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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Gold in den Bergen.

Trotz dieser stürmischen Entwicklung des Lagers zu einer größeren Ansiedlung und trotz der dadurch eingetretenen mannigfachen Ereignisse ruhte die Arbeit auf den Claims keinen Augenblick. Zeitlich morgens wurde losgezogen, nach einer kurzen Pause mittags zum Einnehmen der einfachen, aber kräftigen Mahlzeit wurde weitergeschuftet, bis der knurrende Magen gebieterisch mahnte, daß es Zeit für Feierabend sei.

Die Claims am Porcupine stellten sich im allgemeinen als recht ergiebig dar und es wurden sogar hie und da Resultate erzielt, die allgemeines Interesse erweckten und ein weiteres Zuströmen von Goldsuchern zur Folge hatten. Für den nächsten Sommer prophezeite man ein Anwachsen der Bevölkerung auf mindestens Tausend.

Geheimnisse gab es keine. Ein besonders großes Nugget oder eine Anhäufung derselben, eine besonders ergiebige Pfanne – – – das sprach sich im Augenblick herum. Unter uns wirklichen Goldsuchern, unter denen, die ihre Arbeit auch um der Arbeit willen liebten, gab es keinen Neid. Die kleinen Feste, die einem außergewöhnlichen Funde folgten, wurden von ganzem Herzen mitgemacht, der glückliche Finder gewaltig angratuliert. Solange wir unter uns waren, gab es keine versperrten Hütten, keine Angst um das Eigentum.

Erst als die Kolonie größer zu werden anfing, als die wachsende Siedlung auch andere Anziehungspunkte bot als die Arbeit um Gold allein, als das letztere zu rollen anfing und nicht mehr ursprünglicher Besitz blieb, da erst begannen die festen Truhen notwendig zu werden, da erst war Büchse und Revolver ein Gegenstand täglichen Gebrauches, ohne den niemand ausging.

Vorläufig dachte selten einer der alten Digger daran, seinen Claim aufzugeben, nur Fred träumte immer wieder von der ergiebigen Goldader, deren Auffindung ihn mit einem Schlag zum reichen Mann machen sollte.

Ich selbst hatte das Heranwachsen des Ortes mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet. Die qualvolle Einsamkeit war allerdings kein Gespenst mehr, das drohend vor mir aufstieg, denn wenn ich schon daran denken mochte, den Schauplatz meiner Tätigkeit zu verlegen, so fiel mir doch nicht ein, dies vor dem Winter zu tun.

Ein ziemlich genau angestellter Überschlag über unsere Arbeit ergab ein ausgezeichnetes Resultat, unsere Ausrüstung war für alle Eventualitäten vorzüglich – – – und so beschloß ich, um auch Fred entgegenzukommen, den Rest der günstigen Jahreszeit zu benützen, um die weitere Umgebung einer genauen Inspektion zu unterziehen.

Besonders stach mir die Hügellandschaft im Osten ins Auge, die Gegend am und um den Mackenzie, wo eine steinige Bergkette sich erhebt, die in gewaltigen Stufen ansteigend sich gegen Süden zu den Rocky Mountains, dem Rückgrat Nordamerikas, verdichtet. Dort in der Gegend hatten wir ja die Mine von Mr. Allers getroffen; dort oben in den Bergen, im genauen Verfolg des Allersschen Goldvorkommens mußte unbedingt nach meinem Dafürhalten Gold im Gestein gefunden werden können, eine Ader oder ein Nest – – – dorthin wollte ich noch im Sommer, denn die Untersuchung des Gesteins, die ja der eigentliche Zweck der Übung dieses Ausfluges war, konnte mühelos, mit wenig Zeitaufwand jetzt vorgenommen werden.

Ich veranschlagte bei dem Umstande, als die Entfernung zum Mackenzie zirka 150 Meilen betrug und wir bei einer Tagesleistung von acht bis zehn Stunden Marsch zur Erreichung des Stromes vier Tage brauchen würden, die Zeit für die ganze Expedition auf ungefähr vierzehn Tage.

