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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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Goldblondchens Märchensack

Goldblondchen, Flachsköpfchen und Seidenhärchen waren Freunde.

Goldblondchen hatte einen wirren, blonden Krauskopf, der war so golden und glänzend wie die lichten Strahlen der lieben Sonne, und eine kecke Stupsnase in dem lustigen Kindergesicht. Flachsköpfchen besaß eine Lockenperücke und einen abgeschlagenen Fuß, sie konnte »Mama« und »Papa« schreien, wenn man sie auf den Bauch drückte. Seidenhärchen aber hatte ein spitzes Schnäuzchen und ein winziges, schwarzweißes Schwänzchen – er war ein allerliebster, kleiner Spitz.

Die drei Spielkameraden waren ein Herz und eine Seele. Vom ersten warmen Maisonnenstrahl an hockten sie zusammen in der großen Sandgrube hinter dem Garten, denn in die Schule gingen sie alle drei nicht. Seidenhärchen war der älteste von ihnen, und daher der verständigste.

Auch heute saßen sie wieder einträchtig in ihrer »Kute«, wie Goldblondchen die Sandgrube nannte. Das kleine Mädchen arbeitete mit feuerroten Bäckchen. Sie grub eifrig nach Regenwürmern für Flachsköpfchen zum Mittagbrot. Plötzlich hielt sie inne und fuhr sich mit der erdigen Hand durch das Goldhaar.

»Du hast's gut, Flachsköpfchen«, sagte sie mit tiefem Seufzer zu ihrem Puppenkind, das mit steifem Arm den himmelblauen Sonnenschirm aufgespannt hielt, um keine Sommersprossen zu bekommen. »Ja, du hast's gut!« wiederholte sie noch einmal sinnend. »Du hast eine kleine Mama, die dir Regenwürmer zum Mittagbrot kocht und dich lieb hat – und ich habe keine. Und du hast einen Papa, der nicht immer verreist ist, sondern bei dir in der Sandkute sitzt.« Goldblondchen sah liebevoll auf Seidenhärchen, welcher den Papa vorstellte.

Der saß still genießend im warmen Frühlingssonnenschein, nur ab und zu schnappte er nach einer Fliege, die ihm allzu dreist um die Nase surrte. Jetzt erhob er sich gravitätisch, im Bewußtsein seiner väterlichen Würde, und leckte seinem Kinde Flachsköpfchen mit zärtlichem Knurren das Wachsgesicht.

Goldblondchen begab sich wieder an ihre Arbeit. Still wurde es zwischen den drei Freunden.

»Seidenhärchen – Flachsköpfchen,« schrie Goldblondchen plötzlich los, »ach, guckt bloß mal, was für einen komischen Regenwurm ich eben gefangen habe!« Sie zog ihre kleine Kinderfaust behutsam aus dem Erdloch; fest hielt sie ein zappelndes Etwas umklammert.

Seidenhärchen kam mit einem Satz heran, Flachsköpfchen fiel vor Schreck auf den Rücken.

Goldblondchen öffnete ihre Hand – ganz wenig – hopps – da sprang ein seltsam winziges Ding heraus. Es war nicht größer als Goldblondchens Zeigefinger, trug ein sandfarbenes Röckchen und eine spitze Zipfelmütze. Und einen eisgrauen Bart hatte es, der war zweimal so lang wie der ganze, kleine Wicht.

Daran hielt ihn Goldblondchen noch immer fest.

»Bist du ein Regenwurm?« fragte sie den kleinen, ängstlich hin und her springenden Kauz neugierig.

»Mama – Papa« – schrie Flachsköpfchen weinerlich, das possierlich herumhopsende Männlein hatte sie auf den Bauch getreten.

Und »wau, wau« machte Seidenhärchen bedenklich. In seinem ganzen Hundeleben war ihm solch ein merkwürdiger Regenwurm noch nicht begegnet.

Da tat der Regenwurm auch noch den Mund auf und sprach. Wie ein richtiger Mensch sprach er, nur ganz hoch und piepsend klang sein Stimmchen: »Ich bin kein Regenwurm, mein Kind, ich bin ein Erdmännlein und heiße Pumpelstrumpel. Was habt ihr denn hier in meiner Sandgrube zu suchen, ihr kleine Gesellschaft?«

Goldblondchen, Flachsköpfchen und Seidenhärchen sahen sich verdutzt an.

Seidenhärchen begann kriegerisch zu blaffen, Goldblondchen aber nahm das Wort für ihre beiden Freunde.

