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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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In der Rumpelkammer

Grau und dunkel war es da oben in der Bodenkammer, in der man das alte Gerümpel aufbewahrte, niemals fanden die goldenen Strahlen der lieben Sonne den Weg durch die blinden Fensterscheiben. Ganz still war es, die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, welche sich hier oben vereinigt hatte, lag in tiefem Schlaf, sie feierte jetzt nach einem langen, arbeitsreichen Leben.

Nur Frau Spinne saß am Dachbalken und spann fleißig den dünnen Faden zu kunstreichen Netzen. Kreuz und quer knüpfte sie das feine Gewebe, bis die ganze Rumpelkammer mit Spinnweben überzogen war.

Heute hatte sich ein unternehmungslustiges Mäuschen in die Rumpelkammer verirrt. Der jahrelange Staub kratzte es zwar heftig im Halse, daß es laut husten mußte, aber es hielt in seiner Entdeckungsreise nicht inne. Tapfer drang es in dem Halbdunkel vorwärts; perdautz – da lag es auf der Nase, es war über eine große Puppe gestolpert, die mitten auf der Erde lag.

Das Mäuslein hielt sich sein schmerzendes Beinchen, ach – aber wie erschrak es, als sich die Puppe plötzlich mit einem Ruck kerzengerade in die Höhe setzte.

Sie rieb sich die blauen Glasaugen, gähnte laut »huuuh« und fragte, sich noch ganz verschlafen umsehend: »Wo bin ich denn?«

»In der Rumpelkammer, gnädiges Fräulein«, piepste die Maus ganz dreist, denn sie sah, daß es eine höchst anständig gekleidete Puppe war, mit der sie es zu tun hatte, wenn sie auch etwas heruntergekommen und verstaubt aussah.

»In der Rumpelkammer, freilich,« wiederholte diese mit einem tiefen Seufzer, »in den dunkeln, schmutzigen Bodenraum hat man mich seit Jahren eingesperrt, ja, Undank ist der Welt Lohn!«

»Uns ist es auch nicht besser gegangen – nein, uns ist es gerade so ergangen«, ertönte es jetzt hier und da aus den Ecken, eines nach dem andern von dem alten Gerumpel war durch den ungewohnten Lärm erwacht.

Die Puppe versank in wehmütige Erinnerungen. »Sie glauben es gar nicht, meine Herrschaften, was für ein verwöhntes und verhätscheltes Puppenkind ich gewesen bin«, seufzte sie. »Als mich Lotti, meine kleine Herrin, das erstemal in dem rosaseidenen Kleid unter dem funkelnden, lichtstrahlenden Weihnachtsbaum sitzen sah, da nahm sie mich jubelnd in beide Ärmchen und gab mir einen so herzhaften Kuß gerade auf die Nase, daß ich fast eine Beule bekam. Ja, viele Jahre war ich das Liebste der kleinen Lotti, all ihre Gedanken drehten sich nur um ihre große Puppe Minchen. Keine ihrer andern Puppen und Püppchen war so schön wie ich. Heute freilich bin ich nun alt, da ist nicht mehr viel von meiner einstigen Schönheit übriggeblieben.«

»Oh, Fräulein Minchen,« sagte der alte zerbrochene Puppenwagen galant, der die Puppe schon seit vielen Jahren heimlich verehrte, »sagen Sie das nicht, Sie sind noch immer schön!«

Puppe Minchen errötete geschmeichelt.

»Wissen Sie noch, lieber Puppenwagen, wie eifrig und ordentlich die kleine Lotti jeden Tag mein Bettchen ordnete, ganz glatt legte sie das Laken, daß mich nur ja keine Falte drücken sollte. Dann wusch und rubbelte sie mich so sehr, daß ich am liebsten laut geschrien hätte, gerade so, wie die Lotti es jeden Morgen selbst machte, wenn das Kindermädchen Luise mit dem großen Schwamm ankam.«

»Oh, davon kann ich eine Geschichte erzählen«, ertönte es aus einer Ecke. »Sie kennen mich doch noch, Fräulein Minchen, ich bin ja die alte Kinderwaschtoilette, die manch liebes Mal das Schreikonzert beim Waschen mit anhören mußte. Sehen Sie, hier an meinem rechten Bein fehlt ein Stück Holz, da hat die unartige Lotti mit dem Fuß gegengestoßen, weil das Wasser so naß und kalt war, und die Seife so in ihre Blauaugen biß. Ja, auch ich war einst jung und schön, ein weißes Lackkleid hatte ich an, mit himmelblauen Streifen, aber jetzt bin ich alt und grau geworden – vorbei ist es mit Jugend und Schönheit!«

