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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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Vom dummen Peter, der durchaus das Fliegen lernen wollte

Nein – der Peter war doch auch gar zu dumm! Schon als winziger Bub, als die Mutter ihn aufstellte, daß er die ersten taumelnden Schrittchen ins Leben hinein mache, dachte er gar nicht daran, seine Füße zu diesem Zweck zu benutzen. Er breitete seine kleinen Arme aus, begann sie wie zwei Flüglein auf und nieder zu bewegen und wunderte sich, daß er nicht vom Flecke kam. Seine Freunde, die Vögel draußen in den Büschen, liefen doch geradeso durch die Luft.

Der Peter ward älter, größer und verständiger. Er sprang jetzt auf seinen beiden festen Beinen lustig einher und wuchs jedes Jahr eine Handbreit. Und mit ihm um die Wette wuchs der Wunsch, wie Vöglein, Schmetterling und Biene durch die blaue Luft dahingaukeln zu können, weit – weit fort – bis in die Wolken hinein.

Saß er auf der Schulbank, so hörte er nicht, was der Herr Lehrer sprach. Er hatte ja auf so vieles andere zu lauschen. Wie im Winter der Sturm an den Schulfenstern rüttelte – hu – wie er pfiff und sang. Ach und im Sommer, da wußte der Peter gar nicht, was er zuerst hören sollte. Der Kastanienbaum im Hof rauschte und flüsterte, die Schwälbchen am Dachfirst zwitscherten lange Geschichten, die Fliegen an der Wand summten – und der Peter träumte.

Er starrte zum Schulfenster hinaus in die Silberwolken, die hoch am Himmel dahinsegelten – wer doch mit könnte!

Meist kam er recht unsanft von seinem kühnen Fluge wieder auf die Erde hinunter. Der Herr Lehrer stand neben ihm und rüttelte ihn so lange, bis der dumme Peter wieder wußte, daß er nicht mit den Wolken reiste, sondern in der Schulstube saß, wo es galt, aufzumerken.

O weh – das gab dann jedesmal ein schlechtes Zeugnis und eine tüchtige Tracht Prügel daheim vom Vater noch obendrein.

Auch heute hatte der Vater ihn wieder wacker durchgebläut, denn auf seinem Zeugnis stand: Aufmerksamkeit – ungenügend.

»Was soll denn bloß mal aus dir werden, du dummer Peter,« sprach der Vater bekümmert, »wie willst denn du etwas lernen im Leben?«

»Ich will nichts weiter lernen als fliegen – ich will nur fliegen lernen«, heulte der verprügelte Peter und schlich sich davon.

Er stand am Fenster, rieb sich seinen brennenden Buckel und schaute mit kläglichem Gesicht hinaus.

Draußen surrte und burrte, summte und brummte es, all die kleinen Insekten spielten lustig im goldenen Sonnenlicht. Nur er klebte mit seinen Beinen fest an dem Erdboden. Peter streckte gedankenlos die Hand aus – und da hatte er ein niedliches goldbraunes Bienlein gefangen, das zappelte ängstlich in der derben Jungenhand. Peter dachte nicht daran, ihm ein Leids zu tun, nur seine Flüglein wollt er sich beschauen.

Horch – er verstand plötzlich, was die verängstigte kleine Biene summte:

»Sum – sum – sum –
Ach bring mich bloß nicht um!
Schenk mir mein junges Leben,
Will dir auch Honig geben –
Sum – sum – sum.«

»Ich mag keinen Honig, liebes Bienlein, aber gib mir deine Flügel, daß ich fliegen kann«, bat der dumme Peter.

Und Bienlein war einverstanden.

Es schnallte seine braunen Flügel ab, faltete sie sorgsam zusammen und reichte sie dem Knaben. Dann spazierte es langsam aus Peters geöffneter Hand heraus.

Peterlein aber war überselig.

Er dachte nicht mehr an sein schlechtes Zeugnis und an seinen schmerzenden Rücken; mit glücklichen Augen stand er vor den goldbraunen Flüglein.

Wenn es nur erst Abend werden wollte!

Draußen dunkelte es. Die Sonne hatte ihren Wolkenbettzipfel bis über die Nase gezogen, und der Mond, der Nachtwächter, putzte schon seine Silberlaterne.

Da schnallte Peter seine kleinen Flüglein um.

Sank er zur Erde – nein – o Wonne – die Flüglein trugen – er schwebte in dem weiten Luftmeer.

Er versuchte die Flügel zu bewegen, um von der Stelle zu kommen. Aber nach drei mühseligen Schlägen konnte er sich nur noch gerade an den Ast des großen Birnbaums anklammern. Sonst hätte er sicherlich auf der Nase gelegen.

Da saß nun der Peter im Birnbaum, weinte bitterlich, daß er trotz seiner Bienenflügel nicht fliegen konnte und schmauste zum Trost eine saftige Birne nach der andern.

Ei – du dummer Peter – ein jedes Ding will gelernt sein, auch das Fliegen!

