Diener Simon hat den Kleinen fortgetragen; ich kann nicht für ihn leben. Simon sagt – der Pfarrer auch – es werde sich kein Weib entschließen, meinem Kinde die Brust zu reichen, weil ich in den Augen des Volkes ein Verlorener, ein der Hölle Verfallener sei . . . Das Weib meines Forstwarts Ferber nährt den Kleinen jetzt, ohne zu wissen, von wem er stammt –«

Der Vorleser hielt inne und sah erstaunt über das Papier hinweg. Der Oberförster, der bis dahin, aufmerksam zuhörend, ihm gegenüber an der Wand gelehnt hatte, stand mittels einer raschen Bewegung plötzlich an seiner Seite und faßte krampfhaft seinen Arm. Sein braunes Gesicht war bleich geworden, als ob eine mächtige innere Erschütterung momentan seine Pulse stocken mache. Auch Ferber war mit allen Zeichen höchster Ueberraschung näher gekommen.

»Weiter, weiter!« rief endlich der Oberförster mit fast erstickter Stimme.

»Simon hat ihn auf die Schwelle des Forsthauses gelegt,« las Reinhard, »er hat heute gesehen, daß ihn die Ferberin hegt und pflegt, wie ihr eigenes Mägdlein . . . Nach den Gesetzen meines Hauses hat er keine Ansprüche an das Erbe derer von Gnadewitz, aber mein mütterliches Erbteil wird ihn vor dem Mangel schützen. Auf dem Rathause zu L. liegen meine Verfügungen, die ihn als meinen Sohn und Erben bestätigen. Mag er als Hans von Gnadewitz ein neues Geschlecht begründen: der Allmächtige möge mitleidige Herzen lenken, daß sie seine Jugend beschützen, ich kann es nicht! . . .

»Alles, was jene liebliche Hülle in glücklichen Tagen geschmückt hat, es soll sie auch im Tode umgeben, soll mit ihr vermodern. Auf die Kleinodien hat ihr Kind Anspruch, aber alles in mir empört sich, wenn ich denke, daß das, was auf ihrer glänzenden Stirn, ihrem reinen Nacken geruht hat, vielleicht durch treulose Hände auseinander gerissen und entweiht wird; eher soll es hier erblinden und verderben.

»Noch einmal wende ich mich an Dich, den vielleicht der Zufall erst nach Jahrhunderten in dies Heiligtum führt; ehre die Tote und bete für mich!

Jost von Gnadewitz.«

Die beiden Brüder reichten sich wortlos die Hände und traten an den Sarg. In ihren Adern kreiste das Blut jenes Wunderwesens, das einst den wilden, stolzen Junker in Liebesraserei entflammt, jenes Weibes, dessen glühende Seele, nach Freiheit lechzend, jubelnd dem vergötterten Leibe entfloh, der hier im engen zinnernen Schreine zu einem Häufchen Asche zusammensank . . . Da standen die zwei hohen Gestalten, die Abkömmlinge dessen, der, mit dem Weihkusse der sterbenden Mutter auf der Stirn hinausgetragen wurde in den Wald, auf die niedrige Schwelle des Dieners, während sein hochgeborner Vater verzweifelnd in den Tod ging.

»Sie war unsere Stammmutter,« sagte endlich Ferber tiefbewegt zu Reinhard. »Wir sind die Nachkommen jenes Findlings, dessen Abkunft ein Rätsel geblieben ist bis zu dieser Stunde; denn die Papiere, die das Kind in seine Rechte einsetzen sollten, sind mit dem Rathause zu L. ungelesen verbrannt . . . Wir müssen die Arbeit für einige Tage unterbrechen,« wandte er sich an den einen der Maurer, der in verzeihlicher Wißbegierde bis zur Mitte der Leiter herabgeklettert war und von diesem hohen Standpunkte aus in sprachloser Verwunderung die Aufklärung einer Geschichte mit anhörte, die noch in den Lindhofer Spinnstuben eine große Rolle spielte.

