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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160305
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Aus Stein

Solch einen herrlichen Park, wie ihn die lieben Großeltern besaßen, gab es doch in der ganzen Welt nicht mehr! Uralte Eichen wölbten ihre starken Äste zu schattigen Laubengängen, aus den grünen Büschen schimmerten herrliche, weiße Marmorfiguren, leuchtend bunte Blumenbeete unterbrachen die saftiggrünen Rasenflächen. Und dazwischen hockte unter einem roten Steinpilz ein steinerner, kleiner Gnom mit langem Bart, vor dem hatte sich Erwin früher, als er noch klein war, immer ein bißchen gefürchtet. Jetzt aber war Erwin schon groß, ganze acht Jahre alt, jetzt hatte er überhaupt keine Angst mehr. Nicht einmal vor den großen Steinlöwen, welche den Eingang des Schlosses, das den Großeltern gehörte, bewachten.

Das Schönste in dem großen Park aber war der prächtige Springbrunnen. Riesige Seetiere stießen aus ihrem steinernen Rachen einen silbernen Wasserstrahl hervor, und am Brunnenrand kauerten kleine Wassergötter, die man Tritonen nennt, wie es Erwin bei seinem Hauslehrer gelernt hatte, und bliesen aus einer großen Seemuschel das klare Wasser in ein weißes Marmorbecken.

Großmama und Großpapa saßen in dem chinesischen Teehäuschen im Park und tranken ihren Nachmittagstee.

»Erwin,« sagte die Großmama und strich dem Enkelsohn die braunen Kraushaare aus der heißen Stirn, »Junge, du bist ja wieder so furchtbar erhitzt, du bist wohl schön herumgetollt?«

»Ach Großmama, ich war bloß am Springbrunnen, die großen steinernen Seetiere prusten heute das Wasser so sehr, daß man über und über naß wird, und der Wind jagt einem das kalte Wasser wie eine Dusche über den Kopf – fein war's!« Erwins Backen brannten, er schaute zu dem großen Chinesen hinüber, der an die Wand des Teehäuschens gemalt war. »Dem Chinesen würde eine tüchtige Wasserdusche auch nicht schaden, ganz schmutzig sieht der Bursche aus!«

Schüttelte der Chinese wirklich ärgerlich den Kopf, daß der lange Zopf hin und her flog, oder irrte sich Erwin?

Nein – Erwin mußte sich wohl geirrt haben, ganz steif und still stand der Chinese jetzt wieder da, aber der Großvater schüttelte unwillig sein Haupt, und die Großmama setzte sich die Brille auf die Nase.

»Kind, so oft habe ich es dir verboten – dein schöner, weißer Anzug – du bist ja ganz durchnäßt – eiskalt sind deine Hände und dein Gesicht glüht, Junge, Erwin, du hast ja Fieber – geschwind ins Bett mit dir!«

Und die gute Großmama brachte ihren kleinen Enkel, der seit dem Tode seiner Eltern bei den Großeltern erzogen wurde, selbst ins Bett und gab ihm heißen Tee zu trinken.

Aber das Fieber stieg und stieg, jetzt jagten Erwin eisige Schauer über den Leib, und nun ward ihm wieder glutheiß. Hu – und die gräßlichen Fratzen und greulichen Gestalten, die das böse Fieber dem kleinen Erwin zeigte! Laut auf schrie er und klammerte sich fest an die Hand des lieben Großpapas. Der wachte mit der Großmama zusammen die ganze Nacht über angstvoll am Bett seines kranken Lieblings.

Nach und nach wurde der Knabe ruhiger, ein freundlicher Fiebertraum zog vorüber – Erwin war wieder im Park am großen Springbrunnen. Und er lief unter dem sprühenden Wasserregen fort, trotzdem Großmama es doch schon so oft verboten hatte.

