Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Kühnelt >

Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
Schließen

Navigation:

Lagerleben.

Innerhalb eines Monates hatte sich das Bild am Porcupine vollkommen geändert.

Das ganze landschaftliche Bild war ein anderes geworden.

Waldparzellen waren verschwunden, vom dichten Busch war keine Spur mehr vorhanden; wo früher zwischen sanftgeneigten Uferböschungen schäumende und wirbelnde Wogen dahingeschossen waren, schlich jetzt träge ein seichter Fluß, dessen Gewässer allenthalben zur Arbeit gezwungen waren. Ableitungen, wie Fred und ich sie zum Waschen der Kiesschichte hergestellt hatten, entnahmen schon weit oberhalb des Lagers dem Arbeitssklaven seine Kraft, der stete Bedarf an Schnittholz, Brettern und Pfosten hatte die Anlage einer kleinen Säge gefordert, die kreischend und fauchend die bisherige Stille durch ihren betriebsamen Lärm ersetzte. Wohl grüßten noch die Riesen des Waldes jenseits der Ebene herüber, aber auch sie waren dem Tode geweiht, trugen die Marken der Holzfäller und hoben sich aus abgestocktem Waldboden.

Die Tiere der unberührten Wildnis, die noch im Anfang der kleinen Siedlung bis fast vor die Hütten gekommen waren, hatten sich erschrocken vor dem Hasten des Golderwerbes in die Tiefen der Wälder zurückgezogen, Hirsche, Elche und andere jagdbare Quellen der Fleischbeschaffung konnten nur nach tagelangem Wandern vor die Büchse gebracht werden und die Räuber der Nacht, Wölfe und Füchse, wurden nicht mehr gesehen.

Statt des Heulens eines Wolfes weckte uns des Nachts nur mehr das heisere Gröhlen eines Betrunkenen, das Bellen des Fuchses war durch Keifen und Zanken ersetzt.

Die Kultur hatte ihren Einzug gehalten – – – und vor ihren Segnungen floh die Kreatur.

Die Industrialisierung des Lagers, das schon einen Namen, »Porcupine Camp«, erhalten hatte, machte täglich Fortschritte.

Außer der Sägemühle waren schon eine ganze Reihe von gewerblichen Werkstätten entstanden.

In der ersten Zeit wurden kleine Ausbesserungen an Arbeitsgerät und Kleidung, an den Hütten und Anlagen vom Eigentümer kunstlos, nach bestem Wissen und Können vorgenommen, auch alle Neuanfertigungen erfolgten in Heimarbeit, erfinderischer Geist gab seine Ideen her und geschickte Hände halfen überall aus.

Aber mit dem Fortschritte des Sommers kamen viele Gräber darauf, daß die Zeit besser durch andere Tätigkeit als Puddeln und Waschen angewendet werden könnte, mit demselben Resultat, der Gewinnung von Gold.

Einzelne der immer zahlreicher heranströmenden Ansiedler fühlten sich nach dem ersten Bemühen der schweren Arbeit des Diggers und Wäschers nicht gewachsen, sie erinnerten sich aber einer vielleicht vor Olims Zeiten ausgeübten oder erlernten Profession und begannen ihre Dienste als Zimmerleute, Tischler, Schuster oder Schneider gewerbsmäßig anzubieten. Auf diese Weise kamen sie ja auch in den Besitz des ersehnten gelben Metalles, ruhiger, mit weniger Gefahren und vor allem weniger mühevoll.

Das Gold begann seinen Umlauf zu nehmen. Es wanderte aus dem Beutel des Produzenten in den eines Professionisten. Der Austausch von Gütern verschwand immer mehr, jetzt wurde durch ein allgemein anerkanntes Zahlungsmittel gekauft und verkauft. Die große volkswirtschaftliche Wandlung der Naturalwirtschaft in die Geldwirtschaft vollzog sich hier im Kleinen.

Nun bezogen die Schuhmacher ihr Leder zunächst von den umwohnenden Eingeborenenstämmen, sie fertigten Mokassins und Beutel an, die sie an die Bedürftigen verkauften, die Schneider nähten Parkas und Jagdröcke aus Häuten und Fellen, die sie ebenso bezogen, oder Anzüge aus Stoffen, die ihnen die Peddlars von Süden brachten. Die Zimmerleute fügten Balken und Bretter, die ihnen die Säge lieferte, zu Einzäunungen und Häusern.

