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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Rauhreiter.

Mit meinem letzten Quarter in der Tasche stolperte ich zerschunden, mit schmerzenden Knien und einem langen Riß in meinem einzigen Rock in die Schänke der Weltstadt Stavely – ein Nest, bestehend aus besagtem Saloon, einem Warenschupfen der C. P. R. (Canadian Pacific Railway) und einem General-Store. Verzeihung, ich habe vergessen, das Wichtigste anzuführen, warum nämlich die Züge der Eisenbahn, die von Calgary Calgary – Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta. herunterkommen, überhaupt dort halten – den Wasserturm. Landschaftlich bietet Stavely das typische Bild Süd-Albertas: die weite wellige, blumige Prärie, im Westen die blaue Linie der Rocky Mountains. Mein Aufenthalt in diesem gesegneten Orte war nicht ganz freiwillig. Ich war nämlich vom Brakesman Brakesman – wörtlich Bremser, allgemeine Bezeichnung für Schaffner auf amerikanischen Zügen. des Güterzuges, der um achtzehn Uhr Mountain Time hier durchkam, »geliefert« worden. Eine Prozedur, die mir wohl nicht mehr neu war, aber immerhin mit dieser Intensität mir ganz neue Einblicke in die Erfahrungen eines Tramps eröffnete.

Leider war nämlich gerade die Stelle, die das Ende des kühnen Bogens meiner Fluglinie bildete, ein mächtiger Kohlenhaufen, hübsch prismatisch aufgestapelt. Und ich erfuhr das, was ich im Gespräch mit erfahrenen Reisegenossen in der Theorie bereits genau kannte, diesmal in der Praxis, daß nämlich spitze Kohlenstücke die Eigenschaft haben, beim Anprall eines gelieferten Tramp nicht so elastisch wie Gummimatratzen nachzugeben.

An eine Fortsetzung der Reise war vor nächster Nacht nicht zu denken, weil eben der hohe Herr, der auf dieser wichtigen Station die Funktionen eines Vorstandes, Verkehrsbeamten, Telegraphisten, Kassiers, Magazineurs, Gepäcksexpedienten, Weichenstellers und Pumpenwärters für zehn Dollar die Woche nebst freier Wohnung in seiner erhabenen Person vereinigte, mich kannte. Denn er hatte mir beim Aufrappeln von dem Kohlenhaufen, der durch mich aus seiner schönen Symmetrie kam, noch einen liebevollen Stoß mit dem Absatz seines Stiefels zu fünfundzwanzig Dollar das Paar an eine besonders empfindliche Stelle meines Körpers verabfolgt. Sein mündlicher Segen, von dem ich mir nur dunkel den Endpassus gemerkt habe, handelte von Knochenzerbrechen, Skalpieren und ähnlichen indianischen Gastfreundlichkeiten, so daß ich überzeugt war, daß er mir bei einer Annäherung an die Station bei Tag Aufmerksamkeiten erweisen würde, denen ich mich nicht gewachsen fühlte.

Das Vierteldollarstück, eine Erinnerung an die Y. M. C. A. (Young Mens Christian Association) in Calgary, hatte ich noch in der Tasche, es langte also auf eine Portion Boston Beans zu zehn Cents, einen Magenstärker zu fünf Cents für heute Abend, wobei mir noch die stattliche Summe von zehn Cents als Fonds für alle Fälle übrigblieb.

Ich fühlte mich also als Kapitalist. Um Nachtquartier sorgte ich nicht, denn es war warm und in der Prärie schläft sich's fein.

Für das Essen am morgigen Tage wird schon der liebe Herrgott sorgen, der eine ganze Reihe von Persönlichkeiten im kanadischen Westen kommandiert, die sich ausschließlich mit der Fütterung hungriger Tramps abgeben.

Mein Auftreten in der Schänke erregte in gewisser Beziehung Sensation. Denn es geschah nicht alle Tage, daß ein Herr in schwarzem Jackett, ehemals weißer Flanellhose, mit einem wirklichen, regelrechten Zylinder auf dem Kopf in einem Cowboy-Saloon auftaucht. Die absolut herrenmäßige Kopfbedeckung verdankte ich einem braven Reverend in Lacombe, der voll Mitleid mir diese Haupteszier verehrte, als mir, da ich ihn ehrfurchtsvoll grüßte, der Rand meines Strohhutes in der Hand blieb. Als ich mich im Spiegel des Saloons in meiner Herrlichkeit sah, grinste ich trotz verschiedener Mahnungen an mein Eisenbahnabenteuer über das ganze Gesicht.

Im Saloon ging es hoch her. So etwa ein Dutzend Cowboys standen um die Bar, das volle Glas in der Hand; in der Mitte des Zimmers tanzte ein Bursch mit einem Wesen, das unleugbar weiblichen Geschlechts war, einen Tanz, den ich als Urcharleston ansprechen möchte. Im Hintergrund spielte eine Prärie-Jazzband, bestehend aus einer Okarina als Saxophonersatz, einem Banjo und einem leeren Heringsfaß.

