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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Alarm.

Gegen Ende des Winters, als wir noch dort oben am Porcupine ganz allein saßen, wurden wir in ein Abenteuer verwickelt, das viel später einen gewaltigen Einfluß auf Freds und mein Geschick nehmen sollte. – –

Die Türe der Hütte ging auf.

Herein trat unser Freund, der rote Schmuggler. Ich wußte, daß er wieder einmal auf einem seiner nicht ganz ungefährlichen Gänge begriffen war, und hatte ihn halb und halb in diesen Tagen erwartet, da er immer auf seinen Wanderungen eine kleine Rast bei uns zu halten pflegte.

Denn erstens waren wir beide, Fred und ich, wirklich herzlich gegen ihn gewesen, hatten ihm auch einmal in einer schwierigen Situation geholfen, dann aber kannte er meine brennende Neugierde für alle Sensationen dieser verdammten Gegend – – – – und er wieder schätzte unseren Rum ganz besonders.

Gleich als er eintrat, merkte ich, daß er mit Neuigkeiten geladen war, denn sein erster Blick galt der geliebten Flasche.

Ollo-wan-ha war ein kluger Geschäftsmann. Sein Kredit ging ihm über alles. Wenn er in der Umgebung von Wallstreet statt hier oben, wo die Wölfe und Füchse einander gute Nacht sagen, geboren worden wäre, hätte er es sicher zum Dollarfürsten oder Trustmagnaten gebracht. In puncto Alkohol mißbrauchte er nie das Vertrauen seiner Auftraggeber, gerissener Yankees, die in der Niederlassung Peel einen General-Store, ein Warenhaus, eröffnet hatten.

Er trank Schnaps, man kann getrost sagen, daß er ihn gerne trank, und wenn irgendwie möglich, auch viel, sehr viel – – – – aber nie von dem, den er auf seinem Rücken durch die eisige Wildnis hunderte Meilen weit trug. – –

Er stellte den Packen, dem ein leiser Trangeruch entströmte, zu Boden. Nach den ersten Begrüßungsphrasen, den Fragen nach Woher und Wohin, schwiegen wir.

Fred schob wortlos dem Gast ein Stück Dörrfleisch hin und goß ihm grinsend einen Becher heißen Tee ein. Wortlos legte ich ein Päckchen Tabak vor ihn auf den Tisch.

Ollo-wan-ha aß das Fleisch, trank, wenn auch unter Grimassen, den Tee, dann stopfte er seine Pfeife und lehnte sich zurück.

Fred hatte das gebrauchte Geschirr weggeräumt und sich rauchend neben mich gesetzt – – – tiefes Schweigen erfüllte die Hütte.

Daß ich vor Neugierde fast platzte, die Sensationen des Yukon-Distriktes zu erfahren, durfte ich nicht zeigen, weil jede Frage meinerseits eine Baisse in unserem Rumvorrat zur Folge gehabt hätte, denn der Herr Chefredakteur des Yukoner Distriktsboten lieferte seine Artikel nur gegen Barzahlung in Geistigkeit – – und ich war volkswirtschaftlich gebildet genug, um zu wissen, daß erhöhte Nachfrage die Preise emporschnellen läßt.

Also schwiegen wir und zeigten uns gleichgültig.

Ollo-wan-ha gluckste und leckte sich die Lippen. Ihn drückten die Neuigkeiten.

Ich war boshaft genug, den Stöpsel aus der Rumflasche zu ziehen, so daß der verführerische Duft seine Nase kitzelte.

Fred blinzelte mit den Augen und gähnte:

»Jetzt werden wir schlafen gehen – – nur die Rumflasche muß ich noch wegstellen.«

Die rote Zeitung erstarrte in Würde.

Er durfte es sich beileibe nicht anmerken lassen, wie enttäuscht er war.

