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Goldblondchen

Else Ury: Goldblondchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleGoldblondchen
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
yearo.J.
illustratorO. Gebhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Goldregen

Durch den Garten spazierte der Abendwind.

Er zupfte die Rose an das rosige Ohrläppchen, fuhr Vergißmeinnicht über das blaue Köpfchen, küßte Stiefmütterchen auf das samtweiche Bäckchen und strich leis und lind durch Baum und Busch. Und die Blüten rings im Garten hoben die zarten Blumengesichter und nickten dem guten alten Freunde lachend zu.

Nur das Bäumchen dort in der Ecke, das über und über mit goldenen Blüten besteckt war, ließ seine Zweige traurig zur Erde hängen.

Ob der Abendwind es auch streichelte, oder ob er ihm übermütig die goldenen Blütenlocken zauste – es schaute nicht auf.

»Warum bist du so betrübt, kleiner Goldregen?« säuselte der Abendwind mitleidig. »Sieh, alle deine Schwestern sind heiter und freuen sich ihres Daseins und ihrer Schönheit, nur du machst ein griesgrämiges Gesicht.

Goldregen senkte seine Zweige noch tiefer.

»Ich schäme mich«, flüsterte das Bäumchen kaum hörbar.

Da fuhr der Abendwind kosend wie eine zärtliche Mutterhand ihm über die Stirn.

»Erzähle, kleiner Goldregen, das wird dir dein Herz erleichtern«, wisperte er bittend und hielt den Atem an.

Und Goldregen erzählte: »Vor vielen, vielen Jahren war's, da lebte ein Mann, der hatte üppige Felder, ein stattliches Haus und einen schönen Garten. Aber er war ebenso geizig, als er reich war. Kein Mensch mochte ihn leiden, doch das kümmerte ihn wenig. Nur Schön-Ellen hatte er lieb, sein einziges Töchterlein, für das sparte und kargte er, und schaufelte das Geld in die Kästen. Der reichste Freier sollte Schön-Ellen heimführen.

Das Mägdlein aber mochte von einem reichen Freier nichts wissen. Es war dem jungen Tischlergesellen gut, einem braven, fleißigen Burschen, der nichts weiter sein eigen nannte als seinen Hobel, ein Paar rüstige Arme und einen immerfrohen Sinn. Doch der Vater wurde bös, wenn es von ihm sprach.

Nun geschah es eines Sommers, daß der liebe Gott den Menschen nichts als Regen schickte. Es pladderte von morgens bis abends, und die Menschen glaubten, die liebe Sonne sei gestorben.

Der Roggen faulte, der Hafer schwamm davon, und der Weizen trug nur leere Spreu.

Die armen Leute sorgten und bangten: »Das gibt ein schlimmes Jahr!« Der reiche Bauer aber tobte und fluchte, denn die Ernte brachte ihm diesmal kein Gold.

Er stand am Scheunentor, schaute brummig in das graue Regenwetter und rechnete, wieviel Geld er durch den Regen verlöre.

T–rom–t–rom–t–rom, lustig trommelte der Regen gegen die Dachrinne, als ob er den geizigen Mann noch obendrein auslachen wollte.

T–rom–t–rom–t–rom, da sprang ein übermütiges Regentröpflein dem reichen Brummbär keck auf die Nase.

Der schrie wütend: »Ich wollt, daß es nichts als Goldstücke regnen möchte!«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, da wurde der noch eben schwarzgraue Wolkenhimmel schwefelgelb.

Es prasselte und rasselte herab, dem geizigen Bauer auf die Nase, daß sie ganz platt wurde, und auf den Kopf, daß ihm alle Haare ausgingen.

Der Bauer aber lief jubelnd in das Unwetter hinaus, denn es waren blanke Goldstücke, die vom Himmel herniederregneten.

