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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Wölfe und Wilde.

Im Norden glühte der Himmel im Scheine des Nordlichts, von dem aus farbige Blitze über die weite Ebene zuckten, die wir in rasender Fahrt durchstürmten. Hunde und Menschen gaben, was sie konnten. Wie eine Wolke umfloß uns und die Hunde der Dunst unserer erhitzten Leiber. Immer wieder knallte der Lenker mit der Peitsche, um die Hunde zu noch größerer Anstrengung zu zwingen.

Balin, das kluge Tier, das an langem Seil einzeln angehängt war, und bald vor und bald neben den anderen Hunden lief, schien zu wissen, daß es eine Fahrt auf Leben und Tod sei. Wenn eines der Tiere zu ermatten schien, fuhr er wie wütend auf den Säumigen los, biß und knuffte ihn vorwärts.

Es war drei Uhr morgens. Das Nordlicht war erloschen, die Sterne funkelten unheimlich nahe am Himmel, als wir haltmachen mußten. Am Rande eines kleinen Gehölzes schlugen wir das Lager auf. Den Hunden schlugen die Flanken, als wir sie abschirrten, die Zunge hing ihnen tief auf die zottige Brust und sofort warfen sie sich auf den Boden.

Während ich Holz zu einem Feuer zurechtmachte, das ich dann mit Stahl, Feuerstein und Schwamm und ein paar mitgebrachten trockenen Holzscheitern anfachen mußte, lud Fred den Schlitten ab, breitete die Schlafsäcke aus, entnahm den Proviantsäcken eine Handvoll vorgekochter Bohnen und Speck und warf den Hunden ihre Ration getrockneter Fische zu.

Das kärgliche Mahl verzehrten wir schon halb im Schlafe und nach einem Becher heißen Tees krochen wir in die Schlafsäcke, zogen die Kopfhülle fest an und über Arme und Hände die dicken, ledergefütterten Schlafärmel.

Der Revolver lag im Sack frei neben der Rechten, Büchse und Proviantsack hingen so hoch in den Zweigen des Baumes, unter dem wir ruhten, daß die Hunde zu letzterem nicht hinaufspringen konnten. – Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Ein unheimliches Gefühl weckte mich plötzlich auf. Ich sah die Hunde, die ich mit einem letzten Blick vor dem Einschlafen regungslos liegen gesehen hatte, mit gerecktem Körper, horizontal weggestreckter Rute und witternden Nasen; Balin, der am weitesten vorne stand, ließ ein dumpfes Knurren hören.

Ich wickelte mich rasch aus dem Schlafsack und spähte scharf in die Richtung, die mir die Hunde wiesen.

Da sah ich aus dem Dunkel acht grüne Punkte leuchten.

Mit einem Fußstoß weckte ich Fred, der unwillig brummte und Miene machte, sich auf die andere Seite zu wälzen.

»Achtung! Wölfe!« rief ich – – – und dieser Ruf machte ihn sofort hell wach.

Mit zwei raschen Griffen hatten wir die Büchsen entsichert in der Hand.

Und da ertönte auch schon der Schlachtruf des Feindes – – – jenes fürchterliche, durch Mark und Bein gehende Geheul des hungrigen Wolfes, das niemand je vergißt, der es einmal gehört hat.

»Nicht schießen,« sagte ich zu Fred, »aber bereit sein. Wenn die Bestien anspringen, in die Lichter oder ins Maul eine Kugel!«

Da aber ging, schon der Tanz los.

Balin setzte sich auf die Hinterkeulen, streckte die Schnauze gegen den Himmel und ließ ein langgezogenes Geheul hören, in das unsere übrigen Huskies in einem schauerlichen Konzert einstimmten.

Nach dieser Kampfansage an ihre wilden, freien Vettern ein kurzer, scharf bellender Laut – – – und wie die wilde Jagd stürzten sich unsere sechs starken Hunde in die Richtung der grünen Lichter. Den Zusammenprall konnten wir nicht sehen, wohl aber hören. Es war ein Heulen, Bellen, Pfeifen und Kreischen, wie wenn die Hölle alle Teufel losgelassen hätte. Ohne uns Zeit zu nehmen, die Schneeschuhe anzulegen, rannten wir, Fred und ich, zum Kampfplatz. Schießen konnten wir nicht, ohne unsere Hunde zu gefährden, aber helfen mußten wir ihnen, denn wir waren auch auf ihre Hilfe angewiesen. Im Schneelicht sahen wir nur einen Knäuel verschlungener Leiber fast gleichen Aussehens und fast gleicher Farbe. Der Höllenspektakel des Zusammenpralles hatte einem fast lautlosen Ringen Platz gemacht, nur ab und zu stieß eines der in den Pelz des Gegners verbissenen Mäuler ein drohendes Knurren aus. Fred und ich waren ratlos.