Als die Mutter ihren Peter am andern Morgen statt in seinem Bett draußen im Birnbaum erblickte, war sie recht wenig erbaut. Er bekam einen tüchtigen Nasenstüber zur Strafe und keine Birnen zum Frühstück.

Am Abend, als alles schlief, versuchte Peter aufs neue sein Heil.

Juchhe – diesmal ging es ein ganzes Teil besser, heute kam er sogar schon bis zu dem roten Vogelbeerbaum auf der Landstraße und wieder zurück. Aber er schämte sich vor den Spatzen, die dort wohnten, daß er noch so ungeschickt flatterte. Die sahen den merkwürdigen Riesenvogel mit den blauen Hosen und dem weißen Matrosenkragen verächtlich an – nicht einmal zwitschern konnte der!

So flog Peterlein jeden Abend in Wald und Feld hinaus, jeden Tag ein Stückchen weiter. Und als eine Woche verstrichen war, da hatte er das Fliegen so schön gelernt, daß er nun an seine große Reise in die weite Welt denken konnte.

Er steckte ein reines Taschentuch in die eine Hosentasche und in die andere sein aufgespartes Vesperbrot, tat die Flüglein um, schaute noch einmal durch die Fensterscheiben, hinter denen die Eltern nichtsahnend schlummerten und hui – da stieg er auch schon wie eine Lerche jubelnd in die Luft. Tief unter sich sah er die Städte, in denen die Kinder am andern Morgen in die Schule mußten, die schlafenden Wälder und die silberglänzenden Flüsse. Er flog und flog – immer höher hinauf. Die Sterne am Himmel wurden größer und flammender, geblendet mußte Peter die Augen schließen – und da geschah's.

Er war gegen den höchsten Schneeberg der Erde geflogen, ein Stück von den zarten Bienenflüglein war hängen geblieben – Peter sank. Immer schneller und tiefer hinab – so pfeilgeschwind, daß ihm die Sinne vergingen.

Als er am nächsten Morgen erwachte, rieb er sich erstaunt die Augen und die schmerzenden Glieder. Hatte es denn gestern wieder Hiebe gesetzt?

Mit weitaufgerissenen Augen schaute er um sich. Statt daheim in seinem Bette, lag er auf weichem Mooslager mitten in einem fremden Wald.

»Ich dummer Peter, ich,« so rief er wehklagend, »bin den Sternen schon so nahe gewesen, habe das Land meiner Sehnsucht fast erreicht und liege nun wieder mit zerbrochenen Flügeln unten auf der Erde!«

Er nahm die zerschundenen Flüglein ab, suchte sich Fichtennadeln, Staubfäden und Fingerhut im Walde und machte sich daran, die zerlöcherten Schwingen auszubessern.

Aber das Gewebe war so fein, daß der Peter nicht damit zustande kam.

Traurig wollte er sich gerade entschließen, seine Flügel zurückzulassen, und die Reise zu Fuß fortzusetzen, da hörte er ein seltsames Rattern in dem Buschwerk.

Ein merkwürdiges Etwas kam näher geflogen. Es war kein Vogel, denn es hatte keine Schwingen, und es war kein Wagen, denn es wurde von keinem Gaul gezogen. Ganz von selbst brauste es heran. Nicht weit von Peter hielt das sonderbare Ding. Von seinem Rücken sprang ein vermummtes Männlein, das hatte eine große blaue Brille auf der Nase.

»Bist du der Peter, der durchaus das Fliegen lernen will?« fragte es.

Peter nickte. Er blickte beklommen auf das Männlein und auf dessen Gefährt, das fauchend seinen Benzinatem in die würzige Waldluft blies.

»Da sind wir die richtigen Leute für dich«, meinte das Männlein grinsend. »Wenn du auf mein Auto kletterst, brauchst du keine Flügel und fliegst doch durch die Welt. Schneller als die Sonne, in noch nicht vierundzwanzig Stunden hast du die ganze Welt umkreist.

»Ei,« sprach Peter, »das läßt sich hören. Gib mir dein Auto, ich schenke dir dafür meine Flügel.« Das Männlein war es zufrieden. Es setzte Peter seine große, blaue Brille auf die kleine Nase, hob ihn auf den Rücken des Autos, und der dumme Peter gab dafür seine Flügel hin.

»Töff – töff – töff – « stöhnte das Auto, Peters neuer Reisegenosse, und setzte sich pfeilgeschwind in Bewegung.

Dem Peter verging Sehen und Hören.

Er sauste durch die fremde, schöne Welt und konnte doch durch die blaue Brille nicht erkennen, wie schön sie war. Durch unabsehbare Blumengefilde raste das Auto mit ihm, doch der Peter atmete nichts von ihrem Duft, denn das Auto blies ihm seinen gräßlichen Benzinhauch in die Nase. Vöglein sangen ihre holden Weisen, aber der Peter, der einst ihren Liedern gelauscht, vernahm sie nicht – nur das ratternde Töff – töff dröhnte ihm im Ohr.

