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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aus der Jugendzeit

Aex«, stöhnte die alte Waschtoilette und knarrte in allen Fugen, »man merkt doch, daß man alt wird, was wußte ich in meiner Jugend von schlaflosen Nächten« – – – – – – – –

»Ja – ja – « unterbrach sie das fadenscheinige Handtuch, ihre Nachbarin zur Rechten, kopfnickend, »ich merke es auch, daß ich älter geworden bin. Das reißt und zuckt des Nachts in meinen Gliedern, die böse Gicht läßt mich kein Auge zutun.«

»Wer soll denn schlafen können, wenn der Fritz so rücksichtslos schnarcht«, ertönte da eine undeutliche Stimme aus der Waschtoilette. Es war der schon ziemlich altersschwache Kamm, der nur noch wenige Zähne hatte.

»Ja – Fritz« – meinte die Waschtoilette unzufrieden. »Den ganzen Tag kümmert er sich nicht um uns, des Morgens steht er so spät auf, daß er nur noch gerade Zeit hat, sich Gesicht und Hände zu waschen – Hals und Ohren muß Mama immer noch nachträglich vornehmen – und am Tage hockt er mit Tintenfingern über seinen Geschichtenbüchern. Es ist doch schrecklich, daß solch großer Junge so wenig Sinn für Sauberkeit hat!«

»Langweilig hat er uns neulich sogar gescholten«, klang ein müdes Stimmchen dazwischen. Die in dem Waschtischkasten schlafende Zahnbürste war von dem lauten Gespräch der andern aufgewacht.

»Solch Kiekindiewelt nennt uns langweilig«, meinte der Schwamm, ein ziemlich aufgeblasener Geselle, empört. »Denkt wohl, in seinen Geschichtenbüchern sei die ganze Weisheit der Welt aufgespeichert – o nein – wir könnten auch Geschichten erzählen, wenn wir nur wollten. Wir haben in unserem Leben schon mehr erlebt, als solch Quintaner sich träumen läßt!« –

»Erzählt doch«, wollte Fritz, der die ganze Unterhaltung im Schlaf mitangehört hatte, aus dem Bett dazwischenrufen, denn er liebte Geschichten über alles; aber der Mund war ihm fest verschlossen, er brachte kein Wort heraus.

»Freilich,« hörte er die alte Waschtoilette, die noch von Großmutter herstammte, jetzt wehmütig knarren, »seine Geschichte hat wohl ein jeder von uns, wenn's auch schon lange her ist. Sieht man es meinem abgetragenen braunen Kleide etwa noch an, daß ich einst als stattliche junge Buche im lustigen grünen Wald meinen schlanken Wipfel zum blauen Himmel gestreckt habe?

Ach – meine schöne Kinderzeit im schattigen Waldesgrün! Wenn der Morgenwind mir kosend, wie eine Mutter, über das Haupt strich, und goldene Sonnenstrahlen flimmernd über mein Blätterkleid huschten und mich lachend wachküßten!

Was weiß der Fritz, das Stadtkind, der sich doch so klug dünkt, von dem zarten, heimlichen Waldesweben, von den zauberhaften Mondnächten, in denen ich die leichtfüßigen Elflein und kichernden Waldkobolde bei Spiel und Tanz belauscht habe. Als ich so alt war wie der Fritz, da hatte ich bereits die ganze Baumschule durchgemacht, ich war ein prächtiger Baum, heute darf ich es wohl sagen!

Das fanden auch die jungen Brautleute, ein niedliches Buchfinkenpaar, das auf der Wohnungssuche umherzog. Ich hatte nicht einmal einen Zettel herausgehängt, denn ich hatte es nicht nötig, Wohnungen zu vermieten. Aber der kleinen Braut gefiel die luftige Mansardenwohnung droben in meinem Wipfel mit der freundlichen Aussicht auf das Waldbächlein so ausnehmend gut, daß sie nirgends anders mehr mieten wollte. So wurde ich Wirt. Ein kunstvolles, molliges Nestchen richteten sich die jungen Leutchen bei mir ein, und ich habe es nicht bereut, daß ich sie einziehen ließ.

War das eine lustige Hochzeit, niemals wieder habe ich ein so schönes Fest mitgemacht!

