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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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Der Zauberspiegel

Droben im kalten Norden, wo der Sturm heulend die Wogen des brausenden Meeres peitscht, stand einsam und gottverlassen eine halbzerfallene Fischerhütte. »Das verwunschene Dünenhaus« nannten es die Leute im Dorf mit scheuem Blick. Und wenn sie abends zum Fischfang auf See gingen, machten sie einen großen Bogen um das elende Häuschen, trotzdem es schon lange Zeit leer stand.

Vor vielen, vielen Jahren aber hauste darinnen der alte Fischer Steffen Jansen mit seiner blühenden Enkelin Ingeborg. Hart und geizig war er gegen die Armen, die an seine Tür pochten, mit Schimpf und Schande jagte er sie davon. Und Schön-Ingeborg mußte gleich einer Betteldirne in Lumpen einhergehen.

Dabei häuften sich in seiner Kammer die kostbarsten Meeresschätze, leuchtender Bernstein, rosenrote Korallen und schimmernde Perlen. Dazwischen lagen Güter von gestrandeten Schiffen aufgestapelt: Große Ballen, prächtige Gewänder und seltene Schmuckstücke. Aber ängstlich hielt Steffen Jansen seine Reichtümer vor jedem, selbst vor seiner Enkelin verschlossen, niemals durfte Ingeborg einen Blick in die geheimnisvolle Kammer tun.

Nicht immer war Steffen Jansen so habgierig und geizig gewesen. Früher, als er noch nicht der reiche Mann war, tat er mit vollen Händen Gutes, da war keiner ungetröstet von seiner Schwelle gegangen.

Steffen Jansen besaß ein wundersames Stück Glas, eine Sturmflut hatte es einst ans Land gespült. Hell und klar war es, und wenn er hindurchschaute, konnte er die ganze Welt dadurch sehen. All die Armen, Hungernden und Verlassenen erblickte er, all die Kranken und Traurigen. Und das Wunderglas machte sein Herz milde und seine Hand offen, daß er seinen Mitmenschen half, soviel er konnte.

Eines Tages war das klare Kristallglas Steffen Jansen aber nicht mehr schön genug, er ließ es von einem herumziehenden Goldschmied versilbern. Und siehe da – als er es nun wieder zur Hand nahm, da erblickte er nicht mehr wie sonst die ganze Welt darin, nein, sein eigenes Bild strahlte das Glas zurück – aus dem Wunderglas war ein Spiegel geworden! Nur sich selbst sah Steffen Jansen noch in seinem Glase, vergessen hatte er die Armen. Kranken und Traurigen, – Da geschah es einst, daß Steffen Jansen den Schlüssel zu seiner Schatzkammer stecken ließ.

»Ei« – dachte Ingeborg, »endlich werde ich hinter Großvaters Geheimnis kommen!« und voll Neugierde schloß sie die Kammer auf. Ihr schwindelte, als sie all die Herrlichkeiten erblickte; mit beiden Händen wühlte sie in den leuchtenden Perlenschnüren und schlang sie sich um den schneeweißen Hals. Ein funkelndes, güldenes Gewand tat sie an, durch das wehende Haar, das wie gesponnenes Gold glänzte, wand sie rote Korallen, und ein blitzendes Edelsteindiadem drückte sie sich auf die Stirn.

Da entdeckte sie plötzlich das Wunderglas des Großvaters. Niemals hatte Ingeborg einen Spiegel gesehen. Sie schaute hinein und klatschte jubelnd in die Hände – o wie schön – wie wunderschön – war sie selbst jenes holdselige Mädchen, das ihr aus dem Glase mit purpurnen Lippen entgegenlachte?

Ingeborg konnte sich an ihrem Spiegelbild nicht satt sehen. Die Sonne sank als glühender Ball in das Meer – sie merkte es nicht. Sie dachte nicht daran, die Abendsuppe ans Feuer zu setzen, sie hörte nicht, den schweren, wuchtigen Schritt des heimkehrenden Großvaters. Regungslos starrte sie voll eitler Lust in das Spiegelglas.

Plötzlich schrak sie empor – Steffen Jansen stand hinter ihr. Einen fürchterlichen Fluch stieß er hervor, mit brüllender Stimme, die schauriger klang als das Branden der Wellen und das Heulen des Sturmes schrie er:

»Schaust du in den Spiegel –
Borsten wie dem Igel
Wachsen dir auf dem Gesicht!
Deine Augen, klar und licht,
Deck' ein trüber Eulenschleier,
Und dem Schnabel gleich des Geier
Werd' die Nase – Samthaut wund –
Und zum Ochsenmaul der Mund!
Grausen folg' dir weit und breit –
Fluch treff' deine Eitelkeit!«

O Schrecken – entsetzt starrte Ingeborg ihr Spiegelbild an. Die zarte, weiche Haut wurde plötzlich wund und borstig, die lichten Blauaugen blinzelnd und trübe, eine fürchterliche Hakennase wuchs ihr im Gesicht, und ihr kleiner Rosenmund zog sich breit von einem Ohr zum andern wie das Maul eines Ochsen. Das güldene Gewand hatte sich in schmutzig grauen Sack verwandelt, die Perlkette in nasse Krabben, die Korallenschnüre in wimmelnde Kaulquabben, und statt des Diadems saß ihr plötzlich eine scheußliche feuchtkalte Unke mitten auf der Stirn. Nur das leuchtende Goldhaar und die weiche Stimme waren unverändert geblieben, die hatte Steffen Jansen in seinem Zauberspruch vergessen.

