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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 23
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Das Ende vom Lied.

Das war eine wilde Geschichte. Wieder war es in Stavely in der historischen Schänke meines Debüts, wieder waren unzählige Runden gesoffen worden und die Gemüter waren erhitzt.

Wie es kam, weiß ich nicht mehr, aber da war Bill, ein großmäuliger Yankee aus Dakota, der Foreman von dem Mac Ewan-Ranch, der das große Wort führte. Mich, den Europäer, hatte er zum Zielpunkt seiner Sticheleien auserkoren. Ich gab ihm nichts nach, ich hatte die Lacher auf meiner Seite und das schien den Herrn noch mehr zu reizen, denn auf einmal waren die Schießeisen in den Händen, plötzlich ging ein Schuß los – und ich hatte den rauchenden Revolver in der Hand.

Bill fuhr mit einem Wutschrei zurück, aus seiner linken Schulter floß Blut. Ich weiß jetzt nur, daß Jim und die Kameraden meines Ranchos mich aus der Schänke zogen, daß in dem Augenblick, da wir uns auf die Pferde schwingen wollten, der Zug nach Macleod kam, daß ich ein Dutzend Hände schüttelte und daß ich in einem Waggon saß, der nach Süden rollte.

Wieder war ein Filmband abgerollt.

Der Abend war warm und schön, damals in Detroit, als ich aus dem wüsten Traum erwachte. Aus dem Herzen Kanadas kam ich, wo ich lange Zeit weitab von Menschen und Kultur gelebt hatte; ich wußte nicht, waren es Monate oder Jahre – tagein, tagaus auf dem Rücken halbwilder Pferde in Gesellschaft halbwilder Burschen rund um die Herde halbwilder Tiere. Und als dann nach dieser tollen Nacht mit Brandy und Banjospiel Bill die Kugel in der Schulter hatte, da war ich über Winnipeg und Chikago nach Detroit gekommen, abends um sieben Uhr, und konnte erst gegen Mitternacht weiter. Da war ich vom Bahnhof durch die Stadt gegangen, zum erstenmal nach langer, langer Zeit wieder einmal durch die Straßen einer wirklichen Stadt, wo alles hellerleuchtet war, Kinos mit unerhörter Lichtreklame, Theater, zu denen wohlgekleidete Menschen eilten, Geschäfte mit hellen Spiegelscheiben – eine Straßenbahn sah ich und Autos – und als ich zum Hafen kam, lag da ein schmuckes weißes Schiff und eine Tafel verkündigte, daß es um acht Uhr eine Rundfahrt unternehmen werde, daß an Bord getanzt werde, denn die Augustnacht war warm und schön. Ein fabelhaftes Dinner war angekündigt zu billigen Preisen – und wer mitfahren wolle, to enjoy the splendid night, der brauche nur einen Dollar an der Kasse zu bezahlen. Und ein farbiger Gentleman am Gangway brüllte, daß in zwei Minuten das Schiff abfahren werde – und da gab ich meinen Dollar hin und saß bald an einem Tisch an der Reeling und hatte ein Glas Ginger-Ale vor mir stehen.

Und ich sah junge Leute im Smoking mit Strohhüten, die redeten eine andere Sprache, als ich sie bis jetzt gehört, ich sah junge Damen in hellen Kleidern und das Blut rauschte mir in den Schläfen – und ich sah an mir herab, sah meine derben Stiefel, meine Lederhose, mein Präriehemd und den Westener neben mir liegen – und ich dachte an einen jungen Herrn im Frack mit der rosa Nelke im Knopfloch, der bei einem Rout im Finanzministerium den Wiener Komtessen den Hof machte; dachte an einen jungen Offizier in der Uniform der Kaiserdragoner, der an der Tafel saß, wo zuoberst der »alte Herr« präsidierte; dachte an ein liebes kleines Boudoir, wo eine alte Frau an den fernen Sohn denken mochte – ich sah den Stadtpark in Wien, den Prater, den Stephansturm; den Korso am Sonntag sah ich auf der Ringstraße, sah den Sophiensaal – und da fing die Musik an zu spielen, einen Walzer, einen Wiener Walzer, jenen Eröffnungswalzer aller Bälle meiner Jugend, den Walzer von Johann Strauß »Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust« – –!

Ein Gruß war es aus der Heimat, ein Gruß meiner harmlosen, heiteren, glücklichen Jugend, ein Gruß vom Stephansturm – ein Gruß jener alten Frau aus ihrem Boudoir am Heumarkt.

Und wie ich von Bord ging, in der halben Stunde bis zur Abfahrt meines Zuges – da habe ich am Bahnhof einen Brief an meine Mutter geschrieben. –

Als ich die breite Treppe in meinem Newyorker Klub hinaufstieg, fremde Gesichter, ein fremder Porter, fremde Pagen, ein total verändertes Bild. Der Konsul versetzt, der Operndirektor in Europa, nur der große Geigenkünstler saß da mit offenem Mund, als ich wie Phileas Fogg wieder auftauchte. Dann sprang er auf, riß mir die Hände aus den Gelenken und schwur, daß für mein Seelenheil schon Gebete gesprochen worden wären.

Ich war statt der ausbedungenen drei Monate fünfviertel Jahre ausgeblieben.

Die Zeit hatte eine grimmige Veränderung in meinen Verhältnissen gebracht. Bedauernd wiegte der alte Gauner von Bankier sein kahles Haupt, denn die berühmten Minenpapiere, zu denen er mir eindringlichst geraten hatte, waren nur mehr Unterzündpapier. Ein paar hundert Dollar waren die Reste dessen, was mir nach langen Jahren harter Arbeit verblieb.

An das Up and Down eines Abenteurerlebens war ich zwar gewöhnt, aber vielleicht war ich müde geworden.

Was mir überhaupt nie zum Bewußtsein gekommen war, was ich in den wilden Zeiten im Goldland, im Urwald, in der Prärie nie gespürt hatte – hier in der großen Metropole, in der Einsamkeit eines Wassertropfens im Menschenozean einer Millionenstadt, packte es mich, daß ich todkrank wurde – das Heimweh.

Wie in einem Dämmerzustand lebte ich ein paar Wochen dahin, bis ich eines Tages auf dem Deck eines Lloyddampfers, der nach Europa ging, erwachte.

 

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