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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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In die weite Welt

War das ein Laufen und Rennen, ein Drängen und Stoßen auf dem großen Bahnperron! Es wurde dem kleinen Ludwig nun doch ein wenig ängstlich zumute. Und er war doch eben noch so stolz an der Seite der lieben Mutter dahingeschritten, er sollte ja heute zum erstenmal allein in die weite Welt fahren!

»Ludwig,« sagte die Mutter und schaute ihren Jungen besorgt an, »du bist solch ein Sausewind, schweren Herzens nur lasse ich dich allein zur Tante fahren, versprich mir, mein Sohn, daß du ganz vernünftig und vorsichtig sein willst. Wenn du nur nicht in Stettin umsteigen müßtest, passe doch nur recht auf, daß du ja nicht in den falschen Zug kommst.«

»Aber Mütterchen,« meinte Ludwig, zärtlich der Mutter verarbeitete Hand streichelnd, »du kannst wirklich ruhig sein, ich bin doch schon ein großer Junge, beinahe zehn Jahre alt, da kann man doch schon allein reisen!«

Die Mutter schien zwar nicht ganz seiner Meinung zu sein, aber was sollte sie tun? Sie war eine arme Wittwe, in vielen Tagen und Nächten hatte sie bei der mühseligen Stickarbeit das Geld für das Bahnbillett und für Ludwigs hübschen, neuen Reiseanzug zusammengespart. Ihrem blassen Jungen war eine Erholung während der Schulferien so gut, und bei der reichen Tante, die auf dem Lande wohnte und ihn eingeladen hatte, mußte er nett und anständig gekleidet sein.

Die gute Mutter dachte nicht an sich selbst, nur an das Wohl ihres Kindes.

»Einsteigen«, rief der Schaffner. Noch einmal küßte Ludwig sein Mütterlein herzlich, dann sprang er schnell in das Wagenabteil. Stolz blickte er auf das kleine Mädchen ihm gegenüber, das mit seinem Vater fuhr, ja – das durfte sicherlich noch nicht allein reisen. Zwar kränkte es ihn etwas in seiner Würde als selbständiger Reisender, daß die Mutter ihn immer wieder ermahnte, doch ja nicht sein Billett zu verlieren, aber als die Lokomotive sich jetzt mit einem schrillen Pfiff schnaubend und pustend in Bewegung setzte und ihn pfeilgeschwind von seinem Mütterlein davontrug, da rollten doch dicke Tränen über seine Bäckchen, trotzdem er schon ein großer Junge war.

Aber er wischte sie ganz geschwind mit seinem Jackenärmel fort.

Ob das kleine Mädchen sie wohl gesehen hatte?

Ja, sicherlich, mitleidig schaute die Kleine Ludwig an und fragte freundlich:

»Warum weinst du denn, Junge?«

»Oh, mir ist nur was ins Auge geflogen«, stotterte Ludwig, aber er wurde ganz rot bei der Lüge. Dann sah er angelegentlich aus dem Fenster heraus, er mochte mit dem kleinen Ding, das doch sicher drei Jahre jünger war als er, nicht sprechen; wenn man allein reiste, gab man sich mit so kleinen Mädchen doch nicht mehr ab.

Ach, und da draußen gab es ja auch so viel zu sehen, so schrecklich viel, hundert Augen hätte Ludwig haben mögen, um all das Neue zu schauen. Der Zug raste ihm viel zu schnell an all den Herrlichkeiten vorüber.

Goldene Felder, auf denen singende Mädchen die Garben banden, oh – und der viele leuchtend rote Mohn, die Kornblumen, die gelben Butterblumen und die blauen Vergißmeinnicht alle, da – große Windmühlen, die lustig ihre mächtigen Flügel drehten, hier Meister Storch auf dem hohen Kirchturm, viele, viele Dörfchen, winzige Häuschen, die mit ihren roten Ziegeldächern wie Spielzeug aussahen, große Kuhherden, jetzt im Fluß badende Jungen – wie im Fluge sauste all das Schöne an dem kleinen Ludwig vorbei.

In einen großen Wald ging es nun – »ein Reh – ein lebendiges Reh!« rief Ludwig jubelnd. Das kleine Mädchen sprang auf, und nun schauten beide Kinder gemeinsam aus dem Fenster. Die Freundschaft war geschlossen, Ludwig hatte ganz vergessen, daß es eigentlich unter seiner Würde war, mit der Kleinen zu sprechen.

