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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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Buckelhannes

Frühling war es geworden, selbst in die dunkele schmale Gasse der großen Stadt warf die Frühlingssonne ihren flimmernden Schein. Lachend aus goldenen Strahlenfüßchen huschte sie übermütig durch die dürftige, schmutzige Gasse und spann den kleinen Hannes, der auf den ausgetretenen Steinstufen hockte, die zu der Schusterwerkstatt hinaufführten, mit glänzenden Fäden ein.

Aber der Kleine sah den lieben Frühling gar nicht, einsam lehnte er an der kalten Steinmauer. Auf den Armen schaukelte er leise das jüngste Brüderchen, und mit traurigen Augen blickte er zu dem Kirchplatz hinüber, wo die Brüder und Kameraden lachend den bunten Kreisel peitschten.

Er war ausgeschlossen aus ihrem fröhlichen Kreise, keines der Kinder mochte mit ihm spielen. »Buckelhannes« riefen ihm die bösen Buben und Mädchen nach, sobald er sich zeigte, und wiesen höhnend mit den Fingern auf ihn.

Große Tränen flossen dem kleinen Hannes aus den schönen, dunkelblauen Augen. Warum hatte ihm der liebe Gott nur einen so häßlichen, mißgestalteten Körper gegeben? Überall wurde er zurückgesetzt, keiner hatte ihn lieb, die Brüder stießen und prügelten ihn, und der Vater schimpfte über den unnützen Brotesser. Die andern Jungen konnten doch ab und zu schon einen Groschen verdienen, dem Bäcker morgens die Frühstückssemmeln austragen, Botengänge tun, und den Damen, die zum Einkauf auf den Markt gingen, die schweren Taschen nach Hause tragen. Aber den buckligen, kleinen Hannes mochte kein Mensch haben, der war zu nichts anderem gut, als höchstens das kleine Brüderchen zu verwarten.

Ja – wie sein liebes Mütterchen noch lebte, da hatte er es gar nicht so empfunden, daß er anders aussah als all die andern Kinder. Da hatte er es nicht einmal verstanden, daß die Mutter ihn oft tränenden Auges in die Arme schloß und, liebkosend sein weiches, braunes Haar streichend, leise seufzte: »Könnte ich dir doch all das Schwere, daß dich im Leben erwartet, abnehmen, mein kleiner Hannes!«

Aber jetzt, seitdem der liebe Gott sie zu sich genommen hatte, wußte er, was sein liebes Mütterchen mit den traurigen Worten gemeint hatte. Jetzt war er so einsam und verlassen auf der weiten Welt, so ausgestoßen und zurückgesetzt, wie sich nur je ein armes Kind gefühlt hatte. Und dabei hatte er doch ein so zärtliches, liebebedürftiges kleines Herzchen, aber die Brüder lachten und spotteten über ihn, wenn er ihre höhnenden Schmähreden mit sanftem Wesen und freundlichen Worten vergalt, und der Vater sagte ärgerlich: »Der Junge hat keine Ehre im Leibe!«

Dann schlich sich Hannes traurig hinweg. –

Nur in der Schule fühlte sich der kleine Hannes wohl. Der Herr Lehrer setzte ihn nicht wegen seiner häßlichen Gestalt zurück, der war stets freundlich und gütig gegen ihn. Der sah, was für kluge, leuchtende Augen aus dem blassen Gesichtchen über dem kleinen mißgestalteten Körper strahlten, und was für ein fleißiger und gesitteter Schüler der kleine Hannes war. Hier in der Klasse war er der Erste von allen Kindern. Die fehlerfreisten und saubersten Arbeiten hatte der kleine Hannes stets; keiner wußte die Rechenaufgaben so schnell zu lösen wie er, und keiner konnte das Gedicht so ohne Stocken aufsagen.

Darum aber gerade waren seine Schulkameraden und besonders die älteren Brüder, die faul und dumm waren, neidisch auf ihn. Hatte der Hannes seine Schulaufgaben mit schöner, sauberer Schrift in das Heft geschrieben, dann gingen sie heimlich an seine Mappe, rissen ihm die Seiten aus seinem Buche, beschmierten seine Hefte und verdarben die Arbeiten. Und der arme Kleine mußte dann nachts in seinem Kämmerchen, wenn die Brüder längst schon schnarchten, beim flackernden Lichtstumpf mit müden Augen noch einmal seine Arbeiten anfertigen.