Aber nach einer kurzen Pause fing er an:

»Mein Bruder Dick ist weit entfernt von den Dörfern meiner Brüder und den hölzernen Wigwams der Weißen. Selten hört er anderes, als das Pochen seines Spatens und das Heulen der Wölfe. Sein Bruder Fred hat alles, was er zu sagen hat, schon gesagt – – – sonst wohnt hier die Stille des Winters, wenn nicht Ollo-wan-ha auf seinen Gängen sich seines weißen Bruders erinnert. Wer hat ihm die kühlende Kleidung für den künftigen heißen Sommer gebracht – – – das Fleisch für seinen Topf – – Decken für sein Lager – – – und das Feuerwasser, das sein Bruder Fred bewacht wie die Squaw Squaw – indianische Frau. ihr Papoose Papoose – indianischer Säugling, dann überhaupt kleine Kinder.. Der große Geist wird das Gemüt meiner Brüder verdüstern, es wird sie martern, daß in einer Winternacht ihr roter Bruder Ollo-wan-ha in ihrer Hütte dürstend gesessen ist.«

Eisiges Schweigen.

»Ollo-wan-ha hat auf seinem Lauf über Berg und Tal die Rede weißer und roter Männer gehört und weiß, was sich zuträgt am Ufer des großen Meeres und in den Jagdgründen am Yukon.«

Schweigen.

»Ollo-wan-ha weiß, daß in den Zelten der Hare-Indianer Hare – Indianerstamm am Unterlauf des Mackenzie. an einer Bucht des eisigen Meeres die Skalpe von sechs weißen Männern trocknen. Ein großes Kanoe war dort eingelaufen und die Hare hatten Fleisch und Fisch und Tran gebracht, und als der Winter kam, halfen sie den weißen Männern Schneehütten bauen. Die weißen Männer sind am Feuer des roten Mannes gesessen und sie haben das Calumet des Friedens geraucht.

Namuo, die liebliche Tochter O-nah-meh's, nähte Kleider und Pelze für die Fremden.

Der große Pat Mc Lean, dessen gelbes Haar in der Mitternachtssonne leuchtete, warf sein Auge auf sie. Pat wußte mit List und Schlauheit die Blume des Stammes in seine Hütte zu locken – – – und als sie herauskam, waren ihre Augen gestorben, ihre Hände hingen wie gelähmt am Körper.

Im Zelt ihres Vaters hockte sie nieder an der Stange in der Mitte und begann ihren Todesgesang zu singen. Sie sang von dem weißen Mann, der den Frieden gebrochen und ihre Blüte geknickt – – – von einem jungen Krieger, der auf dem Jagdzug war und heimgekehrt das Licht seiner Seele nicht mehr finden würde – – – sie legte ein blutiges Russenmesser auf ihren Schoß und sang von dem roten Blut des weißen Mannes – – – und daß nun sie hinübergehen werde in die ewigen Jagdgründe, um den Schatten zu verfolgen in Ewigkeit, den Schatten des Mannes, der ihr Schmach angetan.

Aufblitzte das Messer und senkte sich in ihr eigenes Herz. O-nah-meh stieß den Kriegsruf aus und er und seine Brüder stürmten die Hütten der Weißen. Unter den Schüssen derselben sanken viele Hares in den Schnee – – – als aber die Sterne am Himmel die dritte Stunde der Nacht kündeten, hatte O-nah-meh sechs Skalpe am Gürtel und die anderen weißen Räuber waren geflohen. Wenn der Schnee taut, wird man ihre Gebeine in der Wildnis finden. Ollo-wan-ha hat ein Rudel Wölfe getroffen, das im Schnee scharrte. Ich habe gesprochen.«

Wie selbstverständlich langte der Erzähler nach der Rumflasche und tat einen tiefen Zug.

»Das gebrannte Wasser ist ein Zaubermittel. Erinnerung bringt es denen, die etwas wissen, doch die, die stumpf durch die Wälder gehen, lullt es in Schlaf.