Es zeigte sich auch bald, daß Margot, so hieß das kleine Mädchen, trotzdem sie wirklich erst sechs Jahre zählte, hier in Wald und Feld viel besser Bescheid wußte als Ludwig, das Stadtkind. Sie war auf dem Lande groß geworden und lachte ihren neuen Freund tüchtig aus, als er einen Hasen für ein Kaninchen hielt und bei den hohen, goldenen Sonnenblumen »ach die großen Butterblumen« ausrief.

Margots Vater kümmerte sich nicht um die Kinder, er hatte sich die Zeitung vorgenommen, aber er las nicht, sondern er starrte nur vor sich hin.

»Vater ist traurig«, flüsterte die Kleine Ludwig zu. »Mütterchen ist vor ein paar Wochen gestorben, ganz einsam und still ist es jetzt bei uns daheim. Aber Mütterchen ist nun ein schöner Engel und darf im Himmel herumfliegen«, sehnsüchtig schaute Margot zu dem blauen Himmelszelt, an dem die weißen Wölkchen dahinwanderten, auf. Jetzt erst sah Ludwig, daß Margot ein schwarzes Trauerkleidchen trug.

Keine Mutter hatte die arme Kleine? Ach wie leid tat sie Ludwig, wie gut hatte er es doch, zärtlich dachte er an sein liebes Mütterlein daheim.

Margot begann jetzt ihr Wurstsemmelchen zu verspeisen, und auch Ludwig nahm die Butterbrode, die ihm die Mutter mitgegeben hatte, heraus. Zwei schöne, rotbäckige Äpfel holte Margot hervor, und freundlich bot die gutherzige Kleine den einen davon dem fremden Jungen.

»Nimm,« sagte sie, »ich habe so viele zu Hause«, und Ludwig ließ sich nicht lange nötigen, sondern biß mit kräftigen Zähnen hinein. Aber ein klein wenig schämte er sich doch innerlich, daß er vorher auf die kleine Margot so hochmütig herabgeblickt hatte.

»Wohin fährst du?« erkundigte sich Margot, »darfst du schon ganz allein reisen?«

»Natürlich,« meinte Ludwig wieder etwas von oben herunter, »ich werde doch schon im Herbst zehn Jahr alt. Ich reise zu meiner Tante, aber erst muß ich in Stettin umsteigen.« Er dachte an all die guten Ermahnungen der Mutter.

»Das ist schön!« rief Margot, »wir steigen auch in Stettin um, da können wir noch länger zusammenfahren.«

Bald hörten die Wiesen und Felder auf, die Häuser wurden höher, durch lange Straßen ging's, und nun waren sie in der großen Stadt.

»Stettin!« rief der Schaffner. Margots Vater nahm die Kleine an die Hand, stieg mit ihr aus und eilte auf den andern Bahnsteig, und Ludwig spornstreichs hinter ihnen her.

Er hatte solche Angst, sie in dem Menschengewühl zu verlieren, daß er gar nicht daran dachte, wie oft ihm die Mutter eingeschärft hatte, zu allererst den Schaffner in Stettin zu fragen, in welchen Zug er einsteigen müsse. Es genügte ihm, daß seine Freundin Margot ja auch umstieg und ihr Vater doch sicher Bescheid wußte. Aber daß Margot vielleicht ganz wo anders hinfuhr, daran dachte der kleine, dumme Ludwig nicht.

Bald saß er wieder im Zuge Margot gegenüber, und hui – ging es aufs neue in die weite Welt. Stunde auf Stunde verrann, immer noch nicht kam die Station, auf der die Tante Ludwig erwarten sollte. Und dabei hatte die Mutter doch gesagt, es wäre gleich hinter Stettin.

Endlich faßte er sich ein Herz und fragte Margots Vater schüchtern, ob er noch nicht bald da wäre.

»Kind!« rief der Herr, als er den Namen der Station hörte, erschreckt, »da bist du ja in einen ganz falschen Zug gestiegen, du fährst ja in entgegengesetzter Richtung, zeige mir mal dein Billett!«

Ludwig griff in das Täschchen seines neuen Anzuges, es war leer, er suchte und suchte, aber das Billett fand sich nicht, er mußte es in Stettin bei dem schnellen Laufen verloren haben. Die Tränen stürzten ihm aus den Augen, hilflos schaute er zu Margots Vater empor. Ach, nun war er ganz allein und verlassen in der fremden, großen Welt.