Auf einmal schrie einer der Kämpfenden auf und dieser Schrei erstarrte unser Blut – – – es war der Todesschrei einer Kreatur. Eine graue Schattengestalt lag reglos im Schnee, der sich dunkel färbte, drei andere Gespenster verschwanden mit langen Sätzen in der Nacht.

Ich erschrak. Denn wenn unsere Hunde, – die Sieger geblieben waren, – die Verfolgung des flüchtigen Feindes aufnehmen würden, wäre dies eine Katastrophe für uns.

Aber mit einem Satz fielen die sechs Halbwölfe über den Kadaver des gefallenen Feindes her, zerrissen ihn, leckten gierig das warme Blut und begannen untereinander sich die eroberten Fleischfetzen streitig zu machen.

Ich nahm die scharfe Walroßhautpeitsche vom Gürtel und hieb aus Leibeskräften in den sich balgenden Knäuel hinein. Ein Stutzen – – – dann aber kam Balin, der kluge, treue, den ich stets mit eigener Hand gefüttert hatte, mit einem wilden Satz auf mich los, warf mich in den Schnee und packte mich mit seinem Fang an der Kehle. Nur die dicke Parka, – die darüber gebundene Kapuze und der doppelt um meinen Hals geschlungene Wollschal retteten meinen Hals vor den scharfen Zähnen der wiedererwachten Bestie.

Die anderen Hunde standen mit glühenden Augen und geifernden Rachen in Angriffsstellung herum, bereit, sich jeden Augenblick auf ein Signal ihres Anführers gleichfalls auf mich zu werfen. – – – Fred war mit einem Sprung beim Feuer, riß einen brennenden starken Zweig heraus und schlug damit auf Balin los. Aufheulend sprang dieser zurück, wodurch ich frei wurde und mich erheben konnte. Noch zwei oder drei Hiebe mit dem feurigen Stock über die Schnauze des wütenden Tieres, das nun winselnd mit eingezogener Rute zum Lagerplatz kroch, wo es, die Schnauze tief im Schnee vergraben, sich weitab vom Feuer niederlegte. Die übrigen Hunde folgten nun unserem Anruf wie die Lämmer.

Die Lust am Schlafen war uns vergangen. Fred kochte einen heißen Tee, dann krochen wir in unsere Schlafsäcke, nur um unsere Nerven wieder zu beruhigen. Die große Stille umfing uns wieder, nur leise drang dann und wann ein Wimmern Balins an unser Ohr. – Ich sah noch die Sterne funkeln, sah die Silhouette des Baumes sich gegen den Himmel abheben, dann legte sich ein Schleier über mein Bewußtsein und ich schlief, wie die Tiere schlafen, instinktmäßig die Veränderungen in der Umgebung aufnehmend.

Als ich zu mir kam, brannte das Feuer hell, Fred stand vor mir mit einem Becher heißer Bohnensuppe, der Schlitten stand bereit. Ich fühlte mich frisch und munter und half Fred beim Aufpacken der Last. Als ich die Hunde rief, um sie anzuschirren, kam Balin schweifwedelnd daher, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Und alle Hunde folgten ihm. Dem Kadaver des Wolfes, der zwanzig Schritte weit weg lag, schenkten sie keinen Blick. Die Peitsche knallte und vorwärts flogen wir über den knirschenden Schnee.

Die Decke gefrorenen Schnees, die sich nivellierend über die leichten Unebenheiten des Bodens und über nicht allzutief eingeschnittene Wasserläufe gelegt hatte, ermöglichte ein rasches Fortkommen. Je mehr wir uns aber in der notwendigen Richtung, Nordost, fortbewegten, desto schwieriger wurde die Reise. Der Boden stieg langsam, aber stetig an, kleine Parzellen dichten Busches nötigten zu Umwegen, und endlich stand drohend ein dichter Wald vor uns. Unter den himmelhohen Bäumen, die in dichtem Unterholz standen, gab selbst das Schneelicht nur einen ungewissen, matten Schein, Zweige schlugen uns ins Gesicht und nur langsam, ganz langsam konnten wir vordringen.