Auch diese hatten sich stark verändert. An Stelle der alten, von ungeübten Händen aufgeführten elenden Shanties, den Hütten aus roh behauenen Baumstämmen, Moos, Kistenbretteln oder Zeltblättern waren wohlgefügte Häuser aus zubereiteten Balken und Brettern geworden, gutgedeckt und wettersicher, die auch einen gewissen primitiven Schmuck in Gestalt roher Schnitzerei aufwiesen.

Eine Art ursprünglicher Heraldik war entstanden, jeder liebte es, seinem Hause ein Symbol zu geben, das ihm wert war oder eine glückliche Zukunft verhieß, damit es sich deutlich von anderen unterscheide und leicht zu finden sei. Wie auf den Hallen der germanischen Vorzeit zierten Tierköpfe die Giebelbalken, Elch- und Hirschgeweihe wurden angebracht oder gewerbliche Zeichen gaben den Beruf der Bewohner zu wissen.

Im Inneren des Hauses gab es Tische und Stühle, Bettstellen über der Erde, die die Nachtkühle nicht mehr so fühlbar machten, Truhen zur Aufbewahrung von Kleidern und Geräten, feste Kasten mit sicheren Verschlüssen zum Verschließen der Goldbeutel.

Rings um den Camp war der Boden wie von einem Riesenpflug durchwühlt. Jeder Fußbreit Gelände war nach Gold umgegraben, mächtige Erd- und Kieshaufen türmten sich zu Hügeln, die im Laufe der Zeit fest wurden und sich mit Grün bedeckten. Zwischen den neuen Hütten waren die Anfangsstadien einer Straße bemerkbar, kleine Wagen, roh und kunstlos gefügt, transportierten, von Männern gezogen oder geschoben, Erde und Kies und Sand und Waren. Ihre Gleise schnitten tief in den gelockerten Boden ein, zeigten aber die oft begangene Richtung dauernd an.

Auch eine, wenn man so sagen darf, Baulinie wurde schon eingehalten.

Und jetzt begannen die Claims selbst ein Objekt des Handels zu werden. Einzelne Männer, die vielleicht anderswo im Lande, in der näheren oder weiteren Umgebung mehr Möglichkeiten sahen, überließen ihre Grundstücke Neuankömmlingen gegen Entgelt. Schwache Personen, die ihre Kräfte bei der schweren Arbeit schwinden fühlten, verkauften ihren Besitz an Nachbarn, denen der eigene, ursprünglich erworbene zu klein war für ihre körperliche Kraft und ihren Unternehmungsgeist. Andere reisten zur Stadt, kamen nie wieder, an ihre Stelle kamen andere, an die sie dort unten ihre Besitztitel abgetreten hatten.

Neue Ansiedler kamen von Süden herauf, in Kanoes den Yukon herunter, in einer mühsamen Wanderung von der Mündung des Porcupine-River den Flußlauf entlang bis zum Camp. Schwerbepackt mit Arbeitszeug, Proviant und den unentbehrlichsten Artikeln des täglichen Gebrauches zogen sie an uns vorüber ein, einzeln oder zu Partien vereint, schlugen ihre Zelte auf, steckten ihre Claims ab und bauten endlich ihre Hütten. Hungrig wie die Wölfe nach dem endlichen Besitz des heißersehnten Goldes warfen sie gleich bei ihrer Ankunft ihre Werkzeuge in den Boden – – – und das erste Stäubchen des erträumten Metalls versetzte sie in einen Paroxysmus von Freude – irres Gelächter – wilde Lieder kamen von ihren vertrockneten Lippen – Gold war da, Gold – und dieses Gold war ihr Eigentum!

Und im Gefolge dieser Goldsucher kamen die, die das Gold suchten, nicht aber die Gefahr seines Erwerbes.

Rechtsanwälte, die unten in den alten Provinzen keine Praxis fanden oder die erworbene auf geheimnisvolle Weise, von der sie nie sprachen, verloren hatten, hier aber aus den unvermeidlichen Streitigkeiten zwischen Claimbesitzern ein reiches Feld der Tätigkeit erhofften. Agenten für dieses und alles, Spieler und Musikanten, alle mit dem einen Wunsch, Gold zu machen, Gold zu erwerben, Gold zu gewinnen! Sie kamen, Schoren ihre Schafe, verschwanden wieder, tauchten wieder auf und gingen ihre dunklen Wege wieder weiter.