Ollo-wan-ha weiß, daß in den Bergen nicht weit von seinem Dorfe der ergiebige Claim, den Joe Harrisson abgesteckt hat, in Dawson City verkauft worden ist. Während des Sommers war ein Kommen und Gehen um Harrissons Place. Viele meiner Brüder mußten Bäume fällen und Stöcke roden, Häuser wurden gebaut, der Creek Creek – kleiner Fluß, größerer Bach, der leicht zu durchwaten ist., der eine Stunde unterhalb seine Wasser mit denen des Red-River mischt, treibt ein großes Rad und ein Schlagen und Kreischen tönt durch den Wald. Gelbe Menschen mit schiefen Augen wohnen in den Hütten und ein großer weißer Mann mit Schultern wie ein Grizzly und Augen, in denen das Blau des Himmels sich widerspiegelt, treibt sie zur Arbeit an. Tag und Nacht trägt er die geladene Büchse in der Hand und seine Sprache ist nicht die der anderen Weißen hier heroben, sondern gleicht der, welche mein Bruder Dick mit seinem weißen Bruder redet, wenn sie allein sind.«

Fred war aufgesprungen:

»Ein Deutscher?« fragte er erregt.

Ollo-wan-ha griff statt aller Antwort zur Rumflasche und tat einen tiefen Zug.

»Das Zauberwasser meiner weißen Brüder hat es gemacht, daß Ollo-wan-ha weiß, welchem Volk der große Mann angehört. Es ist so, wie mein Bruder Fred sagt. Den Sommer über bis tief in die Zeit hinein, wo der Creek sich mit Eis bedeckt, wurde gearbeitet. Aus langen Schlangen schossen die gelben Männer armdicke Wasserstrahlen gegen den Berg, daß die Erde vom Felsen sich löst. Tiefe Löcher bohren sie in den Fels, laden den Donner hinein wie Kugeln in eine Büchse. Das gesprengte Gestein tragen sie in das Haus des Pochens, wo starke Hämmer durch das Rad im Wasser zum Schlagen gebracht werden und den Kies zu Sand zermalmen. In Pfannen, groß genug, um die Mustangs eines ganzen Stammes zu tränken, wird der Sand, über den ein Arm des Creek geleitet ist, geschüttelt, bis am Boden dieser großen Schüssel der Goldstaub und Nuggets, wie Nüsse so groß, liegen.

Andere gelbe Männer stehen in langen Reihen im Fluß und schaufeln in Handpfannen und schwenken und sammeln den Goldstaub.

In einem festen Haus, von hohen Palisaden und einem Gewirr von Dornendraht umgeben, innerhalb dessen große Hunde mit weißen Zähnen und geifernden Mäulern Tag und Nacht herumlaufen, sitzt ein anderer weißer Riese mit Himmelsaugen und wiegt auf feinen Waagen das Gold, füllt den Staub in lederne Beutel und zählt die Nuggets in große Taschen. Beutel an Beutel und Tasche an Tasche stellt er in einen Kasten aus schwarzem Eisen.

Ein dritter weißer Mann malt Medizin auf ganz dünne Blätter, weiß wie Birkenrinde. Es muß eine gute Medizin sein, denn die Männer sind froh und lachen.«

»Ein Pochwerk,« sagte ich. »Und wie weit muß mein roter Bruder von dort zu unserer Hütte wandern?«

Ollo-wan-ha stärkte sich durch einen Schluck Rum, ehe er antwortete:

»Wenn der lange Tag währt und die Flüsse Wasser führen, wird Ollo-wan-ha viermal ein Lagerfeuer zur Ruhe anzünden. Wenn aber der Schnee gute Bahn gibt, wird mein Bruder Dick seinen Hunden zwei Mahlzeiten reichen.«

»Wer ist der Boss? Wie nennt er sich?« fragte Fred begierig.

Nach einem neuen Schluck Rum ließ sich Ollo-wan-ha vernehmen.