Abwechselnd mußte einer von uns vorausmarschieren und mit scharfer Axt das glasharte Gestrüpp aus dem Weg räumen. Unheimlich hallten die Beilschläge durch die dämmernde Stille, das laute, keuchende Atmen der Hunde gab eine nervenzerrüttende Begleitung. Die schwere Kleidung wurde hinderlich, der Schweiß rann uns in Strömen vom Körper; Arme und Knie drohten den Dienst zu versagen. Aber der Gedanke an den Zweck dieser abenteuerlichen Fahrt spornte uns an, auch das Letzte noch herzugeben. Immer wieder stieg das Bild der arbeitsfrohen Kolonie vor uns auf, der von einem haßerfüllten Feinde Vernichtung drohte.

Plötzlich begann Fred, der neben den Hunden ging, laut zu reden. Formloses Zeug schwatzte er vor sich hin, unzusammenhängende Sätze und Worte, und wenn ein Wort besonders guten, kräftigen Klang hatte, wiederholte er es wohl ein dutzendmal. Fred war nicht durch die harte Schule eines Abenteurerlebens gegangen wie ich und seine Nerven ließen leichter aus. Er war jetzt wie ein Kind, das allein in dunklem Zimmer ist und sich die Furcht selbst wegplaudert. Und ich fing, da mir selbst vor diesem Plappern zu grauen begann, an, mit lauter Stimme ein Lied zu singen. Erst stutzte Fred, der mich wahrscheinlich auch im Anfangsstadium des Irrsinns hielt, dann aber begriff er und stimmte ein. So singend, hackend und stampfend kämpften wir uns durch den Wald, bis wir nach langen Stunden, immer ansteigend, endlich ermattet wieder auf ein Plateau gelangten, das sich meilenweit vor uns ausbreitete.

Nach kurzer Rast am Waldrand, die wir zum Sammeln eines Holzvorrates für das Lagerfeuer benützten, ging es wieder leichter vorwärts.

Nicht weit südlich der Mündung des Red-River in den Mackenzie erreichten wir den mächtigen Strom, der in tief eingeschnittenem Bett erstarrt dalag. Der Abstieg vom hohen Ufer auf das Eis des Stromes war mühevoll und anstrengend.

Die Hunde wurden abgeschirrt, Last für Last, zuletzt der Schlitten selbst, wurde an dem langen Seil den steilen Abhang hinuntergelassen. Einzeln, in steter Gefahr, auf den vereisten und verharschten Felsen abzurutschen, krochen wir auf Händen und Füßen hinunter. – – – Nun ging die Fahrt stromabwärts. Wir bogen in den Red-River ein, fuhren diesen aufwärts bis zur Mündung des von Ollo-wan-ha erwähnten Creek und dann diesen entlang durch dichtes Buschholz. – – – Unsere Uhren zeigten die neunte Stunde, Menschen und Tiere waren hungrig und erschöpft, als hinter einer Biegung des Creek in einer Rodung die Siedlung vor uns auftauchte.

Auch hier herrschte Winterruhe. Nur aus einer der Hütten drang schwacher Lichtschein. Wütendes Hundegebell brach auf, die Türe der Hütte wurde aufgerissen, schwarz stand gegen den hellen Hintergrund die hohe Gestalt eines Mannes, die Büchse schußfertig in der Hand, auf der Schwelle.

Auf meinen deutschen Anruf fuhr der Mann wie erschrocken zurück, in der Hütte zeigte sich lebhafte Bewegung, eine helle Stimme rief die Hunde zurück, ein dröhnender Baß schrie einen Befehl, in der Umzäunung knirschte ein Riegel – – – und wir fuhren unter Peitschenknall in den Hofraum.

Sechs Hände streckten sich unseren entgegen, wir wurden ins Innere der Hütte gezogen – – – Zurufe – – – Fragen – – – Lachen – – – Wärme – – – Licht – – – man war wieder ein Mensch in menschlicher Gemeinschaft.