Die allergrößten Kartoffelsäcke schleppte er herbei und raffte mit beiden Händen den Goldschatz hinein. Er stöhnte und ächzte von der Anstrengung, aber er mochte sich keinen Knecht zur Hilfe rufen, aus Furcht, daß am Ende ein Goldstück in eine fremde Tasche wandern könnte.

Die Knechte und Mägde aber waren gerade so dumm, erst auf ihren Dienstherrn zu warten.

In Hof, Feld und Garten standen sie, hielten die Mützen auf, den Schweinetrog, die Melkkübel und die Schürzen, und fingen kreischend den unvermuteten Goldregen darin.

Und die Dorfleute stürzten aus ihren Häusern, spannten ihre großen roten Familienregenschirme umgekehrt auf und jauchzten: »Hurra, nun hat alle Not ein Ende!«

Dann aber brach eine wilde Prügelei aus, mit Dreschflegeln gingen sie aufeinander los, denn jeder behauptete, der andere habe seinen Goldregen aufgelesen, keiner gönnte dem andern sein Teil. Nachbarn, die viele Jahre ihr Abendpfeifchen friedlich miteinander geraucht, schauten sich nicht mehr an, die Weiber schimpften einander, und die Kinder kriegten sich in die Haare.

Niemand wollte mehr arbeiten. Jeder lief hinaus auf die Straße, um soviel Gold, als nur irgend möglich, zu erraffen.

Der geizige Bauer aber begann zu schimpfen.

Er schimpfte, daß die übrigen Dorfleute ihm seinen Goldregen fortstahlen, daß er nun nicht mehr allein der reiche Mann war, daß er keine Säcke mehr hatte, um das viele Gold zu bergen, und daß die prasselnden Goldstücke ihm seine Nase zerschlugen. Denn der Goldregen hielt nicht inne, es regnete Tag und Nacht.

Da begannen auch die übrigen Leute gar bald zu räsonnieren und zu jammern.

Die Wirtschaft daheim wurde liederlich, und des Mittags stand kein Suppentopf mehr auf dem Herd. Die Frauen nahmen sich vor lauter Goldgier nicht die Zeit dazu. Die Hosen und Röcke wurden löcherig, denn kein Schneider hatte mehr Lust und Zeit zum Flicken. Die Zehen guckten aus den Stiefeln hervor, kein Schuster zog mehr den Pechdraht.

Und bald klopfte trotz des unermeßlichen Reichtums der Hunger an jede Tür.

Auf den Feldern gab es nur Gold, kein Korn, um Brot daraus zu machen, und keine Kartoffeln, den Hunger zu stillen.

Das Vieh auf der Weide, das nur Goldstücke zum Futter fand, starb. Bleich und hohlwangig gingen die Menschen mit knurrendem Magen einher und fluchten ihrem Reichtum. Und dann flehten sie wieder zu Gott, daß er den Goldregen nur aufhören lassen und ihnen wieder ganz gewöhnlichen Regen und Sonnenschein schicken möchte, wie früher.

Doch unaufhörlich rauschte der Goldregen zur Erde herab.

Als aber die Dorfleute hörten, daß sie nur dem geizigen, reichen Bauer dieses goldene Elend zu verdanken hatten, riefen sie verzweifelt: »Möchte ihm doch das Liebste, was er besitzt, zu Goldregen werden!«

Da zerteilten sich die schwefelgelben Wolken plötzlich, ein blaues Himmelszipfelchen lugte hervor, und die Sonne lachte wieder die dummen Menschen auf der Erde aus.

Das viele Geld aber war verschwunden.

Ob die Dorfleute ihre Taschen auch noch so oft umkehrten, kein einziges Goldstücklein fiel mehr heraus. Kisten und Kasten waren leer.

Das war den Menschen nun auch wieder nicht recht, aber nun half es nichts mehr – ein jeder mußte wieder an seine Arbeit.

Nur die Säcke des reichen, geizigen Bauern hatten sich nicht geleert, die standen vollgestopft mit Gold in Speicher und Scheunen.