»Deine Sandgrube, du Knirps,« das kleine Mädchen griff auch noch mit der andern Hand in den Bart des winzigen Gesellen und zauste ihn wacker, »das ist ja noch schöner! Die Sandkute gehört uns, wir spielen darin schon schrecklich lange, schon drei Tage, merke dir das!«

»Au – au«– wimmerte das Männlein in dem derben Kinderhändchen, »au – laß los! Kannst du nicht höflicher mit mir umgehen, solche grobe Behandlung bin ich nicht gewohnt!«

Goldblondchen wurde rot und sah auf Flachsköpfchen und Seidenhärchen. Was mußten die beiden nur von ihr denken!

Sie machte einen etwas mißglückten Knix und sagte in artigerem Tone: »Ja, lieber Kerr Pumpelstrumpel, die Kute gehört wirklich uns. Aber wenn Sie mit uns spielen wollen, dürfen Sie hierbleiben. Sie könnten vielleicht das Kind von meiner Puppe Flachsköpfchen sein, dann werden Seidenhärchen und ich gleich Großmama und Großpapa.«

Das Männlein sah auf seine in Aussicht gestellte Mutter. Die lag mit zum Himmel gestreckten Armen und halbgeschlossenen Glasaugen noch immer der Länge nach auf der Erde. Auch der Hundegroßpapa schien dem Männlein wenig einzuleuchten. Es schüttelte sein drolliges Köpfchen so heftig, daß die spitze Zipfelmütze hin und her wackelte.

»Gib mich frei, liebes Mägdelein«, bat es, sich in Goldblondchens Hand windend. »Laß mich wieder hinunter in mein Reich. Harmlos und friedlich machte ich meinen Morgenspaziergang in einem Mauseloch, da hast du mich mit roher Hand gefangen. Laß mich los, ich schenke dir auch was Wunderschönes.«

»Was denn?« erkundigte sich Goldblondchen und hielt im Hinblick auf die versprochene Herrlichkeit nur um so fester. »Eine richtige Kochmaschine mit Spiritus, die bringt mein Papa mir schon von der Reise mit. Aber Bonbons, ja viel Bonbons, die könnte ich sehr gut gebrauchen.«

Flachsköpfchen versuchte Goldblondchen mit ihrem abgeschlagenen Fuß leise zu stoßen. Sie hatte ein großes Loch im Strumpf, gerade auf dem Kugelgelenk – ein Paar neue Puppenstrümpfe waren sicher doch viel nötiger.

Seidenhärchen schien ebenfalls nicht recht einverstanden. »Wau, wau«, machte er und wedelte bittend mit dem Stumpfschwänzchen. Das Schönste, was man sich wünschen konnte, war seiner Ansicht nach eine Wurst.

»Spielzeug und Bonbons habe ich nicht, liebes Kind, das kann ich dir nicht geben«, sprach da das Männlein mit seinem dünnen Stimmchen. »Aber etwas viel Schöneres will ich dir schenken – ein Märchen!«

»Ein Märchen –« Goldblondchen dachte so angestrengt nach, daß sie ganz rot wurde – »ein Märchen, was ist denn das? Kann man das essen, und sind da Rosinen und Mandeln drin?«

Das Männlein lachte und schüttelte sich, daß sein langer Bart Goldblondchen an den Fingern krabbelte.

Um ihren frischen Kindermund zuckte es weinerlich.

»Sie brauchen gar nicht so zu lachen, Herr Pumpelstrumpel, Seidenhärchen kennst du Märchen?« Goldblondchen sah Seidenhärchen an, und Seidenhärchen Goldblondchen. Eins war so klug wie das andere. »Na, sehen Sie, Herr Pumpelstrumpel,« sagte sie erleichtert, »Seidenhärchen weiß auch nicht, was ein Märchen ist, und der ist doch noch älter als ich. Komm, Flachsköpfchen«, sie griff nach ihrem Puppenkind und achtete nicht darauf, daß das Männlein plötzlich dabei ihren Fingern entschlüpfte. »Hast du schon mal von einem Märchen gehört?« Aber Flachsköpfchen riß ihre gläsernen Blauaugen so erstaunt auf, als ob sie das Wort zum ersten Male vernähme. »Na also, Herr Pumpelstrumpel«, meinte Goldblondchen triumphierend und öffnete ein wenig die Hand, um den Kleinen zu sehen – ja, wo war denn der? Da drüben neben seinem Mauseloch stand das fingerlange Männlein und kicherte vergnügt. Es war ihr entwischt!

Nanu – Goldblondchen riß die Augen auf, soweit es nur ging, das Männlein reckte sich – zusehends wuchs es. Schon hatte es die Größe eines Zwerges erlangt, es reichte Goldblondchen jetzt sicher schon bis an die Nasenspitze.

»Nun bin ich frei, du dummes, kleines Menschenkind,« schmunzelte es, »und könnte wieder in mein Reich hinunter. Aber du dauerst mich, Goldblondchen, daß du keine Märchen kennst. Sag', hast du denn kein Mütterlein, das dir welche erzählt?«

Goldblondchen schüttelte den Kopf mit dem schimmernden, goldenen Gelock.