»Dafür aber sollt Ihr morgen auf dem Lindhofer Gottesacker ein Grab ausmauern,« rief der Oberförster hinauf; »ich werde gleich nachher mit dem Pfarrer Rücksprache nehmen.«

Er trat noch einmal an den Schrank und überblickte die Gewänder, die einst die feinen Glieder des Zigeunerkindes eingehüllt hatten und offenbar mit großer Genauigkeit in der Zusammenstellung aufgehangen waren, wie sie das entzückte Auge des Liebenden an der schönen Lila gesehen hatte. Auf dem Boden des Schrankes standen Schuhe. Der Oberförster nahm ein Paar derselben – sie bedeckten gerade seine breite Hand, es mußten wahre Aschenbrödelfüßchen gewesen sein, die darin gesteckt hatten.

»Die will ich der Else mitnehmen,« sagte er lächelnd und faßte sie behutsam mit Daumen und Zeigefinger. »Die wird sich wundern, daß ihre Urahne gerade solch ein Liliput gewesen ist.«

Ferber hatte unterdes die Mandoline vom Staube gesäubert und schob sie vorsichtig unter den Arm, während Reinhard den Juwelenkasten verschloß und ihn an der im Deckel angebrachten zierlichen Handhabe vom Tische hob. So stiegen die drei Männer die Leiter wieder hinauf. Droben wurden alle Bretter, deren man habhaft werden konnte, zum einstweiligen Schutze gegen Wind und Wetter über die Oeffnung im Plafond gedeckt, und dann trat man den Rückzug an.

Die Damen, die unterdes in großer Spannung am Fuße des Erkers gewartet hatten, waren nicht wenig erstaunt über den seltsamen Zug, der sich die Leiter herab bewegte. Sie erfuhren aber nicht eher ein Wort von dem, was sich droben ereignet hatte, als bis man unter den Linden angekommen war. Hier stellte Reinhard den Kasten auf den Tisch, beschrieb genau das verborgene Zimmer und dessen Inhalt, zog endlich das verhängnisvolle Papier hervor und wiederholte seinen Vortrag von vorhin, diesmal jedoch bei weitem fließender.

Schweigend und atemlos lauschten die Damen den Ausbrüchen eines heißen, leidenschaftlichen Herzens. Elisabeth saß blaß und still da, aber als die Stelle kam, die so plötzlich ein grelles Licht auf das dunkle Stück Vergangenheit ihrer Familie warf, da fuhr sie jäh in die Höhe, und ihr Auge richtete sich voll unsäglicher Ueberraschung auf das lächelnde Gesicht des Onkels, der sie erwartungsvoll beobachtete. Auch Frau Ferber blieb eine Weile, nachdem der Vorleser geendet hatte, wie betäubt. Für ihren klaren, gewöhnlich sehr ruhig erwägenden Geist war diese romantische Lösung einer jahrhundertealten Familienfrage im ersten Augenblicke unfaßlich. Miß Mertens aber, der Ferber erst die ganze Tragweite der Entdeckung auseinandersetzen mußte, da sie ja um die Findlingsgeschichte nichts wußte, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen über die wunderbare Fügung.

»Nun, und haben Sie auf dies Blatt hin Ansprüche auf Ihr Erbe?« frug sie lebhaft und gespannt.