Wenn einer von denen am Weg verreckte – – – krepiert vor Hunger, niedergeschlagen wie ein wildes, gefährliches Tier – – – wer fragte darnach? Und morgen kam doch ein anderer, der das unterbrochene Spiel von neuem spielte.

So war denn die kleine Bevölkerung des Camps in steter Bewegung. Neben dem Lager aus festen Häusern war immer eine kleine Zeltstadt mit immer wechselnder Bevölkerung zu sehen.

Von allen Seiten strömten die umwohnenden Indianerstämme herbei, die Kut-chin, Loucheux oder Hare, die Shiwahs, Tlinkeths Tlinkeths – großes Indianervolk im oberen Yukongebiet. Die Tlinkethberge sind stark goldhältig., welche Fleisch, Leder, Häute, Decken und die Produkte ihrer kunstgewerblichen Phantasie feilboten und sich hier betranken.

Von Norden und Westen her über die Alaskagrenze kamen die Strandbewohner der Beringsee, Indianer und Inuit Inuit – so nennen die Eskimos sich selbst. Heißt in der Eskimosprache »Mensch«. (Eskimos), die Robbenfelle, Walroßzähne und den wichtigen Tran brachten; auch weiße Jäger oder Goldgräber vom unteren Yukon kamen aus dem Gebiete der Union, um in Sam Parkers gastfreiem Haus sich wieder einmal gründlich anzusaufen. Und dieses Wechseln, dieses Kommen und Gehen von Männern aller Art, von Jungen und Alten, Goldgräbern und Jägern, Händlern und Handwerkern, von Weißen, Roten und Tranmenschen machte es endlich nötig, der wilden Gemeinschaft auch eine gewisse bürgerliche Ordnung zu geben. Die staatliche Autorität kümmerte sich nicht um uns, sie wußte wahrscheinlich von der Existenz dieser Ansiedlung nur so viel, als in Dawson-City in Bars, Gasthöfen oder Geschäftshäusern herumgeredet wurde, vielleicht auch etwas, wenn die Neuregistrierung eines Claims vorgenommen wurde – – aber hier galt das alte Wort des verflossenen Mütterchen Rußland: Das Reich ist groß und der Zar ist weit.

Es wurde also eines schönen Samstags abends in Sam Parkers Whisky-Palace eine Versammlung aller ständigen Einwohner einberufen. Zur festgesetzten Stunde war alles beisammen, eine gewisse Feierlichkeit erfüllte die rauhen Männer; es war verhältnismäßig still, als ein alter Miner, ein Kanadier aus Ontario als Alterspräsident die Sitzung eröffnete. Man stand herum, einige saßen auf den wenigen Stühlen, auf Zuckerkisten und alten Fässern, dichter Qualm von Tabak stand in grauen Schwaden über den Köpfen.

Joe O'Kearn nahm den Westener Westener – der typische breite Hut des Amerikaners im Westen, in Europa »Cowboy«-Hut genannt. ab.

»Gentlemen,« begann er mit einer gewissen Würde, »Ihr habt mich als Ältesten bestimmt, den Stuhl einzunehmen den Stuhl einnehmen – im Englischen wird der Ausdruck »to take the chair« gebraucht für: den Vorsitz übernehmen. – – –« und er entwickelte in ziemlich fließender Rede den Zweck der Versammlung. Er sprach von dem Erblühen der jungen Ansiedlung, von Recht, Gesetz und Ordnung – – – und alle diese Männer, von denen gewiß eine ganze Anzahl außer dem Gesetze standen, zollten ihm enthusiastischen Beifall.

Jetzt ging eine Redeorgie los. Jeder hatte dies oder jenes vorzuschlagen, Iron Scotty ließ seine wirkungsvollsten Flüche los, der kleine Lord plädierte für die Berufung eines Pastors, es wurde geschrien, gelacht, gestritten, es konnte jeden Augenblick eine Schießerei oder ein Messerkampf losgehen – – – aber vier stämmige Irländer, die die Ordner waren, wußten geschickt jeden Temperamentsausbruch im Keim zu ersticken. Ein paar fremde Rowdies, die sich in Erwartung einer glorreichen Rauferei eingefunden hatten und hetzten, wurden von den mächtigen Tatzen der vier Enakssöhne höchst unsanft aus dem Lokal befördert.