Eine lange Tafel hatte man in meinen Zweigen hergerichtet, obenan saß das Brautpaar, das schnäbelte sich zärtlich, und dann folgte die ganze Sippe. Goldammer, Stieglitz und Zeisig waren die vornehmsten, die hatten die prächtigsten Hochzeitskleider angelegt. Auch Rotkehlchen und Blaumeise sahen recht niedlich aus, der Dompfaff hielt die Brautrede, und der Specht klopfte mit seinem krummen Schnabel an meine Rinde und ließ den Wirt des jungen Paares leben, darauf war ich sehr stolz. Am wenigsten von der ganzen Gesellschaft gefiel mir der Kuckuck. Das war ein recht eingebildeter Bursche, der redete nur immer von sich selbst und holte sich dreist die saftigsten Stückchen Käferbraten von den Schüsseln herunter. Und dann ging das Musizieren und Flötieren los. Frau Nachtigall gab einen Sologesang zum besten, und unter Singen und Klingen zog die ganze Gesellschaft spät nach Haus. Der Mond leuchtete ihnen mit seiner silbernen Laterne freundlich heim.

Die jungen Eheleute aber hausten glücklich und zufrieden in ihrem Nestchen. Es waren recht ruhige Mieter. Herr Buchfink ging meist des Tags über auf die Jagd und versorgte Küche und Keller, und Frau Buchfink saß, still vor sich hinbrütend, daheim.

Eines Morgens aber wurde ich durch lautes Babygeschrei aus der Mansardenwohnung geweckt, da hatten sich fünf kleine Buchfinkenkinder eingestellt, die blickten aus runden Äuglein gar neugierig in die große Welt. Es waren nette muntere Dinger, ich hatte meine Freude an ihnen, und wenn sie mir zu viel plärrten, dann wiegte ich sie auf meinen schaukelnden Zweigen in den Schlaf.

Als die Kinder kaum flügge waren, flog die Mutter jeden Tag mit ihnen zum Waldbächlein hinab, dort mußten sie baden, und das besorgten sie überaus reinlich und gründlich – ich weiß, wer sich an ihnen ein Beispiel nehmen könnte!«

Strafend blickte die Waschtoilette zu dem schlafenden Fritz herüber, der verkroch sich beschämt unter seine Bettdecke.

»Wie wurden Sie denn aber eine Waschtoilette?« erkundigte sich die Zahnbürste, die wenig von dem Lauf der Welt wußte, mit jugendlicher Neugier.

»Ja – wie das so im Leben geht«, meinte der alte Waschtisch schwermütig. »Schlechte Menschen rissen mich unbarmherzig aus meinem Waldreich, schleppten mich zur klappernden Sägemühle herab, zerschnitten mich zu Brettern, und dann wanderte ich in die Tischlerwerkstatt. Aber davon weiß ich nicht mehr viel, mein Gedächtnis läßt schon nach, nur von meiner herrlichen Jugendzeit im grünen Walde träume ich noch heute.« – – –

»Meine Wiege hat in Schlesien gestanden, im rauhen Riesengebirge«, begann das Handtuch sinnend. »Lustiger Art sind meine frühesten Erinnerungen nicht, und doch denke ich gern an das baufällige, elende Häuslein, in dem ich zur Welt kam, zurück.

Ein armer Weber hauste darin mit seinem braven Weibe und seinen sechs Kindern. So fleißig er auch das Schiffchen am Webstuhl warf, und so emsig die Frau auch draußen das Stückchen Gebirgsland, das ihnen gehörte, umgrub und bestellte, gar oft wußten sie nicht, womit sie all die hungrigen Mäulchen sattmachen sollten. Im Sommer ging's noch, da liefen die Kinder in die Berge, suchten Beeren und Pilze und trugen sie zum Verkauf in die Badeorte hinab, wo die reichen Herrschaften den freundlichen Kleinen gern etwas abkauften. Da schien die Sonne so freundlich und hell durch das kleine Fenster ins Hüttchen hinein, daß man gar nicht mehr sah, wie zerbrochen das Hausgerät war. Die würzige, frische Gebirgsluft, die ins Stübchen strömte, blies die grauen, dumpfen Sorgen aus allen Ecken und jagte sie zur Tür hinaus.

Da war auch der Vater froher, seine Wangen sahen dann nicht mehr so eingefallen und fahl aus, und der arge, trockene Husten, der ihn immer quälte, hörte manchmal ganz auf.

Aber im Winter war's bös, da brauste der wilde Gebirgssturm so ungestüm um das Hüttlein, daß der Kalk von den Wänden herabbröckelte, die Tür in den Angeln kreischte und die trüben Fensterscheiben laut klirrten.

»Jeses,« rief die Mutter dann angstvoll, »der Herr Rübezahl fegt uns wohl gar das Häusle über dem Kopf weg!«

Der Vater aber saß tagein, tagaus mit brennenden Backen und blaugefrorenen Händen am Webstuhl, und die Kinder steckten meistens im Verschlag bei ihrer lieben Ziege, denn da war's am wärmsten.