»Ohne Zweifel,« entgegnete Ferber, »aber wie sollen wir wissen, worin jenes mütterliche Erbe bestanden hat? . . . Die Familie ist ausgestorben, der Name von Gnadewitz erloschen. Alles ist in fremde Hände übergegangen; wer kann uns sagen, was und wo wir beanspruchen sollen?«

»Nein, dahinein stören wir nicht,« entschied der Oberförster; »solche Geschichten kosten Geld, und schließlich haben wir vielleicht das Vergnügen, auf einen Vergleich im Betrage von einigen Thalern eingehen zu müssen . . . Ei was, laß fahren dahin! . . . Wir sind bisher auch nicht verhungert.«

Elisabeth nahm träumerisch die Schuhe auf, die der Onkel vor sich hingestellt hatte. Der verblichene, hie und da zerschlitzte Seidenstoff zeigte noch jede Biegung des Fußes. Sie waren viel benutzt worden; aber augenscheinlich nicht auf dem Waldboden, denn die Sohlen waren rein – jedenfalls hatten die raschen Füßchen darin gesteckt während der Gefangenschaft, zu jener Zeit, da sie »wie gehetzt durch die Zimmer und Säle lief, die zarte Brust wund schlagend«.

»Guck, Else, nun wissen wir auch, wo du herkommst mit deiner zerbrechlichen Taille und den Füßen, die über den Grashalm hinlaufen, ohne daß er sich biegt,« sagte der Onkel. »Bist gerade solch ein Waldschmetterling, wie deine Urahne; würdest auch die Stirn an den Wänden zerstoßen, wenn man dich einsperren wollte. – 's ist doch ein Zigeunerblut in dir, und wenn du zehnmal die Goldelse bist und eine Haut hast wie Schneewittchen . . . Da, ziehe einmal die Dinger an, du wirst gleich sehen, daß du drin tanzen kannst.«

Er hielt die Schuhe hin.

»O nein, Onkel!« rief Elisabeth abwehrend, »das sind Reliquien für mich! . . . Ich könnte sie nie in der Weise berühren, ohne zu fürchten, daß Josts schwarze, zornige Augen neben mir auftauchten.«

Frau Ferber und Miß Mertens waren derselben Ansicht, und erstere meinte, der Schrank mit allem, was er enthalte, müsse mit möglichster Vorsicht an einen ruhigen, trockenen Ort geschafft werden, wo er als Familienreliquie unangetastet stehen bleiben solle, bis sich auch sein Geschick, das der zeitlichen Zerstörung, erfülle.

»Nun, in dem Punkte will ich die Pietät gelten lassen,« nahm Reinhard das Wort, »anders dagegen denke ich über diese Gegenstände.«

Er schloß den Kasten auf. Der Sonnenstrahl, der in das Innere glitt, kam in tausendfältigen Blitzen zurück und blendete aller Augen. Reinhard nahm ein Halsband heraus; es war sehr breit und von bewunderungswürdiger Arbeit.

»Das sind Brillanten vom reinsten Wasser,« belehrte er die Umstehenden – das Kollier war besäet mit den kostbarsten Steinen – »und diese Rubinen hier müssen wundervoll auf den dunkeln Locken der schönen Zigeunerin gestrahlt haben,« fuhr er fort, indem er zwei Nadeln von dem Samtpolster aufhob, deren Köpfe Blumenglocken aus roten Steinen bildeten. Aus den Kelchen fielen zierliche Ketten, die in jedem beweglichen Gliede einen kleinen Rubin hielten, wie ein buntfarbiger Regen nieder.

Elisabeth hielt lächelnd eine prächtige Agraffe über ihre Stirn.

»Sie meinen also, Herr Reinhard,« frug sie, »hier sollten wir die Pietät beiseite lassen und uns unbedenklich mit diesen Kostbarkeiten behängen? . . . Was wohl mein weißes Mullkleid dazu sagen würde, wenn ich ihm zumuten wollte, eines Tages neben so vornehmer Gesellschaft zu erscheinen!«

»Die Steine stehen Ihnen unvergleichlich,« erwiderte Reinhard lächelnd, »aber zum weißen Mullkleide würde mir ein Strauß frischer Blumen auch besser gefallen; deshalb rate ich diese Steinpracht beim Juwelier in klingende Münze umschmelzen zu lassen.«

Ferber nickte zustimmend.