Wir stellten also Proviant und sonstige Erfordernisse zusammen, übergaben unsere Beutel mit Gold Sam Parker zur Aufbewahrung, baten Jerry, unsern Nachbar, für unsere Hunde zu sorgen, und zogen los.

Fred war begeistert. Er sah sich schon im Geiste als Besitzer eines Betriebes, wie der des Deutschamerikaners einer war, den wir natürlich auch wiederzusehen gedachten.

Programmgemäß wurde der Mackenzie erreicht. Wir übersetzten ihn in einem Kanoe, das ein Indianer vom Stamme der Hare, die jetzt dort oben ihr Sommerlager hatten, uns lieh.

Leicht fanden wir wieder den Weg zur Ansiedlung, wo wir im Winter ein so interessantes Abenteuer erlebt hatten.

Lautes Hundegebell begrüßte uns beim Näherkommen, wir wurden als alte Freunde aufgenommen und bewirtet und sahen uns jetzt, was wir im Winter nicht gut tun konnten, die Anlagen genauer an, geführt von den beiden jungen Mädchen, die uns sicher damals angemerkt haben, wie sehr wir der Unterhaltung mit Damen entwöhnt waren.

Aus langen Schläuchen wurde die Felswand zunächst unter hohem Druck mit starken Wasserstrahlen bespritzt, der so abgespülte Sand gesammelt und nach Gold gewaschen. Der nackte Fels wurde dann mit Dynamit gesprengt, der Schotter im Pochwerk mit starken, durch das Radwerk getriebenen Rädern zermalmt, Kies und Sand in großen Pfannen aufs genaueste durchgewaschen. Goldkörner und Staub wurden gereinigt, gewogen und in Ledertaschen, deren mehrere in plombierte Eisenkisten kamen, zum Versand hergerichtet.

»Mein Vater,« meinte Miss Allers, »hat sich hier niedergelassen, weil wir durch den Mackenziestrom einen direkten Weg zum Export des Goldes haben. Während der eisfreien Zeit kommt vierwöchentlich ein Dampfer an die Strombarre, wo wir einen kleinen Posten unterhalten. Unser Motorboot bringt das gewonnene Schiffahrtszeit auch mit allen maschinellen Einrichtungen, Lebensmitteln und sonstigen Bedarfsartikeln versieht. Das Gold wird auf eine Station der südlichen Aleuten gebracht, wo Vater eine Schmelzanlage hat, weil dort auch Kohlengruben sind. Dort wird das Gold geschmolzen, das Silber ausgeschieden, beides in Barren gegossen und nach Frisco Frisco – amerikanische Abkürzung für San Francisco. gebracht. An die kanadische Regierung müssen wir natürlich eine sehr hohe Royalty Royalty – Abgabe in Geld an die Krone, d. h. an die Finanzverwaltung. So wie viel Steuer, Anerkennungszins. zahlen. Wir haben chinesische Arbeiter genommen, weil deren Verpflegung mit Fisch und Reis die einfachste ist. Vater meint, daß in der Nähe auch Kupfer sei, vorläufig aber beschränken wir uns darauf, die reiche Quarzschicht abzubauen.«

Als der Abend gekommen war, vereinigte alle Weißen ein gemeinsames Mahl, das uns zu Ehren zu einem Festessen wurde. Eine gewisse Verlegenheit mußte ich aber überwinden, weil ich in meinem Jagdhemd aus Elchhaut, meinen Leggins und den Mokassins an den Füßen, meinen abgearbeiteten Händen mich in diesem trotz der wilden Umgebung gepflegten Milieu nicht recht wohl fühlte.

Es wurde Fred und mir ein Zimmer angewiesen, nach herzlichem Dank an unsere freundlichen Gastgeber gingen wir schlafen.