»Als die Sommersonne sich zu neigen begann, kam ein Boot unter Ratteln und Schnauben den Mackenzie herauf. Aus dem großen Kanoe ohne Paddel stieg ein Mann mit Silberkopf und zwei junge Männer mit weißen Gesichtern, auf deren Wangen das Rot des Ostens blühte. Wenn viele Winter Schnee auf das Haupt des Vaters gelegt hatten, so glänzte das kurze Haar der Söhne in der Sonne wie das Gold, das die gelben Arbeiter aus dem Felsen rissen. Mit leichtem Schritt gingen die Jungen in das große Haus und die drei Aufseher rissen die Hüte von den Köpfen. Ollo-wan-ha hat es gesehen, und er glaubt, daß es große Häuptlinge sein müssen, denn die Männer standen auf von ihren Sitzen, wenn die Jungen kamen, verbeugten sich vor ihnen wie vor den Totempfählen der Ahnen und brachten ihnen Opfergaben dar, Blumen von der Steppe und Beeren aus dem Walde.«

Ollo-wan-ha grinste hämisch, ehe er weiter erzählte.

»Dein roter Bruder wollte wissen, wer die beiden Boys sind, denn wenn er es nicht in den einsamen Hütten, in den Flußläufen oder in den Camps oben in den Bergen zu berichten weiß, bekommt er das Zauberwasser nicht, das ihn klug macht.«

Er trank wieder einen Schluck.

Fred streckte die Hand aus und nahm die Flasche an sich.

»Mein roter Bruder wird zu klug und weise. Diesen kleinen Rest von Klugheit, den Ollo-wan-ha noch in der Flasche gelassen, wird er erst dann in sich aufnehmen dürfen, wenn wir alles wissen.«

Der arme Rote sandte der Flasche einen traurigen Blick nach.

»Von den gelben Männern war nichts zu erfahren, denn ihre Sprache ist wie das Gebell der Huskies und ihre Nähe wirkt wie der Geruch des Puma auf die Tiere des Waldes. Der eine der drei weißen Männer, den Ollo-wan-ha nach den Söhnen des Silberhaarigen fragte, lachte nur. Aber euer roter Bruder ist schlau wie ein Fuchs, geschmeidig wie eine Robbe und schnell wie ein Wiesel. Er belauschte die Jungen und nun weiß er, wie sie heißen: Mary und Anne.«

Fred und ich waren mit einem Satz auf den Füßen.

»Weiße Mädchen – – – hier – – –,« riefen wir beide aus einem Munde.

Ollo-wan-ha sah uns von der Seite an.

»Mein Bruder Fred hat das Zauberwasser versteckt, das die Rede öffnen soll über das, was der Waldläufer am Ratsfeuer der Hare gehört hat. Aber sein Gedächtnis ist schwach geworden und er weiß es nicht mehr.«

Ich riß die Rumflasche vom Bord über meiner Koje. Der Schmuggler trank, dann lehnte er sich zurück, legte das Kinn auf die hinaufgezogenen Knie und sprach in dem singenden Ton, den die Roten bei wichtigen Anlässen annehmen.

»Die jungen Männer der Hare sind mit einer Elchhaut, auf der böse Medizin gemalt war, zu den Tlinkeths, den Shiwahs und den Stämmen am großen Bärensee gekommen. Die Ratsfeuer wurden angezündet, die Schlittenkufen mit Speckseiten geschmiert, die Männer banden neue Spitzen an ihre Lanzen und schärften ihre Pfeile. Ehe dreimal die Mittagssonne sich zeigt, werden die roten Männer auf dem Kriegspfade sein.«

Fred war wortlos aufgestanden und begann einen Packen zu schnüren. Ich verstand ihn sofort, hing den Patronengürtel um und schlüpfte in meine Parka.

Gleichmütig blieb der Rote sitzen.

»Ollo-wan-ha wird in der Hütte seiner weißen Brüder schlafen, während sie über den Schnee eilen, um die Kinder ihres Stammes zu warnen. Und wenn die Hare am Mackenzie sein werden, wird er am Ratsfeuer seine Stimme erheben und Gutes von seinem weißen Bruder Dick reden. Ich habe gesprochen.«

Er lehnte sich zurück, schloß die Augen und kümmerte sich nicht mehr um uns.

Wir aber zogen den Schlitten hinaus, beluden ihn mit Proviant für Mensch und Tier, spannten die Hunde vor, die Peitsche knallte – – – und vorwärts flogen wir durch die nordische Nacht, aufgerüttelt durch die Aussicht auf ein Abenteuer.

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