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Gold und bunte Menschen

Richard Kühnelt: Gold und bunte Menschen - Kapitel 19
Quellenangabe
authorRichard Kühnelt
titleGold und bunte Menschen
publisherÖsterreichischer Bundesverlag für Unterricht, Wissenschaft und Kunst
year1929
illustratorRudolf Linauer
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180209
projectidff8d507e
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Segelfahrt im Pazifik.

Ein prachtvoller Sommermorgen in Freeport, einem kleinen Hafenstädtchen im Unionstaate Oregon, an der Mündung des Columbia. Türkisblauer Himmel, laue, salzdurchduftete Luft, ein breiter, träge fließender Strom, auf dessen leisen Wellen sich hochgemastete Schiffe schaukeln. Von dem alten Kloster aus der seligen spanischen Zeit eine silberne Glocke – Frühmesse – sechs Uhr morgens.

Auf dem kleinen Kai steht ein Mann. Das braune, von der Sonne gedörrte Gesicht bedeckt ein wochenalter Stoppelbart, die Beinkleider sind zu lang, dafür aber ist der fadenscheinige Rock in den Ärmeln zu kurz. Auf dem Kopfe trägt diese merkwürdige Erscheinung eine alte Sportkappe, die Füße sind von ausgedienten, halb zerrissenen Lackschuhen notdürftig bedeckt.

Ein Tramp – der Typus eines Tramps – der jetzt da steht, sich von der warmen Sonne durchglühen läßt, der vielleicht ein Frühstück sucht – auf keinen Fall aber eine Arbeit, trotzdem das geschäftige Hafenleben eben erwacht. Hier werden von Bord Fässer gerollt, gefüllt mit Petroleum, dessen bitterer Geruch sich mit dem scharfen Fischgestank der Fischerbarken mischt, die dort eben den letzten Fang für die Konservenfabrik löschen. Da werden wieder Blechkisten mit gedörrtem Obst verladen, Wagen fahren an mit Kohle für jenes kleine Dampfboot, Bretter von der Säge werden an Bord dieses mächtigen Vollschiffes für Japan verstaut – und der Tramp steht da und trinkt mit durstigen Zügen die Musik des nahen Meeres.

Dieser Tramp war ich.

Auf einer langen, wundervollen Wanderung, bei der ich mir beinahe als Tourist vorkam, war ich von Seattle südwärts gegangen, durch prachtvolle Fichtenwälder, weitausgedehnte Obstplantagen, die Nase im Wind, schnuppernd dem offenen Ozean entgegen. Es war, als ob mich mein Geschick hierher an die Küste des Pazifik treiben würde.

Nun stand ich also da, eben angekommen, ein paar Meilen stromaufwärts vom Meere, das mir seine Boten in Gestalt weißer Schiffe wie einem alten Freunde zum Empfang entgegensandte.

Da lag vor mir so ein schmucker Dreimastschoner, auf dessen Deck es gar lebendig zuging. Auf dem Pier standen ein paar Säcke Reis, von Achtern schaute ein sympathisches, scharfgeschnittenes Gesicht offenbar belustigt auf die komische Figur, die ich bot. Ein kleines Dampfschiff legte sich an die Seite des großen Seglers, am Gangspill standen die Leute bereit, den Anker zu hieven, in die Wanten sprangen leichtfüßige Matrosen und der Mann achtern sah mich an und ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Vielleicht hatte er in meinen Augen die doppelte Sehnsucht, die Sehnsucht nach einem Frühstück und die Sehnsucht nach der weiten Ferne gelesen. Er trat an die Reeling: »Halloh, my Boy, die Säcke Reis müssen an Bord, ein Frühstück hat der Koch bereit, go on!« Und schon hatte ich einen Sack am Rücken und trabte über die Laufplanke auf das weiße Schiff.