Das heißt – – – geschlafen haben in dieser Nacht trotz der körperlichen Ermüdung weder Fred noch ich. Die neue, ungewohnte Umgebung, das Essen an einem regelrecht gedeckten Tisch in Gesellschaft gebildeter Menschen mit gepflegter Rede, die lautlose Bedienung durch den geschulten chinesischen Boy – das alles weckte Erinnerungen in uns, die den Schlaf verscheuchten. Einst und jetzt – das war das Thema meiner Betrachtungen, als ich mich ruhelos im Bette wälzte – aber das Jetzt war von mir bewußt herbeigeführt worden, war gewollt – ich war ja in der Lage, jeden Tag das Einst wiedererstehen zu lassen; aber Fred – er hat mir nie erzählt, wieso er auf den Gedanken gekommen war, in die Eiswüste am Yukon zu fliehen, vielleicht wirklich zu fliehen – Fred drehte sich gleich mir von einer Seite zur anderen, er sprach nicht aus, was ihn ruhelos machte – aber es mochten wohl ähnliche Gedanken sein.

Und diese Gedanken ließen uns nicht schlafen.

Wir erhoben uns daher nach kurzer Ruhe, schnürten unsere Packen und verließen leise das Haus.

Ein unbestimmter Instinkt hieß uns in die Felsen klettern, die sich hinter der im Abbau begriffenen Wand erstreckten.

Auf einem kleinen Plateau wurde nach einigen Stunden Marsch Halt gemacht und an einem rasch entzündeten Feuer Rast gehalten. Die Untersuchung des Bodens ergab unter einer dünnen Verwitterungsschichte Quarz, dessen kleine Kristalle überall aufleuchteten. Ein intensives Klopfen mit dem schweren Prospektorhammer ergab Spuren von Gold. Durch diese Entdeckung angeregt, untersuchten wir einen in der Nähe befindlichen Absturz, wo wir zu unserer grenzenlosen Freude die vielverheißende rote Erde fanden, das heißt, Zinnobererde mit leichten Quecksilbertröpfchen, das sicherste Anzeichen reicher Goldgänge.

Mit fieberhafter Aufregung wurde das Gestein bloßgelegt – – – da richteten wir uns plötzlich auf und sahen uns sprachlos an: da lag sie, die Ader, die Fred immer im Traum vorgeschwebt hatte. Im weißen, kristallschimmernden Gestein glänzten schwach gelbliche Blättchen, und an einer Stelle trat eine Ader zwei Finger breit vollkommen zutage.

Soweit es die Aufregung zuließ, verfolgten wir den vermutlichen Lauf der Ader, immer der roten Erde folgend. Sie zog sich einen leichten Abhang hinauf.

Mit zitternden Händen schlugen wir vier junge Fichten, deren Wurzeln in der gelobten Erde standen, und steckten den Claim ab. Ohne an unsere Müdigkeit zu denken, traten wir wie auf Verabredung den Weg nach Südost an, wo das heimische Lager liegen mußte. Nach dem ersten Ausbruch des Enthusiasmus war mein Gefährte still geworden. Am Mackenzie angelangt, mußten wir erst eine gute Strecke stromaufwärts wandern, ehe wir die Übersetzungsmöglichkeit fanden. Die ganze Zeit, bis wir wieder zum Porcupine Camp kamen, redete Fred nur das Allernotwendigste.

Im Lager fanden wir Veränderungen vor.

Jetzt, wo der Winter schon in berechenbarer Nähe war, waren Neuankömmlinge gekommen. Der Lärm, das Gejohle, das krächzende Singen, das aus Rossmanns Hotel kam, zu einer Zeit, die noch Arbeitszeit war, ließ den Schluß zu, daß eine Invasion nicht gerade erwünschter Elemente über das Lager hereingebrochen war.

Iron Scotty, den wir auf seinem Claim trafen, erzählte unter den wildesten Verwünschungen von einer Bande Vagabunden, die mit ein paar Beutel Gold, weiß Gott wo gestohlen, plötzlich erschienen wären. Es sei für heute Abend eine Sitzung des Vigilance Committees einberufen, um über die Lage Beschlüsse zu fassen. Videant consules – – –!

In unserer Hütte war alles in Ordnung.

Sam Parker brachte uns selbst das ihm anvertraute Gold zurück und schwur auf seinen Konkurrenten, Jacky Rossmann, den Zorn des Himmels herab.