Da sah er plötzlich ganz deutlich, wie die beiden Seetiere im Wasserspeien innehielten und langsam bis zum Brunnenrand zu den kleinen nackten Tritonen heranschwammen. Eins – zwei – drei – kletterten die kleinen Wassergötter auf den Rücken der Seetiere und hui – ging es davon, lustig ritten sie in dem schimmernden Marmorbecken umher.

Erwin konnte es ganz genau sehen, es war zwar Nacht, aber der Vollmond schien hell und klar, auf und nieder tanzten seine flimmernden Silberstrahlen auf dem glitzernden Wasserspiegel.

Plötzlich hielten die kleinen Steingötter in ihrem wilden Ritt inne, mit seinem Stimmchen riefen sie: »Willkommen, Gevatter, willkommen!« und lenkten die Seetiere wie Pferdchen zum Brunnenrand.

Neugierig schaute Erwin sich um, wem wohl ihr Gruß gelte, und was erblickte er?

Der kleine Gnom, das alte Wichtelmännchen, das doch sonst immer an dem großen Stiefmütterchenbeet hockte, kam plötzlich auf seinem roten Steinpilz angeritten und nahm gravitätisch auf dem Brunnenrand Platz.

»Grüß Gott«, sagte er, seine spitze Zipfelmütze lüftend, mit hoher Stimme, »sind die andern noch nicht da?«

»Nein,« antwortete ein kleiner Wassergott, »aber ich höre die Löwen bereits brüllen, ganz deutlich vernimmt man es aus der Ferne.«

Der Steingnom schüttelte den runzligen Kopf.

»Ich bin ein alter Mann und höre nicht mehr gut«, sagte er, mit zittriger Hand durch seinen langen weißen Bart streichend.

Erwin aber, mit seinen jungen Ohren, vernahm ebenfalls das laute Gebrüll, immer näher und näher kam es – entsetzt sprang Erwin hinter den nächsten Baum.

Und da rasten sie in großen Sätzen herbei, die beiden Steinlöwen vom Schloßportal, mit ihren buschigen Schweifen schlugen sie die Erde, daß der Staub aufwirbelte. Dann aber nahmen sie ganz zahm und manierlich auf dem Brunnenrand Platz und begrüßten die Anwesenden durch verbindliches Gebrüll.

»Wo bleibt nur Flora, die schöne Blumengöttin?« fragte der eine Löwe.

Erwin drehte sich nach dem Blumenrondell herum, in dessen Mitte die weiße Steingöttin thronte.

O Himmel – die Flora bewegte sich – graziös raffte sie die Falten ihres Steingewandes zusammen und – hops – sprang sie zierlich von ihrem Postament herab.

Mit wiegendem Gang schritt sie durch den flimmernden Mondenschein zum Springbrunnen, auf ihrem lichten Marmorgewand blitzten und glitzerten die Silberfunken des Vollmondes. Ein Löwe sprang der holden Göttin höflich entgegen, reichte ihr galant die Steintatze und führte sie zu den anderen.

»Sind Sie dem Herrn Chinesen nirgends begegnet?« fragte man die Flora.

»Dem Chinesen«, dachte Erwin, der alles mit anhörte, »wie will denn der von seiner Wand herunter?«

»Da kommt er ja!« rief Fräulein Flora.

Und wirklich – er kam.

Man hörte leises Glöckchengebimmel, wie von einem Schlitten. Aber das waren die Glöckchen an dem Dache des kleinen Teehäuschens, das wie ein großes Automobil beim Springbrunnen vorfuhr.

Der Chinese rutschte geschickt von seiner Wand herab, kletterte aus der Teehäuschenequipage, spannte seinen roten chinesischen Schirm gegen die Mondstrahlen auf, und schritt mit den spitzen Schnabelschuhen zu der übrigen Gesellschaft. Der lange schwarze Zopf wackelte auf seinem Rücken hin und her.

