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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Gedanken und Taten.

Ich war mit meinem Gefährten gegen das Abflauen des Winters, das ist gegen Ende März an den Porcupine gekommen. Wir hatten die stürmische Entwicklung mitgemacht, wie aus einer Wildnis mit einer einzigen, einsamen, roh und kunstlos zusammengefügten Hütte mit zwei verzweifelnden Bewohnern eine große Ansiedlung geworden war, mit einer ständigen Bevölkerung von ein paar hundert Menschen, mit Betrieben, die nur mittelbar mit der Goldproduktion zusammenhingen, und einer Obrigkeit – der Mittelpunkt eines weiten Gebietes, wo das Gold regierte.

Dieser stürmische Auftrieb mit seinen sich überstürzenden Ereignissen, das Werden eines freien Gemeinwesens, in dem primitive, ungezügelte Leidenschaften durch eine rohe Form von Autorität bereits gedämpft wurden, dies alles spielte sich ab wie ein Film, der mit der Zeitlupe aufgenommen wurde.

In dem kurzen Zeitraum von drei Monaten war diese Veränderung, dieses Paradigma der gesellschaftlichen Entwicklung vor sich gegangen. Der große Strom heißen Blutes, die Welle menschlicher Energie und Arbeitsfreude, deren Brandung zu Beginn des Frühjahres mich mitgerissen hatte, war über das Land gegangen. Getrieben von einer der stärksten aller menschlichen Leidenschaften, dem Hunger nach Gold, hatte eine wilde Menge diesen jungfräulichen Boden überschwemmt, in seinen Eingeweiden gewühlt und ein Wunder vollbracht.

Hunger und Kälte, schwerste Enttäuschung, Erfolge, die selbst einen ruhigen, kühlen Kopf schwindlig machen könnten, hatten diese Männer erlebt. War es Hunger – so war es der fürchterlichste, trostloseste; war es Kälte – so war sie tödlich; war es Enttäuschung – so brachte sie Verzweiflung, und war es Erfolg – so konnte er Irrsinn bringen.

Über allem aber thronte die Arbeit, die schwerste, die die Menschheit je freiwillig auf sich genommen.

Das große Wunder aber war, daß der reißende Strom, der in Vancouver vor ein paar Monaten der Schrecken einer Stadt war, nach dem ersten wilden Aufschäumen sich selbst Ufer gebaut hatte. Diese Abenteurer, meist Outlaws Outlaws – außer dem Gesetze stehend, vogelfrei. Nach dem »Präriegesetz« konnte den Outlaw jedermann fangen und niederschießen., außer dem Gesetze stehend, die keine äußere Hemmung einer rechtlich geschützten Zucht anerkannten, hatten unter der Wirkung des Goldes sich selbst freiwillig Gesetze gegeben, die sie hüteten mit der Waffe in der Hand und tiefstem Respekt vor dem neuen Recht.

Das nackte Leben, das nach Nahrung verlangte und sie schwer beschaffen mußte, die Plage um das Gold, die das Rückgrat zerbrach und die Arme lähmte, die tausend Gefahren, die menschlichen und tierischen Feinde, die zu bekämpfen waren, das fürchterliche Klima, das die Schwachen erbarmungslos vernichtete, den Starken aber Riesenkräfte schenkte – das ist nicht das, was das Erleben im Yukongebiet zu einer erlebten Epopöe machte. Dies alles ist nur die Außenschale, während den Kern das innerliche Ereignis bildet, das jeder dieser Kerle dort oben mit Bewußtsein mitmacht.

Es wäre ja widersinnig, daß Menschen, die dem Leben abringen, was es zu geben hat, die mit der Natur und ihren freien Kindern auf du und du stehen, denen keine Freude fremd und kein Schmerz erspart bleibt – daß solche Menschen ohne innerlichen Anteil dieses Leben führen könnten, das nur in Superlativen sich ergeht. Hat dieser Mensch zu essen – so frißt er bis zum Platzen; hat er zu trinken – besauft er sich; arbeitet er – kennt er nicht Zeit und Maß; freut er sich – springt er wie ein Kind; ist er eines Freund – opfert er sich auf; haßt er – schießt er den Gegner über den Haufen.