Fred, viel jünger als ich, – schwamm sofort in diesem Meer langentbehrter Genüsse, ich aber wandte mich an einen der drei jüngeren Männer, um zunächst Hunde und Schlitten zu versorgen. Erst als die Last abgeladen und verstaut war und die Huskies heute die doppelte Ration Dörrfisch erhalten hatten, kam ich wieder in das Zimmer. Da waren wirkliche Stühle und wirkliche Tische, – in einem mächtigen Kamin aus Hausteinen brannten riesige Scheiter, – auf dem Tisch blitzte helles Aluminiumgeschirr und feines Besteck, – ein Samowar summte und von der Decke hing eine leuchtende Petroleumlampe. – Bald brachte ein chinesischer Boy ein üppiges Mahl, wie wir es monatelang nicht gesehen hatten, und unsere Gastgeber, ein hochgewachsener Mann mit dichtem grauem Haar, zwei schlanke blonde Mädchen und drei jüngere Riesengestalten sahen lachend zu, wie es uns schmeckte.

Diese Idylle im hohen Norden mußte ich aber bald stören. Mit kurzen Worten teilte ich ihnen die Gefahr mit, die ihrer Siedlung drohte, daß sie die auserwählten Vergeltungsopfer sein sollten für den Vertrauensbruch eines weißen Mannes.

Rasch war die Kolonie alarmiert. Es fand sich, daß außer den vier Deutschen – – – die zwei Dutzend Chinesen kamen für eine Verteidigung ohnehin nicht in Betracht – – – noch vier Mestizen zur Verfügung standen. Selbst die jungen Damen waren mit der Handhabung von Revolver und Büchse vertraut, Waffen und Munition gab es genügend.

Nach kurzem, tiefem Schlaf trat ich, bis an die Zähne bewaffnet, vor die Hütte, rief Balin und eilte mit diesem auf eine kleine Bodenerhebung vor die Ansiedlung, die einen Blick in den Wald bot. Bald gab mir der Hund durch leise Zeichen zu verstehen, daß Lebendiges in der Nähe sei, und nicht lange darauf gewahrte ich dunkle Schatten zwischen den Bäumen. Ich lief zurück und meldete das Herannahen der Indianer.

Rasch waren die letzten Vorbereitungen getroffen, und nun warteten wir in unbeschreiblicher Spannung auf den Angriff.

Stunde um Stunde verrann, es zeigte sich nichts und kein Laut war zu hören.

Einer der jungen Männer meinte, daß alles nur blinder Lärm gewesen sei.

Alles redete nervös durcheinander, jeder meinte etwas anderes, – Ratschläge, die nie ausgeführt werden konnten, wurden in unerschöpflicher Menge gegeben, – manchmal ein unterdrücktes Lachen – dann wieder Momente drückenden Schweigens.

Um dieser unerträglichen Situation ein Ende zu machen, kam Herrn Allers plötzlich der Gedanke, einen Felsblock unmittelbar vor dem Lager mit Dynamit zu sprengen, um die Roten zu zwingen, sich zu zeigen. Einer der jungen Deutschen und ich gingen hinaus, ich hielt scharf Ausblick, während der andere das Loch bohrte, die Patrone einführte und die Zündschnur in Brand setzte.

In rasenden Sprüngen erreichten wir das Haus, als auch schon mit Donner, Feuer und Rauch die Explosion erfolgte.

In der nächsten Minute, ehe wir uns noch selbst gefaßt hatten, kamen unter Heulen und Jammern wahnsinnige Gestalten aus dem Walde und stoben nach allen Richtungen davon.

Diesen Moment benützte ich, lief hinaus und schrie:

»Wenn O-nah-meh hier ist, möge er kommen und mit uns die Pfeife des Friedens rauchen, denn der Herr des Donners ist sein Freund!«

Wie mit einem Zauberschlag wurde alles ruhig. Soweit meine Stimme gehört war, standen die Flüchtigen still und wandten sich mir zu. Noch einmal ließ ich den Ruf erschallen.

Da trat aus dem Walde eine hohe, königliche Erscheinung in langer, pelzbesetzter Parka, hohen, bis zum Knie reichenden Lederstrümpfen, aus der Kapuze fielen zwei lange weiße Zöpfe auf die Brust. Glühende dunkle Augen starrten mich an. Das Gesicht war hager und glich einer der königlichen Mumien in Ägypten.