»Wie, Reinhard,« rief Miß Mertens, »du glaubst, man sollte diese Familienstücke verkaufen?«

»Ei freilich,« erwiderte er. »Es wäre geradezu sündhaft und thöricht, ein solches Kapital brach liegen zu lassen . . . Die Steine sind allein gegen siebentausend Thaler wert; dann sind noch die sehr schönen Perlen und das gehenkelte Gold zu berechnen, das gibt auch noch ein hübsches Sümmchen.«

»Potztausend!« rief der Oberförster überrascht, »da wird nicht gefackelt, fort damit! . . . »Guck, Adolf,« fuhr er weicher fort und schlang den Arm um die Schulter seines Bruders, »nun hat's der da droben doch noch gut mit dir gemacht . . . Ich hab' dir gleich gesagt, in Thüringen wird's besser, wenn mir auch nicht eingefallen wäre, zu denken, daß dir auf einmal so ein achttausend Thälerchen ins Haus fallen würden.«

»Mir allein?« rief Ferber erstaunt. »Hast du nicht als Aeltester vor allem Anspruch an den Fund?«

»Nichts da . . . Was soll ich um Gotteswillen mit dem Mammon anfangen? Ich soll mich wohl in meinen alten Tagen noch damit beschäftigen, Kapitalien auszuleihen? . . . Das könnte mir einfallen . . . Ich habe weder Kind noch Kegel, beziehe einen schönen Gehalt, und wenn es einmal mit den alten Knochen hapert, dann habe ich eine Pension, die ich nicht aufzehren kann, mit dem besten Willen nicht. Ich trete also mein Erstgeburtsrecht ab, und zwar an das Mädel da mit den goldenen Haaren und unseren Stammhalter, den Schelm, den Ernst; ich will nicht einmal ein Linsengericht dafür, denn dazu schmeckt das Wildbret nicht gut, sagt Sabine . . . Bleibt mir vom Halse!« rief er, als Frau Ferber mit feuchtem Auge sich erhob und ihm die Hand hinstreckte und sein Bruder bewegt ihm noch Vorstellungen machen wollte. »Sie thäten viel besser, Frau Schwägerin, wenn Sie für eine Tasse Kaffee sorgten, das ist ja himmelschreiend! . . . vier Uhr, und noch keinen Tropfen des gewohnten Labsals auf den Lippen, um deswillen ich doch einzig und allein den Berg hinaufgeklettert bin.«

Er erreichte seinen Zweck, den Danksagungen zu entgehen, vollkommen; denn Frau Ferber eilte, von Elisabeth begleitet, ins Haus, und die anderen lachten. Bald saß die Gesellschaft auf der Terrasse, um den braunen, kräftig duftenden Trank versammelt.

»Ja, ja,« sagte der Oberförster, sich behaglich in den Stuhl zurücklehnend, »hätte heute morgen beim Aufstehen nicht gedacht, daß ich mich am Abend als Herr von Gnadewitz niederlegen würde . . . Nun kann mir der ›Oberforstmeister‹ nicht entgehen; hat mich auf einmal das braune Blättchen da mit seinen verzwickten Buchstaben geschickt dazu gemacht, was dreißig schwere Dienstjahre nicht zuwege gebracht haben. Werde, sobald Seine Durchlaucht in L. einrückt, meinen Kratzfuß machen und mich vorstellen mit dem neuen Namen . . . Potz Blitz, die werden die Augen aufreißen da drinnen!«

Ein eigentümlicher Seitenblick huschte bei diesen Worten hinüber nach Elisabeth, zugleich aber that der Sprechende ein paar kräftige Züge aus der Pfeife und hüllte plötzlich sein Gesicht in eine dicke Rauchwolke.