Diesmal gab's einen ganz besonders schlimmen Winter. Die Kartoffeln, fast die einzige Nahrung der armen Weberfamilie, waren zum größten Teil erfroren, das Brennholz war zu Ende, eisig kalt war's im Stübchen, und nun mußte auch der Webstuhl stillstehen; schwer fiebernd lag der Vater im Bett, er konnte nicht mehr arbeiten.

Was sollte nun werden?

Tränenden Auges hatte sich die Frau früh am Tag, mit dem großen, schweren Leinwandpacken auf dem Rücken, aufgemacht, um den Kaufherrn in Kirschberg, für den ihr Mann arbeitete, zu bitten, sich mit den fehlenden Handtüchern zu gedulden.

Die Kinder hockten, zitternd vor Kälte, mit knurrenden Magen in der Ecke der Stube und blickten angstvoll zu dem laut im Fieberwahn redenden Vater hinüber. Nur Mariele, das älteste, das neunjährige Dirnlein, ging ab und zu und legte immer wieder frischen kühlen Schnee auf die glühende Stirn des Vaters.

Von den Handtüchern sprach der Vater, die nicht zur Zeit fertig werden würden, und daß der Kaufherr in Kirschberg ihm nun am Ende für immer die Arbeit entziehen würde. Der Gedanke quälte und ängstigte den Kranken so sehr, daß er sich ruhelos in seinen Kissen wälzte.

Mariele konnte die Sorgen des Vaters nicht mehr mitanhören. Leise trat sie zum Webstuhl, und mit geschickter Hand begann sie, wie sie es so oft beim Vater gesehen, den Faden zu spannen und das Schiffchen zu werfen.

Als der Kranke das Klappern des Webstuhles hörte, wurde er ruhiger, und Mariele arbeitete nun mit vor Kälte zitternden Händchen eifrig weiter. Sie nahm sich kaum Zeit, die kalten Kartoffeln zum Mittag mit den Geschwistern zu teilen. Glatt und gleichmäßig wurde das Gewebe, immer kleiner die Garnspule, und als die Mutter am Abend verzagt heimkehrte, da der Kaufherr trotz ihrer Bitten die Handtücher in drei Tagen verlangte, da hatte ihr fleißiges, kleines Mädchen schon ein gut Teil der Arbeit fertig. Pünktlich zur festgesetzten Zeit konnte sie die bestellte Ware nach der Stadt bringen.

»Ich aber, ich bin eins jener Handtücher, das kindliche Liebe gewebt hat – das sind meine Jugenderinnerungen!« –

»Da habe ich denn doch eine andere Kindheit aufzuweisen,« fiel der Schwamm stolz ein, »meine Jugend ist wie ein Märchen. Aus tiefem Meeresgrund, im grünlich schillernden Wasserpalast kam ich zur Welt.

Mein Vater war König vom Schwammland, und all die stolzen Algenfürsten aus der Nachbarschaft waren ihm Untertan. Holde Nixen haben mich als Kind gewiegt und mir ihre Lieder gesungen, und mit den niedlichen, rotbäckigen Korallenmädchen habe ich mich auf den rauschenden Wellen geschaukelt.

Ja – heute weiß kein Mensch mehr davon, daß ich einst ein verwöhnter, kleiner Schwammprinz gewesen bin. Der undankbare Fritz, der mich drückt und preßt, wenn ich ihn sauber waschen will, hat keine Spur Achtung vor mir, der denkt, ich bin ein ganz gewöhnlicher Schwamm.

Warum mußte ich auch aus meiner schönen Heimat, wo mich jeder kannte und liebte, vertrieben werden!

Die Algenfürsten wurden eines Tages aufsässig, zu nachtschlafender Zeit drangen sie in unser Kristallschloß, schleppten meinen Vater in das schwarze Seetanggefängnis, und nur mit knapper Not entging ich dem gleichen Schicksal. Meine alte Kinderfrau, die gute Auster, versteckte mich zwischen ihren Schalen und schwamm mit mir weit fort, zu ihrer Heimat. Das war ein großes Austerndorf, Austernbank von den Menschen genannt; mir gefiel es dort gar nicht, die Wege waren so steinig und rauh, daß sie mir meine zarten Füßchen zerrissen, und die Austerkinder waren dumm und ungebildet.

