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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sternschnuppe

Wenn du dir hunderttausend Leitern nimmst, eine über die andere stellst und lustig daran emporkletterst, weiter und immer weiter, dann kommst du in das Sternenland.

Ach, wie das da funkelt und flimmert, wie das glänzt und glitzert! Leuchtende Blumensterne wiegen ihre schillernden Köpfchen auf schlankem Stengel, und die großen, dichten Wälder sind über und über mit Sternen besät. Denn im Sternenland wachsen statt der Blätter grünlich flammende Sterne auf den Bäumen, die sehen noch viel, viel herrlicher aus als die Weihnachtsbäume auf Erden.

Das Schönste aber im ganzen Sternenland ist das prächtige Schloß der Königin Nacht. Aus silbernen Sternen ist es erbaut, und das Dach ist aus dunkelblauem Sammet, auf dem Tausende von goldenen Sternlein prangen.

Milde und weise herrschte die Königin Nacht in ihrem Reiche. Wenn es Abend wurde, nahm sie ihr Töchterlein Sternschnuppe an die Hand und wandelte mit ihm in ihrem langen, schleppenden Gewande, das über und über mit funkelnden Sternen bestickt war, aus dem Schlosse zu den blühenden Gärten hinab. Erst schaute sie nach, ob ihre Diener auch pünktlich den Abendstern angezündet hatten, und dann stieg sie in den goldenflimmernden, aus sieben großen Sternen zusammengesetzten Wagen. Ein kleiner Bär war davorgespannt und – hui, ging es dahin, die glitzernde Milchstraße entlang. Sternschnuppe jauchzte hell auf vor Lust, Königin Nacht aber schlang fest den Arm um ihr Töchterchen, daß es ihr bei der tollen Fahrt nicht herausfiel. Denn bei der Geburt der Kleinen stand es deutlich in den Sternen geschrieben, daß sie dereinst ein Erdenkind werden würde, und Königin Nacht wollte ihren Liebling davor bewahren.

Nur ungern ließ sie ihr Töchterchen durch das große, große Luftmeer hinabblicken, dann sah Sternenschnuppe ganz in der Tiefe blaue Berge und grüne Täler, spitze Kirchtürme und kleine Häuschen.

»Ach, Mutter,« jubelte Sternschnuppe, »schau nur das lustige Spielzeug dort unten, geschwind laß uns hinfahren!«

Aber Königin Nacht schüttelte ernst ihr Haupt mit dem Sternendiadem und sprach:

»Berge, steil', und Ebenen, schiefe,
Wachsen drunten aus der Tiefe,
Strom und Bächlein sie durchqueren,
Felder tragen gold'ne Ähren.
Sieh, das ist die Erde, Kind,
Menschen jene Wesen sind.
Die dort wohnen als die Herrn.
Ach, bliebst stets du ihnen fern,
Wer den Weg zur Erde fand,
Niemals kehrt zum Sternenland!«

Da klammerte sich Sternschnuppe ängstlich an die Mutter und blickte neugierig auf das seltsame Ding, die Erde, hinab. Winzige Wesen sah sie dort unten herumkrabbeln, das mußten die Menschen sein, von denen die Mutter gesprochen. Kinder aber bekam die kleine Sternschnuppe nicht zu sehen, denn die schliefen schon längst, wenn Königin Nacht mit ihrem Töchterchen spazierenfuhr.

Eines Tages war Sternschnuppe gar nicht brav gewesen.

Sie hatte ihre Rechenexempel, die Sternlein zusammenzuzählen, falsch gemacht, hatte sich ein großes Loch in ihr blinkendes Sonntagskleidchen gerissen und wollte dem guten, alten Onkel Mond, der in seinem silbernen Schiffchen öfters bei ihnen vorbeisegelte, und der ihr erst neulich das schöne Horn und die niedlichen Mondkälbchen zum Spielen mitgebracht hatte, nicht artig »guten Abend« sagen.

»Solch unartiges Mädchen darf nicht mit mir ausfahren«, sprach die Mutter streng. »Sternschnuppe, du bleibst heute zu Hause!« und Königin Nacht fuhr mit dem Sternenwagen und dem kleinen Bären davon.

Sternschnuppe saß am Fenster und baute aus flimmernden Sternenklötzchen kleine Kirchen und Häuslein, wie sie sie neulich in der Tiefe auf der Erde gesehen hatte. Denn daran mußte sie noch immer denken.