Alle diese Tausende kamen herauf aus allen Winkeln der Alten und Neuen Welt und dachten bei diesem wilden Run nur an das Gold, an das ersehnte Gold, das sich wieder in unerfüllte Wünsche umsetzen ließ.

Drei Monate am Claim waren genug, um aus dem Gold den Gegenstand der Sammlerfreude zu machen.

Der Wäscher, der in seinem Claim seine fünfzig- bis hunderttausend Dollar stecken hat, die er auf die ihm geläufige Weise verhältnismäßig bequem gewinnen kann, läuft Hunderte von Meilen unter Schwierigkeiten und Entbehrungen, die von der Phantasie eines Teufels erfunden sein könnten, in die fernen Berge, um eine Ader zu suchen – nicht weil er noch Gold haben will, sondern weil es »das andere« ist. Und dieses Gold wird erst dann wieder zum gelben Dämon, wenn sich die Gelegenheit bietet, es wieder in Genüsse umzusetzen.

Wenn die weisen Bücherschreiber von den verschwenderischen Goldgräbern erzählen, die in der Stadt achtlos mit Nuggets herumwerfen und die unsinnigsten Dinge für ihr Gold erwerben, wenn die Herren Literaten diese an und für sich richtige Tatsache auf das Konto primitiver Instinkte buchen – so beweisen sie, daß sie den Goldgräber und seine Psyche nicht kennen, was man ihnen aber nicht übelnehmen kann, weil sie wahrscheinlich nie als Goldgräber unter Goldgräbern gelebt haben.

Es ist sicher ein lukratives Geschäft, Goldgräbergeschichten zu schreiben. Das Milieu zu finden, ist nicht schwer. Man fährt im Salonwagen nach Vancouver, von dort, natürlich im Sommer, mit einem der Salondampfer der Canadian Pacific hinauf nach Skagway oder Dyea, dann mit dem Extra-Expreßzug, wie er berühmten Autoren gerne zur Verfügung gestellt wird, und mit einem raschen Motorboot hinauf nach Dawson City und reitet von dort unter fachmännischer Führung in vier bis fünf Stunden mitten hinein in das schönste Milieu, zu den ersten Minen. Man findet dort alles, was einem gezeigt wird, very interesting, sieht das nicht, was nicht gezeigt wird, – und wenn man dann abends in einer Goldgräberschänke, Muster »Potemkin«, sitzt, ein bißchen Lachen, ein bißchen Tanzen, ein bißchen Spielen sieht, dabei auch so entsetzlich nett fluchen hört – hat man sein feines Kolorit und merkt nicht, wie sehr man zum Vergnügen der als Akteure engagierten Herren Goldgräber beigetragen hat, die das blutige Greenhorn an der Nase herumgeführt haben.

Die äußerlichen Erlebnisse des Goldgräberlebens sind, wie überall, verkapselt im Alltag. Das, was wirklich bemerkenswert ist, das Unerhörte, Unvergeßliche wiederzugeben – das würde Lyrik sein.

Diese Gedanken, die damals etwas sonderbar zu meinem äußeren Menschen paßten, beschäftigten mich, als ich am ersten Abend, den ich allein, ohne Fred, verbrachte, vor meiner Hütte saß.

Nachdem ich so ein wenig in mich hineingeschaut hatte, befaßte ich mich auch mit meiner unmittelbaren Umgebung und beschloß, meine Höhle für den kommenden Winterschlaf herzurichten.

Die Mittel und die Gelegenheit dazu besaß ich; in einem festen Kasten unter meiner Pritsche waren wohlverborgen eine stattliche Anzahl prallgefüllter Beutel; die Handwerker, die sachgemäß arbeiteten, waren zur Hand; ich ließ also in der nun folgenden Zeit einen wirklichen Palast herrichten.

Eine ordentliche Bettstelle wurde vor allem anderen hergerichtet, mit einem regelrechten Strohsack, der allerdings diesen Namen mit Unrecht trug, denn er war mit Laub und trockenem Gras gefüllt. Die Bettwäsche vertrat eine fein gegerbte Elchhaut, das herrlichste Leintuch der Welt. Wollene Decken besaß ich, für den Winter war noch ein guter Schlafsack vorhanden. Die Innenwände der Hütte wurden mit Brettern verschalt, der Herd ordentlich gemauert, fehlendes Geschirr ersetzt und eine Petroleumlampe angeschafft.