Dreimal war der dumme Peter schon um die ganze Welt geflogen – da merkte er, daß er einen schlechten Tausch gemacht. Weit – weit über ihm zogen die Wolken und glänzten die Sterne. So schnell auch das Auto raste, er erreichte sie nie – sie blieben ihm stets gleich fern.

»Steh« – rief er traurig seinem Auto zu. »Ich mag nicht länger fliegen, du haftest an der Erde, verhüllst das Schöne und zeigst nur das Häßliche.«

Das Auto hielt, Peterlein sprang hinaus und warf die abscheuliche, blaue Brille von sich. Jetzt sah er erst wieder, wie grün die Wälder waren, wie lieblich die Matten, und wie leuchtend der Himmel darüber.

Unschlüssig stand er und sann, wie er es nur fertig brächte, daß er wieder zu Flügeln käme.

Da hörte er über sich ein lautes Sausen in den Lüften. Wie ein weißer Riesenfalter flog es herbei und senkte sich vor Peter herab. Es war ein lichtes Schifflein, drinnen stand das Männlein aus dem Walde.

»Gefällt dir mein Auto so wenig«, sprach es listig – »ei, versuch es mit diesem Schifflein. Ein Luftschiff ist's, es gehorcht jedem deiner Winke, mit ihm kannst du bis zum Monde stiegen.«

Peter war glücklich, daß er sein Auto auf gute Manier wieder los wurde, und stieg in das Luftschiff.

Kerzengerade schwebte es mit Peter empor. Der steuerte lustig drauf los – bald hierhin, bald dorthin – herrlich war's, sich in dem weiten Weltenraum zu tummeln.

An weißen Wolkenlämmern vorbei, die auf himmlischen Matten grasten, lenkte er geradeswegs in die lockende Sternenpracht hinein. Schon streckte er die Hand aus, um die flimmernden Sterne zu fassen – da entglitt ihm das Steuer des Luftschiffs. Und ob der Peter auch schrie, tobte und weinte – half alles nichts – das Schifflein flog wieder mit ihm zur Erde hinab.

Drunten stand das Männlein und lachte hämisch.

»Dummer Peter – und du willst das Fliegen lernen?«

»Ich lerne es trotz alle- und alledem«, sprach der Peter, steckte trotzig die Hände in die Hosentaschen und drehte dem Männlein, dem Auto und dem Luftschiff den Rücken.

So zog er nun zu Fuß seine Straße, und neben ihm zog die Sehnsucht, ins ferne Wolkenland fliegen zu können.

Nicht Weg noch Steg kannte er. Aber die Blümlein, die ihm am Pfade blühten, wiesen mit den Köpfchen die Richtung, bunte Falter gaukelten ihm voran, und der Wind schob ihn vor sich her.

So kam er in einen großen Garten.

Da blühten so wunderbare Blumen, wie er sie nie vorher geschaut. Sie glitzerten und flimmerten im Abendtau wie schimmernde Sterne. Und singende Mägdlein in lichten Gewändern, rosenbekränzt, umschwebten ihn, die schauten aus wie Silberwölkchen, welche die Abendsonne rosig überhaucht. Lachend zogen sie ihn zu ihrer Herrin.

»Hast du endlich hergefunden, du dummer Peter, du,« lächelte diese holdselig, »und willst du immer noch das Fliegen lernen?«

Peter kniete vor der blondgelockten Frau nieder.

»Frau Königin,« rief er, denn sie trug eine leuchtende Strahlenkrone, »oh, wenn Ihr mir Flügel schenken wolltet, ich würde es Euch mein Lebtag danken.«

Die Königin lächelte.

»Flügel habe ich nicht zu verschenken,« sprach sie, »nur eine Feder, aber die trägt dich, wohin dich auch immer deine Sehnsucht treibt. Hier –« sie zog aus den Falten ihres Gewandes ein winziges Ding – Peter sah betroffen darauf nieder.

Es war eine unansehnliche, kleine Stahlfeder.

»Und nun kehre in deine Heimat zurück,« sprach die Königin milde, »und fragen dich die Menschen, wo du gewesen, so sage, du habest das Land der Königin Poesie gesucht und gefunden.« –

Die anmutige Frau verschwand vor seinen Blicken, der duftende Garten versank – Peter saß plötzlich daheim an seinem Schreibtisch und sah mit verständnislosen Augen um sich.

Hatte er geschlafen – war es nur ein Traum – nein – vor ihm lag die kleine Stahlfeder, die ihm die Königin Poesie geschenkt.

Flugs tauchte er sie ein und setzte sie an – und da flog er auch schon in die blaue Ferne hinaus, weit – weit fort in unbekannte Lande.

Und was er auf seinem Fluge Schönes geschaut, das schrieb die kleine Stahlfeder getreulich nieder.

Denn der dumme Peter hatte doch noch das Fliegen gelernt – er war ein Dichter geworden.

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