Denn dieser Biedermann habe den ersten Anstoß zur Verwilderung der guten alten Sitten im Lager gegeben. Mit den gemütlichen Abenden, an denen die Tagesereignisse besprochen wurden, wo höchstens ein harmloses Spiel gemacht wurde, an dem sich alles erfreuen konnte, sei es vorbei.

Dieser Rossmann, sicher ein verkrachter Spielhöllenbesitzer aus dem Osten der Vereinigten Staaten, wenn nicht gar ein Europäer, habe mit seinen glotzäugigen Rangen ganz neue Gebräuche eingeführt. Statt einem ehrlichen Wirte für ehrlichen Whisky die paar Unzen Gold zu opfern, die dieser wahrlich schwer genug in dieser verdammten Gegend verdiene, würfen die Leute ganze Beutel Gold auf den Spieltisch, wo der würdige Franzose, der Avila Prevoust, eine Kreatur des alten Rossmann, die Bank halte. Nicht das ehrliche alte Poker werde dort gespielt, sondern ein Spiel, bei dem kein Teufel sich auskenne und das nur die Bank reich mache, während die Mitspieler ausgeplündert würden. Natürlich seien die Karten gezinkt – und vor zwei Tagen hatten sich der junge Bonny und der Bankhalter geschossen, weil ersterer sich nicht ruhig betrügen ließ. Natürlich habe der Frenchman den ersten Revolver gezeigt – und Bonny läge jetzt mit einer Kugel in seiner Schulter fiebernd in seiner Hütte – na, morgen würde sich das Komitee mit dem Fall befassen – die ganze Reputation des Lagers sei in Frage gestellt – und der brave Giftmischer wurde direkt melancholisch.

Am nächsten Tag gab es zur Mittagszeit eine mächtige Schießerei. Auf dem Platz vor der Hütte des alten O'Kearn, des Vorsitzenden des Vigilance Committees, stand auf einer wackligen Konservenkiste Johnny, der Sheriff, und schoß aus zwei alten Donnerbüchsen unaufhörlich in die Luft. Dieses Geknalle ersetzte das Läuten der Sturmglocken.

Als alle herumstanden, wie sie gerade von der Arbeit weggelaufen waren, mit Spaten, Schaufeln, Waschpfannen in der Hand, einige auch mit einer Kochschüssel, weil sie eben häuslich beschäftigt waren, wurde bekanntgegeben, daß am Abend bei Parker eine Versammlung stattfinden werde, in der das Komitee seine Beschlüsse bekanntgeben werde.

Unnötig zu sagen, daß abends alles zu Parker strömte.

Zum allgemeinen Erstaunen aber gab es keinen Whisky und Sam erklärte mit bedauerndem Achselzucken, daß Seine Ehren – er meinte damit unseren alten O'Kearn – den heutigen Abend für trocken erklärt habe. Nichtsdestoweniger weiß ich authentisch, daß mindestens ein Dutzend Schnapspuddeln unter listigem Augenzwinkern von Hand zu Hand und Mund zu Mund gingen.

Schlag acht Uhr betraten die fünf Mitglieder des Komitees feierlich die improvisierte Tribüne und O'Kearn verkündete unter allgemeiner Aufmerksamkeit den Beschluß, zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager einen freiwilligen Sicherheitsdienst zu organisieren. Er fordere die Bürger dieses gesegneten Gemeinwesens auf, sich zur Übernahme dieses ehrenvollen Amtes als Konstabler zu melden, es handle sich um zwei Trupps zu je zehn Mann, von denen der eine vor, der andere nach Mitternacht Dienst zu machen haben werde.

In fünf Minuten waren die Trupps gebildet. Es herrschte eine unbeschreibliche Begeisterung und diejenigen, die Old Johnny, der Sheriff, aus der Menge der sich Meldenden auswählte, waren ein Gegenstand allgemeinen Neides.

Nachdem der Vorsitzende noch alle übrigen Bürger aufgefordert hatte, ihre diversen Schießeisen parat zu halten, um nötigenfalls bei einem Alarm eingreifen zu können, ging man zum zweiten Punkt der Tagesordnung über.