»Der weiße Mann hat meinen Namen gerufen, ist er der Herr des Donners, vor dem meine Krieger erschreckt wie Schneehasen in den Wald liefen?«

»Der Herr des Donners ist hier in dieser Hütte. Ich habe meine Hütte am Oberlauf des Porcupine gebaut und mancher Sohn der roten Männer ist schon an meinem Feuer gesessen.«

»So bist du der weiße Mann, von dem Ollo-wan-ha, der Waldläufer, in den Zelten der Hare und aller Stämme, die gegen Mitternacht wohnen, gesprochen hat?«

»O-nah-meh hat recht gesprochen – – ich bin es.«

»So gehe der Freund des roten Mannes den Weg zurück, den er gekommen, damit ihn meine Krieger nicht töten, wenn sie das Haus des Donners verbrennen und die Skalpe seiner Bewohner an ihre Gürtel hängen.«

»Der Vater des Donners, seine Söhne und Töchter sind meines Volkes. O-nah-meh wird mit ihnen das Calumet rauchen und es wird Freundschaft sein zwischen dem Hause des Pochens und den Dörfern der Hare.«

Der alte Indianer war näher gekommen und hatte Herrn Allers, der neben mich getreten war, forschend angesehen. Dann ließ er sich mit einer plötzlichen Bewegung in den Schnee nieder und sagte: »Die Augen des großen Mannes mit dem Silberhaar sind gut – – das Feuer der Beratung möge angezündet werden.« –

Die Beratung, an der Allers mit den drei Deutschen, Fred und ich teilnahmen, währte nach dem komplizierten indianischen Zeremoniell und dem Umstande, daß außer O-nah-meh keiner seiner Krieger das Waldenglisch Waldenglisch – in Ostasien, Afrika und in der Südsee auch Pidginenglisch genannt, verdorbenes, mit spanischen und indianischen Worten durchsetztes Englisch, die gewöhnliche Sprache im Verkehr mit Eingeborenen. dieser Gegend beherrschte, ziemlich lange. Während derselben war plötzlich Ollo-wan-ha aufgetaucht und hatte in einer langen, scheinbar eindrucksvollen Rede, von der wir kein Wort verstanden, offenbar sehr zu unseren Gunsten gesprochen, denn die Mienen der Roten, die bis dahin feierlich und düster waren, hellten sich zusehends auf.

Mit einem tiefen Atemzug der Beruhigung sah ich endlich, daß einer der jungen Krieger die Friedenspfeife brachte. Der Pfeifenkopf aus rotem Ton von den heiligen Brüchen bei Metakatlah Metakatlah – Indianerdorf auf einer kleinen Küsteninsel an der Mündung des Skeena bei Prince Rupert, B. C., wo der heilige rote Ton für die Zeremonialpfeifen (Calumets) gebrochen wird. wurde gestopft, jeder der Anwesenden tat die berühmten vier Rauchstöße nach den vier Himmelsrichtungen – – – und der Friede war geschlossen.

Auf einen kurzen Befehl des alten Häuptlings sammelte sich sein Volk unterhalb der ansteigenden Felsen. Allers, der nun wohl für immerwährende Zeiten den Namen »Herr des Donners« erhalten hatte, opferte ein paar Fässer Salzfleisch und einige Säcke Bohnen, beschenkte auch den Häuptling und die Stammesältesten mit kleinen Gaben, die großen Anwert fanden, mit Messern, Scheren und Kochgeschirr.

Ollo-wan-ha, der kluge Geschäftsmann, vermittelte bereits einen regelmäßigen Güteraustausch zwischen dem Pochwerk und seinen roten Brüdern – – – und als der Tag zu Ende ging und die nunmehrigen neuen Freunde abgezogen waren, vereinigte ein Festmahl die Kolonisten und ihre weißen Gäste.

Nach dem Mahle, bei dem es an Dankreden nicht fehlte, brachte auf einen geflüsterten Befehl der kleinen Anne der chinesische Boy ein Grammophon. Dieses Instrument, das ich sonst in zivilisierten Gegenden mit meinem glühenden Haß verfolgte, dem ich mit Bedacht immer aus dem Weg gegangen war, kam mir hier wie ein Vermittler von Sphärenklängen vor. Musik, nach so langen Monaten, ohne einen anderen Ton als höchstens ein gesummtes Lied von Fred und mir – – – und auf einmal drehten sich die Mädchen mit Fred und den drei jungen Deutschen nach den Klängen eines Straußischen Walzers. Mich hatte Herr Allers mit Beschlag belegt, trotzdem ich sehnsüchtige Blicke nach den Tanzenden warf. – – –

Eine Einladung, die warme Jahreszeit in der Siedlung abzuwarten, mußten wir leider ablehnen, im Gegenteil, wir mußten trachten, noch vor Eintritt der Schmelze über den Mackenzie zu kommen. So nahmen wir am folgenden Tage Abschied von unseren Gastfreunden und zogen wieder unserer Hütte am Porcupine zu.

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