So ließ sich's leben.

Die Kunde vom Anwachsen der Siedlung war natürlich endlich auch nach Dawson-City gedrungen. Ein großer Kaufmann daselbst hatte die Gelegenheit, seinen Kundenkreis zu erweitern, sich nicht entgehen lassen und im Porcupine Camp ein General-Store, ein Magazin, errichtet, wo man nicht nur sämtliche Bedarfsartikel des täglichen Lebens von der Wiege bis zum Sarge erhalten konnte, sondern auch ein reicher Fundus der typischen Goldgräberartikel sich vorfand. Selbst eine Bank hatte einen Vertreter entsendet und Studien angestellt, ob die Entwicklung des Ortes die Etablierung einer Filiale rechtfertigen würde. Sogar ein Beamter der Regierung des Yukon-Territory Yukon-Territory – kanadisches Gebiet angrenzend an Alaska. War bis vor kurzem selbständig, aber ohne Verfassung. Wurde seither der östlichen Provinz Quebec einverleibt. war erschienen, um die endgültige Ordnung der Besitzverhältnisse und des Gemeindewesens einzuleiten. Denn es hatte den Anschein, als ob die Ansiedlung keinen vorübergehenden Charakter haben sollte, sondern berufen wäre, eine wichtige Etappe am Wege gegen das Eismeer zu werden. Das Vigilance Committee verwandelte sich damals in eine ordentliche Gemeindeverwaltung.

Der Zuzug von Männern, die Claims belegten, dauerte ununterbrochen an. Neben dem Ruf als Goldland, wo kostbares Metall von den Graswurzeln abgeschüttelt werden konnte, kam noch dazu, daß die Gegend regelrecht »geboomt« Geboomt – künstlich mit nicht immer einwandfreien Mitteln zur Geltung, zu einem höheren Werte gebracht. wurde.

Die Konsolidierung der Verhältnisse hatte nämlich noch einen neuen Erwerbszweig gezeitigt, die Grundstückspekulation. Nach den kanadischen Gesetzen ist es wohl einem Goldsucher nur erlaubt, einen einzigen Claim auf seinen Namen registrieren zu lassen; als zweite Hand aber kann er sich so viele bereits registrierte Claims übertragen lassen, als er will. Da es nun sehr häufig vorkam, daß Bodenstücke, wie man im Goldgräberjargon zu sagen pflegt, »ihre Pfanne nicht nährten«, das heißt die Arbeit nicht lohnten, konnten diese leicht vom ursprünglichen Besitzer um ein Butterbrot erworben werden.

Diese Grundstückspekulanten verfolgten einen doppelten Zweck. Einerseits erwarteten sie von dem steten Wachstum der künftigen Stadt eine Verwertung als Baugründe, anderseits verkauften sie diese wertlosen oder ausgepowerten Erdflecke an Neuankömmlinge als kostbare Claims um schweres Geld. Zu diesem Zwecke wurden die betreffenden Claims »gesalzen«; der Verkäufer ließ es sich ein paar Unzen Goldstaub oder Goldkörner kosten, um in Gegenwart des entzückten Kauflustigen eine Probewaschung mit fabelhaftem Resultat vornehmen zu können. Sehr oft glückten diese Machenschaften und der Käufer schreibt es dann seiner eigenen Ungeschicklichkeit zu, wenn er nicht ebensoviel herausbekommt.

Es kommt aber auch ebenso oft vor, daß diese Herren an einen gerissenen Kunden kommen, der diese Witze kennt. Und dann blüht dem smarten Businessman ein Buckel voll Hiebe. Die Allgemeinheit pflegt sich in solche Geschäfte gewöhnlich nicht einzumischen nach dem in ganz Amerika geltenden guten Grundsatz, daß jeder seine eigenen Augen offenhalten möge, und der Kadi wird mit diesen Privatangelegenheiten selten belästigt.

Auch der umgekehrte Fall tritt häufig ein, daß nämlich ein an und für sich wertvoller Claim, der unsachgemäß bearbeitet wurde und keine Erträgnisse gibt, durch einen Wissenden um eine Prise Tabak dem Besitzer abgeschwatzt wird.