Wieweit die Kultur in dieses weltvergessene Nest gedrungen war, bewies das Vorhandensein dieser Eintänzerin, denn ich bemerkte, daß sie ihre Partner, wenn diese allzu phantastische Pas machten, durch Tritte in das Schienbein auf den rechten Weg zurückführte.

Ich weiß nicht, ob diese holde Maid nicht vielleicht heute die schärfste Konkurrenz der Josefine Baker in Paris ist. Ich bewahre ihr auf alle Fälle ein liebevolles Gedenken, weil sie es war, die zuerst die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf meine bescheidene Person lenkte.

Das kam nämlich so:

Als ich mich auf einen leeren Stuhl niederlassen wollte, gelang mir dies erst nach gewissen schmerzhaften Vorbereitungen, denn ein Tritt auf die Sitzfläche mit Schuhnummer achtundvierzig hinterläßt Erinnerungen, die nicht so leicht vergessen werden. Dieses Gedenken äußerte sich bei mir in einem unterdrückten Stöhnen, auf das die vorbeitanzende Schöne aufmerksam wurde.

Als sie mich zuerst in meiner ganzen Pracht sah, blieb ihr zunächst vor Erstaunen das linke Bein, das sie zu einer besonders wirkungsvollen Tanzfigur erhoben hatte, in der Luft hängen. Dann aber faßte sie sich, faltete fromm die Hände und fing an, die Hymne der Heilsarmee zu singen: »Glory, glory, Hallelujah!« Mein Zylinder hatte in ihr geistliche Komplexe ausgelöst.

Und jetzt ging der Wirbel los. Ich wurde umringt, bestaunt wie etwa ein Kakadu von Spatzen. Dann verfiel ein langer, gutmütig aussehender Junge, den die anderen Jim riefen, auf die wundervolle Idee, eine Runde zu bestellen, um sich von dem Schrecken zu erholen, und bot mir auch ein Glas an, weil ich es, wie er meinte, sicher gut vertragen könne. Dieser Runde folgten etliche andere.

Wer den Betrieb eines solchen Saloons kennt, weiß, daß auf dem Schanktisch ein paar Teller mit Brot, Käse und kaltem Fleisch zur freien Bedienung jener Gäste stehen, die etwas mehr, als nur einen gemeinen Fusel verlangen. Ich war in der angenehmen Lage, mich als den Konsumenten von mindestens fünf Gläsern Scotch Rye Scotch Rye – reiner schottischer Whisky aus Korn gebrannt. zu fühlen, und übte daher mein gutes Recht auf einen Bissen zum Whisky aus, bis zu meinem Erstaunen alle Teller leer waren. Ich hatte dadurch wirklich und wahrhaftig fünfzehn Cents erspart.

Die Stimmung war glänzend. Die Witze, die über mich gemacht wurden, waren zwar manchmal etwas unzart, aber immerhin besser als die im »Punch« Punch – berühmtes englisches Witzblatt in London., und da auch mir eine weise Vorsehung ein gesundes Mundwerk verliehen hat, unterhielten wir uns alle königlich.

Die Anwesenheit der vielen rauhen Reiter hatte ihren Grund darin, daß an diesem Tage die für die verschiedenen Ranchos in Calgary bestellten Brandeisen angekommen waren.

Ein paar Fragen, die ich so nebstbei tat, bestimmten den Hauptwortführer dieser Rasselbande, den langen Jim, mich einer Prüfung aus Naturgeschichte zu unterziehen, indem er mit dem ernstesten Gesicht von der Welt an mich die Frage richtete, ob ich wisse, was ein Pferd sei. Meine Antwort, dies sei ein Tier mit vier Füßen und einem Schwanz, schien die Gesellschaft nicht ganz zu befriedigen, denn es wurde vorgeschlagen, mir ein Exemplar dieser Spezies in natura vorzuführen. Einer der Herren verschwand und erschien nach kurzer Zeit wieder, einen Mustang am Zügel hinter sich in die Stube zerrend. Feierlich wurde mir dort nun ein Kolleg aus der Hippologie gelesen. Das erschreckte Pferd fetzte nach allen Seiten aus, und wenn ich mich durch Seitensprünge vor der näheren Bekanntschaft mit den Hufen unter Hinweis auf die heute bereits erlittenen körperlichen Beschädigungen ähnlicher Art zu retten suchte, erregte dies ungeheure Heiterkeit.