»So – nun sind wir alle wieder einmal in der Vollmondsnacht beisammen«, nahm das Wichtelmännchen, das als Ältester den Vorsitz zu führen schien, das Wort, »was wollen wir heute nun beginnen, meine Herrschaften?«

»Wir wollen wie der Wind durch den Park reiten«, riefen die wilden kleinen Tritonen.

»Wir wollen mit den Elfen drüben am Waldesrand im Mondenschein tanzen«, meinte die anmutige Flora.

»Nein – lieber Tee trinken«, kopfnickte der Chinese.

Die Seetiere hatten keine eigene Meinung, und die Löwen knurrten: »Uns ist alles gleich!«

»Wie der Wind reiten und mit den Elflein tanzen, kann ich nicht mehr, meine lieben, jungen Freunde, dazu bin ich schon zu alt und zu steif,« sprach der greise Gnom lächelnd, »ich schlage vor, Geschichten zu erzählen.«

»Ja Geschichten«, riefen alle, und selbst die ungebildeten Seetiere jubelten: »Ach ja – Geschichten!«

»Jeder soll uns etwas aus seiner Heimat oder seinem Leben erzählen,« fuhr der kleine Steingnom fort, »ich höre diesmal zu. Ich habe Ihnen so oft von der Märchenzeit, aus der ich noch stamme, erzählt, von den gold- und diamantenfunkelnden Erdhöhlen, in denen ich früher gehaust, daß nun auch mal andere Leute berichten können. Der Herr Chinese mag beginnen.«

Der Chinese verbeugte sich und sprach: »Weit, weit von hier, über dem großen Meer, das man Ozean nennt, liegt mein schönes Heimatland China. Oh, wie herrlich ist es dort! Hinter der langen Mauer, das mein Vaterland umschließt, duften die wunderbarsten Blumen, leuchtende Chrysanthemen blühen dort in den prächtigsten Farben. Bunte Pelikane und seltsame Vögel schaukeln sich in der blauen Luft. Aus den fruchtbaren Feldern wächst Reis und Tee, und das Haus, in dem ich wohnte, hatte einen bunten Turm aus chinesischem Porzellan. Ach, wie lustig klangen die Glöckchen an dem spitzen Dach – oh, mein schönes China – hätte ich dich doch niemals verlassen!« Eine große Sehnsuchtsträne quoll aus den Schlitzaugen des armen Chinesen

»Wie kamen Sie denn hierher?« erkundigte sich die Blumengöttin teilnahmsvoll.

»Auf einer Teebüchse verschickte man mich, und dann wurde ich hier an die Wand des Teehäuschens mit Farbe festgeklebt. Nicht rühren, nicht bewegen kann ich mich jetzt den ganzen lieben Tag, und alles muß ich mir gefallen lassen. Sogar, daß der kleine Erwin heute ganz dreist sagte, ich wäre ein schmutziger Bursche! Und dabei ist doch die Zeit noch gar nicht lange her, daß Großmama sich jeden Morgen seine Ohren zeigen ließ, ob er sie sich auch ordentlich hat waschen lassen!«

Der Chinese verstummte ärgerlich, und der kleine Wassergott rief: »In dem Meer, von dem Sie vorhin sprachen, sind wir zu Hause. In smaragdgrünen Palästen auf dem Meeresgrund haben wir gewohnt.«

»Ja, und die langhaarigen Nixchen sind unsere Schwestern, mit ihnen haben wir uns in der blauen Meeresflut gejagt« – »und mit den weißen Wellenköpfchen haben wir Fangball gespielt«, überschrie ihn der zweite Kleine. »In schimmernden Perlbettchen haben wir geschlafen, schaukelnde Wellen wiegten und sangen uns in den Schlummer.«

»Nein – ich will erzählen,« rief der ältere wieder, »auf großen Walfischen sind wir spazierengeritten und – – –.«

»Und weiße Seemöven brachten uns Kunde von der Welt, wo die Menschen hausen«, fiel der jüngere ihm triumphierend ins Wort.