Johnny, der verbummelte Jurist, der diesem Umstände seine Wahl zum Sheriff verdankte, erhob sich in ungeheurer Würde und beantragte, daß sich die ehrenwerte Versammlung als Grand Jury konstituiere, da er in seiner Eigenschaft als Quasi-Kronanwalt eine peinliche Anklage gegen Avila Prevoust, Esquire aus Quebec, Kanada, wegen boshaften Anschlages gegen die körperliche Sicherheit eines Menschen gemäß Artikel 471 des Criminal Code des Vereinigten Königreiches einzubringen hätte.

Die Sensation dampfte über den Köpfen der Anwesenden. Die meisten der nunmehrigen Jurymitglieder hatten, soweit sie an einer Gerichtsverhandlung jemals teilgenommen hatten, dies nur von der Box der Angeklagten aus getan; daß sie es je in ihrem Leben so weit bringen würden, als Geschworne zu fungieren, das übertraf ihre kühnsten Hoffnungen. Man sah förmlich, wie der Stolz darüber die verschiedenen Busen schwellen ließ.

Natürlich wurde der Antrag einstimmig angenommen.

Nun hielt Old Johnny unter atemloser Spannung eine fulminante Anklagerede, gespickt mit juristischen Zitaten, fundiert auf die Entscheidungen von Lord-Oberrichtern, deren Namen man aber vergeblich in den Verzeichnissen von Somerset-House in London suchen würde. Als er zum Schluß die Herren Geschworenen direkt anredete und die ungesäumte Ausweisung der Gefahrenquelle verlangte, stand das Urteil bereits fest.

Welches Unheil mit diesem Spruch heraufbeschworen wurde, das bewies der nächste Tag, als eine heulende, johlende Menge der Rossmann-Partei, alle Loafers und Rowdies, die zuletzt angekommen waren, und ein paar jüngere Leute der ständigen Bevölkerung, stürmisch die Kassierung des Urteils verlangte. Meetings wurden abgehalten, bei denen es blutrünstige Reden gab, von einer Arbeit war keine Rede, Old O'Kearn und Johnny waren in ihren Hütten belagert, und nur ein Dutzend blanker Gewehrläufe, die aus den Fenstern lugten, hielt die erbitterte Menge des Pöbels ab, Sturm zu laufen.

So war Kommunalpolitik ins Lager eingezogen. Hier die Regierungspartei der Parkeristen, dort die Opposition der Rossmänner.

Wieder war ein großer Schritt auf dem Marsch zur Zivilisation getan.

Lange wogte der Kampf. Da aber die Mitglieder der Regierungspartei durchwegs im Besitze von Schießwaffen waren, während die Opposition nur über Waffen zum Nahkampf verfügte, siegte endlich die Regierung. Die Ausweisung des Spielers erwuchs in Rechtskraft, doch verlangte die numerisch sehr starke Opposition das Zugeständnis, an Stelle des verbannten Spielers eine öffentliche, unter dem Schutze der Autoritäten stehende Spielbank zuzugestehen.

Die Argumente der »Bankpartei« entbehrten nicht einer gewissen Berechtigung.

Porcupine Camp, sagten sie, sei ein Ort geworden, der in der Geschichte des Nordens eine gewisse Rolle zu spielen berufen sei. Wo in allen jungen Ansiedlungen nördlich der Städte sei ein solcher Aufschwung zu beobachten? Wo seien Häuser in dieser soliden Ausführung noch anzutreffen? Wo gäbe es alle Genüsse, die sich ein Goldgräberherz nur ersinnen könne, in der Höhe des Polarkreises wieder? Und dieser Ort, dieses Paris des Nordens, solle ohne jenes Element auskommen, das allein das Goldgraben der Arbeit wert mache – eine privilegierte Stelle, wo man das Gold nobel los werden konnte? Es sei endlich Zeit, mit den Vorurteilen einer alten Zeit zu brechen, die Herrschaft der ersten Ansiedler, die geradezu Hochtories Hochtories – Die englischen Konservativen, worunter zahlreiche Aristokraten sind, werden Tories genannt. Hochtorier, die starrsten Konservativen, Rückschrittler. geworden seien, sei zu Ende – junges Blut sei da und wolle seine Rechte geltend machen.