Trotzig warf sie die Lippen auf. Sie wollte nicht zu Hause bleiben – nein – dann ging sie eben allein spazieren! Laut pochte ihr Herzchen, als sie sich ganz heimlich, damit die Hofdamen und Kammerfrauen es nur ja nicht sahen, die funkelnden Sonntagsflüglein anschnallte, denn im Sternenland kann man fliegen. Leise, leise schlich sie sich aus dem Schlosse, an all den vielen Soldaten in den blitzenden Sternenuniformen vorbei – jetzt stand sie an der Gartenpforte.

Königin Nacht hatte es ihr streng untersagt, allein aus dem Schloßgarten zu gehen, aber sie dachte nicht mehr an das Verbot der Mutter.

Sie lief die flimmernde Milchstraße entlang, an den glitzernden Sternblumen, die am Wege standen, vorüber. Aber die bunten Blumen steckten die glänzenden Köpfchen zusammen und wisperten:

»Königskind, sei klug und weise,
Pflück' uns für die Erdenreise,
Kehrst auch niemals du zurück,
Wir führ'n dich zum Erdenglück!«

Da brach Sternschnuppe geschwind die leuchtendsten der Sternblüten und wand sie zum blinkenden Strauß. Immer schönere Blumen sah sie emporwachsen, sie lief kreuz und quer und achtete nicht mehr des Weges. Perdauz – da lag sie auf der Nase, sie war über einen großen Stern gestolpert, der mitten auf der Straße lag. Sie wollte wieder aufstehen, aber die Straße ging bergab, sie rollte – immer weiter und weiter – niemand hörte ihr ängstliches Schreien. Jetzt flog sie über den Rand der Milchstraße, und nun hörten die hellen Sternlein plötzlich auf – Sternschnuppe flog durch das große, dunkle Luftmeer.

Hu – schwarz und finster war es da, mit einem Male aber traf greller Lichtschein ihre Augen. Sie sauste an dem in gelben Zickzackflammen lodernden Schlosse der bösen Brüder, Donner und Blitz, von denen die Mutter ihr erzählt hatte, vorbei. Laut brüllte der Donner durch sein ganzes Reich hinter ihr her. Ach, wie klopfte da Sternschnuppes Herzchen vor Furcht, aber sie flog weiter, immer tiefer, durch das Reich der lustigen Winde. Vorbei an dem Luftreich des Königs Nebel, dessen schlanke Töchter in grauen, wallenden Gewändern den schwebenden Reigen tanzten, und jetzt – jetzt blieb sie mit den Flüglein an etwas Spitzem hängen. Sie wollte sich losreißen, aber sie saß so fest, daß sie sich nicht bewegen konnte, da begann sie jämmerlich um Hilfe zu schreien.

»Warum rufst um Hilfe du
Und störst nächtlich unsere Ruh?«

hörte sie mit einem Male ein hohes Stimmchen fragen.

Sternschnuppe sah sich um, neben ihr stand ein winziges Männlein in einem braunen Lederwams.

»Ich bin es, Sternschnuppe,« sagte sie schüchtern, »ich bin aus dem Sternenland herabgefallen und hänge hier fest, willst du mich wohl losmachen?«

»Das will ich gern tun, mein Kind,« sprach der Knirps, »ich sehe dich trotz der Dunkelheit gut, denn deine Augen leuchten heller als die schönsten Sterne. Nur muß ich erst mein Scherchen holen.«

Bald kam der kleine Wicht zurück, und schnipp-schnapp schnitt er Sternschnuppe ein Stück von ihren Flüglein ab, faßte sie an die Hand und rutschte mit ihr durch ein großes Tor in einen dunklen Turm.

»Wo bin ich?« fragte Sternschnuppe ängstlich.

»Keine Furcht, Kleine«, lachte das Männchen freundlich. »Du bist auf der Erde, mit deinen Flügeln bist du an dem Kirchturm hängen geblieben, der uns gehört. Meine Brüder und ich, wir sind die Glockenmännlein. Wir hausen in den großen Kirchenglocken; die Brüder schlafen noch alle, und auch du wirst von der langen Reise müde sein. Komm, leg' dich in mein Bettchen, ich halte inzwischen vor der Tür Wache, daß Uhu und Käuzlein, unsere Feinde, dir nichts anhaben.«

Er führte sie zu seinem kleinen Glockenstübchen, da stand ein niedliches Bett. Sternschnuppe legte sich hinein, und das Bettchen dehnte und dehnte sich, bis es ihr paßte, und da schlief sie auch schon.