So hatten alle Zweige der Betätigung, sogar das geschäftliche Gaunertum ihren Weg in die junge Ansiedlung gefunden.

Wie schon früher angedeutet, hatte sich außer diesen Hyänen des Geschäftes schon einmal eine Vagabundenplatte einnisten wollen. Dank unserer Wachsamkeit gelang dies damals nicht. Jetzt aber kam täglich unter der Maske des seriösen Goldsuchers oder des emsigen Geschäftsmannes eine Sorte Männer ins Lager, die zwar weniger geräuschvoll, aber dafür um so intensiver ihre schmutzigen Ziele verfolgten.

Das waren die Parasiten des Goldes. Professionsspieler, Schwindler aller Art und nicht zuletzt solche, die unter allerhand Lügen die fleißigsten Arbeiter aufsuchten, um ein paar Unzen Gold zu erbetteln. Denen ist das Gold der Inbegriff des Erstrebenswerten, bei der bloßen Nennung des Namens glänzen ihre Augen, aber in ehrlicher Arbeit um den Besitz ringen, liegt ihnen nicht, weil sie bequemere Methoden kennen. Sie bevölkern die Schänken, wissen von jeder Transaktion und holen sich ihren Anteil daran. Sie führen das große Wort, verstehen alles besser und wollen die ganze Welt durch die Erzählungen ihrer Heldentaten bluffen. Von allen durchschaut, werden sie doch geduldet, weil sie zu gewissen Leistungen zu gebrauchen sind und diese auch geschickt durchführen.

Die Gegensätze berühren sich.

Eines Tages traf eine rührende Gestalt freiwilliger Entsagung und Opferwilligkeit bei uns ein. Knapp vor dem ersten Schnee kam Mater Mary Amadeus aus dem Orden der Dienerinnen des heiligen Geistes, krank, mit erfrorenen Händen und Füßen, ins Lager.

Sie hatte als einzige weiße Frau lange Zeit bei den Cheyenne-Indianern gewirkt, war dann an die Küste der Beringsee gekommen, wo sie ihre Missionstätigkeit unter den Stämmen der Eskimos fortsetzte. Ein mörderischer Winter hatte die unerschrockene Frau, die in einer Lehmhütte hauste, niedergeworfen. Auf einer Reise, die den ganzen Sommer währte, war sie endlich, geleitet von anhänglichen Zöglingen, in unserem Camp eingetroffen. Die Kunde von ihrer Ankunft verbreitete sich rasch; es war rührend anzusehen, wie die rauhen Männer wetteiferten, der Glaubensbotin die denkbarsten Erleichterungen und Bequemlichkeiten zu schaffen.

Die Pflege der an Erfrierung erkrankten Missionärin hatte die Frage eines ernsten Sanitätsdienstes ins Rollen gebracht. Bisher waren Erkrankungen interner oder chirurgischer Art mit empirisch erworbener Kunst behandelt worden. Nun aber war die Frage einer sachgemäßen Behandlung akut geworden und die Gemeindeverwaltung ließ einen Arzt aus Dawson-City kommen.

Alle Welt rüstete zum Winterschlaf. Die meisten mit einem Gefühl der Befriedigung, nun der Ruhe und dem Vergnügen pflegen zu können, bei dem der Schnaps eine Hauptrolle spielen sollte. In den beiden gastlichen Stätten, bei Parker und Rossmann, war man vorbereitet. Ungeheure Quantitäten gebrannten Wassers waren auf Lager, die gute Kampagne versprach einen regen Absatz.

Nur mir persönlich war doch ein wenig bang vor der Untätigkeit. Die kleinen Arbeiten des Winters genügten mir nicht. Meine Sehnsucht nach wilden Abenteuern hatte mich heraufgetrieben und das Leben hier begann langweilig bürgerlich zu werden.

Zur Philisterei fehlte nur mehr die privilegierte öffentliche Meinung.

Und so beschloß ich, um mich zu unterhalten und diesem ungeheuren Bedürfnis abzuhelfen, dem Camp eine Zeitung zu schenken.