Aber als es Zensuren gab, brachte der Hannes ein feines Zeugnis mit Nr. 1 nach Hause, und der Herr Lehrer kam zum Vater und bat ihn, den Hannes doch auf eine höhere Schule zu geben, er wolle ihm eine Freistelle im Gymnasium verschaffen. Es wäre schade um Hannes' gute Fähigkeiten und seinen Fleiß. Der Schuster wollte nicht recht heran, wozu denn der kleine Buckel; der ja doch zu nichts gut wäre auf der Welt, soviel lernen sollte, meinte er roh, aber schließlich gab er doch seine Einwilligung.

So kam denn der Hannes aufs Gymnasium. Aber auch hier erging es ihm nicht besser. In den Stunden war er der aufmerksamste und eifrigste Schüler, mit leuchtenden Augen folgte er dem Vortrage des Lehrers. Doch wenn die Schulglocke ertönte und die Frühstückspause begann, dann stand er auch hier einsam in irgendeiner Ecke des Schulhofes, ausgeschlossen von den fröhlichen Spielen der anderen. Keiner von den reichen Knaben mochte mit dem armen buckligen Schustersohne in dem vielfach geflickten Anzug verkehren. Dann sah Hannes mit sehnsüchtigen Blicken zu den Schulkameraden hinüber, die den schlanken, jungen Körper gewandt im Turnen und Springen übten und sagte sich mit zuckenden Lippen noch einmal die lateinischen Regeln zur nächsten Stunde auf.

Zu einem der Schulgenossen, einem schönen, wilden Knaben, dem Sohne eines reichen Fabrikbesitzers, fühlte er sich besonders hingezogen. Hannes half Erwin heimlich bei seinen Arbeiten und steckte ihm stets seine gelösten Aufgaben zum Abschreiben zu. Erwin ließ sich das gern gefallen, aber auch vor den Kameraden mit dem armen Jungen zu verkehren, das vermochte der stolze Erwin nicht über sich.

So wurde der Hannes vierzehn Jahr alt, und trotz seiner Tränen und seines Flehens, ihn doch weiter das Gymnasium besuchen zu lassen, trotz der Bitten der Lehrer, nahm ihn der Vater aus der Schule und in seine Schusterwerkstatt. Es sei Zeit, meinte der Vater, daß der Junge nun endlich was Ordentliches lerne und sich nützlich mache.

So saß denn Hannes auf dem niedrigen Schusterschemel in der dunklen Werkstatt. Träumenden Blickes schaute er auf die schmutzige, düstere Gasse hinaus und zog mechanisch den schwarzen Pechdraht durch das dicke Schuhleder. Seine Arbeit machte ihm keine Freude. Gar oft ließ er den Stiefel, den er besohlen sollte, in den Schoß sinken und träumte mit offnen Augen von den schönen, hellen Klassenzimmern, von den griechischen und lateinischen Vokabeln und den mathematischen Formeln, für die er, wie die Lehrer gesagt hatten, ganz besonders begabt gewesen sei. Dann ergriff er irgend ein Stück Kreide und begann auf der Stiefelsohle mathematische Aufgaben zu berechnen, bis die rauhe Stimme des erbosten Vaters ihn unsanft aus seinen Träumen riß. Aber abends, wenn Feierabend war und die andern lachend und schwatzend vor ihren Haustüren saßen, dann stahl sich Hannes in sein Kämmerlein zu seinen lieben Büchern. Dann lernte er mit heißen Backen die Lektionen und wiederholte das bereits Gelernte. Das war für ihn die schönste Stunde des Tages.

Von seinen Schulkameraden hatte er keinen wiedergesehen; nur einmal, als er ein Paar Stiefel austragen ging, kam ihm ein feingekleideter Knabe aus seiner Klasse entgegen. Da drückte sich Hannes beschämt und scheu an dem ehemaligen Kameraden vorbei, aber er sah doch das spöttische Lächeln, das um die Lippen des andern spielte.

Eines Tages übergab ihm der Vater ein Paar nagelneue Stiefel, die er abliefern sollte. Und – o Schrecken – der Eigentümer der Stiefel war jener reiche Fabrikbesitzer, der Vater Erwins, zu dessen körperlicher Schönheit und Kraft Hannes immer bewundernd aufgesehen. Er bat den Vater flehentlich, doch einen der Brüder zu schicken, aber als die merkten, wie peinlich Hannes der Auftrag war, drangen sie darauf, daß er gehen mußte.