»Mich haßte sie am meisten«, tönte es da etwas gequetscht aus der Schublade der Waschtoilette. Es war eine alte eingeklemmte Handbürste mit einer großen Glatze, fast alle ihre Haare waren ihr vom Alter ausgegangen. »Ach, wenn Mama Lottis Fingerchen, an denen sie immer die Nägel abknabberte, trotzdem die Mutter es doch so streng verboten hatte, mit meinen Borsten bearbeitete, dann kratzte ich sie, so sehr ich nur konnte, zur Strafe für das häßliche Knabbern.«

»Das war aber gar nicht hübsch von Ihnen, denn damals war die Lotti noch ganz klein,« verteidigte die treue Puppe Minchen ihre kleine Puppenmama, »später als sie größer wurde und verständiger, tat sie es von selbst nicht mehr. Nein, ich kann mich über die Lotti nicht beklagen, sie war die beste und zärtlichste Puppenmutter, die man sich nur wünschen konnte. In ihrem kleinen Waschfaß wusch sie meine Wäsche blitzsauber, und dann plättete sie mit dem kleinen Plätteisen all meine Hemdchen und Taschentücher, daß es eine wahre Freude war. Oh, wie fleißig hat sie für mich geschneidert, die schönsten Hütchen und Schürzchen nähte sie mir unter der Aufsicht der lieben Mama. Hatte ich mir ein Knöpfchen von meinem Kleide abgerissen oder ein Loch in meine rosa Strümpfchen gelaufen, dann brachte das sorgsame kleine Mädchen es gleich wieder in Ordnung. Jeden Tag kochte sie mir mein Leibgericht, Schokoladensuppe mit Rosinen und Mandeln, ja, ich hatte es sehr gut!

Dann aber kam eine Zeit, wo die Lotte mich ein wenig vernachlässigte, als sie das erstemal mit ihrer kleinen Plüschmappe des Morgens in die Schule wanderte. Da vergaß sie es ganz, mich anzuziehen, den langen Tag mußte ich, arme Puppe, in meinem Bettchen liegen und war dabei doch nicht krank. Ich war recht böse auf die dumme Schule, die Lotti hatte jetzt fast gar keine Zeit mehr für mich. Immer saß sie bei ihrer kleinen Fiebel und buchstabierte mit heißen Bäckchen, oder sie kratzte mit ihrem Schieferstift auf die schwarze Tafel, daß ich Kopfschmerzen davon bekam.«

»Solchen Lärm habe ich gar nicht gemacht«, rief es da aus der tiefsten Tiefe des Puppenwagens. Eine alte zerbrochene Tafel war's, die Gott weiß wie in den Puppenwagen hineingeraten war. »Wenn sich die Lotti mit mir beschäftigte, ging alles im Gegenteil ganz ruhig und manierlich zu. Ach, wie quälte sich die Kleine das i hübsch gerade nachzuschreiben, aber es war merkwürdig, ein i wurde immer krummer und langbeiniger als das andere. Und schließlich kam der böse Schwamm, der mit einem blauen Bändchen an meinem Holzmäntelchen befestigt war und löschte die ganze Gesellschaft wieder fort. Aber lange gab sich Lotti auch mit mir nicht ab, bald erschien das Heft, der Federhalter und das Tintenfaß auf der Bildfläche und verdrängten mich aus ihrer Gunst. Ich, arme Schiefertafel, aber wanderte in die Rumpelkammer!«

»Da habe ich es doch besser gehabt,« meinte die Puppe nachdenklich, »bald holte mich die Lotti wieder hervor, und bei den Kindergesellschaften, die Lotti am Geburtstage ihren kleinen Schulfreundinnen geben durfte, wurde ich von all den kleinen Mädchen angestaunt und bewundert. Ich durfte mit am Tisch sitzen und bekam Geburtstagsschokolade zu trinken, und nachher spielte ich mit »Deckeldrehen« und »Taler, Taler, du mußt wandern«.

»Auch ich stamme von einer Geburtstaggesellschaft der kleinen Lotti« fiel eine grüne Stocklaterne ein, die bis jetzt schweigsam in der Ecke gelehnt hatte. »Wenn es dunkel wurde, bekam jedes Kind eine brennende Stocklaterne in die Hand, blaue, grüne, gelbe und rote, und dann zogen die kleinen Mädchen hintereinander durch die dunklen Gänge des Gartens. Voran Onkel Wilhelm mit der Geige, ei, das war eine rechte Lust!« Die Stocklaterne versank wieder in ihre frühere Schweigsamkeit.