Und trotzdem lief der arme reiche Mann jammernd in Haus und Garten umher – Schön-Ellen, das Liebste, was er besaß, war plötzlich verschwunden.

Statt ihrer aber stand ein schlankes Bäumlein am Wege im Garten. Das hatte Blüten, die waren so golden wie Schön-Ellens blonde Locken und rieselten hernieder wie goldener Regen.

Da nannten die Leute das Bäumchen »Goldregen«.

Jeden Morgen ging der reiche Bauer zu dem Goldregenbäumlein hinaus, setzte sich in seinen Schatten und weinte und klagte um sein verlorenes Kind.

Und das Bäumlein reckte seine Zweige und umfing zärtlich den Hals des jammernden Vaters, wie es einst Schön-Ellen getan. Und mit seidenweichen Blätterfingern strich es ihm die Tränen von den Wangen.

Aber der Vater merkte nicht, wie nahe ihm sein Kind war.

Und noch einer kam jeden Abend zu dem Goldregenbäumlein geschlichen, das war ein junger Tischlergeselle, dem Lachen und Frohsinn vergangen war.

Der umschlang das zitternde Bäumchen mit beiden Armen. Da rieselten die Goldblüten wie leuchtende Tränen von dem Bäumlein hernieder. Der Bursch aber preßte den Kopf in die duftende Blumenpracht und flüsterte Schön-Ellens Namen. Und die weichen Blüten neigten sich zu ihm nieder und berührten leis seine Lippen.

Da fühlte er, daß es Schön-Ellen war, die er geküßt.

Sehnsuchtsvoll rief er: »Ach, wär' ich ein Vöglein, dann könnte ich dir stets nahe sein, mein liebes Bäumchen!«

Und da – er wußte nicht, wie ihm geschah – plötzlich sah er seinen eigenen Mund, der war ein winziges, spitzes Schnäbelchen geworden. Der Kopf wurde klein und rund, sein Körper schrumpfte zusammen, und statt des braunen Rockes trug er ein gleichfarbenes Federkleid. Die Arme hatten sich in zierliche Flüglein verwandelt, und die Beine waren so dünn und zart geworden wie ein Blumenstengel. Nur der rote Schlips, den er getragen, war ihm geblieben – als allerliebstes Rotkehlchen hüpfte der junge Tischlergeselle den Gartensteig auf und nieder.

Dann aber breitete er seine Flügel aus, und fröhlich zwitschernd schwang er sich zu dem Goldregenbäumlein empor.

O weh – das Bäumlein ließ traurig seine Zweige hängen und seine glänzenden Blütentränen fließen – es weinte bitterlich. Es war noch viel trauriger darüber, daß der junge Tischlergeselle jetzt als Rotkehlchen umherfliegen mußte, als über seine eigene Verwandlung.

Rotkehlchen aber wetzte den Schnabel und sang seinem Goldregenbäumchen die schönsten Lieder. Von Lenz und Liebe sang es, doch das Bäumchen wurde nicht froher.

Schön-Ellens Vater aber lag unter dem Goldregen und lauschte dem Sange des unscheinbaren Vögleins. Da fielen ihm plötzlich die Augen zu.

Flink flog der gefiederte Tischlergeselle dem Schlafenden auf die Schulter und zwitscherte ihm ins Ohr:

»Willst du dein Kind zurückgewinnen, du alter Geizkragen?«

Der schnarchende Bauer nickte.

»Willst du dein Kind auch dem jungen Tischlergesellen zur Frau geben?« flötete das Vögelchen weiter.

Der geizige Bauer wollte auffahren, da fiel ihm ein, daß ja der junge Tischlergeselle in die Welt gezogen sei, und er deshalb ruhig sein Versprechen geben könne.

Er nickte aufs neue.