Eine Viertelstunde später saß ich vergnügt in der Kombüse bei einem riesigen Stück Corned Beef und einem Topf Tee. Als ich fertig war, ging ich auf Deck und sah mich nach meinem Gönner um. Ein Junge wies mich in die Kajüte. Bescheiden klopfte ich an, trat ein und bedankte mich. Der Captain lächelte mich lieb an und fragte, ob es mir geschmeckt habe. Zwei Worte hin und her, dann griff ich zur Klinke, um wieder zu gehen, als mein Blick auf eine Geige fiel, die auf einem Pianino an der Kajütenwand lag. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, auf einmal hatte ich die Geige in der Hand und spielte, der Kapitän saß am Klavier und begleitete mich – und durch das Oberlicht glotzten neugierige Gesichter. Endlich hörte ich auf und legte mit einem verlegenen Lachen die Geige weg. Der Captain stand vor mir, sagte zuerst nichts, dann fragte er plötzlich, ob ich anmustern wolle. Auf meine lachende Antwort, daß ich vom Segeln keine blasse Ahnung habe, sagte er grinsend, daß ich als Kajütsjunge in die Musterrolle käme und nichts zu tun hätte, als mit ihm zu musizieren und seine Stiefel zu putzen. Die Heuer sei Kost und Quartier. In diesem Augenblicke entstand eine Freundschaft, die noch heute besteht.

Eine halbe Stunde später war ich gebadet und rasiert, hatte eine weiße Leinenhose und ein funkelnagelneues Matrosenhemd am Leibe, schüttelte kräftig die Hände meiner neuen Maaten, die in ziemlich allen Sprachen der bewohnten Welt unter den saftigsten Flüchen erklärten, mich nicht wieder zu erkennen; aus dem dreckigen Landschwein sei ein ganz schmucker Seemann geworden.

Wieder drei Stunden später warf der Schleppdampfer die Trosse los, der Bootsmann pfiff alle Mann an Deck, die Leute flogen die Masten hinauf, die Segel wurden gesetzt, der Kurs gestrichen – und wie ein stolzer Schwan zog das Schiff seine Bahn durch die breite Dünung des Stillen Meeres.

Wie ich in Erfahrung brachte, fuhren wir nach Chile, um Salpeter zu nehmen. Captain Hugh van Loo entstammte einer Knickerbockerfamilie Knickerbockerfamilie. – Die Abkömmlinge der alten holländischen Familien, die Neu-Amsterdam (das heutige New York) vor der Ankunft der englischen Kolonisten bewohnten, nennen sich Knickerbocker. Sie geben sich gerne als Aristokraten. und kommandierte sein eigenes Schiff. Die beiden Offiziere waren sein Sohn und sein Neffe, Percy und Harry van Loo, beide gebildete, feine Jungen, die mich von Anfang an kameradschaftlich behandelten.

Da ich nie im Leben faul war und – Gottlob – über eine seltene Anpassung verfüge, hatte ich das Primitive des Seehandwerks bald weg, half überall mit und konnte meinen Rudertörn machen wie alle anderen.

In einer wundervollen Sommernacht nicht weit vom Äquator erzählte ich nach einem großen Konzert meine Lebensgeschichte. Es ist bezeichnend für die Aufnahme, die ich bei diesen prachtvollen Menschen von Anfang an gefunden hatte, daß ihre Freundschaft nicht wärmer werden konnte, selbst seit sie wußten, wer ich bin.

Die Reise ging vonstatten wie alle Reisen zur See. Sonnenschein wechselte mit Bewölkung, Windstille mit steifen Brisen, wo das Schiff nur unter Klüver und Oberbramsegel vorwärts schoß. Es gab gelegentlich ein kleines Wetter, ich aber fühlte förmlich, wie ich mit jedem Tag kräftiger und gesünder wurde.

Mit den Herren vom Achterdeck verband mich aufrichtige Freundschaft, auf der Back aber war ich beliebt, weil ich im Logis oder auf Deck der Freiwache die feinsten Konzerte gab. Ich, eine Ziehharmonika und ein Banjo bildeten ein flottes Orchester.

Ich führte ein Leben gesund, sonnig und froh, daß es mir noch heute das Wasser in die Augen treibt, wenn ich daran denke.

Große Abenteuer gab es nicht und fast möchte ich glauben, daß die Abenteuer, von denen man in schön gebundenen Büchern mit aufregenden Illustrationen liest, stark am Schreibtisch erlebt wurden. Möglich aber, daß mir meine Erlebnisse gar nicht so abenteuerlich vorkommen wie vielleicht dem Leser, weil ich eben aktiv war und beim Niederschreiben und Erinnern wieder aktiv die Situation genieße.

Diese Idylle auf hoher See wurde nur durch ein Ereignis unterbrochen. Unter dem 90. Grad westlicher Länge und dem 8. Grad nördlicher Breite erwischte uns ein böser Wirbelsturm, der in der Takelage arge Verwüstungen anrichtete. Nach dem Abflauen des Tornado erwies es sich, daß die notwendigen Reparaturen, das Einsetzen von Stengen und Rahen und der Ersatz eines ordentlichen Stückes der Schanzverkleidung, wegen der noch immer schweren See während der Fahrt nicht gut durchführbar seien. Kapitän van Loo ließ das Ruder drei Strich westlich setzen und hielt Kurs auf die Galapagos.