Lautes Dröhnen, Klingen und Singen weckte Sternschnuppe plötzlich aus tiefem Schlaf. Das summte, toste und brauste um sie herum, entsetzt schaute sie auf. Da stand auch schon das Glockenmännlein vor ihr und blickte das schöne Mägdlein mit dem golden flimmernden Blondhaar und den klaren Sternenaugen freundlich an.

»Du hast wohl gar Angst vor der Morgenglocke,« lachte er, »na, daran wirst du dich bald gewöhnen, es soll dir hier oben bei uns schon gefallen.«

»Darf ich denn bei euch bleiben?« fragte Sternschnuppe froh, denn sie wußte doch nicht, wohin sie auf der fremden, großen Erde gehen sollte.

Der kleine Wicht nickte mit dem Kopf, daß sein langer, weißer Bart die Erde berührte.

»Ich will dich jetzt zu den Brüdern führen,« sprach er, »du bist zu zart und fein, um unter den Menschen drunten zu leben. Und du hast so strahlende Augen, daß es einem froh ums Herz wird, wenn man hineinblickt. Komm,« und mit gravitätischen Schritten ging er ihr voran.

In der größten Glocke, die in der Mitte hing, war eine lange Tafel gedeckt. Hier war das gemeinsame Eßzimmer, und da saßen viele winzige Glockengeister bei der Morgensuppe. Als sie hörten, daß Sternschnuppe vom Sternenland herabgefallen war und nun bei ihnen bleiben wollte, freuten sie sich sehr mit dem holden Kinde. Sie rückten gleich freundlich beiseite und ließen Sternschnuppe an ihrer Morgensuppe teilhaben.

Mit großen Augen sah Sternschnuppe erstaunt auf all die possierlichen kleinen Burschen. »Wie heißt ihr denn?« fragte sie neugierig.

Da begannen sie alle zusammen in singendem Tone:

»Schlick, Schlack, Schluck,
Mick und Muck,
Schnapp und Schnipps,
Fipps und Stipps,
Wir kleinen Glockengeister,
Und Trill ist unser Meister!«

»Ach,« lachte Sternschnuppe, »wie soll man euch denn da herauserkennen, wie unterscheidet man euch denn?«

Da traten die gnomenhaften Gesellen nacheinander vor Sternschnuppe hin, machten einen zierlichen Kratzfuß, und der erste im grauen Wämslein begann:

»Schaut grau zum Fenster der Morgen hinein,
Den jungen Tag läutet Schlick dann ein.«

Drauf sprach der zweite Kleine im goldenen Strahlenröckchen:

»Wenn die Sonne im Mittag, wenn laut knurrt der Magen,
Schlack läutet – geschwind dann die Supp' aufgetragen!«

Nun tat das dritte Glockenmännlein im rosenfarbenen Röckchen den Mund auf und sprach:

»Schluck läutet, wenn rosig die Sonne entschwebt,
Und Abendfrieden die Menschen umwebt.«

Zwei kleine Geister, der eine im bunten Sonntagsröckchen, der andere im grünen Festkleid traten jetzt heran:

»Mick rufet zum Kirchgang am Sonntag laut.
Muck läutet zur Trauung dem Bräut'gam, der Braut!«

sprachen sie.

Erstaunt schaute Sternschnuppe jetzt auf zwei Männlein in schneeweißer und kohlrabenschwarzer Kutte. Das eine rief mit froher Stimme:

»Dem Kindlein zur Taufe hell läutet Schnapp,
Schnipps leitet den Menschen zum kühlen Grab!«

fügte das schwarze Männlein mit dumpfer Stimme hinzu.

In gelb, rot und bläulich zuckenden Flammenröckchen traten jetzt zwei Glockenmännlein hervor:

»Fipps' Glocke erdröhnt, wenn der Blitzstrahl grell loht,
Stipps meldet schaurige Feuersnot.«

Nun war nur noch Trill übrig, der kleine Geist, in dessen Glockenstube Sternschnuppe wohnte, der sprach:

»Der älteste bin ich vom Gnomengeschlecht,
Ich sorg' in den Glocken für Ordnung und Recht!«

Jetzt kannte Sternschnuppe die ganze Gesellschaft, und bald war sie gut Freund mit all den kleinen Geistern.