Endlich, als alle heiser waren, die Luft in der Hütte zum Schneiden dick und unatembar, wurde ein »Vigilance Committee«, eine Art von Wohlfahrtsausschuß gewählt, der mit direkt diktatorischen Vollmachten ausgestattet war.

Er übte vor allem die Polizeigewalt aus, die niedere und die hohe Gerichtsbarkeit; letztere allerdings, dem anglosächsischen Rechtsempfinden gemäß, unter Beiziehung einer großen Jury, die aus allen »Tenants«, den Besitzern von Grund und Boden, bestand. Jeder Bürger des neuen Gemeinwesens war auch selbstverständlich Mitglied des Milizkorps und mußte dem Sheriff Sheriff – Polizeibeamter, der nach anglosächsischem Recht gewählt wird. bei der Verfolgung von Übeltätern mit der Waffe Assistenz leisten.

Sonst ging das Leben im Camp seinen geräuschvollen Weg weiter. Trotz des Zusammenströmens einer Menge starker Männer, deren schon von Natur aus nicht gerade feine Sitten durch die schwere Arbeit und den ewigen Kampf mit der wilden Natur keineswegs höfischer werden konnten, herrschte im Lager am Porcupine ein wenn auch rauher, aber immerhin gemütlicher, kameradschaftlicher Ton.

Gelegentliche Exzesse des einen oder des anderen wurden kurzerhand unterdrückt, unvermeidliche Streitigkeiten erledigt, wenn nicht anders, durch einen mit dem ganzen Zeremoniell solcher Veranstaltungen angefochtenen Faustkampf.

Und es war nie vorgekommen, daß die Gegner, wie es so schön in den Duellprotokollen der zivilisierten Lande heißt, unversöhnt geschieden wären.

Unerwünschte Fremde, die im Camp etwas ausgefressen hatten, wurden unter freundlicher Begleitung zweier Bürger ein paar Meilen weit fortgeschafft, wenn es notwendig war unter Mitgabe einer ausreichenden Naturalverpflegung. Beim Abschied aber wurde ihnen mit ruhiger Bestimmtheit eröffnet, daß eine Büchsen- oder Revolverkugel ein Loch in den Körper zu machen pflege und daß in Porcupine Camp genug Hanfstricke vorhanden seien, um jemanden an einen Ast der alten Fichte neben der Säge am Halse solange aufzuhängen, bis die arme Seele zur Hölle fahre. Diese liebevolle Rede pflegte stets den gewünschten Eindruck zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, daß jemand, an den diese Worte gerichtet waren, sich je wieder im Camp sehen ließ.

Die Samstag-Abende und der Sonntag-Nachmittag waren gewöhnlich für den Besuch des Parkerschen Etablissements reserviert.

An den Abenden der Wochentage war man von der Tagesarbeit meistens so müde, daß man höchstens auf ein Glas Schnaps eintrat, das stehenden Fußes getrunken wurde. An den beiden erwähnten Tagen aber versammelte sich die ganze Bevölkerung des festen und des fliegenden Lagers in der und um die Whiskybude, man legte sich, wie die Seeleute sagen, vor Anker.

Es war aber nicht allein der Schnaps, der lockte.

Diese Zusammenkünfte dienten nebstbei auch demselben Zwecke, dem die Versammlung der Hamburger Patrizier im ehrwürdigen Palaste auf der »alten Liebe« gewidmet ist – – – dem Geschäfte.

Hier wurde gehandelt und besprochen, hier waren Führer und Jäger zu erfragen, hier konnte man sich über die Verhältnisse in der näheren und weiteren Umgebung informieren. Hier wurden gemeinsame Unternehmungen geplant und verabredet, Partner gesucht und gefunden, Wetten eingegangen und ausgetragen, hier war die Stelle, wo die Preise aller gangbaren Artikel festgesetzt wurden, die Verlautbarungen der hohen Obrigkeit kundgemacht und – – – meistens abfällig – – – glossiert wurden.

Diese primitive Börse oder, wenn man will, dieses »Forum porcupense« war der Mittelpunkt eines weiten Gebietes geworden, und da es nicht nur anderswo, sondern auch hier landesüblich ist, jedes Geschäft oder jede Abmachung durch einen tiefen Trunk zu bekräftigen, konnte Sam Parker bald mit Recht von sich sagen, daß er die ergiebigste Goldader der Gegend angeschlagen habe.

Wo Schnaps und Gold ist, da stellen sich bald auch deren vier Vettern, die Kartenkönige, ein.