So lief ich eines Tages einfach davon. Kreuz und quer schwamm ich durch die blauen Meeresfluten, bis ich zu einem herrlichen Muschelpalast kam.

Hier wohnte der Muschelkönig.

Der nahm sich freundlich meiner an, und Perlmuschel, sein holdes Töchterlein, schaute mir mit so glänzendem, schimmerndem Blick in die Augen, daß ich sofort in heißer Liebe zu ihr entbrannte. Aber der Nachbarskönig vom Bernsteinreich blickte scheel auf mich, da er Perlmuschel für sich zu gewinnen hoffte. Als er hörte, daß unsere Hochzeit bereits festgesetzt sei, da tobte und raste er vor Wut, daß das Meer erzitterte, und schleuderte große Wogen gegen das Muschelschloß, bis es in tausend Stücke zerbarst.

Mich aber ergriff eine Riesenwelle und warf mich aus dem Wasserreich auf den weißen Strand. Dort fanden mich Menschen, und ich wanderte wie ein ganz alltäglicher Schwamm in die Stadt zum Verkauf.« –

»Ja –« sagte die kleine Zahnbürste kummervoll, »die Menschen sehen gar nicht darauf, ob einer von guter Herkunft ist oder nicht. Mich behandelt der Fritz auch wie jede ganz ordinäre Zahnbürste, die nur ein Knochenkleid hat, und doch bin ich aus vornehmem Elfenbein. Allerdings die Borsten, mit denen ich mich seit kurzem verheiratet habe, sind von recht niederer Abstammung, die haben im Schweinestall das Licht der Welt erblickt.

Gegen Sie, meine Herrschaften, bin ich ja noch jung, aber doch nicht so unerfahren, wie ich aussehe, ich bin schon weit herumgekommen.

Meine ersten Kindheitseindrücke erhielt ich in Afrika; dort kam ich als rechter Stoßzahn eines niedlichen kleinen, Elefanten zur Welt.

Anton hieß der kleine Elefant, er lebte mitten in der glühend heißen Sandwüste auf einer herrlichen Oase. Schattig und kühl war es dort, eine lustige Quelle spendete erfrischendes Wasser, und prächtige Dattelpalmen wölbten ihre großen Blätter wie ein schützendes Dach vor den sengenden Strahlen der afrikanischen Sonne.

Der kleine Elefant fühlte sich recht wohl auf dem fruchtbaren Stückchen Erde. Sein Herr war freundlich und gut zu ihm, und besonders Siddy, dessen schwarzäugiges Töchterchen, liebte den kleinen täppischen Gesellen über alles.

Anton wurde ihr Spielgefährte, sie klopfte ihm das graue dicke Fell zärtlich, kraute ihm seinen langen Rüssel und fuhr auch öfters mit ihren Fingerchen schmeichelnd über seine weißen Elfenbeinzähne. Das hatte ich sehr gern.

Als Siddy und Anton etwas größer geworden waren, stieg das kleine Mädchen mit den Füßchen auf Antons Rüssel, dieser setzte sie vorsichtig auf seinen breiten Rücken, und nun ritten die beiden Freunde, wenn die Strahlen der Tropensonne schräg durch die Büsche huschten, hinaus in die unabsehbare, weiße Sandwüste. Der Vater ließ sie ruhig gewähren, er kannte Antons Klugheit und Treue und wußte, wenn der Elefant bei seiner Kleinen war, geschah ihr kein Leid.

Wie ein zahmes Hündchen folgte der schwerfällige Bursche seiner kleinen Herrin. Aber auch im Haushalt machte er sich nützlich.

Morgens schleppte er die schweren Gummischläuche zu der Quelle, füllte sie mit Wasser und trabte dann mit seiner Last zum Hause zurück. Mit seinem Rüssel pflückte er geschickt die saftigen Datteln von den Bäumen und sammelte sie sorgsam in ein Körbchen.

Eines Tages waren Anton und Siddy wieder spazierengeritten. Längst schon wollte der kluge Elefant umkehren, denn die Sonne stand schon tief am Horizont. Aber Siddy fand es so herrlich, sich in der einsamen, endlosen Wüste zu tummeln, daß sie den Elefant immer weiter und weiter trieb.

Plötzlich stutzte sie – was war denn das?

»Ein Schloß – ein herrliches Schloß!« jubelte sie laut, »geschwind, Anton, laß uns hinreiten.«

Auch Anton schaute prüfend in die Ferne. Er schnupperte vor Erstaunen mit seinem langen Rüssel in die heiße Luft – in der Tat, ganz hinten, wo die Wüste mit dem Himmel zu verschmelzen schien, baute ein prächtiges Schloß im rosigen Abendschein seine stolzen Zinnen und hohen Türme empor.