Gegen die Errichtung einer Spielbank, als deren Konzessionswerber natürlich Jacky Rossmann auftrat, protestierte Sam Parker, der seinen wirtschaftlichen Ruin voraussah.

Dieser Streit endete, wie übrigens fast alles in der Welt, mit einem Kompromiß, in dem den beiden Konkurrenten erlaubt wurde, in ihren Lokalen spielen zu lassen, jedoch nur solche Spiele, wie sie »von altersher unter Gentlemen bekannt und gepflegt würden«.

Dieser politische Kampf hatte aber noch eine weitere Folge. Es gab Männer, die »Grundsätze« entdeckten, sich abends nach der Arbeit in ihre Hütte zurückzogen, Okarina spielten und von einer Häuslichkeit zu schwärmen begannen.

Der erste, der diesem Bazillus erlag, war der heilige kleine Lord. Unerschütterlich in seinen moralischen Grundsätzen, verschwand er eines Tages und kehrte nach einer Woche mit einer jungen Indianerin vom Stamme der Kut-chin wieder, die er ihrem Vater um ein Pfund Tabak abgekauft hatte. Mit ihr an der Hand trat er vor Seine Ehren Seine Ehren – His Honour, Anrede an Richter und Bürgermeister nach angloamerikanischem Gebrauch., das weltliche Oberhaupt der Gemeinde, das auch natürlich die Funktionen eines Friedensrichters zu versehen hatte, und ließ sich mit seiner Squaw ehelich verbinden.

Zuerst brüllte das ganze Lager vor Lachen. Dann aber fand man, daß der kleine Lord eine gloriose Idee gehabt habe. Die umwohnenden Indianerstämme verfügten auf einmal über eine ungeahnte Menge Tabak, und die Trauungen, zu vier Unzen Gold das Stück, waren für den alten O'Kearn eine täglich wachsende Einnahmequelle.

Fred hatte inzwischen sich zu einem Entschluß durchgerungen. Eines Abends machte er mir den Vorschlag, das Lager gänzlich zu verlassen und an die Ausbeutung der in den Bergen entdeckten Goldader zu schreiten. Er dachte dabei an ein Zusammenarbeiten mit dem Allersschen Pochwerk. Ihm spukten allerhand Ideen im Kopf herum, er redete von einer Seilbahn, die den Quarz zum Werk bringen solle – ich hatte aber ganz den Eindruck, als ob auch noch andere Wünsche mitspielten, nicht zuletzt die Allersschen Mädchen.

Meinen Einwand, daß ich nicht daran denke, den Winter mit ihm allein in den Bergen zu verbringen, begegnete er mit dem Gedanken, die kalte Jahreszeit im Pochwerk zu bleiben, wo man sich gegen Kost und Quartier sicher sehr nützlich machen könne.

Diesen Vorschlag schlug ich rundweg ab. Schon deshalb, weil ich mir aus einer Kompagnieschaft mit dem Deutschamerikaner nichts anderes versprechen konnte als gerade nur Lohnarbeit. Und dazu war ich wirklich nicht da herauf in diese Hölle gegangen.

Jerry, den wir zu Rate zogen, schätzte sachverständig unseren Claim ab, bestimmte aus den mitgebrachten Proben und aus der genauen Beschreibung der Ader auch deren ungefähren Wert und machte endlich einen Vorschlag der gegenseitigen Abrechnung, der von Fred und mir angenommen wurde.

Wir gingen also zum alten O'Kearn, der als Notar das Abkommen bekräftigte.

Und so nahm denn eines schönen Tages Fred rührend Abschied von mir, nahm mit, was ihm gebührte, und wanderte in Gesellschaft von einigen Prospektoren Prospektor – Goldsucher, der überall Proben macht. Prospektieren = umherwandern, um Adern zu suchen., die an den Mackenzie reisten, seinem neuen Arbeitsfeld entgegen.

Ich blieb im Porcupine Camp, arbeitete fleißig nunmehr allein, so lange es die Jahreszeit erlaubte, bis der Winter wiederkam und mit ihm Schnee und Eis und Nacht.

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