Sie gab Trill, in dessen Stübchen sie wohnen blieb, ihre Flüglein und die herrlich glitzernden Sternblumen, die sie im Sternenland gepflückt, zum Aufbewahren und fühlte sich bald heimisch bei den freundlichen Glockenmännlein, die sie über alles liebten.

Am Tage saß sie in dem offenen Turmfenster und blickte weit hinaus in das blühende Land. Ach – was gab es da alles zu sehen auf der Erde. Die fruchtbaren Felder, auf denen die Sensen im Sonnenlicht blinkten, mit den fleißig schaffenden Menschen, die blumigen Wiesen, auf denen stattliche Kühe grasten; lustig schnatternde Gänse und Enten drunten in der Dorfstraße und vor allem lachende, sich fröhlich haschende Kinder. Die Glockenmännlein konnten ihr gar nicht genug von der Erde und den Menschen, die auf ihr wohnten, erzählen.

»Ach, wenn ich doch auch nur einmal herunter dürfte«, meinte Sternschnuppe sehnsüchtig, aber ihre kleinen Freunde wollten davon nichts hören.

Auch die Schwälbchen, Sternschnuppes lustige Spielgefährten, die am Kirchendach nisteten, und die auf ihren schlanken, blauen Flügeln doch so weit in der Welt herumgekommen waren, meinten, so schön wie hier oben bei den Glockengeistern sei es nirgends sonst auf der Erde. Sie zwitscherten der kleinen Sternschnuppe ihre schönsten Lieder vor, damit sie sich nicht langweile. Und Meister Storch, der den Kirchturm bewachte, hatte die Kleine ganz besonders in sein Herz geschlossen, der erzählte wunderschöne Märchen aus den fernen, warmen Ländern, in die er zur Winterszeit reiste.

So lebte Sternschnuppe viele Wochen droben im Glockenstübchen des Kirchturms. Nur des Abends, wenn die Sternlein am Himmel aufzogen, blickte sie sehnsüchtig zu ihrer Heimat empor. Dann zeigten ihr die Glockenmännlein die Sternbilder, den Großen Wagen, den Kleinen Bär und die Milchstraße, auf der sie so oft gefahren; aber die Sterne sahen von unten alle so matt aus, gar nicht so glänzend wie im Sternenland droben.

Ach – und ihre Mutter, die Königin Nacht, bekam sie niemals zu sehen, die hüllte sich, seitdem ihr Töchterchen verschwunden, stets vor Kummer in dichte Wolkenschleier. Ja, sie war sehr, sehr traurig, die Königin Nacht, daß sie ihre kleine Sternschnuppe nun für immer verloren hatte, und daß die Prophezeiung bei der Geburt der Kleinen, daß sie einst ein Erdenkind werden müsse, in Erfüllung gegangen war. Den guten Gevatter Mond sandte sie als Boten aus, der sollte ihr Nachricht bringen, wie es ihrem Töchterchen drunten erginge. Und der Mond ließ seine Silberstrahlen durch alle Ecken und Winkelchen der Erde huschen, aber Sternschnuppe konnte er nicht finden, denn die schlief ja in ihrem Glockenstübchen, da konnte der Mond nicht hineinleuchten.

Eines Tages dröhnte dumpf und schwer die Trauerglocke. Schnipps hatte sein traurigstes Gesicht aufgesetzt, denn drunten auf dem kleinen Friedhof, wo die schönen, weißen Rosen blühten, begrub man heute ein junges Menschenkind. Weinend stand die Mutter an dem rasenbelegten Erdhügel; und auch der kleinen Sternschnuppe, die ein weiches Herzchen hatte, liefen die Tränen aus hellen Augensternen, als sie den Jammer der armen Mutter von ihrem Turmfensterchen mitansah.

Jeden Tag kam die Mutter zu dem kleinen Grabe und schmückte es mit Blumen, aber nun wurde es kalt, bitterkalt, die Winde heulten und pfiffen um den Kirchturm, und die weißen Rosen verblühten. Die Glockenmännlein froren nicht, die krochen tief in ihre Glocken hinein und waren solche Kälte gewöhnt. Aber die zarte, kleine Sternschnuppe, die nur das schöne, warme Sternenland kannte, in dem es das ganze Jahr Sommer war, bebte an allen Gliedern vor Frost.