Vor allem organisierte ich eine gut funktionierende Reportage. Das Departement des Äußeren war bald vergeben – ich sicherte mir die erste alleinige Lieferung des Yukontratsches durch meinen Freund, den roten Schmuggler, der reichlich mit Schnaps honoriert wurde. Was die internen Neuigkeiten des Lagers anbelangt, so gab es unter den früher erwähnten Loafers ein berüchtigtes Tratschmaul, dessen Nachrichten sich aber bis jetzt immer als Tatsachen herausgestellt hatten. Die Dienste dieser wohlinformierten Persönlichkeit sicherte ich mir auch für den Redaktionsstab meines Blattes. Mit der Obrigkeit stand ich auf gutem Fuß und erwirkte das Monopol der offiziellen Verlautbarungen.

Und so überraschte ich eines Tages den Camp mit der ersten Nummer des »Porcupine Adviser«, eines vier Seiten starken Blattes, das ich in zehn Exemplaren geschrieben hatte. Ich mußte Blockschrift anwenden, damit alle es lesen konnten.

Eine Minute nach Erscheinen des Blattes war die Auflage vergriffen; ich hatte zehn Unzen Gold verdient und extra drei langweilige Nachmittage höchst vergnügt verbracht. Für drei Stunden später mußte ich eine zweite Auflage versprechen, bei der ich schon über lebende Druckmaschinen, zwei verbummelte Studenten, verfügte. Auch diese Auflage war im Nu weg.

Aber außer dem Gold, das für die ausgegebenen Exemplare einging, begann es Abonnementsaufträge zu regnen. Ich mußte jetzt nebst den redaktionellen Sorgen auch die der Administration auf mich nehmen, Papier besorgen und Kopisten engagieren.

Duffins General-Store lieferte das erstere, wenn es auch Einschlagpapier in allen Farben war, letztere beschaffte ich mir durch einen öffentlichen Anschlag in Parkers Saloon, in dem schreibkundige Gentlemen gegen hohen Lohn gesucht wurden.

Selbst der kleine Anzeiger florierte, da viele Miner ihre Kaufs- und Verkaufswünsche den Spalten meines Blattes anvertrauten. Findige Jungens, Jäger und Waldläufer abonnierten mehrere Exemplare, die sie in entlegenen Camps oder in Einsiedlerhütten zu höherem Preis zu verkaufen beabsichtigten. Mir ist ein Fall bekannt, daß ein Exemplar des »Porcupine Adviser« in einer Hütte am oberen Red-River um vier Unzen Gold an den Mann gebracht wurde.

Natürlich konnte ich mein geschätztes Blatt nicht an fixe Termine binden, da ich ja von meinen Herren Reportern abhängig war, aber es gelang mir, nach kurzer Zeit alle zwei Wochen eine Nummer herauszubringen.

Meine Leitartikel wirkten sensationell. Da ich natürlich einer gewissen konservativen Richtung der alten Ansiedler meine Feder lieh, kam eines Tages eine Deputation von Anhängern der Gegenrichtung in meine Redaktion, erging sich zuerst in überschwenglichen Lobreden meiner publizistischen Tätigkeit, rückte aber endlich mit dem Ansinnen heraus, unter meiner Leitung gleichzeitig auch eine Zeitung der anderen Couleur herauszugeben. Der Wortführer stellte sich das ganz einfach vor. Die Nachrichten könnten dieselben bleiben, nur müßte ich im Leitartikel des zweiten Blattes gerade den entgegengesetzten Standpunkt vertreten wie im ersten. Daher müßte auch das neue Blatt am selben Tage mit dem »Adviser« erscheinen.

Nur schwer konnte ich den Biedermännern beibringen, daß diese Neugründung durch mich nicht möglich sei.

Daß sich einzelne Prominente des Lagers hie und da durch eine Notiz getroffen fühlten, darf nicht wundernehmen. Daß diese Herren auch hie und da mit etwas drastischen Mitteln die öffentliche Meinung zu beeinflussen suchten, lag eben in der Weltanschauung der Kreise meiner Leser. Ich mußte endlich zu dem bewährten Mittel des Chefredakteurs des »Arizona Kicker« greifen und brachte über dem Redaktionstisch eine Tafel mit der Inschrift an: Bitte auf den Herausgeber nicht zu schießen, er tut, was er kann.