Die in schwerer Arbeit abgestumpften Nerven fordern fast automatisch eine starke Anspannung, und diese bot das Spiel, aber es wurde weniger um des Spieles willen betrieben, als des Gewinnes, das heißt der Aufregung um des Gewinnes halber.

Es ist diesen Menschen mit dem heißen Abenteurerblut in den Adern ganz gleichgültig, was sie spielen, wenn es nur ein Glücksspiel und der Einsatz hoch ist.

Bargeld war in der Ansiedlung fast verschwunden, das blieb meistens schon im Hafen und in der Ausrüstungsstelle hängen. Goldstaub und Nuggets vertraten die Kassenscheine, der Kurs der Unze wechselte zwar, stand aber doch meistens zur Zeit, da ich dort oben seßhaft war, um die fünfzehn Dollar herum. Eine Goldwaage hatte jeder oder wenigstens die meisten, und so war es nicht schwer, Geldbeträge in ungemünztes Gold umzurechnen.

Die Summen, die durch das Spiel ins Rollen kamen, bewegten sich häufig in einer Höhe, daß kontinentale Spielklubs einen wochenlangen Gesprächsstoff hätten.

Diejenigen, die nicht als aktive Partner an den Poker- oder Euchretischen Euchre – ein Spiel, das dem Poker ähnlich ist. Fast identisch mit dem jetzt so beliebten Rummy. Wird auch mit einem »Joker« gespielt. Platz fanden, beteiligten sich wenigstens durch Wetten, insbesondere dann, wenn Matadore ihre Kräfte aneinander maßen.

Es wurde aber bald unangenehm bemerkt, daß diese Kartenspiele doch nur einem beschränkten Kreis zugänglich waren, weshalb es unbeschreiblichen Jubel und eine wahnsinnige Revolverphantasia auslöste, als ein findiger Knabe eine zwar primitive, aber tadellos funktionierende Roulette herstellte. Jetzt war es für jeden, der Rot und Schwarz unterscheiden und bis Dreißig zählen konnte, ein Leichtes, sein Gold rasch los zu werden. Denn es gewann ja doch immer der Bankhalter.

Ein würdiger Gentleman, der von Fort Yukon über die Unionsgrenze kam und an einem gesegneten Samstag die Bank hielt, wäre beinahe mit der gesamten Ausbeute des Camp abgefahren, wenn ihn nicht unser kleiner Lord, der in seiner Heiligkeit natürlich nie spielte, aber genau alles beobachtete, einer kleinen Korrektur des Glückes überwiesen hätte. Der biedere Yankee wäre sicher an diesem Abend in seinen Stiefeln gestorben, aber die Obrigkeit schützte und veranlaßte ihn, unter sicherer Bedeckung und sanfter Ermahnung, siehe oben, nach Zurücklassung seines Gewinnes und dreier noch gesunder Backenzähne seine heimatlichen Penaten wieder aufzusuchen.

Drei kräftige Cheers für den kleinen Lord, den Helden des Tages – – – ein Bombenrausch aller Beteiligten – – – und wieder war Sam Parker der einzig glückliche wirkliche Gewinner.

Gegen Mitte des Sommers aber entstand plötzlich diesem erfolgreichen Geschäftsmann eine scharfe Konkurrenz. An der Spitze einer Karawane rollte schnaufend, pustend und keuchend Jacky Rossmann ins Lager, schwitzend, kommandierend und aufgeregt, begleitet von drei untersetzten Jungen, die die gleichen wässerigen Froschaugen besaßen wie ihr Herr Erzeuger. Und der brachte die Sensation ins Lager – – . Was waren die faustgroßen Nuggets, die der alte Randy Patterson im Kies sechzehn Fuß unter der Oberfläche gefunden hatte – – – was war die Bonanza hinten am Moose-Creek – – – was war der tödliche Unfall des armen kleinen Italieners, von dem man nicht einmal den Namen kannte – – – was der Kampf unseres Jerry mit dem Grizzly halbwegs nach Peel – – – Jacky Rossmann übertraf alles – – – er brachte die erste Frau ins Lager.