Anton stand unbeweglich, die Sache kam ihm nicht recht geheuer vor. Er hatte zwar noch nie etwas von der Fata Morgana, jener Luftspiegelung in der Wüste, die den müden Wanderer durch plötzliches Auftauchen schöner Schlösser, großer Schiffe und belebter Städte irreführt, gehört, aber der nahende Abend machte ihn bedenklich. Der kluge Elefant kehrte um.

Da wurde aber Siddy bös, sie weinte, schrie und schlug nach ihrem guten Freunde, bis dieser nachgab. Aber je weiter und weiter er auf das herrliche Schloß zutrabte, desto matter und unklarer wurde es, und jetzt – war es plötzlich ganz verschwunden! Die ungeheure, schweigende Wüste schien es verschluckt zu haben.

Da merkten sie, daß es nur eine Lufttäuschung gewesen war – aber was sollte nun aus ihnen werden?

Ganz dunkel war es inzwischen geworden, die heimatliche Oase war weit entfernt, und schon hörte man den wilden Schakal durch die stille Wüste heulen. Siddy fing vor Angst an zu weinen, ach – wenn die bösen Wüstentiere sie fanden und auffraßen!

Anton aber rannte mit ihr, so schnell er nur konnte, davon. Kampfbereit streckte er mich und meinen Kollegen, den linken Stoßzahn in die Luft. Wehe dem, der es gewagt hätte, seiner kleinen Herrin ein Leid anzutun!

So lief er die ganze Nacht hindurch. Siddy schlief fest auf seinem weichen Rücken, gegen Morgen aber sank er ermattet in den dürren Sand. Dort fanden ihn und das schlafende Kind durch die Wüste ziehende Händler. Die kleine Siddy verkauften sie als Sklavin, Anton aber wurde gebunden und in einem großen Schiff übers Meer nach Europa geschleppt – und ich natürlich mit.

In einer schönen Stadt im Zoologischen Garten gab man dem Anton ein geräumiges Gitterhaus. Nachmittags schnallte man ihm kleine rotgepolsterte Sitze auf den Rücken, drauf wurden viele schöngeputzte Kinder festgebunden, und bei fröhlicher Musik trottete dann der plumpe Anton mit den laut jubelnden Kleinen durch die gepflegten Wege des Zoologischen Gartens. Anton aber war nie froh, der sah stets traurig aus, immer dachte er an seine kleine Freundin Siddy in Afrika, die gerade so lustig auf seinem Rücken geritten. Auch behagte ihm das kalte Klima in Europa gar nicht, er wurde krank und starb. Mich aber, den schönen glänzenden Elefantenzahn, brach man mit roher Hand heraus, man verkaufte mich, und ich wurde verarbeitet. So wurde ich zur Zahnbürste, muß hier im Waschtischkasten liegen, und trotzdem ich von so vornehmer Abkunft bin, verachtet mich der Fritz so sehr, daß er sich nicht einmal jeden Tag die Zähne mit mir bürstet – ja – ja – es geht nicht immer nach Verdienst in der Welt!«

Die Zahnbürste schwieg betrübt.

»Ihre Jugendzeit war hübsch,« meinte die alte Waschtoilette freundlich. »Sie haben, so jung Sie auch sind, sicher die interessantesten Erlebnisse gehabt.«

»Oho« – machte der Schwamm, der sich zurückgesetzt fühlte, empört.

»Ich kann Ihnen leider heute nichts aus meiner Jugendzeit, von dem großen Gutshof, wo ich als Horn eines Ochsen zur Welt kam, erzählen«, brummte jetzt auch der Kamm. »Ich habe so heftige Zahnschmerzen – au – tut das weh!«

»Sie sprechen auch viel zu undeutlich,« sagte der Schwamm herzlos, »erst lassen Sie sich neue Zähne einsetzen« – – – er verstummte plötzlich.

Fritz hatte sich eben im Bette gerührt und kerzengerade aufgesetzt.

Durch das Fenster blickte schon der Tag in das Kinderzimmer. Fritz aber schaute mit verschlafenen Augen zu seinem Waschtisch herüber.

Da lagen Handtuch, Schwamm, Kamm und Zahnbürste stumm und harmlos an ihrem Platz. Fritz aber benutzte jetzt fleißig jeden Morgen seine Waschtischsachen und fand sie nie mehr langweilig, denn er hatte ja im Schlafe ihre Geschichten »aus der Jugendzeit« belauscht.

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