Plötzlich stieg der lange Anführer auf einen Stuhl, nahm seinen Hut ab und hielt eine festliche Ansprache an die Versammlung. Er wies darauf hin, daß der heutige Tag ein Merkstein in der Geschichte von Stavely sei, indem ein Mann erschienen wäre, der ein Pferd nicht von einem Ziegenbock zu unterscheiden vermöge. Der theoretische Teil des Unterrichtes sei jetzt erledigt, nun beginne die Praxis. Diese aber gebe nur dann eine Garantie für vollen Erfolg, wenn der Schüler ihn auf dem Rücken des Pferdes sitzend empfange.

Unter ungeheurem Hallo wurde nun der arme Gaul wieder an die Luft befördert, wobei mindestens ein Dutzend Gläser und Teller draufgingen; dann wurde ich im Triumph hinausbegleitet und eingeladen, mir unter den draußen angebundenen Rossen ein Reittier auszusuchen.

Unter all den Pferden draußen war ein Brauner, der mit gesenktem Schädel auf vier unglaublich langen, verhatschten Beinen wie ein Abbild der seligen Rosinante dastand. Als ich dieses pferdeähnliche Gebilde mir als Schulpferd aussuchte, erfolgte ein Paroxysmus von Heiterkeit. Den Grund sollte ich später einsehen.

Nun wurde ich feierlich eingeladen, mich auf den Rücken besagten Renners zu begeben. Als ich den Versuch machte, dem Steigbügel in die Nähe zu kommen, senkte die Pferdeschönheit den Kopf noch tiefer, stand auf ihren Vorderbeinen und winkte mir mit den Hinterhufen in der Luft ein bedauerndes Lebewohl zu. Mich erreichte dieser Gruß, als ich zehn Fuß weit entfernt auf meiner schon etwas lädierten Sitzgelegenheit saß.

Das Lachen der übermütigen Kumpanei muß man bis Calgary gehört haben. Nachdem ich noch einige Male Anlaß zu urwüchsiger Fröhlichkeit gegeben hatte und die heimtückische Bestie sich wieder einmal am Boden wälzte, stand ich plötzlich mit einem Sprung mit gegrätschten Beinen über ihr, und als sie aufsprang, saß ich im Sattel, hatte die Zügel in der Hand und legte ihr die Schenkel an, daß ihr die Rippen krachten.

Ein Fersenstoß – und wir flogen in die Prärie hinaus. Dort gab es einen kurzen, aber erbitterten Kampf, dann war die Bekanntschaft geschlossen, ich konnte die Bügel nehmen und ritt in kurzem Galopp den Gaul, den ich jetzt vollkommen in der Hand hatte, zum Sattelplatz zurück. Dort produzierte ich mich als förmlichen Schulreiter – und die ganze Horde stand mit offenen Mäulern.

Von dem Fest, das jetzt folgte, werden sich noch Generationen erzählen. Wie alles, endete auch diese Sauferei. Einer nach dem anderen verschwand, nur der lange Jim blieb noch mit zwei anderen zurück. Der Wirt bot mir als Revanche für den durch mich erzielten Mehrkonsum an Feuerwasser ein Nachtlager an, als mich jemand an der Schulter packte.

»Woher kannst du so reiten?« fragte mich Jim.

»Weil ich Kavallerist war,« grinste ich. Daß ich Offizier bei den Kaiserdragonern war und in Alag und Kottingbrunn Rennen geritten hatte, brauchte ich ja nicht gleich zu erzählen.

Eine Frage gab die andere – und der Schluß dieser angeregten Unterhaltung war, daß ich von Jim, der der Foreman Foreman – Vormann, Vorarbeiter, Partieführer. Hier in dem Sinne als »Verwalter«, Betriebschef. auf dem Bluegrass-Ranch am Meadow-Creek war, als Vaquero Vaquero – spanische Bezeichnung für Pferdehirt, in ganz Nordamerika gebräuchlich. engagiert wurde. Es war die Zeit der Round-up Round-up – das Einkreisen der Herden im Herbst, wenn die Tiere den Eigentumsbrand erhalten sollen. und da ist immer Not am Mann.

Jim ließ mir vom Wirt ein ordentliches Zimmer geben, handelte für mich die Verpflegung bis zu meinem Abgang auf den Ranch aus, erklärte, sofort nach seiner Heimkunft mir ein Pferd zu schicken; Kleidung und Ausrüstung könne ich morgen früh im Store auf Rechnung des Ranchers aussuchen. Ehe ich diese Nacht schlafen ging – wieder einmal in ein richtiges Bett –, konnte ich es mir nicht versagen, auf die Station zu gehen und fest an die versperrte Türe des Eisenbahngewaltigen zu klopfen. Trotz der lästerlichen Flüche von innen ließ ich doch eine schöne Rede vom Stapel, in der ich ihn bat, den Brakesman vom Zuge 347 von mir zu grüßen und ihm meinen herzlichsten Dank zu übermitteln, daß er mir zum Aufenthalt in dieser Station verhalf.

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