Da ergriff Ingeborg voll Grausen den Spiegel und rannte laut schreiend aus dem Hause hinab ins Dorf.

Und die Fischersleute, die friedlich vor ihrem Häuschen ihr Abendpfeifchen rauchten, fuhren voll Entsetzen empor. Die lustig in der Dorfstraße spielenden Kinder stoben erschreckt auseinander. Die Frauen, die den Sandhafer in Garben banden, kreischten: »Der Teufel kommt – der Teufel kommt!« und sie verhüllten ihr Gesicht.

Ingeborg aber lief weiter, immer weiter. Die Hunde blafften sie an, die Gänse und Hühner liefen vor ihr davon, und die Möven in der Luft schlugen wild mit den Flügeln. So lief sie die ganze Nacht, bis sie das Rauschen des Meeres nicht mehr vernahm. Schließlich sank sie ermattet in einem dunklen Walde nieder.

Als sie aus tiefem Schlummer erwachte und sich verschlafen erhob, zog Frau Sonne, die eben noch lachend aus ihrem Himmelsfenster auf die Erde lugte, geschwind ihre Wolkenvorhänge zu. Der Morgenwind, der durch die Bäume wehte, hielt jäh den Atem an. Baum und Busch neigte sich plötzlich zur andern Seite; das Waldbächlein floß davon, so schnell es nur konnte. Die Vöglein verstummten entsetzt, ja, selbst die zarten Blumenkinder, die so freundlich aus grünem Waldmoos grüßten, wandten voll Abscheu die Köpfchen.

Da riß Ingeborg den Zauberspiegel aus dem schmutzigen Sackkleid und schaute hinein, und als sie ihr gräßlich entstelltes Antlitz erblickte, schleuderte sie das Wunderglas laut weinend in das klare Wasser des Waldsees zu ihren Füßen.

Mit einem Male ging ein seltsames Rauschen durch die grüne Flut. Schwefelgelb sah der See aus, das brauste, gährte und brodelte auf dem Grunde, und plötzlich hob sich ein schöner Frauenleib mit langem Fischschwanz aus der Tiefe. Silbernes Nixenhaar flutete gleich einem Mantel um ihre weißen, leuchtenden Schultern – in der Hand hielt sie den Zauberspiegel.

»Dein Spiegel rief mich,« sagte sie mit klingender Stimme, ohne vor Ingeborgs Häßlichkeit zurückzubeben, »was ist dein Begehr?«

Da erzählte ihr Ingeborg schluchzend von ihrer scheußlichen Verwandlung und bat die schöne Nixe flehentlich, ihr zu helfen, den Fluch zu lösen.

»Hier nimm deinen Spiegel wieder,« sprach die Wasserfrau ernst, »wahre ihn gut, durch ihn allein kannst du wieder entzaubert werden. Und nun mache dich auf und wandere, raste nicht eher, als bis ein Mensch Mitleid mit deinem garstigen Gesicht empfindet und dich aus eigenem Antrieb in sein Haus führt.«

Hochauf spritzte das Wasser, das brauste und toste in der Tiefe – die Nixe war verschwunden.

Ingeborg aber eilte wie gejagt über Berg und Tal, durch die Driften, Dörfer und Städte. Doch wohin sie auch kam, wandte man sich voll Grausen von ihr. Da wagte sich Ingeborg gar nicht mehr aus den tiefen Wäldern hinaus, denn die wilden Tiere dort taten ihr nichts, selbst denen war sie zu häßlich.

Viele Tage war Ingeborg schon herumgeirrt, da sah sie einst gegen Abend eine herrliche Stadt.

Aber sie traute sich nicht hinein zu den bösen Menschen, so legte sie sich auf das Moosbett im Walde zum Schlummer nieder. Ganz finster war es heute, es war eine Neumondsnacht, man sah die Hand vor Augen nicht.

Plötzlich knackte es in den Büschen – Ingeborg fuhr empor – ein Mensch stand vor ihr. Ingeborg, die mit der Häßlichkeit der Eulenaugen auch deren Fähigkeit erhalten hatte, im Dunkeln zu sehen, unterschied deutlich seine hohe, schlanke Gestalt im grünen Jägerwams, die blonden Locken und das strahlende blaue Auge. Er jedoch konnte Ingeborgs Häßlichkeit in der schwarzen Nacht nicht sehen, nur ihr goldenes Haar, das unverändert geblieben, schimmerte und leuchtete zu ihm herüber.