»Wissen Sie noch, Fräulein Minchen,« rief jetzt eine ganz mit grauen Spinnweben überzogene Schaukel, »wie Sie mit Lotti auf meinem Brett im Garten saßen, und wie lustig wir in die Luft hineinflogen? Einmal aber gab die Kleine mir einen zu derben Stoß – bautz – lagen wir alle zusammen der Länge nach auf der Erde. Ich kam ja mit dem bloßen Schrecken davon. Sie aber, Fräulein Minchen, hatten sich den Arm gebrochen, und die arme Lotti lag besinnungslos am Boden.«

»Oh,« rief das weichherzige Minchen und zog das Taschentuch heraus, um sich die Tränen abzuwischen, »dann wurde meine kleine Puppenmama sehr krank, wochenlang bekam ich sie nicht zu sehen.«

»Ich aber sah sie,« rief mit zittriger Stimme ein ganz altes Nachtlämpchen dazwischen, »viele, viele Nächte habe ich mit der armen Mama am Bettchen des kranken Kindes zusammen gewacht. Ach, ich denke immer noch an die eine Nacht zurück, wo das Fieber so hoch stieg, daß sich die Lotti mit weiten, geöffneten Augen und mit glühenden Bäckchen ruhelos in den weißen Kissen wälzte, und die Mama weinend am Bettchen des todkranken Lieblings niederkniete und den lieben Gott anflehte, ihr doch ihr einziges Kind nicht zu nehmen. Da flossen auch mir die Tränen aus den Fettaugen meines Brennöls, und laut zischend verlöschte ich. Als ich wieder angesteckt wurde, da war die Besserung inzwischen eingetreten, Lotti lag ruhig atmend und sanft schlafend in ihrem Bettchen. Die Mutter aber kniete noch immer an demselben, jetzt jedoch dankte sie dem lieben Gott.«

»Und als die Genesung nun vorwärts ging, da mußte ich kommen,« rief ein arg zerfetztes Märchenbuch aus, »was für herrliche Märchen mußte die Mama der kleinen Lotti täglich aus mir vorlesen.«

»So schöne Geschichten wissen Sie doch nicht zu erzählen, wie ich«, knarrte Großvaters alter Lehnstuhl, der ganz zerbrochen in der Ecke stand. »Wenn ich auch heut ein unbrauchbarer Invalide bin, wenn ich auch nur noch auf drei Beinen humple, und die Motten in meinen Polstern wohnen und die Holzwürmer in meinem Holze, einst war ich ein ganz prächtiger Lehnstuhl. Wie liebte mich Lottis Großvater! Und Lotti selbst sprang jeden Abend in der Dämmerung die Treppe im Hause empor zu Großvaters Stübchen. Und dann setzte er sich in meine Polster, nahm sein Enkelchen auf den Schoß, und nun ging das Geschichtenerzählen los. War das schön – war das schön!« Wehmütig knarrte der alte Lehnstuhl vor sich hin.

»Wenn ich bloß wüßte, was aus der kleinen Lotti geworden ist,« meinte Puppe Minchen sinnend, »gar zu gern würde ich sie noch einmal wiedersehen!«

»Das kann ich Ihnen verraten, gnädiges Fräulein«, piepste das Mäuslein, das all den interessanten Geschichten aus alter Zeit andächtig gelauscht hatte. »Unten in der Wohnung ist jetzt eine junge Frau mit ihrem Töchterchen Hilde bei den alten Eltern zu Besuch. Lotti heißt die junge Frau, ich hörte es ganz deutlich, denn ich habe mein Mäuseloch in dem Speisezimmer. Das ist sicher die kleine Lotti von damals!« – – –

Da knarrte plötzlich das alte eingerostete Türschloß, das Mäuslein sprang furchtsam davon, und all das alte Gerümpel schwieg. Der Schlüssel drehte sich quietschend, die Tür zur Rumpelkammer wurde geöffnet, Licht und Luft drang in den dunklen Bodenraum.

»Puh«, machte die schöne, junge Frau, die mit ihrem Töchterchen und der derben Dienstmagd hereintrat, »ist das hier ein Staub, schnell mach das Fenster auf, Stine.«

Die Magd öffnete das Fenster und fegte mit einem großen Besen die grauen Spinnweben und die dicken Staubwolken von dem alten Hausrat.

Die junge Frau aber – Puppe Minchen hatte in ihr gleich ihre kleine Lotti wiedererkannt – ging, in wehmütige Erinnerungen versunken, langsam an all den alten Sachen aus ihrer Kinderzeit vorüber.

»Großvaters Lehnstuhl«, rief sie und strich mit der weißen Hand so weich über den wackligen Sessel, daß dem alten Gesellen ganz warm ums Herz wurde.

»Ach, und meine große Puppe! Die wollen wir mitnehmen, nicht wahr, Hildchen,« sagte sie zu ihrem Töchterchen, »die soll der Weihnachtsmann wieder jung und schön machen.« – – –

So wanderte Puppe Minchen wieder aus der Rumpelkammer und kam noch einmal zu Ehren.

Der gute Weihnachtsmann schenkte ihr eine neue Lockenperücke und ein prächtiges, mattblaues Kleidchen. Und am lieben Weihnachtsfest freute sich Lottis Töchterchen von all den herrlichen Gaben am allermeisten über die große Puppe, mit der schon Muttchen gespielt hatte.

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