»So nimm in der kommenden Johannisnacht all dein Gold und verteil' es unter die Armen«, zwitscherte das Rotkehlchen geheimnisvoll. »Das ist das einzige Mittel, dein Töchterchen wieder zu erlangen«.

Das Vöglein schwieg, der Bauer aber rieb sich die Augen.

Wie man nur so lebhaft träumen konnte – all sein Geld unter die Armen verteilen – hahaha – der Spaß war gut!

Mit wuchtigen Schritten ging er dem Hause zu, und immer noch glaubte er das leise, traurige Rauschen des Goldregenbäumleins hinter sich zu vernehmen.

Am nächsten Tage, als er wieder unter den schimmernden Blüten lag, hatte er den gleichen Traum, und am dritten noch einmal. Da wußte er, daß es damit irgendeine Bewandtnis haben müsse.

Das wurde ein schwerer Kampf für den geizigen Bauern. Jeden Tag ging er zu seinen Säcken mit Gold, ließ die glänzenden Münzen durch die Finger gleiten und brummte: »Fällt mir nicht im Traume ein, mich von Euch zu trennen.«

Und wenn er dann wieder unter dem Goldregenbäumchen stand, dann sang das Rotkehlchen so süße Lieder von Schön-Ellen, und das Bäumlein sandte so berauschenden Duft zu ihm, daß die Sehnsucht nach seinem Kinde stets aufs neue in ihm emporquoll.

So kam die Johannisnacht heran.

Unentschlossen irrte der Bauer von seinen Schätzen zum Goldregen und vom Bäumlein wieder zu seinen Goldsäcken.

Das Rotkehlchen aber sang, wie es noch nie gesungen. Von den Tagen, da Schön-Ellen als kleines Dirnlein dem Vater auf den Knien gesessen, wie es ihn mutwillig am Bart gezaust und ihm die bösen Falten von der Stirn gestrichen.

Da wurde das Herz des Alten weich.

Und weiter sang das Vöglein, wie Schön-Ellen als Sonnenstrahl durch das Haus gehuscht, wie ihr holdes Lachen das Schelten und Poltern des Vaters daraus vertrieben, und wie still und einsam es jetzt ohne sie geworden.

»Hol's der Henker –« schrie der Bauer – »ich will mein Kind zurück haben«, und er griff in die Goldsäcke.

Doch schon faßte ihn wieder die Reue.

»Was, all mein schönes Gold soll ich den Dummbärten geben, die es nicht zu halten verstanden, daß sie sich nachher ins Fäustchen lachen – nein, das kann ich nicht! Ich will das Gold ja nicht behalten, aber die andern sollen es auch nicht haben. Lieber streue ich es in alle Winde.«

Und er packte einen Sack nach dem andern und warf mit vollen Händen das gleißende Gold in die dunkle Nacht hinaus.

Da hörte man ein Heulen in den Lüften, ein Sausen und Brausen – der Sturmwind kam dahergejagt und fegte die blanken Goldstücke weit in die Welt hinaus. Wie einen Goldregen peitschte er ihn in die Lande.

Der Bauer aber lief zu seinem Bäumchen.

»Habe ich es recht gemacht?« rief er schon von weitem.

Ja, wo war denn das Goldregenbäumlein hingekommen?

Eine schöne Jungfrau mit goldenen Locken stand an seinem Platz, und neben ihr ein junger lachender Bursch. Das Rotkehlchen aber war verschwunden.

Glückselig hielt der Bauer sein wiedergefundenes Töchterlein im Arm, und im andern lag ihm, er wußte nicht wie, der junge Tischlergeselle.

Des Bauern Goldstücke jedoch flogen in der Welt umher. Und wo sie niederfielen, wuchs ein Goldregenbäumchen daraus. Aber noch heute halten all die Bäumlein ihr Angesicht tief zur Erde gesenkt – sie schämen sich, daß sie aus dem Gold entstanden, das den Armen einst mißgönnt ward.« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

So flüsterte der Goldregen mit dem Abendwind.

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