»Ihr müßt das Kind fortgeben,« sagte eines Tages Meister Storch ernst zu den Männlein, ehe er fortzog, »es erfriert euch hier oben im strengen Winter, ihr müßt es zu guten Menschen geben, die eine warme Stube haben.«

»Ja,« sprach Sternschnuppe, »ich will auf die Erde zu den Menschen, ich will zu der armen Mutter gehen, deren Kind drunten auf dem Kirchhof schläft, ich will sie trösten und sie wieder froh machen.«

Da willigten die Glockenmännlein schließlich ein. Trill gab ihr ihre Flüglein und den Strauß Sternblumen wieder, und sie nahmen betrübt Abschied von ihrer lieben Sternschnuppe. Und nachdem Schluck leise und wehmütig die Abendglocke gezogen hatte, schnallte sich Sternschnuppe wieder ihre blitzenden Flüglein um und wollte davonfliegen.

Aber ach – die Flüglein waren zu kurz geworden, das Glockenmännlein hatte ein zu großes Stück mit seinem Scherchen abgeschnitten, Sternschnuppe konnte nicht mehr fliegen. Nun wußte sie, daß sie niemals in ihre Heimat zurückkehren konnte. Die Sternblumen aber, die sie in der Hand hielt, flüsterten ihr tröstend zu:

»Hat die Heimat dich verbannt,
Kön'gin wirst im Erdenland!«

Da dankte Sternschnuppe den guten Glockengeistern noch einmal, dann stieg sie auf den Rücken des Storches, und dieser trug sie auf schnellen Flügeln davon, hinab auf die Erde zu dem freundlichen Schloßgärtnerhäuschen, in dem die arme Mutter wohnte.

War das ein Glück und eine Freude in dem kleinen Häuslein, als die junge Frau am Morgen das liebliche Mägdlein auf der Schwelle fand.

»Komm, Mann,« rief sie jubelnd, »und schau, was der liebe Gott uns für einen Ersatz für unser totes Mariechen vor die Tür gelegt hat!«

Und als Sternschnuppe sie mit ihren Blauaugen so recht freundlich anschaute, da hatte sie all ihren Kummer vergessen, denn Sternschnuppes Augen machten jeden froh und glücklich, wer immer hineinsah.

So hatte die kleine Sternschnuppe wieder ein liebes Mütterchen unten auf der Erde gefunden, und auch der Schloßgärtner war wie ein Vater zu dem fremden Kinde. Sternschnuppe aber wuchs zu einer wunderschönen Jungfrau heran, und wer im Dorfe krank und traurig war, kam zu ihr, und ihre Sternenaugen machten ihn wieder gesund und fröhlich.

Fleißig ging Sternschnuppe der Mutter im Hause an die Hand, und dem Vater half sie bei seinen Blümlein draußen im Schloßgarten. Die erste war sie früh aus dem Bette, wenn Schlick droben auf dem Kirchturm die Morgenglocke zog; und wenn die Abendglocke längst verhallt war, schaffte sie noch emsig.

Und der Mond, der seine kleine Freundin gleich entdeckt hatte, hielt jeden Abend sein Silberschiffchen über dem Gärtnerhäuschen an, schaute freundlich auf die fleißige Sternschnuppe herab, und berichtete dann der Königin Nacht, wie gut es ihr Kind auf Erden hatte.

Eines Tages traf es sich, daß der König, dem der Schloßgarten gehörte, mit seinem Sohne dorthin in das Schloß zur Jagd kam. Denn der Königssohn sollte sich zerstreuen, bleich und traurig ging er stets umher, und die berühmten Ärzte, die der König rufen ließ, zuckten die Achseln, sie wußten sich keinen Rat mehr gegen die Krankheit des Prinzen.

Da ließ der König voll Sorge um seinen einzigen Sohn die weisen Männer des Landes zusammenberufen. Die schlugen Bücher mit seltsamen Zeichen auf, murmelten schaurige Zauberformeln und schauten die ganze Nacht über deutend zu dem flimmernden Sternenhimmel empor, dann sprachen sie:

»Erde, Wasser, Feuer, Luft
Bringt den Prinzen in die Gruft,
Aus den Sternen ward bekundet,
Nur durch Sterne er gesundet!« –

So wandelte der arme Königssohn allnächtlich durch den Schloßpark und blickte sehnsüchtig zu den Sternen auf, die allein ihm Rettung bringen sollten. Aber es wurde immer schlimmer mit ihm.