Aber das Blatt ging glänzend; und zu einer Zeit, da alle Minenarbeit schlief, hatte ich eine wirkliche Goldader gefunden. Eines Tages kam pustend und keuchend Sam Parker zu mir. Kaum daß er saß, erschien auch Rossmann. Die wütenden Blicke der beiden Konkurrenten, die verlegen herumstotterten und verdächtig an der Hüfte herumfingerten, veranlaßten mich, die Herren zu ersuchen, entweder ihre Revolver auf den Tisch zu legen oder ihre Privatschießereien zwanzig Schritte von meiner Hütte entfernt abzumachen. Beide zwinkerten mir zu und jeder hoffte, daß der andere zuerst weggehen würde.

Aber Rossmann war der zähere. Er hielt aus. Als Parker wutschnaubend abgezogen war, übergab er mir einen Inseratenauftrag auf eine ganze Seite. In fürchterlichem Englisch die Einladung zu einem Ball. Da ich aber zu den Parkeristen zählte, gab ich Sam den Tipp, am nächsten Samstag eine künstlerische Soiree mit Preispoker zu veranstalten. Es gelang mir, die beiderseitige Weiblichkeit für beide Feste zu verpflichten.

Der Ball bei Rossmann war fabelhaft. Die Damen entwickelten eine Toilettenpracht; daß sich die Herren Tänzer im Anfange scheuten, ihre Pranken um die Taillen und Schultern dieser wandelnden Feen zu legen. Die silberblonde Dagmar, der Stern an Rossmanns Whiskyhimmel, war in einer Robe erschienen, die vermutlich einstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten, eine Eboli getragen hat. Ihre Kollegin, die schwarze Juanita, verblüffte als Urbild der Josefine Baker. Sie trug ein Arrangement aus Papierrosen um die Hüften und um den Oberleib einen duftigen Musselinschal. Indigniert verließ der kleine Lord diesen Venusberg. Die Parkerischen Mädeln kamen züchtig herangestelzt wie Pensionatsfräulein, die zu einem weißen Lämmerhüpfen kommen. Im Laufe des Abends verwischte sich allerdings der Unterschied und sämtliche Tänzerinnen mußten gegen Morgen auf Tragbahren in ihre respektiven Behausungen gebracht werden. Die Meinungen, ob diese Transporte auf Rechnung körperlicher Erschöpfung durch Tanz oder auf die Wirkung ungemischten Whiskys zurückzuführen seien, waren geteilt. Der Alkoholverbrauch erreichte jedenfalls die Einfuhrziffer eines deutschen Herzogtums.

Auch die Soiree bei Parker war keine Kleinigkeit. Das Programm enthielt Nummern, die das Entzücken aller Anwesenden auslösten, einen Kunstschützen, der dem Publikum die brennenden Pfeifen aus dem Mund schoß, einen Athleten, der sogar die zusammengebundenen beiden Giftmischer spazieren trug, der kleine Lord sang altenglische Hymnen und erntete nach der meisterhaften Wiedergabe des Hamletmonologes frenetischen Jubel; und als zwei Yankees unter Banjobegleitung Niggersongs brachten, begannen ein paar anwesende Indianer der umwohnenden Stämme spontan ihren Todesgesang anzustimmen. Der Umsatz des Preispoker erreichte die Höhe des Budgets einer mittleren Kreisstadt.

In der Zwischenzeit war der Winter in seiner ganzen arktischen Härte hereingebrochen. Der Fluß trug eine dicke Eisdecke, Schneestürme hatten den Camp heimgesucht, tagelang konnte man nicht aus seiner Hütte heraus, selbst der Verkehr innerhalb des Lagers war unterbunden. Dann folgten ruhigere Zeiten, wo die großen Nordlichter ihre Blitze über die Ebene sandten und wo das Schneelicht in der Dämmerung der Tage mild schien. Für mich hatte die im Vorjahr so furchtbare Jahreszeit keine Schrecken mehr. Ich kannte sie, hatte unterhaltende Arbeit – aber doch sehnte ich mich hinaus und langsam reifte in mir der Entschluß, im Frühling wieder auf Abenteuer zu gehen.

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