»Ich habe nur die alte Friederike, die erzählt mir nichts, und manchmal habe ich auch einen Papa, ja, wenn er auch meistens verreist ist. Aber Flachsköpfchen hat eine kleine Mama, das bin ich, und einen Papa hat sie auch«, sie kraute dem schönmachenden Seidenhärchen zärtlich das Fell.

Das Männlein nickte vor sich hm.

»Armes Kind, du sollst nicht ohne Märchen aufwachsen. Schau, morgen komme ich wieder und bringe dir einen ganzen Sack voll Märchen mit herauf. Die will ich dir alle erzählen.«

Goldblondchen klatschte in die Hände.

»Ach, Herr Pumpelstrumpel, wenn Sie das tun wollten, und Flachsköpfchen und Seidenhärchen dürfen auch zuhören, ja?«

Seidenhärchen begann freundschaftlichst zu wedeln, Flachsköpfchen rief so herzbrechend sie nur konnte: »Papa, Mama«, und – da war das Männlein verschwunden.

Aber am nächsten Tage, als die drei Freunde wieder zusammen in ihrer Sandkute hockten, da begann es mit einem Male in der Erde zu wühlen und zu rascheln. Und plötzlich stand Herr Pumpelstrumpel wieder vor ihnen.

Das Männlein war ganz atemlos, einen schweren Sack schleppte es auf seinem Rücken.

»Alles Märchen, Goldblondchen,« keuchte es, auf sein Säckchen weisend, »das reicht für den ganzen Sommer.«

»Erzählen Sie, bitte, erzählen Sie, Herr Pumpelstrumpel«, bat Goldblondchen erwartungsvoll und setzte sich in die Mitte zwischen Flachsköpfchen und Seidenhärchen, dem Erdmännlein gegenüber.

Und das Männlein erzählte.

Jeden Tag kam es zu den drei Freunden herauf, und jeden Tag zog es ein neues Märchen aus seinem Sack. Wie lauschte da Goldblondchen mit glänzenden Augen und brennenden Backen! Auch Flachsköpfchen hörte brav zu, nur Seidenhärchen fand es manchmal interessanter, auf die Spatzenjagd zu gehen. Und dabei war er doch der älteste von den dreien.

Die Sommertage vergingen, der Herbst kam mit seinen rauhen Winden, und die alte Friederike brummte, wenn Goldblondchen noch immer in ihre Sandkute entwischte.

»Heute bin ich das letztemal hier, Goldblondchen«, sagte Herr Pumpelstrumpel an einem recht herbstlichen Tage traurig zu der Kleinen. Das Männlein stellte sein Säckchen neben sich und fing an, seine letzte Geschichte zu erzählen.

Kalt und unfreundlich fegte der Herbststurm über die Sandkute hin. Goldblondchen merkte es nicht. Auch das Puppenkind saß kerzengerade auf seinem Platz, trotzdem der Wind es unbarmherzig an den Flachshaaren zauste. Dem Hundepapa aber war es zu ungemütlich. Er mußte sich etwas Bewegung machen. Nachdem er die Sandgrube einige Dutzend Male umkreist hatte, stieß er plötzlich mit dem Näschen gegen den Märchensack.

Ei – der war ja mit einer wunderschönen Schnur zusammengebunden! Seidenhärchen begann sich etwas angelegentlicher mit dem Band zu beschäftigen. Eine Kordel war auch daran, die war Seidenhärchen tausendmal interessanter, als das schönste Märchen des Herrn Pumpelstrumpel.

Mit seinen spitzen Zähnen fing er an zu zerren und zu nagen – wau, wau – jetzt war das Kunststück geglückt – er hatte die Sackschnur durchbissen.

Und hui – da kam der Sturm dahergebraust, er griff mit seiner knochigen Hand in den Märchensack – und hui – da flatterten die Märchen alle davon – hohnlachend trieb der Wind sie vor sich her.

»Die Märchen – meine schönen Märchen!« schrie Goldblondchen entsetzt und streckte die Arme hinter den davonfliegenden Märchen aus. Das Männlein aber nahm seinen leeren Sack auf den Rücken.

»Weine nicht, Goldblondchen,« sprach es tröstend zu der Kleinen, »dir habe ich ja jetzt all meine Märchen erzählt. Aber draußen in der Welt, da wohnen viele Kinder, die sie noch nicht kennen. Und im nächsten Sommer kehre ich wieder und bringe dir einen neuen Märchensack mit!« Damit war das Männlein verschwunden.

Goldblondchens Märchen aber wehte der Sturmwind weit hinaus in die Lande – zu all euch Kleinen.

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