So zog denn Hannes ängstlich die Glocke an der Wohnung des reichen Fabrikherrn. Scheu, mit niedergeschlagenen Augen stand er vor der öffnenden Dienstmagd, die ihn in das nächstgelegene Zimmer führte. Er solle einen Augenblick warten, hieß es, der Herr würde gleich kommen und die Stiefel anprobieren. Schüchtern sah Hannes sich in dem behaglich ausgestatteten Raume um, es war Erwins Zimmer. Dort auf dem Arbeitstisch lagen aufgeschlagene Bücher. Hannes konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick hineinzuwerfen. Er ergriff das erste beste, es war ein lateinisches Buch, und begann halblaut ein Gedicht zu lesen.

Da wurde die Tür aufgerissen, Erwin, der gerade heute seinen fünfzehnten Geburtstag beging, stürmte mit acht Knaben seiner Klasse, die er sich zur Feier des Tages eingeladen hatte, ins Zimmer. Als die Knaben den buckligen Schusterjungen erblickten, in der einen Hand das Paar neue Schuh, in der andern das lateinische Buch, da brachen sie in ein höhnisches Gelächter und in ein lautes Gejohle aus. Und einer der Jungen riß ihm lachend das lateinische Buch aus der Hand und hielt ihm die neuen Schuhe dicht unter die Nase.

»Hier, Schusterpech rieche, das paßt besser für dich, Buckelhannes, da stecke deine Nase rein, aber nicht in die lateinischen Bücher, die du doch nicht verstehst« rief er ihm unter dem lauten Beifall der Kameraden hochmütig zu.

Hannes' blasses Gesicht war mit Blut übergossen, seine Augen füllten sich mit Tränen, da aber trat Erwin, einer edlen Regung folgend, mutig auf die Seite des armen Hannes.

»Was,« rief er mit lauter Stimme, »der Hannes versteht die lateinischen Bücher nicht, ich wünschte, ihr verständet sie so gut, dann würdet ihr Ostern sicherlich bessere Zeugnisse nach Hause gebracht haben. Wehe dem, der noch ein Wort gegen ihn sagt«, rief er mit blitzenden Augen; und vor seinen geballten, kräftigen Fäusten verstummte auch der Keckste.

»Brav, Erwin,« sagte da der herzutretende Vater, der alles mitangehört hatte, plötzlich hinter ihm, »das nenne ich ehrlich gesprochen, und nun erzähle mir, wie der Schusterjunge zu lateinischen Kenntnissen kommt.« Da berichtete Erwin haarklein die Geschichte seines Schulkameraden, und Hannes stand mit gesenkten Augen daneben und wagte kaum, auf die gütigen Fragen Antwort zu geben.

Erwin brachte Hannes ein großes Stück Geburtstagstorte, das mußte er essen, und dann begleitete ihn der Fabrikherr heim in die Schusterwerkstatt. Hier hatte der reiche Fabrikbesitzer ein langes Gespräch mit dem Schuster, und das Ende davon war, daß Hannes seine paar Sachen zusammenpacken mußte und in das schöne Haus zu Erwins Vater übersiedelte. Sein edler Wohltäter, der ihn auf seine Kosten erziehen ließ, sandte ihn wieder auf das Gymnasium, und eine innige Freundschaft fürs ganze Leben verband von nun an Erwin und Hannes. Wehe dem Knaben, der Hannes auch nur scheel angesehen hätte, Erwin stand schützend mit seinen gefürchteten Fäusten vor dem schwächeren Freunde; und dieser leistete Erwin dafür bei seinen Arbeiten eine nicht zu unterschätzende Hilfe und förderte ihn in geistiger Beziehung. – –

Aus dem armen verachteten Buckelhannes ist einer der berühmtesten Universitätsprofessoren geworden, und wenn die Studenten in der Vorlesung atemlos an seinen beredten Lippen hängen, dann denkt wohl keiner von ihnen daran, wie mißgestaltet und häßlich der Körper ist, der den klugen, geistvollen Kopf des allgemein verehrten Herrn Professors trägt.

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