»Sei still, du –« der eine kleine Wassergott ballte sein Steinhändchen und schien nicht übel Lust zu haben, mit dem Bruder eine Rauferei anzufangen.

Aber der greise Gnom legte sich ins Mittel.

»Schscht – Kinder, vertragt euch doch, was soll denn bloß der Vollmond von euch denken!«

»Das junge Volk hat immer den größten Mund,« knurrte der eine Löwe gereizt, »gönnen Sie doch älteren Leuten auch mal das Wort. Wir können Ihnen aus unserer Heimat Afrika viel interessantere Geschichten zum besten geben.«

»Nein – nein,« Flora hielt sich schaudernd die niedlichen Ohren zu, »in Ihren Geschichten gibt es nichts weiter als Kampf und Blut, das kann ich nicht mit anhören, dazu bin ich zu nervös.«

»Na denn nicht,« sagte der Löwe gekränkt, »machen Sie es doch besser.«

»Ja – Fräulein Flora soll erzählen«, riefen alle einmütig.

Die Blumengöttin schlug die Augen zum Himmel auf, spitzte das Mäulchen und begann:

»Immer noch denke ich an den schwarzlockigen jungen Künstler zurück, der mir meine schöne Gestalt gab. Viele, viele Jahre sind es nun schon her, aber ich weiß noch alles wie damals. Hoch oben im fünften Stock hatte er sein Atelier, dort bin ich erstanden. Ach, wie kalt und eisig war es da manch liebes Mal im Winter, denn der junge Künstler war arm – sehr arm. Er hatte kein Geld, Holz zu kaufen, ja oft hatte er nicht einmal ein Stückchen trockenes Brot zum Abendessen. Alles, was er verdiente, gab er für seine Kunst aus. Gips und Marmor kaufte er dafür, und bis in die Nacht hinein knetete er mit den eiskalten Händen. Aber als ich nun vollendet war, als ich mit einem Schlage seinen Namen auf der Ausstellung berühmt machte, und der reiche Schloßherr mich für seinen Park hier ankaufte – ach, das war eine herrliche Zeit! Alle Leute standen vor mir in der Ausstellung, bewunderten meine Schönheit und lobten den jungen Bildhauer. Dann sperrte man mich in einen Riesenkasten ein und schickte mich hierher. Bald aber sah ich meinen Künstler wieder. Der Schloßherr lud ihn zu sich, und er baute hier den Springbrunnen, auf dem Sie, meine Herrschaften, augenblicklich sitzen. Nicht lange währte es, da wurde der junge Bildhauer der Schwiegersohn des Schloßherrn. Aber vor vier Jahren hat eine schwere Seuche ihn und seine junge Frau dahingerafft. Ich kann ihn noch immer nicht vergessen, meinen schönen Künstler, noch heute betrauere ich ihn«, große Steintränen stürzten der weichherzigen Flora aus den Augen.

»Es war der Vater des kleinen Erwin, nicht wahr?« erkundigte sich der Gnom.

»Mein Vater!« rief Erwin laut hinter seinem Baum dazwischen, »was, mein Vater war das?«

Da verstummten plötzlich die Steinfiguren alle – der Fiebertraum zerrann – Erwin schlug die Augen auf.

Er lag in seinem Bettchen, die grünverhängte Lampe warf gedämpften Schein über die Kinderstube, und an seinem Lager saßen Großmama und Großpapa.

»Gottlob, er wacht, er ist wieder bei Bewußtsein!« rief die Großmama.

Und »Kind, was hast du nur von Löwen und Chinesen phantasiert, wie haben wir uns um dich gesorgt«, fügte der Großpapa hinzu.

Als Erwin das erstemal wieder in den Park hinunter durfte, da nickte er all seinen steinernen Freunden vertraulich zu. Die aber standen starr und steif wie lebloser Stein – als ob sie niemals in der Vollmondsnacht auf dem Brunnenrand Geschichten erzählt hätten.

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