»Onkel!« rief das junge Mädchen, »stelle dich, wie du willst, ich weiß doch, daß dir nicht einfällt, das zerbrochene Wappen der Gnadewitze wieder zusammenzufügen.«

»Aber ich sehe nicht ein, es ist ein ganz hübsches Wappen mit Balken, Sternen –«

»Und einem Rade voller Blutflecken,« unterbrach ihn Elisabeth. »Gott behüte uns, daß wir es machen, wie jene, welche die Sünden ihrer Vorfahren aufgraben, um das Alter ihres Geschlechts zu beweisen und die den Adel dadurch unadlig machen: eine größere Widersinnigkeit hat die ganze Welt nicht . . . Mir ist, als müßten sich die Schatten aller derer, die jenes hochmütige, erbarmungslose Geschlecht gequält und durch das Leben gehetzt hat, anklagend erheben, wenn der Name wieder aufleben sollte, unter dessen Deckmantel jahrhundertelang alle erdenklichen Greuel verübt worden sind . . . Wenn ich die zwei Väter nebeneinander stelle, den leiblichen, der feig aus dem Leben floh, nicht einen Augenblick erwägend, daß sein armes Kind die heiligsten Rechte an ihn hatte, und jenen armen Diener, der den hilflosen Ausgestoßenen erbarmungsvoll an sein Herz nahm und ihm seinen ehrlichen Namen verlieh, dann weiß ich, welcher der adelige, das heißt der edle war, und wessen Namen verdient, fortzubestehen . . . Und wieviel Herzeleid hat jenes übermütige Geschlecht meinem armen Mütterchen zugefügt!«

»Jawohl, jawohl,« bekräftigte Frau Ferber mit einem Seufzer: »fürs erste verdanke ich ihm eine stürmische, freudenlose Kindheit; denn meine Mutter war ein liebenswürdiges, schönes aber bürgerliches Mädchen, das mein Vater gegen den Willen seiner Verwandten geheiratet hat. Diese sogenannte Mißheirat wurde eine Quelle endloser Kränkungen und Leiden für die arme Bürgerliche. Mein Vater war nicht willensstark genug, um mit jener stolzen Hauptlinie derer von Gnadewitz zu brechen und nur für seine Frau zu leben. Aus dieser Schwäche entstanden zahllose Konflikte zwischen meinen Eltern, die mir nicht verborgen bleiben konnten . . . Nun, und wir,« sie reichte ihrem Manne die Hand über den Tisch hinüber, »wir werden wohl die Kämpfe nie vergessen, welche wir durchmachen mußten, ehe wir uns gehören durften . . . Ich möchte nie wieder in jene Kaste zurückkehren, die, um dem äußeren Glanze und der Form zu genügen, so oft das warme, menschliche Fühlen unbarmherzig zertritt.«

»Das sollst du auch nicht, Marie,« beruhigte lächelnd Ferber, indem er ihre Hand drückte. Er warf einen schelmischen Seitenblick auf seinen Bruder, der mächtige Dampfwolken vor sich her blies und sich vergebens bemühte, die Stirn in düstere Falten zu legen.

»Ach, meine schönen Aussichten!« seufzte dieser endlich in komischer Wehmut. »Else, du bist grausam und thöricht. Du bedenkst nicht, was ich dir für ein Herrenleben verschaffen kann, wenn ich Oberforstmeister bin . . . und du ein gnädiges Fräulein – nun, lockt dich das nicht?«

Elisabeth schüttelte lachend, aber energisch den Kopf.

»Und wer weiß,« nahm Miß Mertens das Wort, »ehe man sich dessen versähe, klopfte irgend ein edler Ritter von tadellosem Geblüt an das alte Gnadeck und holte die hochgeborne Goldelse als gnädige Frau heim.«

»Und Sie glauben, ich würde mit ihm gehen!« rief Elisabeth heftig und ihre Wangen flammten in hoher Röte.