Eines Abends arbeitete Sternschnuppe noch spät im Garten, sie sammelte würzige Kräuter ein, da stand plötzlich der kranke Prinz vor ihr. Sternschnuppes Herz schlug voll Mitleid für den armen Prinzen, es pochte so laut, daß sie nicht einmal »guten Abend« sagen konnte.

»Wer bist du?« fragte der Königssohn mit müder Stimme.

»Sternschnuppe nennt man mich«, war die Antwort des Mägdleins.

Da seufzte der Prinz laut auf, blickte zu den Sternen empor, ob ihm denn noch immer nicht Hilfe würde und schaute die Jungfrau überhaupt nicht an. Leise weinend schlich Sternschnuppe in ihr Stübchen.

Ach – ihr tat der junge Königssohn ja so leid, sie hätte ihn so gern gesund gemacht, wie sie schon so vielen geholfen hatte, aber er sah sie niemals an, wenn er sie im Garten traf, scheu blickte er stets zur Erde hinab.

Jeden Morgen mußte der Schloßgärtner einen Korb der herrlichsten Blumen für den kranken Prinzen heraufbringen, und Sternschnuppe, die, wo sie ging und stand, immer an den bleichen Königssohn denken mußte, suchte stets die schönsten für ihn heraus.

So kam der Tag heran, den der König zur Abreise festgesetzt hatte, und traurig stand Sternschnuppe am Abend vorher am Fenster ihres Stübchens. Im Glase auf dem Fensterbrett dufteten und blühten die wunderbaren Sternblumen aus dem Sternenland, die niemals welkten, und jetzt hoben sie plötzlich ihre strahlenden Köpfe und sprachen:

»Send' uns als Boten zum Königssohn,
Wir Blüten bau'n dir den Königsthron!«

Da füllte Sternschnuppe am nächsten Morgen den Blumenkorb für den Prinzen mit lichten Sternblumen, die im Garten wuchsen, in die Mitte aber tat sie heimlich den Strauß glitzernder Sterne aus ihrer Heimat.

»Ach Sternblumen,« rief der Prinz erfreut, als er die weißen Blüten schaute, »könnte ich durch euch gesunden!« Und er neigte sich zu den Blumen hinab.

Plötzlich entdeckte er die seltsam leuchtenden Blüten in der Mitte, die wie Sterne blitzten und funkelten. Er zog sie heraus und roch daran, und da war es ihm, als ob er nicht mehr ganz so traurig wäre wie all die Tage zuvor.

Man ließ den Gärtner kommen, der aber wußte nichts von den fremdartigen Blumen und holte Sternschnuppe, die den Korb gefüllt hatte, herbei.

Sittsam verneigte sich Sternschnuppe vor dem Prinzen, schlug lächelnd die wunderbaren Sternaugen zu ihm auf, und zum erstenmal blickte der Königssohn hinein.

Da vergaß er plötzlich seine Krankheit und seine Traurigkeit, tief, ganz tief schaute er in die klaren Augensterne der holdseligen Maid. Leise Röte überzog sein bleiches Gesicht, denn jetzt fühlte er es, das waren die Sterne, durch die allein er wieder gesunden konnte! Und als er Sternschnuppe den ersten Kuß gegeben hatte, da war er vollständig genesen, und der König war so glücklich über die Rettung seines Sohnes, daß er sofort die Koffer auspacken ließ und die Hochzeit des Prinzen mit Sternschnuppe, die ja auch eine Königstochter war, festsetzte.

Mit Glanz und Pracht wurde das Hochzeitsfest gefeiert, und so fröhlich und hell hat Muck, das Glockenmännlein, wohl niemals die Glocke zur Trauung geläutet, als an dem Tage, da Sternschnuppe mit dem Prinzen zur Kirche zog.

Königin Nacht aber blickte aus dem Sternenlande auf ihr glückliches Töchterchen herab und streute vor Freude funkelnde Sternblüten zur Hochzeit auf die Erde hinunter.

Und die Menschen nannten die herabfallenden Sterne nach der jungen Königin »Sternschnuppen«, und jeder, der eine gleitende Sternschnuppe sah, durfte sich etwas wünschen – das ist so geblieben bis auf den heutigen Tag!

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