»Wer du auch bist, holdes Wesen,« redete der junge Jägersmann Ingeborg an, »ob Waldelf oder Menschenkind, führe mich aus diesem Walde, in dem ich mich von meinem Gefolge verirrt habe – es soll dein Schaden nicht sein!«

»Gern«, sprach Ingeborg mit weicher Stimme, welcher der Fluch des Großvaters nichts hatte anhaben können, ergriff seine Hand und schritt ihm voran.

Als der Wald sich ein wenig lichtete, blieb Ingeborg stehen.

»Weiter kann ich dich nicht führen,« sprach sie scheu, »aber du kannst den Weg jetzt nicht mehr verfehlen.«

Er aber ließ ihre Hand nicht los.

»Komm mit mir,« bat er, »deine Stimme ist süßer als die lieblichste Musik, folge mir in mein Königsschloß.«

Da sprach Ingeborg weinend: »Wenn du mein garstiges Antlitz erst schaust, wirst du dich mit Grausen von mir wenden wie alle übrigen Menschen!«

Er jedoch wollte nicht glauben, daß sie gar so häßlich sei, und bestürmte sie, mit ihm zu kommen. Und da der stattliche junge König ihr überaus gefiel, willigte Ingeborg schließlich ein. Doch nur unter der Bedingung, daß sie ihr Antlitz fest verhüllen dürfe.

Aber als sie am Königsschloß anlangten, wurde der König von allen Seiten jubelnd begrüßt. Da entschlüpfte Ingeborg ihm geschwind und huschte in den Schweinestall.

Als der Knecht am andern Morgen das gräßliche Wesen im Stall erblickte, wollte er es mit der Forke davonjagen. Ingeborg aber bat ihn flehentlich, ihr doch einen Unterschlupf im Schweinestall zu vergönnen, sie wolle auch alle Stallarbeit für ihn besorgen.

»Meinetwegen,« brummte der Knecht roh, »aber wehe dir, wenn du dich mal draußen sehen läßt, du Mißgeburt!«

So hauste nun Ingeborg im Schweinestall. Die niedrigste Arbeit tat sie, sie schlief mit den Schweinen auf einer Streu und aß mit ihnen aus einem Trog.

Der König aber konnte Ingeborgs goldene Haare und ihre holde Stimme nicht vergessen, im ganzen Land mußte man nach ihr suchen – doch vergebens.

Da ließ er bekannt machen, binnen dreier Tage sollten sich alle schönen Jungfrauen des Landes im Schlosse einfinden, die, welche die goldensten Haare hätte und die süßeste Stimme, sollte seine Braut werden.

Und aus Ost und West, aus Nord und Süd kamen goldhaarige Mägdelein in Scharen gezogen. Doch keine gefiel dem König. Ingeborg aber saß im Schweinestall und schaute durch das trübe Fensterchen auf all die anmutigen Jungfrauen, und ihre Tränen flossen Tag und Nacht, denn sie hatte den schönen, freundlichen König von Herzen liebgewonnen.

Das Wasser aus ihren Augen tropfte auf den Zauberspiegel herab, den sie stets auf dem Herzen trug, und als der dritte Tag sich neigte, weinte sie noch heißer als zuvor.

Nun mußte der König seine Wahl treffen, ach – warum war sie solch gräßliches Scheusal, sie zog das Zauberglas hervor – aber siehe – der Spiegel warf nicht mehr ihr häßliches Bild zurück. Ihre Tränen hatten das Silber von ihm abgewaschen. Klares reines Glas wie einst war er wieder geworden.

In demselben Augenblicke fühlte Ingeborg, wie es hell und licht vor ihren verschleierten Augen ward. Die Geiernase wurde klein und zierlich, das Ochsenmaul zum Rosenmund, die borstige Haut wieder zart und rosig, und das graue Sackkleid verwandelte sich plötzlich in ein güldenes Gewand. Statt der häßlichen Krabben, Kaulquabben und der feuchtkalten Unke schmückten leuchtende Perlen und glitzernde Edelsteine wieder Hals und Stirn – ihre Tränen hatten den furchtbaren Fluch getilgt!

Und als der letzte goldene Sonnenstrahl aus dem Königssaal huschte, und der König eben traurigen Herzens die Hand einer Jungfrau ergreifen wollte, da öffnete sich die Tür, und demütig das schöne Haupt neigend, trat Ingeborg hinein.

Jauchzend eilte der König auf sie zu, denn ihr Haar flimmerte goldener als die Abendsonne, und als sie zu ihm sprach, klang es süßer als Himmelstöne – Ingeborg allein sollte seine Braut werden.

Mit Glanz und Pracht wurde die Hochzeit gefeiert. Ingeborg aber bat den König, alle Spiegel im Schlosse fortschaffen zu lassen, denn niemals wieder wollte sie sich an ihrer wiedergewonnenen Schönheit weiden.

Täglich aber schaute der junge König und Schön-Ingeborg durch das Zauberglas. Mit mildem Herzen tilgten sie allen Jammer und Kummer, den das klare Glas ihnen zeigte, und weit und breit pries man ihre Namen.

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