»Ei, warum denn nicht? . . . wenn Sie ihn liebten . . .«

»Nie, niemals!« entgegnete das junge Mädchen mit fast erstickter Stimme, »auch wenn ich ihn liebte . – Ich würde dann nur um so unglücklicher sein in dem Gedanken, daß der Nimbus meines Namens schwerer in die Wagschale gefallen sei, als mein Herz; daß in den Augen jenes Mannes alles Streben nach geistiger Höhe und moralischer Tüchtigkeit wertlos zusammensinke vor einem Schemen, den erbärmliche Menschensatzungen mit trügerischem Goldschaume bekleiden!«

Frau Ferber heftete einen erstaunten Blick auf ihre Tochter, in deren Zügen sich plötzlich alle Spuren einer tiefen Gemütsbewegung zeigten. Der Oberförster dagegen klemmte seine Pfeife zwischen den Zähnen fest und klatschte in seine gewaltigen Hände.

»Else, Goldkind!« rief er endlich. »Na, gib deine Hand her, bist ein wackerer Kämpe durch und durch! . . . Ja, auch ich sage, Gott behüte mich, daß ich die Zahl derer vermehre, die um ihres persönlichen Vorteils willen ihren ehrlichen Namen aufgeben . . . Gelt, Adolf, wir machen das Kirchenbuch in der kleinen schlesischen Dorfkirche, wo wir getauft worden sind, nicht zu schanden, wir schreiben unseren Namen fort und fort, wie er dort eingetragen?«

»Und wie er ein halbes Jahrhundert hindurch in Freud' und Leid uns treulich begleitet hat,« bekräftigte Ferber mit seinem ruhigen Lächeln. »Das Dokument werde ich für diesen hier,« – er legte seine Hand auf den Lockenkopf des kleinen Ernst – »unseren Stammhalter, aufheben, bis er selbst ein eigenes, reifes Urteil hat. Ich kann und darf jetzt nicht für ihn entscheiden; aber ich werde ihn zu lenken wissen, daß er es dereinst vorzieht, seinen Weg durch eigene Kraft zu gehen, und nicht, träge auf dem Lotterbette alter Traditionen und Ungerechtigkeiten liegend, Vorrechte genießt, die allein nur das edle Streben krönen sollten . . . Die Gnadewitze haben auf ihrer langen Laufbahn der Welt nichts gegeben, dafür aber um so mehr genommen; sie mögen modern in ihrer Gruft, und ihr unverdient berühmter Name mit ihnen!«

»Sela!« rief der Oberförster und klopfte seine Pfeife aus. Er stand auf. »Jetzt wollen wir gehen,« sagte er zu seinem Bruder, »und Rücksprache mit dem Lindhofer Pfarrer nehmen. Der Platz unter den schönen Linden auf unserem Dorfkirchhofe gefällt mir tausendmal besser, als die drei düsteren Wände da droben, zwischen denen unsere Stammmutter lange Jahre hat ruhen müssen. Und damit die ›schwere, kalte Erde‹ ihren Sarg nicht berühre, wollen wir das Grab ausmauern und mit einem Steine verschließen lassen.«

Er entfernte sich, von Ferber und Reinhard begleitet, und während die Mutter und Miß Mertens den Juwelenkasten in Sicherheit brachten, stieg Elisabeth die Leiter am Erker in die Höhe, schob die Bretter hinweg und schlüpfte hinab in das verborgene Gemach. Ein feiner Strahl der Abendsonne fiel schräg durch einen rubinroten Glasstreifen des Fensters und warf auf den Namen »Lila« einen blutigen Schein. Lange stand das junge Mädchen mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen neben dem einsamen Totenschreine, in welchem jenes heiße Herz schlief seit dem Augenblicke, da sein Jammer ein Ende hatte und in Grabesstille verhallte. Jahrhunderte waren vorübergeflogen; sie hatten all den hinreißenden Zauber jenes kurzen Daseins, die stürmischen Gefühle, durch die es seinen Untergang fand, hinweggespült, als sei all das nie gewesen, und doch wähnte das junge Herz, das bang und unruhig inmitten der stillen Totenkammer klopfte, sein inneres Stürmen könne niemals verhallen.

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