Bitterlich weinte der arme Junge, vorbei war es mit all seinem frohen Stolz, allein zu reisen. Würde er jemals wieder zu seinem Mütterlein kommen?

Da legte sich ein weiches Kinderhändchen tröstend auf seine Hand, und ein leises Stimmchen flüsterte: »Weine nicht, Ludwig, du gehst mit uns, du bleibst bei uns, Papa ist so gut, der nimmt dich sicher mit.«

»Freilich,« sprach Margots Vater freundlich, »heute bleibst du bei uns, an die Mutter und an die Tante werde ich depeschieren, daß sie sich nicht um dich ängstigen.«

Da flossen Ludwigs Tränen langsamer, und bald plauderte er wieder fröhlich mit Margot.

Der Vater schaute ganz glücklich auf sein Töchterchen. Seit dem Tode der Mutter hatte die Kleine noch nicht so froh gelacht, still und gedrückt war sie die ganze Zeit über gewesen, und nun scherzte sie gerade so heiter wie früher.

Auf einer kleinen Station stiegen sie aus, Margots Vater löste ein Billett für den kleinen Ludwig nach, und dann bestiegen sie die schöne Equipage; fort ging's mit den feurigen Pferden zu dem herrlichen Landgut, das dem Vater Margots gehörte.

Ach, was machte Ludwig da für große Augen!

Margot führte ihn im ganzen Hause, in Küche und Keller, in Ställen und Scheunen umher. Die große Schaukel im Garten zeigte sie ihm, die stolzen Pferde und die fetten Kühe, die meckernden Ziegen und grunzenden Schweine, den großen Geflügelhof mit den vielen Hühnern, den schnatternden Enten und Gänsen. Und vom Dach flogen die Täubchen herbei und setzten sich der kleinen Margot auf die Schulter, zahm pickten sie ihr die Futterkörner aus der Hand.

Als sie abends beim Abendbrot in dem hohen, getäfelten Speisesaal saßen, mußte Ludwig Margots Vater von daheim berichten. Und er erzählte von seiner lieben Mutter, wie sehr sie sich nach dem Tode des Vaters, der so lange krank gewesen, plagen müsse, und wie hart sein Mütterlein arbeite, um den Unterhalt für sich und ihren Jungen zu verdienen.

Margots Vater hörte aufmerksam zu und freute sich über den wohlerzogenen Knaben, dann aber strich er Ludwig über das Blondhaar und fragte: »Sag', Ludwig, möchtest du mit deinem Mütterlein immer hier bleiben?«

Glückselig nickte Ludwig mit dem Kopf, sprechen konnte er nicht, so stark schlug sein Herz vor Freude. Margot jubelte laut auf, und der Vater lächelte seit Wochen zum erstenmal wieder über das Glück der Kinder.

Am nächsten Tage schrieb Margots Vater einen langen Brief an Ludwigs Mutter, er erzählte ihr, daß seine Margot nach dem Tode der Mutter jetzt ganz allein und vereinsamt sei und fragte sie, ob sie zu ihm kommen wolle, seine Wirtschaft führen und sein Töchterchen mit ihrem Ludwig zusammen erziehen. Das Reisegeld legte er gleich bei.

Das gab ein seliges Wiedersehen, als Ludwigs Mutter nach einigen Tagen auf dem schönen Gut eintraf, die arme Frau konnte es gar nicht fassen, daß sich ihr Schicksal so glücklich gewendet haben sollte. Immer wieder dankte sie dem fremden Herrn, der sich ihres Jungen so freundlich angenommen, und das kleine mutterlose Mädchen zog sie gleich warm an ihr Herz.

Aus dem Besuch bei der Tante war nun zwar nichts geworden, aber der liebe Gott hatte Ludwigs erste Reise doch zum Segen werden lassen.

Margot und Ludwig wuchsen wie Geschwister auf, frohes Leben herrschte wieder auf dem Gutshof.

Ludwig aber war von seiner Unbesonnenheit und seinem Stolz gründlich geheilt, er dachte immer daran, wie es ihm wohl auf seiner ersten Reise in die weite Welt allein ergangen wäre, wenn ihm der liebe Gott nicht die kleine Margot und ihren Vater geschickt hätte.

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