Am Morgen des zweiten Tages nach der Kursänderung sichteten wir die nördlichste Insel dieser Gruppe, Culpepper Island, die von der eigentlichen geschlossenen Gruppe etwa dreißig Meilen entfernt liegt.

Wir kreuzten auf, warfen eine Kabellänge vom Strand Anker, das Schiff schwojte Schwojen – sich in die Richtung von Wind oder Meeresströmung legen. in die Strömung, ein Boot wurde niedergelassen, Kapitän van Loo, Harry und ich fuhren an Land.

Zu finden war auf dieser felsigen Insel nicht viel, außer einer scheinbar ergiebigen Quelle, die es uns ermöglichte, unsere Wasserkisten frisch aufzufüllen.

Die Reparaturen waren im Schutz der Insel rasch vollendet und unter frischem Wind nahmen wir südlichen Kurs.

Als wir den Äquator passierten, zeigte es sich zum Leidwesen der ganzen Mannschaft, daß keiner an Bord war, der die Linientaufe empfangen mußte. Als Entschädigung gab es aber ein Festkonzert und einen fabelhaften Ball mit obligater doppelter Rumration.

In Valparaiso lagen wir zwei Wochen. Die Zeit, die geladen wurde, benutzte ich, um mit Percy und Harry kleine Ausflüge nach Santiago und Quillofa ins Cumbretal zu machen und die Stadt auf ihre Schönheiten zu durchstöbern. Große Abenteuer erlebten wir keine, wenn man nicht etwa einen kleinen Boxkampf, den Percy wegen einer dunkeläugigen Dolores oder Mercedes mit einem jungen englischen Kapitän nach allen Regeln des Code ausfocht, als Abenteuer werten will.

Auf der Heimfahrt hatten wir mehrfach mit Windstille zu kämpfen, und wenn auf anderen Seglern diese Zeit eine Periode trostlosester Langeweile bedeutet, wir musizierten, erzählten Geschichten und waren lustig und guter Dinge.

Wann immer ich davon sprach, in Portland Portland – Hafen im Staate Oregon am Pazifik. von Bord zu gehen, begegnete ich erbittertem Widerstand, Captain van Loo setzte mir seinen Plan auseinander, neue Fracht nach einem Südhafen zu suchen und von dort dann wieder mit Stückgut oder unter Ballast um das Kap Horn herum nach New York zurückzugehen. Da diese Stadt ja ohnehin das Alpha und Omega meiner Wanderungen sei, könnte ich noch lange mit ihnen zusammen frohe Fahrt machen.

Ich muß gestehen, daß dieser Vorschlag viel Verlockendes für mich hatte, aber anderseits zog es mich wieder zu einem freien, ungebundenen Leben, wo ich Herr war über mich selbst und mich nicht in die immerhin straffe Disziplin an Bord eines Schiffes zu fügen brauchte.

Der letzte Abend in Portland. Der Kapitän wendete alle Kniffe auf, mir Geld aufzudrängen, denn rechtlich hatte ich nach der Heuer nur Anspruch auf Kost und Quartier, war also faktisch ohne einen Cent Geld. Immer wieder versuchten alle drei van Loos, mich zurückzuhalten, als sie aber die Vergeblichkeit ihrer vereinten Bemühungen endlich einsahen, fütterten sie mich noch bei der Henkersmahlzeit auf drei Wochen im voraus. Alles, was ich annahm, waren ein Paar Schuhe und einige Dollar. Kämpfend zwischen Lachen und der Rührung des Abschieds stand die ganze Besatzung an der Reeling, als ich, wieder angetan mit einer weißen Hose, einem alten Jackett von Percy und einem Strohhut, zu dem sich als Besitzer niemand an Bord bekennen wollte, ins Boot sprang, das mich an Land brachte. Ein letztes: »Auf Wiedersehen in New York« – und meine Seemannsepisode war abgeschlossen.

Am selben Abend bereits »jumpte« ich den Zug der Northern Pacific nach dem Osten. Zu meiner Freude konnte ich konstatieren, daß mich die Übungen in der Takelage nur noch gelenkiger gemacht hatten.

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