Diese Vertreterin des schönen Geschlechtes war sehenswert – nicht so sehr ihrer Schönheit wegen, als ihres Aufzuges. Um ihre massige Gestalt wallte eine Robe aus Purpursamt, auf dem Haupte thronte ein stolzes Gebäude von Federn und bunten Blumen, an ihren Handgelenken klirrten breite Armbänder, die in der Sonne nur so funkelten. Starr stand der ganze Camp vor dieser Pracht und Herrlichkeit. Aber wie wuchs dieses Staunen zur wilden Bewunderung, als die Trägerin dieser königlichen Gewänder erst den Mund zur urwüchsigen Rede auftat. Das war ein Mundwerk, das selbst dieser Rasselbande imponierte. Beim ersten Wortgefecht zog selbst Iron Scotty den kürzeren und mußte sich geschlagen bekennen.

Jacky schlug unter großer Feierlichkeit an der Grenze zwischen dem festen Lager und der Zeltstadt ein ungeheures Zelt auf, das sicher einst Barnum und Bailey oder Sarassani zu eigen war – – – und am nächsten Tage arbeiteten die Säge und sämtliche Bauprofessionisten ausschließlich für seine Rechnung. Am Abend stand das ganze Lager wieder einmal auf dem Kopf, denn vor dem Eingang des Riesenzeltes strahlten vier Azetylenlampen mit Spiegelreflektoren blendendes Licht aus und eine Tafel verkündete, daß die Eröffnung des »Grand Porcupine Saloon« durch freies Getränk und eine echte Havannazigarre für jeden Gentleman gefeiert werden würde.

An diesem Abend war Sam Parker der einzig Nüchterne im Lager.

In unglaublich kurzer Zeit stand, einen Steinwurf vom Zirkuszelt entfernt, ein großes Haus da, das außer einer geräumigen Schankstube mit Tischen, Bänken und Stühlen und einer richtigen Bar, auf der Flaschen in allen Farben des Regenbogens funkelten, auch eine Reihe kleiner Schlafkabinen enthielt. Rückwärts war eine große Küche mit einem richtigen Eisenherd installiert, auf dem Steaks vom Hirsch, Fische, Suppen und heiße Kuchen nach allen Regeln Brillat-Savarins gebraten und gekocht wurden.

Im Schankzimmer hinter der Bar mischte Jacky die verschiedensten Gifte, in der Küche waltete ein alter Chinese seines Amtes und Miss Livia machte die Honneurs des ganzen Hauses.

Eine Hausse in Rasierseife trat ein. Und am Abend vor der feierlichen Eröffnung des »Grand Hotel Porcupine« hatte der Camp Flaggengala aufgezogen – – – sämtliche Hemden flatterten zum Trocknen in der Sonne.

Es geht die Sage, daß unterhalb der Ansiedlung im Flusse ein mächtiges Fischsterben konstatiert wurde, weil Hände und Füße gewaschen wurden, denen diese Wohltat seit der letzten Hafenstadt nicht mehr zuteil geworden war.

Eine wilde Phantasie wurde im Ausdenken wirkungsvoller Toilette entwickelt. Aus den Tiefen von Säcken und Truhen kamen die farbenprächtigsten Halstücher und unglaublichsten Kopfbedeckungen zum Vorschein. In der Shanty des kleinen Lord Fauntleroy herrschte ein Gedränge wie in einer Maskenleihanstalt am Faschingdienstag, und am Abend wurde erzählt, daß Seine Lordschaft eine schwere Menge Unzen Goldes in seinen festen Kasten verschlossen habe, die er für das Ausleihen von Bestandteilen seiner fabelhaft reichhaltigen Garderobe eingenommen habe. Jeder von diesen Männern stampfte mit dem Bewußtsein ins Vergnügen, alle anderen durch den Glanz seines äußeren Menschen zu überstrahlen.

Nach kurzer Zeit war eine reinliche Scheidung eingetreten. Die Älteren und länger Angesessenen kehrten reuig in die Hallen Sam Parkers zurück, wo man ruhig schwatzen und sein Spielchen machen konnte, während die jungen Leute und die Fremden mehr nach Rossmanns Hotel gravitierten. Dort verteilte die schöne Livia bald ihre Gunst ziemlich gleichmäßig, ohne viel inneren Anteil daran zu nehmen. Hie und da konnte man auch einen älteren Herrn oder gar ein Mitglied des Leitungsausschusses ins Haus oder hinaus schleichen sehen. – – – Eines aber war sicher, Porcupine Camp hatte sich seine Stellung als Weltstadt mit ausgeprägtem Nachtleben geschaffen.

Und über allem leuchtete in mildem Glänze die Mitternachtssonne, wenn sie sich auch bereits gewaltig nach Westen neigte.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.